

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Apr 1, 2026 • 4min
Von Feministinnen aus Lateinamerika lernen: „Revolution der Frauen“ von Sophia Boddenberg
Lateinamerika ist für seinen Machismo berüchtigt, diese Form übersteigerter männlicher Dominanz, denn die Folgen sind oft tödlich. 2023 wurden zum Beispiel in Mexico 2.580 Frauen ermordet und 830 weitere Fälle als Femizide eingestuft, als Tötungsdelikte von Männern an weiblichen Personen wegen ihres Geschlechts.
Sie werden zwar dort seit 2012 als ein besonderer Straftatbestand anerkannt. Das ändert aber nichts daran, dass viele Verfahren ohne Urteil enden. Oft sind die Behörden einfach nicht bereit, Ermittlungen anzustellen.
Deshalb hat die lateinamerikanische Frauenbewegung den Kampf gegen die Straflosigkeit zu einem ihrer Ziele erklärt.
Feminismus als kollektive Praxis
Feminismus bedeutet nicht nur den Kampf gegen das Patriarchat, sondern auch gegen Kolonialismus, Kapitalismus und Rassismus, die eng miteinander verflochten sind.
Quelle: Sophia Boddenberg – Revolution der Frauen
„Denn die Gewalt richtet sich nicht nur gegen Frauen, sondern ist auch eine Unterdrückung indigener Gemeinschaften in ganz Lateinamerika. Die feministische Praxis ist also eng mit der Gemeinschaft verbunden und somit immer kollektiv und nicht individuell.“
In diesem Zitat der Aktivistin Adriana Guzmán spiegelt sich die inhaltliche Bandbreite des Buchs von Sophia Boddenberg. Es ist keine wissenschaftliche Analyse –
– „keine theoretische Abhandlung über akademische feministische Debatten. Stattdessen möchte ich meine Erfahrungen mit interessierten und neugierigen Leser:innen im deutschsprachigen Raum teilen.“
Zum Feminismus habe ich nicht an der Universität oder durch Bücher gefunden, sondern durch meine persönliche Erfahrung als Frau in Lateinamerika.
Quelle: Sophia Boddenberg – Revolution der Frauen
Küche als sozialer Ort
Und darin liegt die besondere Stärke ihres Buchs. Der Autorin ist u.a. bewusst geworden, dass die Küche sehr viel mehr bedeuten kann als einen Platz traditioneller Hausfrauentätigkeit. Für die Indigenen ist er ein sozialer Ort.
In der Küche wird Wissen vermittelt, Wissen über die Geschichte, über Ernährung und Heilpflanzen. Die Küche hat eine zentrale gesellschaftliche Bedeutung. Denn was hier geschieht, hält die Kultur der Mapuche lebendig.
Quelle: Sophia Boddenberg – Revolution der Frauen
Schreibt die Autorin.
Gewalttätige Mächte
Ihre besondere Aufmerksamkeit gilt überhaupt den Indigenen – wie den Mapuche, dem größten indigenen Volk Chiles und Argentiniens. Sie werden bis heute von Großgrundbesitzern und politischen Machthabern unterdrückt, ausgebeutet, vertrieben, ihres Landes beraubt und oft auch getötet. Eines der schlimmsten Beispiele kommt aus Chile.
Der sozialistische Präsident Salvador Allende gab den Mapuche Anfang der 1970er Jahre mehr als 130.00 Hektar Land zurück. Aber Diktator Pinochet enteignete es später wieder und ging mit Gewalt gegen die Indigenen vor.
Quelle: Sophia Boddenberg – Revolution der Frauen
Noch immer kämpfen die Mapuche im Süden Chiles um ihr Land und ihre Autonomie, an ihrer Spitze die Frauen. Dagegen müssen in Argentinien die Feministinnen fürchten, dass sie ihre längst erworbenen Rechte wieder verlieren, seit Präsident Javier Milei an der Macht ist.
Er hat als erstes das ‚Ministerium für Frauen, Gender und Vielfalt‘ abgeschafft und staatliche Hilfen für Frauen in Gewaltsituationen gestrichen. Denn:
Geschlechtsspezifische Gewalt und Femizide existieren nach Mileis Ansicht nicht, deshalb sollte der Tatbestand des Femizids aus dem Strafgesetzbuch gestrichen werden. Feministinnen bezeichnet er als ‚Mörderinnen mit grünen Tüchern‘.
Quelle: Sophia Boddenberg – Revolution der Frauen
Feministinnen als Feindbild der Ultrarechten
Als „staatlichen Antifeminisus“ hat die Philosophin Veronica Gago diese mileische Kampagne bezeichnet.
Die Feministinnen sind zum Feindbild der Ultrarechten geworden, denn sie haben auch die Verursacher beim Namen genannt wie die chilenische Frauengruppe ‚LasTesis‘ mit ihrer Performance „El violador eres tú / Der Vergewaltiger bist du!“ Solche Erfahrungen haben das Bewusstsein zahlloser Frauen in Lateinamerika gestärkt.
Sophia Boddenbergs Revolution der Frauen ist ein eindrucksvoller Erfahrungsbericht über die feministischen Bewegungen in Lateinamerika.

Mar 31, 2026 • 4min
Reise ins Ungewisse: Safae El Khannoussis Debütroman „Oroppa“
Aus marokkanischer Perspektive ist Europa kein Zufluchtsort, auch wenn es viele Nordafrikaner dorthin verschlagen hat. Von außen betrachtet wirkt der europäische Kontinent eher mitleiderregend.
„Oroppa“ – so lautet das arabische Wort für Europa, das diese Gefühlslage beschreibt und das dem Debütroman der in Marokko geborenen und in Amsterdam aufgewachsenen Autorin Safae el Khannoussi den Titel gegeben hat.
Europa ist ein gnadenloser Ort, schon seit Jahrhunderten, meine Vorfahren haben sich das von Weitem angesehen. Und als sie dann von der Katastrophe hörten, dachten sie nur: Was für ein Elend herrscht da am anderen Meeresufer.
Quelle: Safae el Khannoussi – Oroppa
So sieht es die Künstlerin Salomé Abergel, die aus einer jüdisch-marokkanischen Familie stammt. Sie ist die zentrale Figur des Romans, allerdings als Leerstelle, denn sie ist kurz vor der Eröffnung einer großen Ausstellung ihrer Bilder verschwunden und wird gleich auf der ersten Seite des Romans für tot erklärt.
Vielleicht ist diese Konstruktion des abwesenden Zentrums auch schon eine Aussage über das Europa, wie es Safae el Khannoussi konturiert.
Suche nach der Verschwundenen
Gleich mehrere Figuren machen sich auf die Suche nach der verschwundenen Künstlerin: Die jüdische Galeristin Hannah Melger kann die Ausstellung ohne sie nicht eröffnen. Der dicke, dubiose Restaurantbesitzer Hbib Lebyad versucht etwas zu verbergen, vor allem Salomés Bilder, die im Keller ihres Hauses in Amsterdam lagern.
Ihr Sohn Irad betreibt eine Kneipe in einem fiktiven 21. Arrondissement in Paris, Ort der Träumer, Trinker, Abgestürzten und Ausgegrenzten, überall und nirgendwo.
Und dann ist da noch der unberechenbare, gewalttätige Yousuf Slaoui, einst Folterknecht im Marokko der „bleiernen“ 1970er und 80er Jahre unter König Hassan II, inzwischen selbst schwer krank und totgeweiht.
Aus dessen Perspektive ist der eindrucksvolle zweite des vier Teile umfassenden Romans verfasst. Er erinnert sich verstörend genau daran, wie Oppositionelle, Islamisten, Marxisten, Studenten verfolgt, in Lager eingesperrt und gefoltert wurden.
Verarbeitung durch Kunst
Eines seiner Opfer war Salomé Abergel, die ihm schon deshalb unvergesslich ist, weil sie im Gefängnis ihr Kind zur Welt brachte – eben jenen Kneipenwirt Irad. Salomés surrealistische, an Hieronimus Bosch erinnernde Kellerbilder sind Versuche, sich den traumatischen Erinnerungen zu stellen:
„Katzenähnliche Kreaturen fischten in Aquarien nach Ohrmuscheln. Gliedmaßen wuchsen aus Baumstämmen, kleine Insekten schleppten menschliche Körperteile wie Anhängsel. An den Bildrändern lösten sich Figuren aus dem Dunkel, tintenfischartige Wesen in Soldaten- oder Gefängniswärteruniform. Einspruch gegen alles Geordnete.“
Die Ereignisse des Romans lassen sich nur schwer zusammenfassen, weil er geradezu birst vor Figuren, Nebenfiguren, Geschichten und Nebengeschichten.
Ein mosaikartiges Panorama
Aus der Vielzahl der Stimmen entsteht ein mosaikartiges Panorama, chaotisch und unübersichtlich, unökonomisch und verschwenderisch – ein Durcheinander, das an sich schon Einspruch erhebt gegen jedes geordnete Leben, gegen alles Etablierte, Sichere, Selbstsichere.
Auch die verschwundene und sterbenskranke Salomé kehrt noch einmal ins Leben zurück. Sie reist von Tunis nach Djarba – oder doch nur ins endgültige Verschwinden. Ihrer marokkanischen Geschichte, die mit diesem Roman zum Teil der europäischen Geschichte wird, kann sie nicht entrinnen.
„Oroppa“ ist wilder, zerklüfteter, gefährlicher und auch größer als das Europa der Europäer. Genauso ist auch dieser unbändige, aberwitzige Roman, auf den man sich einlassen muss wie auf eine Reise ins Ungewisse.

Mar 30, 2026 • 4min
„Einsamkeit“: Das einfühlsame Buch der Psychologin Maike Luhmann
Einsamkeit ist schmerzlich. Fast jeder Mensch erlebt sie irgendwann einmal – nach einem Umzug in eine fremde Stadt etwa, nach einer Scheidung oder nach der Verrentung.
Weil die alten sozialen Kontakte, die jeder Mensch braucht, weggebrochen sind. Zunächst einmal ist dieses Gefühl nicht nur negativ, stellt Psychologie-Professorin Maike Luhmann in ihrem Buch mit dem Titel „Einsamkeit“ fest:
„Weil es unser Instinkt ist, Schmerzen zu vermeiden, hat auch Einsamkeit eine motivierende Funktion: Sie treibt uns an, den Kontakt mit anderen Menschen zu suchen, um unsere sozialen Bedürfnisse wieder zu erfüllen – und damit unser Überleben zu sichern.“
Es ist also gut und wichtig, dass wir in der Lage sind, Einsamkeit zu empfinden! Und deshalb sind auch vorübergehende Einsamkeitsphasen ganz normal und erfüllen sogar einen wichtigen Zweck. Einsamkeit ist keine Krankheit.
Quelle: Maike Luhmann – Einsamkeit. Warum sie uns alle betrifft
Einsamkeit als Gesundheitsrisiko
Einsamkeit kann aber zum gesundheitlichen Problem werden, wenn ein Mensch in die sogenannte Einsamkeitsspirale gerät, so Luhmann, wenn er zu lange einsam ist. Depressionen können die Folge sein, aber auch die Entstehung oder Verschlimmerung vieler Krankheiten.
Laut Weltgesundheitsorganisation sterben weltweit pro Jahr 800.000 Menschen an den Folgen chronischer Einsamkeit. Teuer für die Allgemeinheit ist sie auch:
In Spanien wurden die auf Einsamkeit zurückzuführenden gesundheitlichen Kosten auf 6,1 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.
Quelle: Maike Luhmann – Einsamkeit. Warum sie uns alle betrifft
Armut als ein Einsamkeitsrisiko von vielen
Maike Luhmann weist obendrein auf erste Studien hin, die Einsamkeit als Ursache für politische Radikalisierung ansehen.
Die Autorin belegt ihre Aussagen zwar mit Statistiken und Studien aus der ganzen Welt, ein wissenschaftliches Buch will „Einsamkeit“ jedoch nicht sein. Dennoch gibt es viele Hinweise und weiterführende Literatur für Forschende.
Ein Selbsthilfebuch ist „Einsamkeit“ auch nicht, obwohl Betroffene darin viele Ratschläge und Anlaufstellen finden. Oft geht die Autorin von Erfahrungen aus ihrem eigenen Umfeld aus, was das Buch lebendig und nachvollziehbar macht. Deutlich arbeitet Luhmann Einsamkeitsrisiken heraus. Armut ist eines davon:
Viele soziale Aktivitäten finden an Orten statt, an denen man Geld ausgeben muss. Der Stadtbummel oder der Kneipenabend, der Ausflug in den Zoo oder der Besuch eines Konzerts oder Fußballspiels.
Quelle: Maike Luhmann – Einsamkeit. Warum sie uns alle betrifft
„Große Entfernungen sind überwindbar, wenn man sich die Fahrt oder den Flug leisten kann. Es fällt einem leichter, Spielkameraden oder Bekannte nach Hause einzuladen, wenn die Wohnung groß genug ist und man etwas zu essen anbieten kann.“
Alleinerziehende und pflegende Angehörige leiden häufiger unter Einsamkeit als andere gesellschaftliche Gruppen, und soziale Gerechtigkeit, so Luhmann, könne da zu einer Verringerung führen.
Einsamkeit verdient mehr Öffentlichkeit
Luhmann geht auch ausführlich auf den Einfluss von Digitalisierung und Sozialen Medien auf Einsamkeit ein und kommt zu dem Schluss, dass sie sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben. Das Arbeitsleben ist ebenfalls von Bedeutung:
„In zwei Studien aus den USA und Japan war Einsamkeit umso höher, je mehr Stunden die Befragten wöchentlich arbeiten mussten. Eine koreanische Studie hat zudem ergeben, dass Arbeitnehmer:innen umso einsamer sind, je länger ihr Arbeitsweg ist – besonders wenn sie länger als eine Stunde unterwegs sind.“
Politische Entscheidungen – etwa über den Acht-Stunden-Tag – hätten demnach ebenfalls Einfluss über die Ausprägung von Einsamkeit. Überhaupt haben Politik und Gesellschaft laut Luhmann viele Möglichkeiten, Einsamkeitsrisiken zu senken:
Wenn sie beispielsweise dem Thema mehr Öffentlichkeit geben würden, könnten sich mehr einsame Menschen trauen, Hilfe zu suchen. Wer sich als interessierter Laie mit Einsamkeit, ihren Ursachen, Ausprägungen und Folgen beschäftigen will, ist mit Maike Luhmanns Buch gut aufgestellt.

Mar 29, 2026 • 4min
Unglückliche Liebe: Sara Barquineros „Ich werde allein sein und ohne Party“
Alles beginnt mit einer zufälligen Entdeckung: In einem offenen Müllcontainer fällt der namenlosen Protagonistin im Vorbeigehen ein blaues Notizbuch auf: ein Tagebuch.
„Auf dem Einband klebt ein Etikett: „Yna 4-1990“. Fast unleserliche Seiten, ein Kalender von 1990, in dem einige Monate durchgestrichen sind.“
Einzelne Sätze: „I love you, I need you.“ Sie steckt das Notizbuch ein und geht langsam weiter. Es ist ein Geheimnis, ein magisches Objekt.
Quelle: Sara Barquinero – Ich werde allein sein und ohne Party
Und: der Beginn einer Obsession. Die junge Frau aus Sara Barquineros Roman „Ich werde allein sein und ohne Party“ ist aus Madrid in ihre Heimatstadt gefahren, weil ihre Großtante gestorben ist.
In Zaragoza wird die Protagonistin wie immer mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, vor allem mit der Abwesenheit des Vaters, der die Familie verlassen hat, als sie klein war. Doch durch den Fund des Tagebuchs der unbekannten Yna treten die eigenen Probleme scheinbar in den Hintergrund.
Verzweifelte Sätze einer verlassenen Frau
Fasziniert vertieft sich die junge Frau in die Notizen Ynas, die vor dreißig Jahren einem Mann namens Alejandro hinterhertrauerte. Verzweifelte, flehende Sätze einer verlassenen, einsamen Frau:
Sie kann sich nur an dem Geschriebenen entlanghangeln, an dieser Vehemenz, diesen Worten, dieser Liebe. Zwischen morbider Neugier und Neid fragt sie sich, ob sie jemals so intensiv gefühlt hat. Wenn ja, kann sie sich nicht daran erinnern.
Quelle: Sara Barquinero – Ich werde allein sein und ohne Party
„Sie drückt die Zigarette aus und blättert weiter: eine Seite mit durchgedrückter Tinte, unleserlich, nächste Seite, unleserlich, am 10. Mai: „Morgen werd ich zweiunddreißig. Das Glück, dass Alejandro sich erinnert, werde ich nicht haben, sicher nicht. Ich werde allein sein und ohne Party“, so die Protagonistin.
Detektivischer Roadtrip durch Spanien
Von dem fremden Unglück ist die Romanfigur schließlich so besessen, dass sie sich auf die Suche nach jenem Mann macht, der Yna einst das Herz brach. Ihren Freund, ihren Job, alles gibt die Protagonistin auf und beginnt einen detektivischen Roadtrip durch Spanien, um Alejandro drei Jahrzehnte später auf die Spur zu kommen.
Dabei wirkt die junge Millennial-Frau selbst zunehmend verloren, bekämpft die eigene Einsamkeit mit flüchtigen sexuellen Begegnungen und gerät am Ende in eine tiefe existentielle Krise.
Warum die Protagonistin ihr eigenes Leben auf Standby setzt, um einem Phantom aus der Vergangenheit hinterherzujagen, erschließt sich nicht sofort. An dieser Stelle sei erwähnt, dass es Ynas Tagebuch wirklich gibt.
Fotos der Notizen mit verschmierter Tinte illustrieren Sara Barquineros Roman. Gefunden hatte das Büchlein eine Freundin der Autorin – und Barquinero diente es als Inspiration.
Nachdenken über Beziehungen im Wandel
Die Idee, ihre Romanfigur loszuschicken, um das Leben und Lieben unbekannter Menschen zu erkunden, ist originell – und überwiegend spannend umgesetzt. Letztendlich dienen die Irrungen und Wirrungen der Protagonistin dazu, gewichtige Fragen zu verhandeln:
Wie lässt es sich lieben – verbindlich, aber ohne sich selbst zu verlieren? Ist Liebe Zufall oder Schicksal? Was macht es mit Menschen, wenn sie von einem Elternteil verlassen werden? Und: Wie lange lassen sich Kindheitstraumata verdrängen – und zu welchem Preis?
In letzter Zeit träume ich oft von ihm. Von meiner Kindheit, wenn mich andere Kinder gefragt haben, warum ich keinen Vater hab.
Quelle: Sara Barquinero – Ich werde allein sein und ohne Party
„Und mir hat der Gedanke gleichzeitig gefallen und Angst gemacht, dass sich an einem bestimmten Punkt der Vergangenheit alles ein ums andere Mal wiederholt, dass nicht alles verloren ist. Ich hab mich Yna und ihrem Warten gegenüber irgendwie verantwortlich gefühlt.“
Der Roman „Ich werde allein sein und ohne Party“ ist eine Reflexion über Beziehungen im Wandel. Auch wenn Sara Barquinero promovierte Philosophin ist, sie schreibt alles andere als akademisch: Lektüre mit Tiefgang in einer frischen und direkten Sprache.

Mar 27, 2026 • 6min
Jacqueline Harpmans Bestseller „Ich, die ich Männer nicht kannte“
Ein rätselhaftes Gefängnis ohne Zeit
Neununddreißig Frauen und ein Mädchen sind in einem Keller eingesperrt. Sie wissen nicht, warum. Sie wissen nicht, wie sie dorthin gekommen sind, wo sie sind und leben im völligen Zeitvakuum.
Berührungen sind verboten, ebenso wie Privatsphäre; die Frauen müssen vor den Augen der Wärter auf die Toilette gehen. Selbst grundlegende Tagesstrukturen fehlen.
Die Wärter sprechen nicht mit den Frauen, sie schlagen nur mit der Peitsche in die Luft. Die namenlose Ich-Erzählerin, die jüngste unter ihnen, zu Beginn noch ein Kind, beginnt erst nach dem Einsetzen der Pubertät ihre Lebenssituation zu hinterfragen.
Menschlichkeit unter extremen Bedingungen
Sieh uns nur an, sieh dir an, wie wir leben! Man hat uns alles genommen, was uns zu Menschen macht. Aber wir haben uns arrangiert, vermutlich um zu überleben oder einfach, weil man als Mensch nicht anders kann.
Quelle: Jacqueline Harpman – Ich, die ich Männer nicht kannte
„Wir haben für das Wenige, was uns geblieben ist, eigene Regeln aufgestellt: Die Älteste verteilt die Suppe, ich kümmere mich um die Näharbeiten, Annabelle vermittelt, wenn es Streit gibt – und wir haben keine Ahnung, wie sich das eingespielt hat“, schreibt Harpman.
„Wir müssen lange Zeit wie Schlafwandlerinnen gelebt haben, und als wir aufwachten, hatten wir uns schon an unser neues Dasein gewöhnt“, geht es weiter.
Die Erzählerin stellt grundsätzliche, existenzielle Fragen, zum Beispiel die nach dem Sinn des Lebens oder auch: „Was macht uns zu Menschen?“. Dabei kennt sie im Gegensatz zu den älteren Frauen kein normales Leben in Freiheit, mit Spaß, Sonne, Männern oder gar Sex.
Körperliches Erwachen und Selbsterkenntnisse
In einer Welt nur mit Frauen gibt es keine Fortpflanzung und das Aussterben der Menschheit ist vorprogrammiert. Dennoch träumt die Erzählerin davon, sich mit dem jüngsten der Wärter einzulassen:
„Da spürte ich, wie sich etwas in mir aufbäumte, etwas Gewaltiges, Ungeheuerliches, größer und mächtiger als ich selbst, ein berstendes Licht in meinem Körper, mein Atem setzte aus, doch nur für einen winzigen Moment, so unfassbar schnell ging alles. Danach war ich wie verwandelt.“
Dieser Moment des körperlichen Erwachens und der Selbsterkenntnis ist der eigentliche Beginn ihres Erwachsenseins. Sie hat eine bittere Einsicht: Schmerz ist der Preis für Menschlichkeit.
Das fehlende Wissen der Erzählerin ist kein individuelles Versagen, sondern Ergebnis vollständiger Isolation. Die Frauen vermitteln ihr nur bruchstückhaft Bildung und schützen sie zugleich vor der Wahrheit.
‚Arme Kleine!‘ Nach ein paar Seufzern gab sie mir die übliche Antwort: ‚Was hättest du denn davon, das zu wissen? Du wirst es doch nicht selbst erleben.‘
Quelle: Jacqueline Harpman – Ich, die ich Männer nicht kannte
Plötzlich Freiheit – und dann?
Die Autorin macht deutlich: Wissen ist ein Machtinstrument. Nicht nur die Wärter, auch die Frauen selbst machen davon Gebrauch.
Die Erzählerin beginnt, ihren eigenen Herzschlag zu zählen und so die Zeit zu messen. Damit schafft sie sich zum ersten Mal so etwas wie Kontrolle.
Die Jüngste entwickelt sich mit ihrer Neugierde und ihrem Rebellentum zur Anführerin. Eines Tages ertönt ein Alarm, genau in dem Moment als die Wärter die Tür aufschließen, um das Essen zu bringen. Die Wärter verschwinden auf der Stelle und die Erzählerin ergreift die Initiative zur Flucht.
Ich trat hinaus und sah mich um: Das war sie also, die Welt. Es war Tag. Der Himmel war grau, aber nicht von dem leblosen Grau der Kellerwände. […] Ich hatte zwar schon davon gehört, es mir aber nie vorstellen können.
Quelle: Jacqueline Harpman – Ich, die ich Männer nicht kannte
Die Suche nach Überlebenden
Himmel, Regen, Wind – alles, was für uns selbstverständlich ist, wird hier zum metaphysischen Ereignis. Doch schnell wird klar: Die Freiheit ist leer. Die Landschaft, die die Frauen vorfinden ist eine Wüste, in der keine Tiere leben.
Trotzdem geben die Frauen nicht auf und machen sich auf die Suche nach anderen Überlebenden. Was sie jedoch vorfinden sind weitere Gefängnisse mit Leichen derer, die sich nicht befreien konnten:
„Überall tote Frauen! Es war ein schreckliches Durcheinander. Leichen lagen kreuz und quer auf dem Boden, halb übereinander, auf den Matratzen, in Trauben am Gitter […] ein grausames Abbild dessen, was uns durch einen unglaublichen Zufall erspart geblieben war.“
Das Gefängnis bleibt für immer
Diese Szene ist literarisch wie emotional ein Schlag in den Magen. Sie zeigt die brutale Konsequenz einer Welt, die jede Empathie verloren hat.
Wenn man weiß, dass die belgische Autorin Jacqueline Harpman selbst Jüdin mit ihren Eltern vor den Nazis fliehen musste, liest man diese Szenen kaum als reine Fiktion.
Der Gedanke liegt nahe, dass sich in dem Roman „Ich, die ich Männer nicht kannte“ der Schrecken der Nazi-Zeit und der Konzentrationslager spiegelt.
Die vermeintliche Freiheit in der Außenwelt bleibt im Roman ein Gefängnis.
Die Frauen ziehen über eine endlose Ebene, bauen Häuser, teilen Essen, pflegen diejenigen, die krank und alt werden. Das Überleben in der Weite wird zunehmend von Verlust geprägt.
Eine Dystopie zum Nachdenken
Eine nach der anderen stirbt. Als die Erzählerin allein ist, schreibt sie ihre Geschichte auf: das Manuskript, das wir lesen. Schreiben wird ihre letzte Verbindung zur Menschheit:
Ich fange oben an, reihe ein Wort an das andere, staple die Blätter aufeinander – und existiere am Ende trotzdem nicht, weil niemand sie lesen wird. Sie sind für einen Leser bestimmt, der vielleicht nie kommen wird.
Quelle: Jacqueline Harpman – Ich, die ich Männer nicht kannte
„Ich bin mir ja nicht einmal sicher, ob die Menschheit das mysteriöse Ereignis überlebt hat, aufgrund dessen mein Leben so ist, wie es ist. Aber wenn doch jemand diese Seiten lesen wird, dann werde ich für eine gewisse Zeit in seinem Kopf existieren“, endet die Passage.
Der Roman ist bereits vor 30 Jahren erschienen. 2019 wurde er erneut herausgebracht und ein Jahr später durch TikTok zu einem Bestseller in den USA. Das Buch wird auch als Kommentar zur Trump-Regierung gelesen.
„Ich, die ich Männer nicht kannte“ ist verstörend und schön zugleich. Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Eine Dystopie, die zum Nachdenken anregt, über das, was auch in unserer Gegenwart geschieht und vollkommen absurd und sinnlos ist.

Mar 27, 2026 • 6min
Warum polnische Krimis anders erzählen
Realistische Erzählungen
Polnische Krimis erzählen anders: direkter, oft rauer und weniger konstruiert als viele bekannte Reihen aus Skandinavien oder Deutschland.
Es geht weniger um das perfekte Rätsel als um das Umfeld, in dem Verbrechen entsteht. Markus Schnabel, Gründer des Polente Verlags, will diese Bücher auf dem deutschen Markt bekannter machen.
Polnische Krimis als Spiegel der Gesellschaft
Der Schauplatz ist in polnischen Krimis fast eigene Figur. Städte, Provinzen und postindustrielle Landschaften erzählen die Stimmung mit.
Dazu kommt die bewegte Geschichte Polens: Verschiebungen, Umbrüche, Wendezeit. All das wirkt nach und prägt, was in polnischen Krimis verhandelt wird.
Polnische Krimis spiegeln die Gesellschaft des Landes besonders deutlich. Sie erzählen von Fortschritt und Brüchen, von Gewinnern und Verlierern seit 1989.
Auch aktuelle Themen wie Politik, Kirche oder gesellschaftliche Spannungen tauchen auf. Wer diese Bücher liest, bekommt Spannung und auch einen anderen Blick auf unser Nachbarland, sagt Verleger Markus Schnabel.

Mar 27, 2026 • 6min
„Eigentlich passiert ungeheuer viel“ – Christoph Schröder über Elizabeth Strouts „Erzähl mir alles“
Zurück in Crosby
Es geht nach Crosby, Maine – ein vertrauter Ort für Strout-Leserinnen und Leser. Hier wohnen alte Bekannte früherer Bücher, wie Lucy Barton oder Olive Kitteridge.
Diesmal steht Anwalt Bob Burgess im Fokus.
„Ganz schön langsam“
Selbst für Strout-Fan Christoph Schröder ist „Erzähl mir alles“ sehr langsam erzählt. Der Roman beginnt auffallend ruhig. Fast zu ruhig.
Doch dann wird es dynamisch: ein Todesfall, alte Schuld, brüchige Lebensläufe. Was beiläufig wirkt, entwickelt eine überraschende Wucht.
Ein warmer Blick aufs Alter
Christoph Schröder mag Elizabeth Strouts Blick aufs Alter. Der ist warm und wertschätzend und sie schaut sehr genau auf „unbeachtete Leben“.
Ihre Figuren setzen den zerrissenen USA der Gegenwart Nähe, Fürsorge und Gemeinschaft entgegen und das versöhnt Christoph mit einem Roman, der vielleicht etwas zu lang geraten ist.

Mar 27, 2026 • 55min
Neue Bücher von von Birgit Birnbacher, Elizabeth Strout und Jacqueline Harpman
Wir sprechen mit Verleger Markus Schnabel über polnische Krimis, Birgit Birnbacher schreibt über ADHS und die SWR Literaturredaktion empfiehlt vielfältige Osterlektüren.

Mar 25, 2026 • 57min
Vier neue Romane: Dana Grigorcea, Norbert Gstrein, Birgit Birnbacher und Ulrike Almut Sandig im Gespräch
Was die Bücher der Saison über Klasse, Geschichte, Neurodiversität und Krieg erzählen.

Mar 25, 2026 • 4min
Eine Spurensuche nach Schmetterlingen: Lea Korsgaards neuer Roman
Auf Jagd nach allen Schmetterlingsarten Dänemarks
Eigentlich geisterte der dänischen Journalistin Lea Korsgaard die verrückte Idee schon seit Jahren durch den Kopf. 2022 war es für sie dann an der Zeit, sie Wirklichkeit werden zulassen. Im Laufe dieses einen Jahres wollte sie sämtliche tagaktiven Schmetterlingsarten Dänemarks aufsuchen.
Sie hatte allerdings keinerlei Ahnung, wie viele es überhaupt gab. Also rief sie ausgewiesene Experten Dänemarks an, wie unter anderem Michael Stoltze, der bereits drei Bücher über Schmetterlinge veröffentlicht hatte.
Die Zahl, die er nannte, war für sie ein bisschen enttäuschend. In Dänemark gab es vor vier Jahren nicht mehr als 65 Tagschmetterlingsarten, und durch ihn wurde ihr klar, dass sie keines-wegs leicht zu finden sind, nur zu bestimmten Jahreszeiten fliegen und manche Arten überhaupt nur wenige Tage oder Wochen im Jahr leben.
Das bedeutete nichts anderes, als dass sich die Suche als ausgesprochen zeitaufwendig und anstrengend erweisen würde. Das konnte ihre Begeisterung, mit der sie sich in die selbstgewählte Aufgabe stürzte, nicht mindern.
Die ist sogar ansteckend, denn sie schildert sehr lebendig, wie sie auf ihre Entdeckungsreisen geht: Die führen uns an verborgene Orte, in kleine Waldstücke, auf versteckte Wiesen, zu moras-tigen Feuchtflecken. Zu kleinen Blumenteppichen im Windschatten großer Sanddünen.
Faszination Metamorphose
Als die Journalistin im Januar 2022 mit ihrem Vorhaben begann, lag die Landschaft noch unter einer frostigen Kältedecke. Keine Zeit, um Schmetterlinge flattern zu sehen. Aber – und das begriff sie rasch –in geschützten Hausnischen und Scheunenecken überleben einige Arten in Erstarrung: wie das Tagpfauenauge.
Außerdem hatten sich in Baumborken, Bodenlöchern, Heuhaufen Schmetterlingsraupen verkrochen, die nur auf wärmeres Wetter warteten, um sich zu verpuppen.
Das war die zweite Eigenschaft außer den bunten Flügeln, die die Autorin faszinierte und zu langen philosophischen Abhandlungen bis weit zurück in die Antike und die Kirchengeschichte brachte: die Metamorphose. Bevor ein Schmetterling zu dem wird, was wir kennen, durchläuft er mehrere Stadien.
Erst ist er nur ein unscheinbares Ei, oft farblich so an seine Umgebung angepasst, dass die Forscherin lernen musste, es überhaupt zu entdecken. Dann wächst das Ei zu einer winzigen Raupe heran, die mit jedem weiteren Wachstum ihre alte Raupenhülle in einem neuen Raupengewand verlässt.
Das geschieht vier bis sechsmal, bevor die Raupe zur Puppe wird, die sich in ein Seidenkissen spinnt, in dem sie wächst und irgendwann die Puppenhülle sprengt und als Schmetterling daraus hervorgeht. Der macht sich sofort auf die Suche nach einem Partner oder einer Partnerin, um sich fortzupflanzen. Das ist sein einziger Lebenszweck.
Exkurse bis zurück in die Antike
Insbesondere die Kirche verweigerte sich lange, solche Wandlungen anzuerkennen. Dem Glauben nach habe nämlich Gott alle Formen auf der Erde in ihrer Endform, sozusagen fertig geschaffen, jede ist in sich vollkommen.
Und das ist eine weitere Besonderheit des Buches, die einen für ihre Suche einnimmt: Es ist auch eine sehr persönliche Erzählung über ihr Alltagsleben, ihren Tagesablauf, die Schwierigkeiten, alles unter einen Hut zu bringen. Das war wohl nicht einfach, denn sie berichtetet wiederholt von Erschöpfungszuständen.
Die persönliche Ebene ist für ein Wissenschaftsbuch ungewöhnlich, nimmt einen aber für die Autorin ein. Einziger Wermutstropfen: Da sie alle Schmetterlinge fotografiert hat, hätte man gerne einige Bilder seltener Arten abgedruckt gesehen.


