
SWR Kultur lesenswert - Literatur Die ursprüngliche Kraft des Lesens: Pierre Michons „Wintermythologien“
Feb 13, 2026
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Über Pierre Michon schrieb sein Schriftstellerkollege Jürg Laederach einmal:
„Michons Texte legen den Vergleich mit anderen lahm, außer dem Terminus „ungewohnt“ steht kein anderer zur Verfügung.“
„Ungewohnt“ – auf Michons Texte trifft dieses Urteil gerade in seiner Vagheit zu. Abseits aller Moden praktiziert Michon ein anachronistisches Schreiben, den Blick stets nach hinten in die Geschichte gerichtet, doch ohne dabei je Konzessionen an einen ‚altbackenen‘ Stil zu machen.
So auch in den „Wintermythologien“, einer Sammlung von Erzählminiaturen.
Heiligenlegenden – auch ohne Heilige
Im Stile alter Heiligenlegenden und Volksmärchen erzählt Michon darin von den Schicksalen bekannter und unbekannter, gebildeter und ungebildeter Menschen, die alle eines verbindet: sie müssen mit einer Gegenwart fertig werden, die sie sich nicht ausgesucht haben – und deren Sinn und Zweck ihnen oft genug verborgen bleibt. Der Mensch als Eintagsfliege im Sturm der Geschichte – das ist, seit seinem, heute als moderner Klassiker geltendem, Erstling „Vies minuscules“ von 1984, das ureigene Thema von Michons Literatur. Da ist etwa Antoine Persegol, ein einfacher Mann aus dem Massif Central, jenem menschenleeren Zentrum Frankreichs. Wir schreiben den 9. Juni 1793. Mit 46 anderen betrunkenen, bewaffneten und hoffnungslosen Männern lässt sich Antoine von königstreuen Konterrevolutionären anwerben: „Sie zu überzeugen, war nicht schwer: Es sind Bauern oder Kardierer, Weber im Stücklohn; das Elend ist ihr Los; und die großen Wirren, der ausländische Krieg, das Gesetz über das Maximum verdoppeln das Elend.“ „Da unten, eine Stunde ist’s her, vor den Weinkrügen, war es ein Kinderspiel, und schon hatten sie der Republik das bittere Elend zugeschrieben wie zuvor dem König.“Die Unerbittlichkeit der Geschichte
Der Weg zwischen Elend, Hoffnung und Tod ist kurz bei Michon. Auch im Fall von Antoine Persegol, der mit seinen Mitstreitern sehr bald von einem republikanischen Truppenverband gefangengenommen wird. Vom Pariser Französisch der Soldaten versteht Antoine kein Wort. Und so hält sich in ihm bis zuletzt die Hoffnung, freigelassen zu werden. Doch: „Die Wirklichkeit ist eine Rabenmutter. Am nächsten Tag in Florac sprechen fünf sitzende Männer mit schwarzen Hüten zu den stehenden siebenundvierzig in einer unverständlichen Sprache. (…) Die große Maschine mit der schnellen schrägen Schneide steht auf dem Marktplatz von Florac.“Siebenundvierzig Mal trennt das Eisen unserer Mutter Tod einen Kopf von einem Rumpf, siebenundvierzig Mal bestätigt ein vom Rumpf getrennter Kopf die Fallgesetze. Antoine Persegol ist der vierzigste.Auch in den „Wintermythologien“ begegnet Pierre Michon dem tragischen Pathos der Geschichte mit einer fast schon aufreizenden Lakonik, für die der Übersetzer Wolfgang Matz ein angemessenes, nüchtern-poetisches Deutsch gefunden hat.Quelle: Pierre Michon – Wintermythologien
Lesen als Ereignis
Wohl besser als jeder künstlich-historischen Sprache gelingt es Michon mit seinem charismatischen Tonfall, die eigentlich menschlichen, überhistorischen Momente herauszustellen, die einen irischen Mönch aus dem Frühmittelalter mit einem französischen Bauern um 1800 – und beide mit uns heute – verbindet. Neben dem allgegenwärtigen Elend und der Ratlosigkeit liegt dieser verbindende Moment für Michon vor allem in der menschlichen Fähigkeit zu Neugierde und Faszination. Der prädestinierte Ort dieser Faszination ist seit jeher das Buch, dessen ursprüngliche Magie Michon in einer Geschichte über einen irischen Wandermönch beschwört: „Im Winter des Jahres 559 liest er. Gerade ist er angekommen im Kloster Moville, Trockensteinmauern auf kahler Heider vor der Irischen See. Es regnet wie in Irland, man hört drunten die See, aber man sieht sie nicht. Der Abt Finian hat ihn alleingelassen in diesem Schuppen, der dient als Bibliothek. Hier gibt’s vier Bücher.“ Zu einer Zeit, in der vier Bücher das Wissen der Welt zu fassen vermochten, wurde das Lesen fast zwangsläufig zu einer mystischen Erfahrung. Michons Literatur ist eine Feier dieser ursprünglichen, verändernden Kraft des Lesens. Und lesen wir seine „Wintermythologien“, so ergeht es uns wie dem Mönch über der Irischen See:Er hört die See, die drunten herabstürzt mit all ihrem Gewicht. Er versinkt im Text.Quelle: Pierre Michon – Wintermythologien
