SWR Kultur lesenswert - Literatur

SWR
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Mar 25, 2026 • 57min

Vier neue Romane: Dana Grigorcea, Norbert Gstrein, Birgit Birnbacher und Ulrike Almut Sandig im Gespräch

Was die Bücher der Saison über Klasse, Geschichte, Neurodiversität und Krieg erzählen.
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Mar 25, 2026 • 4min

Eine Spurensuche nach Schmetterlingen: Lea Korsgaards neuer Roman

Auf Jagd nach allen Schmetterlingsarten Dänemarks  Eigentlich geisterte der dänischen Journalistin Lea Korsgaard die verrückte Idee schon seit Jahren durch den Kopf. 2022 war es für sie dann an der Zeit, sie Wirklichkeit werden zulassen. Im Laufe dieses einen Jahres wollte sie sämtliche tagaktiven Schmetterlingsarten Dänemarks aufsuchen. Sie hatte allerdings keinerlei Ahnung, wie viele es überhaupt gab. Also rief sie ausgewiesene Experten Dänemarks an, wie unter anderem Michael Stoltze, der bereits drei Bücher über Schmetterlinge veröffentlicht hatte. Die Zahl, die er nannte, war für sie ein bisschen enttäuschend. In Dänemark gab es vor vier Jahren nicht mehr als 65 Tagschmetterlingsarten, und durch ihn wurde ihr klar, dass sie keines-wegs leicht zu finden sind, nur zu bestimmten Jahreszeiten fliegen und manche Arten überhaupt nur wenige Tage oder Wochen im Jahr leben.   Das bedeutete nichts anderes, als dass sich die Suche als ausgesprochen zeitaufwendig und anstrengend erweisen würde. Das konnte ihre Begeisterung, mit der sie sich in die selbstgewählte Aufgabe stürzte, nicht mindern. Die ist sogar ansteckend, denn sie schildert sehr lebendig, wie sie auf ihre Entdeckungsreisen  geht: Die führen uns an verborgene Orte, in kleine Waldstücke, auf versteckte Wiesen, zu moras-tigen Feuchtflecken. Zu kleinen Blumenteppichen im Windschatten großer Sanddünen.   Faszination Metamorphose  Als die Journalistin im Januar 2022 mit ihrem Vorhaben begann, lag die Landschaft noch unter einer frostigen Kältedecke. Keine Zeit, um Schmetterlinge flattern zu sehen. Aber – und das begriff sie rasch –in geschützten Hausnischen und Scheunenecken überleben einige Arten in Erstarrung: wie das Tagpfauenauge. Außerdem hatten sich in Baumborken, Bodenlöchern, Heuhaufen Schmetterlingsraupen verkrochen, die nur auf wärmeres Wetter warteten, um sich zu verpuppen.   Das war die zweite Eigenschaft außer den bunten Flügeln, die die Autorin faszinierte und zu langen philosophischen Abhandlungen bis weit zurück in die Antike und die Kirchengeschichte brachte: die Metamorphose. Bevor ein Schmetterling zu dem wird, was wir kennen, durchläuft er mehrere Stadien. Erst ist er nur ein unscheinbares Ei, oft farblich so an seine Umgebung angepasst, dass die Forscherin lernen musste, es überhaupt zu entdecken. Dann wächst das Ei zu einer winzigen Raupe heran, die mit jedem weiteren Wachstum ihre alte Raupenhülle in einem neuen Raupengewand verlässt. Das geschieht vier bis sechsmal, bevor die Raupe zur Puppe wird, die sich in ein Seidenkissen spinnt, in dem sie wächst und irgendwann die Puppenhülle sprengt und als Schmetterling daraus hervorgeht. Der macht sich sofort auf die Suche nach einem  Partner oder einer Partnerin, um sich fortzupflanzen. Das ist sein einziger Lebenszweck.  Exkurse bis zurück in die Antike  Insbesondere die Kirche verweigerte sich lange, solche Wandlungen anzuerkennen. Dem Glauben nach habe nämlich Gott alle Formen auf der Erde in ihrer Endform, sozusagen fertig geschaffen, jede ist in sich vollkommen. Und das ist eine weitere Besonderheit des Buches, die einen für ihre Suche einnimmt: Es ist auch eine sehr persönliche Erzählung über ihr Alltagsleben, ihren Tagesablauf, die Schwierigkeiten, alles unter einen Hut zu bringen. Das war wohl nicht einfach, denn sie berichtetet wiederholt von Erschöpfungszuständen.  Die persönliche Ebene ist für ein Wissenschaftsbuch ungewöhnlich, nimmt einen aber für die Autorin ein. Einziger Wermutstropfen: Da sie alle Schmetterlinge fotografiert hat, hätte man gerne einige Bilder seltener Arten abgedruckt gesehen.
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Mar 24, 2026 • 4min

Neuer Roman von Bestseller-Autor John Grisham: „Das Vermächtnis“

Wenig Arbeit, festes Honorar Simon Latch ist ein Kleinstadt-Anwalt in Braxton, Virginia. Spezialisiert auf Insolvenzen, Scheidungen und Testamente. Wenig Arbeit, festes Honorar. Aber die Leute wollen immer noch etwas mehr: Anteilnahme und Verständnis. Nach achtzehn Jahren Tretmühle stand Simon F. Latch, Anwalt und Rechtsberater, vor dem Burn-out. Er war die Probleme anderer Leute leid. Quelle: John Grisham – Das Vermächtnis Dann kommt die 85-jährige Eleanor Barnett in seine Ein-Mann-Kanzlei. Sie will ein Testament aufsetzen, aber die 250-Dollar-Standardprozedur reicht nicht aus. Zögerlich gesteht sie, dass sie von ihrem Mann viel Geld geerbt hat. Weder ihre Stiefsöhne noch andere Verwandte oder Freunde sollen einen Cent davon bekommen. „Simon spürte ein leichtes Kribbeln im Bauch, als erwarteten ihn wundersame und unerwartete Dinge“, beschreibt Grisham. Anwalt Latch weiß: Mit einem raffinierten Testament könnte für ihn viel Geld herausspringen. Mord aus Habgier? Zu ausführlich etabliert Spannungsbestseller-Autor John Grisham in seinem neuen Roman „Das Vermächtnis“ die Ausgangsituation: Latch steht nicht nur kurz vor dem Burn-out, sondern auch vor der Scheidung. Aber dafür fehlt ihm das Geld. Außerdem hat er Wettschulden: Die Basketball-Collegemeisterschaften laufen nicht, wie er es gewettet hat, 7.000 Dollar ist er im Minus. Für Eleanor Barnett sind das nach seiner Einschätzung Peanuts. Kurzum: Simon Latch wird habgierig und ist sich dessen bewusst. Er weiß, dass seine juristischen und menschlichen Winkelzüge abstoßend sind. Erzählerisch sind diese Ansätze von Selbsterkenntnis klug. Latch ist armselig, aber niemals so unsympathisch, dass man nicht Anteil an dem nimmt, was nach rund 200 langatmiger Seiten voller Restaurantbesuche und Selbstmitleid passiert. Eleanor Barnett stirbt. Ein anonymer Anrufer behauptet, sie wurde vergiftet. Ein Kleinstadtcop hat schnell einen Hauptverdächtigen gefunden: Simon Latch. Alles andere als ein Super-Anwalt „Bisher wird mir nichts vorgeworfen, aber ich habe das Gefühl, dass ich verdächtigt werde.“ – „Verdächtigt ist gar kein Ausdruck. Ihr Ruf ist ruiniert. Habgieriger Anwalt findet heraus, dass nette alte Dame ein Vermögen besitzt, von dem niemand weiß.“ Quelle: John Grisham – Das Vermächtnis Latch wird angeklagt und landet vor Gericht. Das ist nun sicheres Grisham-Territorium. Der Bestseller-Autor stellt dem US-amerikanischen Strafsystem abermals ein ernüchterndes Zeugnis aus: Polizisten, die nur so viel ermitteln wie nötig, eine Jury, die ihren Vorurteilen folgt, und eine Staatsanwältin, die mehr an ihre Wiederwahl denkt. Nichts davon ist neu, bei Grisham aber geschmeidig erzählt. Hier kommt ihm auch die langsame Einführung seiner Hauptfigur etwas zugute. Anders als beispielsweise der berühmte fiktive Mitch McDeere aus Grishams Durchbruchroman „Die Firma“ ist Simon Latch alles andere als ein Super-Anwalt. Aber auch ein habgieriger Anwalt verdient einen fairen Prozess. Lustlose Tätersuche statt spannendem Finale Doch in „Das Vermächtnis“ belässt es Grisham nicht bei dem Prozess. Nach dem Urteil geht es weiter: Latch macht sich auf, den wahren Täter zu finden. In den USA wird das Buch deshalb auch als der erste Whodunit angepriesen, den John Grisham geschrieben hat. Aber letztlich ist die Tätersuche ein 70-seitiger, wenig inspirierter Nachklapp, in dem man allenthalben auf Genre-Stereotype wie eine geniale Hackerin mit vielen Gesichtspiercings und zu viele halbherzige falsche Fährten stößt. Die Aufklärung ist enttäuschend lustlos – mehr Last-Minute-Idee als sorgsam vorbereitet. Ohnehin spielen die vielen Nebenhandlungen in diesem überfrachteten Roman nur selten eine Rolle. Dabei ist eine besonders vielversprechend: „Das Vermächtnis“ erzählt auch von dem Reiz und der Gefahr der Legalisierung von Sportwetten – nicht nur für Familienväter wie Simon Latch, sondern auch für seine Teenagersöhne. Darin steckt großes Thrillerpotential, zumal Grisham bekanntermaßen selbst Sport-Fan ist. Nur leider nutzt er es in diesem routinierten Langweiler zu wenig. Aber wer weiß: Als Vielschreiber hat er vermutlich schon das nächste Buch in Arbeit.
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Mar 23, 2026 • 5min

Männer, ran an die Gefühle! – Ole Liebl ruft mit „Brutal fragile Typen. Männer und Gefühle“ zu einer Trendwende der Maskulinität auf

Auch Männer leiden unter dem Patriarchat Es ist ein dunkler Blick in den Abgrund der „Manosphere“, mit dem Ole Liebl sein Buch eröffnet. Der Verbund antifeministischer Maskulinisten, verbreitet vor allem digital seine Hass-Ideologie, dass die gute alte Männlichkeit mit aller Macht zurückgeholt werden müsse.  In der Manosphere geben Beziehungscoaches Tipps, wie Männer sich Frauen gefügig machen können und reichweitenstarke Podcasts schicken mit Raubtiermetaphern Männer auf die Jagd zu ihrem Männer-Ego, wofür es gestählte Körper, emotionale Kälte und beruflichen Erfolg brauche.   Der weltweite Anstieg der Gewalt an Frauen, analysiert Ole Liebl, liegt in dieser angeblichen Bedrohung der Männlichkeit. Doch auch Männer würden unter diesem Patriarchat leiden, lautet die These. Macht zum Preis emotionaler Verkümmerung Patriarchat verspricht Macht, doch zum Preis einer emotionalen Verkümmerung. Nur wenn Männer anerkennen, dass sie fühlende Wesen sind, gibt es einen Weg raus aus der Gewaltfalle:  Denn auch Männer sind verspielt, süß, bedürftig nach Streicheleinheiten und menschlicher Nahe. Sie können albern sein und lachen, ängstlich sein und anhänglich. Männer können alles sein, was Menschen liebenswert macht.   Quelle: Ole Liebl – Brutal fragile Typen Die Auseinandersetzung mit Gefühlen, mit Lebendigkeit und Nähe würde Männern im Patriarchat ebenso abtrainiert, wie sie Frauen antrainiert wird. Auswirkungen auf die Lebensqualität Darunter leiden dann alle – Frauen müssen die Gefühlsarbeit in Beziehungen und in der Kindererziehung leisten; Männer bleiben unfähig, Nähe zu Partnerinnen, Freunden und Familie zu entwickeln:   „Viele Frauen beklagen, dass Männer mehr oder weniger das emotionale Vokabular von Kleinstkindern haben. Wer sie fragt, wie es ihnen geht, muss mit einer Auswahl von circa fünf Begriffen auskommen: gut, schlecht, müde, horny, hungrig. Auf dieser Basis lässt sich in der Regel kein sinnvolles Gespräch über Gefühle führen.“ Die männliche Gefühlsarmut, analysiert Liebl, äußert sich in einer geringeren Lebensqualität, einer höheren Suizidrate, einer Intimitätsfurcht, einer panischen Angst vor Schwäche und Verletzlichkeit und der Unfähigkeit mit Stress und emotionalen Problemen umzugehen.  Das alles auf Kosten von Frauen, von denen sich Männer grundsätzlich emotional versorgen lassen.   Männer fühlen also nicht weniger, sondern überlassen den Umgang mit ihren Gefühlen anderen oder sie schweigen. Dabei beruhen alle emotional intimen Beziehungen zumindest in Teilen darauf, sein Innenleben anderen vertraulich mitzuteilen. Quelle: Ole Liebl – Brutal fragile Typen Kulturell erzeugte Männlichkeitsbilder „Dass dieses Innenleben Ausdruck finden darf, in überschwänglicher Freude und bestürzter Trauer, mit all seinen Zweifeln, Träumen, Ängsten und Hoffnungen. Die emotionale Verkümmerung vieler Männer betrifft deshalb auch auf katastrophale Weise die Männer selbst“, schreibt Liebl.   Mit „Brutal fragile Typen. Männer und Gefühle“ legt Ole Liebl eine Kulturgeschichte männlicher Prägungen vor. Was feministische Theorie seit Jahrzehnten für kulturell erzeugte Frauenbilder untersucht, nimmt Liebl hier für Männer unter die Lupe. Was bedeutet es für die männliche Gefühlswelt, dass sogenannte Männerfilme Ideale von Unverwundbarkeit, Härte gegen sich selbst und mangelnde emotionale Tiefe propagieren. Wo sind die emotionalen Vorbilder jenseits von spektakulären Männlichkeiten, die mit archaischen Rollenbildern wie Vater, Krieger oder Jäger hantieren. Für Ole Liebl ein Teufelskreis, aus dem Männer selbst rausfinden müssten.  Gefühle lernen und üben Was fordern wir von Männern? Sie sollen emotionale Arbeit leisten und zwar sowohl mit dem Kopf, als auch mit dem Herz. Sie sollen emotionale Arbeit für sich selbst leisten, für Frauen und Queers, ebenso für ihre männlichen Mitmenschen. Quelle: Ole Liebl – Brutal fragile Typen „Sie sollen lernen, Gefühle nicht wegzudrücken und Emotionen zu verschieben, sondern insbesondere für ‚unmännliche‘ Gefühle wie Trauer und Ratlosigkeit offen zu sein, sie zuzulassen und auszudrücken“, fordert er. Und weiter: „Sie sollen lernen, Gefühle zu reflektieren und sozial einzuordnen. Das muss immer wieder geübt werden. In Freundschaften, in der Familie, in Partnerschaften.“ Die sehr lesenswerte Kulturanalyse läuft jedoch auf kein richtiges Fazit hinaus – wie die Trendwende für Männer genau eingeläutet werden soll, bleibt unklar. Auch der Aufruf am Ende, Männer sollten geliebt werden, klingt angesichts der realen Gewalt gegen Frauen ziemlich dürftig. Auf jeden Fall ein Buch, das für Männer gedacht ist und von Männern gelesen werden sollte.
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Mar 23, 2026 • 4min

Neuer Roman von Lukas Rietzschel – „Sanditz“

In der fiktiven ostdeutschen Stadt Sanditz Sanditz, eine fiktive kleine Stadt, nahe der polnischen Grenze im Lausitzer Braunkohlerevier. Es ist 2021, Weihnachten, mitten in der Coronapandemie. Maria Wenzel wird Heiligabend mit ihrer Mutter Marion und ihrer Großmutter Erika verbringen, aber ohne ihren Zwillingsbruder Tom. Weil er nicht geimpft ist. „Hast du mit Tom nochmal reden können?“, fragt Mutter. Sie macht den Fernseher leiser. „Nicht direkt, nein.“„Ich verstehe nicht, warum er sich nicht einfach impfen lassen kann. Wo ist denn das Problem? Will er uns nicht sehen?“ Quelle: Lukas Rietzschel – Sanditz Maria ist zu müde, um dieses Gespräch zu führen. Wenn es das erste dieser Art wäre, vielleicht wäre sie dann motiviert. Ein Schutzraum für freie Gedanken Die zweite Zeitebene in Lukas Rietzschels Roman „Sanditz“ spielt Ende der 1970er Jahre. Sanditz ist ein wichtiger Industriestandort mit Glasfabrik, Nähereien, einem Matratzenwerk und einer Maschinenfabrik. Familie Wenzel ist gläubig, aktiv in der örtlichen christlichen Gemeinde. Die ist ein Schutzraum für Oppositionelle, ein kleiner Freiraum für kritische Gedanken. Heimlich werden auch in der Gemeindebibliothek vom Staat verbotene Bücher kopiert. Die bringt Norbert Wenzel, der als Orgelbauer ins Ausland reisen darf, mit nach Sanditz: „Immer kam er zurück. Er ließ die Fragen bei der Einreise über sich ergehen, das teilweise stundenlange Verhör beim immer gleichen Grenzer (irgendwann duzten sie sich; der Mann hieß Michael, was ihn irrigerweise vermuten ließ, dass er ein Christ war). Die Bücher, die er in einem Einlegeboden versteckte, wurden auch dieses Mal nicht gefunden." Von der Wendezeit bis zum Ukrainekrieg Der Roman wechselt zwischen den letzten Jahren der DDR und schließlich der friedlichen Revolution 1989 und unserer Gegenwart bis zum Beginn des Ukrainekriegs. Nach und nach nimmt Lukas Rietzschel die einzelnen Mitglieder der Familie Wenzel und einige Bewohner der Kleinstadt in den Blick und erzählt ihre Geschichten. Sie hadern mit der Vergangenheit und arbeiten sich an der Gegenwart ab, sie entfremden sich und finden wieder zueinander – und natürlich geht es auch um Liebe: Tom wird verlassen, Marias Liebesleben ist ziemlich chaotisch und der Vater der beiden verbarg jahrzehntelang, dass er eigentlich Männer liebt.   Ein Panorama der Wendezeit bis heute So entsteht nach und nach ein Panorama der Wendezeit bis heute. Dabei schreibt Lukas Rietzschel bemerkenswert detailliert. Er lässt sich Zeit für genaue Alltagsbeobachtungen zeichnet Landschaften und Menschen mit viel Präzision, Feingefühl und Respekt: „Jahre später, 2015 war das, befand Erika Wenzel, dass es Menschen gab, die die Sachen dringender brauchten. Vertriebene, wie sie selbst eine war. Frau Seiler rief ihr durchs Fenster hinterher: „Erika, die brauchen deine Anzüge nicht! Hast du mal gesehen, dass die alle teure Handys haben? Das sind keine Flüchtlinge, das ist alles ein riesengroßer Beschiss!“ Aber sie ging weiter und drehte sich nicht um. Ein einziges Argument hatte sie für Frau Seiler übrig: „Christa, das gehört sich so.“ Rietzschels Figuren sprechen für sich Lukas Rietzschels Roman vertritt keine großen Thesen, es gibt keine moralischen Kommentare. Stattdessen lässt er seine Figuren sprechen, lässt sie auseinanderdriften und wieder zusammenfinden. Dabei geht es um große gesellschaftliche Fragen – um Heimat und Zugehörigkeit, und darum, wie sich Konflikte durch Familien und Freundschaften ziehen. Wer „Sanditz“ liest, bekommt Ostdeutschland nicht erklärt, aber sehr genau erzählt. Und merkt dabei schnell: Viele der Konflikte, die hier verhandelt werden, sind längst nicht „nur ostdeutsch“.
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Mar 22, 2026 • 1h 1min

Preise und anderes von der Leipziger Buchmesse 2026

Zu Gast sind: Carsten Otte, Dietmar Dath und Carsten Gansel. Außerdem gibt es Beiträge zu Buchbranche & KI und über das Schreiben in Diktaturen.
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Mar 22, 2026 • 13min

Germanist Carsten Gansel spürt vergessenen Büchern nach

Carsten Gansel stammt aus Güstrow und lehrte zuletzt fast dreißig Jahre lang an der Universität Gießen. Im Gespräch mit SWR Kultur berichtet Gansel von Büchervernichtung durch große Institutionen, aber auch von Bücherrettung durch den Pfarrer Martin Weskott und den Schauspieler und Regisseur Peter Sodann. Große Utopien und politische Enttäuschungen Die beiden haben Literatur gerettet, die von großen Utopien, aber auch politischen Enttäuschungen erzählte und die wir heute noch einmal neu lesen sollten. Schon als junger Mann pilgerte Carsten Gansel zur Leipziger Buchmesse, die zu DDR-Zeiten noch mitten in der Stadt lag. Doch auch den heutigen Messetrubel mag er sehr.
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Mar 22, 2026 • 10min

Preise, Debatten und Skandale. Was war los auf der Leipziger Buchmesse 2026?

SWR Literaturredakteur Carsten Otte gibt einen Überblick über das Messegeschehen. Debatten und Schwerpunkte Er berichtet über die Debatten rund um Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, vom Preis der Leipziger Buchmesse und über die Schwerpunktregion Donau. Außerdem hat er auf der Messe überraschend viel Esoterik, diskutable Dark Romance und einen eigenen Stand für den Autor Sebastian Fitzek entdeckt.
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Mar 22, 2026 • 6min

Vom Schreiben in Diktaturen – Najem Wali und Kathrin Aehnlich treffen sich auf der Leipziger Buchmesse

Treffen auf der Leipziger Buchmesse 2026 Najem Wali und Kathrin Aehnlich treffen sich auf der Leipziger Buchmesse. Sie kennen sich aus dem Vorstand vom PEN Deutschland, der bekannt ist für sein Programm „Writers in prison / writers at risk“, das verfolgte, inhaftierte oder bedrohte Autoren, Journalisten und Verleger unterstützt. Die beiden wissen, was das heißt: Wali ist im Irak aufgewachsen, hat dort Germanistik studiert und sein erstes Buch unter der Diktatur Saddam Husseins geschrieben. Aehnlich ist in der DDR groß geworden und hat am Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher studiert. „Wir sind beide in Diktaturen aufgewachsen, wobei man die DDR nicht wirklich mit dem Irak vergleichen kann, also das sind schon ganz unterschiedliche Diktaturen gewesen, aber wir sind natürlich bevormundet worden vom Staat und das freie Wort in dem Sinne gab es weder in der DDR noch im Irak“, erzählt Aehnlich. Das schöne freie Wort Für das freie Wort setzen sich Kathrin Aehnlich und Najem Wali beim PEN Deutschland ein. Für das schöne freie Wort. So Wali: „Dieses Thema hat mich immer interessiert, also schon als ich angefangen habe zu schreiben. Denn wie bringt man das zusammen, über Tabuthemen zu schreiben unter einer Diktatur, aber trotzdem Schönes zu schreiben, ästhetisch auch.“ In seinem Roman „Ein Ort namens Kumait“ hat Najem Wali genau das versucht. Zur Messe ist der Roman auf Deutsch erschienen. Geschrieben habe hat Wali ihn schon mit Ende 20. Das war in den 1980er Jahren, im Irak. Keine Veröffentlichung im Irak Es war unvermeidlich, dass er an der Schule vorbeikam. Seit er den Bus vom Omnibusbahnhof der Gemeinde verlassen hatte, war es ihm kein einziges Mal in den Sinn gekommen, einen anderen Weg einzuschlagen. Seine Füße hatten ihn instinktiv diese Straße hinuntergeführt. Quelle: Najem Wali - „Ein Ort namens Kumait“ Sein Protagonist Salih ist Lehrer. Um der Verfolgung zu entgehen, lässt er sich nach Kumait versetzen, einen kleinen Ort im Süden des Iraks. Hier, hofft er, kann er allem Politischen entgehen – eine Illusion. Najem Wali war von Anfang an klar, dass er dieses Buch im Irak nicht würde veröffentlichen können. Erst sieben Jahre nach seinem Entstehen erschien es in Kairo, später auf Französisch und Schwedisch – und erst jetzt, nach über 35 Jahren, auf Deutsch. Neunter Geburtstag in der DDR Ungefähr zur selben Zeit wie Wali im Irak schrieb Kathrin Aehnlich ihre Erzählung „Wenn ich groß bin, flieg ich zu den Sternen“ in der DDR. In einer Passage berichtet sie von Geburtstagstraditionen: „Mein neunter Geburtstag begann wie alle meine Geburtstage in den vergangenen Jahren. Noch im Halbdunkel versammelten sich meine Eltern und Tante Elvira vor meinem Bett, weil heute mein Geburtstag ist. Man achtet auf seine Körperhaltung beim Singen.“ Gemeinsam führten sie mich zum Wohnzimmertisch. Ich durfte die Kerzen rings um meinen Kuchen auspusten, um Himmels Willen nicht das Lebenslicht, und danach meine Geschenke bewundern. Quelle: Kathrin Aehnlich „Wenn ich groß bin, flieg ich zu den Sternen“ Mit dem naiven und unverstellten Blick des Kindes seziert Kathrin Aehnlich das Leben in der DDR. Politische Lage beeinflusst Lage Für diesen Text sollte sie 1987 den Preis der Literaturzeitschrift „Temperamente“ bekommen. Aus politischen Gründen bekam sie ihn dann doch nicht. Dann fiel die Mauer – und die Redaktion wollte den Text doch noch drucken. Weil sich dann aber niemand mehr für die Zeitschrift interessierte, wurden die Hefte nicht mehr ausgeliefert. Kathrin Aehnlich nimmt es mit Humor: „Ich habe einfach geschrieben, was ich dachte, schreiben zu müssen, habe mich aber dann nach dem Mauerfall natürlich... gewundert wäre übertrieben, aber mir ist klar geworden, dass ich nie veröffentlicht worden wäre. Das war mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst.“ Heute kann man beide Bücher lesen – Kathrin Aehnlichs „Wenn ich groß bin, flieg ich zu den Sternen“ und Najem Walis „Ein Ort namens Kumait“. „Ich kann ahnen, wer am meisten Hilfe braucht.“ Und trotzdem bleibt der Austausch dieser beiden Autoren über das Schreiben unter Zensur-Bedingungen nicht bei einer historischen Betrachtung stehen. Spätestens dann nicht, wenn sie mitten im Messe-Getümmel auf ihre gemeinsame Arbeit beim PEN zu sprechen kommen. Denn mit ihrem Programm „Writers in prison / writers at risk“ wollen sie ja genau den Schriftstellern helfen, die heute unter ähnlichen Bedingungen arbeiten und leben wie sie damals. Najem Wali ist seit 2023 der Beauftragte des Programms. „Ich erinnere mich, wie ich mich vorgestellt und kandidiert habe für das Amt. Alle vor mir, die kandidiert haben, haben geredet über ihre Erfahrungen im Leben etc. und ich musste lachen“, erzählt Wali. „Ich habe gesagt, die einzige Erfahrung, die ich erzähle, ist dass ich selber in den Folterzellen von Saddam Hussein war und ich weiß, wer Hilfe am nötigsten hat, wem sollen wir helfen, wenn wir fünf Leuten helfen können. Ich habe das Gefühl, es kann manchmal vielleicht nicht 100 Prozent stimmen, aber ich kann ahnen, wer am meisten Hilfe braucht.“ Das Schweigen der Opfer Und auch hier treffen sich Najem Wali und Kathrin Aehnlich. Aehnlich berichtet: „Ich habe 30 Jahre als Radioredakteurin gearbeitet und habe da Sendungen über DDR-Geschichte betreut. Unter anderem auch „Frauenzuchthaus Hoheneck“. Und ich habe festgestellt, dass, je schlimmer die Repressalien sind, umso weniger reden die Leute“. Also das Schweigen der Opfer eigentlich. Und diese Erfahrungen teilen wir. Wir müssen sozusagen die, die wir hier nach Deutschland holen, genau auswählen. Und nicht die am lautesten schreien, sondern die am meisten leiden. Quelle: Kathrin Aehnlich Und so suchen sie für das PEN-Programm „Writers in prison / writers at risk“ nach den leisen Stimmen derer, die sonst ungehört blieben. Die in den Gefängnissen, den Folterzellen und den Verstecken verstummen würden. Ohne ihre Diktatur-Erfahrungen würden vielleicht auch Kathrin Aehnlich und Najem Wali sie nicht hören. So aber können sie sich einsetzen – für die Autoren und für das freie Wort.
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Mar 22, 2026 • 4min

Nahbar, vielfältig und widerständig: Das war die Leipziger Buchmesse 2026

Debatte um Kulturstaatsminister Weimer überschattet Buchmesse Wolfram Weimer hat viele Versuche gemacht, sich rauszureden. Am Schluss bemühte er sogar Jürgen Habermas. Drei linke Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis auszuschließen, allein auf der Grundlage von Informationen des Verfassungsschutzes, die aber die Betroffenen und die Öffentlichkeit nicht kennen dürfen – mit dieser Entscheidung habe er eine Debatte angestoßen, ganz im Sinne von Jürgen Habermas. Der Kulturstaatsminister lag schon oft weit daneben mit seinen Äußerungen. Weiter als mit dieser kann man aber kaum daneben liegen. Denn in den Werken des Philosophen Jürgen Habermas geht es um den „herrschaftsfreien Diskurs“. Gegen Buchhandlungen mit Geheimdienstinformationen vorzugehen, ist aber alles andere als eine „herrschaftsfreie“ Geste des Staates. Eine größere Herrschaftsgeste kann man sich im Bereich der Kulturförderung und der Kulturpolitik kaum vorstellen. Widerstand und Rücktrittsforderungen Die positive Nachricht der diesjährigen Buchmesse ist: Die Buchbranche hat fast geschlossen Widerstand geleistet gegen diesen Akt des kulturpolitischen Feudalismus. So unterstützt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die drei ausgeschlossenen Buchhandlungen juristisch. Sie wollen klagen, auch dagegen, dass Wolfram Weimer sie ohne Begründung extremistisch genannt hat. Viele, die man in den Messehallen fragt, halten sich mit Rücktrittsforderungen nicht zurück. Und der Hanser-Verlag hat sogar eine Party veranstaltet für ausdrücklich alle Buchhandlungen. Auch für die drei, gegen die Weimer das scharfe Schwert des Verfassungsschutzes schwingt. Party ist ein gutes Stichwort: Die Leipziger Buchmesse ist eine große Party – unterhaltsam, anregend, aber eben auch politisch und widerständig. Durch die Hallen sind zahlreiche Veranstaltungsinseln verteilt: Sie heißen Café Europa, Wortwelten, Horizonte. Dort wird gelesen und diskutiert – Demokratie, KI, globale Krisen. Die Stuhlreihen sind fast immer gut gefüllt. Auf der Buchmesse: Dialoge auf Augenhöhe Und in der Buchbar können Lesefans an einem langen Holztisch auf Tuchfühlung gehen mit Autorinnen und Autoren. Manche setzen sich strategisch in die Mitte des Tisches, Schriftstellerinnen links und rechts neben sich. Manche Besucherinnen und Besucher sind dort seit Jahren Stammgäste. In die Reporter-Mikrofone verraten sie ihr Credo: Die Autoren kommen zu mir, nicht ich muss zu ihnen kommen! Ein Dialog auf Augenhöhe, ganz anders als der Star-Rummel auf der großen Bühne. Natürlich pilgern die Lesefans auch zu den Stars der Szene. Doch es ist der Mix, den die Leipziger Buchmesse so besonders macht: mal Lesefest, mal großes literarisches Klassentreffen, Leipzig zeigt sich nahbar und vielfältig. Werte, die weit über die Buchmesse hinausreichen, die, man muss es in diesen Zeiten sagen, die Demokratie stärken können. Kulturkampf eines überforderten Kulturstaatsministers Aber nicht alles ist rosig und glitzernd, wie die Buchcover der zahlreichen New Adult-Bücher vermuten lassen: Verlage kämpfen mit gestiegenen Kosten für Papier und Druck. Die Lesekompetenzen von Kindern und Jugendlichen nehmen dramatisch ab. Das sind die Themen, die die Kulturpolitik beschäftigen sollten. Und nicht ein Kulturkampf, den ein offenbar überforderter Kulturstaatsminister unnötigerweise vom Zaun bricht. Bei der Solidaritäts-Party für die Buchhandlungen lautete das Motto übrigens „Buchhandlungen sind der beste Verfassungsschutz“. Ein treffender Satz, den man nach vier Tagen Leipziger Bücher-Party zuspitzen kann: Denn Bücher garantieren Meinungsfreiheit.

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