
SWR Kultur lesenswert - Literatur Von „Tastemakern“ und Epizentren des Geschmacks: „Wie es euch gefällt“ von Ulrich Raulff
Mar 3, 2026
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Die Geschichte ist vielleicht nicht ganz unbekannt: Auf dem Höhepunkt seines Ruhms bekommt der französische Philosoph Denis Diderot einen neuen Hausrock geschenkt, der den alten, tintenfleckübersäten ersetzen soll. Das Geschenk stürzt den Enzyklopädisten in eine tiefe Sinnkrise:
„Er passte zu mir, ich passte zu ihm. Der neue, steif und förmlich, macht mich zur Schneiderpuppe.“
Der alte Rock passte nicht nur zu ihm, sondern auch zu allem, was den großen Aufklärer in seiner Wohnung umgab. Nun müssen die alten Möbel weichen, denn…
„... die Übereinstimmung ist dahin, und mit ihr das richtige Maß, die Schönheit.“
Schuld an alledem sei …
„… der anspruchsvolle Geschmack, der alles verändert, ausrangiert, verschönert, das Oberste zuunterst kehrt. Er ist es, der so viele schöne Dinge und so viele Übel hervorbringt, er ist es, der ganze Völker zugrunde richtet.“
Herausbildung und Wandlung des „allgemeinen Zeitgeschmacks“
Genau diesem „allgemeinen Zeitgeschmack“ widmet sich der Kulturwissenschaftler Ulrich Raulff in seinem neuen Buch „Wie es euch gefällt“. Sein Großessay zeichnet die Herausbildung und Wandlung des westlichen Geschmacks seit dem 18. Jahrhundert nach. Eine Wandlung, die Raulff an einer besonders verdichteten Stelle folgendermaßen beschreibt:Von einer adligen Tugend verwandelt er sich in eine bürgerliche Kompetenz und von einem nationalen Ideal in einen Massenwunsch. Aus einem kritischen Vermögen wird ein Geschäftsmodell, aus einem individuellen Schönheitsempfinden ein Markenbewusstsein.Quelle: Ulrich Raulff – Wie es euch gefällt
Epizentren des Geschmacks und Rolle der „Tastemaker“
Raulff interessiert sich für die Momente des Übergangs. Zum Beispiel in geographischer Hinsicht: Warum wurde das Rom der großen Bildungsreisen Mitte des 18. Jahrhunderts zu einem Epizentrum geschmacksbildender Prozesse? Und warum wanderte dieses Zentrum anschließend weiter in das vorrevolutionäre Paris? Und warum danach in das viktorianische London? Welche Rolle spielten einzelne Geschmacksbildner, „Tastemaker“ wie Thomas Jefferson oder Madame de Pompadour in diesen so schwierig zu fassenden ästhetischen Umwälzungen? Und ist diese Geschichte großer Persönlichkeiten nicht eigentlich auch eine Geschichte imperialer Beutezüge, wenn man etwa an die Einverleibung von orientalischen Ornamenten ins westliche „Interior Design“ denkt?Verweise und Fremdwörter
Gleich zu Beginn des Essays weist Raulff darauf hin, dass er dem Publikum etwas „zutrauen“ wolle. Tatsächlich verlangt der Text seinen Leserinnen und Lesern einiges ab. Unzählige Anspielungen aus Kultur- und Philosophiegeschichte wollen ebenso verstanden werden wie ganz selbstverständlich gebrauchte Fremd- und Lehnwörter wie „passager“ für „vorübergehend“ oder „deiktisch“ für „hinweisend“. Mit Fortschreiten der Erzählung verschwinden zudem die Elemente einer chronologischen Ordnung, die zu Beginn ein wenig Halt bieten.Gegen algorithmengesteuerte Geschmacksprognosen
Wer sich der Herausforderung dieses durchaus widerspenstigen Textes stellt, trainiert allerdings nicht nur seinen Wortschatz und seine Fähigkeit, assoziative Gedankenketten nachzuvollziehen. Die Lektüre macht auch empfänglich für die Vielgestaltigkeit ästhetischer Wahrnehmung und wappnet gegen die freudlosen Verheißungen algorithmengesteuerter Geschmacksprognosen, die unseren Alltag immer stärker dominieren.Was würde aus der Zivilisation, wenn die Leute aufhörten, sich nach dem Schönen zu sehnen?„Wenn sie den Anspruch auf ästhetischen Eigensinn aufgäben, wenn sie es intelligenten Maschinen überließen, zu entscheiden, was ihnen gefiele. Wenn sie auf Ausübung ihrer Bürgerrechte in der Republik des Schönen verzichteten.“ Raulffs Buch ist schön in seiner Komplexität und schön nicht zuletzt auch deshalb, weil es um die Schönheit selbst kreist, und um die Schwierigkeit, das zu beschreiben, was jeder zu kennen glaubt, aber niemand so genau benennen kann. „Je ne sais quoi“, heißt es in Frankreich, wenn es um dieses gewisse Etwas geht: „Ich weiß nicht, was es ist.“Quelle: Ulrich Raulff – Wie es euch gefällt
