
SWR Kultur lesenswert - Literatur Siri Hustvedt über ihren verstorbenen Mann Paul Auster: „Ghost Stories“
Mar 13, 2026
08:29
Geistergeschichten von Siri Hustvedt
Siri Hustvedt erzählt Geistergeschichten und ist vor allem einem Geist auf der Spur: Ihrem Mann Paul Auster. Im April 2024 verstarb er an einer Krebserkrankung. Nur wenige Tage vor seinem Tod sagte Paul Auster, er wolle als Geist zurückkehren. Und tatsächlich: Immer wieder erschnüffelt Siri Hustvedt in ihrem Zuhause in New York wie aus dem Nichts Zigarrenrauch, der sie an ihren Mann denken lässt. „Leider muss ich sagen, dass der Zigarrenrauch inzwischen stark zurückgegangen ist. Wenn ich diesen Geruch freiwillig aufrechterhalten könnte, würde ich es tun, aber das kommt wirklich sehr selten vor“, erzählt Siri Hustvedt. „Vor etwa einer Woche habe ich einen kleinen Hauch davon wahrgenommen und fand es sehr beruhigend, aber meistens passiert mir das nicht mehr.“„Dieses Buch war eine Notwendigkeit“
Sie findet einen anderen Weg, um Paul Austers Geist festzuhalten: Sie bannt ihn auf Papier. „Ghost Stories“, Geistergeschichten, heißen ihre Memoiren, in denen sie dreiundvierzig gemeinsame Ehejahre, ihre Liebesgeschichte, den fortwährenden intensiven Austausch und ihre Trauer in Worte zu fassen versucht. Dieses Buch sei keine Entscheidung gewesen, sondern eine Notwendigkeit, sagt Hustvedt. „Zwei Nächte vor seinem Tod, in der letzten Nacht, die wir zusammen im Bett verbracht und miteinander gesprochen haben, streichelte er lange meinen Arm und sagte: „Schreib weiter, arbeite weiter, lass dich nicht von meinem Tod aufhalten, okay?“, erinnert sich die Autorin. „Ich meine, stellen Sie sich diese Großzügigkeit eines sterbenden Mannes vor, der so etwas sagt. Das bewegt mich zutiefst, und ich werde das bis zu meinem eigenen Tod mit mir tragen.“Trauer ist keine Konstante
Siri Hustvedt schreibt weiter. Auch wenn sie immer wieder im Alltag strauchelt und versuchen muss, sich selbst wieder aufzusammeln. Trauer, stellt sie fest, ist nicht konstant: Hustvedt kann sich tagelang stabil fühlen, bis ein flüchtiger Blick auf Pauls leeren Esszimmerstuhl ihr den Boden unter den Füßen wegreißt. Dieser Versuch, weiterzudenken und leben zu können, spiegelt sich auch in der Struktur ihres neuen Buches. Noch mehr als in ihren vorherigen Essaybänden oszillieren hier Hustvedts Reflexionen zwischen privaten Erfahrungen und Philosophie, Psychoanalyse, Neurowissenschaften und Politik – wie Geister erscheinen die Themen, verschwinden wieder, tauchen wieder auf und suchen einen beim Lesen heim. „Es geht hier nicht darum, dass Siri Hustvedt eine Trauer empfindet, die für andere Menschen nicht nachvollziehbar ist. Ich denke, es ist eine Erfahrung, die viele Menschen machen. Und wenn man die Intimität vermeidet, wenn man das vermeidet, was diese Erfahrung so universell macht, dann betrügt man meiner Meinung nach sich selbst und den Leser.“Es ist intim. Der Tod ist intim. Krankheit, Tod, Trauer sind intime Erfahrungen.Quelle: Silvi Hustvedt
Intime Texte finden sich in dem Band
Und deshalb spart Hustvedt auch die intimsten Texte in ihrem Erinnerungsbuch nicht aus: Liebesbriefe an Paul Auster aus ihrer Studentinnenzeit, E-Mails, in denen sie den Freundeskreis über Austers Krebserkrankung informiert. Arztbesuche und Diagnosen. Behandlungsmethoden, Hoffnungsschimmer und niederschmetternde Nachrichten. Bis hin zu Tagebucheinträgen, in denen sie die letzten Tage mit Paul in ihrem Haus in Brooklyn festhält. Auch von seinem Tod, von Siri Hustvedts letzten Worten an ihren Mann, können wir lesen. Es sind Passagen, die tief berühren, die aber auch überfordern. Diese Texte reinzubringen, auch das sei eine Notwendigkeit gewesen, sagt Hustvedt: „Ich wollte etwas von diesem intimen Menschen zurückbringen. Deshalb sind Pauls Briefe in dem Buch. Und deshalb spreche ich über seine Persönlichkeit. Ich mochte seinen Charakter, aber es ist keine Hagiografie. Es geht nicht um den Heiligen Paul, den literarischen Gott, mit dem ich zufällig verheiratet bin.“Ich wollte, dass die Leser die ganz normalen Spannungen und Freuden einer Partnerschaft spüren, insbesondere einer langjährigen Partnerschaft.Auch sieben Briefe, die Paul Auster an seinen Enkelsohn Miles hinterlassen hat, finden sich in dem Band. Miles war wenige Monate alt, als Paul Auster starb. In dem Wissen, sein Enkelkind nicht wirklich kennenlernen zu können, hinterließ Paul Auster ihm Briefe, in denen er Miles von der Familie erzählt, in die er hineingeboren wurde. Texte, die veröffentlicht werden, bevor Miles sie selbst lesen kann. Für Hustvedt waren sie ein Weg, Paul Auster selbst zu Wort kommen zu lassen.Quelle: Siri Hustvedt
Wunsch, den Dialog mit Paul Auster fortzusetzen
„Dadurch, dass ich diese Briefe in das Buch aufgenommen habe, konnte ich den Dialog fortsetzen, den Paul und ich 43 Jahre lang geführt hatten. Auch wenn es natürlich nicht dasselbe ist, wie wenn wir beide in einem Raum sitzen und reden, aber es ist eine schriftliche Version davon, die ich unbedingt in das Buch aufnehmen wollte“, erklärt Hustvedt. Den Dialog in die Zukunft fortzusetzen, dieser dringliche Wunsch zieht sich durch „Ghost Stories“. Das unterscheidet Hustvedts Auseinandersetzung mit ihrem Verlust von einem anderen berühmten Buch über Trauer: „Das Jahr magischen Denkens“ von Joan Didion. Darin versucht Didion, mithilfe „magischen Denkens“ etwas von ihrem verstorbenen Mann zu erhalten. So hebt sie etwa seine Schuhe auf, als könne sie ihn dadurch beschwören, wiederzukommen.„Ich habe das Gefühl, dass meine Welt ohne Paul schlechter ist“
In magisches Denken flüchtet sich Siri Hustvedt nicht. Kurz nach Paul Austers Beerdigung mistet sie radikal aus. Nur ein paar seiner Pullover und Jogginghosen behält sie und trägt sie beim Schreiben. „In meinem Fall bin ich in der Lage, das zu feiern, was zwischen mir und Paul war. Und ich muss sagen, das trage ich mit mir. Nun, das ist kein endgültiger Trost“, stellt die Autorin fest. „Ich habe das Gefühl, dass meine Welt ohne Paul schlechter ist. Ich tue nicht so, als würde man überleben, die Trauer durchleben, alle Phasen durchlaufen und dann an einem großartigen, wunderbaren Ort landen. (Nein, ich glaube nicht, dass das stimmt.)“Aber ich bin auch in der Lage, die Kraft zu spüren, die ich aus dieser Beziehung mit diesem Mann all die Jahre gewonnen habe, und die Kraft, die wir uns gegenseitig gegeben haben.Quelle: Siri Hustvedt
