
SWR Kultur lesenswert - Literatur Son Lewandowskis Debütroman „Die Routinen“‘
Mar 6, 2026
07:00
Sie schweben so schön
Es sieht so leicht aus, sie schweben so schön, die elfengleichen Kunstturnerinnen an Barren, auf dem Boden oder dem Schwebebalken. Aber leicht ist hier gar nichts – hinter den Flic Flacs, den Salti und Schrauben steckt jahrelanger Drill. Der beginnt im Kindesalter: „Wir sind acht, wir sind zwölf, wir sind sechzehn Jahre alt und noch sind wir leicht und klein, ohne verzichten zu müssen. Es ist 1976, 1980, 2016, die Zeit immer Vier, unser Alter Olympiajahre."Wir sind ein Mädchen, das umgezogen in der Halle steht, umhergezogen durch das Training läuft, umerzogen in den Wettkampf springt.Quelle: Son Lewandowski – Die Routinen
Ein Kind wird perfektioniert
Son Lewandowskis Debüt „Die Routinen“ beginnt 2023 in Antalya bei den Turn-Europameisterschaften. Die 16-jährige Isy stürzt am Stufenbarren, jetzt liegt sie schwer verletzt im Koma. An ihrem Bett wacht Amik, ebenfalls Leistungsturnerin, die beiden sind Freundinnen, haben sich im Sportinternat ein Zimmer geteilt. Amik ist deutlich älter als Isy, hat es nicht mehr in den Kader geschafft. Nun denkt sie über ihre Turnkarriere nach. Amiks Stimme, ihre Gedanken und Erinnerungen führen durch den Roman. Sie beschreibt, wie sie als Kind mit dem Turnen beginnt, doch schnell das Spielerische und die kindliche Freude an der Bewegung verliert. Stattdessen geht es bald nur noch um den Erfolg beim nächsten Wettkampf – egal was der Körper sagt: „Wie oft ich auf den Schwebebalken stürzen konnte, ohne dass ich brach. Ich war ein Kind, das manchmal hinfiel. Aber keine Sorge, es gab kein Körperteil, das ich nicht unerwartet noch einmal wenden konnte. In meinem Körper war noch Platz, Potential, die Knochen noch weich, die Muskeln noch hart. Man konnte mich ziehen und drängen."Der Trainer ist Meister des Psychoterrors
Ausdauer, sagte er tonlos, sah mich nicht an und winkte das nächste Mädchen heran.Deshalb fürchtet sich Amik auch vor der Pubertät, ihr Körper soll kindlich bleiben. Im Hinterkopf lauert immer die Angst, ausgetauscht zu werden, gegen die nächste Hoffnungsträgerin. Ihrem übergriffigen Trainer Wolf, einem Meister des Psychoterrors, ist sie geradezu hörig. „Obwohl ich an diesem Abend nichts aß, wog ich am nächsten Morgen wieder ein paar Gramm mehr. Ich schaute auf die Ziffern, dann zu Wolf, dann auf den Kugelschreiber in seiner Hand. Er vermerkte mein Gewicht in der nächsten Spalte und unterstrich es. So, wie er jedes Gewicht, das einen neuen Höchststand erreichte, mit einem schnellen Strich markierte. Ausdauer, sagte er tonlos, sah mich nicht an und winkte das nächste Mädchen heran."Quelle: Son Lewandowski – Die Routinen
Zu grausam, um wahr zu sein?
Ungeschönt beschreibt Son Lewandowski die harte Realität hinter der glitzernden Fassade der Turnwelt. Die jungen Mädchen werden gedrillt und gedemütigt, sie leiden unter Essstörungen, Inkontinenz und Zyklusstörungen. Keine Kinder, sondern Maschinen, bestimmt für die große Show, in der Hoffnung auf eine Medaille. Zu grausam, um wahr zu sein?Mehr als ein Sportroman
Bei den olympischen Spielen in Montreal 1976 erreichte die damals 14-jährige Nadia Comăneci als erste Turnerin die Bestnote 10,0 am Stufenbarren. Auch ihre Karriere ist eine Geschichte der Ausbeutung. Zwischen Amiks Ich-Perspektive schiebt Son Lewandowski immer wieder Passagen eines kollektiven Wirs, das von Turnerinnen seit den 1960er-Jahren erzählt – von Nadia Comăneci bis heute.Wir sind Kinder, werden Kinder bleiben, und wenn wir uns wehren, holen sie ein neues Kind, das so lange Kind bleiben muss, wie es kann. Was sollen wir tun, außer zu turnen? Wir haben den Protest nie gelernt, denn so waghalsig unsere Körper auch aufgezogen werden, so zurückhaltend wächst der Rest.Quelle: Son Lewandowski – Die Routinen
