Debatte um Kulturstaatsminister Weimer überschattet Buchmesse
Wolfram Weimer hat viele Versuche gemacht, sich rauszureden. Am Schluss bemühte er sogar
Jürgen Habermas.
Drei linke Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis auszuschließen, allein auf der Grundlage von Informationen des Verfassungsschutzes, die aber die Betroffenen und die Öffentlichkeit nicht kennen dürfen – mit dieser Entscheidung habe er eine Debatte angestoßen, ganz im Sinne von Jürgen Habermas.
Der Kulturstaatsminister lag schon oft weit daneben mit seinen Äußerungen. Weiter als mit dieser kann man aber kaum daneben liegen. Denn in den Werken des Philosophen Jürgen Habermas geht es um den „herrschaftsfreien Diskurs“.
Gegen Buchhandlungen mit Geheimdienstinformationen vorzugehen, ist aber alles andere als eine „herrschaftsfreie“ Geste des Staates. Eine größere Herrschaftsgeste kann man sich im Bereich der Kulturförderung und der Kulturpolitik kaum vorstellen.
Widerstand und Rücktrittsforderungen
Die positive Nachricht der diesjährigen Buchmesse ist: Die Buchbranche hat fast geschlossen Widerstand geleistet gegen diesen Akt des kulturpolitischen Feudalismus.
So unterstützt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die drei ausgeschlossenen Buchhandlungen juristisch. Sie wollen klagen, auch dagegen, dass Wolfram Weimer sie ohne Begründung extremistisch genannt hat.
Viele, die man in den Messehallen fragt, halten sich mit Rücktrittsforderungen nicht zurück. Und der Hanser-Verlag hat sogar eine Party veranstaltet für ausdrücklich alle Buchhandlungen. Auch für die drei, gegen die Weimer das scharfe Schwert des Verfassungsschutzes schwingt.
Party ist ein gutes Stichwort: Die Leipziger Buchmesse ist eine große Party – unterhaltsam, anregend, aber eben auch politisch und widerständig.
Durch die Hallen sind zahlreiche Veranstaltungsinseln verteilt: Sie heißen Café Europa, Wortwelten, Horizonte. Dort wird gelesen und diskutiert –
Demokratie,
KI,
globale Krisen. Die Stuhlreihen sind fast immer gut gefüllt.
Auf der Buchmesse: Dialoge auf Augenhöhe
Und in der Buchbar können Lesefans an einem langen Holztisch auf Tuchfühlung gehen mit Autorinnen und Autoren. Manche setzen sich strategisch in die Mitte des Tisches, Schriftstellerinnen links und rechts neben sich.
Manche Besucherinnen und Besucher sind dort seit Jahren Stammgäste. In die Reporter-Mikrofone verraten sie ihr Credo: Die Autoren kommen zu mir, nicht ich muss zu ihnen kommen! Ein Dialog auf Augenhöhe, ganz anders als der Star-Rummel auf der großen Bühne.
Natürlich pilgern die Lesefans auch zu den Stars der Szene. Doch es ist der Mix, den die Leipziger Buchmesse so besonders macht: mal Lesefest, mal großes literarisches Klassentreffen, Leipzig zeigt sich nahbar und vielfältig.
Werte, die weit über die Buchmesse hinausreichen, die, man muss es in diesen Zeiten sagen, die Demokratie stärken können.
Kulturkampf eines überforderten Kulturstaatsministers
Aber nicht alles ist rosig und glitzernd, wie die Buchcover der zahlreichen
New Adult-Bücher vermuten lassen: Verlage kämpfen mit gestiegenen Kosten für Papier und Druck. Die Lesekompetenzen von Kindern und Jugendlichen nehmen dramatisch ab.
Das sind die Themen, die die Kulturpolitik beschäftigen sollten. Und nicht ein Kulturkampf, den ein offenbar überforderter Kulturstaatsminister unnötigerweise vom Zaun bricht.
Bei der Solidaritäts-Party für die Buchhandlungen lautete das Motto übrigens „Buchhandlungen sind der beste Verfassungsschutz“. Ein treffender Satz, den man nach vier Tagen Leipziger Bücher-Party zuspitzen kann: Denn Bücher garantieren Meinungsfreiheit.