
SWR Kultur lesenswert - Literatur In diesem Roman hat Bud Spencer nichts verloren: Anja Gmeinwiesers „Wir Königinnen“
Mar 4, 2026
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„Ich hätte jemand anderes erwartet: Bauch, Bart, Bud Spencer"
Eine Frau Ende dreißig durchwandert die italienischen Alpen, allein. Offenkundig will sie möglichst großen Abstand gewinnen, zu ihrem Alltag mit Beamtenstatus auf Lebenszeit und einem Mann namens Swen. Ihr Handy hat sie weggeworfen. So einsam, ausgestorben, anstrengend und supermarktlos hat sie sich ihre Route allerdings nicht vorgestellt. Und dann trifft sie doch jemanden. Beziehungsweise wird getroffen – fast. In der Ferne ist ein Schuss gefallen, nun nähert sich die Schützin: „Sie ist in meinem Alter. Das dunkle Haar zum Zopf geflochten, ein Muttermal unter der Lippe, dichte Augenbrauen, die das Gesicht irgendwie ausmachen und die sie hochzieht, aus Skepsis oder Überraschung. Sie trägt Jeans, Flip-Flops und ein kariertes Hemd. Und das Gewehr.Ich hätte jemand anderes erwartet: Bauch, Bart, Bud Spencer."
Zwei Frauen, ein Lkw
Anna – so heißt die Fremde – steuert im Auftrag eines Spediteurs in Litauen einen Lastwagen voller trächtiger Kühe quer durch Europa, von Frankreich in die Türkei. Tatsächlich hat Anna mit Bud Spencer nichts gemein. Und ebenso wenig ist ihre Begegnung mit der namenlosen Ich-Erzählerin in Anja Gmeinwiesers Debütroman „Wir Königinnen“ – so viel Komik er stellenweise entfaltet – der Beginn einer krachlustigen Westernparodie.Road-Trip über viele Grenzen
Vielmehr startet in der Bergeinsamkeit ein fesselnder Road-Trip, der die beiden Frauen in vielfacher Hinsicht an Grenzen führt – und darüber hinaus. Zunächst buchstäblich an die Grenzen des Sagbaren, denn die Ich-Erzählerin verweigert Anna jede Auskunft über ihre Verhältnisse und die Gründe ihres Ausbruchs, über die wiederum die Leserschaft in Rückblenden einiges erfährt. Anna hingegen erzählt bereitwillig, hin und her wechselnd zwischen passablem Englisch und dem Übersetzungsprogramm ihres Smartphones. Die Geschichte geht aber auch an persönliche und körperliche Grenzen, an die Grenzen des Gewissens und der Gesetzeslage und schließlich an die bulgarisch-türkische Grenze, wo der zunehmend quälende Tiertransport durch brüllende Hochsommerhitze auf staubigen, staugeplagten Landstraßen ungeplant endet – mit einem Desaster, einer Befreiungstat und einer Art Liebeserklärung. Vom klassischen Western-Plot des Viehtriebs gegen alle Widerstände, des Musters „Fremde werden zu Freunden“ über Leitmotive wie den Wackelcowboy auf dem Armaturenbrett und einen – allerdings lilafarbenen – Cowboyhut bis zur homoerotischen Anziehung zwischen den Protagonistinnen: Gmeinwieser zitiert ganz unübersehbar den Cowboyfilm: von „Red River“ bis „Brokeback Mountain“. Ein naturgemäß rückwärtsgewandtes Genre. Die Handlung in „Wir Königinnen“ ist aber ganz und gar zeitgenössisch, die Erzählweise entsprechend realistisch.Wie die Maschine funktioniert
Anna artikuliert es selbst: Sie ist eine der vielen, ohne deren Arbeit die Supermärkte leer wären. Eine Lkw-Fahrerin, die Tausende von Kilometern herunterreißt und jede versiffte Rastplatz-Dusche kennt. Eine Mutter, die kaum Zeit mit ihrer fünfzehnjährigen Tochter verbringt, weil sie das Geld herbeischafft – sofern der Boss sie nicht wieder um ihren Lohn prellt. Eine Frau, die weiß, dass die Kühe auf ihrer Ladefläche leiden, und es nicht ändern kann: „,It should be forbidden to drive them. It will be forbidden.‘ Und wieder ins Handy:Aber wenn ich einen Lkw fahre, bin ich der Puls aller. Ich bin das Blut, das alles vorantreibt. Ohne uns geht nichts. Ohne uns funktioniert die Maschine nicht. Aber ich bin nicht die Maschine. Ich habe die Maschine nicht erfunden." Diese vielschichtig charakterisierte Figur, die immer ihre Würde behält, ist in vielem das Gegenteil der etwas weniger originellen Ich-Erzählerin, einer Lehrerin mit Lebenskrise. Die fühlt sich in Job und Beziehung eingesperrt, begrübelt unausgesetzt ihre Lage und schämt sich ihrer Schwächen. Eine Frau, die alles richtig machen will und nie mitbekommt, was gerade ihre Aufgabe sein könnte.
