
SWR Kultur lesenswert - Literatur Keine Liebe ohne Abgrund – Birgit Birnbachers herausragender Familienroman „Sie wollen uns erzählen“
Mar 17, 2026
06:23
Ein Unglück
Die Sommerferien stehen kurz bevor, als das Unglück passiert. Der zehnjährige Oz und seine Mitschüler entfernen sich unerlaubterweise vom Pausenhof und gehen zum Kaninchenstall hinter dem Schulgebäude. Weder die Lehrer noch der grimmige Schulwart, den alle nur HL nennen, haben mitbekommen, dass die Kinder die Tiere besucht und es versäumt haben, die Stalltür wieder zu schließen. HL wird gleich den Rasen rund um den Stall mähen und das freilaufende Kaninchen namens Flöte übersehen, vielleicht auch weil ihm die Karnickel egal sind. Die schuldbewussten Schüler aber beobachten aus nächster Nähe…Ein Drama für Hase und Schüler
„Wie Flöte vollkommen aufgescheucht vom Lärm, wild und im Zickzack, über die Wiese springt. Wie Flöte wild herumrennt, Hüpfer macht, höher, als sie das jemals gesehen haben. Mit angehaltenem Atem sehen sie, wie das arme Tier rast vor Schreck, davonspringen will. Wie es in seiner Panik beinahe gegen die Mauer kracht. Wie es stattdessen aber, in dem irren Zickzack, nicht davon-, sondern direkt zu HL hinspringt, in den Rasenmäher hinein, unter den Rasenmäher drunter. Oz schlägt die Hände vors Gesicht (…).“ Damit ist das Hasendrama noch nicht vorbei. Denn Oz wird den Todeskampf des schwer verletzten Tiers beenden. Eine rabiate Tat, die Mitschüler und Lehrer gleichermaßen entsetzt. Daheim erzählt Oz zunächst nichts von dem Vorfall, auch wenn er weiß, dass Mutter Annegret darüber informiert wird.Temperament wie ein Pulverfass
Ann hat eigentlich ein gutes Verhältnis zu Oz, auch weil sie ähnlich tickt wie ihr Sohn. „Vom Temperament her ist sie eher der Pulverfass-Typ“, heißt es an einer Stelle. Ihre Medikamente will sie nicht länger nehmen, geht aber immerhin ins „Impulskontrolltraining“. Zu ihrer Schulzeit galt sie als „energiegeladen“, von ADHS hatte man damals noch nichts gehört. „Mutter und Sohn sind im Spielen nicht gut. Sie hassen Uno, Mensch ärgere Dich nicht, Vier gewinnt. Sie hassen Regeln und Vorhersehbarkeit, die vorgegebenen Abläufe, die Unausweichlichkeit des Verlierens. Ihre Spiele sind eher Gespräche, und ihre Gespräche sind ein Erzählen. Ihr Erzählen hat begonnen, als Ozzy zu sprechen begann.“ Im entscheidenden Moment sprechen Mutter und Sohn aber nicht miteinander. Das Erzählen verlagert sich ins Innere der beiden Figuren, denen Birgit Birnbacher aus jeweils personaler Perspektive folgt. Ann möchte den Sohn die Ferien über in ein „Camp für Kinder mit und ohne ADHS“ schicken.Care-Arbeit und Zukunftsangst
Sie braucht Ruhe, möchte nach der Trennung von ihrem Mann auch der Frage nachgehen: „Wer bin ich geworden?“ – Ann kämpft an vielen Fronten. Nach der dritten Befristung an der Uni kann sie davon ausgehen, bald keinen Job mehr zu haben. Die vierundsiebzigjährige Mutter lebt in den Bergen und scheint ebenfalls Betreuung zu brauchen. Die doppelte Care-Arbeit wird Ann nicht allein meistern können. Wer wird ihr helfen? Die unzuverlässige Schwester Nell? Würden sie es schaffen, Oz zumindest in die Ferienbetreuung zu fahren?Kinderbetreuungspflicht ist für Nell so ein Wort wie Vorratsdatenspeicherung oder Nasen-Rachen-Abstrich, etwas, von dem man weiß, dass es das gibt, das die anderen auch ruhig machen können, womit sie sie aber bitte in Ruhe lassen sollen.Quelle: Birgit Birnbacher – Sie wollen uns erzählen
