

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Feb 22, 2026 • 4min
Reise durch ein Land im Wandel mit der USA-Expertin Rieke Havertz
Das Fragezeichen im Titel des Buches „Goodbye, Amerika?“ ist für die Journalistin Rieke Havertz entscheidend. Die Frage, ob sie selbst und wir Deutsche uns von Amerika verabschieden müssen, erweist sich als ebenso grundsätzlich wie schwierig.
In einer Mischung aus persönlichen Erinnerungen und journalistischer Recherche vergleicht die Autorin ihre erste Amerika-Erfahrung als Austauschstudentin in Ohio im Jahr 2003 mit der heutigen Situation in den USA.
Wie privilegiert sie damals als Stipendiatin im idyllischen, linksliberalen Universitätsstädtchen Athens in einer Studenten-WG lebte, ist ihr heute sehr bewusst. Sie brauchte keinen Nebenjob, um 20.000 Dollar Studiengebühr zu zahlen und startete nicht mit Schulden ins Berufsleben.
Fast neunzig Prozent der Einwohner in Athens sind Weiße. Rassismus und Armut waren keine Alltagserfahrung für die deutsche Studentin. Amerika schien lässig, tolerant, freundlich und großzügig. „Ich lebe das Klischee, von dem ich angelockt wurde“, stellt Havertz im Rückblick kritisch fest.
Veränderungen und Selbsttäuschungen beim USA-Bild
Als spätere USA-Korrespondentin berichtet sie über Wahlkämpfe und spricht mit Menschen, die für einen Auftritt von Donald Trump sonntagsvormittags in einer Warteschlange anstehen, als käme der Messias. Nach Trumps erstem Wahlsieg 2016 bemerkt Havertz bei ihren Recherchen eine Veränderung.
Es ist vielleicht der erste Moment, an dem die Offenheit mir gegenüber kippt. Es gibt auch 2016 bereits Ladenbesitzer, die nicht mit mir sprechen wollen. Es gibt das Diner, in dem ich mich an den Tresen setze und hoffe, mit jemandem ins Gespräch zu kommen und ungewöhnlich lange allein dort ausharre.
Quelle: Rieke Havertz – Goodbye, America?
Aber was sind tatsächliche Veränderungen und wo muss man sich Selbsttäuschungen im eigenen Amerika-Bild eingestehen? Dass die Autorin herausfinden möchte, was sie selbst vielleicht allzu bereitwillig lange übersehen hat, macht das Buch so spannend, denn dies regt auch die Leser zu eigenen Reflexionen an.
Amerikanische Geschichte auf dem Prüfstand
Die 1980 geborene Journalistin ist wie viele Deutsche geprägt vom Einfluss amerikanischer Populärkultur. Kinofilme, Fernsehserien und Musik sind Teile einer mächtigen US-Unterhaltungsindustrie, die unser Bild vom „land of the free“, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, bestimmten. Doch dieses Land hat es so nie gegeben, wie Havertz klarstellt.
Das eigene Schicksal selbst in die Hand nehmen zu können, darauf basiert der amerikanische Traum immer noch, obwohl er nur für die wenigsten konkret lebbar ist und selbst unter den founding fathers in Bezug auf das Wahlrecht nur den wenigen Privilegierten gewährt wurde. Konkret: wohlhabenden, weißen Männern, die Land besaßen. Manche Bundesstaaten führten außerdem noch religiöse Tests ein, um sicherzustellen, dass nur christliche Männer wählen würden.
Quelle: Rieke Havertz – Goodbye, America?
Havertz führt viele solcher Beispiele an, die unser idealisiertes Amerikabild in Frage stellen. Sie zeigt, dass auch der charismatische Barack Obama längst nicht alle Hoffnungen erfüllte.
Obwohl die Autorin Amerika als ihre zweite Heimat empfindet, weiß sie um dessen Defizite: Kein Land hat so viele Waffen im Umlauf wie die USA, wo sich inzwischen ein Neopatriarchat mit frauenfeindlichen Slogans entwickelt.
Abschied von alten Gewissheiten
Die Vorgabe von der Familie als Herzstück des amerikanischen Lebens hat eine heteronormative Komponente, die vielen Minderheiten das Existenzrecht abspricht. In Amerika lebt man auf Kredit und sieht Armut immer noch als selbstverschuldetes Schicksal an. Ambivalenzen, die auch bei der Autorin Zweifel hinterlassen.
Rieke Havertz hat ein leicht lesbares, gründlich recherchiertes Buch über die USA geschrieben, das keine einfachen Antworten auf die Frage „Goodbye, Amerika?“ bereithält.
Ein schneller Abschied für immer mag es vielleicht nicht sein. Ein Abschied von alten Gewissheiten aber schon.

Feb 20, 2026 • 55min
Neue Bücher von Tomer Gardi, Cihan Acar und Oisín McKenna
Kapitalismus auf zwei Rädern bei Tomer Gardi, eine Prognose zu Favoriten für die Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse und ein Gespräch über Fan Fiction

Feb 20, 2026 • 7min
„Fans holen sich, was in den Geschichten fehlte“ – Lucien Haug über die Macht von Fan Fiction
Lust an der Veränderung
Wenn Fans sich literarisch in den Werken berühmter Autor:innen bewegen, dann ist das Fanfiction.
Nicht Daumen hoch oder runter, sondern ein verletzlicher, kreativer Dialog mit Vorlagen wie „Harry Potter“ oder „Stranger Things“ – das ist für Lucien Haug die Stärke dieser Praxis.
Queere Perspektiven und alte Vorbilder
Auf Plattformen im Netz entstehen wilde Konstellationen: Tatort-Kommissare verlieben sich, Hermione Aus Harry Potter trifft Spock, Superhelden retten neue Welten.
Oft geht es um queere Liebe, Feminismus und Gesellschaftskritik – Perspektiven, die in der Literaturgeschichte unterrepräsentiert waren und nun „zurückgeschrieben“ werden.
Fanfiction zwischen Nische und Literaturbetrieb
Für Lucien Haug hat die Nische im Netz einen Vorteil: Fanfiction bleibt autonom, nicht monetarisiert, und macht transparent, auf welche Stoffe sie sich bezieht.
Mit dem Magazin „Danke“ holt er Fanfiction in die gedruckte Form und lädt etablierte wie neue Autorinnen und Autoren ein, diese Technik als kreatives Werkzeug zu nutzen.

Feb 20, 2026 • 6min
Tiefgründig und schelmisch-witzig zugleich – „Liefern“ von Tomer Gardi
Man sieht sie überall, doch kaum jemand schaut wirklich hin: Essenslieferanten schwirren durch die Straßen, auf dem Rücken würfelförmige Thermotaschen, darin eine duftende Tüte oder ein heißer Pizza-Karton.
Der Schriftsteller Tomer Gardi steht in Berlin Kreuzberg und beobachtet, wie alle fünf Minuten ein Lieferant sein Fahrrad vor ihm abstellt, die Hände aus den Lenkerstulpen zieht und aufs Handy schaut.
„Wir stehen hier auf dem Kottbusser Tor. Vor einer Burgerkette kann man ab und zu sehen, ein Lieferant von irgendeiner Firma parkt sein E-Bike und geht in das Restaurant rein, holt die Burger raus und fährt weiter. Es ist kalt heute.“
Unterwegs im globalen Liefernetz
Zuerst fallen Gardi die Essenslieferanten während der Pandemie auf. Da hat er sich gerade in den Kopf gesetzt, einen weltumspannenden Roman zu schreiben. Und wer verkörpert sie besser, als die, die überall auf der Welt Essen ausliefern?
„Die Arbeit eines Essenslieferanten ist einerseits in jeder Stadt gleich, die haben eine App, die kriegen eine Bestellung und da müssen sie hin. …“
Filmon packte das Essen in Boxen, die Boxen in Tüten, und die Tüten mit Bons stellte er auf die Bar für die Riders. Die stürmten herein, jeder mit seinem kubischen Globus auf dem Rücken, packten die Tüten in ihre klobigen Rücksäcke und liefen dann wieder raus in die Stadt.
Quelle: Tomer Gardi – Liefern
„… Andererseits war mir klar, dass die Arbeit total unterschiedlich ist von Ort zu Ort, weil der Verkehr anders ist, weil Topographie der Stadt anders ist, weil es von Ort zu Ort anderes Arbeitsrecht gibt.“
Gardi beginnt zu recherchieren und entdeckt das literarische Potenzial der Lieferanten. Er reist nach Tel Aviv, Delhi, Istanbul und Buenos Aires. Das Schlusskapitel führt ihn nach Naivasha in Kenia. In jeder Stadt hat Gardi circa 15 Lieferanten interviewt.
Geschichten aus der Lieferantentasche
Deren Erzählungen sind fiktionalisiert in seinen neuen Roman „Liefern“ eingeflossen – die Erlebnisse, Herausforderungen und Sorgen der sogenannten Rider, aber auch die Freude an der Arbeit.
„Eigentlich wollte ich in erster Linie Geschichten hören“, erklärt Gardi.
„Ich wollte Menschen, die ich nicht kenne und Biografien, die ich nicht kenne, kennenlernen und dann diese Geschichte weitererzählen, als würde ich selber mit einer Lieferantentasche durch die Welt reisen und Geschichten in meine Lieferantentasche reinstecken und dann weiter an die Leserin und den Leser liefern.“
Da ist Filmon, der aus Eritrea nach Tel Aviv geflüchtet ist. Ohne Arbeitserlaubnis bleibt ihm nur, unter falschem Namen als Lieferant zu arbeiten. Er braucht Geld, um seiner Frau und Tochter nach Berlin folgen zu können.
Die beiden lernen Deutsch bei Nina, die sich in Delhi in den Argentinier Ramon verliebt hat. Hier, in Delhi, bietet sich ein äußerst ungewöhnlicher Anblick: eine Frau liefert das Essen auf einem brüllenden Scooter, dirigiert von einem Kind hinter sich.
Sachin immer leicht lächelnd. Vivaan ganz ernst. Passanten starrten sie an, wenn sie vorbeifuhren. Das Kind veränderte ihren Status von der ledigen Frau zur Mutter. Vivaan wurde ihr Schutz. Keine Catcalls mehr.
Quelle: Tomer Gardi – Liefern
In Berlin laufen die Fäden zusammen
In Buenos Aires liefert der Venezolaner Ciervo das Essen aus. Nur stürzt sein Handy dauernd ab. Glücklicherweise findet er ein anderes – das von Ramon. Die Fäden laufen mehr oder weniger in Berlin zusammen: beim Ich-Erzähler, der mit seiner Glatze hadert.
Eine Figur, augenzwinkernd nah an Gardi selbst, die sich mit einem Preisgeld eine Haartransplantation in Istanbul gönnen will. Dort trifft er auf den Lieferanten Resul, der ihm seine Lebensgeschichte offenbart.
Das ist der Ort, der mich in die Arme schloss, als ich alleine in die Stadt kam, diese Arbeit hat es mir ermöglicht, meine Miete zu bezahlen, da hab ich Leute getroffen, die sich gegenseitig unterstützen.
Quelle: Tomer Gardi – Liefern
„Liefern“ ist ein globaler Erzählreigen. So wie ein Lieferant kreuz und quer durch die Straßen fährt, Ort A mit Ort B verbindet, verwebt Tomer Gardi über die Städte die Figuren miteinander. Die Geschichten erzählen davon, wie es ist, einem System gnadenlos ausgeliefert zu sein.
Abhängig von Bewertungen
Im Zentrum steht dabei weniger ein einzelner Held als eine Struktur: die Plattformökonomie. Die Fahrer sind abhängig von einer App, von Algorithmen, von Ratings.
„Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind, sagte Resul,“ so einer der Lieferanten.
Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der eine Würde hat, einem Menschen, der Fehler macht.
Quelle: Tomer Gardi – Liefern
Und doch lässt sich viel Komik und Schönheit in diesem Roman finden. Das liegt vor allem an der Sprache. Gardi ist bekannt geworden durch sein „Broken German“. In „Liefern“ aber hat er bewusst keine Kunstsprache verwendet und sein Deutsch perfektioniert.
Dabei hat ihm die Übersetzerin Anne Birkenhauer geholfen, die auch das eine auf Hebräisch geschriebene Kapitel übersetzt hat. Dabei kommt immer noch Gardis unnachahmlicher Plauderton durch, verschmitzt und warm. Wobei er für jedes Kapitel einen eigenen Sound gefunden hat.
„Die Straßen haben einen anderen Klang. Wir stehen hier auf dem Kottbusser Tor, das ist ein sehr zentraler und ziemlich verrückter Teil von Berlin. Wir haben nicht einmal ein Hupen gehört. Nicht einmal. Das wäre dir in Istanbul oder in Tel Aviv oder in Delhi nicht passiert.“
Ein Gegenwartsroman im besten Sinne
„Liefern“ erzählt von Arbeit und Ausbeutung, aber auch von Liebe und der großen Sehnsucht nach Verbundenheit, kurzum: vom Menschsein im 21. Jahrhundert. Und endet nicht bei einem Lieferanten, sondern in einem anderen prekären Arbeitsfeld: auf einer Rosenfarm in Kenia.
„Zugleich war es mir wichtig, keinen Roman zu schreiben, der nur erzählt, wie schrecklich die Welt ist und ungerecht, weil es nicht stimmt, was die Menschen ständig nur erleben, weil die erleben auch Freude und Schönheit. Das habe ich bei jedem gesehen, den ich interviewt habe und das wollte ich rüberbringen.“
Und das ist Tomer Gardi gelungen. „Liefern“ ist tiefgründig und schelmisch-witzig zugleich. Er spielt mit dem Genre Autofiktion, mit der Leseerwartung und der erzählten Zeit. Ein Gegenwartsroman, im besten Sinne: politisch, aber nicht platt; global, aber nah an einzelnen Schicksalen.
Und wenn man nach der Lektüre mal wieder den Lieferservice ruft, dann sieht man sie anders, die Rider mit ihren klobigen Taschen: nämlich als Menschen, mit Geschichten, die wir alle mit bestellen.

Feb 20, 2026 • 7min
„Hitzetage“ von Oisín McKenna: Ein gelungenes, ambitioniertes Debüt
Ein Wochenende im Juni, vier Freunde aus Kindertagen, ein heißes London – mehr braucht Oisín McKenna nicht, um in „Hitzetage” ein vielschichtiges Porträt einer Generation zu zeichnen, die zwischen prekären Jobs, queerer Identität und dem Ende ihrer Großstadtträume laviert.
Zwischen Rausch und Verantwortung
Maggie ist dreißig, schwanger von ihrem Freund Ed und muss sich eingestehen, dass ihr Traum von einem Leben als Künstlerin keine Zukunft hat. Sie jobbt als Kellnerin und liebt das queere Londoner Nachtleben.
Eine Familienwohnung im hippen Hackney kann weder sie noch ihr Freund Ed, der als Fahrradkurier arbeitet, finanzieren. Sie überlegen, zurück in die Kleinstadt zu ziehen, die sie einst voller Zukunftshoffnungen verlassen hatten. Ed trifft sich mit seinem Freund Callum, um die Lage zu besprechen.
„Als Callum die Neuigkeit erfuhr, tröstete er Ed auf die einzige Art, die er kannte:
Unter dem Tisch schob er ihm einen Trip zu. Ed wollte nicht high werden; er war entkräftet von der Neuigkeit der Schwangerschaft und von der Tatsache, dass sein Freund Liebe nur durch das Teilen von Drogen zeigen konnte; doch als er sah, dass Callum trotz allem versuchte, Liebe zu zeigen, und weil er mit dreißig Jahren immer noch begierig darauf war, als einer der coolen Jungs zu gelten, fügte er sich schließlich, denn im Grunde seines Herzens wollte er es immer allen recht machen.
Ed legte den Trip unter seine Zunge, und zwanzig Minuten später wurden die Wände des Pubs rosa und fleischig…"
Auf der Suche nach Erfahrungen im vibrierenden London
Callum, der seinen Lohn mit kleinen Drogendeals aufbessert, fühlt sich überfordert von der Nachricht, dass seine Mutter eine Krebsdiagnose erhalten hat. Callums Bruder Phil, schwul und ebenfalls aus der Provinz nach London geflüchtet, sehnt sich inmitten lauter Partys und schriller Clubs nach einer verlässlichen Beziehung mit seinem Mitbewohner Keith.
Hungrig nach Erfahrungen und neuen Möglichkeiten sind sie alle und das vibrierende, glitzernde London steht wie eine Chiffre für das, was in diesem heißen Sommer endlich kommen soll: Das wahre Leben, das sich wie ein buntes Füllhorn über die schnöde Realität ergießt.
Oisín McKenna wechselt zwischen inneren Monologen, knappen Social-Media-Posts und witzigen Dialogen und schafft so ein dichtes, multiperspektivisches Porträt einer Generation. Die gemeinsame Vorstadt-Herkunft verbindet die vier jungen Protagonist*innen – und wird zugleich zur Folie, vor der ihre Prekarität in London umso schärfer hervortritt.
McKenna erzählt das mit viel Empathie für das Scheitern seiner Figuren. Maggie weiß nicht, ob sie ihr geliebtes Londoner Partyleben wirklich tauschen will gegen eine öde Existenz als biedere Vorstadt-Mutter.
Ihr Partner Ed, ebenfalls noch unentschieden, teilt ein Geheimnis mit Maggies Kindheitsfreund Phil, das seine Beziehung zu Maggie gefährden könnte.
Herkunft, Klasse und das Erbe der Eltern
Die Erzählperspektive wechselt in diesem Roman ebenso abrupt wie Ort und Zeit, was die Orientierung beim Lesen manchmal erschwert, zumal es auch noch um die Eltern der Hauptfiguren geht, die in der Kleinstadt zurückgeblieben sind.
Dies ermöglicht ihm, die prekären Lebensverhältnisse der gebildeten jungen Großstädter mit den starren Routinen der Älteren aus der Arbeiterschicht zu kontrastieren.
Eindrücklich ist in der Elterngeneration Callums und Phils Mutter Rosaleen, deren mutigen Weg aus dem bettelarmen, katholischen Dublin der 1970er Jahre der Autor einfühlsam nachzeichnet. Irgendwann hatte Rosaleen nach ihrer Emigration nach England beschlossen, ihre irische Herkunft nicht mehr so wichtig zu nehmen. Und dennoch…
„…ein Mann aus Hastings…vertrat die Theorie, die Iren würden deshalb als träge und einfältig angesehen, weil sie zu viele Kartoffeln äßen, die Kartoffeln hätten ihr Gehirn verrotten lassen. Als sie andeutete, dies sei ein koloniales Stereotyp, wurde er wütend. …Wenn man mit Menschen auskommen wollte, die glaubten, das Land, aus dem man stammt, habe keine eigene Geschichte, musste man die eigene Geschichte vergessen."
Um in England heimisch zu werden, hat Rosaleen sich also selbst verleugnet. An diesem Beispiel wird klar, wie viele Themen der Autor in seinem Roman anreißt: Es geht um queeres Leben in prekären Verhältnissen, Identitätsfindung, sexuelle Orientierung, Klassismus, Kommunikation zwischen den Generationen und die Endlichkeit des Lebens.
Verheißung und Enttäuschung
Die Großstadt London könnte man als weiteren Protagonisten bezeichnen, der ins Leben aller Figuren hineinwirkt. Wetter, Parks, Pubs, Clubs und Stadtviertel werden so prägnant beschrieben, dass man die Stadt förmlich riechen und schmecken kann.
Doch London hat den Dreißigjährigen, die seit zehn Jahren hier ums Überleben kämpfen, viel versprochen und kann längst nicht alles halten.
Phil lebt mit elf Mitbewohnern in einer alten Lagerhalle, mit deren Räumung er jederzeit rechnen muss. Die Wohnung von Maggie und Ed ist billig, weil sie schimmelig ist und verursacht Ed Asthmaanfälle. London bleibt seinen Bewohnern eine Zukunftsperspektive schuldig. Maggies Freundin Ali bringt dieses spezielle Lebensgefühl auf den Punkt.
„Ich hab' das Gefühl, in London zu leben, ist, als wäre man ständig kurz vor dem Orgasmus, könnte aber nie kommen. Es ist nicht so, als wäre man nicht geil. Aber irgendetwas tief drinnen in deinem Körper lässt es nicht zu, wie sehr du es auch versuchst. Und du, Babe, tust genau das Richtige. Du wartest nicht länger darauf, dass die Stadt dich verwandelt. Du haust ab, solange du noch kannst. Du verwandelst dich selbst."
Ein starker Stadtautor
Oisín McKenna passt die Sprachebenen der Dialoge seinen unterschiedlichen Protagonisten stimmig an und treibt die Handlung durch knappe Textnachrichten voran. Auch hier ist er stilistisch überzeugend.
Allerdings verliert sich McKenna in Phils Beziehungskrisen und ausführlichen Schilderungen der Londoner Schwulenszene. Dazu kommen lange Passagen über Phils aktuellen Beziehungsstatus und seine Mobbingerfahrungen als Vorstadt-Jugendlicher.
Aber schneller, oft anonymer Sex in der schwulen Subkultur und Mobbingerfahrungen – das sind keine neuen Themen, und die melodramatisch aufgeladenen Dramen um Phil bremsen den Rhythmus des Romans.
Doch trotz gelegentlicher Längen ist „Hitzetage“ ein gelungenes, ambitioniertes Debüt mit starken Momenten. McKenna hat einen guten Blick für Klassenverhältnisse und Milieus, aus ihm könnte ein starker Stadtautor werden.

Feb 20, 2026 • 6min
Quälende Ungewissheit: „Casino“ von Cihan Acar
Cumali Karagöz hat es geschafft. Eine ausladende Luxusvilla mit Pool, eigenem Heimkino, vier Gästezimmern und einer Sportwagen-Sammlung nennt er sein Eigen. Sein „ComePlay“–Imperium umfasst 30 Spielotheken, Tendenz steigend.
Die Krönung seiner unternehmerischen Existenz aber soll ein wahrer Glücksspiel-Tempel werden: ein gigantisches Casino, das von allen Seiten sichtbar der Stadt Steinheim seinen Stempel aufdrückt. Denn trotz Karriere und Bilderbuchfamilie – Cuma ist alles andere als beliebt.
Die bürgerliche Gesellschaft von Steinheim meidet ihn, die Nachbarn fühlen sich von ihm gestört und seit Jahren stalkt ihn ein Mann, der sich immer wieder mit einem Anti-Karagöz-Plakat vor ihm aufbaut:
„Der Mann kann stundenlang fast durchgehend in dieser Position verharren, das hat er oft genug bewiesen. Sein Gesicht ist dabei nie wütend oder verbissen, sondern völlig neutral. Er reagiert nicht auf Provokationen und scheint besonderen Wert darauf zu legen, Cuma wie Luft zu behandeln.
Der ignoriert ihn inzwischen in aller Regel auch."
Wahrheit oder Lüge?
Für seinen zweiten Roman hat Autor Cihan Acar die heißen Straßenpflaster Heilbronns verlassen und ist in eine fiktive Provinzstadt namens Steinheim gezogen, wobei der Neckar dann doch noch irgendwann durchs Bild fließt.
Und so ist es diesmal weniger die Milieustudie, die Acar interessiert, als vielmehr eine Versuchsanordnung, ein Gedankenspiel. Er erzählt:
„Ich fand das spannend, eine Figur zu erzählen, bei der man nie so richtig weiß, was stimmt, welche Information über die Figur stimmt.
Es gibt da die Möglichkeit, dass man ihm glaubt, dass man seinem Selbstbild, das er von sich darstellt, glaubt und dann eben der These folgt, dass es einfach ein erfolgreicher Geschäftsmann ist, der sich nichts zu Schulden hat kommen lassen.
Oder eben dass man den Gerüchten, die sich jahrelang auch schon vor der Geschichte über ihn halten, dann eher folgt. Und die Gerüchte besagen eben, dass er schon viel Dreck am Stecken hat, dass er schlimme Dinge getan hat in der Vergangenheit. Und mit diesen zwei Widersprüchen wollte ich spielen im Laufe des Romans.“
Ungeklärte Schuldfrage
Erst knapp auf der Hälfte des Romans erfährt man, worum es bei der Geschichte eigentlich geht. Als junger Mann wird er beschuldigt, seinen Abteilungsleiter und dessen Ehefrau aus Rache getötet zu haben.
Nach anderthalb Jahren Untersuchungshaft und einem langwierigen Prozess: Freispruch aus Mangel an Beweisen.
Am Tag seiner Freilassung schwört Cuma, es der Stadt zu zeigen. „Sie wollten den Bösewicht und den asozialen Türken, sie sollen ihn bekommen“, sagt er zu seiner Frau Hannah und die beschließt, seine Version der Wahrheit zu glauben. Auch die Kinder, Tochter Zaha und Sohn Ediz, werden mit Cumas Wahrheit groß.
Doch die nie geklärte Schuldfrage lässt sich nicht abschütteln.
„Und eine ganz große Frage ist natürlich, inwiefern man als Familienmitglieder auch unter diesem Schatten stehen muss, unter dem der Vater steht", verrät Acar.
„Da hatte ich es dann so konstruiert, dass der Vater sich äußerlich stark gibt und diese Gerüchte, die es um ihn gibt, und diese Vorwürfe nicht an sich heranlässt. Zumindest äußerlich. Und inwiefern man unter seinem Ruf mitzuleiden hat, das sind so Probleme und Fragen, denen sich seine Ehefrau, seine Tochter und sein Sohn immer wieder stellen müssen.“
Wenn die Ungewissheit zur Bedrohung wird
Ein wenig holzschnittartig, aber durchaus glaubwürdig zeichnet Cihan Acar seine Hauptfigur, der sich nach dem Prozess vom überangepassten Integrationsmusterschüler zum rücksichtslosen Oberboss wandelt. Cuma bleibt auf Distanz.
Man soll sich wohl selbst einen Reim auf diesen ambivalenten Typen machen, der behauptet kein Mafia-Pate zu sein, sich aber gelegentlich genauso verhält. Und der sich bezeichnenderweise vor Eulen fürchtet. Mit der allmählichen Fertigstellung des Casinos kündigen sich für die ganze Familie Veränderungen an.
Und es zeigt sich: das Vertrauen in Cumas Unschuld ist eine Illusion. Sohn Ediz leidet seit Jahren unter Panikattacken, die kluge und ehrgeizige Tochter Zaha kommt ins Straucheln, als sie nach Einser-Abi und sozialem Jahr keinen Jura-Studienplatz in Berlin bekommt.
Und mit der Perspektive bald ohne Kinder daheim zu sitzen, gerät auch Ehefrau Hannah aus dem Gleichgewicht, die bislang alle Anfeindungen stoisch ertragen hat. Autor Cihan Acar gelingt es immer wieder, Zweifel an der Unschuld Cumas zu säen.
Wie ein böses Geschwür zersetzt die nagende Ungewissheit den Glauben an Cumas Aufrichtigkeit und macht der Familie zu schaffen. Bei diesen Figuren ist Cihan Acar deutlich näher dran, legt ihre Befindlichkeiten bloß:
„Während Ediz über den Schulhof geht, malt er sich aus, wie es ablaufen wird: Schon beim Öffnen der Tür zum Klassenraum wird er Angst vor dem Schwitzen haben, diese Angst wird ihn nur umso mehr schwitzen lassen, und innerhalb weniger Minuten wird ihn der Strudel aus Angst und Schweiß mit sich reißen und die Prüfung zur Nebensache werden lassen."
Ein unauflösbares Dilemma
Knapp und schnörkellos ist Cihan Acars Prosa – wie in seinem ersten Roman. Doch anders als in „Hawaii“ stolpert man hier nicht atemlos durch die bunte Gesellschaft eines Problemstadtviertels. Es geht sehr viel gesetzter, ernster zu, weshalb Acar auch eher sparsam mit Humor umgeht.
Dafür setzt er immer mal wieder feine ironische Spitzen. Wenn zum Beispiel bei den feinen Nachbarn „farbige Schilder vor spielenden Kindern warnen, die man nie spielen sieht.“
Wie ein Running-Gag geistert der Name Tyson durch die Geschichte, bis die Boxlegende Mike Tyson am Ende tatsächlich zur Eröffnung des Casinos einfliegt, in dem es sogar eine Sozialstation für Spielsüchtige gibt.
Acar löst sein Experiment nicht auf: Es gibt kein Entrinnen aus dem Vexierspiel von Wahrheit und Lüge, kein Entrinnen aus dem sozialen Abseits. Jedenfalls nicht für den Vater. Unscheinbar kommt dieser kleine Roman daher, seine ganze Wucht entfaltet er erst im Nachgang.

Feb 19, 2026 • 8min
„Ich liege meistens falsch“ – Wunsch-Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse
Leipzig versus Deutscher Buchpreis
Der Preis der Leipziger Buchmesse versteht sich als literarisches Labor, in dem eine Fachjury aus Kritikerinnen und Kritikern überraschende Entdeckungen ermöglicht – bis hinein in die Lyrik.
Der Deutsche Buchpreis dagegen setzt auf eine gemischte Jury mit Bloggerinnen und Buchhändlerinnen und ist für den Buchverkauf deutlich wichtiger als für riskante literarische Experimente.
Ein klarer Favorit
Literaturkritiker Carsten Otte wünscht sich, dass Norbert Gstreins Roman „Im ersten Licht“ es auf die Shortlist schafft. Ein Buch, über das jetzt schon viel gesprochen wird. Es geht um einen Mann mit einem kaputten Bein, der am Rande der Weltkriege „durch das Jahrhundert hinkt“ – für Carsten Otte ein Muss auf der Liste.
„Ich liege meistens falsch“ – und tippe doch
Beeindruckt zeigt sich Carsten Otte auch von Yade Yasemin Önders „Anti Müller“. Eine Schriftstellerin arbeitet gerade an ihrem zweiten Roman und will unbedingt schwanger werden. Die Autorin ist formal stark, findet für die Obsession ihrer Protagonistin eine rasante, radikale Sprache.
Zwei formal spannende Favoriten
Auch das neue Buch von Yevgeniy Breyger „hallo niemand“ gehört auf die Leipziger Liste, findet Carsten Otte. Darin geht es im Audi durch Deutschland und Österreich und dieser Roadtrip in Versen ist gleichzeitig lustig und ernst, aber auch formal überzeugend.
Dana von Suffrins „Toxibaby“ hat ebenfalls einen Platz verdient. Es ist für Carsten Otte das unterhaltsamste Buch, obwohl es darin um das schon oft behandelte Thema „toxische Beziehungen“ geht.
Ein Roman aus dem Herbst gehört ins Rampenlicht
Beim Deutschen Buchpreis wurde Anja Kampmanns „Die Wut ist ein heller Stern“ nicht gewürdigt. Das kann in Leipzig nachgeholt werden, so Carsten Otte.
Es geht um eine Tänzerin auf der Reeperbahn und den Aufstieg der Nazis. Sprachlich ein Seiltanz, „Wer dieses Buch nicht nominiert, der muss gute Argumente haben“, findet Carsten Otte.

Feb 18, 2026 • 4min
Gegen den Judenhass. Der Rapper Ben Salomo kämpft gegen Antisemitismus an deutschen Schulen
Seit 2019 hat der Berliner Rapper Ben Salomo über 500 Schulen in ganz Deutschland besucht, um über Antisemitismus zu sprechen. Dabei traf der gebürtige Israeli, der als Kind nach Deutschland kam, auf überraschend viel Unkenntnis:
„Wenn ich an die Schulen komme, und sage: Weiß denn jemand von euch, wie viele Jüdinnen und Juden ermordet wurden, von den Nazis, dann passiert es oft, dass da Leute herumraten. Es ist vielleicht bei einem Drittel der Schulen, wo die Leute wissen, dass es sechs Millionen sind.“
Offene Judenfeindlichkeit an deutschen Schulen
Weil er auf seine Frage nach der Opferzahl einmal die frech grinsende Antwort: „Ich biete sechs Millionen!“ erhielt, hat Ben Salomo seinem Buch den Titel „Sechs Millionen – wer bietet mehr?“ gegeben – und die Unterzeile „Judenhass an deutschen Schulen“.
Denn der Rapper erfährt auch reichlich Ablehnung. Vor allem, wie er schreibt, von „mehrheitlich muslimischen Schülern mit Migrationshintergrund“ und „biografiedeutschen linken Schülern, die sich manchmal schon äußerlich, mit der Kufiya, dem ‚Palästinenser-Tuch', als Verbündete von Palästinenser-Positionen zu erkennen geben“.
So feindlich ist die Stimmung, dass ein Moderator, der Ben Salomo regelmäßig in die Schulen begleitet, ans Aufhören denkt. Ben Salomo kann das verstehen:
„Der Kampf gegen Antisemitismus ist manchmal sehr belastend. Ich bin ein ziemlich resilienter Mensch, aber ich würde lügen, wenn ich nicht sage, dass auch mich das hie oder da, besonders nach dem 7. Oktober, stark mitgenommen hat.
Vor allem, weil ich mir vor Augen halte: Diese Menschen sind hier, die werden erwachsen, die werden hier Politik beeinflussen können in Zukunft, die öffentliche Meinung prägen.“
Deutsche Obsession mit Israel
In Deutschland habe die Israelkritik nicht nur an Schulen oft obsessive Züge, findet Ben Salomo. Er hat eine Vermutung, weshalb das so ist.
„Einer der Hauptgründe, warum wir gerade in Deutschland diese große Zahl an leidenschaftlichen Israelkritikern haben, hat damit zu tun, dass es die individuelle Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der eigenen Familie nie als Massenbewegung gegeben hat.
Und auf Basis dieser nicht ausreichenden Aufarbeitung gibt es dann diesen Umweg, der sagt: Na ja, aber wenn ich jetzt Israel sehe, das, was Israel mit den Palästinensern macht. Das ist ja das gleiche, was die Nazis mit den Juden gemacht haben. Dann ist das eine Entlastung.“
Nötige Überarbeitung der Lehrpläne
Ben Salomo fordert jedoch nicht nur, dass Schüler sich intensiver mit der Geschichte des europäischen Antijudaismus auseinandersetzen. Auch der historische Einfluss der NS-Ideologie auf den arabischen Raum müsse im Lehrplan vorkommen: die enge Kollaboration von Mohammed Amin al-Husseini, dem Großmufti von Jerusalem, mit dem NS-Regime.
„In Deutschland wissen nur ganz wenige Menschen, dass der Mufti von Jerusalem auf Arabisch Nazipropaganda in die ganze Welt ausgestrahlt hat. Dieser Radiosender, das war das TikTok seiner Zeit, das Al-Dschasira seiner Zeit.“
Al-Husseini war der politische Ziehvater des „Palästinenserführers“ Jassir Arafat, dessen Anhänger sich mit der Kufiya schmücken. Bis heute berufen sich Hamas- und andere Terroristen im Nahen Osten auf den Nationalsozialismus. Sie lesen „Mein Kampf“, zeigen den Hitlergruß und tragen Hakenkreuz-Tattoos.
Die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland
Wenn es auch in Zukunft jüdisches Leben in Deutschland geben soll, dann ist es höchste Zeit, Antisemitismus entschiedener zu bekämpfen. Ben Salomo, der ein imponierend klares und geradliniges Buch geschrieben hat, sagt dazu:
„Ich bin Betroffener, seit meinem ganzen Leben. Der Antisemitismus jagt meine Familie seit Jahrhunderten. Ich bin ein Überlebender, in der Linie meiner Familie. Jetzt bin ich wieder in einer Generation, wo der Antisemitismus wieder so hoch ist wie zu Zeiten meiner Großeltern. So fühlt sich das an. Das ist der reine Existenzkampf.“

Feb 17, 2026 • 4min
Der Tod des Beamten
Robert Menasse hat als Schriftsteller eine echte Marktlücke entdeckt: die Pro-EU Prosa. In mehreren Essays und zwei umfangreichen, mit Preisen ausgezeichneten Romanen hat er den Bürokratiekoloss mit literarischem Herzblut zu erwärmen versucht.
Auch Franz Fiala, die Hauptfigur seiner Novelle „Die Lebensentscheidung“, ist Beamter in Brüssel. Er hat in einer Unterebene der Generaldirektion Umwelt am Green Deal mitgearbeitet und war nicht zuletzt an der Ausformulierung der Honigrichtlinie beteiligt.
Werte zu verbindlichen Normen machen – das ist die Devise, die bei den Bürgern aber zunehmend auf Ablehnung stößt: EU ist für viele gleichbedeutend geworden mit Verbotspolitik, Überregulierung und bürokratischer Dysfunktionalität.
Frust in Brüssel
Fiala setzen sie zu, die Nationalisten, Populisten und Wutbürger, die Traktorendemonstrationen oder diese ständigen Sticheleien sogar auf Familienfeiern:
„Franz schenkte nach – und musste sich zurückhalten, die Flasche zu schütteln und dem Onkel den Champagner ins Gesicht zu spritzen, in dieses blöde, vor vertrottelter Heiterkeit glänzende, selbstverliebte Gesicht. Fritz sagte nämlich: Na, Herr Eurokrat, erzähl! Was heckt ihr gerade wieder aus in Brüssel?“
Fiala hält den Gegenwind nicht mehr aus – und gibt damit wohl auch die politische Enttäuschung des EU-Enthusiasten Robert Menasse zu erkennen. Frustriert trifft der Beamte eine „Lebensentscheidung“: Vorruhestand mit Ende Fünfzig.
Er möchte reisen, lesen, vielleicht endlich seine Freundin Nathalie heiraten. Und sich mehr um seine alte, an Alzheimer erkrankte Mutter kümmern, die in Wien noch in der Wohnung lebt, in der er aufgewachsen ist.
Eine symbiotische Beziehung
Ihre Verbindung ist immer eng, fast symbiotisch gewesen, auch wenn ihm das oft ein bisschen peinlich war. Sein Vater starb früh; die Mutter hat ihre Bildungsambitionen auf Franz übertragen.
Von Mutterliebe getragen, vom Mutterehrgeiz angeschoben, hat er Jura studiert und Karriere in Brüssel gemacht. Franz ist ihr ganzer Stolz; in ihrer Verwirrtheit glaubt sie manchmal sogar, dass er der persönliche Berater der EU-Präsidentin sei.
Das Schicksal aber macht einen Strich durch die schönen Ruhestandspläne. Fiala erkrankt an Bauchspeicheldrüsenkrebs; ihm bleibt nicht mehr viel Zeit. Und an diesem Punkt wird die Novelle sehr existentiell und anrührend.
Versteckspiel ohne Erfolg
Sohn und Mutter Fiala versuchen fortan angestrengt, ihre Hinfälligkeit voreinander zu verbergen, ohne den anderen wirklich täuschen zu können. So auch in dieser Szene:
„Er beobachtete seine Mutter, bewunderte ihre Anstrengung, selbstbewusst, geradezu herrisch zu wirken, während sie so elendiglich in ihrem Fauteuil saß. Sie beobachtete ihren Sohn, sah mit Sorge, wie er schwer atmete, so dass er manchmal geradezu leise stöhnte.“
Du bist krank, sagte sie. Was hast du? Nichts. Es geht mir gut.
Quelle: Robert Menasse – Die Lebensentscheidung
Noch erleben zu müssen, wie er, der einzige Sohn, vor ihr stirbt – das kann Franz seiner Mutter nicht zumuten. Es gilt durchzuhalten, wenigstens ein paar Tage länger als die Mutter.
Vorbild Franz Werfel
Dieses Grundmotiv hat Menasse aus Franz Werfels Novelle „Der Tod des Kleinbürgers“ übernommen. Dort heißt der schwer kranke Held ebenfalls Fiala: ein kleiner Beamter, der für seine Familie eine Lebensversicherung abgeschlossen hat, die aber nur ausgezahlt wird, wenn er das fünfundsechzigste Lebensjahr erreicht.
Von den ersten Schmerzattacken über die siebenstündige Operation und die nachfolgenden Komplikationen bis zum finalen Zusammenbruch schildert Robert Menasse Fialas Krankheit zum Tode mit beklemmenden Details, in einer Sprache, die nicht nur berichtet, sondern Verstörung, Panik und die kleinen Schübe der Hoffnung auch formal abbildet.
Falls eine EU-Norm für unter die Haut gehende Prosa in Planung sein sollte – bei dieser Novelle könnte sie Maß nehmen.

Feb 16, 2026 • 4min
Vertraglich verbriefte 60-Stunden-Woche
Hu Anyan hatte 19 verschiedene Jobs. Er war Kurierfahrer, Warensortierer, Eisverkäufer und Tankwart. Er arbeitete im Copyshop, in Imbissbuden, bei der Security und hatte auch mal selbst einen Laden für Damenbekleidung. In verschiedenen chinesischen Städten und innerhalb von nur zwei Jahrzehnten.
Darüber hat er ein Buch geschrieben: „Ich fahr Pakete aus in Peking“ heißt es sehr sachlich, und genau so ist es auch verfasst: als die Chronik eines Arbeiterlebens, das vor allem darin besteht, von der ersten bis zur letzten Seite tonnenweise Waren zu verschieben.
Einsamer Malocher statt Held der Arbeit
300 Millionen Wanderarbeiter gibt es in China. Vielleicht wurde Hus Buch auch deshalb ein Megaseller. Und weil er keinen glühenden Helden der Arbeit bietet, wie das im Sozialistischen Realismus sehr lange üblich war. Hu ist eher der Typ einsamer Malocher. Einmal arbeitet er als Paketsortierer.
Das Logistikzentrum ist enorm, etwa zehn Fußballfelder groß. Ständig fahren LKWs die Halle an und liefern Waren, die dann von über hundert Gabelstaplern entladen und zu den Sortierteams gebracht werden.
Ich arbeitete die Nachtschichten, jeden Abend von sieben Uhr bis um sieben Uhr morgens, mit zwei freien Tagen im Monat. […]
Quelle: Hu Anyan – Ich fahr Pakete aus in Peking
„Beim sogenannten „Vorstellungsgespräch“ ging es nur um Formalitäten, eigentlich wurde niemand abgelehnt, aber bevor man eingestellt wurde, musste man drei Tage ohne Lohn Probe arbeiten,“ erklärt Hu in seinem Buch.
„Das entsprach wahrscheinlich nicht dem „Arbeitsrecht“, aber ich hab mich erkundigt, alle Firmen im Logistikpark haben das so gemacht. Wer damit nicht klar kam, hat den Job eben nicht bekommen.“
Depression durch Überarbeitung
Seine Arbeitsodyssee erzählt Hu Anyan ohne große Aufregung, auch wenn es ihm zwischenzeitlich ziemlich schlecht geht.
Er lebt in einfachen Unterkünften, schläft manchmal sogar hinter der Ladentheke und muss trotzdem spitz rechnen. Oft scheint es, als würde Hu sein eigenes Leben kaum spüren. Vielleicht hat er zwischen den Schichten auch einfach keins.
Sein Lebensbericht wirkt eher wie ein zwei Jahrzehnte langer Lieferschein. Vertraglich verbrieft ist ihm eine 60-Stunden-Woche, doch meistens werden daraus eher 72 Stunden. Mit der Zeit merkt er, dass er immer reizbarer wird, langsamer denkt und viel vergisst.
Hus Schilderung von Einsamkeit, Verrohung und schließlich Depression durch Überarbeitung macht dieses Buch zu einem atemberaubenden Dokument. Auch der Glaube an den staatlich propagierten Fortschritt kommt ihm abhanden.
Amerikanische Schriftsteller als Stütze
Was Hu Anyan hilft: in seiner knappen Freizeit lesen und schreiben. Am liebsten liest er amerikanische Autoren wie Salinger, Carver, Yates und Capote.
„Mich faszinierte, dass die Art und Weise, wie im amerikanischen Realismus das Leben und die Gefühle beschrieben wurden, auch in mir Widerhall fand,“ schreibt Anyan.
„Das lag wahrscheinlich daran, dass Konsum und die Warengesellschaft auf der ganzen Welt zunehmend Einfluss gewannen und menschliche Erfahrungen immer mehr homogenisierten.“
Je mehr literarische Werke ich las, desto distanzierter fühlte ich mich von meiner eigenen Realität.
Quelle: Hu Anyan – Ich fahr Pakete aus in Peking
Sehr gegenwärtige, blogsprachliche Übersetzung
Vielleicht hat der Arbeiter Hu Anyan bei den amerikanischen Autoren gelernt, dass Literatur rau sein darf. Fakten statt Metaphern.
Hus ungeschliffene Ehrlichkeit jedenfalls trifft auch deutsche Leserinnen und Leser direkt ins Herz. Darin ist sie den Malocher-Interviews von Liao Yiwu und den Gedichten der Wanderarbeiterin Zheng Xiaoqiong seelenverwandt.
Zugleich ist Hus Bericht aber mehr Ich-Chronik, dem übrigens auch Monika Lis sehr gegenwärtige, blogsprachliche Übersetzung herausragend Rechnung trägt.
Hus Unmittelbarkeit durchstößt die glänzende Oberfläche einer journalistischen Berichterstattung, in der wir China nur als ökonomische Megapower bestaunen. Sie ist durch und durch menschlich.


