Ein Wochenende im Juni, vier Freunde aus Kindertagen, ein heißes London – mehr braucht Oisín McKenna nicht, um in „Hitzetage” ein vielschichtiges Porträt einer Generation zu zeichnen, die zwischen prekären Jobs, queerer Identität und dem Ende ihrer Großstadtträume laviert.
Zwischen Rausch und Verantwortung
Maggie ist dreißig, schwanger von ihrem Freund Ed und muss sich eingestehen, dass ihr Traum von einem Leben als Künstlerin keine Zukunft hat. Sie jobbt als Kellnerin und liebt das queere Londoner Nachtleben.
Eine Familienwohnung im hippen Hackney kann weder sie noch ihr Freund Ed, der als Fahrradkurier arbeitet, finanzieren. Sie überlegen, zurück in die Kleinstadt zu ziehen, die sie einst voller Zukunftshoffnungen verlassen hatten. Ed trifft sich mit seinem Freund Callum, um die Lage zu besprechen.
„Als Callum die Neuigkeit erfuhr, tröstete er Ed auf die einzige Art, die er kannte:
Unter dem Tisch schob er ihm einen Trip zu. Ed wollte nicht high werden; er war entkräftet von der Neuigkeit der Schwangerschaft und von der Tatsache, dass sein Freund Liebe nur durch das Teilen von Drogen zeigen konnte; doch als er sah, dass Callum trotz allem versuchte, Liebe zu zeigen, und weil er mit dreißig Jahren immer noch begierig darauf war, als einer der coolen Jungs zu gelten, fügte er sich schließlich, denn im Grunde seines Herzens wollte er es immer allen recht machen.
Ed legte den Trip unter seine Zunge, und zwanzig Minuten später wurden die Wände des Pubs rosa und fleischig…"
Auf der Suche nach Erfahrungen im vibrierenden London
Callum, der seinen Lohn mit kleinen Drogendeals aufbessert, fühlt sich überfordert von der Nachricht, dass seine Mutter eine Krebsdiagnose erhalten hat. Callums Bruder Phil, schwul und ebenfalls aus der Provinz nach London geflüchtet, sehnt sich inmitten lauter Partys und schriller Clubs nach einer verlässlichen Beziehung mit seinem Mitbewohner Keith.
Hungrig nach Erfahrungen und neuen Möglichkeiten sind sie alle und das vibrierende, glitzernde London steht wie eine Chiffre für das, was in diesem heißen Sommer endlich kommen soll: Das wahre Leben, das sich wie ein buntes Füllhorn über die schnöde Realität ergießt.
Oisín McKenna wechselt zwischen inneren Monologen, knappen Social-Media-Posts und witzigen Dialogen und schafft so ein dichtes, multiperspektivisches Porträt einer Generation. Die gemeinsame Vorstadt-Herkunft verbindet die vier jungen Protagonist*innen – und wird zugleich zur Folie, vor der ihre Prekarität in London umso schärfer hervortritt.
McKenna erzählt das mit viel Empathie für das Scheitern seiner Figuren. Maggie weiß nicht, ob sie ihr geliebtes Londoner Partyleben wirklich tauschen will gegen eine öde Existenz als biedere Vorstadt-Mutter.
Ihr Partner Ed, ebenfalls noch unentschieden, teilt ein Geheimnis mit Maggies Kindheitsfreund Phil, das seine Beziehung zu Maggie gefährden könnte.
Herkunft, Klasse und das Erbe der Eltern
Die Erzählperspektive wechselt in diesem Roman ebenso abrupt wie Ort und Zeit, was die Orientierung beim Lesen manchmal erschwert, zumal es auch noch um die Eltern der Hauptfiguren geht, die in der Kleinstadt zurückgeblieben sind.
Dies ermöglicht ihm, die prekären Lebensverhältnisse der gebildeten jungen Großstädter mit den starren Routinen der Älteren aus der Arbeiterschicht zu kontrastieren.
Eindrücklich ist in der Elterngeneration Callums und Phils Mutter Rosaleen, deren mutigen Weg aus dem bettelarmen, katholischen Dublin der 1970er Jahre der Autor einfühlsam nachzeichnet. Irgendwann hatte Rosaleen nach ihrer Emigration nach England beschlossen, ihre irische Herkunft nicht mehr so wichtig zu nehmen. Und dennoch…
„…ein Mann aus Hastings…vertrat die Theorie, die Iren würden deshalb als träge und einfältig angesehen, weil sie zu viele Kartoffeln äßen, die Kartoffeln hätten ihr Gehirn verrotten lassen. Als sie andeutete, dies sei ein koloniales Stereotyp, wurde er wütend. …Wenn man mit Menschen auskommen wollte, die glaubten, das Land, aus dem man stammt, habe keine eigene Geschichte, musste man die eigene Geschichte vergessen."
Um in England heimisch zu werden, hat Rosaleen sich also selbst verleugnet. An diesem Beispiel wird klar, wie viele Themen der Autor in seinem Roman anreißt: Es geht um queeres Leben in prekären Verhältnissen, Identitätsfindung, sexuelle Orientierung, Klassismus, Kommunikation zwischen den Generationen und die Endlichkeit des Lebens.
Verheißung und Enttäuschung
Die Großstadt London könnte man als weiteren Protagonisten bezeichnen, der ins Leben aller Figuren hineinwirkt. Wetter, Parks, Pubs, Clubs und Stadtviertel werden so prägnant beschrieben, dass man die Stadt förmlich riechen und schmecken kann.
Doch London hat den Dreißigjährigen, die seit zehn Jahren hier ums Überleben kämpfen, viel versprochen und kann längst nicht alles halten.
Phil lebt mit elf Mitbewohnern in einer alten Lagerhalle, mit deren Räumung er jederzeit rechnen muss. Die Wohnung von Maggie und Ed ist billig, weil sie schimmelig ist und verursacht Ed Asthmaanfälle. London bleibt seinen Bewohnern eine Zukunftsperspektive schuldig. Maggies Freundin Ali bringt dieses spezielle Lebensgefühl auf den Punkt.
„Ich hab' das Gefühl, in London zu leben, ist, als wäre man ständig kurz vor dem Orgasmus, könnte aber nie kommen. Es ist nicht so, als wäre man nicht geil. Aber irgendetwas tief drinnen in deinem Körper lässt es nicht zu, wie sehr du es auch versuchst. Und du, Babe, tust genau das Richtige. Du wartest nicht länger darauf, dass die Stadt dich verwandelt. Du haust ab, solange du noch kannst. Du verwandelst dich selbst."
Ein starker Stadtautor
Oisín McKenna passt die Sprachebenen der Dialoge seinen unterschiedlichen Protagonisten stimmig an und treibt die Handlung durch knappe Textnachrichten voran. Auch hier ist er stilistisch überzeugend.
Allerdings verliert sich McKenna in Phils Beziehungskrisen und ausführlichen Schilderungen der Londoner Schwulenszene. Dazu kommen lange Passagen über Phils aktuellen Beziehungsstatus und seine Mobbingerfahrungen als Vorstadt-Jugendlicher.
Aber schneller, oft anonymer Sex in der schwulen Subkultur und Mobbingerfahrungen – das sind keine neuen Themen, und die melodramatisch aufgeladenen Dramen um Phil bremsen den Rhythmus des Romans.
Doch trotz gelegentlicher Längen ist „Hitzetage“ ein gelungenes, ambitioniertes Debüt mit starken Momenten. McKenna hat einen guten Blick für Klassenverhältnisse und Milieus, aus ihm könnte ein starker Stadtautor werden.