SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Mar 22, 2026 • 15min

Zwischen Film und Science Fiction. Dietmar Dath erhält den Alfred-Kerr-Preis 2026

Dietmar Dath ist Feuilletonredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Autor von rund 50 Büchern. Er stammt aus der Nähe von Lörrach und lebt heute in Frankfurt und Freiburg. Nach der Preisverleihung war er bei SWR Kultur zu Gast. Er erzählt, was ihn an Literaturkritik und Zukunftsgeschichten interessiert. Und auch davon, warum er in verschiedenen Genres schreibt und wie es ihm gelingt, so produktiv zu sein.
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Mar 22, 2026 • 1h 1min

Preise und anderes von der Leipziger Buchmesse 2026

Zu Gast sind: Carsten Otte, Dietmar Dath und Carsten Gansel. Außerdem gibt es Beiträge zu Buchbranche & KI und über das Schreiben in Diktaturen.
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Mar 22, 2026 • 10min

Preise, Debatten und Skandale. Was war los auf der Leipziger Buchmesse 2026?

SWR Literaturredakteur Carsten Otte gibt einen Überblick über das Messegeschehen. Debatten und Schwerpunkte Er berichtet über die Debatten rund um Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, vom Preis der Leipziger Buchmesse und über die Schwerpunktregion Donau. Außerdem hat er auf der Messe überraschend viel Esoterik, diskutable Dark Romance und einen eigenen Stand für den Autor Sebastian Fitzek entdeckt.
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Mar 18, 2026 • 4min

Gefangen in der Turboglobalisierung: Oliver Rathkolbs „Ökonomie der Angst“

Ähnlich wie die Menschen vor 1914 leben wir heute in einem Zeitalter der Hypernervosität und Überforderung, schreibt der renommierte Zeithistoriker Oliver Rathkolb in seinem neuen Buch „Ökonomie der Angst“. Diesem gesellschaftlichen Zustand sind jeweils Beschleunigungs- und Globalisierungsprozesse vorhergegangen. Rathkolb nennt sie „Turboglobalisierungen“.   Dampfschiff und Computer als Treiber der Turboglobalisierungen  Der Treiber für die erste Welle ab 1870 waren Innovationen wie das Dampfschiff oder die Unterseetelegraphie. Entwicklungen auf dem Computersektor befeuerten dann ab den 1980ern die zweite „Turboglobalisierung“. Damals wie heute nahm man es mit der Regulierung negativer Auswirkungen nicht so genau. Die Folgen waren nach 1914 bekanntlich verheerend, so Rathkolb: „1914 war auch für viele Akteurinnen und Akteure der Moderne in Berlin, Paris, London, Wien, Moskau, der Krieg, wenn man so will, die Möglichkeit, dass endlich diese alte, verzopfte Gesellschaft sich radikal ändert. Das ist, glaube ich, eine der großen Gefahren, dass wir wieder die Tendenz haben, so eine allumfassende, einfache Lösung zu finden.“  Rathkolb macht es sich in seinem Essay zur Aufgabe, Handlungsempfehlungen zu entwerfen, die eine ähnlich katastrophale Entwicklung verhindern könnten.   Also wir stehen wirklich vor einer abgrundtiefen Schlucht und müssen einfach auch lernen, Tempo, Nervosität, Aufregung herauszunehmen und wirklich zentrale, ruhige, strategische Entscheidungen zu treffen. Quelle: Oliver Rathkolb Historisches fundiertes „Policy Paper“ für die Europäische Union  Mit „wir“, damit meint der emeritierte Universitätsprofessor die Europäische Union. Teilweise liest sich sein weitgespannter Epochenvergleich wie ein historisch fundiertes „Policy Paper“ für die EU, das auch Lösungsansätze aus der Vergangenheit neu zur Diskussion stellt. Zum Beispiel die Idee eines neuen Nord-Süd-Dialogs im Geiste Willy Brandts und Bruno Kreiskys, eine Kooperation mit Teilen des Globalen Südens auf Augenhöhe.   Europa müsse sich auf seine historischen Stärken besinnen, etwa im Bildungsbereich, auf anderen Gebieten – Stichwort „Überbürokratisierung“ – aber mit seinen Traditionen brechen.   Sehnsucht nach „starken Führern“  Besonderes Augenmerk legt der Historiker auf die Zukunft der parlamentarischen Demokratie, die in der zweiten „Turboglobalisierung“ massiv unter Druck geraten sei. Steigende Ungleichheit und wachsende regionale Disparitäten hätten der Sehnsucht nach „starken Führern“ Vorschub geleistet.     „Wir haben geglaubt, 1990, 1991, die Demokratie hat gesiegt, mit diesem berühmten Diktum von Francis Fukuyama, aber das war ein Irrglaube, die Demokratie ist ein sehr fragiles Instrument, das auch immer wieder neu verhandelt, neu entdeckt werden muss und das sozial liefern muss“, erläutert Rathkolb.   Eine Demokratie, die es nicht schaffe, einen sozialen Ausgleich herzustellen, habe ihre Legitimität verwirkt, so der Historiker, der unter anderem für eine neue Regionalpolitik plädiert, die den ländlichen Raum nicht nur als „Wochenend-Zweitwohnsitz“ adressiert. Dort, wo es gute Arbeit gebe, leistbaren Wohnraum und Räume echter sozialer Interaktion, hätten auch die sogenannten Sozialen Medien weniger verderbliche Auswirkungen.  Oliver Rathkolb hat mit „Ökonomie der Angst“ eine mutige und weitsichtige Gegenwartsanalyse geschrieben, die ihre Originalität aus einem frappierenden historischen Vergleich bezieht. Die Diagnose Rathkolbs mag düster ausfallen. Aber folgen wir gedanklich seinen Handlungsempfehlungen starren wir nicht länger in den Abgrund, sondern sehen einen Weg, der an ihm vorbeiführt.
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Mar 17, 2026 • 4min

Mit fremden Augen: Thomas Hettches neuer Roman „Liebe“

Alte Paare, junge Paare Ein Sommerfest auf einem Gehöft an der Ostsee. Man sitzt zusammen am langen Tisch. Alte Paare, junge Paare, dazwischen Max. Irgendwann hat Max genug, greift sich eine Flasche und ein Glas, setzt sich in die Dunkelheit unter die Bäume und blickt aufs Meer. Und dann plötzlich ein Gruß im Dunkeln, eine Frau gesellt sich zu ihm. Max erkennt nicht mehr als einen Schimmer auf ihrem Haar; alles um die beiden herum wird unwichtig, denn...  „Er erinnert sich tatsächlich nicht mehr daran, worüber sie in jener Nacht sprachen. Nur, dass es vom ersten Moment an in der Dunkelheit, in der sie einander nicht sahen, so etwas wie ein selbstverständliches Verständnis zwischen ihnen gab. Ihre Stimme weich und warm. Er meinte schon nach kurzer Zeit, ihr abhören zu können, ob sie lächelte beim Sprechen oder nicht, ob sie misstrauisch war oder sich entspannte. Wie lange das ging? Max weiß es nicht mehr."  Digitales Begehren  Der Lichtkegel eines Scheinwerfers huscht über die beiden, und zum ersten Mal sehen sie sich tatsächlich, und es ist so etwas wie ein Blitzschlag, der in sie fährt. Mit dieser Szene eröffnet Thomas Hettche seinen neuen Roman, und er kann solche schwebenden Momente mit maximaler Eleganz schreiben. Allein dieser Titel, „Liebe“, ist ein Wagnis.  Max ist 63 Jahre alt und nach mehreren gescheiterten Verbindungen alleinstehend und zweifacher Vater. Anna ist etwa im gleichen Alter und kinderlos verheiratet. Ihre Ehe will sie nicht aufgeben, doch die Anziehung zwischen Max und Anna ist zu groß, um voneinander zu lassen.  Sie schreiben sich Nachrichten, die als Strukturelement in die Erzählung integriert sind. Ein Strom digitaler Kommunikation, der das Begehren verstärkt. Ein Warten darauf, dass die beiden Häkchen sich blau färben. Dann treffen sich Max und Anna. Und ihre Liebe hat etwas traumwandlerisch Selbstverständliches. So beschreibt Hettche sie auch, in Nahaufnahme, in all ihren Facetten, in allen Details. Dass der Beziehung etwas Verzweifeltes anhaftet, liegt in der Asymmetrie der Lebensverhältnisse.  Christoph, ein enger Freund von Max aus gemeinsamen Zeiten an der Kunstakademie, bringt ihm zu einem Treffen ein zerlesenes Reclam-Heftchen mit, Hegels frühe „Fragmente über Religion und Liebe“. Max liest:  ‚Eigentliche Liebe‘, las er da und Christoph hatte an den Seitenrand noch ein Ausrufezeichen gesetzt, ‚findet nur unter Lebendigen statt, die an Macht sich gleich und also durchaus füreinander Lebendige, von keiner Seite gegeneinander Tote sind.‘Und:‚Die Liebe ist unwillig über das noch Getrennte.‘ Quelle: Thomas Hettche – Liebe Schönheit und Unheimlichkeit  Eigentlich erzählt Thomas Hettche eine einfache Liebesgeschichte. Liebe im Alter ist anders als eine Liebe zwischen jungen Menschen. Und doch ist sie im Kern dasselbe. Diesen Kern umkreist das Buch auf mehreren Zeitebenen, in Reflexionen und in intimen Begegnungen, die, zumindest vorerst, vom Bewusstsein der Vergeblichkeit grundiert sind. Die Liebe zwischen Max und Anna ist lebendig, doch sind sie nicht füreinander frei. Dass Hettche nie banal und nie kitschig wird, ist verblüffend.  Max ist von Beruf Ocularist. Er stellt künstliche Augen her. E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“ geistert durch den Roman. Sehen und Blindheit; der eigene Blick und der des Gegenübers – all das sind unaufdringlich in den raffiniert konstruierten Text eingeflochtene Leitmotive und Perspektiven, ebenso wie die Ahnung von der eigenen Sterblichkeit, die von den ersten Seiten an dunkel über dem Buch liegt.  Hettche hat einen Ton gefunden für die gleichzeitige Schönheit und Unheimlichkeit eines unbedingten Gefühls.  Die Liebe ist schmerzhaft, wenn man nicht mehr jung ist. Doch es gibt keine Alternative zu ihr. Sie ist das Wunder.  Quelle: Thomas Hettche – Liebe Ein Autor, der von diesem Wunder so ernsthaft, leicht und klug erzählen kann, ist ein Könner.
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Mar 17, 2026 • 6min

Keine Liebe ohne Abgrund – Birgit Birnbachers herausragender Familienroman „Sie wollen uns erzählen“

Ein Unglück Die Sommerferien stehen kurz bevor, als das Unglück passiert. Der zehnjährige Oz und seine Mitschüler entfernen sich unerlaubterweise vom Pausenhof und gehen zum Kaninchenstall hinter dem Schulgebäude. Weder die Lehrer noch der grimmige Schulwart, den alle nur HL nennen, haben mitbekommen, dass die Kinder die Tiere besucht und es versäumt haben, die Stalltür wieder zu schließen. HL wird gleich den Rasen rund um den Stall mähen und das freilaufende Kaninchen namens Flöte übersehen, vielleicht auch weil ihm die Karnickel egal sind. Die schuldbewussten Schüler aber beobachten aus nächster Nähe… Ein Drama für Hase und Schüler „Wie Flöte vollkommen aufgescheucht vom Lärm, wild und im Zickzack, über die Wiese springt. Wie Flöte wild herumrennt, Hüpfer macht, höher, als sie das jemals gesehen haben. Mit angehaltenem Atem sehen sie, wie das arme Tier rast vor Schreck, davonspringen will. Wie es in seiner Panik beinahe gegen die Mauer kracht. Wie es stattdessen aber, in dem irren Zickzack, nicht davon-, sondern direkt zu HL hinspringt, in den Rasenmäher hinein, unter den Rasenmäher drunter. Oz schlägt die Hände vors Gesicht (…).“ Damit ist das Hasendrama noch nicht vorbei. Denn Oz wird den Todeskampf des schwer verletzten Tiers beenden. Eine rabiate Tat, die Mitschüler und Lehrer gleichermaßen entsetzt. Daheim erzählt Oz zunächst nichts von dem Vorfall, auch wenn er weiß, dass Mutter Annegret darüber informiert wird. Temperament wie ein Pulverfass Ann hat eigentlich ein gutes Verhältnis zu Oz, auch weil sie ähnlich tickt wie ihr Sohn. „Vom Temperament her ist sie eher der Pulverfass-Typ“, heißt es an einer Stelle. Ihre Medikamente will sie nicht länger nehmen, geht aber immerhin ins „Impulskontrolltraining“. Zu ihrer Schulzeit galt sie als „energiegeladen“, von ADHS hatte man damals noch nichts gehört. „Mutter und Sohn sind im Spielen nicht gut. Sie hassen Uno, Mensch ärgere Dich nicht, Vier gewinnt. Sie hassen Regeln und Vorhersehbarkeit, die vorgegebenen Abläufe, die Unausweichlichkeit des Verlierens. Ihre Spiele sind eher Gespräche, und ihre Gespräche sind ein Erzählen. Ihr Erzählen hat begonnen, als Ozzy zu sprechen begann.“ Im entscheidenden Moment sprechen Mutter und Sohn aber nicht miteinander. Das Erzählen verlagert sich ins Innere der beiden Figuren, denen Birgit Birnbacher aus jeweils personaler Perspektive folgt. Ann möchte den Sohn die Ferien über in ein „Camp für Kinder mit und ohne ADHS“ schicken. Care-Arbeit und Zukunftsangst Sie braucht Ruhe, möchte nach der Trennung von ihrem Mann auch der Frage nachgehen: „Wer bin ich geworden?“ – Ann kämpft an vielen Fronten. Nach der dritten Befristung an der Uni kann sie davon ausgehen, bald keinen Job mehr zu haben. Die vierundsiebzigjährige Mutter lebt in den Bergen und scheint ebenfalls Betreuung zu brauchen. Die doppelte Care-Arbeit wird Ann nicht allein meistern können. Wer wird ihr helfen? Die unzuverlässige Schwester Nell? Würden sie es schaffen, Oz zumindest in die Ferienbetreuung zu fahren? Kinderbetreuungspflicht ist für Nell so ein Wort wie Vorratsdatenspeicherung oder Nasen-Rachen-Abstrich, etwas, von dem man weiß, dass es das gibt, das die anderen auch ruhig machen können, womit sie sie aber bitte in Ruhe lassen sollen. Quelle: Birgit Birnbacher – Sie wollen uns erzählen Auf wen ist verlass? Doch der Junge will weg. Er möchte in den Ferien nicht ständig über seinen „Hasenmord“ nachdenken. Oz setzt sich ins Auto der Tante, die sich wie erwartet nicht an Absprachen hält. Statt ins Feriencamp fährt sie in ihre alternative Wohngemeinschaft im Waldviertel, im hintersten Eck von Niederösterreich. Das unbekannte Terrain macht den Jungen nervös. Die Tante scheint sich nur um eigene Belange zu kümmern. Ihre Coolness entpuppt sich als Rücksichtslosigkeit. Derweil scheint ein Unwetter heraufzuziehen, und die Kommunarden müssen Sandsäcke schleppen. Neurodiversität und Einsamkeit Es droht ein Hochwasser, was den angespannten Oz nicht weiter interessiert. Er wird die erste Gelegenheit nutzen, um nach Hause zurückzulaufen, im Dauerregen durch den dunklen Wald. „Er hat sich nicht vorstellen können, wie lange man eine Straße entlanggehen kann, ohne dass ein einziges Auto kommt. Sein Plan, so lange das Handy anzuschauen, bis seine Mama anruft, funktioniert bis jetzt auch nicht. So ein Handy wird ja kaputt, wenn man es die ganze Zeit in den Regen hält.“ „Sie wollen uns erzählen“ ist ein so bedrückendes wie erhellendes Familiendrama, das von der Einsamkeit neurodiverser Menschen handelt. Der Buchtitel erinnert an einen Song von Tocotronic; die Liedzeilen werden in Birnbachers Text zwar nicht explizit erwähnt, beschreiben aber den gesellschaftspolitischen Subtext des Romans: „Sie wollen uns erzählen / Wir sollen uns nicht mehr quälen / Und sie sind schon zufrieden / Wenn wir die Kurve kriegen“. Mutter und Sohn bekommen die Kurve, weil sie sich, selbst wenn sie getrennt unterwegs sind, auf erzählerische Weise gegenseitig bestärken. Mehr als nur eine Diagnose Birgit Birnbacher findet eine angemessene Sprache für die Unruhe der Charaktere, entwickelt eine hochnervöse Syntax, die auch zum Symbol wird für die rasenden Zeitläufte insgesamt. Es ist eine ungemein berührende, manchmal unheimliche Geschichte, die gleichwohl ein bildstarkes und beruhigendes Ende findet. Die manischen Monologe der Hauptfiguren gehen zum Schluss über in ein echtes Zwiegespräch. Mutter und Sohn begreifen, dass ein totes Kaninchen keine Katastrophe und dass ein Kind, das einen oder auch zwei Fehler gemacht hat, kein böser Killer ist. Wenn sich ein Pennäler nicht ans Regelwerk hält, kommt die Schule schnell an ihre pädagogischen Grenzen. Das kann, das muss man beklagen. Doch entscheidend ist, wie die engsten Vertrauten auf die kleinen und großen Krisen von Kindern reagieren, die unaufmerksam, hyperaktiv und manchmal erstaunlich impulsiv sind. ADHS, das zeigt dieser herausragende Roman, ist mehr als eine Diagnose. Es bedeutet eine andere, vielleicht sogar intensivere Gefühlswelt, von denen Menschen mit einer längeren Zündschnur und andere, die sich aus welchen Gründen auch immer für normal halten, eine Menge lernen können.
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Mar 16, 2026 • 4min

Woher der Hass auf die liberale Demokratie kommt

Als 1950 in den USA die berühmte Studie zur autoritären Persönlichkeit erschien, war noch nicht abzusehen, dass sie eine ganze Nachkriegsgeneration prägen sollte.  Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus hatte gerade erst begonnen, obwohl schon früh deutlich war, dass sich die Schuldfrage nicht auf einzelne Täter beschränken ließ.  Maßgeblich mitgewirkt an der Studie hatte Theodor W. Adorno, der 1938 in die USA emigrieren konnte und nach seiner Rückkehr den psychologischen Zusammenhang zwischen Triebunterdrückung und Autoritätshörigkeit auch in Deutschland weiter erforschte. Zwei Jahrzehnte später wurde die Studie zur wichtigsten Quelle der antiautoritären Bewegung.  Die regressive Moderne  In ihrem gemeinsamen Buch „Zerstörungslust“ greifen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey nun erneut auf das Konzept der autoritären Persönlichkeit zurück, um den Aufstieg rechter Parteien in Deutschland und den USA zu analysieren.  Ihr Ausgangspunkt ist die These, dass die optimistische Moderne in eine „regressive Moderne“ umgeschlagen sei:  „Die heutige Gesellschaft unterliegt einem beschleunigten sozialen Wandel, die Bilanz ist allerdings bestenfalls gemischt, wir erleben eine regressive Modernisierung. Der Fortschrittsoptimismus hat Desillusionierung, Ohnmachtsgefühlen und Nullsummendenken Platz gemacht.“  Die gebrochenen Versprechen  Während in den 1950er Jahren der Grund für die Entwicklung einer autoritären Persönlichkeit noch in der repressiven Erziehung gesehen wurde, verschieben Amlinger und Nachtwey den Fokus auf die liberale Gesellschaft.  Demnach ist es die Wut über gebrochene Versprechen, die sich in der Lust an der Zerstörung eben dieser Gesellschaft ihren Weg bahnt.  Anhand von Interviews mit ausgewählten Personen, die sich selbst dem rechtskonservativen oder dem rechtslibertären Lager zuordnen, zeichnen Amlinger und Nachtwey nach, wie aus der persönlichen Frustration eine gesellschaftlich wirksame Destruktion hervorgehen kann. Diesen Vorgang bezeichnen sie als einen „demokratischen Faschismus“:  „Die Befreiung durch Zerstörung wird nicht rational gerechtfertigt, sondern affektiv aufgeladen, sie wird als Erlösung und Lustgewinn erlebt. Der demokratische Faschismus ist bivalent gegenüber der Demokratie. In unfriedlicher Koexistenz breitet er sich innerhalb der Demokratie aus, um ihre liberalen Elemente auszulöschen.“ Die Enttäuschung über die Eliten  Die strukturelle Ursache dieser Entwicklung sehen Amlinger und Nachtwey im Siegeszug des Neoliberalismus in den 1990er Jahren. Denn damit sei nicht nur eine Ausweitung der Marktgesellschaft einhergegangen, sondern auch eine Kultur der Selbstoptimierung, die angesichts der begrenzten Aufstiegschancen ein hohes Potenzial zur Enttäuschung mit sich bringe.  Aus der Wut über die eigene Lebenslage werde aber erst Hass auf andere durch das zunehmende Gefühl, von den liberalen Eliten gegängelt und disziplinierenden Maßnahmen einer progressiven Umerziehung unterzogen zu werden. Die liberale Gesellschaft werde so als autoritäres Gegenteil ihres eigenen emanzipatorischen Anspruchs wahrgenommen:  Menschen wollen den empfundenen Paternalismus liberaler Eliten mit seinen eigenen Mitteln schlagen. Sie wollen nicht länger von oben belehrt und beschämt werden und unterziehen stattdessen stellvertretende Objekte strengen Erziehungsmaßnahmen. Quelle: Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey – Zerstörungslust Blasse Schlussforderung Amlinger und Nachtwey gelingt es eindrucksvoll, die affektiven Gründe der Zerstörungslust herauszuarbeiten. Allerdings tendiert ihr psychologischer Ansatz dazu, jede abweichende Kritik als pathologisch aufzufassen. Diese Reduktion führt im Schlusskapitel dazu, dass als Ausweg allein die blasse Forderung nach einem „neuen Antifaschismus“ übrig bleibt.
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Mar 15, 2026 • 4min

Asta Olivia Nordenhofs Roman „Geld in der Tasche“

Kurt und seiner Partnerin Maggie hat das Leben so manchen Streich gespielt. Maggie war in ihrer Jugend Opfer sexueller Gewalt, und Kurt galt in seinem Umfeld lange als Loser. Und dann werden sie auch noch Opfer der Ironie des Schicksals.  Davon erzählt die Dänin Asta Olivia Nordenhof in ihrem Roman „Geld in der Tasche“. Obwohl nicht mehr der Jüngste, hat Kurt auf einem Bauernhof auf der dänischen Insel Fünen ein Busunternehmen aufgebaut. Manchmal fühlt er sich zwar überfordert damit, weil er ein hektischer Mensch ist und das eine oder andere vergisst. Dennoch:   „Die Firma hatte drei gute Jahre in Folge, inzwischen hat er einiges auf der hohen Kante, und es schmerzt ihn fast körperlich, das Geld anzurühren. Deshalb sucht er eine besondere Anlage. Er möchte nicht in die Vergangenheit investieren, er träumt von etwas ganz Neuem.“ Roman entsteht aus einem Traumgesicht  Kurt investiert sein Geld schließlich in das Fährschiff „Scandinavian Star“. Während die Skagerrak-Fähre bis zu ihrem Untergang im April 1990 tatsächlich existiert hat, sind Kurt, Maggie und Tochter Sofie eine fiktive Familie.  Die Autorin ist zugleich auch Ich-Erzählerin und berichtet, wie die Familiengeschichte entstand. Als sie mit dem Bus durch Fünen reiste, sah sie an einer Bushaltestelle einen weißhaarigen Mann, der ihr nicht mehr aus dem Kopf ging.  Es war, als hätte ich es geträumt: ganz deutlich, aber gleichzeitig so, dass man kein einziges Detail daraus ableiten konnte. Aus seinem Traumgesicht entstand eine Ahnung von einem Hof.  Quelle: Asta Olivia Nordenhof – Geld in der Tasche Liebe, Geiz und Untergang Die Autorin lässt uns sozusagen die Erfindung der Figuren miterleben: Sie nennt den Weißhaarigen Kurt und schreibt ihm die Partnerin Maggie und beiden eine Geschichte zu. Sie erzählt sie nicht chronologisch, vielmehr widmet sie ihnen abwechselnd kurze Kapitel und schaut ihnen auch nur in einzelnen Lebensphasen über die Schulter, doch am Ende kennt man die Biografien der beiden. Sie lebten lange in Armut, und als das Busunternehmen schließlich Gewinn abwarf, entwickelte Kurt die Manie, jeden Cent zu sparen. Zumindest als sie sich trafen, empfanden sie Liebe füreinander, die sein Geiz später aber aufzehrte.  Und dann ging das Ersparte, für das sie auf alles verzichtet haben, mit der Scandinavian Star unter.   Fakten über die Schiffskatastrophe   Falls es stimmt, dass der Brand auf der Scandinavian Star gelegt wurde, um Profit daraus zu schlagen, und davon gehe ich aus, starben die 159 Menschen nicht nur wegen der zynischen Risikobereitschaft von ein paar Männern, sie starben für eine Idee,  Quelle: Asta Olivia Nordenhof – Geld in der Tasche Dies schreibt Autorin Nordenhof in dem Kapitel, das sie der Scandinavian Star widmet und zwischen Kurt und Maggies Geschichte schiebt. Es weicht stilistisch stark vom übrigen, sehr empathisch daherkommenden Text ab.  Sie macht nüchtern mit den bekannten Fakten zum Schiffsuntergang vertraut und trägt auch Vermutungen darüber zusammen.  Wobei sich Nordenhof der These anschließt, dass die Eigner, wenn sie die Brände an Bord nicht haben legen lassen, um daraus Kapital zu schlagen, zumindest an der Sicherheit der Fähre gespart haben – für „Geld in der Tasche“.  Kurt und Maggie sind also indirekte, unsichtbare Opfer, wie es sie sicherlich gegeben hat.   Eine Familientragödie Der Kapitalismus ist ein Massaker. Aber wir leben, wir können den Kapitalismus beenden,  Quelle: Asta Olivia Nordenhof – Geld in der Tasche Dennoch ist „Geld in der Tasche“ kein politisches Pamphlet, sondern ein sehr durchdacht konstruierter Roman über eine Familientragödie, der durch seinen ungewöhnlichen Aufbau und eine sehr präzise beschreibende Sprache besticht.  Auf Dänisch ist bereits ein weiterer Roman von Asta Olivia Nordenhof um den Untergang der Scandinavian Star erschienen. Bleibt zu hoffen, dass sehr bald mehr von dieser außergewöhnlichen und in Dänemark längst gefeierten Schriftstellerin übersetzt wird.
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Mar 13, 2026 • 8min

Siri Hustvedt über ihren verstorbenen Mann Paul Auster: „Ghost Stories“

Geistergeschichten von Siri Hustvedt Siri Hustvedt erzählt Geistergeschichten und ist vor allem einem Geist auf der Spur: Ihrem Mann Paul Auster. Im April 2024 verstarb er an einer Krebserkrankung. Nur wenige Tage vor seinem Tod sagte Paul Auster, er wolle als Geist zurückkehren. Und tatsächlich: Immer wieder erschnüffelt Siri Hustvedt in ihrem Zuhause in New York wie aus dem Nichts Zigarrenrauch, der sie an ihren Mann denken lässt. „Leider muss ich sagen, dass der Zigarrenrauch inzwischen stark zurückgegangen ist. Wenn ich diesen Geruch freiwillig aufrechterhalten könnte, würde ich es tun, aber das kommt wirklich sehr selten vor“, erzählt Siri Hustvedt. „Vor etwa einer Woche habe ich einen kleinen Hauch davon wahrgenommen und fand es sehr beruhigend, aber meistens passiert mir das nicht mehr.“ „Dieses Buch war eine Notwendigkeit“ Sie findet einen anderen Weg, um Paul Austers Geist festzuhalten: Sie bannt ihn auf Papier. „Ghost Stories“, Geistergeschichten, heißen ihre Memoiren, in denen sie dreiundvierzig gemeinsame Ehejahre, ihre Liebesgeschichte, den fortwährenden intensiven Austausch und ihre Trauer in Worte zu fassen versucht. Dieses Buch sei keine Entscheidung gewesen, sondern eine Notwendigkeit, sagt Hustvedt. „Zwei Nächte vor seinem Tod, in der letzten Nacht, die wir zusammen im Bett verbracht und miteinander gesprochen haben, streichelte er lange meinen Arm und sagte: „Schreib weiter, arbeite weiter, lass dich nicht von meinem Tod aufhalten, okay?“, erinnert sich die Autorin. „Ich meine, stellen Sie sich diese Großzügigkeit eines sterbenden Mannes vor, der so etwas sagt. Das bewegt mich zutiefst, und ich werde das bis zu meinem eigenen Tod mit mir tragen.“ Trauer ist keine Konstante Siri Hustvedt schreibt weiter. Auch wenn sie immer wieder im Alltag strauchelt und versuchen muss, sich selbst wieder aufzusammeln. Trauer, stellt sie fest, ist nicht konstant: Hustvedt kann sich tagelang stabil fühlen, bis ein flüchtiger Blick auf Pauls leeren Esszimmerstuhl ihr den Boden unter den Füßen wegreißt. Dieser Versuch, weiterzudenken und leben zu können, spiegelt sich auch in der Struktur ihres neuen Buches. Noch mehr als in ihren vorherigen Essaybänden oszillieren hier Hustvedts Reflexionen zwischen privaten Erfahrungen und Philosophie, Psychoanalyse, Neurowissenschaften und Politik – wie Geister erscheinen die Themen, verschwinden wieder, tauchen wieder auf und suchen einen beim Lesen heim. „Es geht hier nicht darum, dass Siri Hustvedt eine Trauer empfindet, die für andere Menschen nicht nachvollziehbar ist. Ich denke, es ist eine Erfahrung, die viele Menschen machen. Und wenn man die Intimität vermeidet, wenn man das vermeidet, was diese Erfahrung so universell macht, dann betrügt man meiner Meinung nach sich selbst und den Leser.“ Es ist intim. Der Tod ist intim. Krankheit, Tod, Trauer sind intime Erfahrungen. Quelle: Silvi Hustvedt Intime Texte finden sich in dem Band Und deshalb spart Hustvedt auch die intimsten Texte in ihrem Erinnerungsbuch nicht aus: Liebesbriefe an Paul Auster aus ihrer Studentinnenzeit, E-Mails, in denen sie den Freundeskreis über Austers Krebserkrankung informiert. Arztbesuche und Diagnosen. Behandlungsmethoden, Hoffnungsschimmer und niederschmetternde Nachrichten. Bis hin zu Tagebucheinträgen, in denen sie die letzten Tage mit Paul in ihrem Haus in Brooklyn festhält. Auch von seinem Tod, von Siri Hustvedts letzten Worten an ihren Mann, können wir lesen. Es sind Passagen, die tief berühren, die aber auch überfordern. Diese Texte reinzubringen, auch das sei eine Notwendigkeit gewesen, sagt Hustvedt: „Ich wollte etwas von diesem intimen Menschen zurückbringen. Deshalb sind Pauls Briefe in dem Buch. Und deshalb spreche ich über seine Persönlichkeit. Ich mochte seinen Charakter, aber es ist keine Hagiografie. Es geht nicht um den Heiligen Paul, den literarischen Gott, mit dem ich zufällig verheiratet bin.“ Ich wollte, dass die Leser die ganz normalen Spannungen und Freuden einer Partnerschaft spüren, insbesondere einer langjährigen Partnerschaft. Quelle: Siri Hustvedt Auch sieben Briefe, die Paul Auster an seinen Enkelsohn Miles hinterlassen hat, finden sich in dem Band. Miles war wenige Monate alt, als Paul Auster starb. In dem Wissen, sein Enkelkind nicht wirklich kennenlernen zu können, hinterließ Paul Auster ihm Briefe, in denen er Miles von der Familie erzählt, in die er hineingeboren wurde. Texte, die veröffentlicht werden, bevor Miles sie selbst lesen kann. Für Hustvedt waren sie ein Weg, Paul Auster selbst zu Wort kommen zu lassen. Wunsch, den Dialog mit Paul Auster fortzusetzen „Dadurch, dass ich diese Briefe in das Buch aufgenommen habe, konnte ich den Dialog fortsetzen, den Paul und ich 43 Jahre lang geführt hatten. Auch wenn es natürlich nicht dasselbe ist, wie wenn wir beide in einem Raum sitzen und reden, aber es ist eine schriftliche Version davon, die ich unbedingt in das Buch aufnehmen wollte“, erklärt Hustvedt. Den Dialog in die Zukunft fortzusetzen, dieser dringliche Wunsch zieht sich durch „Ghost Stories“. Das unterscheidet Hustvedts Auseinandersetzung mit ihrem Verlust von einem anderen berühmten Buch über Trauer: „Das Jahr magischen Denkens“ von Joan Didion. Darin versucht Didion, mithilfe „magischen Denkens“ etwas von ihrem verstorbenen Mann zu erhalten. So hebt sie etwa seine Schuhe auf, als könne sie ihn dadurch beschwören, wiederzukommen. „Ich habe das Gefühl, dass meine Welt ohne Paul schlechter ist“ In magisches Denken flüchtet sich Siri Hustvedt nicht. Kurz nach Paul Austers Beerdigung mistet sie radikal aus. Nur ein paar seiner Pullover und Jogginghosen behält sie und trägt sie beim Schreiben. „In meinem Fall bin ich in der Lage, das zu feiern, was zwischen mir und Paul war. Und ich muss sagen, das trage ich mit mir. Nun, das ist kein endgültiger Trost“, stellt die Autorin fest. „Ich habe das Gefühl, dass meine Welt ohne Paul schlechter ist. Ich tue nicht so, als würde man überleben, die Trauer durchleben, alle Phasen durchlaufen und dann an einem großartigen, wunderbaren Ort landen. (Nein, ich glaube nicht, dass das stimmt.)“ Aber ich bin auch in der Lage, die Kraft zu spüren, die ich aus dieser Beziehung mit diesem Mann all die Jahre gewonnen habe, und die Kraft, die wir uns gegenseitig gegeben haben. Quelle: Siri Hustvedt Beziehung auf Augenhöhe „Schreiben ist Handeln“ sagt Hustvedt und man versteht, dass es für sie notwendig war, dieses Buch zu schreiben, um weiterleben zu können. Und was erklärt, warum Hustvedt so viel Privates wie nie offenbart: Es ist ihr dringlicher Versuch, die Deutungshoheit über sie und ihren Mann zurückzubekommen. Jahrzehntelang wurden die beiden von den Medien als vermeintliche Konkurrenten dargestellt. Immer wieder war Hustvedt, Autorin von sieben Romanen, zahlreichen Essays und Aufsätzen, Ehrendoktorandin an den Universitäten von Oslo, Grenoble und Mainz, die Frau an der Seite von Paul Auster. Dabei pflegte Auster zu sagen: „Siri ist die Intellektuelle in der Familie, nicht ich.“ Er sei nie eingeschüchtert von ihr gewesen, nie habe Hustvedt Angst haben müssen, einen Gedanken nicht teilen zu können. Philosophie des Dazwischen Und das ist der größte Verlust, dem Hustvedt eigentlich in ihren „Ghost Stories“ nachgeht. Das „Und“, das zwischen ihr und Paul verloren ist. Sie nennt es ihre „Philosophie des Dazwischen“, das zwischen zwei Menschen in engem Austausch entsteht: „Und dieses Dazwischen entwickelt sich im Laufe der Zeit weiter. Es ist nicht statisch. Es ist nicht so, dass man, einen Zustand des Glücks erreicht, wie wenn man den Mount Everest besteigt, und dann dort oben sitzt. Nein, so funktioniert das nicht. Es ist ein dynamischer, fortlaufender Prozess.“ „Und zwischen uns beiden hatte ich das Gefühl, dass wir dieses Dazwischen immer wieder neu erschaffen. Und das ist Teil meines Wunsches, etwas von Paul wieder zum Leben zu erwecken. Nicht nur von Paul, sondern von Paul und mir zusammen. Etwas, das nie wiederkommen wird.“ Siri Hustvedts „Ghost Stories“ ist ein Erinnerungsbuch voller Wärme und Liebe, die über das private Schicksal hinaus reichen. In unseren politisch dunklen Zeiten ist „Ghost Stories“ ein Plädoyer für das Dazwischen, für die Kraft des Austausches und den lebenslangen Dialog.
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Mar 13, 2026 • 7min

Christoph Peters neuer Roman „Entzug“

Christoph Peters und ich haben vor vielen Jahren einmal lange in einer Mainzer Kneipe über Alkohol geredet - und dabei viel Bier getrunken, Christoph Peters war Alkoholiker, aber das wusste ich nicht. Er erzählte von seinem Plan, für einen Roman beim Trinken als Feldversuch bis an die Grenzen zu gehen. Ich war entsetzt und habe lange mit ihm diskutiert. Mit einem gewissen Respekt habe ich jetzt das neue Buch gespannt in die Hand genommen: „Entzug“ heißt es, unter der dicken Schrift verschwindet auf dem Cover ein frühes Selbstporträt des Autors.  „Es ist ja ein Selbstbildnis, was ich mit 16 gemalt habe und was sozusagen den Beginn an meiner pubertären Trinkerkarriere auch irgendwie in einer gewissen Weise markiert hat“, sagt Peters. „Und jetzt schaut es mich da durch die Buchstaben vom Entzug an, und das ist eigentlich gut, weil das ist jetzt irgendwie vorbei. Und diese ganze Phase, die auch in dem Bild präsent ist, aus Verfinsterung quasi depressiven Zuständen. Exzess, Dunkelheit, Suizidalität, das ist irgendwie weit zurückliegend.“  Peinliche Schnapskäufe  Christoph Peters beschreibt in „Entzug“ eine Befreiungsgeschichte aus der Alkoholabhängigkeit. Er tut das beeindruckend offen, vollständig, schonungslos gegenüber sich selbst – Bekenntnisliteratur, irgendwo zwischen Augustinus und den Anonymen Alkoholikern. 100 Seiten lang erzählt er den ganzen Mist, den ein Süchtiger durchmachen muss, das Versteckspiel gegenüber Frau und Kind, die peinlichen Schnapskäufe im Supermarkt, die misslungenen Camouflage-Aktionen bei Eltern, Freunden, Bekannten, wenn er wieder den halben Wodka getrunken und die Flasche mit Wasser verschnitten hat. Das alles wird erzählt – aber wie authentisch ist es?  „Es ist ein Roman, das Ich, das in dem Roman ich sagt, ist, wenn man so will, ein lyrisches Ich, also eine Figur, die ich sehr stark trotz großer Erlebnis Äquivalenzen von mir selber unterscheiden kann. … im Übrigen ist es für mich eigentlich gar nicht so ein großer Unterschied, ob ich jetzt biografisches Material von mir benutze oder Dinge, die ich Leuten zuschreibe.“  Christoph Peters erzählt von Zitteranfällen, von der langsam versagenden Leber, von den Taubheitsgefühlen in den Beinen und von der drohenden Trennung – es ist einfach alles erbärmlich.  Ein Eingeständnis Er beschließt, eine befreundete Ärztin anzurufen und sie um Tabletten zu bitten, mit denen er die Entzugssymptome bekämpfen könnte. Die Ärztin sagt wenig überraschend, das könne er nur klinisch machen und das tut er, tatsächlich und unverzüglich.  Dies beschreibt folgende Textpassage: „Ich kann weder trinken noch kann ich nicht trinken, aber wenn auch nur die geringfügige Möglichkeit bestünde, dass ich einen Bruchteil besser nicht trinken als trinken könnte, dann sollte, dann muss ich ihn jetzt sagen, diesen Satz, es ist die, meine, unsere einzige Chance, selbst wenn damit im nächsten Augenblick alles vorbei wäre, was es andernfalls erst recht ist:“ ‚Ich weiß es nicht, keine Ahnung, aber es nützt ja auch nichts, ich sag das jetzt einfach mal so, selbst auf die Gefahr hin, dass … Ich bin Alkoholiker. Ich muss einen Entzug machen.‘ Stille. ‚Ja‘, sagt die Frau. ‚Dann aber sofort.‘  Quelle: Christoph Peters – Entzug Dunkelkammern der Seele  Man spürt im Satzbau die Fluchtreflexe, die unterdrückt werden müssen. Peters ist ein glänzender Stilist. Und seine Konsequenz rettet ihm das Leben. 300 Seiten lang beschreibt er, was in der Klinik passiert, wie der 39 jährige Körper vom täglichen Liter Wodka und einem Normalpegel von über 2 Promille auf Null gekommen ist.   Für Christoph Peters habe sich keine Zeit so sehr eingebrannt wie die nahezu drei Wochen, die er in der Klinik war. Szene für Szene, Detail für Detail und auch die Selbsterfahrung wie es ist in einer Klinik zu sein und nicht mehr trinken zu dürfen. Er wusste nicht, ob er je wieder aufhören würde zu zittern, ob er seinen Namen ordentlich schreiben könne oder eine Kaffeetasse zum Mund führen könne. „Alles, das war fraglich. Und die Ärzte waren auch nicht sicher, dass das irgendwie überhaupt je wieder weggehen würde. Abgesehen davon, dass in so einem Zustand dann wirklich alle Dunkelkammern der Seele sich öffnen und alle finstere Geschichten, die man irgendwie im Laufe des Trinker Lebens so angehäuft hat, wieder ans Tageslicht stiegen wie eine ganze Bande von Dämonen.“, beschreibt Peters. Aber da ist etwas, was das Buch von Büchern wie Falladas Trinker, oder Joseph Roths Legende vom Heiligen Trinker unterscheidet. Reflektion über Kunst und Alkohol Denn in Christoph Peters ist es nicht nur ein Mensch mit einer Abhängigkeit und eine Familie mit ihrem Kampf, nicht in die Co-Abhängigkeit gezogen zu werden – sondern es ist genauso wie Bekenntnisroman auch ein Künstlerroman, der der Droge ihre Faszination verweigert – und trotzdem Künstlerroman bleiben will. Hier, im Vierbettzimmer zwischen Menschen, die zum Xten Mal versuchen von Tabletten, Kokain, Alkohol loszukommen, gibt es keinen Flirt mit dem Morbiden oder dem Rausch, stattdessen eine hochgradig reflektierte Auseinandersetzung mit dem, was Kunst und Alkohol so oft sich begegnen lässt.  Wer Peters‘ Bücher kennt, weiß: da ist Konfliktangst und eine Sehnsucht nach perfekten Regelsystemen zu spüren, die auf eine Wirklichkeit trifft, die sich eben nicht völlig beherrschen lässt. Alkohol mildert die Gegensätze – und lässt einen von der ekstatischen Versöhnung des Konflikts träumen. Andere Drogen kommen da nicht infrage.  Ich weiß nicht, warum man Tabletten nimmt. Im Grunde interessiert es mich auch nicht, im Gegenteil: Es stößt mich ab. Vielleicht weil das Rauschhafte fehlt, die Entgrenzung. All das, was ich mir über Jahrzehnte mit Sehnsucht nach dem Absoluten schön geredet habe. Quelle: Christoph Peters – Entzug „Lange habe ich gedacht, die Sehnsucht nach dem Absoluten wird im Rausch irgendwie zumindest ansatzweise und temporär schonmal erfüllt. Heute würde ich das nicht mehr unbedingt zu sehen.“ Peters erzählt, dass er schon in seiner Jugend eine ‚transzendentale Sehnsucht‘ verspürt habe, wie Fachleute es nennen.  Das sei die Sehnsucht nach einem Raum, der uns übersteigt und der jenseits von uns ist, der uns gleichzeitig aufhebt und umfängt und dadurch Frieden bringt. Dieses Gefühl habe er früh gehabt, schon vor der Pubertät. „Ich bin eigentlich irgendwie verloren in dieser Welt“, sagt Peters über seine Jugend. Sich der Angst vor dem Tod stellen  Es gibt einen seltsamen roten Faden im Buch - und der heißt Jellinek-Aufsatz. Ein therapeutisches Instrument, mit dem der Patient in der Klinik seine Suchtbiographie aufarbeiten soll: Einfach, schnell und ungeschützt aufschreiben, was passiert ist. Ohne Ausflüchte, ohne langes Nachdenken, also, wenn es kein Kalauer wäre: Nüchtern sich der Angst vor dem Tod stellen. Es ist der Moment der Wahrheit – Und natürlich tut sich ein Autor schwer damit, der sein ganzes Leben Schreiben als Kunstform verstanden hat. Ausgerechnet das Einfachste widersetzt sich am längsten  Am Ende gelingt es, und man ahnt: Es ist der Durchbruch.  Erst im Angesicht der Wahrheit ist die Kunst wieder frei und nicht verfälscht von der Abhängigkeit.   Spannend ist das, klug und sehr souverän erzählt. Und, deshalb kann man das Buch wirklich jedem empfehlen.

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