
SWR Kultur lesenswert - Literatur Christoph Peters neuer Roman „Entzug“
Mar 13, 2026
07:17
Christoph Peters und ich haben vor vielen Jahren einmal lange in einer Mainzer Kneipe über Alkohol geredet - und dabei viel Bier getrunken, Christoph Peters war Alkoholiker, aber das wusste ich nicht. Er erzählte von seinem Plan, für einen Roman beim Trinken als Feldversuch bis an die Grenzen zu gehen.
Ich war entsetzt und habe lange mit ihm diskutiert. Mit einem gewissen Respekt habe ich jetzt das neue Buch gespannt in die Hand genommen: „Entzug“ heißt es, unter der dicken Schrift verschwindet auf dem Cover ein frühes Selbstporträt des Autors.
„Es ist ja ein Selbstbildnis, was ich mit 16 gemalt habe und was sozusagen den Beginn an meiner pubertären Trinkerkarriere auch irgendwie in einer gewissen Weise markiert hat“, sagt Peters.
„Und jetzt schaut es mich da durch die Buchstaben vom Entzug an, und das ist eigentlich gut, weil das ist jetzt irgendwie vorbei. Und diese ganze Phase, die auch in dem Bild präsent ist, aus Verfinsterung quasi depressiven Zuständen. Exzess, Dunkelheit, Suizidalität, das ist irgendwie weit zurückliegend.“
Peinliche Schnapskäufe
Christoph Peters beschreibt in „Entzug“ eine Befreiungsgeschichte aus der Alkoholabhängigkeit. Er tut das beeindruckend offen, vollständig, schonungslos gegenüber sich selbst – Bekenntnisliteratur, irgendwo zwischen Augustinus und den Anonymen Alkoholikern. 100 Seiten lang erzählt er den ganzen Mist, den ein Süchtiger durchmachen muss, das Versteckspiel gegenüber Frau und Kind, die peinlichen Schnapskäufe im Supermarkt, die misslungenen Camouflage-Aktionen bei Eltern, Freunden, Bekannten, wenn er wieder den halben Wodka getrunken und die Flasche mit Wasser verschnitten hat. Das alles wird erzählt – aber wie authentisch ist es? „Es ist ein Roman, das Ich, das in dem Roman ich sagt, ist, wenn man so will, ein lyrisches Ich, also eine Figur, die ich sehr stark trotz großer Erlebnis Äquivalenzen von mir selber unterscheiden kann. … im Übrigen ist es für mich eigentlich gar nicht so ein großer Unterschied, ob ich jetzt biografisches Material von mir benutze oder Dinge, die ich Leuten zuschreibe.“ Christoph Peters erzählt von Zitteranfällen, von der langsam versagenden Leber, von den Taubheitsgefühlen in den Beinen und von der drohenden Trennung – es ist einfach alles erbärmlich.Ein Eingeständnis
Er beschließt, eine befreundete Ärztin anzurufen und sie um Tabletten zu bitten, mit denen er die Entzugssymptome bekämpfen könnte. Die Ärztin sagt wenig überraschend, das könne er nur klinisch machen und das tut er, tatsächlich und unverzüglich. Dies beschreibt folgende Textpassage: „Ich kann weder trinken noch kann ich nicht trinken, aber wenn auch nur die geringfügige Möglichkeit bestünde, dass ich einen Bruchteil besser nicht trinken als trinken könnte, dann sollte, dann muss ich ihn jetzt sagen, diesen Satz, es ist die, meine, unsere einzige Chance, selbst wenn damit im nächsten Augenblick alles vorbei wäre, was es andernfalls erst recht ist:“‚Ich weiß es nicht, keine Ahnung, aber es nützt ja auch nichts, ich sag das jetzt einfach mal so, selbst auf die Gefahr hin, dass … Ich bin Alkoholiker. Ich muss einen Entzug machen.‘ Stille. ‚Ja‘, sagt die Frau. ‚Dann aber sofort.‘Quelle: Christoph Peters – Entzug
Dunkelkammern der Seele
Man spürt im Satzbau die Fluchtreflexe, die unterdrückt werden müssen. Peters ist ein glänzender Stilist. Und seine Konsequenz rettet ihm das Leben. 300 Seiten lang beschreibt er, was in der Klinik passiert, wie der 39 jährige Körper vom täglichen Liter Wodka und einem Normalpegel von über 2 Promille auf Null gekommen ist. Für Christoph Peters habe sich keine Zeit so sehr eingebrannt wie die nahezu drei Wochen, die er in der Klinik war. Szene für Szene, Detail für Detail und auch die Selbsterfahrung wie es ist in einer Klinik zu sein und nicht mehr trinken zu dürfen. Er wusste nicht, ob er je wieder aufhören würde zu zittern, ob er seinen Namen ordentlich schreiben könne oder eine Kaffeetasse zum Mund führen könne. „Alles, das war fraglich. Und die Ärzte waren auch nicht sicher, dass das irgendwie überhaupt je wieder weggehen würde. Abgesehen davon, dass in so einem Zustand dann wirklich alle Dunkelkammern der Seele sich öffnen und alle finstere Geschichten, die man irgendwie im Laufe des Trinker Lebens so angehäuft hat, wieder ans Tageslicht stiegen wie eine ganze Bande von Dämonen.“, beschreibt Peters. Aber da ist etwas, was das Buch von Büchern wie Falladas Trinker, oder Joseph Roths Legende vom Heiligen Trinker unterscheidet.Reflektion über Kunst und Alkohol
Denn in Christoph Peters ist es nicht nur ein Mensch mit einer Abhängigkeit und eine Familie mit ihrem Kampf, nicht in die Co-Abhängigkeit gezogen zu werden – sondern es ist genauso wie Bekenntnisroman auch ein Künstlerroman, der der Droge ihre Faszination verweigert – und trotzdem Künstlerroman bleiben will. Hier, im Vierbettzimmer zwischen Menschen, die zum Xten Mal versuchen von Tabletten, Kokain, Alkohol loszukommen, gibt es keinen Flirt mit dem Morbiden oder dem Rausch, stattdessen eine hochgradig reflektierte Auseinandersetzung mit dem, was Kunst und Alkohol so oft sich begegnen lässt. Wer Peters‘ Bücher kennt, weiß: da ist Konfliktangst und eine Sehnsucht nach perfekten Regelsystemen zu spüren, die auf eine Wirklichkeit trifft, die sich eben nicht völlig beherrschen lässt. Alkohol mildert die Gegensätze – und lässt einen von der ekstatischen Versöhnung des Konflikts träumen. Andere Drogen kommen da nicht infrage.Ich weiß nicht, warum man Tabletten nimmt. Im Grunde interessiert es mich auch nicht, im Gegenteil: Es stößt mich ab. Vielleicht weil das Rauschhafte fehlt, die Entgrenzung. All das, was ich mir über Jahrzehnte mit Sehnsucht nach dem Absoluten schön geredet habe.„Lange habe ich gedacht, die Sehnsucht nach dem Absoluten wird im Rausch irgendwie zumindest ansatzweise und temporär schonmal erfüllt. Heute würde ich das nicht mehr unbedingt zu sehen.“ Peters erzählt, dass er schon in seiner Jugend eine ‚transzendentale Sehnsucht‘ verspürt habe, wie Fachleute es nennen. Das sei die Sehnsucht nach einem Raum, der uns übersteigt und der jenseits von uns ist, der uns gleichzeitig aufhebt und umfängt und dadurch Frieden bringt. Dieses Gefühl habe er früh gehabt, schon vor der Pubertät. „Ich bin eigentlich irgendwie verloren in dieser Welt“, sagt Peters über seine Jugend.Quelle: Christoph Peters – Entzug
