Cumali Karagöz hat es geschafft. Eine ausladende Luxusvilla mit Pool, eigenem Heimkino, vier Gästezimmern und einer Sportwagen-Sammlung nennt er sein Eigen. Sein „ComePlay“–Imperium umfasst 30 Spielotheken, Tendenz steigend.
Die Krönung seiner unternehmerischen Existenz aber soll ein wahrer Glücksspiel-Tempel werden: ein gigantisches Casino, das von allen Seiten sichtbar der Stadt Steinheim seinen Stempel aufdrückt. Denn trotz Karriere und Bilderbuchfamilie – Cuma ist alles andere als beliebt.
Die bürgerliche Gesellschaft von Steinheim meidet ihn, die Nachbarn fühlen sich von ihm gestört und seit Jahren stalkt ihn ein Mann, der sich immer wieder mit einem Anti-Karagöz-Plakat vor ihm aufbaut:
„Der Mann kann stundenlang fast durchgehend in dieser Position verharren, das hat er oft genug bewiesen. Sein Gesicht ist dabei nie wütend oder verbissen, sondern völlig neutral. Er reagiert nicht auf Provokationen und scheint besonderen Wert darauf zu legen, Cuma wie Luft zu behandeln.
Der ignoriert ihn inzwischen in aller Regel auch."
Wahrheit oder Lüge?
Für seinen zweiten Roman hat Autor Cihan Acar die heißen Straßenpflaster Heilbronns verlassen und ist in eine fiktive Provinzstadt namens Steinheim gezogen, wobei der Neckar dann doch noch irgendwann durchs Bild fließt.
Und so ist es diesmal weniger die Milieustudie, die Acar interessiert, als vielmehr eine Versuchsanordnung, ein Gedankenspiel. Er erzählt:
„Ich fand das spannend, eine Figur zu erzählen, bei der man nie so richtig weiß, was stimmt, welche Information über die Figur stimmt.
Es gibt da die Möglichkeit, dass man ihm glaubt, dass man seinem Selbstbild, das er von sich darstellt, glaubt und dann eben der These folgt, dass es einfach ein erfolgreicher Geschäftsmann ist, der sich nichts zu Schulden hat kommen lassen.
Oder eben dass man den Gerüchten, die sich jahrelang auch schon vor der Geschichte über ihn halten, dann eher folgt. Und die Gerüchte besagen eben, dass er schon viel Dreck am Stecken hat, dass er schlimme Dinge getan hat in der Vergangenheit. Und mit diesen zwei Widersprüchen wollte ich spielen im Laufe des Romans.“
Ungeklärte Schuldfrage
Erst knapp auf der Hälfte des Romans erfährt man, worum es bei der Geschichte eigentlich geht. Als junger Mann wird er beschuldigt, seinen Abteilungsleiter und dessen Ehefrau aus Rache getötet zu haben.
Nach anderthalb Jahren Untersuchungshaft und einem langwierigen Prozess: Freispruch aus Mangel an Beweisen.
Am Tag seiner Freilassung schwört Cuma, es der Stadt zu zeigen. „Sie wollten den Bösewicht und den asozialen Türken, sie sollen ihn bekommen“, sagt er zu seiner Frau Hannah und die beschließt, seine Version der Wahrheit zu glauben. Auch die Kinder, Tochter Zaha und Sohn Ediz, werden mit Cumas Wahrheit groß.
Doch die nie geklärte Schuldfrage lässt sich nicht abschütteln.
„Und eine ganz große Frage ist natürlich, inwiefern man als Familienmitglieder auch unter diesem Schatten stehen muss, unter dem der Vater steht", verrät Acar.
„Da hatte ich es dann so konstruiert, dass der Vater sich äußerlich stark gibt und diese Gerüchte, die es um ihn gibt, und diese Vorwürfe nicht an sich heranlässt. Zumindest äußerlich. Und inwiefern man unter seinem Ruf mitzuleiden hat, das sind so Probleme und Fragen, denen sich seine Ehefrau, seine Tochter und sein Sohn immer wieder stellen müssen.“
Wenn die Ungewissheit zur Bedrohung wird
Ein wenig holzschnittartig, aber durchaus glaubwürdig zeichnet Cihan Acar seine Hauptfigur, der sich nach dem Prozess vom überangepassten Integrationsmusterschüler zum rücksichtslosen Oberboss wandelt. Cuma bleibt auf Distanz.
Man soll sich wohl selbst einen Reim auf diesen ambivalenten Typen machen, der behauptet kein Mafia-Pate zu sein, sich aber gelegentlich genauso verhält. Und der sich bezeichnenderweise vor Eulen fürchtet. Mit der allmählichen Fertigstellung des Casinos kündigen sich für die ganze Familie Veränderungen an.
Und es zeigt sich: das Vertrauen in Cumas Unschuld ist eine Illusion. Sohn Ediz leidet seit Jahren unter Panikattacken, die kluge und ehrgeizige Tochter Zaha kommt ins Straucheln, als sie nach Einser-Abi und sozialem Jahr keinen Jura-Studienplatz in Berlin bekommt.
Und mit der Perspektive bald ohne Kinder daheim zu sitzen, gerät auch Ehefrau Hannah aus dem Gleichgewicht, die bislang alle Anfeindungen stoisch ertragen hat. Autor Cihan Acar gelingt es immer wieder, Zweifel an der Unschuld Cumas zu säen.
Wie ein böses Geschwür zersetzt die nagende Ungewissheit den Glauben an Cumas Aufrichtigkeit und macht der Familie zu schaffen. Bei diesen Figuren ist Cihan Acar deutlich näher dran, legt ihre Befindlichkeiten bloß:
„Während Ediz über den Schulhof geht, malt er sich aus, wie es ablaufen wird: Schon beim Öffnen der Tür zum Klassenraum wird er Angst vor dem Schwitzen haben, diese Angst wird ihn nur umso mehr schwitzen lassen, und innerhalb weniger Minuten wird ihn der Strudel aus Angst und Schweiß mit sich reißen und die Prüfung zur Nebensache werden lassen."
Ein unauflösbares Dilemma
Knapp und schnörkellos ist Cihan Acars Prosa – wie in seinem ersten Roman. Doch anders als in „Hawaii“ stolpert man hier nicht atemlos durch die bunte Gesellschaft eines Problemstadtviertels. Es geht sehr viel gesetzter, ernster zu, weshalb Acar auch eher sparsam mit Humor umgeht.
Dafür setzt er immer mal wieder feine ironische Spitzen. Wenn zum Beispiel bei den feinen Nachbarn „farbige Schilder vor spielenden Kindern warnen, die man nie spielen sieht.“
Wie ein Running-Gag geistert der Name Tyson durch die Geschichte, bis die Boxlegende Mike Tyson am Ende tatsächlich zur Eröffnung des Casinos einfliegt, in dem es sogar eine Sozialstation für Spielsüchtige gibt.
Acar löst sein Experiment nicht auf: Es gibt kein Entrinnen aus dem Vexierspiel von Wahrheit und Lüge, kein Entrinnen aus dem sozialen Abseits. Jedenfalls nicht für den Vater. Unscheinbar kommt dieser kleine Roman daher, seine ganze Wucht entfaltet er erst im Nachgang.