
SWR Kultur lesenswert - Literatur Tiefgründig und schelmisch-witzig zugleich – „Liefern“ von Tomer Gardi
Feb 20, 2026
06:28
Man sieht sie überall, doch kaum jemand schaut wirklich hin: Essenslieferanten schwirren durch die Straßen, auf dem Rücken würfelförmige Thermotaschen, darin eine duftende Tüte oder ein heißer Pizza-Karton.
Der Schriftsteller Tomer Gardi steht in Berlin Kreuzberg und beobachtet, wie alle fünf Minuten ein Lieferant sein Fahrrad vor ihm abstellt, die Hände aus den Lenkerstulpen zieht und aufs Handy schaut.
„Wir stehen hier auf dem Kottbusser Tor. Vor einer Burgerkette kann man ab und zu sehen, ein Lieferant von irgendeiner Firma parkt sein E-Bike und geht in das Restaurant rein, holt die Burger raus und fährt weiter. Es ist kalt heute.“
Unterwegs im globalen Liefernetz
Zuerst fallen Gardi die Essenslieferanten während der Pandemie auf. Da hat er sich gerade in den Kopf gesetzt, einen weltumspannenden Roman zu schreiben. Und wer verkörpert sie besser, als die, die überall auf der Welt Essen ausliefern? „Die Arbeit eines Essenslieferanten ist einerseits in jeder Stadt gleich, die haben eine App, die kriegen eine Bestellung und da müssen sie hin. …“Filmon packte das Essen in Boxen, die Boxen in Tüten, und die Tüten mit Bons stellte er auf die Bar für die Riders. Die stürmten herein, jeder mit seinem kubischen Globus auf dem Rücken, packten die Tüten in ihre klobigen Rücksäcke und liefen dann wieder raus in die Stadt.„… Andererseits war mir klar, dass die Arbeit total unterschiedlich ist von Ort zu Ort, weil der Verkehr anders ist, weil Topographie der Stadt anders ist, weil es von Ort zu Ort anderes Arbeitsrecht gibt.“ Gardi beginnt zu recherchieren und entdeckt das literarische Potenzial der Lieferanten. Er reist nach Tel Aviv, Delhi, Istanbul und Buenos Aires. Das Schlusskapitel führt ihn nach Naivasha in Kenia. In jeder Stadt hat Gardi circa 15 Lieferanten interviewt.Quelle: Tomer Gardi – Liefern
Geschichten aus der Lieferantentasche
Deren Erzählungen sind fiktionalisiert in seinen neuen Roman „Liefern“ eingeflossen – die Erlebnisse, Herausforderungen und Sorgen der sogenannten Rider, aber auch die Freude an der Arbeit. „Eigentlich wollte ich in erster Linie Geschichten hören“, erklärt Gardi. „Ich wollte Menschen, die ich nicht kenne und Biografien, die ich nicht kenne, kennenlernen und dann diese Geschichte weitererzählen, als würde ich selber mit einer Lieferantentasche durch die Welt reisen und Geschichten in meine Lieferantentasche reinstecken und dann weiter an die Leserin und den Leser liefern.“ Da ist Filmon, der aus Eritrea nach Tel Aviv geflüchtet ist. Ohne Arbeitserlaubnis bleibt ihm nur, unter falschem Namen als Lieferant zu arbeiten. Er braucht Geld, um seiner Frau und Tochter nach Berlin folgen zu können. Die beiden lernen Deutsch bei Nina, die sich in Delhi in den Argentinier Ramon verliebt hat. Hier, in Delhi, bietet sich ein äußerst ungewöhnlicher Anblick: eine Frau liefert das Essen auf einem brüllenden Scooter, dirigiert von einem Kind hinter sich.Sachin immer leicht lächelnd. Vivaan ganz ernst. Passanten starrten sie an, wenn sie vorbeifuhren. Das Kind veränderte ihren Status von der ledigen Frau zur Mutter. Vivaan wurde ihr Schutz. Keine Catcalls mehr.Quelle: Tomer Gardi – Liefern
In Berlin laufen die Fäden zusammen
In Buenos Aires liefert der Venezolaner Ciervo das Essen aus. Nur stürzt sein Handy dauernd ab. Glücklicherweise findet er ein anderes – das von Ramon. Die Fäden laufen mehr oder weniger in Berlin zusammen: beim Ich-Erzähler, der mit seiner Glatze hadert. Eine Figur, augenzwinkernd nah an Gardi selbst, die sich mit einem Preisgeld eine Haartransplantation in Istanbul gönnen will. Dort trifft er auf den Lieferanten Resul, der ihm seine Lebensgeschichte offenbart.Das ist der Ort, der mich in die Arme schloss, als ich alleine in die Stadt kam, diese Arbeit hat es mir ermöglicht, meine Miete zu bezahlen, da hab ich Leute getroffen, die sich gegenseitig unterstützen.„Liefern“ ist ein globaler Erzählreigen. So wie ein Lieferant kreuz und quer durch die Straßen fährt, Ort A mit Ort B verbindet, verwebt Tomer Gardi über die Städte die Figuren miteinander. Die Geschichten erzählen davon, wie es ist, einem System gnadenlos ausgeliefert zu sein.Quelle: Tomer Gardi – Liefern
Abhängig von Bewertungen
Im Zentrum steht dabei weniger ein einzelner Held als eine Struktur: die Plattformökonomie. Die Fahrer sind abhängig von einer App, von Algorithmen, von Ratings. „Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind, sagte Resul,“ so einer der Lieferanten.Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der eine Würde hat, einem Menschen, der Fehler macht.Und doch lässt sich viel Komik und Schönheit in diesem Roman finden. Das liegt vor allem an der Sprache. Gardi ist bekannt geworden durch sein „Broken German“. In „Liefern“ aber hat er bewusst keine Kunstsprache verwendet und sein Deutsch perfektioniert. Dabei hat ihm die Übersetzerin Anne Birkenhauer geholfen, die auch das eine auf Hebräisch geschriebene Kapitel übersetzt hat. Dabei kommt immer noch Gardis unnachahmlicher Plauderton durch, verschmitzt und warm. Wobei er für jedes Kapitel einen eigenen Sound gefunden hat. „Die Straßen haben einen anderen Klang. Wir stehen hier auf dem Kottbusser Tor, das ist ein sehr zentraler und ziemlich verrückter Teil von Berlin. Wir haben nicht einmal ein Hupen gehört. Nicht einmal. Das wäre dir in Istanbul oder in Tel Aviv oder in Delhi nicht passiert.“Quelle: Tomer Gardi – Liefern
