
SWR Kultur lesenswert - Literatur Reise durch ein Land im Wandel mit der USA-Expertin Rieke Havertz
Feb 22, 2026
04:09
Das Fragezeichen im Titel des Buches „Goodbye, Amerika?“ ist für die Journalistin Rieke Havertz entscheidend. Die Frage, ob sie selbst und wir Deutsche uns von Amerika verabschieden müssen, erweist sich als ebenso grundsätzlich wie schwierig.
In einer Mischung aus persönlichen Erinnerungen und journalistischer Recherche vergleicht die Autorin ihre erste Amerika-Erfahrung als Austauschstudentin in Ohio im Jahr 2003 mit der heutigen Situation in den USA.
Wie privilegiert sie damals als Stipendiatin im idyllischen, linksliberalen Universitätsstädtchen Athens in einer Studenten-WG lebte, ist ihr heute sehr bewusst. Sie brauchte keinen Nebenjob, um 20.000 Dollar Studiengebühr zu zahlen und startete nicht mit Schulden ins Berufsleben.
Fast neunzig Prozent der Einwohner in Athens sind Weiße. Rassismus und Armut waren keine Alltagserfahrung für die deutsche Studentin. Amerika schien lässig, tolerant, freundlich und großzügig. „Ich lebe das Klischee, von dem ich angelockt wurde“, stellt Havertz im Rückblick kritisch fest.
Veränderungen und Selbsttäuschungen beim USA-Bild
Als spätere USA-Korrespondentin berichtet sie über Wahlkämpfe und spricht mit Menschen, die für einen Auftritt von Donald Trump sonntagsvormittags in einer Warteschlange anstehen, als käme der Messias. Nach Trumps erstem Wahlsieg 2016 bemerkt Havertz bei ihren Recherchen eine Veränderung.Es ist vielleicht der erste Moment, an dem die Offenheit mir gegenüber kippt. Es gibt auch 2016 bereits Ladenbesitzer, die nicht mit mir sprechen wollen. Es gibt das Diner, in dem ich mich an den Tresen setze und hoffe, mit jemandem ins Gespräch zu kommen und ungewöhnlich lange allein dort ausharre.Aber was sind tatsächliche Veränderungen und wo muss man sich Selbsttäuschungen im eigenen Amerika-Bild eingestehen? Dass die Autorin herausfinden möchte, was sie selbst vielleicht allzu bereitwillig lange übersehen hat, macht das Buch so spannend, denn dies regt auch die Leser zu eigenen Reflexionen an.Quelle: Rieke Havertz – Goodbye, America?
Amerikanische Geschichte auf dem Prüfstand
Die 1980 geborene Journalistin ist wie viele Deutsche geprägt vom Einfluss amerikanischer Populärkultur. Kinofilme, Fernsehserien und Musik sind Teile einer mächtigen US-Unterhaltungsindustrie, die unser Bild vom „land of the free“, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, bestimmten. Doch dieses Land hat es so nie gegeben, wie Havertz klarstellt.Das eigene Schicksal selbst in die Hand nehmen zu können, darauf basiert der amerikanische Traum immer noch, obwohl er nur für die wenigsten konkret lebbar ist und selbst unter den founding fathers in Bezug auf das Wahlrecht nur den wenigen Privilegierten gewährt wurde. Konkret: wohlhabenden, weißen Männern, die Land besaßen. Manche Bundesstaaten führten außerdem noch religiöse Tests ein, um sicherzustellen, dass nur christliche Männer wählen würden.Havertz führt viele solcher Beispiele an, die unser idealisiertes Amerikabild in Frage stellen. Sie zeigt, dass auch der charismatische Barack Obama längst nicht alle Hoffnungen erfüllte. Obwohl die Autorin Amerika als ihre zweite Heimat empfindet, weiß sie um dessen Defizite: Kein Land hat so viele Waffen im Umlauf wie die USA, wo sich inzwischen ein Neopatriarchat mit frauenfeindlichen Slogans entwickelt.Quelle: Rieke Havertz – Goodbye, America?
