
SWR Kultur lesenswert - Literatur Männer, ran an die Gefühle! – Ole Liebl ruft mit „Brutal fragile Typen. Männer und Gefühle“ zu einer Trendwende der Maskulinität auf
Mar 23, 2026
04:51
Auch Männer leiden unter dem Patriarchat
Es ist ein dunkler Blick in den Abgrund der „Manosphere“, mit dem Ole Liebl sein Buch eröffnet. Der Verbund antifeministischer Maskulinisten, verbreitet vor allem digital seine Hass-Ideologie, dass die gute alte Männlichkeit mit aller Macht zurückgeholt werden müsse. In der Manosphere geben Beziehungscoaches Tipps, wie Männer sich Frauen gefügig machen können und reichweitenstarke Podcasts schicken mit Raubtiermetaphern Männer auf die Jagd zu ihrem Männer-Ego, wofür es gestählte Körper, emotionale Kälte und beruflichen Erfolg brauche. Der weltweite Anstieg der Gewalt an Frauen, analysiert Ole Liebl, liegt in dieser angeblichen Bedrohung der Männlichkeit. Doch auch Männer würden unter diesem Patriarchat leiden, lautet die These.Macht zum Preis emotionaler Verkümmerung
Patriarchat verspricht Macht, doch zum Preis einer emotionalen Verkümmerung. Nur wenn Männer anerkennen, dass sie fühlende Wesen sind, gibt es einen Weg raus aus der Gewaltfalle:Denn auch Männer sind verspielt, süß, bedürftig nach Streicheleinheiten und menschlicher Nahe. Sie können albern sein und lachen, ängstlich sein und anhänglich. Männer können alles sein, was Menschen liebenswert macht.Die Auseinandersetzung mit Gefühlen, mit Lebendigkeit und Nähe würde Männern im Patriarchat ebenso abtrainiert, wie sie Frauen antrainiert wird.Quelle: Ole Liebl – Brutal fragile Typen
Auswirkungen auf die Lebensqualität
Darunter leiden dann alle – Frauen müssen die Gefühlsarbeit in Beziehungen und in der Kindererziehung leisten; Männer bleiben unfähig, Nähe zu Partnerinnen, Freunden und Familie zu entwickeln: „Viele Frauen beklagen, dass Männer mehr oder weniger das emotionale Vokabular von Kleinstkindern haben. Wer sie fragt, wie es ihnen geht, muss mit einer Auswahl von circa fünf Begriffen auskommen: gut, schlecht, müde, horny, hungrig. Auf dieser Basis lässt sich in der Regel kein sinnvolles Gespräch über Gefühle führen.“ Die männliche Gefühlsarmut, analysiert Liebl, äußert sich in einer geringeren Lebensqualität, einer höheren Suizidrate, einer Intimitätsfurcht, einer panischen Angst vor Schwäche und Verletzlichkeit und der Unfähigkeit mit Stress und emotionalen Problemen umzugehen. Das alles auf Kosten von Frauen, von denen sich Männer grundsätzlich emotional versorgen lassen.Männer fühlen also nicht weniger, sondern überlassen den Umgang mit ihren Gefühlen anderen oder sie schweigen. Dabei beruhen alle emotional intimen Beziehungen zumindest in Teilen darauf, sein Innenleben anderen vertraulich mitzuteilen.Quelle: Ole Liebl – Brutal fragile Typen
Kulturell erzeugte Männlichkeitsbilder
„Dass dieses Innenleben Ausdruck finden darf, in überschwänglicher Freude und bestürzter Trauer, mit all seinen Zweifeln, Träumen, Ängsten und Hoffnungen. Die emotionale Verkümmerung vieler Männer betrifft deshalb auch auf katastrophale Weise die Männer selbst“, schreibt Liebl. Mit „Brutal fragile Typen. Männer und Gefühle“ legt Ole Liebl eine Kulturgeschichte männlicher Prägungen vor. Was feministische Theorie seit Jahrzehnten für kulturell erzeugte Frauenbilder untersucht, nimmt Liebl hier für Männer unter die Lupe. Was bedeutet es für die männliche Gefühlswelt, dass sogenannte Männerfilme Ideale von Unverwundbarkeit, Härte gegen sich selbst und mangelnde emotionale Tiefe propagieren. Wo sind die emotionalen Vorbilder jenseits von spektakulären Männlichkeiten, die mit archaischen Rollenbildern wie Vater, Krieger oder Jäger hantieren. Für Ole Liebl ein Teufelskreis, aus dem Männer selbst rausfinden müssten.Gefühle lernen und üben
Was fordern wir von Männern? Sie sollen emotionale Arbeit leisten und zwar sowohl mit dem Kopf, als auch mit dem Herz. Sie sollen emotionale Arbeit für sich selbst leisten, für Frauen und Queers, ebenso für ihre männlichen Mitmenschen.„Sie sollen lernen, Gefühle nicht wegzudrücken und Emotionen zu verschieben, sondern insbesondere für ‚unmännliche‘ Gefühle wie Trauer und Ratlosigkeit offen zu sein, sie zuzulassen und auszudrücken“, fordert er. Und weiter: „Sie sollen lernen, Gefühle zu reflektieren und sozial einzuordnen. Das muss immer wieder geübt werden. In Freundschaften, in der Familie, in Partnerschaften.“ Die sehr lesenswerte Kulturanalyse läuft jedoch auf kein richtiges Fazit hinaus – wie die Trendwende für Männer genau eingeläutet werden soll, bleibt unklar. Auch der Aufruf am Ende, Männer sollten geliebt werden, klingt angesichts der realen Gewalt gegen Frauen ziemlich dürftig. Auf jeden Fall ein Buch, das für Männer gedacht ist und von Männern gelesen werden sollte.Quelle: Ole Liebl – Brutal fragile Typen
