
SWR Kultur lesenswert - Literatur Mit fremden Augen: Thomas Hettches neuer Roman „Liebe“
Mar 17, 2026
04:08
Alte Paare, junge Paare
Ein Sommerfest auf einem Gehöft an der Ostsee. Man sitzt zusammen am langen Tisch. Alte Paare, junge Paare, dazwischen Max. Irgendwann hat Max genug, greift sich eine Flasche und ein Glas, setzt sich in die Dunkelheit unter die Bäume und blickt aufs Meer. Und dann plötzlich ein Gruß im Dunkeln, eine Frau gesellt sich zu ihm. Max erkennt nicht mehr als einen Schimmer auf ihrem Haar; alles um die beiden herum wird unwichtig, denn... „Er erinnert sich tatsächlich nicht mehr daran, worüber sie in jener Nacht sprachen. Nur, dass es vom ersten Moment an in der Dunkelheit, in der sie einander nicht sahen, so etwas wie ein selbstverständliches Verständnis zwischen ihnen gab. Ihre Stimme weich und warm. Er meinte schon nach kurzer Zeit, ihr abhören zu können, ob sie lächelte beim Sprechen oder nicht, ob sie misstrauisch war oder sich entspannte. Wie lange das ging? Max weiß es nicht mehr."Digitales Begehren
Der Lichtkegel eines Scheinwerfers huscht über die beiden, und zum ersten Mal sehen sie sich tatsächlich, und es ist so etwas wie ein Blitzschlag, der in sie fährt. Mit dieser Szene eröffnet Thomas Hettche seinen neuen Roman, und er kann solche schwebenden Momente mit maximaler Eleganz schreiben. Allein dieser Titel, „Liebe“, ist ein Wagnis. Max ist 63 Jahre alt und nach mehreren gescheiterten Verbindungen alleinstehend und zweifacher Vater. Anna ist etwa im gleichen Alter und kinderlos verheiratet. Ihre Ehe will sie nicht aufgeben, doch die Anziehung zwischen Max und Anna ist zu groß, um voneinander zu lassen. Sie schreiben sich Nachrichten, die als Strukturelement in die Erzählung integriert sind. Ein Strom digitaler Kommunikation, der das Begehren verstärkt. Ein Warten darauf, dass die beiden Häkchen sich blau färben. Dann treffen sich Max und Anna. Und ihre Liebe hat etwas traumwandlerisch Selbstverständliches. So beschreibt Hettche sie auch, in Nahaufnahme, in all ihren Facetten, in allen Details. Dass der Beziehung etwas Verzweifeltes anhaftet, liegt in der Asymmetrie der Lebensverhältnisse. Christoph, ein enger Freund von Max aus gemeinsamen Zeiten an der Kunstakademie, bringt ihm zu einem Treffen ein zerlesenes Reclam-Heftchen mit, Hegels frühe „Fragmente über Religion und Liebe“. Max liest:‚Eigentliche Liebe‘, las er da und Christoph hatte an den Seitenrand noch ein Ausrufezeichen gesetzt, ‚findet nur unter Lebendigen statt, die an Macht sich gleich und also durchaus füreinander Lebendige, von keiner Seite gegeneinander Tote sind.‘
Und:
‚Die Liebe ist unwillig über das noch Getrennte.‘Quelle: Thomas Hettche – Liebe
Schönheit und Unheimlichkeit
Eigentlich erzählt Thomas Hettche eine einfache Liebesgeschichte. Liebe im Alter ist anders als eine Liebe zwischen jungen Menschen. Und doch ist sie im Kern dasselbe. Diesen Kern umkreist das Buch auf mehreren Zeitebenen, in Reflexionen und in intimen Begegnungen, die, zumindest vorerst, vom Bewusstsein der Vergeblichkeit grundiert sind. Die Liebe zwischen Max und Anna ist lebendig, doch sind sie nicht füreinander frei. Dass Hettche nie banal und nie kitschig wird, ist verblüffend. Max ist von Beruf Ocularist. Er stellt künstliche Augen her. E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“ geistert durch den Roman. Sehen und Blindheit; der eigene Blick und der des Gegenübers – all das sind unaufdringlich in den raffiniert konstruierten Text eingeflochtene Leitmotive und Perspektiven, ebenso wie die Ahnung von der eigenen Sterblichkeit, die von den ersten Seiten an dunkel über dem Buch liegt. Hettche hat einen Ton gefunden für die gleichzeitige Schönheit und Unheimlichkeit eines unbedingten Gefühls.Die Liebe ist schmerzhaft, wenn man nicht mehr jung ist. Doch es gibt keine Alternative zu ihr. Sie ist das Wunder.Ein Autor, der von diesem Wunder so ernsthaft, leicht und klug erzählen kann, ist ein Könner.Quelle: Thomas Hettche – Liebe
