Seit 2019 hat der Berliner Rapper Ben Salomo über 500 Schulen in ganz Deutschland besucht, um über Antisemitismus zu sprechen. Dabei traf der gebürtige Israeli, der als Kind nach Deutschland kam, auf überraschend viel Unkenntnis:
„Wenn ich an die Schulen komme, und sage: Weiß denn jemand von euch, wie viele Jüdinnen und Juden ermordet wurden, von den Nazis, dann passiert es oft, dass da Leute herumraten. Es ist vielleicht bei einem Drittel der Schulen, wo die Leute wissen, dass es sechs Millionen sind.“
Offene Judenfeindlichkeit an deutschen Schulen
Weil er auf seine Frage nach der Opferzahl einmal die frech grinsende Antwort: „Ich biete sechs Millionen!“ erhielt, hat Ben Salomo seinem Buch den Titel „Sechs Millionen – wer bietet mehr?“ gegeben – und die Unterzeile „Judenhass an deutschen Schulen“.
Denn der Rapper erfährt auch reichlich Ablehnung. Vor allem, wie er schreibt, von „mehrheitlich muslimischen Schülern mit Migrationshintergrund“ und „biografiedeutschen linken Schülern, die sich manchmal schon äußerlich, mit der Kufiya, dem ‚Palästinenser-Tuch', als Verbündete von Palästinenser-Positionen zu erkennen geben“.
So feindlich ist die Stimmung, dass ein Moderator, der Ben Salomo regelmäßig in die Schulen begleitet, ans Aufhören denkt. Ben Salomo kann das verstehen:
„Der Kampf gegen Antisemitismus ist manchmal sehr belastend. Ich bin ein ziemlich resilienter Mensch, aber ich würde lügen, wenn ich nicht sage, dass auch mich das hie oder da, besonders nach dem 7. Oktober, stark mitgenommen hat.
Vor allem, weil ich mir vor Augen halte: Diese Menschen sind hier, die werden erwachsen, die werden hier Politik beeinflussen können in Zukunft, die öffentliche Meinung prägen.“
Deutsche Obsession mit Israel
In Deutschland habe die Israelkritik nicht nur an Schulen oft obsessive Züge, findet Ben Salomo. Er hat eine Vermutung, weshalb das so ist.
„Einer der Hauptgründe, warum wir gerade in Deutschland diese große Zahl an leidenschaftlichen Israelkritikern haben, hat damit zu tun, dass es die individuelle Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der eigenen Familie nie als Massenbewegung gegeben hat.
Und auf Basis dieser nicht ausreichenden Aufarbeitung gibt es dann diesen Umweg, der sagt: Na ja, aber wenn ich jetzt Israel sehe, das, was Israel mit den Palästinensern macht. Das ist ja das gleiche, was die Nazis mit den Juden gemacht haben. Dann ist das eine Entlastung.“
Nötige Überarbeitung der Lehrpläne
Ben Salomo fordert jedoch nicht nur, dass Schüler sich intensiver mit der Geschichte des europäischen Antijudaismus auseinandersetzen. Auch der historische Einfluss der NS-Ideologie auf den arabischen Raum müsse im Lehrplan vorkommen: die enge Kollaboration von Mohammed Amin al-Husseini, dem Großmufti von Jerusalem, mit dem NS-Regime.
„In Deutschland wissen nur ganz wenige Menschen, dass der Mufti von Jerusalem auf Arabisch Nazipropaganda in die ganze Welt ausgestrahlt hat. Dieser Radiosender, das war das TikTok seiner Zeit, das Al-Dschasira seiner Zeit.“
Al-Husseini war der politische Ziehvater des „Palästinenserführers“ Jassir Arafat, dessen Anhänger sich mit der Kufiya schmücken. Bis heute berufen sich Hamas- und andere Terroristen im Nahen Osten auf den Nationalsozialismus. Sie lesen „Mein Kampf“, zeigen den Hitlergruß und tragen Hakenkreuz-Tattoos.
Die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland
Wenn es auch in Zukunft jüdisches Leben in Deutschland geben soll, dann ist es höchste Zeit, Antisemitismus entschiedener zu bekämpfen. Ben Salomo, der ein imponierend klares und geradliniges Buch geschrieben hat, sagt dazu:
„Ich bin Betroffener, seit meinem ganzen Leben. Der Antisemitismus jagt meine Familie seit Jahrhunderten. Ich bin ein Überlebender, in der Linie meiner Familie. Jetzt bin ich wieder in einer Generation, wo der Antisemitismus wieder so hoch ist wie zu Zeiten meiner Großeltern. So fühlt sich das an. Das ist der reine Existenzkampf.“