SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Mar 8, 2026 • 52min

Neue Bücher von Helene Bukowski, Son Lewandowski, Anja Gmeinwieser, Marina Vujčić und Clara Leinemann

Zum Internationalen Frauentag am 8. März widmen wir das SWR Kultur lesenswert Magazin Romanen und Autorinnen, die gegen strukturelle Gewalt und Machtmissbrauch anschreiben.
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Mar 8, 2026 • 4min

Das Menschliche der Maschine

Die KI-Revolution, schreibt Markus Gabriel, sei nicht primär technisch, sondern emotional und ethisch. Diese doch überraschende Prämisse bildet das Fundament für die Überlegungen des Philosophen, an denen er uns in seinem neuen Essay „Ethische Intelligenz“ teilhaben lässt.   Für Gabriel ist KI ein Spiegel: Sie ist nicht neutral, sondern bildet ein interaktives Abbild unserer Werte und unseres Handelns. Es gehe also nicht darum, eine ohnehin sich vollziehende Entwicklung durch Regulierungen aufzuhalten. Sondern sie in unserem Sinne zu gestalten.  Wir brauchen eine Ethische Intelligenz. Diese besteht darin, die KI weder als Gegner noch als Erlöser zu begreifen, sondern als Mitspieler in einer neuen Ko-Evolution von Mensch und Maschine, bei der Ethik nicht nur angewandt, sondern gelebt wird.  Quelle: Markus Gabriel – Ethische Intelligenz. Wie KI uns moralisch weiterbringen kann Interdisziplinäre Zusammenarbeit Dieser Ansatz braucht die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Disziplinen. Er sieht gerade Europa in der Pflicht, eine „Neue Aufklärung“ mit auf den Weg zu bringen:   „Das bedeutet, die enormen ökonomischen Potenziale eines ethischen Fortschritts zu erkennen und sie zur Grundlage der Wertschöpfung zu machen. Philosophie, interdisziplinäres Denken und normative Klarheit sind kein Luxus, sondern gehören ins Zentrum der technologischen Entwicklung.“, schreibt Gabriel Die emotionale Wende der KI  Die Grundlage für Gabriels Optimismus liegt in etwas, das er die emotionale Wende der KI nennt: Durch die neuronalen Netze, die entstehen, durch intelligente Sprachmodelle, die Muster erkennen und Verbindungen herstellen, verwandelt sich die virtuelle Welt immer mehr von einem Wissenssystem in eine emotionale Intelligenz. Man kann das daran beobachten, dass schon jetzt viele Menschen mit ihren alltäglichen Problemen bei Künstlicher Intelligenz Rat suchen. Heutige KI-Modelle würden uns inzwischen besser kennen als alle Psychotherapeuten, Seelsorger, Neuro- und Sozialwissenschaftler zusammengenommen, so Gabriel. Aus dieser Erkenntnis, dass wir im Innenraum unserer Seele nicht mehr allein seien, müssten die richtigen Schlüsse gezogen werden. Das sei der Übergang von einer Ethik der KI zu einer Ethik mit KI, mithin der Eintritt in eine Phase, die Gabriel „Ethische Intelligenz“ nennt. Das Ziel sei ein lebendiger Prozess, ein…   … ko-evolutionärer Dialog zwischen Mensch und Maschine, in dem die Maschine menschliche und der Mensch maschinelle Züge annimmt und ausführt. Quelle: Markus Gabriel – Ethische Intelligenz. Wie KI uns moralisch weiterbringen kann Ein erfrischender, aber schwer vorstellbarer Ansatz?  Ein fortlaufendes Gespräch also, das uns im besten Fall besser macht, weil die Maschine uns einen Spiegel vorhält – aus dem uns anblickt, was wir selbst sein wollen. KI sei deshalb – allen Unkenrufen zum Trotz – nicht das Ende des Menschlichen, sondern seine Erweiterung. Ein Resonanzraum, bei dem sich das Menschliche selbst erforsche, aufmerksamer werde. Richtig genutzt könnten Geschäftsmodelle entwickelt werden, die nichts mit den Tech-Fantasien eines Transhumanismus zu tun hätten, sondern auf moralische Tiefe und Teilhabe setzen.  Die Revolution der KI ist nicht das Erwachen der Maschinen, sondern das Erwachen unserer Beziehung zu ihnen. Quelle: Markus Gabriel – Ethische Intelligenz. Wie KI uns moralisch weiterbringen kann Angesichts der Untergangsszenarien, die im Zusammenhang mit KI gerade in den letzten Jahren beschworen werden, ist Gabriels Ansatz durchaus erfrischend. Aber so verlockend Gabriels These auch ist – die Frage, ob das Projekt einer ethisch gestalteten Intelligenz gegen die Macht der Konzerne und autoritäre Regierungen wirklich durchsetzbar ist, bleibt doch unbeantwortet. Eine Strategie, wie etwa ein ja immer wieder uneiniges Europa, eine solche hehre Mammutaufgabe stemmen könnte, liefert sein zum Weiterdenken anregendes Buch nicht. Eine weitere Achillesferse von Gabriels Idee: Sie spielt sich im Virtuellen ab, mithin in einer Welt, die keine Leiblichkeit kennt, deren Mechanismen Vereinzelung und einen meist bösartigen Narzissmus befördern, ja brauchen. Auch alle bisherigen Geschäftsmodelle im Netz beruhen auf Spiegelung – aber die Spiegel zeigen lediglich, was der Betrachter sehen will, erzeugen unerfüllbare Sehnsüchte, Egoismus und Echoräume. Und die Frage, auf welchen ethischen Grundlagen eine Ethische Intelligenz überhaupt beruhen soll, ist da noch gar nicht gestellt.
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Mar 7, 2026 • 12min

„Die Geschichte eines verhinderten Femizids“: Marina Vujčićs „Sicheres Haus“

Lada Lončar: Täterin oder Opfer – oder beides? Gleich der erste Satz lässt keinen Zweifel: Lada hat ihren Ehemann getötet. So beginnt der Roman „Sicheres Haus“ der kroatischen Autorin Marina Vujčić. Kein Krimi, kein Rätsel um die Täterschaft. Und doch entfaltet sich eine Geschichte voller Leerstellen: Warum kam es zu dieser Tat? Wie funktioniert ein System aus Gewalt und Scham? Und wer ist hier eigentlich das Opfer? Ins Deutsche übersetzt wurde der Roman von Mascha Dabić. Im Gespräch im SWR Kultur lesenswert Magazin erklärt sie, wie raffiniert dieser Text konstruiert ist und warum sein Titel so paradox klingt. Ein Monolog in Briefform Lada sitzt im Frauengefängnis. Dort beginnt sie, ihre Geschichte aufzuschreiben. In Briefen, an sich selbst. In der Du-Form. Sie rekonstruiert die Vergangenheit, tastet sich voran durch Erinnerung und Rechtfertigung. „Sie stellt sich vor, wie es wäre, wenn da draußen eine Frau wäre, die ihre Geschichte erzählen würde“, sagt Mascha Dabić. So entsteht eine beklemmende Nähe: ein Monolog, der zugleich Selbstanklage und Selbstrettung ist. Marina Vujčić beschreibt, wie Ladas Beziehung mit einem Universitätsprofessor als Liebesgeschichte beginnt, doch rasch kippt. Der Ehemann erscheint zunächst wie ein Märchenprinz. Sie gleitet in eine „eheliche Hölle“ ab. Gewalt wird zum Alltag. Das System häusliche Gewalt Ladas Mann isoliert sie systematisch: von der Schwester Nina, den Eltern, der Freundin Magda. Jedes Telefonat wird als Affront gewertet und bestraft. Die Schwester glaubt irgendwann, Lada wolle keinen Kontakt mehr. Tatsächlich darf sie keinen haben. Als Lada schließlich versucht, sich zu trennen, verweigern die Eltern ihre Unterstützung. Eine Scheidung wäre eine Schande. Sie solle „in diesem Konstrukt verbleiben“, Ehestreitigkeiten seien schließlich normal. Nur die Freundin Magda zeigt Solidarität, nimmt sie auf , doch Lada kehrt zurück zum Ehemann. Sie ist schwanger. Mit der Tochter wird sie endgültig erpressbar: emotional, juristisch und finanziell. Der Roman zeigt ein komplexes Geflecht aus Abhängigkeit, Scham und gesellschaftlichem Druck. Das Gefängnis ist sicherer als das Zuhause Der Titel des Romans „Sicheres Haus“ wirkt wie ein bitterer Widerspruch. Denn Sicherheit findet Lada ausgerechnet im Gefängnis. Dort herrscht zwar Unfreiheit, Kontrolle, aber keine Willkür. Das Zuhause hingegen war jahrelang ein Ort der Bedrohung. Marina Vujčić schildert diese Enge mit großer Präzision. Die klaustrophobische Atmosphäre des Gefängnisses spiegelt die emotionale Gefangenschaft der Ehe. „Es ist die Geschichte eines verhinderten Femizids“ Ladas Fall ist kein Femizid, weil sie selbst tötet. In Notwehr. Sie hätte den Status des Opfers nur bekommen, wenn sie tot gewesen wäre Quelle: Marina Vujčić – Sicheres Haus „Sie hätte den Status des Opfers nur bekommen, wenn sie tot gewesen wäre“, meint Dabić. Der Roman kehrt damit gewohnte Perspektiven um. Er erzählt von einem verhinderten Femizid. Hätte Lada sich nicht gewehrt, wäre sie womöglich eine weitere getötete Ehefrau gewesen, eine Schlagzeile in der „schwarzen Chronik“. Marina Vujčić hat für das Buch recherchiert, unter anderem im Frauengefängnis. Sie untersucht auch, wie Medien Täter- und Opferbilder konstruieren.
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Mar 6, 2026 • 7min

Son Lewandowskis Debütroman „Die Routinen“‘

Sie schweben so schön Es sieht so leicht aus, sie schweben so schön, die elfengleichen Kunstturnerinnen an Barren, auf dem Boden oder dem Schwebebalken. Aber leicht ist hier gar nichts – hinter den Flic Flacs, den Salti und Schrauben steckt jahrelanger Drill. Der beginnt im Kindesalter: „Wir sind acht, wir sind zwölf, wir sind sechzehn Jahre alt und noch sind wir leicht und klein, ohne verzichten zu müssen. Es ist 1976, 1980, 2016, die Zeit immer Vier, unser Alter Olympiajahre." Wir sind ein Mädchen, das umgezogen in der Halle steht, umhergezogen durch das Training läuft, umerzogen in den Wettkampf springt. Quelle: Son Lewandowski – Die Routinen Ein Kind wird perfektioniert Son Lewandowskis Debüt „Die Routinen“ beginnt 2023 in Antalya bei den Turn-Europameisterschaften. Die 16-jährige Isy stürzt am Stufenbarren, jetzt liegt sie schwer verletzt im Koma. An ihrem Bett wacht Amik, ebenfalls Leistungsturnerin, die beiden sind Freundinnen, haben sich im Sportinternat ein Zimmer geteilt. Amik ist deutlich älter als Isy, hat es nicht mehr in den Kader geschafft. Nun denkt sie über ihre Turnkarriere nach. Amiks Stimme, ihre Gedanken und Erinnerungen führen durch den Roman. Sie beschreibt, wie sie als Kind mit dem Turnen beginnt, doch schnell das Spielerische und die kindliche Freude an der Bewegung verliert. Stattdessen geht es bald nur noch um den Erfolg beim nächsten Wettkampf – egal was der Körper sagt: „Wie oft ich auf den Schwebebalken stürzen konnte, ohne dass ich brach. Ich war ein Kind, das manchmal hinfiel. Aber keine Sorge, es gab kein Körperteil, das ich nicht unerwartet noch einmal wenden konnte. In meinem Körper war noch Platz, Potential, die Knochen noch weich, die Muskeln noch hart. Man konnte mich ziehen und drängen." Der Trainer ist Meister des Psychoterrors Ausdauer, sagte er tonlos, sah mich nicht an und winkte das nächste Mädchen heran. Quelle: Son Lewandowski – Die Routinen Deshalb fürchtet sich Amik auch vor der Pubertät, ihr Körper soll kindlich bleiben. Im Hinterkopf lauert immer die Angst, ausgetauscht zu werden, gegen die nächste Hoffnungsträgerin. Ihrem übergriffigen Trainer Wolf, einem Meister des Psychoterrors, ist sie geradezu hörig. „Obwohl ich an diesem Abend nichts aß, wog ich am nächsten Morgen wieder ein paar Gramm mehr. Ich schaute auf die Ziffern, dann zu Wolf, dann auf den Kugelschreiber in seiner Hand. Er vermerkte mein Gewicht in der nächsten Spalte und unterstrich es. So, wie er jedes Gewicht, das einen neuen Höchststand erreichte, mit einem schnellen Strich markierte. Ausdauer, sagte er tonlos, sah mich nicht an und winkte das nächste Mädchen heran." Zu grausam, um wahr zu sein? Ungeschönt beschreibt Son Lewandowski die harte Realität hinter der glitzernden Fassade der Turnwelt. Die jungen Mädchen werden gedrillt und gedemütigt, sie leiden unter Essstörungen, Inkontinenz und Zyklusstörungen. Keine Kinder, sondern Maschinen, bestimmt für die große Show, in der Hoffnung auf eine Medaille. Zu grausam, um wahr zu sein? Mehr als ein Sportroman Bei den olympischen Spielen in Montreal 1976 erreichte die damals 14-jährige Nadia Comăneci als erste Turnerin die Bestnote 10,0 am Stufenbarren. Auch ihre Karriere ist eine Geschichte der Ausbeutung. Zwischen Amiks Ich-Perspektive schiebt Son Lewandowski immer wieder Passagen eines kollektiven Wirs, das von Turnerinnen seit den 1960er-Jahren erzählt – von Nadia Comăneci bis heute. Wir sind Kinder, werden Kinder bleiben, und wenn wir uns wehren, holen sie ein neues Kind, das so lange Kind bleiben muss, wie es kann. Was sollen wir tun, außer zu turnen? Wir haben den Protest nie gelernt, denn so waghalsig unsere Körper auch aufgezogen werden, so zurückhaltend wächst der Rest. Quelle: Son Lewandowski – Die Routinen Gefangen im Drill des Leistungssports Diese Haltung hat Geschichte: Warum sie nie lächle, fragte ein Reporter die junge Nadia Comăneci bei Olympia in Montreal. Ihr Trainer Béla Karoly antwortet für sie: „Because she is always thinking about her routines“, weil sie immer an ihre Übungen, ihre Routinen denke – der Satz gibt dem Buch den Titel. Die Turnerinnen sind so gefangen im täglichen Drill des Leistungssports, dass sie unfähig sind aufzubegehren, Fragen zu stellen oder Schmerz zu spüren. Ein System, das den jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch durch den Mediziner Larry Nasser erst möglich macht. Gut recherchiert und erschütternd Die gut recherchierten Passagen über den jahrzehntelangen Missbrauch im Leistungsturnen sind erschütternd und fesselnd – leider fällt die Geschichte von Amik und Isy dagegen deutlich ab, die spärliche Handlung trägt nicht durch den Roman. Amiks Turnwelt ist düster und traurig, aber auf Dauer eintönig. Es gibt kein Außen, keine Eltern, keine Schule, keine Abwechslung. Wahrscheinlich ist genau das von der Autorin gewollt, um die Isolation, in der sich die Mädchen befinden, zu zeigen- aber der literarische Effekt ist zwiespältig: Was als radikale Verdichtung gedacht ist, wird über weite Strecken zur Monotonie, die das beklemmende System zwar spürbar macht, den Roman jedoch erzählerisch ausbremst. Es fehlen die Höhepunkte Trotzdem: Son Lewandowski findet in ihrem Debüt einen bemerkenswert poetischen Stil. Sie schreibt sehr lyrisch, alles schwebt, wie ja auch die Turnerinnen über Boden und Balken schweben, doch in jeder Kür wird auch mal Tempo gemacht, gibt es Höhepunkte und Überraschungen – und die fehlen hier völlig. Am Ende wirkt „Die Routinen“ selbst fast wie eine Übung am Schwebebalken: kontrolliert, konzentriert, makellos in der Form. Aber ohne den Moment des Risikos, der einen Atem anhalten lässt. Son Lewandowski zeigt eindringlich das unermessliche Leid, das hinter den Karrieren vieler Turnerinnen steckt. Doch wie bei einer zu sauber geturnten Kür, fehlt ihrem Roman manchmal genau das, was große Literatur ausmacht: der überraschende Sprung ins Offene.
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Mar 4, 2026 • 6min

In diesem Roman hat Bud Spencer nichts verloren: Anja Gmeinwiesers „Wir Königinnen“

„Ich hätte jemand anderes erwartet: Bauch, Bart, Bud Spencer" Eine Frau Ende dreißig durchwandert die italienischen Alpen, allein. Offenkundig will sie möglichst großen Abstand gewinnen, zu ihrem Alltag mit Beamtenstatus auf Lebenszeit und einem Mann namens Swen. Ihr Handy hat sie weggeworfen. So einsam, ausgestorben, anstrengend und supermarktlos hat sie sich ihre Route allerdings nicht vorgestellt. Und dann trifft sie doch jemanden. Beziehungsweise wird getroffen – fast. In der Ferne ist ein Schuss gefallen, nun nähert sich die Schützin: „Sie ist in meinem Alter. Das dunkle Haar zum Zopf geflochten, ein Muttermal unter der Lippe, dichte Augenbrauen, die das Gesicht irgendwie ausmachen und die sie hochzieht, aus Skepsis oder Überraschung. Sie trägt Jeans, Flip-Flops und ein kariertes Hemd. Und das Gewehr. Ich hätte jemand anderes erwartet: Bauch, Bart, Bud Spencer." Zwei Frauen, ein Lkw Anna – so heißt die Fremde – steuert im Auftrag eines Spediteurs in Litauen einen Lastwagen voller trächtiger Kühe quer durch Europa, von Frankreich in die Türkei. Tatsächlich hat Anna mit Bud Spencer nichts gemein. Und ebenso wenig ist ihre Begegnung mit der namenlosen Ich-Erzählerin in Anja Gmeinwiesers Debütroman „Wir Königinnen“ – so viel Komik er stellenweise entfaltet – der Beginn einer krachlustigen Westernparodie. Road-Trip über viele Grenzen Vielmehr startet in der Bergeinsamkeit ein fesselnder Road-Trip, der die beiden Frauen in vielfacher Hinsicht an Grenzen führt – und darüber hinaus. Zunächst buchstäblich an die Grenzen des Sagbaren, denn die Ich-Erzählerin verweigert Anna jede Auskunft über ihre Verhältnisse und die Gründe ihres Ausbruchs, über die wiederum die Leserschaft in Rückblenden einiges erfährt. Anna hingegen erzählt bereitwillig, hin und her wechselnd zwischen passablem Englisch und dem Übersetzungsprogramm ihres Smartphones. Die Geschichte geht aber auch an persönliche und körperliche Grenzen, an die Grenzen des Gewissens und der Gesetzeslage und schließlich an die bulgarisch-türkische Grenze, wo der zunehmend quälende Tiertransport durch brüllende Hochsommerhitze auf staubigen, staugeplagten Landstraßen ungeplant endet – mit einem Desaster, einer Befreiungstat und einer Art Liebeserklärung. Vom klassischen Western-Plot des Viehtriebs gegen alle Widerstände, des Musters „Fremde werden zu Freunden“ über Leitmotive wie den Wackelcowboy auf dem Armaturenbrett und einen – allerdings lilafarbenen – Cowboyhut bis zur homoerotischen Anziehung zwischen den Protagonistinnen: Gmeinwieser zitiert ganz unübersehbar den Cowboyfilm: von „Red River“ bis „Brokeback Mountain“. Ein naturgemäß rückwärtsgewandtes Genre. Die Handlung in „Wir Königinnen“ ist aber ganz und gar zeitgenössisch, die Erzählweise entsprechend realistisch. Wie die Maschine funktioniert Anna artikuliert es selbst: Sie ist eine der vielen, ohne deren Arbeit die Supermärkte leer wären. Eine Lkw-Fahrerin, die Tausende von Kilometern herunterreißt und jede versiffte Rastplatz-Dusche kennt. Eine Mutter, die kaum Zeit mit ihrer fünfzehnjährigen Tochter verbringt, weil sie das Geld herbeischafft – sofern der Boss sie nicht wieder um ihren Lohn prellt. Eine Frau, die weiß, dass die Kühe auf ihrer Ladefläche leiden, und es nicht ändern kann: „,It should be forbidden to drive them. It will be forbidden.‘ Und wieder ins Handy:Aber wenn ich einen Lkw fahre, bin ich der Puls aller. Ich bin das Blut, das alles vorantreibt. Ohne uns geht nichts. Ohne uns funktioniert die Maschine nicht. Aber ich bin nicht die Maschine. Ich habe die Maschine nicht erfunden." Diese vielschichtig charakterisierte Figur, die immer ihre Würde behält, ist in vielem das Gegenteil der etwas weniger originellen Ich-Erzählerin, einer Lehrerin mit Lebenskrise. Die fühlt sich in Job und Beziehung eingesperrt, begrübelt unausgesetzt ihre Lage und schämt sich ihrer Schwächen. Eine Frau, die alles richtig machen will und nie mitbekommt, was gerade ihre Aufgabe sein könnte. Wo alles stillsteht. Alles. Genau hinschauen jedoch, beobachten und beschreiben, das kann diese Ich-Erzählerin, das kann Anja Gmeinwieser sehr gut. Die Beklemmung des Gehens im Gebirge zu Beginn des Romans, geschildert im souveränen Wechsel von starken Metaphern und alltagssprachlicher Lakonie, gelingt ihr ebenso wie der stichwortartige Aufruf der flüchtig wahrgenommenen Szenerien neben der Strecke und die Atmosphäre des Wartens an der europäischen Außengrenze: „Spaziere ich also mit einer Tasse Kaffee zwischen den Wänden, die die LKW-Reihen bilden, vorbei an Männern, die neben ihren Fahrzeugen sitzen und ausharren und warten. Das Gefühl, dass alles stillsteht. Alles. [...] Die Menschen haben sich zwischen den Fahrzeugen eingerichtet, Laken gespannt, Gaskartuschenküchen errichtet, Campingstuhlwohnzimmer, Smartphone-Heimkinos, manche haben sich tropfnassen Stoff um den Kopf gewickelt, sitzen auf einem Campingstuhl und starren vor sich hin, blinzeln in Zeitlupe. Alles, was zur Grenze gehört, sieht aus, als könnte es jederzeit abgebaut werden [...]." Western in weiblich Es ist bewunderungswürdig, wie dieser Romanerstling es schafft, den Blick auf allzu gern verdrängte Lebenswelten zu richten, indem er ein denkbar männliches Sujet, den Western, ins Weibliche dreht. „Wir Königinnen“ ist ebenso spannend wie menschlich erzähltes, klug gemachtes und immer wieder überraschendes Erzählkino.
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Mar 4, 2026 • 4min

Verena Stauffer – Strahlen

Erzählungen und Romane von Malern, in denen Musen sich beugen müssen oder gar kaputt gehen, gibt es in der Literaturgeschichte zuhauf. Edgar Allen Poes Erzählung „The Oval Portrait“ schildert, wie eine junge Frau zusehends an Kraft verliert, während der Maler ihr Gesicht auf die Leinwand bringt und schließlich stirbt.  Etwas weniger gefügig gemacht wird eine Frau in Honoré de Balzacs „Das unbekannte Meisterwerk“, wo ein Maler nach dem perfekten Bild strebt und im Versuch, ein schönes Modell zu porträtieren, scheitert.   Verena Stauffer dreht in „Strahlen“ diesen Spieß um. Ihre Protagonistin, die Wiener Malerin Ava, will nicht nur gesehen werden, sie will vor allem selbst sehen, und andere sehen machen, mit ihren Gemälden Erkenntnis befördern:  Ich spiegele mich. Ich werde dich spiegeln. Quelle: Verena Stauffer – Strahlen Von der Schaffenskrise zum Dating Portal  Nach einer Trennung steckt Ava in einer Schaffenskrise. Ehe sie eine Gastprofessur antritt, besucht sie Freunde in New York und trifft dort Kyle, auf den sie sich halbherzig einlässt. Kyle wiederum verlässt sie für Stefan, der ihr im Sommerurlaub begegnet. Und als Stefan sich rar macht, beginnt sie über ein Dating Portal ein Verhältnis mit E., bis ihr Tiam, ein junger iranischer Nuklearmediziner, in New York zufällig über den Weg läuft.  Ist Ava eine Nymphomanin? Ein Vamp? So hätte man diese Protagonistin in ihrer Freizügigkeit und großen Sehnsucht wohl zu anderen Zeiten etikettiert. Dabei ist Ava doch höchst osmotisch, extrem eindrucksfähig, hochsensibel, eine Synästhetikerin, die visuelle Eindrücke in Farben übersetzt:  Auf einmal waren Farben in meinen Gedanken, mein Blick wie überblendet von einer Leinwand in meinem Atelier, raumhoch und breit.  Quelle: Verena Stauffer – Strahlen Schöpferische Kraft und überwundene Rückzugsfantasien  Ava möchte ihr Talent wieder produktiv machen, möchte zurückfinden zu ihrer schöpferischen Kraft. Dafür lässt sie sich auf die Welt ein, die sie umgibt. Dafür überwindet sie ihre Rückzugsfantasien, ihren Wunsch, sich zu verkriechen. Stattdessen setzt sie sich allem aus, ihrem Begehren und dem der Männer:  Ich zwang mich, in dieser Gesellschaft zu funktionieren, um später mit den Erlebnissen arbeiten zu können. Ich zwang mich, nach außen zu gehen, zu leben.  Quelle: Verena Stauffer – Strahlen Grenzenlos und freimütig So merkwürdig es klingen mag: Avas Bereitschaft, ihre Grenzen auszuloten, ist fast grenzenlos. Freimütig gesteht sie sich ein, dass dieser Männerreigen seine Notwendigkeit hat.  Verena Stauffer führt Ava aus den USA bis in den Iran, lässt sie politische und religiöse Fragen diskutieren, schickt sie schließlich sogar in eine digitale Parallelwelt. In dieser Welt wird sie schwanger und bringt ein höchst seltsames Kind zur Welt. Immer mehr verschwimmen in Avas Wahrnehmung die Grenzen zwischen analoger und digitaler Sphäre. Mehrfach droht ihr der totale Kontrollverlust:  Ich lief orientierungslos durch die Straßen, warf mich mit dem Rücken gegen Hausmauern, schlug Fäuste und Ellenbogen an raue Wände, schürfte mir Fingerknochen und Unterarme auf, wies Menschen ab, die mir helfen wollten. Quelle: Verena Stauffer – Strahlen Gleiten zwischen analoger und digitaler Welt  Doch am Ende dieses Entwicklungsromans entsteht ein neues Gemälde, dessen Geheimnis der Roman schildert. Wie Verena Stauffer hier einen rasanten Reigen von einer Künstlerin in der Krise erzählt, ist aufregend, weil die Autorin keine Tabus scheut. Der emanzipatorische Anspruch von Ava wird nicht einfach behauptet, sondern ist von ihrem inneren Erleben gedeckt und voller Sinnlichkeit. Die Sprache ist reich, steht in einer Traditionslinie, die von Charles Baudelaire über Arthur Schnitzler, von Else Lasker-Schüler bis zur Französin Colette reicht.  Die Motivik des Romans ist ausgefeilt und präzise verzahnt – auch zu Stauffers Lyrik bestehen Verbindungen. Avas Gleiten zwischen analoger und digitaler Welt wird reflektiert geschildert, fasziniert und zugleich abgestoßen von der Macht des Digitalen.
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Mar 3, 2026 • 4min

Kalenderspruchprosa von Nelio Biedermann: „Anton will bleiben“

Eine Krebsdiagnose konfrontiert den pensionierten Drucker und kinderlosen Witwer Anton mit seiner Vergänglichkeit – und an dieser Vergänglichkeit will er etwas ändern, indem er etwas Bleibendes schafft. Davon handelt der Roman „Anton will bleiben“.   Das, was Anton in seinem letzten Lebensjahr hinterlassen hat, bringt ein Ich-Erzähler in einen Zusammenhang. Er stellt sich als bester Freund Antons vor, heißt Emil Böhm und tritt schon auf der ersten Seite prominent aus dem Erzählen heraus:  Aber so ganz ohne Kontext mit den Ängsten eines Menschen herauszuplatzen, scheint mir geschmacklos, deshalb nach einer kurzen Aufklärung mehr zu Antons Furcht, vergessen zu werden. Quelle: Nelio Biedermann – Anton will bleiben Mit der Krebsdiagnose trifft eine schwerwiegende Erkenntnis auf Antons routiniertes Dahinleben, nämlich die vom  endlose[n] Meer von Menschen, die nur durch Erzählungen und die Erinnerungen anderer weiterlebten – wenn überhaupt.   Quelle: Nelio Biedermann – Anton will bleiben In diesem Meer nicht unterzugehen, ist von da an Antons Ziel. Begleitet von treuen Vögeln und Menschen macht er sich auf seine letzte Reise, sowohl metaphorisch als auch wirklich: Im zweiten Romanteil fährt er an die Ostsee, um dort bildender Künstler zu werden.  Alles wird verraten  Der Erzähler von Antons finalem Lebensaufgebehren bekennt gleich zu Beginn, dass er nicht sehr zuverlässig ist, was sein „schwächelndes Gedächtnis“ anbelangt. Er hat Antons Schachteln, Tagebücher und Notizhefte gefunden und offenbart, dass die darin ausgelagerten Erinnerungen mehr als seine eigenen als Grundlage der Erzählung dienen.  Leider wird diese an sich erzähltechnisch reizvolle Bedingung, wie jedes andere potenziell interessante Rätsel im Text, bis ins Letzte ausbuchstabiert:   An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich zwar die Wahrheit erzähle, mir aber durchaus gewisse literarischen Freiheit erlaube. […] Dies soll keine trockene Biografie sein, sondern ein Roman über Anton aus der Sicht seines besten Freundes.   Quelle: Nelio Biedermann – Anton will bleiben Die repetitive Erklärerei gepaart mit einem bemühten erzählerischen Hinauszögern nehmen auch den folgenden 200 Seiten den literarischen Reiz, den die Geschichte haben könnte. Die Versuche Antons, als Schriftsteller, Fotograf, Maler, Bildhauer und Philosoph etwas Bleibendes zu hinterlassen, gehen nicht über ein paar nette Episoden eines alten, schrulligen Mannes und seines Umfeldes hinaus.   Talentierter Autor – plattes Debüt  Obwohl der Roman mit Antons „Furcht, vergessen zu werden“ ein existenzielles Thema aufgreift, bleibt er in oberflächlichen Plattitüden über das Altern und Sterben verhaftet, was bei einem 20-jährigen Autor in voller Lebensblüte kaum verwundern kann.  Die vom Erzähler Emil zitierten künstlerischen und vermeintlich philosophischen Überbleibsel Antons sind an Pathos kaum zu übertreffen und scheinen Schreibübungen des Autors Biedermann zu sein, die besser in der Schublade geblieben wären:  Durch das Fotografieren lerne ich, dass das ganze Leben und die Realität eine einzige Frage der Perspektive sind. Jeder Konflikt und jedes Missverständnis beruhen letztendlich auf einer unterschiedlichen Auffassung der Realität durch verschiedene Perspektiven.  Quelle: Nelio Biedermann – Anton will bleiben Leicht verdauliche Kalenderspruch-Philosophie Das Ganze ist in kleine Kapitel fein portionierte, leicht verdauliche Kalenderspruch-Philosophie. Gleichzeitig zeugen der durchaus gewandte Stil und einige sehr gelungene Sätze vom Talent Biedermanns. Beinahe lyrisch wird er zum Beispiel, wenn er die Natur belebt, und sich der Himmel vor Antons Augen „sein Abendkleid anzieht“, oder der Abend sich einen ersten Hauch Frühlingsparfum aufträgt.  Nelio Biedermann versteht etwas vom Handwerk des Schreibens – nur leider merkt man dem Debüt das Handwerkliche allzu sehr an und zunehmend findet man sich in filmisch erzählten Szenen wieder, zu denen Til Schweiger Regie führen könnte.  Von großer Literatur sollte nicht die Rede sein: „Anton will bleiben“ ist ein solider Erstlingstext ohne Wucht und ohne herausfordernde Komplexität.  Der Roman wird aber bestimmt seine Leserschaft finden, was nicht zuletzt daran liegt, dass Nelio Biedermann mit 22 Jahren mit „Lázár“ schon etwas geschafft hat, was Anton auf eine letztlich sehr versöhnliche Weise nicht zuteilwird: Ein Kunstwerk zu schaffen, über das die Welt spricht.
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Mar 3, 2026 • 4min

Von „Tastemakern“ und Epizentren des Geschmacks: „Wie es euch gefällt“ von Ulrich Raulff

Die Geschichte ist vielleicht nicht ganz unbekannt: Auf dem Höhepunkt seines Ruhms bekommt der französische Philosoph Denis Diderot einen neuen Hausrock geschenkt, der den alten, tintenfleckübersäten ersetzen soll. Das Geschenk stürzt den Enzyklopädisten in eine tiefe Sinnkrise:  „Er passte zu mir, ich passte zu ihm. Der neue, steif und förmlich, macht mich zur Schneiderpuppe.“ Der alte Rock passte nicht nur zu ihm, sondern auch zu allem, was den großen Aufklärer in seiner Wohnung umgab. Nun müssen die alten Möbel weichen, denn…    „... die Übereinstimmung ist dahin, und mit ihr das richtige Maß, die Schönheit.“    Schuld an alledem sei …  „… der anspruchsvolle Geschmack, der alles verändert, ausrangiert, verschönert, das Oberste zuunterst kehrt. Er ist es, der so viele schöne Dinge und so viele Übel hervorbringt, er ist es, der ganze Völker zugrunde richtet.“ Herausbildung und Wandlung des „allgemeinen Zeitgeschmacks“  Genau diesem „allgemeinen Zeitgeschmack“ widmet sich der Kulturwissenschaftler Ulrich Raulff in seinem neuen Buch „Wie es euch gefällt“. Sein Großessay zeichnet die Herausbildung und Wandlung des westlichen Geschmacks seit dem 18. Jahrhundert nach. Eine Wandlung, die Raulff an einer besonders verdichteten Stelle folgendermaßen beschreibt:   Von einer adligen Tugend verwandelt er sich in eine bürgerliche Kompetenz und von einem nationalen Ideal in einen Massenwunsch. Aus einem kritischen Vermögen wird ein Geschäftsmodell, aus einem individuellen Schönheitsempfinden ein Markenbewusstsein.  Quelle: Ulrich Raulff – Wie es euch gefällt Epizentren des Geschmacks und Rolle der „Tastemaker“  Raulff interessiert sich für die Momente des Übergangs. Zum Beispiel in geographischer Hinsicht: Warum wurde das Rom der großen Bildungsreisen Mitte des 18. Jahrhunderts zu einem Epizentrum geschmacksbildender Prozesse? Und warum wanderte dieses Zentrum anschließend weiter in das vorrevolutionäre Paris? Und warum danach in das viktorianische London?   Welche Rolle spielten einzelne Geschmacksbildner, „Tastemaker“ wie Thomas Jefferson oder Madame de Pompadour in diesen so schwierig zu fassenden ästhetischen Umwälzungen? Und ist diese Geschichte großer Persönlichkeiten nicht eigentlich auch eine Geschichte imperialer Beutezüge, wenn man etwa an die Einverleibung von orientalischen Ornamenten ins westliche „Interior Design“ denkt?  Verweise und Fremdwörter Gleich zu Beginn des Essays weist Raulff darauf hin, dass er dem Publikum etwas „zutrauen“ wolle. Tatsächlich verlangt der Text seinen Leserinnen und Lesern einiges ab.  Unzählige Anspielungen aus Kultur- und Philosophiegeschichte wollen ebenso verstanden werden wie ganz selbstverständlich gebrauchte Fremd- und Lehnwörter wie „passager“ für „vorübergehend“ oder „deiktisch“ für „hinweisend“. Mit Fortschreiten der Erzählung verschwinden zudem die Elemente einer chronologischen Ordnung, die zu Beginn ein wenig Halt bieten.   Gegen algorithmengesteuerte Geschmacksprognosen  Wer sich der Herausforderung dieses durchaus widerspenstigen Textes stellt, trainiert allerdings nicht nur seinen Wortschatz und seine Fähigkeit, assoziative Gedankenketten nachzuvollziehen. Die Lektüre macht auch empfänglich für die Vielgestaltigkeit ästhetischer Wahrnehmung und wappnet gegen die freudlosen Verheißungen algorithmengesteuerter Geschmacksprognosen, die unseren Alltag immer stärker dominieren.   Was würde aus der Zivilisation, wenn die Leute aufhörten, sich nach dem Schönen zu sehnen? Quelle: Ulrich Raulff – Wie es euch gefällt „Wenn sie den Anspruch auf ästhetischen Eigensinn aufgäben, wenn sie es intelligenten Maschinen überließen, zu entscheiden, was ihnen gefiele. Wenn sie auf Ausübung ihrer Bürgerrechte in der Republik des Schönen verzichteten.“ Raulffs Buch ist schön in seiner Komplexität und schön nicht zuletzt auch deshalb, weil es um die Schönheit selbst kreist, und um die Schwierigkeit, das zu beschreiben, was jeder zu kennen glaubt, aber niemand so genau benennen kann. „Je ne sais quoi“, heißt es in Frankreich, wenn es um dieses gewisse Etwas geht: „Ich weiß nicht, was es ist.“
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Mar 2, 2026 • 4min

„Die Enthusiasten“ von Markus Orths: Fallhöhe für Sterne-Fans | Buchkritik

Während ich diese Buchkritik tippe, schlägt das Programm immer mal wieder vor, den Text von KI umschreiben zu lassen. Bisher habe ich das Angebot ignoriert, und das dürfte ganz im Sinne von Markus Orths sein.  Dessen neuer Roman „Die Enthusiasten“ handelt von Leuten, die sich mit Feuer und Flamme einer Sache verschrieben haben, von Menschen in der Essenz ihres Menschseins: Lesewütige, Geschichten-Aficionados, sprachverliebte Satzbaufanatiker, leidenschaftliche Philologen und Gralssuchende.  Aus dieser Mustersammlung menschlichen Enthusiastentums baut das Buch ein Bollwerk. Oder besser, einen Elfenbeinturm, von dem schon Gustave Flaubert schrieb, er versuche ja, in diesem Turm zu leben und zu dichten, doch eine „Marée de Merde“ schlage an dessen Mauern, genug, ihn zum Einsturz zu bringen. Das war vor mehr als 150 Jahren. Die „Merde“ von heute ist Chat GPT.    Wie die Bücher nachts miteinander flüstern  Vincent Bär, der Ich-Erzähler des Romans, sieht es jedenfalls so. Er und seine Geschwister sind aufgewachsen als Kinder zweier Bücherwürmer in einem antiquarisch vollgestopften Hexenhäuschen, wo der Vater seinem Sprachenthusiasmus frönte und die geheimnisvoll-kapriziöse Mutter mit selbstausgedachten Geschichten unterhielt.   „Wir Kinder waren uns sicher, dass die zahllosen Bücher nachts miteinander sprachen, ihre Geheimnisse teilten, von Buch zu Buch weitergaben, eine stille Flüsterpost“, so Vincent. „Ja, wir Kinder waren uns sicher, dass die in den Büchern steckenden Sätze und Wörter unterirdisch miteinander verknüpft waren, riesige Pilzgeflechte, die sich gegenseitig mit Nahrung versorgten.“ Eine magische Kindheit mit einer Prise des Unheimlichen also, wie sie im Buche steht. Das Klischee will es auch, dass die „Koboldmutter“ eines Tages sang- und klanglos verschwindet und der Verlust Vincents Lebensweg prägt.    Eine Kette komischer Ereignisse Das wiederum verschafft Orths Roman die denkbar größte Fallhöhe: Kein geringerer als Laurence Sterne ist es, dem der verlassene Sohn verfällt.  Nach der Lektüre des Über-Romans „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ entwickelt Vincent, als Kind ein begnadeter Erzähler, eine existenzielle Schreibblockade und wird Shandy-Forscher.  Als er 2018, an Sternes 250. Todestag, wie jedes Jahr zu dessen Grab in Coxwold, York, pilgert, setzt eine Kette unerhörter Ereignisse ein. Ein Unbekannter bietet ihm für sehr viel Geld ein Schriftstück an: Vorgeblich das verschollene zehnte Buch des „Tristram Shandy“. Nach einer authentisch wirkenden Kostprobe ist Vincent entschlossen, sich dieses Manuskript zu verschaffen.   Pistolenschüsse und Metafiktion  Ein im Ansatz scheiternder Bankraub, eine früh in Erscheinung tretende und zwei Mal abgeschossene Pistole sowie ein Toilettengeysir kommen vor, in einer Fülle nicht eingelöster Vorausdeutungen, irreführender Rückblenden, Spitzfindigkeiten, Abschweifungen und Anspielungen. Markus Orths kennt sie alle, die metafiktionalen Präzisionszangen und Brecheisen, die mit Sterne Einzug in die Meistermanufakturen der Literatur gehalten haben. Was er damit anfängt, steht auf einem anderen Blatt.  Wie sich herumgesprochen hat, werden der menschlichen Schreibhand die poetischen Werkzeuge vom Maschinenwesen derzeit entwunden. Vincents mysteriösem Gegenspieler gefällt die Vorstellung:  Künstliche Intelligenz ist die einzige Chance, die der Mensch noch hat, die Welt zu retten. Unsere Probleme wachsen uns über den Kopf. Nur eine Maschine kann uns noch retten. Quelle: Markus Orths – Die Enthusiasten „Und angesichts dessen kommen Sie mir mit Ihrem Kunsteinwand? Aber wenn Sie Kunst wirklich lieben, wenn Sie Romane wirklich lieben, dann freuen Sie sich drauf! Der Autor wird tot sein, Mister Shandy. Mausetot. Der menschliche Autor wohlgemerkt.“ Gewollte Pointen und verpuffenden Knalleffekte Dies zu bedauern ist die Leserin weniger geneigt als sie vermutlich sein sollte. Angesichts der gewollten Pointen, verpuffenden Knalleffekte, gesuchten Sprachspiele und der allzu vielen gar nicht originellen Sätze in diesem Roman drängt sich leider die Einsicht auf:  Wie Tristram Shandy der eigenen Feder zu folgen, die einen wie ein durchgegangenes Pferd mal hierhin, mal dorthin schleudert, garantiert allein noch kein Meisterwerk.
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Mar 1, 2026 • 16min

Dorota Masłowska: Im Paradies | Lesung und Diskussion

Die polnische Autorin verbindet und trennt Figuren unterschiedlichster Milieus auf überraschende und oft schroffe Weise. Die Sprache ist hart, doch manchmal blitzen in der zersplitterten Welt noch Relikte alter Gefühle auf.

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