
SWR Kultur lesenswert - Literatur Vom Schreiben in Diktaturen – Najem Wali und Kathrin Aehnlich treffen sich auf der Leipziger Buchmesse
Mar 22, 2026
05:57
Treffen auf der Leipziger Buchmesse 2026
Najem Wali und Kathrin Aehnlich treffen sich auf der Leipziger Buchmesse. Sie kennen sich aus dem Vorstand vom PEN Deutschland, der bekannt ist für sein Programm „Writers in prison / writers at risk“, das verfolgte, inhaftierte oder bedrohte Autoren, Journalisten und Verleger unterstützt. Die beiden wissen, was das heißt: Wali ist im Irak aufgewachsen, hat dort Germanistik studiert und sein erstes Buch unter der Diktatur Saddam Husseins geschrieben. Aehnlich ist in der DDR groß geworden und hat am Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher studiert. „Wir sind beide in Diktaturen aufgewachsen, wobei man die DDR nicht wirklich mit dem Irak vergleichen kann, also das sind schon ganz unterschiedliche Diktaturen gewesen, aber wir sind natürlich bevormundet worden vom Staat und das freie Wort in dem Sinne gab es weder in der DDR noch im Irak“, erzählt Aehnlich.Das schöne freie Wort
Für das freie Wort setzen sich Kathrin Aehnlich und Najem Wali beim PEN Deutschland ein. Für das schöne freie Wort. So Wali: „Dieses Thema hat mich immer interessiert, also schon als ich angefangen habe zu schreiben. Denn wie bringt man das zusammen, über Tabuthemen zu schreiben unter einer Diktatur, aber trotzdem Schönes zu schreiben, ästhetisch auch.“ In seinem Roman „Ein Ort namens Kumait“ hat Najem Wali genau das versucht. Zur Messe ist der Roman auf Deutsch erschienen. Geschrieben habe hat Wali ihn schon mit Ende 20. Das war in den 1980er Jahren, im Irak.Keine Veröffentlichung im Irak
Es war unvermeidlich, dass er an der Schule vorbeikam. Seit er den Bus vom Omnibusbahnhof der Gemeinde verlassen hatte, war es ihm kein einziges Mal in den Sinn gekommen, einen anderen Weg einzuschlagen. Seine Füße hatten ihn instinktiv diese Straße hinuntergeführt.Sein Protagonist Salih ist Lehrer. Um der Verfolgung zu entgehen, lässt er sich nach Kumait versetzen, einen kleinen Ort im Süden des Iraks. Hier, hofft er, kann er allem Politischen entgehen – eine Illusion. Najem Wali war von Anfang an klar, dass er dieses Buch im Irak nicht würde veröffentlichen können. Erst sieben Jahre nach seinem Entstehen erschien es in Kairo, später auf Französisch und Schwedisch – und erst jetzt, nach über 35 Jahren, auf Deutsch.Quelle: Najem Wali - „Ein Ort namens Kumait“
Neunter Geburtstag in der DDR
Ungefähr zur selben Zeit wie Wali im Irak schrieb Kathrin Aehnlich ihre Erzählung „Wenn ich groß bin, flieg ich zu den Sternen“ in der DDR. In einer Passage berichtet sie von Geburtstagstraditionen: „Mein neunter Geburtstag begann wie alle meine Geburtstage in den vergangenen Jahren. Noch im Halbdunkel versammelten sich meine Eltern und Tante Elvira vor meinem Bett, weil heute mein Geburtstag ist. Man achtet auf seine Körperhaltung beim Singen.“Gemeinsam führten sie mich zum Wohnzimmertisch. Ich durfte die Kerzen rings um meinen Kuchen auspusten, um Himmels Willen nicht das Lebenslicht, und danach meine Geschenke bewundern.Mit dem naiven und unverstellten Blick des Kindes seziert Kathrin Aehnlich das Leben in der DDR.Quelle: Kathrin Aehnlich „Wenn ich groß bin, flieg ich zu den Sternen“
Politische Lage beeinflusst Lage
Für diesen Text sollte sie 1987 den Preis der Literaturzeitschrift „Temperamente“ bekommen. Aus politischen Gründen bekam sie ihn dann doch nicht. Dann fiel die Mauer – und die Redaktion wollte den Text doch noch drucken. Weil sich dann aber niemand mehr für die Zeitschrift interessierte, wurden die Hefte nicht mehr ausgeliefert. Kathrin Aehnlich nimmt es mit Humor: „Ich habe einfach geschrieben, was ich dachte, schreiben zu müssen, habe mich aber dann nach dem Mauerfall natürlich... gewundert wäre übertrieben, aber mir ist klar geworden, dass ich nie veröffentlicht worden wäre. Das war mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst.“ Heute kann man beide Bücher lesen – Kathrin Aehnlichs „Wenn ich groß bin, flieg ich zu den Sternen“ und Najem Walis „Ein Ort namens Kumait“.„Ich kann ahnen, wer am meisten Hilfe braucht.“
Und trotzdem bleibt der Austausch dieser beiden Autoren über das Schreiben unter Zensur-Bedingungen nicht bei einer historischen Betrachtung stehen. Spätestens dann nicht, wenn sie mitten im Messe-Getümmel auf ihre gemeinsame Arbeit beim PEN zu sprechen kommen. Denn mit ihrem Programm „Writers in prison / writers at risk“ wollen sie ja genau den Schriftstellern helfen, die heute unter ähnlichen Bedingungen arbeiten und leben wie sie damals. Najem Wali ist seit 2023 der Beauftragte des Programms. „Ich erinnere mich, wie ich mich vorgestellt und kandidiert habe für das Amt. Alle vor mir, die kandidiert haben, haben geredet über ihre Erfahrungen im Leben etc. und ich musste lachen“, erzählt Wali. „Ich habe gesagt, die einzige Erfahrung, die ich erzähle, ist dass ich selber in den Folterzellen von Saddam Hussein war und ich weiß, wer Hilfe am nötigsten hat, wem sollen wir helfen, wenn wir fünf Leuten helfen können. Ich habe das Gefühl, es kann manchmal vielleicht nicht 100 Prozent stimmen, aber ich kann ahnen, wer am meisten Hilfe braucht.“Das Schweigen der Opfer
Und auch hier treffen sich Najem Wali und Kathrin Aehnlich. Aehnlich berichtet: „Ich habe 30 Jahre als Radioredakteurin gearbeitet und habe da Sendungen über DDR-Geschichte betreut. Unter anderem auch „Frauenzuchthaus Hoheneck“. Und ich habe festgestellt, dass, je schlimmer die Repressalien sind, umso weniger reden die Leute“.Also das Schweigen der Opfer eigentlich. Und diese Erfahrungen teilen wir. Wir müssen sozusagen die, die wir hier nach Deutschland holen, genau auswählen. Und nicht die am lautesten schreien, sondern die am meisten leiden.Und so suchen sie für das PEN-Programm „Writers in prison / writers at risk“ nach den leisen Stimmen derer, die sonst ungehört blieben. Die in den Gefängnissen, den Folterzellen und den Verstecken verstummen würden. Ohne ihre Diktatur-Erfahrungen würden vielleicht auch Kathrin Aehnlich und Najem Wali sie nicht hören. So aber können sie sich einsetzen – für die Autoren und für das freie Wort.Quelle: Kathrin Aehnlich
