

Archivradio – Geschichte im Original
SWR
Historische Aufnahmen und Radioberichte von den ersten Tonaufzeichnungen bis (fast) heute. Das Archivradio der ARD macht Geschichte hör- und die Stimmung vergangener Jahrzehnte fühlbar. Präsentiert von: Gábor Paál, Lukas Meyer-Blankenburg, Maximilian Schönherr und Christoph König. Ein Podcast von SWR, BR, HR, MDR und WDR. https://archivradio.de | Übersicht über alle Beiträge: http://x.swr.de/s/archivradiokatalog
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Aug 6, 2021 • 53min
Willy Brandt verurteilt Mauerbau – Eine seiner emotionalsten Reden | 16.8.1961
Am 13. August 1961 beginnt in Berlin der Bau der Mauer – nachdem der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 noch behauptet hatte, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu errichten.
Protestkundgebung vor dem Schöneberger Rathaus
Am 16. August findet vor dem Schöneberger Rathaus eine große Protestkundgebung statt. Dort spricht auch der Regierende Bürgermeister Willy Brandt. Es ist eine seiner entschiedensten und emotionalsten Reden. Er macht deutlich: Es geht hier um weit mehr als nur um Berlin. Man dürfe sich das nicht bieten lassen.
Brandt warnt vor weiterer Appeasement-Politik. Denn die Versuche, durch politische Kompromisse und wirtschaftliche Abkommen der DDR-Führung entgegenzukommen, seien offenbar gescheitert und hätten diese nur noch zu weiteren Repressionen ermutigt. Und wer jetzt noch aus dem Westen zur Leipziger Buchmesse reise, solle gleich drübenbleiben.
Brandt-Rede ist "Rhetorisches Kunststück"
Der Historiker Stefan Wolle hält die Rede für ein großes rhetorisches Kunststücke, sagte er in SWR2 Wissen:
„Auf der einen Seite findet Willy Brandt in der Situation die richtigen Worte, um die Empörung der deutschen Bevölkerung in Ost und West auszudrücken. Gleichzeitig aber will er nicht Öl ins Feuer gießen.“
Aber ist die Botschaft der Rede nicht auch: Diplomatie und Entgegenkommen bringen nichts? Spricht hier nicht ein anderer Brandt als der Versöhnungspolitiker, als der er später bekannt wird? Aus Sicht von Wolle kein Widerspruch:
„Die Forderungen, die er in seiner Rede im Konkreten stellt, sind ja relativ harmlos: Boykott der Leipziger Messe, Boykott von Sportveranstaltungen. Aber er fordert ja keine militärischen Maßnahmen. Viele haben damals gesagt: Jetzt müssten die Amerikaner ihre Panzer auffahren lassen oder die Mauer wegräumen und so weiter. Aber das fordert ja Willy Brandt überhaupt nicht.“
Weder die Bundesregierung noch die Alliierten wollen weitere Eskalation
Brandt weiß, dass weder die Bundesregierung noch die Alliierten eine weitere Eskalation wollen. „Das war auch die Haltung von Konrad Adenauer übrigens: Wir sollten jetzt nicht versuchen, in irgendeiner Art und Weise die Situation zu verschärfen. Denn über diese ganzen Jahren, das wird heute in unseren friedlichen Zeiten manchmal vergessen, in der ganzen Zeit schwebt über allem die Drohung des Atomkriegs, der nuklearen Selbstvernichtung der Menschheit."
Und weiter: „Brandt weiß zu diesem Zeitpunkt schon, dass die Mauer nur durch eine Politik der kleinen Schritte, wie es dann später genannt wurde, zu beseitigen ist. Und diese Politik war eben zukunftsfähig. Die hat nach 28 Jahren eben nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass die Mauer friedlich verschwunden ist."

Aug 5, 2021 • 7min
Konrad Adenauer kritisiert Rundfunk | 19.10.1951
Adenauer: Medien berichten zu einseitig
Bundeskanzler Konrad Adenauer fühlt sich in seiner Regierungsarbeit durch die Medien beeinträchtigt. Die würden zu einseitig berichten, das müsse sich ändern, erklärt er auf dem CDU-Parteitag in Karlsruhe.
Ein Jahr zuvor hatten sich die bestehenden Landesrundfunkanstalten zur ARD zusammengeschlossen. Adenauer spricht außerdem über die Gefahr totalitärer Parteien – und darüber, wie gut es sei, dass sich Protestanten und Katholiken in einer großen Partei – der Union - zusammengefunden hätten.
Adenauer plant "Deutschland-Fernsehen" als Konkurenz zur ARD
Um der ARD etwas entgegenzusetzen, plant Adenauer einige Jahre später die Gründung eines dem Bund unterstellten "Deutschland-Fernsehens."

Jul 23, 2021 • 47min
Elly Beinhorn: Die erste Frau, die um die Welt fliegt | 1932 / 1978
Elly Beinhorn (1907 - 2007) ist Deutschlands berühmteste Flug-Pionierin. Langstreckenflüge waren ihre Spezialität.
1929 macht sie ihren Pilotenschein. 1931 fliegt sie nach Afrika und über den Himalaya. Die Pannen und Notlandungen, die sie dabei erlebt, halten sie nicht davon ab, 1932, im Alter von 25 Jahren, im Alleinflug die Erde zu umrunden. In einem Interview im Jahr 1978 erzählt sie, wie sie zur Fliegerei kam.

Jun 24, 2021 • 11min
Kroatien und Slowenien erklären Unabhängigkeit | 25.6.1991
Slowenien und Kroatien wollen sich damit von der Herrschaft des serbischen Präsidenten Milosevic befreien, der in den Jahren zuvor die Provinzen immer mehr entmachtet und diktatorische Züge angenommen hat. Slowenien und Kroatien sind die beiden nördlichsten und wirtschaftlich stärksten Provinzen. Ihre Unabhängigkeit wollten sie eigentlich erst einen Tag später erklären, aber dann prescht zunächst Kroatien vor. Daraufhin schafft auch Slowenien noch am selben Abend Fakten.
Dass Serbien die Unabhängigkeitserklärungen nicht einfach so akzeptieren würde, war klar, doch die Regierung in Belgrad ging kurz darauf massiv gegen die abtrünnigen Staaten vor – der Beginn der Jugoslawienkriege.
Die Länder der Europäischen Gemeinschaft erkannten Slowenien und Kroatien noch nicht gleich als unabhängige Staaten an. Das passierte erst ein halbes Jahr später, vor allem auch der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher setzte sich dafür ein, als Versuche, durch Verhandlungen die Gewalt einzudämmen nicht geholfen haben.

Jun 6, 2021 • 13min
Bestochene Spieler – Bundesliga-Skandal fliegt bei Geburtstagsparty auf | 7.6.1971
Horst-Gregorio Canellas überrascht mit Tonbandaufnahmen
Bundesligaprofis werden heimlich dafür bezahlt, dass sie Spiele verlieren – ein solcher Skandal fliegt 1971 auf. Ein Vereinspräsident lässt die Bombe platzen: Horst-Gregorio Canellas von Kickers Offenbach. Er feiert am 6. Juni 1971 seinen 50. Geburtstag und lädt prominente Gäste ein: Nationaltrainer Helmut Schön, die Spitze des DFB und die wichtigsten Vertreter der Sportpresse.
Canellas ist nicht so richtig nach Feiern zumute. Am Vortag waren die Offenbacher Kickers aus der Bundesliga abgestiegen. Doch er will sich nicht bemitleiden lassen und überrascht die Anwesenden mit Tonbandaufnahmen, die nach seiner Auffassung beweisen, dass Spielerbestechung in der Bundesliga gang und gäbe sei, gerade in den letzten Wochen des Abstiegskampfs.
Am nächsten Tag ist das Thema in allen Zeitungen und für den Südwestfunk berichtet Fritz Heinrichs.
Enthüllung bei einer privaten Feier
Dass der Kölner Torwart Manfred Manglitz für Geld empfänglich ist, wusste Canellas von einem vorausgegangenen Fall. Gleichzeitig mit der Enthüllung des Skandals erklärt Canellas seinen Rücktritt als Präsident von Kickers Offenbach. Doch auch er muss sich Fragen gefallen lassen. Warum ist er so vorgegangen? Denn Spielerbestechung aufzudecken, indem man sie in eine Falle lockt, ist nicht gerade ein sauberes Vorgehen. Und warum enthüllt er den Skandal auf einer privaten Geburtsfeier, statt die verantwortlichen Vereine oder den DFB damit zu konfrontieren?
Bevor der Süddeutsche Rundfunk Canellas mit diesen Fragen konfrontiert, spielt der Sender noch das zweite Tonband.
Nach und nach kommt heraus, dass es mindestens seit April 1971 Geldzahlungen an Spieler verschiedener Vereine gegeben hat. Einen Monat später wird Torwart Manglitz vom 1. FC Köln fristlos entlassen.
Nachdem Canellas bereits zurückgetreten war, wurde er nachträglich noch vom DFB-Sportgericht für alle Ämter gesperrt. Er widmete sich fortan wieder seinem Großhandelsbetrieb in Frankfurt. Sechs Jahre später war er übrigens unter den Passagieren der von Terroristen entführten Lufthansa-Maschine "Landshut".
Archiv des SWR: W0377511 und W0076233

Jun 4, 2021 • 26min
Urteil: Todesstrafe | DDR-Strafprozess gegen Walter Praedel | 20.12.1961 (4/4)
Walter Praedel – ehemaliger Wehrmachtssoldat
Im Zentrum des Strafprozesses am 20. Dezember 1961 im Bezirksgericht Frankfurt/Oder stand eigentlich nicht die Brandstiftung, sondern etwas ganz anderes: Praedel hatte als Soldat der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg an einem Erschießungskommando gegen sowjetische Zivilisten teilgenommen. Dafür war er von einem Sowjet-Gericht zu Zwangsarbeit verurteilt, 1955 jedoch begnadigt worden.
Der Umstand, dass er dennoch einen Hass auf die Sowjetunion und die DDR entwickelte, führte für Richter Walter Ziegler zur Diversion, also der schweren Schädigung der DDR.
Todesurteil nach einem Verhandlungstag
Abgesegnet von der Justizministerin Hilde Benjamin und vom Minister für Staatssicherheit Erich Mielke erging nach einem Verhandlungstag das Todesurteil.

Jun 4, 2021 • 1h 27min
"Feind der Werktätigen" | DDR-Strafprozess gegen Walter Praedel | 20.12.1961 (3/4)
Am 16. August 1961 hörte Praedel, wie viele DDR-Bürger, die Rede des Berliner Bürgermeisters und späteren Bundeskanzlers Willy Brandt zum Mauerbau: „Wir wissen, welcher Hass, welche Bitterkeit, welche Verzweiflung heute und in diesen Tagen in ihren Herzen wohnt. Wir wissen, dass nur die Panzer sie zurückhalten, ihrer Empörung freien Lauf zu lassen!“
Ab da wollte Walter Praedel die DDR schädigen, und er suchte sich dafür einen Tag mit günstigem Wind und ohne Zeugen aus, den 12. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1961.
Zwei Scheunen mit Heu brannten nieder, bevor die Feuerwehr anrückte und die beiden Viehställe vor dem Überschlagen der Flammen schützte. Praedels Alibi, er sei auf der Toilette gewesen, war schnell widerlegt. Er kam noch am selben Tag in U-Haft.

Jun 4, 2021 • 1h 31min
Die Motive des Brandstifters | DDR-Strafprozess gegen Walter Praedel | 20.12.1961 (2/4)
Walter Praedel war ein einfacher Mann. Er arbeitete bei der Feuerwehr, als Wald- und Erntearbeiter und zuletzt als Ofenbauer beim VEB Schamottewerk in Bad Freienwalde/Oder. Seine Kollegen und Verwandten mochten ihn.
Vor dem Bau der Berliner Mauer reiste er ab und zu aus dem Osten der DDR nach Westberlin, besuchte Verwandte und nahm einige Male an Treffen der Pommerschen Landsmannschaft teil, einer erzkonservativen Vereinigung, die die Grenzen von 1945 wieder herstellen wollte. Hier entstand sein Vorbehalt gegen die DDR.
Weiter trug dazu bei, dass er regelmäßig spätnachmittags den Westberliner Rundfunksender RIAS hörte.
Als das Stalldach seiner Schwägerin trotz mehrerer Versprechen von der LPG nicht repariert wurde, schlug Praedels Aversion in Hass um.

Jun 4, 2021 • 1h 31min
Die Anklage | DDR-Strafprozess gegen Walter Praedel | 20.12.1961 (1/4)
Walter Praedel war 50 Jahre alt, als er im Oktober 1961 eine Scheune im Dorf seiner Schwägerin anzündete. Niemand kam ums Leben. Am 20. Dezember 1961 wurde ihm der Prozess gemacht. Im Januar 1962 starb er in Leipzig unter dem Fallbeil.

Jun 3, 2021 • 55min
Todesurteil wegen Brandstiftung – DDR-Strafprozess gegen Walter Praedel 1961 | Archivradio-Gespräch
Der Landarbeiter Walter Praedel hörte Willy Brandt im Radio und zündete am 7. Oktober 1961 – dem Jahrestag der DDR-Gründung – zwei Scheunen an. Niemand wurde verletzt. Der Strafprozess in Frankfurt/Oder im Dezember 1961 dauerte nur wenige Stunden und endete mit einem Todesurteil. Warum wurde Walter Praedel zum Tod verurteilt? Beklemmende Aufnahmen eines DDR-Strafprozesses. Von Maximilian Schönherr und Gábor Paál. | Manuskript zur Sendung: http://swr.li/prozess-praedel | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: daswissen@swr.de | Folgt uns auf Mastodon: https://ard.social/@DasWissen


