
SWR Kultur lesenswert - Literatur Mit einer Salami-Pizza zurück ins Leben: Notfallseelsorger erzählen von ihren Einsätzen
Feb 9, 2026
04:02
Notfallseelsorger – das sind jene Frauen und Männer in lila Westen, die zur psychosozialen Betreuung gerufen werden, wenn jemand einen Schicksalsschlag erlitten hat. Sie müssen nicht unbedingt Pfarrer sein – aber Albi Roebke ist es.
Ein, wie eine ehemalige Betreute sagt, „supercooler Typ“ in Bikerstiefeln und Lederjacke. Er und seine Kollegin, die Journalistin Lisa Harmann, erzählen in diesem Buch von ihrer Arbeit.
Mit ihren Geschichten wollen sie den Leserinnen und Lesern Wissen vermitteln für den Fall, dass sie selbst oder eine nahestehende Person in eine Extremsituation geraten. Was ist dann hilfreich, was nicht?
Anna ist zehn, als ihr Vater in ihrem Beisein die Mutter umbringt. Sie wird in die Nachbarwohnung gebracht und gefragt, was sie sich jetzt wünsche. Sie wünscht sich eine Salami-Pizza.
Es ist jetzt nahezu lebenswichtig, dass das Kind genau diese Wunschpizza bekommt. Dass es zumindest in dem Fall noch irgendwas regeln und mitbestimmen kann, wenn alles andere schon außer Kontrolle geraten ist. Und die Polizistin Marisa fährt los, um die Pizza Salami zu holen, und hilft dem Kind damit bei einem ersten Schrittchen raus aus der Ohnmacht und zurück in die Handlungsfähigkeit und Entscheidungshoheit.Quelle: Albi Roebke, Lisa Harmann – Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war
Zurück in die Handlungsfähigkeit
Das Gefühl, wenigstens über ein winziges Detail selbst bestimmen zu können, kann eine spätere posttraumatische Belastungsstörung verhindern. „Die Menschen helfen sich selbst“, sagen die Notfallseelsorger, „wir sind nur die Instrumente, die es ihnen möglich machen.“ Als die zehnjährige Hannah einer Vergewaltigung zum Opfer gefallen ist, muss Albi Roebke der Familie die Nachricht überbringen. Jedes Familienmitglied reagiert auf eigene Weise.Heidi, Hannahs Mutter, wird fast sofort schlecht. Sie legt sich auf die Wohnzimmercouch und hält sich den Bauch, wie Schwangere das manchmal tun. Volker tigert hin und her und immer wieder zur Dunstabzugshaube in der Küche, um zu rauchen. Eine Tochter zieht sich mit ihren Freunden zurück in ihr verdunkeltes Zimmer, sie kuscheln sich auf dem Boden zusammen. Die zweite Tochter ist die Einzige, die redet, die sich wünscht, dass ihre Religionslehrerin vorbeikommt, die auch Pfarrerin ist.Quelle: Albi Roebke, Lisa Harmann – Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war
Kleine Gesten können hilfreich sein
Es muss kein Notfallseelsorger sein, auch Angehörige und Freunde können Betroffene unterstützen und begleiten. Wissen hilft, Extremsituationen besser zu bewältigen und so Resilienz aufzubauen. Deshalb gibt es in diesem Buch viel Information. Zum Beispiel zur Funktionsweise unseres Gehirns, das etwa sechs Wochen braucht, bis eine Katastrophe emotional verstanden wird. In einer Grenzsituation gibt es keine richtige und falsche Reaktion. Alles darf jetzt gefühlt, gedacht, gesagt werden, und der Notfallseelsorger ist einfach da, hält alles aus und erschafft einen Raum der Sicherheit und Akzeptanz.Wenn eine Katastrophe groß ist, denken wir oft, unser Handeln und unsere Begleitung müssten auch groß sein. Dem ist aber nicht so. Kleine Gesten können hier viel ausrichten oder auch einfach nur das Zuhören oder das gemeinsame Schweigen.Quelle: Albi Roebke, Lisa Harmann – Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war
