Ricarda Junge, Schriftstellerin und ehemalige Lehrerin, veröffentlicht nach langer Pause einen Schulroman. Sie schildert Überforderung, bürokratischen Irrsinn und wie Schule gesellschaftliche Dauerkrisen abbildet. Themen sind Grenzen des Systems, Zynismus als Schutzmechanismus und die Normalisierung antisemitischer Codes. Kleine Gesten bleiben als Hoffnung.
11:40
forum Ask episode
web_stories AI Snips
view_agenda Chapters
menu_book Books
auto_awesome Transcript
info_circle Episode notes
question_answer ANECDOTE
Porträt Von Walli Wolf
Walli ist Bedarfslehrkraft, späte Aussiedlerin und alleinerziehend.
Sie handelt nicht aus Idealismus, sondern aus Notwendigkeit und Verantwortungsgefühl.
insights INSIGHT
Schule Als Spiegel Der Gesellschaft
Schule spiegelt gesellschaftliche Dauerkrisen ohne Pausen wider.
Lehrkräfte und Kinder tragen Konflikte, für die das System keine Mittel hat.
insights INSIGHT
Kindheit Trägt Politische Lasten
Kinder bringen Themen wie Fluchttraumata und häusliche Gewalt in die Schule.
Das System bietet dafür weder Zeit noch Zuständigkeit und schützt Lehrkräfte nicht.
Get the Snipd Podcast app to discover more snips from this episode
Ricarda Junge 1979 in Wiesbaden geboren, hat seit zwölf Jahren keinen Roman mehr veröffentlicht. In der Zwischenzeit hat sie das zweite Staatsexamen absolviert, ist in Berlin Lehrerin geworden und hat nach kurzer Zeit ihre Stelle wieder gekündigt. Nun unterrichtet und lebt sie in Kassel. Ihr neues Buch ist ein Schulroman.
Ein Roman aus dem deutschen Schulalltag
Walli, eigentlich Waltraud Wolf arbeitet als so genannte Bedarfslehrerin an einer Grundschule in einer fiktiven Kleinstadt namens Liebefeld. Walli ist mit ihren beiden Kindern aus Berlin geflohen; es gab Vorfälle, wie es zunächst nur heißt.
Auf beklemmende Art und Weise nimmt Junge in ihrem Roman „Die schönste Zeit“ ihre Leserschaft mit in den Schulalltag – in ein System aus Überforderung, Chaos und überbordender Bürokratie.
Dauerkrise ohne Pause
„Unser System lebt nur von Leuten, die ihre Grenzen immer wieder überschreiten, weil sie es müssen“, sagt Ricarda Junge. Ihre Heldin Walli ist keine Überzeugungstäterin, keine Idealistin. Sie macht ihren Job und stößt dabei immer wieder an Grenzen. Der Schulalltag wird dabei zu einem Spiegel der Gesellschaft:
„Die Schule zeigt nur, was überall gilt: Dauerkrisen ohne Pausen“, sagt Ricarda Junge und fügt an: „Die Kinder kommen mit Themen in die Schule, für die in diesem System weder Zeit noch Zuständigkeit herrscht.“
Bürokratischer Irrsinn
Das bemerkt auch Walli, die mit Situationen konfrontiert wird, für die sie nicht ausgebildet ist. Und mit einem Schulsystem, das den permanenten Notstand hinter Euphemismen und Abkürzungen versteckt. Junges Einsicht:
„Wenn das Benennen von Problemen schon als Grenzüberschreitung gilt, wird Veränderung unmöglich.“ Der Roman bekommt eine zusätzliche politische Dimension durch den Umstand, dass Wallis Kinder einen jüdischen Vater haben.
Antisemitische Codes und Anfeindungen
Die Vorfälle in Berlin, derentwegen Walli geflohen ist, haben damit zu tun. Eine Erfahrung, die auch Ricarda Junge selbst in ihrer Zeit als Lehrkraft gemacht hat: „Die Geschwindigkeit, mit der antisemitische Codes Normalität geworden sind, auch unter Kindern, erschreckt mich.“ „Die schönste Zeit“ ist ein aufrüttelnder Roman aus der Mitte der Gesellschaft.