SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Feb 16, 2026 • 4min

Vertraglich verbriefte 60-Stunden-Woche

Hu Anyan hatte 19 verschiedene Jobs. Er war Kurierfahrer, Warensortierer, Eisverkäufer und Tankwart. Er arbeitete im Copyshop, in Imbissbuden, bei der Security und hatte auch mal selbst einen Laden für Damenbekleidung. In verschiedenen chinesischen Städten und innerhalb von nur zwei Jahrzehnten.  Darüber hat er ein Buch geschrieben: „Ich fahr Pakete aus in Peking“ heißt es sehr sachlich, und genau so ist es auch verfasst: als die Chronik eines Arbeiterlebens, das vor allem darin besteht, von der ersten bis zur letzten Seite tonnenweise Waren zu verschieben.  Einsamer Malocher statt Held der Arbeit  300 Millionen Wanderarbeiter gibt es in China. Vielleicht wurde Hus Buch auch deshalb ein Megaseller. Und weil er keinen glühenden Helden der Arbeit bietet, wie das im Sozialistischen Realismus sehr lange üblich war. Hu ist eher der Typ einsamer Malocher. Einmal arbeitet er als Paketsortierer. Das Logistikzentrum ist enorm, etwa zehn Fußballfelder groß. Ständig fahren LKWs die Halle an und liefern Waren, die dann von über hundert Gabelstaplern entladen und zu den Sortierteams gebracht werden.  Ich arbeitete die Nachtschichten, jeden Abend von sieben Uhr bis um sieben Uhr morgens, mit zwei freien Tagen im Monat. […] Quelle: Hu Anyan – Ich fahr Pakete aus in Peking „Beim sogenannten „Vorstellungsgespräch“ ging es nur um Formalitäten, eigentlich wurde niemand abgelehnt, aber bevor man eingestellt wurde, musste man drei Tage ohne Lohn Probe arbeiten,“ erklärt Hu in seinem Buch. „Das entsprach wahrscheinlich nicht dem „Arbeitsrecht“, aber ich hab mich erkundigt, alle Firmen im Logistikpark haben das so gemacht. Wer damit nicht klar kam, hat den Job eben nicht bekommen.“ Depression durch Überarbeitung  Seine Arbeitsodyssee erzählt Hu Anyan ohne große Aufregung, auch wenn es ihm zwischenzeitlich ziemlich schlecht geht. Er lebt in einfachen Unterkünften, schläft manchmal sogar hinter der Ladentheke und muss trotzdem spitz rechnen. Oft scheint es, als würde Hu sein eigenes Leben kaum spüren. Vielleicht hat er zwischen den Schichten auch einfach keins. Sein Lebensbericht wirkt eher wie ein zwei Jahrzehnte langer Lieferschein. Vertraglich verbrieft ist ihm eine 60-Stunden-Woche, doch meistens werden daraus eher 72 Stunden. Mit der Zeit merkt er, dass er immer reizbarer wird, langsamer denkt und viel vergisst. Hus Schilderung von Einsamkeit, Verrohung und schließlich Depression durch Überarbeitung macht dieses Buch zu einem atemberaubenden Dokument. Auch der Glaube an den staatlich propagierten Fortschritt kommt ihm abhanden. Amerikanische Schriftsteller als Stütze Was Hu Anyan hilft: in seiner knappen Freizeit lesen und schreiben. Am liebsten liest er amerikanische Autoren wie Salinger, Carver, Yates und Capote.  „Mich faszinierte, dass die Art und Weise, wie im amerikanischen Realismus das Leben und die Gefühle beschrieben wurden, auch in mir Widerhall fand,“ schreibt Anyan. „Das lag wahrscheinlich daran, dass Konsum und die Warengesellschaft auf der ganzen Welt zunehmend Einfluss gewannen und menschliche Erfahrungen immer mehr homogenisierten.“ Je mehr literarische Werke ich las, desto distanzierter fühlte ich mich von meiner eigenen Realität.  Quelle: Hu Anyan – Ich fahr Pakete aus in Peking Sehr gegenwärtige, blogsprachliche Übersetzung  Vielleicht hat der Arbeiter Hu Anyan bei den amerikanischen Autoren gelernt, dass Literatur rau sein darf. Fakten statt Metaphern. Hus ungeschliffene Ehrlichkeit jedenfalls trifft auch deutsche Leserinnen und Leser direkt ins Herz. Darin ist sie den Malocher-Interviews von Liao Yiwu und den Gedichten der Wanderarbeiterin Zheng Xiaoqiong seelenverwandt.  Zugleich ist Hus Bericht aber mehr Ich-Chronik, dem übrigens auch Monika Lis sehr gegenwärtige, blogsprachliche Übersetzung herausragend Rechnung trägt. Hus Unmittelbarkeit durchstößt die glänzende Oberfläche einer journalistischen Berichterstattung, in der wir China nur als ökonomische Megapower bestaunen. Sie ist durch und durch menschlich.
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Feb 15, 2026 • 4min

Versteinerung und Todeshauch: Philipp Theisohn über Conrad Ferdinand Meyer

Subversives im Werk von C.F. Meyer Wer hätte diesem Stoff so viel Spannung zugetraut? Einer Studie über Conrad Ferdinand Meyer, dessen Dichtungen im Regal doch mittlerweile oft, nun ja, eher vor sich hinstauben?  Philipp Theisohn gelingt das. Denn er zeigt das Radikale im Werk von Conrad Ferdinand Meyer, das Subversive in den oft so steril wirkenden Gedichten und Novellen des Schweizer Schriftstellers.  Philipp Theisohn deutet dieses Werk als Abgesang, als Verabschiedung jener Kunstauffassung des 19. Jahrhunderts, die bei Goethe beginnt und noch den jungen Meyer in Zürich umhüllt wie ein Zwangskorsett: dass echte Literatur dem Leben abgewonnen wird. Dass der Roman das wahrhaft Erlebte einfängt – und so den Lesern selbst ins Leben hilft.  Versteinerte Figuren: eine stilisierte Kunstwelt Conrad Ferdinand Meyer macht genau das Gegenteil. Nicht Erlebnisse interessieren ihn. Seine Figuren wirken leblos, versteinern, werden zu Bewohnern einer stilisierten Kunstwelt, wie in einem Herbarium kostbarer Blumen oder einem Skulpturen-Garten.  Man hat es offensichtlich hier mit einem Menschen zu tun, so beschreibt es Theisohn, „der darauf besteht, keine Spuren eines Innenlebens zu hinterlassen.“  Das erzeugt den leisen Grusel dieser Lektüre: Man entdeckt Conrad Ferdinand Meyer als Schattengestalt der Literatur, einen Geist, der nachts voller Unruhe durch die Ruinen des 19. Jahrhunderts streift.  „War’s als höbe mir ein Bergwind aus der Stirn die grauen Haare“, dichtet der Schriftsteller.  War’s als dufteten die Matten, drein ich schlummernd lag versunken. / War’s als rauschten alle Quelle, draus ich wandernd einst getrunken. Quelle: Philipp Theisohn – Conrad Ferdinand Meyer. Schatten eines Jahrhunderts Alles wird hier zum „Als ob“. War‘s so – oder doch nicht? Ist die Erinnerung echt – oder trügt sie? Bei Conrad Ferdinand Meyer bleibt alles unwirklich, nebelhaft.  Ein Opfer religiöser Obsessionen  Philipp Theisohn rezitiert die Worte des Literaturwissenschaftlers Friedrich Kittler, das Werk des Dichters sei im „im Zwischenraum zweier Internierungen in Irrenanstalten“ entstanden.  Fraglos ist Conrad Ferdinand Meyer ein Opfer der religiösen Obsessionen seiner Mutter. In der Heilanstalt am Neuenburgersee wird schon dem jungen Mann eingetrichtert, er müsse seinen Stolz ablegen, Demut üben.  So hält es auch die Mutter. Bevor sie Selbstmord begeht, hinterlässt sie dem Dreißigjährigen einen erschütternden Brief. „In unaussprechlichem Seelenschmerz“ müsse sie sich von ihm losreißen, damit sie nicht Sünde auf Sünde häufe.  Das Lebendige einfrieren Die Angst vor der Verstrickung in Lebenslüge und Sünde wird, wie Philipp Theisohn erkennt, nicht nur zu Meyers Psychogramm. Es wird zur Folie seiner poetischen Selbstbefreiung.  Literatur als Mittel, dem Verhängnis zu entrinnen, den Strom des Lebens erkalten zu lassen, die fatale Lebendigkeit literarisch einzufrieren.   So werden auch die Novellen von Conrad Ferdinand Meyer verständlich. „Der Schuss von der Kanzel“ zum Beispiel, über einen waffenvernarrten Pfarrer, der bloßgestellt wird und damit unfreiwillig den Weg zu einer Ehe freimacht. Wie Marionetten bewegen sich die Figuren durch die Handlung.  Philipp Theisohn verknüpft solche Werkanalysen mit der Verstörung, die Meyers Werk bei den Zeitgenossen hinterlässt. Vergeblich wartet Verleger Hermann Haesseler auf ein episches Werk, etwas anderes als den Kunstfrost der Novellen. Verkniffen urteilt der Zürcher Schriftstellerkollege Gottfried Keller, Meyer habe ein merkwürdig schönes Talent, aber keine rechte Seele. Die Familie als Begleitpersonal Selbst Meyers Familie, seine Schwester, seine Ehefrau, so beobachtet Philipp Theisohn, fristen das Dasein eines zeitentrückten Begleitpersonals, einzig dazu bestellt, dem Dichter bei seinen Versteinerungsübungen zu helfen. Selbstoffenbarend fragt er im Gedicht „Möwenflug“:  Und du selber? Bist du echt beflügelt? / Oder nur gemalt und abgespiegelt? Quelle: Philipp Theisohn – Conrad Ferdinand Meyer. Schatten eines Jahrhunderts Conrad Ferdinand Meyers Werk wird so zum Widerschein einer untergegangenen Welt. Die letzten Lebensjahre verbringt der Schriftsteller in Heilanstalt und Betreuung. Wie ein Todeshauch wirkt das Buch, das ihm Philipp Theisohn gewidmet hat. Eine literarische Gespensterstunde.
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Feb 13, 2026 • 55min

Mit neuen Büchern von Norbert Gstrein, Joanna Bator, Ricarda Junge und Pierre Michon

Norbert Gstrein erfindet sich neu und bleibt doch er selbst. Ricarda Junge erlebt das tägliche Schulchaos und findet doch auch Zärtlichkeit. Und Joanna Bator führt durch unheimliche postmoderne Welten.
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Feb 13, 2026 • 5min

Die ursprüngliche Kraft des Lesens: Pierre Michons „Wintermythologien“

Über Pierre Michon schrieb sein Schriftstellerkollege Jürg Laederach einmal: „Michons Texte legen den Vergleich mit anderen lahm, außer dem Terminus „ungewohnt“ steht kein anderer zur Verfügung.“ „Ungewohnt“ – auf Michons Texte trifft dieses Urteil gerade in seiner Vagheit zu. Abseits aller Moden praktiziert Michon ein anachronistisches Schreiben, den Blick stets nach hinten in die Geschichte gerichtet, doch ohne dabei je Konzessionen an einen ‚altbackenen‘ Stil zu machen. So auch in den „Wintermythologien“, einer Sammlung von Erzählminiaturen.  Heiligenlegenden – auch ohne Heilige Im Stile alter Heiligenlegenden und Volksmärchen erzählt Michon darin von den Schicksalen bekannter und unbekannter, gebildeter und ungebildeter Menschen, die alle eines verbindet: sie müssen mit einer Gegenwart fertig werden, die sie sich nicht ausgesucht haben – und deren Sinn und Zweck ihnen oft genug verborgen bleibt. Der Mensch als Eintagsfliege im Sturm der Geschichte – das ist, seit seinem, heute als moderner Klassiker geltendem, Erstling „Vies minuscules“ von 1984, das ureigene Thema von Michons Literatur. Da ist etwa Antoine Persegol, ein einfacher Mann aus dem Massif Central, jenem menschenleeren Zentrum Frankreichs. Wir schreiben den 9. Juni 1793. Mit 46 anderen betrunkenen, bewaffneten und hoffnungslosen Männern lässt sich Antoine von königstreuen Konterrevolutionären anwerben: „Sie zu überzeugen, war nicht schwer: Es sind Bauern oder Kardierer, Weber im Stücklohn; das Elend ist ihr Los; und die großen Wirren, der ausländische Krieg, das Gesetz über das Maximum verdoppeln das Elend.“ „Da unten, eine Stunde ist’s her, vor den Weinkrügen, war es ein Kinderspiel, und schon hatten sie der Republik das bittere Elend zugeschrieben wie zuvor dem König.“ Die Unerbittlichkeit der Geschichte Der Weg zwischen Elend, Hoffnung und Tod ist kurz bei Michon. Auch im Fall von Antoine Persegol, der mit seinen Mitstreitern sehr bald von einem republikanischen Truppenverband gefangengenommen wird. Vom Pariser Französisch der Soldaten versteht Antoine kein Wort. Und so hält sich in ihm bis zuletzt die Hoffnung, freigelassen zu werden. Doch: „Die Wirklichkeit ist eine Rabenmutter. Am nächsten Tag in Florac sprechen fünf sitzende Männer mit schwarzen Hüten zu den stehenden siebenundvierzig in einer unverständlichen Sprache. (…) Die große Maschine mit der schnellen schrägen Schneide steht auf dem Marktplatz von Florac.“ Siebenundvierzig Mal trennt das Eisen unserer Mutter Tod einen Kopf von einem Rumpf, siebenundvierzig Mal bestätigt ein vom Rumpf getrennter Kopf die Fallgesetze. Antoine Persegol ist der vierzigste. Quelle: Pierre Michon – Wintermythologien Auch in den „Wintermythologien“ begegnet Pierre Michon dem tragischen Pathos der Geschichte mit einer fast schon aufreizenden Lakonik, für die der Übersetzer Wolfgang Matz ein angemessenes, nüchtern-poetisches Deutsch gefunden hat. Lesen als Ereignis Wohl besser als jeder künstlich-historischen Sprache gelingt es Michon mit seinem charismatischen Tonfall, die eigentlich menschlichen, überhistorischen Momente herauszustellen, die einen irischen Mönch aus dem Frühmittelalter mit einem französischen Bauern um 1800 – und beide mit uns heute – verbindet. Neben dem allgegenwärtigen Elend und der Ratlosigkeit liegt dieser verbindende Moment für Michon vor allem in der menschlichen Fähigkeit zu Neugierde und Faszination. Der prädestinierte Ort dieser Faszination ist seit jeher das Buch, dessen ursprüngliche Magie Michon in einer Geschichte über einen irischen Wandermönch beschwört: „Im Winter des Jahres 559 liest er. Gerade ist er angekommen im Kloster Moville, Trockensteinmauern auf kahler Heider vor der Irischen See. Es regnet wie in Irland, man hört drunten die See, aber man sieht sie nicht. Der Abt Finian hat ihn alleingelassen in diesem Schuppen, der dient als Bibliothek. Hier gibt’s vier Bücher.“ Zu einer Zeit, in der vier Bücher das Wissen der Welt zu fassen vermochten, wurde das Lesen fast zwangsläufig zu einer mystischen Erfahrung. Michons Literatur ist eine Feier dieser ursprünglichen, verändernden Kraft des Lesens. Und lesen wir seine „Wintermythologien“, so ergeht es uns wie dem Mönch über der Irischen See: Er hört die See, die drunten herabstürzt mit all ihrem Gewicht. Er versinkt im Text. Quelle: Pierre Michon – Wintermythologien
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Feb 13, 2026 • 6min

Von Frauen mit Fledermausflügeln und anderen Seltsamkeiten

Ein altes Hotel als magnetischer Treffpunkt exzentrischer Menschen. Geschichten, die wie ein unterirdisches Rhizom Figuren und Handlungsfäden verknüpfen. Fantastische Tierverwandlungen treffen auf reale Härte. Themen: Entfremdung, Zuflucht im siebten Stock und die Suche nach Mustern im Lebensnetz.
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Feb 13, 2026 • 12min

Ricarda Junge: „Die Schule zeigt nur, was überall gilt: Dauerkrisen ohne Pausen“

Ricarda Junge, Schriftstellerin und ehemalige Lehrerin, veröffentlicht nach langer Pause einen Schulroman. Sie schildert Überforderung, bürokratischen Irrsinn und wie Schule gesellschaftliche Dauerkrisen abbildet. Themen sind Grenzen des Systems, Zynismus als Schutzmechanismus und die Normalisierung antisemitischer Codes. Kleine Gesten bleiben als Hoffnung.
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Feb 13, 2026 • 12min

„Polarisierung hilft niemandem"

Den Literaturhäusern in Deutschland droht, wie vielen anderen Kulturinstitutionen, ein finanzieller Engpass. Dem Literaturhaus in Leipzig droht gar das endgültige aus. Katharina Knüppel leitet gemeinsam mit Martin Bruch das Literaturhaus in Freiburg. Dem Haus gehe es, sagt Knüppel, vergleichsweise gut, doch man betrachte die bundesweite Entwicklung mit Sorge. Die größte Säule der Finanzierung sei der Zuschuss der Stadt: „Wir sind davon komplett abhängig.“ Wenn an dieser Stelle gespart werden müsse, würde es eng. Sinkende Lesekompetenz, neue Wege Der ökonomische Erfolg eines Hauses hängt eng mit der Programmplanung zusammen. Das Freiburger Publikum ist heterogen und entdeckungsfreudig. Man achte, so Knüppel, darauf, große Namen ins Haus zu holen, aber auch Debüts und Neuentdeckungen. „Wir haben einen großen Rückhalt hier in der Stadt; das ist ein großes Glück“, so Knüppel. Doch in Zahlen sinkender Lesekompetenz muss ein Literaturhaus auch als Ort der Vermittlung fungieren. „Wir gehen dorthin, wo die Leserschaft ist, die wir erreichen wollen: in Schulen, wo man wilde Sachen ausprobieren kann oder sein erstes eigenes Buch basteln kann.“ Diskriminierte Boomer-Generation? Angesprochen auf einen jüngst erschienenen Text, nach dem ältere weiße Autoren der Boomer-Generation in Literaturhäusern kaum noch Auftritte bekämen, plädiert Katharina Knüppel für eine Differenzierung: „Solche Grundsatzthesen schauen nicht darauf, wie unterschiedlich Menschen und Texte in jeder Generation sind. Wir schauen nicht auf die Jahrgänge.“ Zudem tue Polarisierung niemandem gut. Jubiläum im Herbst Einen optimistischen Ausblick wirft Knüppel auf den Herbst: Dann findet zum 40. Mal das Freiburger Literaturgespräch statt, anlässlich des Jubiläums in einer erweiterten Ausgabe.
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Feb 11, 2026 • 4min

Reinhard Bingener, Markus Wehner – Der stille Krieg. Wie Autokraten Deutschland angreifen | Buchkritik

In der Annahme, dass die Systemkonkurrenz wie zu Zeiten des Kalten Kriegs ein Ende habe, baut Deutschland seit den neunziger Jahren seine Spionageabwehr immer mehr ab. Hatte die Abteilung im Bundesamt für Verfassungsschutz zum Ende des Kalten Kriegs im Jahr 1990 noch 400 Mitarbeiter, sind es 2014, im Jahr, als Russland die Krim besetzt, gerade noch die Hälfte. Quelle: Reinhard Bingener, Markus Wehner – Der stille Krieg. Wie Autokraten Deutschland angreifen So beschreiben die Journalisten Reinhard Bingener und Markus Wehner in ihrer Studie „Der stille Krieg“ die Situation Deutschlands kurz vor der russischen Vollinvasion in der Ukraine. Zwar wurde die deutsche Spionageabwehr inzwischen wieder aufgestockt – doch Russland scheint nach wie vor leichtes Spiel zu haben. Nicht nur, weil Autokraten grundsätzlich keine Skrupel kennen und Demokratien von Haus aus verletzlich sind. Sondern auch, weil niemand weiß, ob die USA unter Trump zu ihren Bündnisverpflichtungen stehen werden und wie der Ukrainekrieg ausgehen wird. CRINK lautet die Abkürzung für den informellen Länder-Bund, der die westliche Weltordnung sprengen will: CRINK für China, Russland, Iran und Nordkorea. Auch die Türkei agiert den Autoren zufolge gegen Deutschland.  Bingener und Wehner haben ihr Buch nach den verschiedenen Formen des hybriden Kriegs sortiert. Das Spektrum reicht von der klassischen Spionage und der Unterwanderung von Eliten und Parteien über Desinformation, Hacking und Sabotage, Ethnopolitik und die Einschleusung von Migranten bis zu politischen Morden.   Angriffe auf deutsche Unternehmen  Auch Terror gehört offenbar dazu, wie ein Ereignis am Flughafen Leipzig/Halle im Sommer 2024 zeigte. Eine Transportbox des Logistikkonzerns DHL fing plötzlich an zu brennen:  Das Feuer geht auf eine der Sendungen zurück, die auf dem Flughafen umgeladen werden. Die Flammen sind zwar rasch gelöscht. Dennoch hat kaum ein anderer Vorgang den deutschen Sicherheitsbehörden in den vergangenen Jahren so viele Sorgen bereitet. Denn der Container steht nur aufgrund einer Verspätung um diese Uhrzeit noch auf dem Vorfeld des Flughafens Leipzig/Halle, dem weltweit wichtigsten Drehkreuz des Paketdienstleisters DHL.  Quelle: Reinhard Bingener, Markus Wehner – Der stille Krieg. Wie Autokraten Deutschland angreifen Eigentlich hätte der Container längst an Bord eines Flugzeugs sein müssen, das bei einem Brand in der Luft mit Sicherheit abgestürzt wäre. Nicht immer geht es allerdings um die direkte Schädigung von Menschen oder Objekten. Oft geht es auch einfach um Informationsgewinnung. So betreibt China seit Jahrzehnten Wirtschaftsspionage zum Nachteil Deutschlands.  Im Frühjahr 2024 wird mit jahrelanger Verzögerung klar, dass der Peking jahrelang treu ergebene Volkswagen-Konzern zwischen 2011 und 2015 von chinesischen Hackern ausspioniert worden ist. Die IT-Abteilung von VW kommt den Eindringlingen nur auf die Spur, weil (...) das System plötzlich ungewöhnlich große Ressourcen beansprucht.   Quelle: Reinhard Bingener, Markus Wehner – Der stille Krieg. Wie Autokraten Deutschland angreifen Migration als Waffe  Vergleichsweise wenig in den Medien dargestellt ist die gesteuerte Asyl-Einwanderung von Zehntausenden Tschetschenen. Zwischen 2012 und 2016 kamen so um die 36.000 Tschetschenen, meistens junge Männer, nach Deutschland. Diese Gruppen liefern sich regelrechte Straßenschlachten, etwa mit dem Berliner Remmo-Clan.  Bingener und Wehner schreiben:  Im Bundesinnenministerium kommen die Sicherheitsfachleute zu folgendem Schluss: Russland lässt die Tschetschenen bewusst illegal (...) nach Deutschland reisen. (...) Putin will (...) ein besonderes Problem schaffen. Moskau (...) stellt Deutschland mit dieser Migrantengruppe vor ein besonders hartnäckiges Problem mit organisierter Kriminalität und Extremismus.  Quelle: Reinhard Bingener, Markus Wehner – Der stille Krieg. Wie Autokraten Deutschland angreifen Das Erschreckendste an diesem erkenntnisreichen Buch ist die Tatsache, dass Deutschland aufgrund einer gewissen Blauäugigkeit schlecht gegen hybride Angriffe gewappnet scheint. Jüngst legten erstmals Drohnen unbekannter Herkunft über Tage den Flugverkehr lahm. Damit könnte schneller als gedacht eine neue Eskalationsstufe der hybriden Kriegsführung erreicht sein.
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Feb 10, 2026 • 4min

Magdalena Schrefel – Das Blaue vom Himmel | Buchkritik

Dass der Klimawandel von künftigen Generationen einen hohen Preis fordern wird, ist klar. Aber gleich das Blaue vom Himmel? Denn darum geht es in Magdalena Schrefels Debütroman „Das Blaue vom Himmel“, zumindest vordergründig: Um eine letzte verzweifelte Maßnahme der Wissenschaft, das Leben auf dem sich erhitzenden Planeten wieder erträglicher zu machen, und sei es um den Preis einiger, naja, Nebenwirkungen.   Tatsächlich war die bevorstehende Veränderung des Himmels früh publik gemacht worden, und trotzdem waren die Diskussionen in öffentlichen und sozialen Medien bis heute nicht abgeebbt : „Das Blaue vom Himmel“, hatte ich in einem reichweitenstarken Post gelesen, „das gehört doch allen Menschen, schon immer, wie können wir es da verantworten, dass nun einige wenige entscheiden, es vom Himmel zu holen  ?“ Quelle: Magdalena Schrefel – Das Blaue vom Himmel Geoengineering mit Nebenwirkungen  Der Roman der 41-jährigen Österreicherin spielt etwa zehn, fünfzehn Jahre in der Zukunft. Die Durchführung der sogenannten „Maßnahme“ steht unmittelbar bevor: Nach dem Vorbild eines Vulkanausbruchs sollen Schwefel- und Kalkpartikel in die Stratosphäre geschossen werden, um so die Sonneneinstrahlung zu regulieren. Nur dass sich danach eben das Licht anders brechen und aus dem Blau des Himmels ein milchiges Grau werden wird. Als Reaktion auf die zu erwartenden Verlustgefühle der Menschen bereitet man in Wien eine Ausstellung zum Thema Himmel vor, mit Bildern von Yves Klein, blauen Coladosen, Interviews.  Für Letztere ist die Ich-Erzählerin zuständig, eine Enddreißigerin namens Hannah. Im ersten Teil räumt sie mit ihrer Schwester Vera, einer Biologin, deren Wohnung aus, im zweiten führt sie ihren Vater Jakob, einen ehemaligen Meteorologen, durch die Ausstellung. Schade, dass die Autorin den Generationenkonflikt zwischen Alt und Jung, also Klimatätern und Klimaopfern sozusagen, in ihrem Roman nur nebenbei kurz antippt:  Ich muss dann mal los“, sage ich, „ist viel zu tun“, und vielleicht weiß Jakob schon, dass es daran nicht liegt, nicht liegen kann, weil er plötzlich sagt : „Ich hab mich damals auch engagiert.“ „Was ?“ „Das weißt du gar nicht“, sagt er. „Aber früher, da habe ich mich auch engagiert. Für die Umwelt.“  Quelle: Magdalena Schrefel – Das Blaue vom Himmel Die verschwundene Mutter  Denn nicht wegen dem Klimaerbe der Boomer ist diese Vater-Tochter-Beziehung von Sprachlosigkeit und unterdrückter Wut aufseiten der Ich-Erzählerin geprägt. Sondern weil der Vater in Trauer und Enttäuschung gefangen ist, seit seine Frau kurz nach Hannahs Geburt mit ihrem Liebhaber auf und davon ist. Und Jakob in der Folge jedes Gespräch über die verschwundene Mutter verweigert hat.  Seitdem leidet vor allem die Ich-Erzählerin unter der „Lücke“ der unbekannten Mutter in ihrem Leben. Warum sie nie nach ihr gesucht hat, online zum Beispiel, bleibt unklar, und das, obwohl der minimalistische Handlungsbogen bei jeder passenden und leider auch unpassenden Gelegenheit durch Rückblicke der Erzählerin unterbrochen wird. So oft, dass jeglicher Spannungsansatz auf der Gegenwartsebene im Keim erstickt wird. Oder ist das symbolisch gemeint – als Flucht der jüngeren Generation aus einer nicht mehr lebenswerten Gegenwart in die Vergangenheit? Um es so zu verstehen, müsste man freilich mehr über diese künftige Welt erfahren, aber die ähnelt der heutigen aufs Haar: Das Wetter schlägt Kapriolen, die Sommer werden immer trockener. Nur die gesellschaftliche Polarisierung scheint es nicht mehr zu geben, was schwer zu glauben ist.   Etikettenschwindel  Vielleicht ist eben das das Problem dieses Romans über Verluste und Abschiede: dass er sich als Vertreter des boomenden Segments der Climate Fiction verkauft – ein Genre, das eigentlich mit den Mitteln der Fiktion die möglichen Folgen der Klimakatastrophe zu erkunden versucht wie in den Romanen einer Margaret Atwood oder Megan Hunter. Stattdessen verwandelt sich Magdalena Schrefels im Suhrkamp Verlag erschienenes Werk letztlich in einen halbgaren Familienroman. Schade.
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Feb 9, 2026 • 4min

Mit einer Salami-Pizza zurück ins Leben: Notfallseelsorger erzählen von ihren Einsätzen

Notfallseelsorger – das sind jene Frauen und Männer in lila Westen, die zur psychosozialen Betreuung gerufen werden, wenn jemand einen Schicksalsschlag erlitten hat. Sie müssen nicht unbedingt Pfarrer sein – aber Albi Roebke ist es. Ein, wie eine ehemalige Betreute sagt, „supercooler Typ“ in Bikerstiefeln und Lederjacke. Er und seine Kollegin, die Journalistin Lisa Harmann, erzählen in diesem Buch von ihrer Arbeit.  Mit ihren Geschichten wollen sie den Leserinnen und Lesern Wissen vermitteln für den Fall, dass sie selbst oder eine nahestehende Person in eine Extremsituation geraten. Was ist dann hilfreich, was nicht?  Anna ist zehn, als ihr Vater in ihrem Beisein die Mutter umbringt. Sie wird in die Nachbarwohnung gebracht und gefragt, was sie sich jetzt wünsche. Sie wünscht sich eine Salami-Pizza.  Es ist jetzt nahezu lebenswichtig, dass das Kind genau diese Wunschpizza bekommt. Dass es zumindest in dem Fall noch irgendwas regeln und mitbestimmen kann, wenn alles andere schon außer Kontrolle geraten ist. Und die Polizistin Marisa fährt los, um die Pizza Salami zu holen, und hilft dem Kind damit bei einem ersten Schrittchen raus aus der Ohnmacht und zurück in die Handlungsfähigkeit und Entscheidungshoheit.  Quelle: Albi Roebke, Lisa Harmann – Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war Zurück in die Handlungsfähigkeit  Das Gefühl, wenigstens über ein winziges Detail selbst bestimmen zu können, kann eine spätere posttraumatische Belastungsstörung verhindern. „Die Menschen helfen sich selbst“, sagen die Notfallseelsorger, „wir sind nur die Instrumente, die es ihnen möglich machen.“  Als die zehnjährige Hannah einer Vergewaltigung zum Opfer gefallen ist, muss Albi Roebke der Familie die Nachricht überbringen. Jedes Familienmitglied reagiert auf eigene Weise.  Heidi, Hannahs Mutter, wird fast sofort schlecht. Sie legt sich auf die Wohnzimmercouch und hält sich den Bauch, wie Schwangere das manchmal tun. Volker tigert hin und her und immer wieder zur Dunstabzugshaube in der Küche, um zu rauchen. Eine Tochter zieht sich mit ihren Freunden zurück in ihr verdunkeltes Zimmer, sie kuscheln sich auf dem Boden zusammen. Die zweite Tochter ist die Einzige, die redet, die sich wünscht, dass ihre Religionslehrerin vorbeikommt, die auch Pfarrerin ist. Quelle: Albi Roebke, Lisa Harmann – Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war Kleine Gesten können hilfreich sein  Es muss kein Notfallseelsorger sein, auch Angehörige und Freunde können Betroffene unterstützen und begleiten. Wissen hilft, Extremsituationen besser zu bewältigen und so Resilienz aufzubauen. Deshalb gibt es in diesem Buch viel Information. Zum Beispiel zur Funktionsweise unseres Gehirns, das etwa sechs Wochen braucht, bis eine Katastrophe emotional verstanden wird. In einer Grenzsituation gibt es keine richtige und falsche Reaktion. Alles darf jetzt gefühlt, gedacht, gesagt werden, und der Notfallseelsorger ist einfach da, hält alles aus und erschafft einen Raum der Sicherheit und Akzeptanz.  Wenn eine Katastrophe groß ist, denken wir oft, unser Handeln und unsere Begleitung müssten auch groß sein. Dem ist aber nicht so. Kleine Gesten können hier viel ausrichten oder auch einfach nur das Zuhören oder das gemeinsame Schweigen. Quelle: Albi Roebke, Lisa Harmann – Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war Aus den Erfahrungen neue Kraft gewinnen  Die Geschichten sind voller Schmerz, aber alle Betroffenen haben aus ihren Erfahrungen neue Kraft gewonnen. Die besten Beispiele dafür sind die Autoren selbst. Roebkes Eltern und sein Bruder kamen bei einem Autounfall ums Leben. Die Schwester von Lisa Harmanns Mutter wurde bei einem Schul-Attentat getötet, zwei weitere Geschwister der Mutter begangen Suizid.  Man kann eine Katastrophe nicht nur überleben, man kann sein Leben danach sogar ganz neu aufstellen. Dies ist ein tiefgehendes, notwendiges und mutmachendes Buch.

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