

Archivradio – Geschichte im Original
SWR
Historische Aufnahmen und Radioberichte von den ersten Tonaufzeichnungen bis (fast) heute. Das Archivradio der ARD macht Geschichte hör- und die Stimmung vergangener Jahrzehnte fühlbar. Präsentiert von: Gábor Paál, Lukas Meyer-Blankenburg, Maximilian Schönherr und Christoph König. Ein Podcast von SWR, BR, HR, MDR und WDR. https://archivradio.de | Übersicht über alle Beiträge: http://x.swr.de/s/archivradiokatalog
Episodes
Mentioned books

Jun 2, 2021 • 20min
Schlussworte der Angeklagten | DDR-Strafprozess gegen Elli Barczatis und Karl Laurenz | 23.9.1955 | (5/5)
Als der Prozesstag kurz vor Mitternacht endet, ersuchen Elli Barczatis und Karl Laurenz um richterliche Gnade. Beide werden im Dezember 1955 mit dem Fallbeil hingerichtet.
Gnadengesuche der Angeklagten
Elli Barczatis wirkt sehr gefasst. Sie sagt, ihre Taten seien nicht zu verteidigen und bittet das Gericht um die Gnade, die Forderung der Staatsanwaltschaft in eine lange Gefängnisstrafe umzuwandeln. Sie habe viele Dinge erst in der U-Haft bzw. am heutigen Prozesstag erfahren. Das entschuldige jedoch nichts.
Unter Tränen bittet sie um ein milderes Urteil, um sich während des Haft und danach zu bewähren. Die Anklage sei zutreffend. "Ich habe Staatsgeheimnisse weitergegeben" und "ich habe dadurch auch den Terror unterstützt, der in Westdeutschland gegen Friedenskämpfer vor sich geht." Sie bezeugt noch einmal ihre enge Freundschaft zum Mitangeklagten Laurenz.
Karl Laurenz tritt vors Mikrofon. Er spricht von seinen chronischen Konflikten mit den Behörden der DDR und von seiner offenbar damit inkompatiblen "österreichischen Wesensart". Seine Michael-Kohlhaas-Natur lasse ihn stets gegen Ungerechtigkeit ankämpfen, und in der Ablehnung all seiner Bewerbungen sah er die größte persönliche Ungerechtigkeit, "eine sinnlose Vernichtung meiner Existenz".
Er hielt die SED für eine Kampfpartei, die Kritik aushalten und mit Opposition rechnen müsse. Aber er bedachte dabei nicht, dass er durch die Opposition gegen die SED auch in Opposition gegen die DDR ging, was er nicht wollte.
Laurenz' Schlussworte
"Ich empfinde es als persönlich tragischen Konflikt, dass ich mir durch meine unentschuldbaren Verbrechen selbst den Stempel aufgedrückt habe, ein Feind des Staates zu sein, den ich als meine zweite Heimat trotz mancher bitterer Erfahrung doch lieben gelernt habe. Ich finde es auch deshalb als tragischen Konflikt, weil ich mich absolut frei weiß von einem Gefühl irgendeiner Feindschaft oder irgendeines Hasses, wie denn diese beiden Gefühlswerte in meiner religiös abgestimmten Gefühlsskala gar nicht vorhanden sind. Es ist mir nach ziemlich schwerem Kampf gelungen, den inneren Schweinehund, der seit `52 von mir Besitz ergriffen hatte, zu überwinden. Ich habe diese für mich immerhin wichtige Tatsache in einem Verschen festgehalten, das da lautet:Ich komme aus Nacht und Finsternissie sollen mich nicht mehr begleitenEin dunkler Vorhang plötzlich zerrissich will dem Lichte entgegen schreitenHoher Senat, auch von mir kann man noch irgendetwas für den Aufbau erreichen, natürlich im Rahmen des Strafvollzugs. Von dem toten Laurenz hat niemand etwas. Ich bitte Sie sehr, ich sage es ganz offen, Gnade vor Recht gehen, walten zu lassen."
Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück. Damit endet der Mitschnitt. Die Urteilsverkündung und Urteilsbegründung sind nicht erhalten. Der Prozesstag endet kurz vor Mitternacht. Gnadengesuche werden von Grotewohl abgelehnt. Elli Barczatis und Karl Laurenz werden im Dezember 1955 mit dem Fallbeil hingerichtet.

Jun 2, 2021 • 7min
Plädoyer: Todesstrafe | DDR-Strafprozess gegen Elli Barczatis und Karl Laurenz | 23.9.1955 (4/5)
Der Beginn der Aufnahme — oder zumindest die Einleitung durch den Richter — fehlt. Staatsanwalt Wolfgang Lindner stellt fest, die Angeklagten hätten gegen Artikel 6 der Verfassung der DDR verstoßen, also "Boykotthetze" betrieben und fordert die Todesstrafe für beide. Elli Barczatis schreit vor Entsetzen. Der Richter legt eine Pause ein.
Plädoyer Staatsanwalt Lindner: "Die Verbrechen, die die Angeklagten gemeinsam begangen haben, sind Verbrechen nach dem Artikel 6 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik. Und in Ziffer 2 steht: Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Organisationen, Mordhetze gegen demokratische Politiker, Bekundung von Glaubens-, Rassen-, Völkerhass, militaristischer Propaganda, sowie Kriegshetze und alle sonstigen Handlungen, die sich gegen die Gleichberechtigung richten, sind Verbrechen im Sinne des Strafgesetzbuches.
Und wer wegen dieser Verbrechen bestraft wird, wird nach den Richtlinien des Strafgesetzbuches, wonach auf solche Verbrechen die höchste Strafe steht, verurteilt werden. Das wussten die Angeklagten im Voraus. Sie haben Boykotthetze betrieben. Sie haben Mitteilungen über Vorgänge in der Deutschen Demokratischen Republik an den Feind, an den Feind der Deutschen Demokratischen Republik, an die imperialistischen Kriegshetzer, an die Monopolkapitalisten, selbstverständlich an die von ihnen Beauftragten gelenkt, geleitet. […]
Und mit diesen Feinden haben sie sich verbunden, haben ihnen die Möglichkeiten gegeben durch Lieferung von Informationen über Tatsachen der Deutschen Demokratischen Republik, die sie, die diese Organisationen — wie die Angeklagten beide wussten — nicht etwa dazu benutzten, um unsere Menschen über Schwierigkeiten hinwegzuhelfen, die sie ihnen bereiteten, sondern um diese Schwierigkeiten zu vergrößern, eben: zu boykottieren.
Und das, was sie noch getan haben, ist aber auch Kriegshetze, wenn man den Feind unterstützt in seinem Bestreben uns zu schaden, im kalten Kriege zu schaden und darüber hinaus den heißen Krieg anzufachen. Den beiden Angeklagten war bewusst, was für Bestrebungen von den Imperialisten aus den Vereinigten Staaten von Amerika ausging. Es war ihnen bewusst, wer zu diesen Monopolkapitalisten, zu diesen Imperialisten, zu diesen Kriegshetzern steht und hält in Westdeutschland. Und sie wussten, dass diese Organisationen nicht etwa Organisationen des Humanismus sind, sondern dass diese Organisationen, diese Kriegshetze, Rüstungsindustriellen, die ideologische Vorbereitung des heißen Krieges vorbereiten helfen, damit sie die ideologische Vorbereitung treffen können.
Das wussten die Angeklagten beide ganz genau, sie lasen es in der Zeitung, sie waren informiert. Sie haben in innerbetrieblichen Schulungen, staatspolitischen Schulungen, haben sie darüber zur Genüge erfahren.
Wer sich nicht überzeugen lassen will und wer bewusst und vorsätzlich zum Feind übergeht und sein Land und sein Volk verrät, der verdient keine andere Strafe als die aus dem Artikel 6 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik. Ich beantrage wegen erwiesener Verbrechen nach diesem Gesetz gegen den Angeklagten Laurenz, Karl, geboren am 11.9.1905, die Todesstrafe. Ich beantrage nach diesem Gesetz wegen erwiesener Verbrechen gegen die Angeklagte Barczatis, Elli Helene, geboren am 7.1.1912, die Todesstrafe.
(Elli Barczatis weint)
Den Angeklagten ist das Vermögen einzuziehen."
Richter: "Vor den Ausführungen der Angeklagten und den Schlussworten tritt zunächst eine Pause von einer Viertelstunde ein."

Jun 2, 2021 • 2h 36min
Der Spion, den sie liebte | DDR-Strafprozess gegen Elli Barczatis und Karl Laurenz | 23.9.1955 (3/5)
Karl Laurenz und seine Kontakte zu Clemens Laby und Elli Barczatis
Karl Laurenz erzählt, wie man ihn wegen parteischädigenden Verhaltens aus der SED ausschloss. Nach einer Verhaftung fand er keine Arbeit. Der Richter erkundet das Verhältnis von Laurenz zur SED.
Clemens Laby lernte er als vermeintlichen Vertreter westdeutscher Bergbaumaschinen kennen. Laurenz dementiert einige Aussagen aus seiner U-Haft als Fehler. Die Folterung in U-Haft kommt nicht zur Sprache.
Auf Fragen des Richters sagt Laurenz aus, dass Elli Barczatis nur sehr widerwillig Auskunft über politische Dinge gegeben hätte.
Karl Laurenz: Jugend in Brünn, Wehrmacht, Einsatz für DDR-Häftlinge
Der Richter fordert Laurenz auf, seinen Lebenslauf zu erzählen. Laurenz spricht leise, mit böhmisch- österreichischem Akzent: "An meine Kindheit erinnere ich mich: Im Sommer keine Schuhe, im Winter kein Mantel. Und soweit es ging: Zeitungen austragen und Milch austragen. Aber ansonsten hatte ich immer satt zu essen und wurde gut gehalten. [...] Meine Mutter starb 1917, und ich bekam dann kurz darauf eine Stiefmutter, mit der ich mich nicht vertragen konnte, sodass ich es vorzog, im Sommer im Ruderverein zu schlafen und im Winter bei der Rettungsgesellschaft, bei der freiwilligen Feuerwehr."
Er erzählt von der Zeit des Nationalsozialismus, als er schon als Jurist tätig war, von der aufstrebenden Sudetendeutschen Partei in Brünn, wo er herkommt. Der Richter weist ihn zurecht: Er müsse hier nicht politische Entwicklungen aufzeigen, sondern er solle bei seiner persönlichen Entwicklung bleiben. Laurenz besteht darauf, das gehöre zusammen.
Hitler-Kritik – und kein NSDAP-Mitglied
Die Nazis seien 1939 ins Sudetenland einmarschiert und er hätte wegen seiner primär tschechischen Ausbildung Schwierigkeiten bekommen; zudem hätte er für die Zeitung einmal einen Artikel geschrieben, in dem er Hitler als "Enfant terrible Europas" bezeichnete. Man zeigte Laurenz bei der Gestapo an.
Er wandte sich an einen ehemaligen Schulkollegen, den Kreisleiter, um die Sache umzubiegen, indem er Laurenz einen Antrag auf Eintritt in die NSDAP gab. Das funktionierte, Laurenz zog seinen Antrag auf Parteimitgliedschaft wieder zurück. Länger als andere behielt er die tschechische Staatsbürgerschaft.
Im Zweiten Weltkrieg wurde er Unteroffizier in der Wehrmacht. Die Amerikaner nahmen ihn im Mai 1945 fest, schickten ihn nach einer Woche nach Hause, vermutlich weil er kein NSDAP-Mitglied war.
Ausschluss aus der SED und Gefängnis
Laurenz kam nach Berlin, zunächst als Jurist zur Hauptabteilung Kohle, dann als Autor zum Berliner Rundfunk, dann zum Berliner Verlag. Weil man ihn bei einem Gespräch mit Mitarbeitern bespitzelte (durch die Wand; er wehrte sich angeblich dagegen, einen "Kollektivvertrag" anzuerkennen, der zuvor nicht mit der Belegschaft durchgesprochen war), schloss man ihn wegen parteischädigenden Verhaltens aus der SED aus.
Er bekam eine Anstellung bei einer Anwaltskanzlei in Westberlin und schmuggelte Kassiber in die Untersuchungsgefängnisse in Ostberlin. Dabei wurde er verhaftet und zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt. Nach der Entlassung habe er 100 Bewerbungen geschrieben, die alle abgelehnt wurden.
Verhältnis zum Sozialismus und Bekanntschaft mit Clemens Laby
Der Richter geht auf ein Detail aus Laurenz‘ Verhörprotokoll in der U-Haft am 9. März 1955 ein. Er habe da gesagt, er habe 1945 beim Aufbau des Sozialismus teilnehmen wollen, indem er in die KPD eintrat. Laurenz besteht darauf, nie in die KPD aufgenommen worden zu sein und vermutet, seine späteren Schwierigkeiten mit der SED hingen damit zusammen.
Clemens Laby lernte er bei Arbeiten über Sicherheitseinrichtungen im Bergbau kennen. Im Mai 1952 trifft er Laby, der bereits im Westen lebte, wieder, als der aus dem Haus der Ministerien kam. Die beiden ehemaligen Kollegen tranken einen Kaffee im Café Stadtgarten. Hauptgesprächsstoff war das Grubenunglück in Zwickau.
Laby gab sich als Vertreter westdeutschen Bergbaumaschinen aus, weswegen er hier sei. Er bat Laurenz, in zu unterstützen, indem er bei Behörden vorsprach. Laurenz lehnte das ab. Laby sah, dass er kein Geld hatte und unterstütze Laurenz bei diesem und späteren Treffen mit kleinen Beträgen, etwa 5 Mark.
Agent Karl Laurenz
Die Übermittlung von politischen, wirtschaftlichen und kulturellen ("aber nicht Militär") Nachrichten wurde mit monatlich 400 Mark abgegolten, ohne Ablieferzwang. Laurenz war skeptisch und fragte: "Was ist das für ein Nachrichtendienst? Ein deutscher oder ein amerikanischer?" [denn die CIA war damals in Berlin stark tätig.] "Das ist eine ausgesprochen deutsche Sache", antwortete Schubert.
"Dass Laby Agent war, wusste ich seit 1952, nach dem ersten Treffen mit Schubert."
Der Richter versucht, Laurenz klar zu machen, dass selbst seine vermeintlich harmlosen Berichte über Versorgungsengpässe die DDR schädigen konnten [weil der Westen dann exakt diese Waren und Ersatzteile nicht lieferte].
Laurenz erwidert, man müsse nur die DDR-Zeitung Neues Deutschland lesen, um zu sehen "was der DDR fehlt". Er verweist auch auf den RIAS, der offen die Stimmung in der DDR zeichne. Dazu Richter Ziegler: "Der RIAS ist auch eine Spionagestelle in Westberlin."
Gegen Ende der Vernehmung zitiert der Richter mehrere während der U-Haft erstellte Protokolle. Laurenz dementiert einige Aussagen von damals. Zu anderen sagt er: "In der Vernehmungen habe ich Fehler gemacht."
Implizit steckt darin die Kritik an der U-Haft, in der er psychisch, vor allem durch willkürliches Wecken und Verhöre, gefoltert wurde. In dem Prozess spricht er das nicht an. In anderen, öffentlichen Prozessen aus der Zeit bedanken sich die Angeklagten sogar für die angeblich korrekte Behandlung in der U-Haft; möglicherweise riet man ihnen zu dieser aus propagandistischen Gründen wertvollen Aussage, auch wenn sie nicht stimmte, um Strafmilderung zu erreichen.
Ziegler fragt Laurenz abschließend nach seinen Motiven für die Spionage. Laurenz nennt nur eins: "Das Motiv ist nicht zu trennen von meiner Arbeitslosigkeit." Daraus habe sich eine "aus meiner Michael Kohlhaas-Natur entstandene Opposition gegen die Sozialistische Einheitspartei" ergeben.
Barczatis: Spionin wider Willen?
Staatsanwalt Lindner geht mit dem Angeklagten schärfer um als der Richter. Bei einem Disput über die "Gabelsberger Kurzschrift" etwa wirft er Laurenz vor: "Ihr Ausweichen finde ich lächerlich." Laurenz sagt, er habe keine Militärspionage betrieben.
Lindner: "Ist also eine andere Spionage kein Verbrechen?" Laurenz sagt, er könne sich von keiner einzigen Meldung, die er an den Westen geliefert hätte, vorstellen, dass sie zu staatsgefährdenden Zwecken hätte eingesetzt werden können. Lindner: "Das ist wiedermal sehr demagogisch!" Denn: "Sie sind ein sehr gerissener Spion."
Karl Laurenz und Elli Barczatis
Der besitzende Richter Löwenthal fragt Laurenz noch einmal nach dem Verhältnis der Angeklagten, nach den Geschenken für sie, seit er so gut verdiente. Laurenz gibt zu bedenken: "Die Barczatis hat zur Zeit meiner absoluten Mittellosigkeit sehr oft im Café für mich bezahlt."
Auf die Frage, wie gern sie Auskunft über politische Dinge gab, meint Laurenz: "Wenn sie mir etwas sagte, tat sie das ziemlich widerwillig, nicht mit einer Mitteilungsfreude, sondern hat mir irgendeinen Brocken hingeworfen."
Elli Barczatis meldet sich weinend zu Wort: Was sie jetzt angehört hätte, sei alles für sie neu gewesen. Richter Ziegler unterbricht sie: Sie habe nach dem Plädoyer des Staatsanwalts noch Gelegenheit, sich grundsätzlich zu äußern.

Jun 2, 2021 • 2h 11min
Die Sekretärin des Ministerpräsidenten | DDR-Strafprozess gegen Elli Barczatis und Karl Laurenz | 23.9.1955 (2/5)
Barczatis besorgt Dokumente aus Ministerpräsident Grotewohls Büro
Elli Barczatis berichtet, dass sie die Treffen von ihrem Freund Laurenz mit Clemens Laby bis zu ihrer Verhaftung für rein kollegial hält. Als Vertraute von Ministerpräsident Otto Grotewohl konnte Barczatis Dokumente aus seinem Büro an Laurenz weitergeben. Sie glaubte, ihm so bei seiner journalistischen Arbeit zu helfen.
Richter Ziegler fragt, woher der DDR-kritische Einfluss gekommen sei? "Auch von Laurenz", sagt sie, und von westdeutschen Zeitungen. Damit endet die Vernehmung.
Die unwissende Spionin?
Elli Barczatis berichtet über ihre Kindheit, Jugend und die Karriere in der DDR. Sie betrachtet ihre Erziehung als "kleinbürgerlich" und "nicht proletarisch". 1949 lernt sie Karl Laurenz in der "Hauptabteilung Kohle näher kennen". Laurenz schied dort wenig später aus, erzählt sie, weil es "Unklarheiten in seiner Vergangenheit" gegeben haben soll. Welche, sei ihr nicht bekannt.
Im Laufe des Prozesses klingt mehrmals an, dass Laurenz mit den Nationalsozialisten sympathisiert haben soll, es wird ihm aber an keiner Stelle nachgewiesen. Im Raum steht ebenfalls der Vorwurf, sich auf die KPD eingelassen zu haben; viele KPD-Anhänger fielen bei der später gegründeten SED in Ungnade.Ende 1952 trifft Barczatis auf dem Weg ins Kino im Westen scheinbar zufällig am U-Bahnhof Wittenbergplatz den früheren Kohle-Kollegen Clemens Laby. Laby gibt zu erkennen, dass er von Barczatis‘ Liebesbeziehung zu Laurenz weiß. Nach dem Kino treffen sich die drei auf eine Stunde in einer Weinstube.
Clemens Laby ist der Westspion, der Laurenz anwirbt. Davon weiß Barczatis aber noch nichts.
Kollegiale Zusammenkünfte oder konspirative Treffen?
Die Treffen von Laurenz mit Laby hält sie für rein kollegial: Zwei ehemalige Kollegen sprechen, um über die gemeinsame Vergangenheit zu plaudern. Der Richter fragt, wie lange sie das glaubte? Barczatis antwortet: "Bis zu meiner Verhaftung."Der Richter fordert sie auf, ihre Beziehung zu Laurenz näher zu schildern. Das Paar traf sich meistens in "Restaurationen und Caféhäusern". Barczatis erzählte dabei auch deshalb von Dingen, die sie aus dem Ministerium wusste, weil sie ihrem "Freund Laurenz" – der Richter besteht darauf, dass sie sagt: "dem Angeklagten Laurenz" –, der angeblich journalistisch für Westzeitungen arbeitete, einen Gefallen tun wollte. Auf die Frage, ob sie sich nicht hätte denken können, dass hier etwas nicht stimmt, antwortet sie: "Ich habe es mir nicht klar gemacht." Der Richter: "Sie wollten es sich nicht klar machen!"
Barczatis spricht von Angst. Sie hatte Angst, Laurenz immer mehr Informationen zu liefern. Dass sie es dennoch tat, hatte zwei Gründe: "Das mangelnde Vertrauen zur Politik der Regierung, zur Kraft der Arbeiterklasse." In ihrer nächsten persönlichen Umgebung seien viele Menschen unzufrieden mit der DDR gewesen. Der Richter wirft ein, Unzufriedenheit könnte ja auch dazu verwendet werden, sich aktiv zu betätigen. Barczatis sagt, sie habe sich "blenden lassen von der Konsumgüterindustrie in Westdeutschland". Auch die vielen Reisen ihrer Freundinnen im Westen hätten sie beeindruckt. Als zweiten Grund, als ihr "Hauptmotiv", nennt sie aber "die große Zuneigung zu meinem Freund und das Vertrauen" ihm gegenüber.
Versorgungsenpässe: Dresden bekommt zu wenig Rosinen für den Stollen
Sie sagt, es habe Streit gegeben, weil Laurenz Papiere aus Grotewohls Büro verlangte, sie ihm aber höchstens Informationen mündlich geben wollte.
Sie erzählt von Versorgungsengpässen in der DDR, von denen sie in ihrer Arbeit erfuhr, von den vielen Briefen, die sie als Chefsekretärin beantworten musste, wo Bürger ihre Probleme und ihr Leid beschrieben. Selbst die Rosinenverteilung für den Weihnachtsstollen habe nicht funktioniert: Dresden habe so viel wie die anderen Regionen zugeteilt bekommen, obwohl die Stadt für den berühmten Dresdner Stollen besonders viele Rosinen gebraucht hätte.
Auch über Besuche von Politikern bei Grotewohl und die Standgrößen bei der Leipziger Messe berichtete sie Laurenz. "Ich habe mir Sand in die Augen gestreut."
Aus der DDR-Berichterstattung über den Zwickauer Prozess 1953 [gegen Otto Fleischer; dazu gibt es eine reichhaltige Dokumentation im Archivradio] hat sie erstmals erfahren, dass Laby Spion war. Sie lieferte Laurenz aber weiterhin Informationen, obwohl sie wusste, dass er sich mit Laby traf.
DDR-Kritik und Einblicke durch westdeutsche Medien
Der beisitzende Richter Heinrich Löwenthal fragt vertiefend nach Laby. Der Flug Laurenz‘ zu seinem Bruder sei von Laby finanziert gewesen, ob Barczatis das nicht gewusst hätte? Sie verneint. Sie dachte, Laurenz‘ Bruder hätte den Flug bezahlt. Staatsanwalt Lindner fragt, wie es sein könne, dass Barczatis aus der Presse von Labys Spionagetätigkeit erfahren habe und dennoch keinen Verdacht schöpfte? "Ich habe den Angaben unserer demokratischen Presse keinen Glauben geschenkt. Ich kannte Laby als meinen ehemaligen Kollegen, und ich habe ihm das einfach nicht zugetraut." Sie vermutete, das Gericht in Zwickau bzw. die DDR-Presse habe einiges auf Laby abgeschoben, der im Westen lebte und deswegen nicht greifbar war.
DDR-kritische Haltung: westdeutsche Presse gelesen und RIAS gehört
Richter Ziegler fragt, woher der DDR-kritische Einfluss gekommen sei? "Auch von Laurenz," sagt sie. Sie habe zudem westdeutsche Zeitungen und Zeitschriften gelesen, den amerikanischen deutschsprachigen Rundfunksender RIAS gehört. Das alles habe ihre kritische Haltung bestärkt.
Damit endet die Vernehmung von Elli Barczatis.
Im Bild oben: Otto Grotewohl am Schreibtisch, um 1952. Grotewohl war von 1949 bis 1964 Ministerpräsident der DDR

Jun 2, 2021 • 5min
Die Eröffnung | DDR-Strafprozess gegen Elli Barczatis und Karl Laurenz | 23.9.1955 | (1/5)
Geheimprozess: Richter Ziegler schließt die Öffentlichkeit aus
Am Morgen des 23. September 1955 eröffnet der zweithöchste Richter der DDR, Walter Ziegler, den Prozess.
Ziegler stellt das Gericht und den Staatsanwalt vor und schließt die Öffentlichkeit aus. Damit wird das Verfahren zu einem Geheimprozess. Nur Stasi-Mitarbeiter, so Richter Ziegler, dürften bleiben.
Er fragt die Angeklagten nach Name, Geburtsdatum, Stand und Wohnadresse. Beide Angeklagten haben auf Verteidiger verzichtet.
Die eigentlich darauf folgende Verlesung der Anklage fehlt auf dem Mitschnitt.
Aufnahmedatum: 23. September 1955Quelle: Archiv für Stasi-Unterlagen der ehemaligen DDR (BStU)

Jun 2, 2021 • 55min
Der Schauprozess gegen Otto Fleischer | 1953 | Archivradio-Gespräch
Kurz nach dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 gehörte der Otto-Fleischer-Prozess zu den ersten und größten einer ganzen Reihe von Verfahren, in denen die DDR-Justiz mit besonderer Härte gegen vermeintliche Regimegegner vorging. Darin wurde der SED-Politiker Otto Fleischer 1952 verhaftet und im Folgejahr nach einem einwöchigen Schauprozess verurteilt. Die Stasi hat das Verfahren auf Tonbändern mitgeschnitten, 30 Stunden sind erhalten.
Ein erstaunliches Tondokument, unter anderem deswegen, weil wir hier hören, wie das oberste Gericht der DDR erstmals Akademiker aburteilt, hochrangige Männer aus der Energiewirtschaft. Diese Leute waren eigentlich für die junge DDR unverzichtbare Experten und noch kurz zuvor hatte die Staatspartei SED angemahnt, milde mit Intellektuellen umzugehen, die nicht hundertprozentige Sozialisten waren.
Aber seit der Verhaftung war der 17. Juni 1953 passiert, ein mit Hilfe der Sowjets niedergeschlagener Arbeitsaufstand der DDR. Der Staat war höchst nervös und wollte mit diesem halböffentlichen Strafprozess Macht demonstrieren.
Ein Gespräch zwischen Gábor Paál und Maximilian Schönherr mit zahlreichen Originalausschnitten.

Jun 2, 2021 • 1h 4min
Urteil im Otto-Fleischer-Prozess | 26.9.1953
Kurz nach dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 gehörte der Otto-Fleischer-Prozess zu den ersten und größten einer ganzen Reihe von Verfahren, in denen die DDR-Justiz mit besonderer Härte gegen vermeintliche Regimegegner vorging.
Urteilsverkündung am 26. September 1953
Die Aufnahme zeigt die Verkündung des Urteils am letzten Prozesstag und die ausführliche Urteilsbegründung vom 26. September 1953. Die Angeklagten sind zermürbt und flehen das Gericht an.
Ich bitte um die Gnade, mir im Zuchthaus Gelegenheit zu geben, zu arbeiten. Damit ich wenigstens einen kleinen Teil der Schuld abtragen kann, die ich gegenüber der Deutschen Demokratischen Republik begangen habe.
Quelle: Otto Fleischer im Otto-Fleischer-Prozess 1953
Otto Fleischer kam wenig später in ein Sondergefängnis, das sogenannte "Lager X", in dem er relativ komfortabel forschen konnte. Er arbeitete an einem Festkörperantrieb für Raketen, aber ohne Erfolg. Er wurde vorzeitig entlassen, bestritt in seinen privaten Memoiren die meisten Vorwürfe des Gerichts und starb kurz vor der Wende. Seine gerichtliche Rehabilitation erlebte er nicht mehr.
Forschung in der Haft und Begnadigung
Fleischer sollte in der Haft forschen und bekam dafür Mittel und Personal zugeteilt. Er arbeitete an Festkörperantrieben für Raketen – jedoch ohne vorzeigbare Ergebnisse. Nach acht Jahren wurde er begnadigt. Er starb im Wendejahr 1989 und wurde danach vollständig rehabilitiert.
Urteilsbegründung mit Lehrstunde zur Geschichte des Sozialismus
Richter Walter Ziegler verkündet das Urteil und begründet es. Er holt weit aus und erzählt von der Entstehung der DDR durch Überwindung des Hitlerfaschismus, der amerikanischen Imperialisten, des westdeutschen Monopolkapitals. Der Westen hat Tag X zur Vernichtung des Sozialismus angesetzt. Dabei sollte die Werktätige Intelligenz von großer Bedeutung sein. Offiziere des Kapitals konnten sich nicht von der Rolle der Ausbeuter lösen, um größte Profite aus der Arbeiterklasse herauszupressen. Ihre Verbrechen sind nicht typisch; schwerste Verbrechen an der DDR. Die Zeugen Jehovas hat die DDR als "Spionageorganisation" enttarnt.
Ziegler unterstellt Fleischer "Zynismus". Er habe DDR-Funktionären wie Otto Grotewohl und dem ZK der SED in mehreren Schreiben seine Solidarität mit dem sozialistischen Gedanken beteuert – um sich zu tarnen.
Angeblich Sabotagegruppe in Zwickau gegründet
Ziegler unterstellt, Fleischer und Kappler hätten eine Sabotagegruppe in Zwickau gegründet. Man drosselte Kohleförderung, verhinderte Techniken zur besseren Wetterführung. An der Nordostfeld-Erschließung sei einiges unterlassen worden, um den Amerikanern, wenn sie die DDR überfallen würden, große Bodenschätze präsentieren zu können. Stattdessen habe man in sinnlose Dinge wie das Anlegen eines Kohlebunkers investiert, obwohl schon ein Bunker da war.
Richter Ziegler: "Durch die Preisgabe der beabsichtigten Westeinkäufe war es dem amerikanischen Geheimdienst möglich, die für den sächsischen Steinkohlebergbau dringend benötigten Materialien auf ihre sogenannte "Vorbehaltsliste" zu setzen und damit eine Lieferung an die Deutsche Demokratische Republik zu verhindern."
Fleischer habe Elektroloks abgelehnt. Der Angeklagte Kuchheida sei faschistischem Denken erlegen.
Richter Ziegler: "Die Besonderheit dieses Prozesses besteht darin, dass alle Angeklagte, mit Ausnahme des Angeklagten Fankhähnel [...] zur technischen Intelligenz gehören. [...] Ihre langjährige, durch die ständige Zusammenarbeit hervorgerufene enge Verbindung zu den kapitalistischen Unternehmern hat sie zu verschworenen Feinden unserer demokratischen Entwicklung gemacht. [...] Trotz aller Vergünstigungen [...] haben sie [...] nur das eine Ziel verfolgt, den Bestand unseres Staates zu untergraben und durch ihre verbrecherische Tätigkeit zu beweisen, dass die Werktätigen nicht in der Lage sind, aus eigener Kraft eine volkseigene Wirtschaft erfolgreich aufzubauen, ohne dafür die Hilfe kapitalistischer Unternehmer in Anspruch zu nehmen."
Ziegler zu Fleischer: "Auch durch sein Schreiben an die SPD-Leitung in Hannover, in dem er sich gegen die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands und gegen die Aufstellung nationaler Streitkräfte aussprach, beging er Kriegshetze."
Vorwurf der Kriegshetze
Neben Kriegshetze (Artikel 6) ist Sabotage ein wichtiger Teil der Vergehen. Die Angeklagten waren "Offiziere des Kapitals."
Gericht reduziert die für Fleischer vom Staatsanwalt geforderte Strafe
Das Gericht reduziert die vom Staatsanwalt geforderte lebenslange Zuchthausstrafe für den Hauptangeklagten auf 15 Jahre, weil man davon ausgeht, dass Fleischer in der Haft "zu einem verantwortungsbewussten Handeln erzogen werden kann".
Das Band endet mit Zieglers Bemerkung, dass das Urteil nunmehr rechtskräftig ist und "keiner Anfechtung durch ein Rechtsmittel" unterliegt.
Bandsignatur MfS HA IX Tb 2188 bei der Stasiunterlagenbehörde BStU

Jun 2, 2021 • 16min
Angeklagte im Otto-Fleischer-Prozess dürfen sich äußern | 25.9.1953
Der DDR-Strafprozess gegen Otto Fleischer
Kurz nach dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 gehörte der Otto-Fleischer-Prozess zu den ersten und größten einer ganzen Reihe von Verfahren, in denen die DDR-Justiz mit besonderer Härte gegen vermeintliche Regimegegner vorging.
Am vorletzten Prozesstag, dem 25. September 1953, vor dem 1. Strafsenat des Obersten Gerichts der Deutschen Demokratischen Republik in Berlin dürfen sich die Angeklagten äußern.
Staatsanwalt fordert lebenslänglich für Otto Fleischer
Der Staatsanwalt hat sein Plädoyer gehalten und für den Hauptangeklagten Fleischer lebenslänglich gefordert. Unter dem Eindruck dieser von Politpathos triefenden Rede bricht der Hauptangeklagte fast zusammen. Kaum Worte findend, gesteht er schluchzend seine angebliche Schuld ein. Wegen der Emotionalität dieser Passage und mit Rücksicht auf Fleischers Kinder hören wir nur das Ende seiner sehr bewegten Rede, gefolgt von den Ausführungen der Mitangeklagten.
Die Angeklagten zeigen sich einsichtig
Die Angeklagten haben nach dem Plädoyer des Staatsanwalts (lebenslänglich für Fleischer) und vor der Verkündung des Urteils Gelegenheit, frei zu sprechen. Otto Fleischer bittet – wie die anderen Angeklagten auch – das Gericht, ihn in der Haft arbeiten zu lassen, "damit ich wenigstens einen kleinen Teil der Schuld abtragen kann, die ich gegenüber der Deutschen Demokratischen Republik begangen hab. Und ich bitte um die Gnade, mir im Zuchthaus Gelegenheit zu geben zu arbeiten, damit ich wenigstens einen kleinen Teil der Schuld abtragen kann, die ich gegenüber der Deutschen Demokratischen Republik begangen habe. Und ich bitte um die Gnade, mir doch die Möglichkeit zu geben, noch einmal mit meiner Familie zusammenzukommen, für die ich mein bisheriges Leben gelebt habe."
Angeklagter Wilhelm Kappler: "Meine schädlichen und verbrecherischen Handlungen sowie meine Selbstbesinnung, zu der ich reichlich Gelegenheit hatte, haben in mir den unbeirrbaren Vorsatz und den festen Willen entstehen lassen, wiedergutzumachen, wo und wie es nur angängig ist.
Ich bin von dem einen Wunsche nur beseelt, dass ich diese meine innere Wandlung durch praktische Tätigkeit und Bewährung unter Beweis stellen kann. Ich hoffe und bitte das hohe Gericht, dass ich trotz meines vorgeschrittenen Alters hierzu noch einmal Gelegenheit erhalte. Ich schließe mich den Ausführungen meines Verteidigers vollinhaltlich an und möchte nur noch persönlich meine Bitte hinzufügen, mich in meinen Handlungen in gerechter Wertung all der damit verknüpften Umstände milder beurteilen zu wollen."
Angeklagter Hans Hertel: "Hohes Gericht. Zuerst möchte ich mich bei den Kumpels der Steinkohle, vor allem bei den Kumpels des Werks Deutschland und des Karl-Marx-Werkes für meine Verbrechen, die ich an ihnen und am Werk begangen habe, entschuldigen. Ich möchte mich entschuldigen für den Vertrauensbruch, den ich durch das Vertrauen, was sie in mich als sie mich als technischen Leiter eingesetzt haben, begangen habe.
Ich habe in der langen Untersuchungshaft durch die während der Untersuchung gewonnenen Erkenntnisse mein Bewusstsein geändert. Ich habe in der Untersuchungshaft Gelegenheit gehabt, etwas über die Grundlagen des Sozialismus zu erfahren. Und dadurch ist mir erst in hohem Umfange bewusst geworden, in welchem Ausmaß ich geschädigt habe. Und es ist mir hierbei klar geworden, dass ich nicht nur an der Steinkohle und an der Volkswirtschaft, sondern auch an meiner Familie und an mir zum Verbrecher geworden bin.
Ich bin mir vollkommen klar darüber, dass ich eine empfindliche Strafe verdient habe. Denn ich habe ja durch meine Handlungsweise die planmäßige Entwicklung unseres Volkswirtschaftsplanes gehemmt. Und auf der anderen Seite dadurch den Imperialismus unterstützt.
Ich habe Strafe verdient und ich bitte das hohe Gericht hierdurch um Verzeihung. Ich bereue meine Verbrechen auf das tiefste. Und ich habe nur den einen Wunsch: Ich möchte wiedergutmachen. Ich möchte das hohe Gericht bitten zu befürworten, dass ich während der Strafzeit arbeiten darf. Ich möchte durch Arbeit beweisen, dass ich mein Bewusstsein geändert habe. Ich möchte mein verändertes Bewusstsein durch die Tat beweisen. Im übrigens schließe ich mich den Worten meines Rechtsanwaltes an."
Es folgen die Plädoyers der Angeklagten Bank, Fankhänel, Kribus und Kuchheida.
Georg Bank: "Ich bereue insbesondere meine Hetze gegen die Oder-Neiße-Grenze." Hat sich 1950 von Laby abgewandt, war aber zu feige, sich selbst anzuzeigen. Zum Verräter geworden gegenüber den Kumpels, weil er Kriegshetzern Material gab. Diese Verbrechen lassen sich nicht so einfach wieder gut machen. Möchte noch einmal die gute Behandlung erwähnen und den Untersuchungsbehörden dafür danken.
Bruno Fankhähnel: "Ich bereue meine Tat auf das tiefste." Der Prozess soll andere warnen, solche Verbrechen zu begehen.
Herbert Kribus: Möchte nicht den Anschein erwecken, mich hinter Fleischer zu verstecken. Bin meiner Schuld bewusst. Er erzählt, dass er 1951 auf einen Kongress nach Dresden ging, Dresden völlig zerstört vorfand. Es haben die Leute, die immer mit Kultur prahlen (er meint, ohne es zu sagen, die Briten und Amerikaner), diese wehrlose Stadt bombardiert. Damals wandte ich mich vom Westen ab. "RIAS-Hetze". Hatte Angst. Bin in der Haft anständig und korrekt behandelt worden. Es gab "Unterhaltungen" mit Untersuchungsrichtern und Sachbearbeitern. Bin körperlich noch rüstig und möchte gern in der Haft im Bergbau arbeiten, auch um meine Familie zu unterstützen.
Conrad Kuchheida: "Bekenne mich schuldig und bedauere Verbrechen zutiefst." Möchte den anderen, die noch nicht zur DDR stehen, raten, umzudenken.
Bandsignatur MfS HA IX Tb 2187 bei der Stasiunterlagenbehörde

Jun 2, 2021 • 19min
Verteidiger-Plädoyer für Mitangeklagte im Otto-Fleischer-Prozess | 1953
Wie es in den DDR-Prozessen der 1950er Jahre immer wieder vorkam, verteidigt der Verteidiger nicht seine Mandanten, sondern folgt im Wesentlichen der Anklage – allenfalls mit der Bitte, ein "gerechtes Urteil" zu fällen. Rechtsanwalt Zumpe mahnt mildernde Umstände an und begründet dies damit, dass die Oberschlesier, die seine Klienten beide sind, generell zum Kapitalismus neigten, also quasi von Geburt an vorbelastet seien.
Kribus und Kuchheida sind schuldig im Sinne der Anklage. Beide Angeklagten haben sich auch für schuldig bekannt. Die von mir vertretenen Angeklagten entstammen kleinbürgerlichen, beziehungsweise bürgerlichen Kreisen. Beide erlebten ihre Ausbildung und ihre Berufstätigkeit in einer Zeit, in der die Krisen und die Schwankungen des Kapitalismus nicht auf sie unwirksam blieben, sie diese am eigenen Körper merkten. Während unsere Ordnung, die technischen Kader entsprechend der Fähigkeit der Menschen an die richtigen Stellen einsetzt, war es bei meinen Angeklagten so, dass sie zeitweilig hindurch arbeitslos waren, dass sie andere Zeiten hindurch nicht entsprechend ihres Berufes tätig sein konnten. Und dass sie darüberhinaus, als sie nun endlich in ihrem Beruf arbeiten konnten, eine untergeordnete Stellung einnahmen. Sie waren für den Kapitalismus Ausbeutungsobjekte, gehörten zeitwilig zur Armee der Arbeitslosen, beziehungsweise mussten Fremdberufe ergreifen. Der Umstand, Ausbeutungsobjekt zu sein, änderte sich für meine Angeklagten auch nicht dadurch, dass sie später in höherer Funktionen innerhalb des Kapitalismus tätig waren. Sie waren selbst als unmittelbare Handlanger des Kapitalismus selbst Ausgebeutete, wenn sie auch zur Ausbeutung anderer Menschen beitrugen.
Quelle: Rechtsanwalt Zumpe im Otto-Fleischer-Prozess

Jun 2, 2021 • 14min
Vernehmung des Zeugen Martin Biok im Otto-Fleischer-Prozess | 21.09.1953
Biok stellt sich trotz Drängens durch das Gericht nicht gegen Fleischer, sondern berichtet sachlich. In keiner seiner Aussagen steckt eine Belastung der Angeklagten. Er wird nach kurzer Befragung wieder aus dem Saal entlassen. Biok befand sich damals aus unbekannten Gründen selbst in Haft.


