

Radiowissen
Bayerischer Rundfunk
Die ganze Welt des Wissens, gut recherchiert, spannend erzählt. Interessantes aus Geschichte und Archäologie, Literatur, Architektur, Film und Musik, Beiträge aus Philosophie und Psychologie. Wissenswertes über Natur, Biologie und Umwelt, Hintergründe zu Wirtschaft und Politik. Und immer ein sinnliches Hörerlebnis.
Episodes
Mentioned books

Mar 20, 2024 • 23min
Authentisch leben - Die Kunst man selbst zu sein
Ständig sind wir heute auf der Suche nach dem Authentischen: Essen, Kultur-Urlaub, Kunst. Und auch wir selbst sollen authentisch sein. Doch wie geht das? Und was, wenn das 'authentische Ich' ein mieser Charakter ist? Autor: Niklas Nau (BR 2018) CreditsAutor dieser Folge: Niklas NauRegie: Martin TraunerEs sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann, Wolfgang Pregler, Hemma MichelTechnik: Fabian ZweckRedaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:Monika Betzler (Professorin; Lehrstuhlinhaberin für Praktische Philosophie und Ethik, LMU München);Stephanie Draschil (Sozialpsychologin)
Linktipp:
Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST
ARD AlphaSein Leben ändern: Wie ihr einen Neuanfang wagt und meistertPeople Pleaser: Stoppt eure Harmoniesucht
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
COLLAGE VOX-POPS
Authen ... warte ... das ist natürlich jetzt mies, ne ...A uthezizi ... nein ... Authen-tizität. Authentizität. Authetizi ... Autheziti ... Authentizität, Authentizi-tät, Authetizität. Authenzizi- kann ich nicht. Authentizität. Authentizität. Hamma's scho.
ERZÄHLER
A-U-T-H-E-N-T-I-Z-I-T-Ä-T. Den Begriff auszusprechen, ist schon schwer genug. Ihn auch noch wirklich zu leben, wirklich authentisch zu sein … – geht das überhaupt?
MUSIKAKZENT
ERZÄHLERIN
Authentisch sein – das ist heute schwer in Mode. Die Regale der Buchhändler und Lebenshilfeblogs im Internet laufen über mit Titeln wie:
COLLAGE ZITATORIN / ZITATOR
'Authentizität: Die neue Wissenschaft vom geglückten Leben'
ZITATOR
'Sind Sie noch ganz echt?: Mut zur Authentizität'
ZITATORIN
'Sich selbst finden und leben in 7 Schritten'
ZITATOR
'Du willst echt sein? – 3 Tipps für mehr Authentizität'
ZITATORIN
'Einzigartig!: Mit authentischer Positionierung und Branding zum Erfolg'
ZITATOR
'Authentisch, präsent, charismatisch. Nutzen Sie das Potenzial Ihrer Ausstrahlung'
ERZÄHLER
Und nicht nur wir selbst, auch unsere Erfahrungen sollen heute möglichst authentisch sein. Beim Urlaub in Südafrika nur am Strand brutzeln und Löwen vom Safari-Jeep aus beobachten?: „Out“! „In“ ist heute, das „echte“ Südafrika und seine Menschen kennenzulernen: etwa mit einer Tour durch den einstmals als Drogenhöhle berüchtigten Ponte Tower in Johannesburg, inklusive Einblick in die Wohnungen und das „echte Leben“ der Bewohner. Die Tourismusindustrie tut alles dafür, damit sich der Tourist nicht als 'Tourist' fühlen muss.
ERZÄHLERIN
Oder beim Essen: Wenn wir ein unbekanntes kleines chinesisches Restaurant betreten und alle anderen Gäste Chinesen sind, beglückwünschen wir uns wahrscheinlich erst einmal selbst: Wir haben etwas Authentisches entdeckt! Falls es dann doch schlecht schmeckt, war es immerhin authentisch schlecht.
Dass wiederum in der chinesischen Provinz Guangdong vor einigen Jahren das gesamte österreichische Dorf Hallstatt für 940 Millionen Dollar seitenverkehrt nachgebaut wurde, erscheint uns mindestens skurril.
Österreichisches Weltkulturerbe im Reich der Mitte? Unauthentisch! Auf der Startseite von Hallstatts Internetauftritt steht (augenzwinkernd):
ZITATOR (http://www.hallstatt.net/)
Herzlich willkommen in Hallstatt. Millionenfach fotografiert – einmal kopiert – nie erreicht.
ERZÄHLER
Die Liste der Dinge, die bitte möglichst authentisch sein sollen, lässt sich fast beliebig lange weiterführen:
Unser Chef oder unser Führungsstil, unsere Politiker, die Produkte die wir kaufen, die Musik, die wir hören: Der Drang, Authentisches zu erleben und authentisch zu leben, scheint so groß wie vielleicht noch nie:
O-Ton 1 - Stephanie Draschil
Ich habe das Gefühl, dass sich sehr viel vereinheitlicht hat, also sehr viel homogenisiert ist. Wenn Sie in der Welt herumreisen, haben Sie überall Starbucks, Sie haben überall McDonalds, Sie haben überall H&M, die Leute ziehen das Gleiche an, die trinken das gleiche, die beschäftigen sich mit ähnlichen Sachen. Wir sind sehr vernetzt geworden, es hat sich alles sehr homogenisiert. Und ich glaube, da ist ein Bedürfnis da, dass man wieder individueller wird, dass man wirklich auch sich die Frage stellt: Was will ich eigentlich, was ist mir eigentlich wichtig, wie will ich mich auch von anderen Menschen abgrenzen?
ERZÄHLERIN
Sagt die Sozialpsychologin Stephanie Draschil. Doch was genau ist diese Authentizität, nach der wir uns so sehnen? Das Wort „authentisch“ kommt vom griechischen authentikós und heißt so viel wie „echt“, „original“, „verbürgt“, „wahrhaftig“.
ERZÄHLER
Was ein authentisches Dokument ist, etwa ein authentischer Vertrag oder ein authentisches Testament, leuchtet uns sofort ein. Auch bei klassischen Kunstobjekten wie Gemälden ist das Identifizieren von Authentischem noch relativ einfach. Ein authentischer Rembrandt ist eben das Gegenteil von einer Fälschung und das Gegenteil von einer Kopie. Doch was genau meinen wir, wenn wir von „authentischer“ Kultur sprechen? Es ist ein Begriff, der schnell in eine gefährliche Nähe zu den Völkerschauen des Kolonialismus gerät, in denen „Wilde“ wie Zootiere zur Schau gestellt wurden:
Zum Beispiel dann, wenn Touristen enttäuscht sind, dass das exotische Volk, zu dem ein Reiseveranstalter sie führt, nicht in der Zeit festgefroren ist, sondern durchaus eine hohe Smartphone- und Fernseherdichte aufweist. Und wie sollen wir erst über Authentizität entscheiden, wenn es um so etwas Komplexes wie den einzelnen Menschen geht?
MUSIKAKZENT
ERZÄHLERIN
Was macht eine Person authentisch? Monika Betzler ist Professorin für Praktische Philosophie und Ethik an der LMU München. Sie empfiehlt eine Annäherung über den Alltag:
O-Ton 2 - Prof. Monika Betzler, LMU München
Da kann man sich mal überlegen, was meinen wir alltagssprachlich damit, und noch einfacher, was meinen wir mit dem Gegenteil von Authentizität, was sind denn inauthentische Wesen? Da hat wahrscheinlich jeder eine Vorstellung davon. Das sind Menschen, die irgendwas verbergen beispielsweise, die nicht in der Lage sind zu dem zu stehen oder das zu äußern, was sie wirklich denken und so weiter. Und das Gegenteil wäre dann etwas, was den Begriff der Authentizität charakterisiert. Und vielleicht ist auch die allgemeinste Definition, die, das eine Person authentisch ist in dem Maße, in dem sie zu dem steht, was ihr wichtig ist. Und dann müssen wir uns nähere Gedanken machen was heißt das jetzt genau, was heißt, zu sich stehen, und was heißt, dass einem etwas wichtig ist.
ERZÄHLERIN
Das Ideal der Authentizität ist dabei relativ neu. Zwar stand schon vor etwa 2.500 Jahren am Apollotempel in Delphi die Inschrift „Gnothi seauton“ – „Erkenne dich selbst!“. Und auch der antike Philosoph Sokrates soll die Wichtigkeit der Selbsterkenntnis immer wieder gelehrt haben.
Und doch verstanden vormoderne Gesellschaften unter diesem „Erkenne dich Selbst!“ wohl etwas ganz anderes, als wir das heute tun. Denn Menschen sahen sich damals in den meisten Gesellschaften als Teil einer größeren, kosmischen Ordnung. Irgendwo zwischen Göttern oder Geistern, Tieren und Pflanzen hatte der Mensch seinen Platz. Sich selbst zu erkennen hieß, seinen Platz – und seine Aufgabe – innerhalb dieser kosmischen Ordnung zu begreifen.
MUSIKAKZENT
ERZÄHLER
Doch dann, im 18. Jahrhundert, ist auf einmal alles anders.
Es ist das Zeitalter der Aufklärung und Säkularisierung, der wissenschaftlichen und industriellen Revolution und tief greifender gesellschaftlicher Veränderungen wie der Französischen Revolution. Mit sich bringen diese Entwicklungen, was der Soziologe Max Weber als „Entzauberung der Welt“ beschrieben hat: die Erkenntnis, dass das Universum rational erklärbar ist, dass es keine verborgenen mythischen Mächte gibt. Das hat weitreichenden Folgen:
O-Ton 3 - Prof. Monika Betzler
Wir sind nicht notwendig Teil des Kosmos oder der Gesellschaft und sind nun in der Lage uns davon zu entfernen und uns nun dazu selbst reflexiv in ein Verhältnis zu bringen. Ja, das sieht man auch an solchen Dingen, wie dass so Begriffe wie Ehre plötzlich weniger eine Rolle spielen, und es gibt auch eine wunderbare Schrift von John Stuart Mill, das ist dann 19. Jahrhundert, über die Freiheit, der einen Lobgesang auf die Individualität singt.
ERZÄHLER
Die alte Idee von der kosmischen Ordnung, in der jeder Mensch einen festen Platz und feste Aufgaben hat, in der gut zu leben bedeutet, seinem gesellschaftlichen Stand und seinen Pflichten gerecht zu werden, ist passé.
In der Moderne ist der Mensch ein freies, vernunftbegabtes Individuum. Doch die geistige und gesellschaftliche Freiheit, die der Mensch sich erkämpft hat, bringt eine große Frage mit sich: Wie soll er diese Freiheit nutzen? Was ist in diesem entzauberten Universum ein gutes, ein sinnvolles Leben?
MUSIKAKZENT
ERZÄHLERIN
Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau gilt als zentrale Figur bei der Schöpfung des modernen Authentizitätsbegriffs.
Denn die Antwort, die er auf die Frage nach dem richtigen Leben hat, ist folgende: Der Schlüssel liegt in uns selbst. Der Mensch, glaubt Rousseau, ist von Natur aus gut und moralisch. Die Gesellschaft ist es, die uns verdirbt, vom rechten Weg abbringt, unmoralisch und unglücklich macht. Den Zauber, der die Welt verlassen hat, finden wir wieder – und zwar in uns selbst. Rousseau schreibt:
ZITATOR Rousseau (public domain, http://gutenberg.spiegel.de/buch/emil-oder-ueber-die-erziehung-erster-band-3811/12)
Bevor die Vorurtheile und die menschlichen Einrichtungen unsere natürlichen Neigungen verderbt haben, besteht das Glück der Kinder eben so wie das der Erwachsenen in dem unbeschränkten Genusse der Freiheit; Wer thut, was er will, ist glücklich, sobald er sich selbst genug ist; das wird stets bei dem Menschen der Fall sein, welcher im Naturzustande lebt.
ERZÄHLERIN
Obwohl Rousseau den Begriff Authentizität selbst nicht verwendet: Indem er der für ihn „künstlichen“ Gesellschaft die Idee des „Edlen Wilden“, der in uns schlummert, gegenüberstellt, gibt er den Startschuss für die Suche nach dem Authentischen. Viele der großen Philosphen der Moderne werden sich an ihr beteiligen:
Hegel, Kierkegaard, Heidegger, Nietzsche, Sartre, Camus, Adorno, Fromm, Foucault, Taylor – ein echtes Who is Who der Philosophie.
MUSIKAKZENT
ERZÄHLER
Doch sehen sie sich dabei mit einem grundliegenden Problem konfrontiert: Authentizität, wie die meisten Philosophen sie von nun an verstehen, ist nichts, das sich anhand objektiver Kriterien beschreiben ließe, sondern zutiefst subjektiv. „Zehn Dinge, die dich zum authentischen Menschen machen?“ – Fehlanzeige! Und so lässt Nietzsche seinen Entwurf eines authentischen „Übermenschen“ – den Einsiedler Zarathustra, der beschließt, seine Weisheit mit den Menschen zu teilen – auch keine allgemeingültigen Regeln für ein authentisches Leben aufstellen, sondern erklären:
ZITATOR Nietzsche (public domain, http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3248/66)
»Das – ist nun mein Weg, – wo ist der eure?« so antwortete ich Denen, welche mich »nach dem Wege« fragten. Den Weg nämlich – den giebt es nicht!
ERZÄHLER
Authentizität ist für viele Existenzphilosophen etwas, das jeder nur für sich selbst finden kann. Der dänische Philosoph Soren Kierkegaard identifiziert gerade die leidenschaftslose Rationalität als großes Übel der Moderne, und sieht Authentizität als Heilmittel und Gegenentwurf dazu. Authentizität bedeutet für ihn Pathos, also Leidenschaft, und Authentizität ist für ihn ein Projekt der Subjektivität und der Gefühle, nicht des Verstandes. Deshalb sollen authentische Helden oder Anti-Helden wie Nietzsches Zarathustra im Leser den Wunsch nach Authentizität wecken, Ironie soll das Inauthentische bloßstellen.
ERZÄHLERIN
Dabei sehen viele Philosophen Authentizität bald aber nicht bloß als etwas Statisches, sondern als fortwährendes Projekt: ständiges Ankämpfen gegen das Inauthentische, die ständige Neukreation des authentischen Ichs aus sich selbst heraus, ein ständiger Akt der Selbst-Schöpfung. Nietzsche schreibt:
ZITATOR Nietzsche (http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3245/7)
„Wir aber wollen die Dichter unseres Lebens sein!“
ERZÄHLERIN
Natürlich haben die Philosophen in vielen Punkten unterschiedliche Auffassungen zur Authentizität und zum besten Weg, diese zu erreichen. Von einem Verständnis von Authentizität als dem wahren Kern unseres Selbst, der nur freigelegt werden muss, ist etwa bei Nietzsche und Heidegger nicht mehr viel übrig.
Nietzsche betont das spielerische Ausprobieren und fordert vom Menschen, „das zu werden, was man ist“. Authentisch zu werden bedeutet bei ihm also auch, Verantwortung für seine Taten und Charakterzüge zu übernehmen – gute wie schlechte, Stärken wie Schwächen – und sie zu einem kohärenten Bild zu vereinen. In „Die fröhliche Wissenschaft“ verlangt Nietzsche:
ZITATOR Nietzsche (http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-frohliche-wissenschaft-3245/7)
Eins ist Noth. – Seinem Charakter "Stil geben" – eine grosse und seltene Kunst! Sie übt Der, welcher Alles übersieht, was seine Natur an Kräften und Schwächen bietet, und es dann einem künstlerischen Plane einfügt, bis ein jedes als Kunst und Vernunft erscheint und auch die Schwäche noch das Auge entzückt.
ERZÄHLER
Für einen der bekanntesten Existenzphilosophen, Martin Heidegger, ist hingegen das Bewusstsein um die eigene Sterblichkeit zentral bei der Suche nach Authentizität. Denn sie ist es, die einem die Verantwortung für das eigene Leben vor Augen führt und aus den Ablenkungen des Alltäglichen in ein Leben führt, das wir uns zu eigen gemacht haben.
ERZÄHLERIN
Die Konfrontation mit dem unausweichlichen Tod als Augenblick der Wahrheit und Erkenntnis ist ein Mittel, das auch in Literatur und Film immer wieder gerne eingesetzt wird, um die Möglichkeiten von authentischem Leben auszuloten.
Etwa in Leo Tolstois Erzählung vom Sterben des Gerichtsangestellten Iwan Iljitsch. Erst als Iljitsch mit Mitte vierzig überraschend todkrank wird und auf dem Sterbebett liegt, wird ihm klar, dass er sein Leben falsch und unauthentisch gelebt hat. Alle Annehmlichkeiten seines Lebens und seine gesellschaftliche Stellung sind für ihn auf einmal wertlos geworden, mehr noch, das Spielen seiner gesellschaftlichen Rolle hat ihn zu einer leeren Hülle gemacht.
MUSIKAKZENT
ERZÄHLER
Genau in diesem Punkt scheinen sich fast alle Verfechter der Authentizität einig zu sein: Authentisch leben heißt, gesellschaftliche Erwartungen, Rollenbilder und Ideologien kritisch zu hinterfragen und sich – falls nötig – von ihnen zu lösen.
O-Ton 4 - Prof. Monika Betzler, LMU München
Und da sind wir auch schon bei einem der ersten Probleme. Könnte der Wert der Authentizität in Konflikt geraten mit beispielsweise der Moral? Nämlich dann, wenn man sich ganz aufrichtig zu Werten bekennt, die aber unmoralisch sind!?
ERZÄHLER
In den USA zog mit Donald Trump Anfang 2017 ein Mann ins Weiße Haus ein, der auf einer Tonbandaufnahme damit prahlte, als Star könne er es sich erlauben, Frauen einfach zwischen die Beine zu fassen. Die Reaktionen auf das Öffentlichwerden dieser Aufnahme während des Wahlkampfs waren empört.
Auf seiner Kampagnenseite veröffentlichte Trump daraufhin ein Statement:
ZITATOR Statement D. Trump, Übersetzung Niklas Nau (https://web.archive.org/web/20161007210105/https://www.donaldjtrump.com/press-releases/statement-from-donald-j.-trump)
Das war ein Umkleidekabinengespräch, ein Privatgespräch von vor vielen Jahren. Bill Clinton hat beim Golfen schon deutlich Schlimmeres zu mir gesagt. Es tut mir leid, falls sich jemand davon angegriffen gefühlt hat.
ERZÄHLER
Bei vielen Wählern schien diese Argumentation anzukommen, denn auf lange Sicht konnte der Vorfall Trump nicht schaden. „Locker Room Talk“ – so, wie echte Männer nunmal in der Umkleidekabine über Frauen reden. Authentisch … unmoralisch.
MUSIKAKZENT
ERZÄHLERIN
Das Ideal der Authentizität stellt die Gesellschaft vor ein Problem. Denn an Rousseaus „edlen Wilden“ – daran, dass der Mensch von Natur aus nur gut ist – glaubt heute fast niemand mehr. Verhaltensforschung und Psychologie haben uns klargemacht, dass der Mensch von sich aus zu Grausamkeit und Mordlust genauso fähig ist, wie zu Selbstlosigkeit und Güte. Wie soll die Gesellschaft also umgehen mit einem Ideal, das es Menschen möglich macht, mit dem Verweis auf die Authentizität auch unsere dunkelsten Impulse zu rechtfertigen?
Wie umgehen mit dem authentischen Rassisten, dem authentischen Betrüger, dem authentischen Gewalttäter?
O-Ton 5 - Prof. Monika Betzler, LMU München
Ich denke, der Begriff der Authentizität und auch der der Autonomie, die haben ein großes Potenzial, die haben einen Wert, aber, und das zeigt sich auch in vielen Kritikern, die sich gegen diese Begriffe richten, mit denen kann man es natürlich auch übertreiben. Ich glaube, dass es ein sehr hohes Gut ist, dass wir sogenannte positive Freiheiten haben. Also sozusagen Dinge verfolgen können, die uns selber am Herzen liegen. Wir leben in einer Welt, in der es viele Länder gibt, die das als keine Errungenschaft sehen. Und ich glaube, das sollten wir schützen. Die Frage ist nur: Wo sind die Grenzen dieses Werts? Also was keiner behauptet: Der liberal ist und jedem möglichst viel Raum zugestehen möchte, sein eigenes Leben zu leben, ist nicht darauf verpflichtet, es dieser Person zuzugestehen es so weit zu treiben, dass sie andere Menschen beschränkt in ihrer Art und Weise gutes Leben zu leben. Da findet sich eine Grenze dieser Autonomie, wenn man so will.
ERZÄHLER
Die Sozialpsychologin Stephanie Draschil hat für ihre Doktorarbeit Menschen zu deren Wahrnehmung von Authentizität befragt und dabei herausgefunden, dass sich viele durchaus bewusst sind, dass Authentizität bei anderen Menschen auch ihre Schattenseiten haben kann:
O-Ton 6 - Stephanie Draschil
Was rausgekommen ist, war, dass dieses Authentische, so wie wir es in unserer individualistischen Kultur definieren, eben dass wir auch unabhängig von anderen sind, dass wir zu eigener Meinung stehen, nicht von Meinung anderer beeinflussen lassen, was wir ja ganz toll finden, was aber in anderen Kulturen gar nicht unter Authentizität fällt, also in kollektivistischen Kulturen, dass das auch dazu führen kann, dass jemand als sehr egoistisch wahrgenommen wird.
(MUSIK als Überleitung)
ERZÄHLERIN
Die Psychologie leistet etwas, was manche philosophische Betrachtungen der Authentizität nicht tun - und auch gar nicht tun wollen.
Sie begründet rational, warum authentisch sein – zumindest so, wie es Menschen im Alltag verstehen – überhaupt wertvoll ist:
O-Ton 7 - Stephanie Draschil
Wir stellen einfach fest: Leute, die sich selbst als authentisch einschätzen, also authentisch heißt in dem Sinne sie stehen zu sich selbst, sie haben das Gefühl, sie stehen zu sich selbst, sie haben das Gefühl, sie sind sich in unterschiedlichen Situationen selbst gegenüber treu, sie sagen was sie denken, sie sind nicht abhängig von der Meinung anderer, sie lassen sich nicht von anderen beeinflussen, dann geben diese Menschen auch an, dass sie eine höhere Lebenszufriedenheit haben, dass sie in ihrer Partnerschaft glücklicher sind, dass sie weniger negative Gedanken haben, mehr positive Gedanken, weniger depressive Symptome ... also, es sind lauter positive Sachen.
ERZÄHLER
Authentizität ist ein Wert, den wir nicht aufgeben wollen. Einige Philosophen werben dafür, Authentizität nicht nur als persönliche, sondern auch als soziale Tugend zu sehen. Für sie stehen Authentizität und Gesellschaft nicht in erster Linie im Konflikt. Ganz im Gegenteil – die beiden brauchen einander. Denn auch falls es tief in uns ein „Ich“ gibt, das nicht sozial konstruiert ist: Um dieses Selbst herauszuschälen, brauchen wir unsere Umwelt – die Gesellschaft. Diese Denker betonen, dass wir erst dadurch, dass wir uns im Dialog mit anderen ständig positionieren müssen, ein „Ich“ herausarbeiten oder kreieren können.
ERZÄHLERIN
Paradoxerweise ist es der gesellschaftliche Druck, sich als einigermaßen beständige Personen mit stabiler Persönlichkeit und Meinung zu präsentieren, der das Authentische Ich, das nicht von blindem Herdentrieb bestimmt ist, erst möglich macht.
„Wir brauchen einander, um überhaupt jemand zu sein“, sagt der Philosoph Bernard Williams.
Gleichzeitig ist gerade die demokratische, freie Gesellschaft, die uns die Suche nach Authentizität überhaupt erst möglich macht, darauf angewiesen, dass Menschen versuchen, Ihre eigenen Werte zu erkennen und zu vertreten – gerade auch dann, wenn sie von der vorherrschenden Meinung abweichen. Ohne Dialog und Diskussion funktioniert Demokratie nicht.
MUSIKAKZENT
ERZÄHLER
Und doch: Die Subjektivität von Werten, die das Ideal der Authentizität mit sich bringt, bedeutet: Der authentische Betrüger, der authentische Schläger werden für die Gesellschaft immer ein Problem bleiben:
O-Ton 8 - Stephanie Draschil
Ich denke, es ist wichtig, dass wir authentisch sind oder dass die Gesellschaft authentisch wird, aber dass eben Authentizität nicht als alleiniges Gut gesehen wird. Wir leben in einer Gesellschaft, und da ist eben auch diese soziale Verträglichkeit, dass wir gut miteinander auskommen auch wichtig. Also, es ist immer diese Frage, wie bringe ich denn meine Authentizität auch rüber!? Muss da wirklich der Choleriker sein, der sagt: ja ich bin halt so und ich kann nicht anders, oder ist da trotzdem irgendwie die Frage danach, wie sind wir eben im Umgang miteinander, gibt's da vielleicht eben dann doch diese gewissen Etiketten. Wo dann aber wieder die Frage ist, ist es dann noch authentisch, wenn man sich stark zurückhalten muss. Also ich denke das ist wirklich eine schwierige Frage und ein ganz großer Balanceakt.
MUSIKAKZENT
ERZÄHLER
Nicht nur darüber, wie weit das authentische Selbst und die Gesellschaft kompatibel sein können, wird weiter diskutiert.
Die postmoderne Philosophie stellt heute infrage, ob es überhaupt so etwas wie ein zusammenhängendes Selbst gibt, das authentisch sein könnte. Und bekommt dabei Unterstützung von den Neurowissenschaften. Genau verstehen Hirnforscher zwar noch nicht, wie aus einer Fülle von Nervenimpulsen so etwas wie das Selbst entstehen kann. Klar scheint jedoch: Dieses Selbst, das uns so beständig und stabil vorkommt, ist nichts, was als eigenständiges Ding existiert, sondern ist eine von unserem Gehirn erzeugte andauernde Illusion.
ERZÄHLERIN
Und hier schließt sich der Kreis: Die Erkenntnis, dass das Selbst eine Illusion ist, wie vielleicht auch der freie Wille, dass das gesamte Universum als Kette von Reaktionen und Zusammenhängen erklärt werden kann, bedeutet nicht, dass wir uns keine Gedanken mehr über unser Leben machen müssen. Genau dies ist der Ausgangsimpuls, der überhaupt erst zum Ideal der Authentizität geführt hat, wie wir es heute kennen: Die Erkenntnis, dass es in einem rein rational erklärbaren Universum keine vorgegebenen Werte und keinen Sinn gibt, sondern dass der Mensch sich diese selbst schaffen muss.
O-Ton 9 - Prof. Monika Betzler, LMU München
Wie ich mich als Mensch, der sich heute und hier fragt, wie soll ich leben, verstehe, da finde ich nicht unbedingt Antworten bei der Neurowissenschaft. Wenn ich mich frage, wie fühlt sich Liebe an, und liebe ich diesen Mann, als Beispiel, hilft mir auch nicht die Neurowissenschaft, die vielleicht sagt: Liebe, das sind nur irgendwelche chemischen Prozesse im Hirn. Das ist sicherlich wahr, aber das ist nicht etwas, was uns in unserem normativen Verständnis, wer wir sein wollen, wie wir uns verstehen, hilft.
ERZÄHLER
Der Begriff Authentizität bleibt umkämpft und schwierig fassbar. Und doch wird unsere Suche nach Authentizität in absehbarer Zeit nicht aufhören. Denn obwohl wir die Welt und ihre Zusammenhänge immer besser verstehen und kontrollieren können: Einen Sinn geben müssen wir ihr und uns weiterhin selbst. Authentisch sein, das zumindest sagt uns die Philosophie eindeutig, ist dabei eine Lebensaufgabe. Und ob und wann wir wirklich authentisch sind, das können am Ende nur wir selbst entscheiden, oder, wie viele Philosophen es wohl ausdrücken würden: fühlen!

Mar 19, 2024 • 23min
Das antike Sparta - Wie war das Leben dort wirklich?
Lange galt Sparta als einzigartig, militaristisch, unbesiegbar. Doch heute glauben Historiker, dass es gar nicht so anders war als andere antike Städte. Wie spartanisch waren die Spartaner wirklich? Autorin: Imogen Rhia HerradCredits Autorin dieser Folge: Imogen Rhia Herrad Regie: Irene Schuck Es sprachen: Berenike Beschle, Andreas Neumann, Stefan Wilkening, Katja Amberger Technik: Fabian Zweck Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview:Andronike Makres (Archäologin am Hellenic Education and Research Center, Athen)
Literaturtipps:
Stephen Hodkinson, „Transforming Sparta. New approaches to the study of Spartan society“, in: „Ancient history. Resources for Teachers“ 41-44 (2015), S. 1-42.
Noreen Humble, „Sophrosyne Revisited: Was it ever a Spartan virtue?“, in: Stephen Hodkinson /Anton Powell (Hrsg.), “Sparta – Beyond the Mirage”, Swansea 2002, S. 85-109.
Claude Calame, „Pre-classical Sparta as song culture“, in: Anton Powell (Hrsg.), „A Companion to Sparta (2 Bde). Blackwell Companions to the Ancient World: Ancient History“, Hoboken 2018, S. 177-201.
Stephen Hodkinson, „Was classical Sparta a military society?“ in: Ders./Anton Powell, “Sparta and war”, London 2006, S. 133-141.
Linktipps:
Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ZITATOR (Übersetzung Herrad)
Als ich einst darüber nachdachte, dass Sparta trotz seiner geringen Bevölkerung die mächtigste und berühmteste Stadt in Griechenland war, verwunderte ich mich, wie das wohl gekommen sein mochte...
ERZÄHLERIN
So beginnt eine berühmte Abhandlung über die staatliche Ordnung der Spartaner. Ihr Autor war der Feldherr, Historiker und Philosoph Xenophon. Seine Verwunderung ist übrigens rein rhetorisch – in den folgenden fünfzehn Kapiteln seiner Schrift legt Xenophon genau dar, wie vortrefflich alle Einrichtungen in Sparta sind. Am Ende ist es ganz offensichtlich, dass diese vorbildhafte Stadt eine Führungsrolle in der griechischen Welt übernehmen muss.
ERZÄHLER
Xenophon selber stammt übrigens nicht aus Sparta. Er ist Athener und lebt im vierten vorchristlichen Jahrhundert, als seine Heimatstadt mit Sparta schon seit längerem verfeindet ist. Trotzdem gibt es in Athen viele Sparta-Fans, die sich manchmal sogar wie Spartaner kleiden und ausstaffieren. Sparta ist “in”. Allerdings nicht bei allen. Der Philosoph Aristoteles, eine Generation jünger als Xenophon, gehört nicht zu den Bewunderern. Die Übersetzung aus dem Altgriechischen stammt von Franz Schwarz und ist im Reclam-Verlag erschienen:
ZITATOR streng (Übersetzung Franz Schwarz, Reclam)
Die gesamte Einrichtung der spartanischen Gesetze läuft nur auf einen Teil der Tugend hinaus, nämlich auf die Kriegstüchtigkeit. Daher nun hielten sich die Spartaner nur, wenn sie Krieg führten; sie versagten aber, wenn sie herrschten. Denn sie hatten es nicht verstanden, Ruhe zu gewinnen und sie hatten keine anderen wichtigen Dinge geübt als eben die Kriegskunst.
ERZÄHLERIN
Man merkt schnell, dass hinter den positiven wie den negativen Bildern viele Klischees stecken. Sparta und Athen gelten als sprichwörtliche Gegensätze. Zwischen den beiden Gemeinwesen herrscht auch zu Friedenszeiten eine Art Kalter Krieg. Und wie im Kalten Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts geht es auch im alten Griechenland um einen ideologischen Gegensatz. Sparta ist für seine Demokratiefeindlichkeit bekannt. Hier herrscht nicht das Volk, sondern eine kleine Zahl reicher Aristokraten. Athen hingegen ist die Wiege der Demokratie. In einer Rede hat der athenische Staatsmann Perikles um 430, eine Generation vor Xenophon, verkündet:
ZITATOR (Übersetzung Herrad)
Unsere Verfassung gibt den vielen den Vorzug vor den wenigen, deswegen nennen wir sie Demokratie – Herrschaft des Volkes. Die Freiheit, die unserer politischen Verfassung zugrundeliegt, gewähren wir uns auch gegenseitig im Privaten. Wir wollen lieber leichten Herzens der Gefahr entgegentreten als nach mühevollem Training; lieber mit einem durch Gewohnheit gewonnenen Mut als mit einer Tapferkeit, die gesetzmäßig erzwungen ist – und stehen wir so dann nicht viel besser da?
ERZÄHLER
Das mühevolle Training und die strengen Gesetze sind natürlich eine Anspielung auf Sparta. Noch heute ist die strenge, militaristische Erziehung Spartas ebenso berühmt wie berüchtigt.
ERZÄHLERIN
Wie im modernen Kalten Krieg haben die beiden gegensätzlichen Staatsformen auch in der jeweils gegnerischen Stadt ihre Anhänger. Auch in Athen gibt es Aristokraten, die nur ungern die Macht mit dem Volk teilten. Sie schauen bewundernd und neidisch nach Sparta – so wie Xenophon und sein Zeitgenosse, der Philosoph Platon.
ERZÄHLER
In der Antike können sich nur reiche Aristokraten eine umfassende Bildung leisten. Nur sie haben die Zeit und das Geld, historische und philosophische Studien zu betreiben und Werke über Philosophie oder Geschichte zu schreiben. Auch daran liegt es, dass wir vor allem positive und bewundernde Beschreibungen Spartas haben. Daher ist beim Lesen der antiken Darstellungen immer Vorsicht geboten, sagt die griechische Archäologin Andronike Makres.
ZUSPIELUNG 1 (Andronike Makres)
A: We are very responsible, when we read the ancient sources...
OVERVOICE, WEIBLICH
Wir müssen beim Lesen der antiken Quellen immer aufpassen, dass wir da nicht unsere eigenen modernen Vorstellungen und Stereotypen hinein interpretieren.
E: ... clear our heads from whatever modern projections and stereotypes.
ATMO 1 (Straßenatmo Athen) aufblenden
ERZÄHLERIN
Andronike Makres sitzt in einem Straßencafé in Athen. Hier geht es nicht leise zu.
ZUSPIELUNG 2 (Andronike Makres)
A: Without, of course, going too far to the other extreme and deconstruct...
OVERVOICE, WEIBLICH
Dabei dürfen wir aber auch nicht ins andere Extrem verfallen und die Überlieferung vollständig dekonstruieren. Aber wir müssen sie immer wieder korrigieren und anpassen, und wir müssen unser Verständnis von ihr verbessern
E: ... understanding, rather than demolishing and revising one hundred per cent.
ATMO 1 (Straßenatmo Athen) wegblenden
ERZÄHLER
Es ist eine stete Gratwanderung. Auch professionelle Historiker können sich durchaus nicht auf ein einheitliches Spartabild einigen. Aber wie soll man da jemals wissen, wie es wirklich war? Zum Glück haben wir neben den antiken Werken auch noch andere Informationsquellen, berichtet Andronike Makres.
ZUSPIELUNG 3 (Andronike Makres)
A: The archaeology of ancient Sparta is extremely important because...
OVERVOICE, WEIBLICH
Die Archäologie des antiken Sparta ist von höchster Wichtigkeit. Der Geschichtsschreiber Thukydides zum Beispiel macht gleich am Anfang seines Geschichtswerkes eine bemerkenswerte archäologische Projektion...
E: ... he’s doing an amazing archaeological projection, Thucydides.
ERZÄHLERIN
Das Werk des Thukydides‘, den „Peloponnesischen Krieg“, hat Michael Weißenberger für den de Gruyter-Verlag übersetzt.
ZITATOR (Übersetzung Weißenberger)
Würde nämlich die Stadt der Lakedaimonier entvölkert und übrig gelassen nur die Heiligtümer und die Grundmauern der Bebauung, so würden, meine ich, nach dem Verstreichen von viel Zeit die Nachgeborenen angesichts dessen, was sie hörten, nie und nimmer glauben, dass Sparta so mächtig war –
dabei umfasst sein Territorium doch zwei Fünftel der Peloponnes und es ist Führungsmacht der gesamten Halbinsel sowie der vielen außerhalb lebenden Verbündeten.
ZUSPIELUNG 4 (Andronike Makres)
A: This is confirmed by the archaeology. The actual excavations have not...
OVERVOICE, WEIBLICH
Dies wird durch die Archäologie bestätigt. Bei Ausgrabungen haben wir keine großartigen Denkmäler oder Gebäude gefunden, die dem Ruhm der spartanischen Institutionen entsprechen. Wo sind die Häuser der Könige? Wo ist das große Ratsgebäude? Monumentale Bauten fehlen also – genau wie Thukydides das im fünften Jahrhundert schreibt.
E: ... Where is the building where the great gerousia would meet, and the ephors and all that.
ERZÄHLER
War Sparta also tatsächlich so spartanisch und so kriegerisch, wie Filme, Romane und Videospiele es darstellen? Dieses Bild hat seinen Ursprung in der Antike. Schon die Spartaner selber haben es fleißig verbreitet. Es ist schließlich nützlich, für unbesiegbar zu gelten.
ERZÄHLERIN
Schon im siebten oder sechsten vorchristlichen Jahrhundert haben die Spartaner in langwierigen Kriegen das Gebiet der benachbarten Messenier erobert und damit ihr eigenes Territorium verdoppelt. Die Messenier werden kollektiv versklavt und müssen nun als Leibeigene den Spartanern Dienst tun. Über so viel Land und so viele Arbeitskräfte verfügt sonst niemand in der griechischen Welt. Sparta ist groß, reich und mächtig. Aber interessanterweise gilt ihr Staat nicht als außergewöhnlich kriegerisch. Krieg führen in der antiken Welt alle großen und mächtigen Staaten.
ERZÄHLER
Der Wendepunkt ist eine verlorene Schlacht. Bei den Thermopylen, einem engen Gebirgspass in Mittelgriechenland, stehen im Spätsommer des Jahres 480 vor Christus dreihundert Spartaner einer persischen Übermacht gegenüber. Die Perser fordern das kleine Häuflein Griechen auf, sich zu ergeben und ihre Waffen abzuliefern. “Kommt und holt sie euch,” soll der spartanische König Leonidas erwidert haben.
ERZÄHLERIN
Genau das tun die Perser. Als der Kampf vorbei ist, liegen die Spartaner tot auf dem Schlachtfeld. Der heldenhafte Einsatz ist zwar militärisch bedeutungslos, doch in Sparta weiß man ihn weidlich auszuschlachten. Der Dichter Simonides erhält den Auftrag, einen mitreißenden Spruch für das Denkmal der Gefallenen zu verfassen.
ZITATOR (Übersetzung Schiller, Copyright verjährt)
Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.
ERZÄHLER
So übersetzte ergriffen Friedrich von Schiller. Der Opfertod der Dreihundert, die auch im Angesicht des sicheren Todes nicht zurückweichen, macht Sparta in der ganzen griechischen Welt berühmt. Noch dazu gewinnt im Folgejahr ein athenisch-spartanisches Heer die große Entscheidungsschlacht gegen die Perser.
ERZÄHLERIN
Die Spartaner haben gezeigt, dass sie nicht nur heldenhaft verlieren, sondern auch siegen können Noch einmal achzig Jahre später gewinnen sie auch den nächsten großen Krieg – gegen ihren ehemaligen Verbündeten, Athen. Fast dreißig Jahre hat der Peloponnesische Krieg gedauert, und an seinem Ende steht Sparta triumphierend da, ganz so wie Xenophon es beschrieben hat:
ZITATOR
die mächtigste und berühmteste Stadt in Griechenland.
ERZÄHLER
Warum dieser Ruhm auch heute noch anhält, erklärt die Archäologin Andronike Makres.
ZUSPIELUNG 5 (Andronike Makres)
A: Our modern society has departed from the idea of warfare, because we...
OVERVOICE, WEIBLICH
Wir leben heute im Frieden, deswegen ist der Krieg uns fremd. Aber die archetypischen Elemente des Krieges sind in unserem Gehirn und unserer Psyche verankert. Wenn wir dann einen Film sehen oder eine Geschichte lesen, in der Feinde einmarschieren und es darum geht, das eigene Haus und Land und im Grunde auch die eigenen Werte zu verteidigen – dann versteht man, warum die Schlacht bei den Thermopylen so berühmt und ikonisch ist: sie verkörpert den Sieg einer kleinen Schar über eine Übermacht. Das ist heroisch. Man versetzt sich in diese Situation, gerade weil sie nicht in unsere Realität gehört. Es ist ein Gedankenexperiment.
E. ... because it’s not part of our reality. It’s a mental experiment. (lacht)
ERZÄHLERIN
Auch für die Archäologin hat sich die militärische Niederlage längst in einen moralischen Sieg verwandelt.
Aber was ist nun mit all den berühmten und berüchtigten spartanischen Besonderheiten? Gab es sie oder gab es sie nicht, die strenge militärische Erziehung für Jungen und für Mädchen, die anspruchslose, sprichwörtlich spartanische Lebensweise, die Konformität, den staatlich verordneten Gehorsam?
ERZÄHLER
Fangen wir – ganz wie auch Xenophon in seiner Schrift über die spartanische Ordnung – mit der Erziehung an.
ZITATOR (Übersetzung Herrad)
In den anderen Griechenstädten hält man es für gut, dass die Mädchen still zuhause sitzen und sich mit Wollarbeit beschäftigen. Lykurg aber meinte, dass auch Sklavinnen geeignet wären, Stoff und Kleider herzustellen...
ERZÄHLERIN
Lykurg ist eine wahrscheinlich legendäre Figur. In der Antike gilt er als großer Gesetzgeber, dem Sparta seine staatliche Ordnung verdankt.
ZITATOR (Übersetzung Herrad)
Die wichtigste Aufgabe der freien Bürgerinnen aber wäre es, Kinder zu bekommen. Als erstes bestimmte Lykurg also, dass das weibliche Geschlecht nicht weniger als das männliche seinen Körper stärken sollte. Er richtete Wettrennen und Kräftemessen für Frauen und Männer ein, da er meinte, dass ein kräftiges Elternpaar auch kräftige Kinder bekommen würde.
ERZÄHLER
Was Xenophon hier berichtet, ist geradezu skandalös für antike Verhältnisse. Anständige Bürgerfrauen haben im Haus zu bleiben. In die Außenwelt gehen sie nur zu religiösen Anlässen – die sind allerdings gar nicht mal so selten; es ist also nicht so, dass Griechinnen immer nur im Hause sitzen. Alle außer den reichsten Bauersfrauen packen bei der Ernte mit an. Händlerinnen bieten auf dem Marktplatz ihre Ware feil. Sklavinnen gehen einkaufen.
ERZÄHLERIN
„Draußen“ ist in der Welt der antiken Stadtstaaten der politische, öffentliche Raum, in dem Bürger und Philosophen über Krieg und Politik debattieren. In dem haben Frauen nichts zu suchen. „Draußen“ ist auch der Sportplatz.
Auch der ist kein Ort für Frauen – jedenfalls in Athen. In Sparta schon. Das wissen wir nicht nur von Xenophon. Auch hier kommt uns die Archäologie zur Hilfe. In der Region um Sparta sind mehrere Statuetten gefunden worden, die durchtrainierte junge Frauen beim Wettlauf und beim Tanzen zeigen. Sie tragen eine ärmellose kurze Tunika, die ihre muskulösen Beine frei lässt. Auch das ist in der Antike ganz ungewöhnlich.
ERZÄHLER
Es ist allerdings fraglich, ob der Frauensport den Grund hatte, den Xenophon angibt – das Trainieren des Frauenkörpers für die Geburt gesunder Kinder. Öffentliche sportliche Wettkämpfe in der Antike haben oft einen religiösen Charakter: So zum Beispiel die Olympischen Spiele am Wohnort der griechischen Götter, die zu Ehren des Obergottes Zeus stattfinden.
ERZÄHLERIN
Sparta ist berühmt für seine Frömmigkeit. Hier werden viele Feste für die Götter gefeiert. Religiöse Feste in der Antike sind immer öffentliche Feiern. Es gibt Prozessionen, sportliche Wettkämpfe, Blumen, Musik, Wein, leckeres Essen. Man kann sich das ein bisschen wie ein kirchliches Fest heute in Griechenland oder Italien auf dem Land vorstellen.
ERZÄHLER
In der Komödie „Lysistrate“ verbünden sich athenische und spartanische Frauen, um ein Ende des Peloponnesischen Kriegs herbeizuführen. Ihr Autor, der Athener Aristophanes, spöttelt über die durchtrainierte Spartanerin Lampito – allerdings spöttelt Aristophanes über alles und jeden und nimmt davon auch seine athenischen Landsleute nicht aus. Am Ende des Stücks feiern Spartanerinnen und Spartaner, Athenerinnen und Athener die (fiktive) Versöhnung mit einem Tanz.
ZITATOR beschwingt (Übersetzung nach Johannes Minckwitz, Copyright abgelaufen)
Jubelt im Tanzschritt,
Auf, jubelt leichten Sprunges!
Mein Preislied feiert Sparta,
Welches den Chor für die Götter liebt,
und die stampfenden Tanzfüße.
Wo die Mädchen springen,
Fohlen gleich, staubwirbelnd am Fluss
behend, mit stürmenden Füßen
und fliegenden Haaren...
ERZÄHLERIN
Die Götter sind vom Spott der Komödiendichter ausgenommen, deswegen können wir diese Szene durchaus ernst nehmen. Und so ist es, als hätte sich ein Fenster aufgetan, durch das wir einen kurzen Blick auf das tatsächliche Sparta erhaschen können. Wir sehen die Stadt – nicht sehr groß, und schlicht, die Gebäude bescheiden. Am Eurotas-Fluss, der auch heute noch durch Sparta fließt, hat sich eine Volksmenge versammelt. Die Tempel sind mit Blumengirlanden geschmückt; viele Menschen tragen Blumenkränze. Ein Chor singt. Verkäufer bieten Naschwerk zum Verkauf. Und auf dem weiten Platz am Ufer wirbeln mit fliegenden Haaren die Mädchen im Tanz.
ERZÄHLER
Und was ist mit der Erziehung der Jungen? Xenophon berichtet:
ZITATOR (Übersetzung Herrad)
Wenn der Knabe vom Kind- ins Jugendalter kommt, schrieb Lykurg ihm vor, auch beim Gehen auf der Straße die Hände in seinem Mantel zu verbergen, Schweigen zu bewahren und nichts anzuschauen, sondern die Augen gesenkt zu halten.
Von einem Stein würde man eher einen Laut hören, eher von einer Bronzestatue einen Blick einfangen als von einem dieser Jünglinge; man würde sie für schamhafter halten als die Jungfrauen in ihren Kammern.
ERZÄHLERIN
Schamhafte und züchtige spartanische Jugendliche? Teenager, die brav zu Boden blicken und schamhaft die Hände im Ärmel verbergen? Irgendwie hat man sich die Ausbildung der männlichen Jugend in Sparta anders vorgestellt. Härter. Schweißtreibender. Kriegerischer.
ERZÄHLER
Natürlich gibt es das auch. Die Jugendlichen trainieren auf dem Sportplatz und üben sich darin, Strapazen und Schmerzen auszuhalten. In kleinen Gruppen oder alleine werden sie in die Wildnis geschickt, wo sie sich einen Winter lang behaupten müssen. Wer das erfolgreich meistert, wird unter die Männer aufgenommen. Gedrillt wie in Preußen wird hingegen nicht. Eher kann man das Ethos der antiken Krieger mit dem mittelalterlichen Ritterideal vergleichen. Man denkt sich den Krieg als die edelste und männlichste Beschäftigung, und zugleich als erste Bürgerpflicht.
ERZÄHLERIN
Und hier liegt wohl auch der Grund dafür, dass Xenophon die Zurückhaltung der spartanischen Jünglinge so herausstreicht. Selbstbeherrschung gilt als eine der wichtigsten und edelsten Tugenden. Nur wer sich selbst und seine Leidenschaften im Zaum halten kann, so lehren die Philosophen, ist auch in der Lage, über andere zu herrschen. Die Selbstbeherrschung gilt als schlechthin spartanische Tugend.
ERZÄHLER
Schließlich herrschen in Sparta Aristokraten. Das demokratische Athen hingegen ist bekannt – bisweilen sogar berüchtigt – dafür, dass das Volk seine Meinung immer wieder ändert; dass die Volksversammlung heute ein Todesurteil verhängt, nur um es am nächsten Tage reumütig zurückzunehmen. Wie viel besser ist es doch in Sparta, sagen aristokratische Denker wie Xenophon: dort verstehen sogar die Jugendlichen, ihre Leidenschaften zu zügeln.
ERZÄHLERIN
Gut anderthalb Jahrhunderte gibt Sparta in der griechischen Welt den Ton an: mal gemeinsam mit Athen, mal ganz alleine auf dem Siegertreppchen. Dann ist die Herrlichkeit vorbei. Das Undenkbare geschieht. Spartanische Kämpfer unterliegen in einer offenen Feldschlacht. Das ist noch nie passiert. Die Dreihundert bei den Thermopylen standen einer riesigen Übermacht gegenüber. Wenn seitdem Spartaner gegen andere Heere kämpften, ging das schlimmstenfalls unentschieden aus.
ERZÄHLER
Doch im Jahr 371 in der Schlacht bei Leuktra wird Sparta geschlagen. Es kommt noch schlimmer: das Heer der Thebaner marschiert in Lakonien – der Landschaft, deren Hauptstadt Sparta ist – ein. Feinde im Land, und Sparta ist machtlos. Theben diktiert den Frieden und zwingt die Spartaner, das eroberte Messenien aufzugeben und die versklavten Leibeigenen in die Freiheit zu entlassen.
ERZÄHLERIN
Meist wird an dieser Stelle in den Geschichtsbüchern der Schlussstrich gesetzt. Geschichte wird ab jetzt anderswo gemacht: in Makedonien, von wo demnächst Alexander der Große aufbricht, um die Welt zu erobern. In Rom, wo nicht lange darauf eine neue Weltmacht entsteht, die schließlich – im Jahr 195 vor Christus – auch Sparta ihrem Reich einverleiben wird. Aber Sparta besteht weiter fort. Und es hat immer noch Fans, wie die Archäologin Andronike Makres weiß.
ZUSPIELUNG 6 (Andronike Makres)
A: The Romans added a lot to the stereotype, by reinventing and projecting...
OVERVOICE, WEIBLICH
Die Römer haben das stereotypische Spartabild weiter ausgebaut, indem sie ihre eigenen Vorstellungen darauf projizierten. Wir machen es ja nicht anders: wir gestalten unser Bild von anderen Kulturen ja auch so, wie es am besten zu unseren Vorstellungen und Werten passt. Die Römer mochten beispielsweise die athenische Demokratie nicht, deswegen haben sie die spartanische politische Ordnung gelobt, und die spartanische Disziplin.
E: ... right, their political ideology and the idea of discipline. (reißt etwas ab)
ERZÄHLER
Im ersten Jahrhundert stellt der römische Autor Valerius Maximus eine Sammlung vorbildlicher und abschreckender Beispiele aus der römischen Geschichte zusammen. Er schreibt:
ZITATOR (Übersetzung Herrad)
Unseren Vorfahren war die Genügsamkeit die Mutter ihres Wohlergehens. Feindlich standen sie üppigen Gelagen gegenüber und fremd war ihnen der übermäßige Genuss von Wein ebenso wie von fleischlichen Lüsten. Die Stadt der Spartaner war dem Ernst unserer Vorfahren von allen am nächsten.
ZUSPIELUNG 7 (Andronike Makres)
A: The Spartans cooperated with the Romans in creating the mirage...
OVERVOICE, WEIBLICH
Die Spartaner haben bei der Entwicklung dieses Mythos durchaus mitgemacht, sie haben keinen Widerstand geleistet. Sparta war nur noch eine kleine Stadt, der Ruhm der alten Zeit das einzige, was noch geblieben war. Wir in Athen vermarkten heute die Akropolis; genauso haben es die Spartaner damals gemacht, um sich mit den Römern besser zu stellen.
Die Athener haben Jahrhunderte lang ihre heldenhaften Siege in den Perserkriegen ausgeschlachtet! Man nutzt halt, was man hat. (lacht)
E. ... centuries. So whatever you have to improve your position, you use it.
ERZÄHLERIN
Eines müssen wir aber noch erwähnen: den spartanischen Humor. So sprichwörtlich ist die Schlagfertigkeit der Spartaner, dass es dafür ein eigenes Wort gibt. Lakonien heißt die Landschaft, in der die Stadt liegt. „Lakonisch“ heißt bis heute eine kurze, treffende, oft ironische Bemerkung. Es gibt eine ganze Sammlung lakonischer Aussprüche. Sie zeigen, dass den Spartanern am Ende nicht nur der Ruhm geblieben ist – sondern auch der Stolz.
ZITATOR (Übersetzung Herrad)
Einst wurde ein besiegter Spartaner in die Sklaverei verkauft. Ein Marktbesucher fragte: „Bist du tüchtig, wenn ich dich kaufe?“ – „Ja,” sagte der Spartaner, “und auch, wenn du mich nicht kaufst.”

Mar 19, 2024 • 22min
Neugier - Antriebskraft des Lebens
Ohne Neugier gibt es keine Entwicklung. Neugier beflügelt die Wissenschaft, Neugier auf das Zeitgeschehen macht den Menschen zum Subjekt der Geschichte. Von Brigitte Kohn (BR 2014)Credits Autorin dieser Folge: Brigitte KohnRedaktion: Susanne Poelchau
Im Interview: Professor Andreas Speer; Köln Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ZUSPIELUNG OBAMA-REDE:
Our challenges may be new. The instruments with which we meet them may be new. But those values upon which our success depends - hard work and honesty, courage and fair play, tolerance and curiosity, loyalty and patriotism - these things are old. These things are true.
DARÜBER:
„Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, mögen neu sein. Unsere Mittel und Möglichkeiten, darauf zu reagieren, mögen neu sein. Aber die Werte, auf denen unser Erfolg beruht – harte Arbeit und Ehrenhaftigkeit, Mut und Fairness, Toleranz und Neugier, Treue und Vaterlandsliebe – diese Dinge sind alt. Diese Dinge sind wahr.“
ERZÄHLERIN:
In seiner ersten Rede als 44. Präsident der Vereinigten Staaten erwähnt Barack Obama ausdrücklich die Neugier als zentralen Motor der amerikanischen Erfolgsgeschichte. Und er verbindet sie mit bestimmten Wertvorstellungen. Neugier hat eine individuelle und kulturelle Dynamik. Der Mensch muss seiner Neugier eine Richtung geben – und die ist nicht vorgegeben, für die muss er sich entscheiden. Ausschalten lässt sich die Neugier nicht. Sie gehört zur menschlichen Natur, sagt Andreas Speer, Professor für Philosophie an der Universität Köln.
1 O-TON PROF. ANDREAS SPEER:
Ich denke, eines der wichtigsten Dinge ist, dass der Mensch, wie ja die Anthropologen sagen, ein ziemlich instinktentsichertes Lebewesen ist. Dass er nicht fest in einen Umweltzusammenhang eingebunden ist, sondern sich seine Welt selbst schaffen muss. Man muss explorieren, man muss sich orientieren, man muss die Eindrücke ordnen, und man muss gewissermaßen sein Leben selbst gestalten.
ERZÄHLERIN:
[Neugier findet man auch im Tierreich. Auch höher organisierte Tiere müssen ihre Umgebung untersuchen und erkunden, um zu lernen, wie sie beschaffen ist und wie man in ihr überlebt.]
Aber die Menschen sind nicht nur neugierig auf die sichtbare Welt. Sie fragen nach Gott, nach der Wahrheit, nach Gut und Böse, nach Werten, Normen und Moral. Sie müssen ihrer Neugier eine Richtung geben; ihrem Wissen Sinn und Bedeutung.
Menschen müssen ständig Neues aufnehmen und verarbeiten. [Ihr Gehirn entwickelt sich im Zusammenspiel mit der Umwelt, ohne Reize würde es verkümmern.] Sich zu entwickeln, ist eine Lust. Menschen sind von Natur aus neugierig auf die Welt, die sich ihnen zunächst durch die sinnliche Wahrnehmung erschließt.
ZITATOR:
„Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen. Ein deutliches Zeichen dafür ist die Liebe zu den Sinneswahrnehmungen. Denn abgesehen vom Nutzen werden diese um ihrer selbst willen geliebt, und von allen besonders die Sinneswahrnehmung, die durch die Augen zustande kommt.“
ERZÄHLERIN:
… schreibt der Philosoph Aristoteles im antiken Griechenland. Augenlust spielt auch bei Kindern eine Rolle, aber die anderen Sinne auch. Schon Neugeborene betasten ihren Körper, besonders Gesicht und Mund, bald schon verfolgen sie Gegenstände mit den Augen. Babys und Kleinkinder ergreifen Objekte und nehmen sie in den Mund, sie beginnen die Dinge zu zerlegen und mit ihnen zu experimentieren, sie spielen und sind kreativ. Neugierig probieren sie Grenzen aus und stoßen auf Verbote, missachten sie, werden zurechtgewiesen, versuchen es bei nächster Gelegenheit wieder. Alles, was verboten ist, scheint die Neugier ganz besonders zu reizen. Das ist ein so zentrales Merkmal der menschlichen Natur, dass sich sogar der Schöpfungsmythos der Bibel damit befasst.
Gott hat Adam und Eva bekanntlich verboten, vom Baum der Erkenntnis zu essen – aber ohne Erfolg.
ZITATOR:
„Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben; sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre, weil er klug machte; und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch, und er aß.“
[2 O-TON PROFESSOR SPEER:
Sein wollen wie Gott, das heißt: die Versuchung, der wir ja auch heute unterliegen, alles wissen zu wollen und auch die Normen von Gut und Böse setzen zu wollen. Zu wissen, was gut und was böse ist. Dann die Frage, woher kommt das Böse in die Welt. Die Frage, woher das Böse in die Welt kommt, können Sie, denke ich, argumentativ, logisch-deduktiv nicht beantworten. Alle Kulturen haben solche Woher-kommt das Böse-Geschichten.]
ERZÄHLERIN:
Ein Mythos erklärt nicht, er erzählt. Die Schlange, das Prinzip der Verführung, ist einfach da, keiner weiß warum. Und Eva sollte ihre Neugier wohl zügeln, es gelingt ihr aber nicht. Der Mensch kann seiner Neugier nicht entgehen. Und deswegen sind die Pforten des Paradieses jetzt verschlossen. Stattdessen gibt es Menschengeschlecht und Menschengeschichte, Sexualität und Tod und all die Rätsel und Risiken der Existenz, die sich aus diesen Grunderfahrungen speisen. Es gibt die menschliche Kultur, die diese Rätsel zu entschlüsseln oder in Bildern und in Mythen zu verhandeln sucht. Und die selbst, wie Gott im Paradies, Verbote und Tabus errichtet. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen.
Die Neigung zum Tabu wurzelt tief in der menschlichen Natur, sagen die Anthropologen.
3 O-TON PROFESSOR SPEER:
Tabus liegen tiefer, als das was wir regeln, und sie sind elementar für den Zusammenhalt von Gesellschaften. Sie sind sozusagen das Set von Werten und normativen Regelungen, das nicht in Frage gestellt wird in einer Gesellschaft, das gewissermaßen eine Grenze definiert, die wir nicht überschreiten, ohne den Zusammenhang dieser Gemeinschaft und dieser Gesellschaft in Frage zu stellen.
ERZÄHLERIN:
Gesellschaften geben sich Spielregeln. Wer sich an sie hält, ist Teil der Gemeinschaft und lebt komfortabler. Trotzdem strebt die menschliche Neugier immer wieder darüber hinaus. Richtet sich auf das Dunkle, das Grausame, die Ausschweifung, den Überfluss. Die Neugier hält uns in Kontakt zu dem, was wir aus unserer gepflegten Normalität verdrängen. Im Märchen von Blaubart, entstanden im 17. Jahrhundert, gibt es eine verbotene Kammer, hinter der das geballte Grauen lauert.
ZITATOR:
„Die Versuchung war zu groß, sie konnte nicht widerstehen – und schon hielt sie das kleine Schlüsselchen in der Hand, und schon hatte sie, obwohl zitternd, die Türe geöffnet.
Zuerst sah sie nichts, gar nichts, weil die Fenster geschlossen waren; nach einigen Minuten sah sie, dass der Boden mit geronnenem Blut bedeckt war, und dass sich darin mehrere an die Wand gehängte tote Frauen spiegelten. Es waren die Frauen, die Blaubart früher geheiratet und die er alle, eine nach der andern, abgeschlachtet hatte.“
ERZÄHLERIN:
Blaubart ist ein gewaltiger Ritter und unermesslich reich. Er hat einen blauen Bart, und alle fürchten sich vor ihn. Seine Frau hat ihn geheiratet, weil sie neugierig ist auf ein Leben im Luxus, weil ihr ein Durchschnittsleben nicht genügt. Und vielleicht ist sie auch fasziniert von Blaubarts dunkler Erotik. Ihr Mann gibt ihr den Schlüssel zu einer geheimen Kammer und verbietet ihr bei Todesstrafe, sie zu öffnen. Sie tut es natürlich trotzdem und entdeckt sein Geheimnis: Blaubart lebt nicht, um zu lieben, sondern um zu töten. Er will jetzt auch seine letzte Frau umbringen, aber ihre Brüder eilen herbei, um Blaubart zu töten und die Schwester zu retten. Und dann wird das Leben besser als je zuvor.
ZITATOR:
„Blaubart hatte keine Anverwandten, und so fiel die ganze Erbschaft seiner Frau zu. Einen Teil ihres ungeheuren Vermögens [gab sie ihrer Schwester Anna und verheiratete sie mit einem trefflichen jungen Mann, der sie seit langem liebte. Einen anderen Teil] überließ sie ihren Brüdern, die als Soldaten das sehr wohl brauchen konnten, und den Rest brachte sie einem soliden Manne zu, an dessen Seite sie im Glücke die schweren Stunden ihrer kurzen Ehe mit Blaubart vergaß.“
ERZÄHLERIN:
Neugier kann sich lohnen. Der Ausflug der Frau in das Reich des Bösen hat zur Folge, dass eine tödliche Gefahr beseitigt wird und neuer Reichtum auf die Gemeinschaft niederregnet. Neugier überschreitet, erfrischt, bereichert die Normalität, doch es ist immer ein Risiko dabei. In den Bereichen jenseits des Normalen ist es sehr gefährlich. Hätte die Frau ihre Brüder nicht gehabt, wäre sie gestorben. Echte Bindung zwischen Menschen bannt das Böse. Normalität bannt das Böse. Die Gesellschaft hat guten Grund, sie zu verteidigen. Und trotzdem muss sie Neues zulassen, wenn sie nicht erstarren will. Trotzdem darf sie die Neugier nicht ersticken, muss sie die Risiken eingehen, die mit ihr einhergehen.
4 O-TON PROFESSOR SPEER
Bei allen Innovationsschüben, die Gesellschaften zu verkraften haben, die wurden auch als Infragestellungen von Bestehenden, von Geregeltem, von Konventionen angesehen. Das gilt übrigens für uns persönlich auch. Das ist eine ganz einfache Geschichte. Wenn ich irgendwo neu hinkomme: Manche Leute lieben das, und deswegen suchen sie ständig Neuigkeiten. Andere wiederum fürchten das Auflösen von Routinen. Das ist also ein Wechselspiel.
ERZÄHLERIN:
Riskant ist nicht nur die Neugier auf die dunklen Seiten der Existenz, riskant ist auch die Eroberung neuer Wissensgebiete. Auch der Wissensdurst hat etwas Ausschweifendes, und jede Gesellschaft hat Institutionen, die die Produktion und die Vermittlung des Wissens regeln und kanalisieren. Die Frage nach den Grenzen des Wissens stellt sich immer wieder. Neues Wissen stellt die Identität des Einzelnen ebenso in Frage wie die Identität der Gesellschaft.
Doch die Dynamik der Neugier hält sich nicht an Grenzen. Sie ist ein Begehren, das tief im Menschen wurzelt, zum Kern des Lebensvollzugs gehört. Ohne Neues kann der Mensch nicht leben.
5 O-TON SPEER:
Denkverbote haben nie sehr erfolgreich gewirkt, der Mensch bricht immer zu den Ufern auf, zu denen er aufbrechen möchte. Die Fragen, die einmal gestellt sind, lassen sich nicht wieder rückholen. Man muss im Nachhinein dann darüber nachdenken, wie man mit den Konsequenzen solcher Entdeckungen umgeht.
ERZÄHLERIN:
Oder vorher. Denkbar wäre auch, vorher zu fragen, ob der angestrebte Zuwachs an Wissen zu einem sinnvollen Ziel führt. Der Wissensdrang kann gute oder böse Ziele haben, und er kann auch Konsequenzen zeitigen, mit denen niemand gerechnet hat.
Der Kirchenvater Thomas von Aquin schreibt im 13. Jahrhundert ...
ZITATOR:
„ … dass die Erkenntnis der Wahrheit an sich etwas Gutes ist. Dennoch wird dadurch nicht ausgeschlossen, dass jemand die Erkenntnis der Wahrheit zum Bösen missbrauchen oder auch in ungeordneter Weise Wahrheitserkenntnis suchen kann. Es muss nämlich auch das Streben nach dem Guten der verbindlichen Ordnung unterworfen sein.“
ERZÄHLERIN:
Wie die verbindliche Ordnung aussehen soll, das ist in einer säkularen Gesellschaft schwieriger zu verhandeln als als im Mittelalter. Thomas von Aquin lebt und lehrt unter dem Dach der Kirche, die die Leitlinien vorgibt – aber das heißt nicht, dass deswegen alles klar wäre. Auch das Mittelalter hat seit dem 12. Jahrhundert einen ungeheuren Zuwachs an Wissen zu bewältigen, und neu gegründete Universitäten machen den Klöstern als altehrwürdigen Produktionsstätten des Wissens Konkurrenz. Nicht umsonst entwickelt Thomas von Aquin eine Theologie, die Wissenschaft und Vernunft integriert. Die vielfältigen geistigen, religiösen und politischen Konflikte des ausgehenden Mittelalters spiegeln sich in Umberto Ecos Weltbestseller „Der Name der Rose“. Im Mittelpunkt steht eine italiensche Abtei, die sich heftig bemüht, den modernen Wissensdrang ihrer Zeit an sich abprallen zu lassen:
ZITATOR:
„Denn nicht alle Wahrheiten sind für alle Ohren bestimmt, nicht alle Lügen sind sofort als solche erkennbar für eine fromme Seele, und schließlich sollen die Mönche im Skriptorium eine genau definierte Arbeit tun, wozu sie bestimmte Bücher lesen müssen –
die anderen gehen sie nichts an, und sie sollen nicht jedem Anflug von Neugier nachgeben, der sie plötzlich packen mag, sei es aus Schwäche des Geistes oder aus Hochmut oder aufgrund einer teuflischen Einflüsterung.“
ERZÄHLERIN:
Die Abtei verfügt über eine Bibliothek mit unermesslichen Schätzen. Und der Zugang zu ihnen ist nur wenigen Eingeweihten gestattet. Das Verbot steigert die Begehrlichkeit der Mönche ins Unermessliche. Die Bibliothek scheint ihnen als „himmlisches Jerusalem und verborgenes Reich an der Grenze zwischen Terra incognita und heidnischer Unterwelt“; und sie riskieren ihr Leben, um dieses Reich zu betreten.
ZITATOR:
„Warum sollten sie nicht den Tod riskieren, um ein Verlangen ihres wissbegierigen Geistes zu stillen, warum nicht schließlich auch töten, um zu verhindern, dass jemand sich eines ihrer kostbaren Geheimnisse bemächtigte?“
ERZÄHLERIN:
Tödliche Konsequenzen hat vor allem das Lesen eines bestimmten Buches. Es stammt von Aristoteles, und da steht etwas drin über das Lachen Gottes. Ein lachender Gott? Unvorstellbar für einen Christenmenschen. Worüber lacht Gott, dieser Gott der Heiden? Wer es wissen will, büßt seine Neugier mit dem Leben. Denn der Wächter der Bibliothek hat die Seiten des Buches vergiftet. Aristoteles, der antike Philosoph mit seiner ausgeprägten Neugier auf die Erfahrungswelt, auf Kunst und Wissenschaft, soll unter Verschluss bleiben und sein lachender Gott erst recht. Dabei wird Aristoteles seit dem hohen Mittelalter intensiv übersetzt und gelesen, und seine Philosophie prägt auch die neuen Universitäten. Nur, die Abtei hängt an der alten Welt. An einer Welt, die den Glauben höher schätzt als weltliches Wissen.
6 O-TON SPEER:
Der Aristoteles war die Begegnung der damaligen Kultur mit einer paganen antiken Philosophie. Der Platonismus war ja über jahrhundertelang christianisiert worden. Und das war eine gigantische Herausforderung. Und da gab es auch Spannungen, da gab es auch Diskussionen, so wie es immer Diskussionen gibt, wenn etwas Neues kommt.
ERZÄHLERIN:
William von Baskerville, der ins Kloster kommt, um die Morde aufzuklären, ist ein Kind der neuen Zeit: wissbegierig und aufgeschlossen für die Wissenschaft, ein Aristoteliker par excellence. Umberto Eco zeichnet ein realistisches, vielfältiges Mittelalterbild, findet Professor Speer. Das Bild einer bewegten Epoche.
7 O-TON PROF. ANDREAS SPEER:
Es ist eine ungeheuer dynamische Zeit, in der eben all das passiert, was wir als die Wurzeln der Moderne begreifen. Die Gründung der Universitäten, die Entdeckung der Wissenschaft. Das ist alles das sogenannte Mittelalter. [Das Mittelalter ist interkulturell. Eine Zeit, in der Kulturen auf Augenhöhe miteinander kommunizieren und nicht hegemonial aus der Perspektive der westlich-lateinischen Welt erzählt wird, wie Wissenschaft oder Wissen geht. Das muss man erst mal deutlich sagen.] Insofern ist das eine der übelsten Narrationen, die bis in unsere Alltagssprache hinein greift, wo man alles, was man für rückständig oder gewalttätig bezeichnet, als mittelalterlich bezeichnet.
ERZÄHLERIN:
Doch zu Beginn der Neuzeit verliert die Kirche immer mehr die Fähigkeit, Meinungsvielfalt zu integrieren. Reformation und Glaubenskriege zerstören die ursprüngliche Einheit. Die Erfindung des Buchdrucks macht das Wissen zugänglicher, immer mehr Menschen reden mit und reden kontrovers. Die Kirche verteidigt ihre Machtposition mit den Mitteln der Inquisition – vergeblich.
8 O-TON PROFESSOR SPEER:
Die Summe des Wissens wird quantitativ immer größer. Allein schon die Quantität des Wissens, die Ausdifferenzierung des Wissens führt dazu, dass nicht mehr alles von einer Institution verwaltet und gedeutet werden kann. Und dass sich die Gesellschaften ausdifferenzieren.
ERZÄHLERIN:
Die Bereitschaft, Grenzen des Wissens zu akzeptieren, sinkt. [Goethe lässt seinen Magister Faust, eine Figur des 16. Jahrhunderts, einen Bund mit dem Teufel eingehen, um endlich alles, alles wissen zu können.
ZITATOR MEPHISTOLES:
Er ist sich seiner Torheit halb bewusst;
Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne
und von der Erde jede höchste Lust,
Und alle Näh und alle Ferne
Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.“
ERZÄHLERIN:
Faust wird am Ende erlöst, aber bis es so weit ist, geht er durch Abgründe. Die Gier nach Wissen kann teuflische Folgen haben.] Der Philosoph und Essayist Michel de Montaigne erhebt im 16. Jahrhundert, am Ende der Renaissance, seine warnende Stimme:
ZITATORL
„Gleichwie bei allem Essen öfters weiter nichts, als die Lust ist, und gleichwie nicht alles wohlschmeckende auch nahrhaft und gesund ist: eben so ist das, was unser Gemüth aus der Wissenschaft zieht, zwar allezeit sehr angenehm, aber nicht allezeit zur Nahrung bequem und heilsam.“
ERZÄHLERIN:
Der Siegeszug der empirischen Wissenschaft im 17. Jahrhundert ist aber nicht aufzuhalten. Sie setzt auf neue Methoden: Beobachtung und Experiment. [Menschen fragen nach sich selbst nicht mehr hauptsächlich im Verhältnis zu Gott, sondern im Verhältnis zur Natur. Das Prinzip Zweifel ist stärker als der Glaube. Tiere werden massenhaft auf der Sezierbank fixiert und aufgeschnitten, damit man sieht, wie das Leben funktioniert.] Im 18. und 19. Jahrhundert dynamisiert sich im Zuge der Industrialisierung der Siegeszug von Naturwissenschaft und Technik. Man setzt auf das Machbare und hofft darauf, dass es der Menschheit schon zum Wohl gereichen wird.
Die Dichter warnen, [und sie erzählen Geschichten, die eine bemerkenswerte Lebendigkeit entwickeln – weil ihre Botschaft nicht veraltet. Mary Shelleys Frankenstein will den Tod überwinden und erweckt in seinen wissenschaftlichen Experimenten ein Monster zum Leben.] In Dr. Jekyll und Mr. Hyde, einer Novelle von Robert Louis Stevenson, erfindet Dr. Jekyll im Labor ein Pulver, das es ihm ermöglicht, sich in zwei Teile zu spalten: in einen guten und in einen bösen. Das abgespaltene Böse bekommt schnell die Oberhand. Sein schlechtes Gewissen treibt Dr. Jekyll in den Selbstmord ..
ZITATOR:
„… weil ich zu der Überzeugung gelangt bin, dass das Schicksal und die Bürde des Lebens für immer auf den Schultern des Menschen lasten; wenn der Versuch gemacht wird, sie abzuschütteln, dann kehren sie nur mit neuem fürchterlichen Druck zu ihm zurück.“
ERZÄHLERIN:
Menschen haben in der Geschichte immer nur eine begrenzte Fähigkeit an den Tag gelegt, mit den Ergebnissen ihres Wissensdrangs umzugehen. Die Frage nach den Grenzen des Wissens ist also nicht überflüssig geworden.
Die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts zeugen davon, dass der säkulare Wissensdrang auch in den Abgrund führen kann. Die moderne Wissenschaft mit ihrer Hochschätzung von Objektivität und Unpersönlichkeit hat Massenvernichtungssysteme nicht nur nicht verhindert, sondern sogar ermöglicht. Der Atomphysiker Robert Oppenheimer, der die ersten Nuklearwaffen entwickelte, tat dies im Kampf gegen die Hitler-Barbarei, also in guter Absicht. Dennoch sagt er, erschüttert vom Massensterben in Hiroshima und Nagasaki, in einer Rede nach dem Krieg:
ZITATOR:
„In einem elementaren Sinn … haben die Physiker die Sünde kennengelernt, und dies ist eine Erkenntnis, die sie nicht verlieren können.“
ERZÄHLERIN:
Heute sind es vor allem die Risiken der Genforschung, die die Gesellschaft beschäftigen. Sollte man von diesem Baum der Erkenntnis wirklich essen? Wissen wir genug über die langfristigen Auswirkungen manipulierter Gene und ihre Wechselwirkungen mit Umwelt, Verhalten und Evolution? Noch besteht eine gewisse Scheu vor so tiefgreifenden Eingriffen in die menschliche Natur, und der Gesetzgeber setzt Grenzen.
9 O-TON PROF. SPEER:
Diese Grenzen sind in jeder Gesellschaft anders, wie wir wissen. Deutschland hat eine der schärfsten Grenzen. Andere Länder haben dort weitere Grenzen. Das sind Fragen, die von den übergeordneten gesellschaftlichen Instanzen geregelt werden.
ERZÄHLERIN:
Ist die Wissenschaft selbstkritischer geworden? Oder drückt die Abhängigkeit von Fördermitteln aus der Wirtschaft inzwischen viel zu viel Forschergeist in Richtung Verwertbarkeit und Profit? Lassen die Bildungssysteme genügend Spielraum für neugieriges Fragen und Suchen, das sich nicht nur auf einen sicheren Arbeitsplatz richtet? Was das betrifft, sieht Professor Speer die Talsohle bereits durchschritten.
10 O-TON SPEER:
Wenn ich mir die letzten Jahre anschaue, neige ich eher zum Optimismus. Wir hatten ja um die Jahrtausendwende eine sehr starke Tendenz, sozusagen der Operationalisierung und Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Inklusive der Bildung. Aber davon schwimmen wir uns langsam wieder etwas frei. Das heißt, an den Universitäten gab es und gibt es einen schleichenden Widerstand dagegen, sich nur durch diese Brille betrachten zu lassen. [Die Studiengebühren, ganz klar ausgedacht weniger zur Finanzierung als zur Implementierung eines Modells von Servicenehmern und Servicegebern, die sind abgeschafft, die sind auch aus ideologischen Gründen abgeschafft, das finde ich ganz wunderbar.] Und es gibt, denke ich, genügend Freiräume an den Universitäten und im kulturellen Leben, wo sich Menschen nicht auf ein Kosten-Nutzen-Denken festlegen lassen.
ERZÄHLERIN:
Es reicht nicht zu funktionieren. Menschen brauchen Zeit, um Wissen zu ordnen, zu interpretieren, Wertvorstellungen zu entwickeln, sich geistiger Traditionen zu vergewissern und eigene Zukunftshoffnungen in Mitsprache und politisches Handeln umzusetzen. Kurz: um ihrer Neugier eine menschliche Richtung zu geben.

Mar 18, 2024 • 24min
Fridtjof Nansen - Polarforscher, Zoologe, Diplomat
Fridtjof Nansen - ein Name, der unauslöschlich mit der Geschichte und den Heldentaten der Polarforschung verbunden ist. Dabei wird das dem rastlosen Leben des Norwegers nicht einmal ansatzweise gerecht. Autor: Sebastian KirschnerCredits Autor dieser Folge: Sebastian Kirschner Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Rahel Comtesse, Réne Dumont, Carsten Fabian, Christian Schuler Technik: Christian Schimmöller Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview:Carl Emil Vogt (Norwegischer Historiker);Geir Klover (Direktor des Fram Museums, Oslo)
Linktipps:
Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte
Literaturtipps:
Fridtjof Nansen, Auf Schneeschuhen durch Grönland 1888-1889 (© Edition Erdmann 2016).
Fridtjof Nansen, In Nacht und Eis. Die norwegische Polarexpedition 1893-1896 (© Edition Erdmann 2018)
Marit Fosse & John Fox, Nansen. Explorer and Humanitarian (© Hamilton Books 2015).
Liv Nansen-Hoyer, Mein Vater Fridtjof Nansen. Forscher und Menschenfreund (© Verlag F.A. Brockhaus 1957).
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
SPRECHER/IN
Als Fridtjof Nansen 1887 seine Pläne vorstellt, halten seine Kollegen ihn für verrückt. Die Idee des Norwegers klingt aberwitzig: Im Sommer des nächsten Jahres will er das eisige Grönland durchqueren. Niemand hat bisher diesen Weg geschafft. Keiner weiß, was die Insel im Inneren birgt – einer der letzten weißen Flecken der Landkarte. Ein solches Risiko, nur um zu beweisen, dass Grönland
mit Eis bedeckt ist?
ZITATOR 2
Sollte Nansens Plan in der gegenwärtigen Form in die Tat umgesetzt werden, […] stehen die Chancen zehn zu eins, dass er […] sein Leben und möglicherweise das anderer völlig sinnlos wegwirft.
SPRECHER/IN
urteilt damals die dänische Zeitschrift „Ny Jord“ über die Idee des Wissenschaftlers. Und das nicht ohne Grund, sagt Geir Klover [sprich Gaïr Klöwer]. Er ist Direktor des Nansen-Museums schlechthin: dem Fram Museum in Oslo, benannt nach dem späteren Forschungsschiff Nansens.
01_ZUSPIEL Geir Klover
There's quite a few that have attempted to cross Greenland before Nansen. And all of them had tried from the inhabitant West Coasts. And probably Greenland was steeper and colder and more difficult than they thought.
So there it was quite easy for them to turn back. So Nansen thought his idea to cross Greenland was to go to the east coast to Greenland where there was no population and his ship left. And the only way to survive is to cross over to the west side.
01_ Voice-Over
Etliche hatten vor Nansen versucht, Grönland zu durchqueren. Sie alle waren von der bewohnten Westküste aus gestartet. Wahrscheinlich aber war Grönland steiler, kälter und unwirtlicher als erwartet. Mit den Siedlungen im Rücken konnten sie aber recht einfach umkehren. Nansens hatte die Idee, von der Ostküste Grönlands aus zu starten, wo es keine Bevölkerung gibt. Und der einzige Weg zu überleben ist der durchs Landesinnere zur Westseite.
SPRECHER/IN
Fridtjof Nansen ist zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alt. Der junge Mann fällt auf, wenn er durch die Straßen geht. Er trägt sogenannte Dr. Jäger-Gesundheitswäsche: eine Art frühe Funktionskleidung, schlicht, leicht, bestehend aus festen Wollhosen mit einer kurzen Jacke, zugeknöpft auf der rechten Körperhälfte. Und: Anders als die meisten Männer der Zeit ist er nahezu glatt rasiert und ohne Kopfbedeckung unterwegs.
((ZITATORIN (Liv Nansen-Hoyer)
Sein Unabhängigkeitsdrang suchte sich mancherlei Ausdruck. Er wollte nicht „modisch gekleidet“ herumlaufen. In langen, allzu weiten Jacken zu gehen, mit hohen Kragen und Riesenkrawatten, von den langen Mänteln ganz zu schweigen, die einem um die Beine schlenkerten und eine gute Figur völlig verdeckten, das alles schien ihm zu viel verlangt.
SPRECHER/IN
schreibt Nansens Tochter Liv später in Erinnerungen an ihren Vater. Nach einem Zoologiestudium an der Universität von Kristiania, dem späteren Oslo, arbeitet Nansen in Bergen als Kurator am Naturhistorischen Museum. Es ist der erste bezahlte Job nach einem Studium, das er vor allem aus einem Grund gewählt hat: um ein Leben in der freien Natur führen zu können. Nansen ist ein eigensinniger Herumtreiber.)) Noch als Student der Zoologie heuert er für ein fünfmonatiges Praktikum auf einem Robbenfänger an, um seine Abenteuerlust gegenüber den Eltern zu legitimieren – und findet so seine Bestimmung:
ZITATOR 1
Das Eismeer ist etwas für sich, nichts anderem vergleichbar und vor allem nicht dem, was man sich gern darunter vorstellt. Flaches, treibendes Eis in wogenden Schollen, bald grünlichblaue See, dann Nebel und Sonnenschein, Sturm und Stille. Das ist es, was ich fand.
SPRECHER/IN
schreibt Nansen damals in sein Tagebuch. Als ihn der Drang zur Polarforschung packt, ist Nansen gerade dabei, sich erste wissenschaftliche Lorbeeren zu verdienen. Mit einer Doktorarbeit über das Zentralnervensystem wirbelloser Meerestiere wird er sich einen Namen machen – als Pionier in der noch jungen Disziplin der Neurologie. Es ist die Zeit der Theorien Einsteins, der Erfindung des Automobils – und die Zeit, in der die letzten unbekannten Flecken der Welt erschlossen werden... Nansens Abschlussprüfung für seine Dissertation liegt erst vier Tage zurück, als er am 2. Mai 1888 nach Grönland aufbricht. Und er konnte nur vermuten, was ihn und seine Mannschaft in den kommenden Monaten erwartet, sagt Geir Klover:
02_ZUSPIEL Geir Klover
They were not prepared for an extreme physical exhaustion of it. So they didn't have dogs for instance to help them pull the sledges and so on. So quite early in the expedition they starved, were hungry all the time. There was no previous experience really in Norway for doing that type of expedition. So you had to use common sense. They barely made it you know almost starving.
02_ Voice-Over
Sie waren nicht vorbereitet auf eine derart extreme Anstrengung. Sie hatten zum Beispiel keine Hunde, die ihnen die Schlitten zogen. Deshalb litten sie schon bald Hunger. In Norwegen gab es bis dahin keine wirklichen Erfahrungen mit derartigen Expeditionen. Man war auf gesunden Menschenverstand angewiesen. Beinahe verhungert haben sie es gerade so geschafft.
SPRECHER/IN
Dabei hat Nansen sich intensiv vorbereitet. In Expeditionsberichten hatte Nansen von den Strapazen seiner Vorgänger gelesen, Bilder gesehen, auf denen sich feine Herren mit Melonen auf dem Kopf und Gamaschen an den Füßen durch den Tiefschnee mühen. Der junge Forscher will planvoller vorgehen. Seine Mannschaft ist klein, aber wohl ausgesucht: ein Spezialistenteam von nur fünf Mann. Ein jeder zäh, ausdauernd und verlässlich. Nansen verwendet für seine Expedition eigens entworfenes Material, hat etwa spezielle Schlitten bauen lassen. Überhaupt ist für Nansen der Erfolg seines Vorhabens eine Frage der passenden technischen Ausrüstung:
ZITATOR 1
Die Ausführung der ganzen Expedition war auf die Überlegenheit der Schneeschuhe über jedes andere auf Schneeflächen in Anwendung kommende Beförderungsmittel begründet.
SPRECHER/IN
Fast scheint es, als hätten schon seine Kindheit und Jugend Nansen auf diese Reise vorbereitet. Ihn prägt die ländliche Idylle seines Elternhauses nahe Kristiania. Der Sohn einer bürgerlichen Oberschichtfamilie liebt es zu fischen, zu jagen und tagelang durch die ausgedehnten Wälder zu streifen. Seine Mutter, eine geborene Baronesse Wedel-Jarlsberg, begeisterte den Jungen früh für Sport und die Natur, sagt der norwegische Historiker und Nansen-Biograf Carl Emil Vogt:
03_ZUSPIEL C.E. Vogt
She loved nature, skiing etc. So I think that he had his very strong and independent character from his mother actually and his mother's family because his father was more of a pedantic correct Protestant, civil servant and lawyer. So I think the combination of the very protestantic ethos of the duty to do what you have to do etc. and the extremely independent and artistic and nature loving sentiments from his mother, I think that combination of them is very important actually.
03_ Voice-Over
Sie liebte die Natur, das Skifahren usw. Ich denke, dass er seinen starken und unabhängigen Charakter von seiner Mutter und ihrer Familie hatte. Sein Vater war mehr ein pedantischer, korrekter Protestant, Beamter und Anwalt. Also einerseits das sehr protestantische Pflichtbewusstsein, das zu tun, was zu tun ist, und andererseits die äußerst unabhängigen, künstlerischen und naturverbundenen Gefühle seiner Mutter: Ich glaube, dass diese Kombination sehr wichtig war.
SPRECHER/IN
Eigenschaften, auf die es in der Eiswüste Grönlands ankommt. Nansen will sein Ziel unbedingt erreichen, sein Motto lautet: die Westküste oder der Tod. Nach einer abenteuerlichen Odyssee auf Eisschollen entlang der Küste beginnt der Aufstieg über das bis zu 3200 Meter hohe Inlandeis. Auf dem Plateau reist die Expedition nachts. Dann ist es kälter, die Skier und Schlitten gleiten besser.
Geschlafen wird tagsüber – jeweils zu dritt in einem Schlafsack. Das spart Gepäck. Am 8. September 1888 notiert Nansen in sein Tagebuch:
ATMO Windgeheul unterlegen
ZITATOR 1
Der Weg ist unglaublich beschwerlich, schlimmer denn je, obwohl er hart ist; dieser Schnee ist widerspenstig wie Sand. Wir arbeiten gegen den Wind und Schneetreiben an. – Und weiter am 9. September: Es wurde im Laufe des Tages schlimmer mit dem Schneefall, und der Weg wurde schlechter und schlechter
SPRECHER/IN
Hunger und entsetzlicher Durst plagen die Männer. Erst am 26. September erreichen sie die Westküste. 49 Tage Wanderung, 560 Kilometer und harte Entbehrungen liegen hinter ihnen. Zum ersten Mal ist der grönländische Eispanzer in Ost-West-Richtung bezwungen. Doch zurück nach Europa kommen sie vorerst nicht: Wegen des nahenden Winters fährt von Godthåb kein Schiff mehr ab. Einen Eilboten der Inuit kann Nansen noch beauftragen, mit dem Kajak 300 Kilometer nach Süden zu fahren, um dem letzten Transportschiff in Ivigtût [sprich Ivittuut] ihre Erfolgsnachricht mitzugeben. Bis zum nächsten Frühjahr müssen sie bei den Inuit überwintern – aus Sicht von Geir Klover der eigentliche Erfolg der Expedition:
04_ZUSPIEL Geir Klover
So they had to spend the whole winter living with the Inuit in Greenland. And that kind of I think changed his mentality and also became more prepared for a future in exploring Polar Regions. It was the starkest initiation as a polar explorer.
04_ Voice-Over
Sie mussten also den ganzen Winter mit den Inuit in Grönland leben.
Ich glaube, das hat in gewisser Weise seine Mentalität verändert, es hat ihn auf eine Zukunft in der Polarforschung vorbereitet. Das hat ihn auf seinem Weg zum Polarforscher wohl am stärksten geprägt.
SPRECHER/IN
Die Nachricht von der Grönland-Querung läuft in der Zwischenzeit in großen Schlagzeilen um die Welt. Bei Nansens Rückkehr am 30. Mai 1889 empfängt ihn in Kristiania die jubelnde Menge. Tausende wollen Norwegens neuen Helden sehen. Dabei ist Fridtjof Nansen nicht nur der Held und soziale Mensch, als den ihn die meisten seiner Zeitgenossen und seine Nachwelt später gern stilisieren. In seinem Buch „Auf Schneeschuhen durch Grönland“, 2016 in der Edition Erdmann wieder aufgelegt, notiert er, was einer seiner Begleiter ihm vorwirft:
ATMO Windgeheul unterlegen
ZITATOR 1
Hungern müssten sie und würden obendrein wie die Hunde behandelt, es werde mit ihnen herumkommandiert, sie müssten den ganzen Tag vom frühen Morgen bis zum späten Abend arbeiten, schlimmer als Tiere - nein, das wäre nicht zum Aushalten.
SPRECHER/IN
Seine Mannschaft betrachtet ihn als selbstsüchtig, arrogant und launisch. Für Geir Klover nicht ohne Grund:
05_ZUSPIEL Geir Klover
The welfare on the motivation of men was not really Nansens priority. Its priority was more of the science and survival. Nansen didn’t care very much with his men. Every time he was always right. Whatever debate, whatever dialogue – he was always right. And basically I think he felt superior to them. So he did not accept anyone else's input than his himself.
05_ Voice-Over
Wie es mit der Motivation aussah, hatte für Nansens eigentlich keine Priorität. Vorrang hatten für ihn die Wissenschaft und das Überleben. Nansen interessierte sich kaum für seine Männer. Er hatte immer Recht. Egal welche Debatte, welches Gespräch – er hatte Recht. Grundsätzlich fühlte Nansen sich ihnen überlegen. Er akzeptierte keine andere Meinung als die eigene.
SPRECHER/IN
Eine Portion Eitelkeit gehörte zu Nansens Persönlichkeit, notiert auch seine Tochter Liv in ihren Erinnerungen. Angesichts der späteren Erfolge und des Jubels, der Nansen zurück in Norwegen überall entgegenschallte, muss es für ihn auch schwer gewesen sein, nicht an den eigenen Mythos zu glauben. Denn aus Sicht von Geir Klover war Nansen geradeheraus, ein Typ, der sich nur schwer verstellen konnte:
06_ZUSPIEL Geir Klover
Those people have difficulty relating to the feet, to spend a year and a half away, surviving a winter, eating polar bears and shooting Walrus. And then coming back to safety, it was quite unheard of at that time. He was very elegant.
He was good looking. Very good speaker. So he was kind of a poster boy in all different levels, both among the public and then among royalty and scientists and everything.
06_ Voice-Over
Solche Menschen tun sich schwer, auf dem Boden zu bleiben: anderthalb Jahre weg zu sein, einen Winter zu überleben, indem man Eisbären isst und Walrosse jagt. Und wieder sicher zurückzukehren – das war etwas nicht Dagewesenes. Nansen war elegant, sah gut aus, konnte gut reden. Das machte ihn zu einer Art Aushängeschild in der Öffentlichkeit, aber auch am Hof, unter Wissenschaftlern und überhaupt.
SPRECHER/IN
Hochgewachsen, blond, gutaussehend, ein exzellenter Skifahrer und Redner. Mit seinen blauen Augen scheint Nansen immerzu in die unbekannte Ferne zu blicken – und dort zieht es ihn schon bald wieder hin. Knapp drei Monate nach seiner Rückkehr von Grönland heiratet der 27-Jährige die vier Jahre ältere Sängerin Eva Sars. Er nennt sie liebevoll »die beste weibliche Skifahrerin Norwegens«. Ausgerechnet Nansen, der sich lange als entschiedener Gegner der Ehe gezeigt hatte. Er liebt seine Frau, er baut ein Haus, hat fünf Kinder mit ihr – aber eigentlich ist er unfähig zu einem Zusammenleben. Der Polarforscher erweist sich als tyrannischer, launischer Ehemann und Vater – der erstmal nicht für die Familie, sondern seine Arbeit lebt.
AKZENT
SPRECHER/IN
In Nansen reift bereits der Plan zu einer nächsten Expedition. Der Forscher ist sicher, den bis dahin unentdeckten Nordpol erreichen zu können – mithilfe der Eisdecke, die seiner Ansicht nach mit der Strömung nach Norden driftet.
Dazu lässt Nansen eigens ein Schiff konstruieren, das dem Druck der Eismassen standhalten soll: die „Fram“. Mit ihr lässt Nansen sich und seine Mannschaft im Herbst 1893 im arktischen Packeis einfrieren.
ATMO leichtes Windgeheul unterlegen
ZITATOR 1
Montag, 9. Oktober. Nachmittags – wir saßen gerade müßig und plauderten – entstand ganz plötzlich ein betäubendes Getöse und das ganze Schiff erzitterte: Es war die erste Eispressung. Alle Mann stürzten an Deck, um zuzusehen. Die »Fram« verhielt sich wundervoll, wie ich es von ihr erwartet hatte. Mit stetigem Druck schob sich das Eis heran, musste jedoch unter uns durchgehen und wir wurden langsam in die Höhe gehoben.
Diese Pressungen wiederholten sich den ganzen Nachmittag und waren manchmal so stark, dass die »Fram« mehrere Fuß gehoben wurde; aber dann konnte das Eis sie nicht länger tragen und brach unter ihr entzwei. Es scheint hier ziemlich viel Bewegung im Eise zu sein.
SPRECHER/IN
schreibt Nansen darüber in seinem Buch „In Nacht und Eis“. Das Schiff driftet und wird von den Eismassen nicht zerquetscht. Trotzdem verläuft die Mission anders als geplant. Nach zwei Wintern im Eis zeichnet sich ab, die Fram würde den Pol verpassen. Nansen fasst einen waghalsigen Entschluss:
ATMO leichtes Windgeheul unterlegen
ZITATOR 1
Noch immer muss ich warten und die Drift beobachten; aber wenn sie die verkehrte Richtung einschlagen sollte, dann werde ich alle Brücken hinter mir abbrechen und alles auf einem Marsch nach Norden über das Eis wagen.
Ich weiß nichts Besseres zu tun. Es wird gefährlich sein, eine Frage um Leben oder Tod; aber habe ich eine andere Wahl?
SPRECHER/IN
Mit Hjalmar Johansen, einem seiner Begleiter, verlässt Nansen im März 1895 die Fram. Auf Skiern und Hundeschlitten machen sie sich auf den Weg, den Pol zu erreichen. Zum Schiff werden die beiden nie zurückfinden. Doch auch sein Ziel, den Nordpol, muss Nansen knapp über dem 86. Breitengrad aufgeben. Zu beschwerlich ist der Weg:
ATMO Windgeheul unterlegen
ZITATOR 1
Wir wissen weder, wo wir sind, noch wissen wir, wie das enden soll. Inzwischen schwinden unsere Vorräte und mit ihnen unsere Hunde. Werden wir Land erreichen, solange wir noch zu essen haben – ja, werden wir es überhaupt erreichen? Bald wird es unmöglich, gegen dieses Eis und den Schnee noch weiter anzukämpfen.
SPRECHER/IN
Dennoch schafft der Norweger wieder das damals nahezu Unmögliche: Nansen und seine gesamte 12-köpfige Mannschaft kehren nach drei Jahren unversehrt zurück. ((Zu Hause angekommen vermeldet Nansen:
ZITATOR 1
Staatsminister Hagerup. Ich habe das Vergnügen, Ihnen und der norwegischen Regierung mitzuteilen, dass die Expedition ihren Plan ausgeführt, das unbekannte Polarmeer im Norden der Neusibirischen Inseln durchquert und das Gebiet nördlich von Franz-Joseph-Land bis 86°14’ n.Br. erforscht hat. Nördlich von 82° wurde kein Land gesehen. ))
SPRECHER/IN
Nansen und Johansen hatten sich zu Fuß und in Kajaks bis in den Süden von Franz-Joseph-Land durchgeschlagen. Mit einem Versorgungsschiff gelangten sie schließlich zurück Richtung Norwegen. Die Fram hatte derweil die Eisdrift fortgesetzt und nordwestlich von Spitzbergen wieder offenes Wasser erreicht. Im August 1896 kommt es im norwegischen Tromsø zum großen Wiedersehen. Auch wenn Nansen den Nordpol nicht erreicht, so beweist er seine Theorie zur Meeresströmung und kommt dem Pol so nahe wie niemand zuvor. Nansen ist zu diesem Zeitpunkt erst 35. Seine Erfolge machen ihn zu einem der angesehensten Männer des Landes. Gleichzeitig drängen sie den Forscher immer mehr in politische Ämter – auch weil er offensiv für die Unabhängigkeit Norwegens eintritt, sagt Carl Vogt:
08_ZUSPIEL C.E. Vogt
Norway was in a union with Sweden. It was a loose and liberal union. We had only the king, the foreign policy in common but it became more and more clear during the century that Norway wanted its full independence. So these nationalist sentiments were stronger and stronger and Nansen became one of the most important national heroes in Norway. So I guess that was why Norwegian governments started to use him as some kind of an informal foreign minister so to speak.
08_ Voice-Over
Norwegen existierte in einer Union mit Schweden. Zwar einer lockeren, liberalen Union – wir hatten nur den König, die Außenpolitik gemeinsam. Aber im Laufe des Jahrhunderts wurde immer deutlicher, dass Norwegen seine volle Unabhängigkeit wünschte. Diese nationalistische Empfindung wurde immer stärker, gleichzeitig wurde Nansen einer der wichtigsten Helden des Landes. Wohl deshalb hat die norwegische Regierung ihn sozusagen als informellen Außenminister eingesetzt.
SPRECHER/IN
Als solcher handelt Nansen ab 1906 in London die Souveränität seines Landes mit aus. Doch die große Wende in seinem Leben stand Fridtjof Nansen noch bevor: Im Jahr 1907 stirbt seine Frau Eva infolge einer schweren Lungenentzündung. Sechs Jahre später stirbt nach langer Krankheit auch sein jüngster Sohn Asmund. Für Carl Vogt ein Auslöser für Nansens nun folgenden radikalen Karrierewechsel:
09_ZUSPIEL C.E. Vogt
He had lost a son in 1913 so this was some kind of a personal crisis for him. Then came the war and he really had become too old to do this Arctic or polar explorations anymore.
09_ Voice-Over
Er hatte 1913 einen Sohn verloren. Das war für Nansen eine Art persönliche Krise. Dann kam der Krieg und er war einfach zu alt geworden für Polarexpeditionen.
SPRECHER/IN
Die Schrecken des Ersten Weltkriegs und eine drohende Hungersnot in Schweden veranlassen Nansen, sich für einen Platz Norwegens im neu geschaffenen Völkerbund einzusetzen. Dieser beauftragt Nansen im Frühjahr 1920, sich um den Austausch hunderttausender Kriegsgefangener zu kümmern. Auch wenn die Ausgangslage dafür denkbar schlecht war: Aus Sicht von Carl Vogt war Nansen der richtige Mann dafür:
10_ZUSPIEL C.E. Vogt
One has to take into consideration the catastrophe the Great War was for all Europe. It has made a great impact on everybody not at least Nansen. He had another second chance so to speak as a diplomat already during the war. In negotiations in the United States for food provisions to Norway. So when he became high commissioner it was in a situation of total political chaos after the war.
10_ Voice-Over
Man muss bedenken, was für eine Katastrophe der Krieg für ganz Europa war. Das hat jeden stark geprägt, nicht zuletzt Nansen. Schon während des Krieges hatte er sozusagen eine zweite Chance als Diplomat: In den USA verhandelte er die Nahrungsmittelversorgung für Norwegen. Und letztlich herrschte, als er Hochkommissar wurde, totales politisches Chaos nach dem Krieg.
SPRECHER/IN
In einer Rede vor dem Völkerbund sagt Nansen dazu:
ZITATOR 1
Niemals zuvor in meinem Leben bin ich auf so gewaltiges Leid gestoßen, wie dem, zu dessen Linderung ich aufgefordert wurde.
SPRECHER/IN
Bis 1922 können etwa eine halbe Million Kriegsgefangene aus rund 30 Nationen dank Nansen nach Hause zurückkehren. Auch aufgrund eines speziellen, von Nansen erdachten Dokuments, dem später so genannten „Nansen-Pass“. Denn was vielen Flüchtlingen fehlt, ist eine Staatszugehörigkeit . Und das bringt massive Probleme mit sich:
11_ZUSPIEL C.E. Vogt
You do not have citizens’ rights. That's the most basic. But you also have a lot of problems in your daily life. Without paper it is very hard to get a place to live. It is impossible to marry, to baptize your children for instance. And often impossible to have a work and pay taxes. You have a lot of bureaucratic problems in your life. So this is the reason why it became necessary to help these people have a legal status.
11_ Voice-Over
Sie haben keinerlei Bürgerrechte. Das ist das Grundlegendste. Aber sie haben auch viele Probleme im Alltag. Ohne Papiere ist es sehr schwer, eine Wohnung zu finden. Sie können nicht heiraten oder ihre Kinder taufen. Und oft ist es unmöglich, normal zu arbeiten und Steuern zu zahlen. Sie haben viele bürokratische Probleme. Deshalb war es notwendig, diesen Menschen zu einem legalen Status zu verhelfen.
SPRECHER/IN
sagt Historiker Carl Vogt. Fridtjof Nansen hat seine erste Aufgabe für den Völkerbund kaum angetreten, als man ihn bittet, zusätzlich eine Hilfsaktion für Russland zu leiten. Krieg, Revolution, Bürgerkrieg und zuletzt anhaltende Trockenheit haben das Land ausgedörrt. Knapp 30 Millionen Menschen droht der Hungertod. Doch politisch traut der Sowjetregierung niemand, wieder steht Nansen, als Hoher Kommissar für Flüchtlingsfragen, am Rednerpult des Völkerbunds:
ZITATOR 1
Die Nahrungsmittel liegen in Amerika, aber niemand findet sich, sie zu holen. Kann denn Europa ruhig dasitzen und nichts dafür tun, diese Nahrungsmittel herüberzubringen und die Völker auf der anderen Seite zu retten?
SPRECHER/IN
Aber der Völkerbund verweigert seine Hilfe, politische Interessen überwiegen. Für Nansen eine schwere Niederlage. Trotzdem kann er private Spender und einen Kredit Norwegens organisieren, um den Hungernden zu helfen. Nicht zuletzt für diesen Einsatz erhält Nansen 1922 den Friedensnobelpreis.
AKZENT
SPRECHER/IN
Seinem Einsatz für Flüchtlinge bleibt Nansen weiter treu: Nach Ende des griechisch-türkischen Kriegs 1922 setzt er sich für griechische Flüchtlinge ein. Ab 1925 bemüht er sich darum, die in der Türkei verfolgten Armenier in der Sowjetunion anzusiedeln. Zu den ihm nachfolgenden Polarforschern – Robert Falcon Scott, Roald Amundsen, Ernest Shackleton – hat Nansen bis zuletzt ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits ist er ihr Mentor, sie alle suchen seinen Rat. Andererseits bleibt Nansen immer ihr Rivale. Er hatte selbst Überlegungen für eine Südpolexpedition angestellt.
Und doch überlässt Nansen seinem Landsmann Amundsen für eine Polarexpedition „seine“ Fram. Als Amundsen bei einer Rettungsmission 1928 in der Arktis umkommt, ist Nansen tief betroffen.
Die folgenden Zeilen einer Rede in Erinnerung an Amundsen sind Teil der wohl einzigen Originaltonaufnahme, die sich von Fridtjof Nansen erhalten hat. Sie könnten auch auf Nansen passen:
12_ZUSPIEL Nansen
Aus der großen, weiten Stille wird aber sein Name im Glanz des Nordlichts durch die Jahrhunderte für die Jugend Norwegens leuchten. Es sind Männer mit Mut, mit Willen, mit Kraft wie seiner, die uns mit Glauben an das Geschlecht und mit Zuversicht in die Zukunft erfüllen. Die Welt ist noch jung, die solche Söhne erzieht.
SPRECHER/IN
In seinen Gedanken an Roald Amundsen verneigt sich Nansen vor dessen Leistungen. Für Historiker Carl Vogt liegen die wahren Leistungen bei Fridtjof Nansen selbst:
13_ZUSPIEL C.E. Vogt
His most dangerous expedition was not the one to the North Pole. Of course he could have died there as well. But in 1921 he really went to the famine areas in Russia in the Volga valley and at least one or two of his travel companions died from typhoid fever they had caught on the train with Nansen. So he could easily have died from his engagement actually. So I mean it was really heroic.
13_ Voice-Over
Seine gefährlichste Expedition war nicht die zum Nordpol. Natürlich hätte er dort auch sterben können. Aber 1921 ging Nansen wirklich in die Hungerregionen in Russland im Wolgatal. Und mindestens ein oder zwei seiner Reisebegleiter starben an Typhus, den sie sich im Zug mit Nansen geholt hatten.
Er hätte also leicht durch sein Engagement sterben können. Das war wirklich heldenhaft. (Bitte den letzten Satz so betonen, dass es heißt „Das war wirklich heldenhaft“ (-und eben nicht seine gefährlichen Expeditionen…. ); danke! NR)
SPRECHER/IN
Am 13. Mai 1930 weilt Nansen auf dem Balkon seines Hauses in Lysaker. Im Liegestuhl genießt er den Frühling und den Besuch seiner Familie; mit einem Stapel Arbeit vor sich erholt Nansen sich gerade von einer langwierigen Venenentzündung. Seine Schwiegertochter Kari will ihm einen Tee bringen, als Nansen einem plötzlichen Herzinfarkt erliegt. Als Fridtjof Nansen mit 68 Jahren stirbt, hat er sie allesamt überlebt: Scott, Amundsen, Shackleton... Als Einziger endet er nicht auf einer Expedition. Und doch bleibt der Polarpionier, Diplomat und Friedensnobelpreisträger bis zuletzt unerfüllt und mürrisch, denkt, er habe sich nie im Leben zurechtgefunden.

Mar 18, 2024 • 22min
Pompeji - Konservierung, Tourismus und Raubgräber
Die antike Stadt Pompeji gilt als eines der größten archäologischen Projekte der Welt. Im Jahr 79 nach Christus wurde sie durch den Ausbruch des Vesuvs verschüttet, seit 1748 wird sie ausgegraben. Die bereits von der Asche befreiten Gebäude müssen allerdings nicht nur erforscht, sondern auch ständig konserviert und bewacht werden ? das geht nur mit Nachhaltigkeit. Autor: Michael Stang
Credits Autor dieser Folge: Michael Stang Regie: Martin Trauner Es sprachen: Frank Manhold, Maren Ulrich Technik: Susanne Herzig Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview:Silvia Bertesago, Archäologin, Archaeology Officer;Mattia Buondonno, Guide;Paolo Mighetto, Leiter Ausgrabungen & Konservierungen Insula Occidentalis;Valeria Moretti, Anthropologin, DNA- & stabile Isotopen-Projekte;Alessandro Russo, Archäologe, Ausgrabung Insula Occidentalis;Gabriel Zuchtriegel, Direktor, Archäologiepark Pompeji, Italien
Linktipps:
Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Mar 18, 2024 • 22min
Enrico Caruso - Erster Superstar der Schallplatte
Für Opernfans ist Caruso eine Jahrhundertstimme, eine Allzeitgröße des Belcanto. Seine Bedeutung geht jedoch weit über die klassische Musik hinaus. Denn der "Mythos Caruso" entsteht in Wechselwirkung mit dem Siegeszug der Schellackscheibe. Damit ist der italienische Tenor der erste Superstar der Medienwelt. Von Markus Vanhoefer (BR 2023)CreditsAutor dieser Folge: Markus VanhoeferRegie: Frank HalbachEs sprachen: Stefan Wilkening, Hemma Michel und Stefan MerkiTechnik: Susanne HarasimRedaktion: Susanne Poelchau
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren:
Maria Callas - Operndiva mit KultstatusJETZT ANHÖREN
Claudio Monteverdi - Der Erfinder der OperJETZT ANHÖREN
Literaturtipps:Pietro Gargano/ Gianni Cesarini: “Caruso. Eine Biographie”. München 1995;Joseph Horowitz: “Understanding Toscanini. A Social History of American Concert Life“. Los Angeles 1994;Dorothy Caruso: “Enrico Caruso. His Life and Death”. New York 1945
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

Mar 18, 2024 • 24min
Anna Pawlowa - Meistertänzerin des klassischen Balletts
Sie war der beste sterbende Schwan aller Zeiten- Anna Pawlowa. Die legendäre Ballerina ging als erste Tänzerin auf Welttournee, sie begeisterte mit ihren Auftritten in den USA, Mexiko ,Indien, und Neu Seeland. Von Julia Smilga (BR 2020)Credits
Autorin dieser Folge: Julia SmilgaRegie: Eva DemmelhuberEs sprachen: Irina Wanka, Jerzy May, Michael Atzinger, Mona Vojacek KoperTechnik: Roland BöhmRedaktion: Andrea Bräu
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte
Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT
Interviewpartner dieser Folge:Nikolay Tsiskaridze, Ballettänzer
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

Mar 17, 2024 • 24min
München um 1900 - Arm und reich
München 1900: Die Stadt boomt. Bierbarone, Beamte und Lebeleute bestimmen das Bild. Doch die meisten sind frisch zugezogen, viele müssen hart arbeiten, um zu essen und zu wohnen. Nur das Bier verbindet sie. (BR 2020)
Autor: Michael KubitzaCreditsAutor dieser Folge: Michael KubitzaRegie: Christiane KlenzEs sprachen: Caroline Ebner, Stefan Wilkening, Jerzy May, Florian Schwarz, Katja Schild, Julia CortisTechnik: Susanne HerzigRedaktion: Thomas Morawetz
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER
Linktipps:
Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

Mar 15, 2024 • 23min
Schwalben - Flugakrobaten und Baumeister
Schwalben gelten als Glücksbringer und Frühlingsboten. Sie gehören zu menschlichen Siedlungen seit Jahrtausenden. Die kleinen Vögel vollbringen erstaunliche Leistungen beim Fliegen und Nestbau. Von Christiane Seiler (BR 2019)Credits:Autorin dieser Folge: Christiane SeilerRegie: Susi WeichselbaumerEs sprachen: Ruth Geiersberger, Andreas Neumann, Johannes HitzelbergerTechnik: Monika GsaengerRedaktion: Bernhard Kastner
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.Wussten Sie, dass der Lebensraum der Schwalben bei uns immer begrenzter wird? BR Wissen hat spannende Artikel zum Thema:Artenvielfalt | Ohne Misthaufen keine Fliegen, ohne Fliegen keine SchwalbenZUM ARTIKELBedrohte Schwalben | Rauchschwalben und Mehlschwalben werden immer seltenere GästeZUM ARTIKEL

Mar 15, 2024 • 29min
Wie Tiere sich verwandeln - Alles Natur
Von der Kaulquappe zum Frosch, von der Raupe zum Schmetterling ? zahlreiche Tiere, vor allem Amphibien und Insekten durchlaufen auf ihrem Weg zum erwachsenen Tier oft erstaunliche Verwandlungen. Von Iska Schreglmann
Credits Autorin dieser Folge: Iska SchreglmannEs sprachen: Iska Schreglmann im Gespräch mit Dr. Thassilo FrankeRedaktion: Bernhard Kastner
Im Interview: Dr. Thassilo Franke, Biologe von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren:Hauskatze mit Nebenwirkungen - Alles NaturTarnen und Täuschen - Alles NaturNeophyten, die eingeschleppten Pflanzen - Alles NaturTiere im Winter – Alles NaturFlechten, Meister der Extreme - Alles Natur!Queere Tiere? Alles Natur!
Linktipps:Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung:
BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
O-Ton-Collage / Dr. Thassilo Franke:
Bei der Plattfischlarve wandert ein Auge über den Scheitel auf die andere Seite des Kopfes….
Die Brunftschwielen verhindern, dass das Krötenmännchen bei der Paarung vom Weibchen abrutscht…
Der Sackkrebs wächst wie ein Pilzgeflecht im Inneren seines Opfers!
Sprecherin
Alles Natur!
Wie Tiere sich verwandeln
MUSIK-Akzent
Iska Schreglmann
Ich stehe gerade mit dem Biologen Thassilo Franke an einem, ja kleinen Teich, würde ich sagen, sieht aus wie so eine riesengroße Pfütze, und zwar in einem ziemlich naturbelassenen Gebiet im Norden von München, genauer gesagt in der Nähe des Rangierbahnhofs, falls das jemand kennt. Warum sind wir hier? Weil hier, mitten in der Stadt und doch ziemlich versteckt, leben viele seltene Arten und jede Menge Tiere, die sich auf wundersame Weise verwandeln. Ich habe mich zu diesem Zweck heute auch etwas verwandelt, nämlich meine Gummistiefel angezogen, da es ziemlich nass ist, wie es ja auch sein soll, wenn es um Frösche und Kröten geht.
Dr. Thassilo Franke
Ja, genau. Ich habe auch meine Gummistiefel an – wie man hier an diesem Geschmatze wahrscheinlich auch bei Ihnen zu Hause gut vernehmen kann - und wir befinden uns in einem ganz wichtigen Amphibien- Schutzgebiet mitten in der Stadt. Und hier kommen viele verschiedene Amphibienarten vor, unter anderem auch eine der seltensten Arten, nämlich die Wechselkröte.
Die Wechselkröte ist vom Aussterben bedroht und hat hier ihr bayernweit größtes Vorkommen.
Iska Schreglmann
Das ist ja erstaunlich, das bayernweit größte Vorkommen hier. Von der Wechselkröte habe ich Bilder gesehen. Sie ist wunderschön marmoriert. Vielleicht können Sie sie noch mal beschreiben?
Dr. Thassilo Franke
Naja also, wenn man an eine Kröte denkt, da haben die meisten von uns, die klassische Erdkröte im Sinn. Also ein braunes, warziges Tier mit schönen, bernsteinfarbenen Augen. Die Wechselkröte sieht ihr, was die Form betrifft, eigentlich sehr ähnlich. Aber sie hat eine ganz andere Zeichnung. Sie hat eine graue Grundfarbe mit schönen dunkelgrünen Flecken, schaut fast ein bisschen so tarnfarben aus, wie man es so von der Militärkleidung kennt.
Iska Schreglmann
Militärkleidung mal auf die schöne Art und Weise, um es gleich zu sagen. Aber würde man die Erdkröte jetzt hier schon finden können?
Dr. Thassilo Franke
Für die Wechselkröte ist es hier noch zu früh. Also die fängt eigentlich erst zu Ende April, Anfang Mai an. Was ist aber hier schon gibt, das sind Grasfrösche und Erdkröten. Und auch wenn man es tagsüber meistens nicht finden kann, weil die ihr Laichgeschäft meistens erst im Schutz der Dunkelheit eigentlich vollziehen, kann man ihre Hinterlassenschaften in Form von ihren Gelegen finden. Und da gibt es große Unterschiede. Und zwar der Grasfrosch, der legt seine Eier in Form von Laichballen ab. Und die Erdkröte, die hat eine ganz andere Leitstruktur. Die bildet Laichschnüre mit bis zu ungefähr drei bis 8000 Eiern, die sie praktisch um die Wasserpflanzen drumherum spinnt.
Iska Schreglmann
Und das heißt aber, wenn wir jetzt hier so weiter durchwaten - es ist allerdings ziemlich tief, und ich bleibe hier auch fast stecken mit meinen Gummistiefeln - dann könnten wir hier diese Laichschnüre schon finden, jetzt, Mitte März?
Dr. Thassilo Franke
Also, was die Laichschnüre von den Erdkröten betrifft, sind wir doch noch ein bisschen zu früh dran. Also, die sind jetzt schon auf dem Weg. Die sind jetzt schon dabei, aufzuwachen und sich auf den Weg Richtung Laichgewässer zu begeben. Was wir mit etwas Glück heute schon finden können, sind die bereits erwähnten Laichballen von den Grasfröschen.
Iska Schreglmann
Die Grasfrösche sind, so viel ich das weiß, ja die gängigsten Frösche also die sind nicht selten, oder? Sondern das sind die, die man ab und zu sieht…?
Dr. Thassilo Franke
Also, der Grasfrosch ist, wie fast alle Amphibienarten, ebenfalls rückläufig in seinem Bestand. Aber Sie haben schon recht. Also der Grasfrosch ist mit Abstand häufigste Froschlurch-Art.
Iska Schreglmann
Ja, und dann gehen wir doch mal auf die Suche, oder?
Dr. Thassilo Franke
Erstaunlich, wie tief das hier ist. Ja, also, es ist also hier alles voll mit Entengrütze, die so ein bisschen den Eindruck macht, als hätten wir es mit Laich zu tun. Vor allem, wenn da so kleinen Luftblasen sind… aber es schaut nicht so gut aus.
Iska Schreglmann
Na gut, sie können das sicher auch so beschreiben..?
Dr. Thassilo Franke
Ja, also ich bin mir sicher, wenn wir hier vielleicht in einer Woche noch mal herkommen, dann werden wir das ganze Sortiment eigentlich vorfinden. Aber Froschlaich - viele haben ihn ja auch schon mal gesehen. Das gilt im übrigen auch für den Krötenlaich. Da hat man immer die befruchtete Eizelle im Zentrum, die ist schwarz gefärbt, bei den meisten Arten auch ein Schutz gegen die Sonne, die Sonneneinstrahlung. Und das Ganze, die ganze Eizelle, die Zygote nennt man das ja dann, wenn sie befruchtet ist, ist umgeben von einer Gallert-Hülle, von einer sehr dicken, transparenten Gallert-Hülle. Und beim Grasfrosch ist es so, dass es dann einfach ungeordnete Klumpen sind, wo viele, viele hundert Eier einfach zusammengeballt sind.
Und wenn man sich aber dann dieses Ei einmal genauer anschaut, unter der Lupe zum Beispiel, da kann man sehen, dass sich die mit der Zeit verändern, diese schwarzen Kugeln in ihrem inneren.
Und da sind wir bei einem Prozess, den wir auch durchmachen.
Wir Menschen, das ist die sogenannte Ontogenese, die Individualentwicklung.
Iska Schreglmann
…den wir im Mutterlieb durchmachen…
Dr. Thassilo Franke
Genau, also ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess, Verwandlungsprozess. Verwandlung ist ja das Thema unserer heutigen Sendung, die eigentlich schon zum Zeitpunkt der Befruchtung losgeht. Und weil halt diese Froschlurch-Eier so eine schöne, durchsichtige Hülle haben, sind die auch das Lehrbuchbeispiel, die vielen Lehrer, die jetzt vielleicht die Sendung anhören, die werden es wahrscheinlich auch noch aus ihrem Bio-Unterricht wissen…
Iska Schreglmann
Und die Schüler und Schülerinnen kennen das auch, klar. Ich denke mal, das findet doch in fast jedem Biologieunterricht statt.
Dr. Thassilo Franke
Dieser ganze Zauber der Verwandlung nimmt da seinen Anfang eigentlich - also in diesem transparenten Ei.
Iska Schreglmann
Ich möchte trotzdem noch mal einen Schritt zurück springen zur Paarung, bevor es überhaupt zu dem, was Sie Laichgeschäft nennen, kommen kann - weil bestimmte Kröten sich ja auch für die Paarung schon verwandeln offenbar…
Dr. Thassilo Franke
Ja, vor allem, was die Männchen betrifft. Und das kann man auch sehr schön erkennen. Und man kann sogar die Geschlechter, wenn man mal eine Kröte sieht um diese Jahreszeit, auch sofort daran unterscheiden. Weil nämlich die Männchen, an den Fingern der Hände ab Daumen gerechnet, praktisch, ersten drei Fingern, wachsen denen sogenannte Brunftschwielen aus der Haut.
Solche Schwielen kennt man ja, wenn man hart gearbeitet hat. Da hat man dann so Hornhaut-Polster auf den Handflächen, die manchmal auch recht schmerzhaft sind. Und in die Richtung geht es auch das Ganze eigentlich, weil es sind Hornstrukturen. Und zwar sind die ganz rauh, wenn man die anfasst. Und die haben eine ganz besondere Funktion. Und zwar, Sie haben doch bestimmt schon mal gesehen, dass während der Laichzeit die Frösche so huckepack unterwegs sind. Unten das größere Weibchen, oben also praktisch als Reiter das kleinere Männchen. Und auf so einer glitschigen Kröte zu reiten, das ist also Rodeo in Reinstform, kann man sich ja vorstellen, wenn sie die Cowboys anschauen, Pferde sind ja nicht glitschig….
Iska Schreglmann
Aber als Cowboy hat man ja auch Sattel und Zaumzeug. Aber da hat man ja gar nichts als Krötenmännchen-
Dr. Thassilo Franke
Und damit der Kröterich nicht von seinem Reittier fällt, hat er eben diese Brunftschwielen, und da kann er sich dann sehr gut an ihr festhalten…
Iska Schreglmann
Hört sich irgendwie dann schmerzhaft an für das arme Weibchen.
Dr. Thassilo Franke
Ja, die Weibchen müssen sowieso wahnsinnig viel durchmachen, weil nämlich es gibt immer sehr viel mehr Männchen als Weibchen. Und da ist ein fürchterliches Gerangel. Das heißt, da klammern sich dann oft mehrere Männchen mit ihren rauhen Brunftschwielen an dem armen Weibchen fest, was dann sogar dazu führen kann, dass die Weibchen bei dem Gerangel ertrinken.
Iska Schreglmann
Ach, du Schreck! Aber jetzt reden wir erst mal über das Gegenteil von Tod, nämlich über die Geburt der neuen kleinen... Und da sind wir dann ja beim Laich, aus dem bekanntlich die Larven schlüpfen, die zu Kaulquappen werden, haben wir vorhin schon gesagt, haben wir in der Schule wahrscheinlich allemal gelernt. Und diese Kaulquappen, die sind ja ein ziemlich gewitztes Zwischenstadium.
Dr. Thassilo Franke
J, sie sind wirklich ein gewitztes Zwischenstadium, weil sie erinnern ja erst an an kleine winzige Fischchen. Also sie haben auch ganz am Anfang, also, wenn sie frisch geschlüpft sind, auch noch äußere Kiemen, die man sehen kann. Und einen langgestreckten Körper und einen Schwanz, an dem sich allmählich sogar ein richtig deutlich zu sehender, Flossensaum entwickelt. Und das ist eigentlich der Zeitpunkt, wo die Larve, die Kaulquappe aus dem Ei ausschlüpft, also sie löst praktisch diese Gallertschicht auf, arbeitet sich dann aus dem Ei heraus und haftet sich dann mit einer Haftscheibe, dann die sie am Bauch hat, auf diesem leeren Ei an und auch in der Umgebung dann an den Wasserpflanzen und tut erst mal gar nichts. Sie kann auch gar nichts tun, weil sie noch überhaupt kein Maul hat, mit dem sie fressen könnte. Das bricht erst allmählich durch, und zwar synchron mit dem Durchbruch des Mauls bildet sich eine Hautfalte, die Kiemen einschließt. Das heißt, die Kiemen sind dann nach wenigen Tagen dann nicht mehr sichtbar, sondern die sind in eine Höhle eingeschlossen, die dann nur noch eine Atemöffnung offen lässt. Und da kommen wir eigentlich auch zu einem Punkt, der die Kaulquappen und die aus ihnen hervorgehenden Frösche so wahnsinnig erfolgreich macht. Also eigentlich ist die Kaulquappe ein ungeheures evolutives Erfolgsrezept. Sie müssen bedenken, von denen siebeneinhalbtausend Amphibienarten, die man ungefähr kennt, bis heute... Die Zahl wächst rasant an. Es werden immer wieder neue Arten beschrieben, auch bei uns in der Zoologischen Staatssammlung vom Frank Glaw, der sich mit Fröschen von Madagaskar beschäftigt - und von den siebeneinhalbtausend Amphibien sind über 7000 Frösche. Also Frösche gegenüber von Salamandern und u Blindwühlen sind die erfolgreichste Amphibiengruppe. Und das liegt an der Kaulquappe, weil die Kaulquappe hat nämlich in diesem dieser Arten -Kammer, die ich gerade beschrieben habe, da hat sie einen Filter Apparat ausgebildet und dieser Filter Apparat, dem kommt eine ganz wichtige Bedeutung zu. Weil nämlich die Kaulquappen haben ein ganz kleines Maul mit einem Hornschnabel, Horn-Zähnchen, mit denen sie die Oberfläche abraspeln können und alles, was sie dann praktisch einsaugen - sie haben auch so ein Saugmaul - wird an diesem Filter-Apparat gefiltert und die Nährstoffpartikel dann über eine Art schleimiges Fließband dann in den Schlund befördert. Und das macht Kaulquappen so wahnsinnig erfolgreich.
Iska Schreglmann
Spannend, aber die Kaulquappe bleibt ja nicht so, wie sie ist.
Dr. Thassilo Franke
Sie bleibt nicht so, wie sie ist. Sie bringen es auf den Punkt - wir wollen ja heute über Verwandlungen reden, die Kaulquappe, die verändert sich, und der erste Schritt ist eigentlich nur eine Größenzunahme. Das ist das Wachstum, die Wachstumsphase. Und die eigentliche Metamorphose beginnt eigentlich erst, wenn die Beine durchbrechen. Ja, man sieht auch am Anfang erst nur die Hinterbeine, und wenn, dann diese Vorderbeine aus dieser Peribrancialraum, nennt man das, hervorbrechen, dann verstopfen die das Atemloch, und es würde dazu führen, dass die Kaulquappe erstickt, weil sie nicht mehr atmen kann. Und das ist ein ganz kritischer Zeitpunkt. Das ist praktisch der Höhepunkt der Metamorphose. Da muss der kleine Frosch dieses Zwischenstadium zwischen Frosch und Kaulquappe zum atmen auch an die Oberfläche, weil nämlich die Lungen dann sich schon ausbilden und sie dann von Kiemen zu Lungenatmung übergehen. Und dann setzen gewaltige Veränderungen ein. Also, die Augen bekommen plötzlich Augenlider, die sie vorher nicht hatten, und der Verdauungstrakt der verkürzt sich. Das ist ja ein ganz langer Spiralarm bei der Kaulquappe. Der verkürzt sich um drei Viertel seiner Länge zu einem sehr stark differenzierten Magen-Darm-Trakt, der auch Säure bildet. Vorher hat er keine Säure gebildet, und das Maul, was eben nur so ein kleines Raspel -Mäulchen war, wird eben so eine Maulspalte, damit da auch eine Fliege oder eine Libelle mal reinpasst, wenn der Frosch größer geworden ist. Und das Tier verliert ungefähr 70 Prozent seiner Masse, die allerdings fast nur aus Wasser besteht und so peu a peu absorbiert dann der Frosch auch seinen Schwanz. Der Kaulquappen Schwanz wird nicht abgeworfen, wie das häufig geäußert wird, sondern der wird aufgelöst, eigentlich. Man nennt das resorbieren und das hat eine ganz besondere Bewandtnis. Weil nämlich während dieser Metamorphose kann ja der Frosch nichts fressen, weil ja praktisch der Magen-Darm-Trakt gerade umgebaut wird. Da kann er nicht gleichzeitig ihn mit Nahrung füllen. Das würde er nicht funktionieren. Und in dieser Fastenperiode ernährt er sich eigentlich von der Energie, die in seinem Schwanz gespeichert ist.
Iska Schreglmann
Faszinierend. Das ist wirklich ausgeklügelt. Aber ich kann mir vorstellen, dass es für diese Lebewesen auch irgendwie unglaublich anstrengend ist, sich derart umzuwandeln. Dabei wird ja auch jede Menge Energie verbraucht. Warum hat sich die Evolution denn das einfallen lassen? Ginge es nicht auch einfacher?
Dr. Thassilo Franke
Ja, es ist in der Tat anstrengend, und es ist auch so, dass viele diesen Metamorphose Prozess auch nicht überleben und irgendwann darin stecken bleiben, ertrinken oder was auch immer. Aber dieser Prozess ist einfach notwendig. Ich meine, im Endeffekt geht es ja darum, dass man ein komplett neuen Lebensraum erobert. Die Kaulquappe ist ähnlich wie die Fische ein Wassertier und der Frosch ist ein Landtier, und damit dieses Wassertier dann später auf dem Land zurechtkommt, muss es diese Verwandlung durchmachen. Das betrifft übrigens auch das Mikrobiom - also das, was wir auch haben - unseren Darm, also die Mikroorganismen, die uns bei der Verdauung helfen. Und da wurde festgestellt, dass Fische ein ganz anderes Mikrobiom haben, also ganz andere Bakterien und Mikroorganismen in ihrem Darm haben als Landtiere. Und da hat man dann sich überlegt, wie ist es denn bei den Fröschen, die als Kaulquappe Wassertiere sind und als Frösche Landtiere sind? Und tatsächlich hat sich gezeigt, dass das Mikrobiom der Kaulquappe jenem der Fische ähnelt und das Mikrobiom der Frösche ein typisches Landtier-Mikrobiom ist mit dem entsprechenden Sortiment von Mikroorganismen.
Iska Schreglmann
So, jetzt haben Sie ja gerade eben auch das Mikrobiom des Menschen erwähnt. Wie hängt es denn jetzt damit zusammen?
Dr Thassilo Franke
Also genau genommen sind wir Menschen ja eigentlich auch nichts anderes als Fische, die an Land gegangen sind. Also wenn wir unsere Evolutionsgeschichte rückwärts zurück verfolgen, dann kommen wir über Reptilien, die eben schon Eier hatten, die an Land komplett ihre Ontogenese durchlaufen, also gar kein Wasser mehr brauchen... wenn man dann weiter im Rückwärtsgang zurückfährt, dann kommen wir irgendwann zu Amphibien, die unsere Vorfahren waren. Und das heißt also, im Endeffekt wasserbewohnende Larven, die irgendwann an Land gehen und dann eine Metamorphose machen, um als Landlebewesen weiter zu machen. Die haben wir in unserer höchstpersönlichen Ahnenreihe. Man muss nur eben weit genug zurückgehen. Und wenn wir noch weiter zurückgehen, dann landen wir dann bei so bizarren Lebewesen wie den Lungenfischen. Und die Lungenfische sind, wenn man so will, die Vorfahren aller heute lebenden Landwirbeltiere.
Iska Schreglmann
Also auch unsere. Aber bleiben wir noch mal kurz bei den Fischen an sich, denn da gibt es ja auch ganz bizarre Beispiele von Verwandlungen.
Dr. Thassilo Franke
Ja, da gibt es sehr bizarre Beispiele. Und das verrückteste Beispiel, was mir dazu einfällt, ist die Verwandlung der Plattfische. Ich meine, Sie kennen ja auch Schollen, Schollenfilet, Heilbutt, Seezunge. Und wenn man die Tiere sieht, die schauen dann meistens recht lustig aus, die sind flach auf dem Boden, die schwimmen flach über den Meeresboden in so ondulierenden, wellenförmigen Bewegungen, sind bestens getarnt. Und wenn man ihren Kopf anschaut, dann fällt einem auf, dass da die zwei Augen obendrauf sitzen. Das schaut noch relativ normal aus, aber die Maulspalte, die ist schief. Also praktisch, die ist nicht so, wie man es erwarten würde, sondern die ist eben seitlich orientiert. Und wie es dazu kommt, das kann man sehr schön untersuchen oder beobachten. Wenn man nämlich die Entwicklungsgeschichte, die individuelle Entwicklungsgeschichte so eines Fisches mal genauer anschaut. Er schlüpft aus dem Ei, das Ei ist im Plankton und die erste kleine Scholl- Larve, die da ausschlüpft, schaut eigentlich aus wie jede andere Fischlarve. Also ein kleiner, länglicher Fisch, ein Auge auf der linken Kopfseite, eins auf der rechten Kopfseite. Und was dann geschieht, ist eine ganz seltsame Verwandlung, weil nämlich ein Auge plötzlich nicht da bleibt, wo es war, sondern es wandert praktisch über den Kopf, über den Scheitel auf die andere Kopfseite rüber. Und wenn das Auge dann praktisch auf der anderen Seite angekommen ist, dann ändert auch der Fisch sein Verhalten und auch den Ort, wo er sich aufhält. Dann geht er runter auf den Gewässer Grund und beginnt dann eigentlich sein normales Butt-, Schollen- oder Seezungenleben.
MUSIK
Iska Schreglmann
Sie hören radioWissen, Alles Natur. Heute geht es um Lebewesen, die sich auf wundersame Art und Weise komplett verwandeln. Wir haben gerade schon verschiedene Beispiele gehört von dem Biologen Dr. Thassilo Franke, wir haben über verschiedene Wassertiere gesprochen und auch über Landlebewesen und die verschiedensten Metamorphosen. Aber auch die Luft spielt ja da eine Rolle.
Dr Thassilo Franke
Ja, also, es gibt ja auch Tiere, nämlich innerhalb der Insekten, die den Lebensraum Luft erobern und die aber auch aus einer vollkommen flugunfähigen, sehr primitiv wirkenden Larve hervorgehen. Und eines dieser Beispiele begegnet uns auch hier in diesen Teichen. Hier in dieser Ausgleichsfläche. Das sind die Köcherfliegen. Und Köcherfliegen heißen sie, weil sie einen Köcher bauen, in dem ihr weicher Hinterleib verborgen ist und auch gut geschützt ist. Und diese Köcherfliegen -Larven, die leben auf einem Gewässergrund, häuten sich einige Male und bilden dann ein Puppenstadium, eine Puppe, die im Inneren des Köchers ihre Verwandlung durchmacht. Und der Köcher wird dann auf beiden Seiten auch abgeschlossen, ist ist also eine kleine Kammer mehr oder weniger, und die Puppe treibt dann an die Wasseroberfläche und platzt auf. Und dann entsteigt auch dieser Puppenhülle ein komplett anderes Lebewesen, was nämlich schöne Flügel hat und die Luft erobert und sich dann dort auch fortpflanzt und Eier ablegt, die Eier wieder ins Wasser legt oder ins Wasser tropfen lässt und dann der ganze Kreislauf wieder von vorne losgeht. Und die Köcherfliegen sind die Schwestergruppe der Schmetterlinge.
Iska Schreglmann
An die muss man immer denken, wenn Sie das erzählen.
Dr Thassilo Franke
Genau. Also die Köcherfliegen und die Schmetterlinge, die gehen auf einen gemeinsamen Vorfahren zurück. Die ähneln sich auch in vielen Aspekten. Und bei den Schmetterlingen kennt man das ja: Aus dem Ei schlüpft eine Raupe, die sich mehrmals häutet, die sich dann in eine Puppe verwandelt. In der Puppe. Wir werden dan praktisch alle Larven -Organe eingeschmolzen, Hystolyse nennt man das Ganze. Das wird richtig in einen Zellbrei verwandelt. Und nur ganz bestimmte Zell Cluste, die entwickeln sich dann weiter und bilden dann die Organe des neuen Insekts, wie zum Beispiel die Flügel oder den Saugrüssel. Weil nämlich das Insekt, was aus der Puppenhülle dann entsteigt, im Falle der Schmetterlinge sicher auch vollständig in der Nahrungsaufnahme unterscheidet, wohingegen die Raupe eben Blätter zerkaut mit Kauwerkzeugen, saugt der Schmetterling mit seinem strohhalmartigen Rüssel Blütennektar.
Iska Schreglmann
Und wo wir gerade über Schmetterlinge sprechen, möchte ich natürlich gerne auf unsere Alles Natur-Folge zum Thema Schmetterlinge hinweisen, die Sie in der ARD Audiothek finden oder überall dort, wo es Podcasts gibt. Aber es gibt ja noch viel mehr Insekten, die sich verwandeln.
Dr Thassilo Franke
Also die Gruppe, wo auch die Köcherfliegen und die Schmetterlinge reingehören, das sind die holometabolen Insekten und das ist die erfolgreichste Organismengruppe überhaupt auf unserem Planeten. Also mehr als die Hälfte aller mehrzellligen Tiere gehören da rein, und die machen alle diese Verwandlung durch. Das sind die Fliegen zum Beispiel oder die größte Gruppe überhaupt, das sind die Käfer, die machen auch so ein Puppenstadium durch. Und auch die Bienen, Wespen und Ameisen
Iska Schreglmann
Und zu Bienen und Westen gibt es im Übrigen auch alles Natur- Episoden. Und es gibt auch Verwandlungen, die auf Kosten anderer Tierarten stattfinden. Da gibt es ja ein besonders fieses Beispiel, sage ich mal.
Dr Thassilo Franke
Ja, es gibt ganz viele Parasiten-Arten, die auch ganz komische Metamorphose-Zyklen durchlaufen. Und das bizarrste Beispiel, was mir dazu einfällt, ist der Sackkrebs. Der Sackkrebs ist ein mit den Seepocken verwandtes Krebstier, was sein Leben wie die meisten anderen Krebse auch als kleine Nauplius Larve beginnt, die durchs Wasser rudert und keinerlei Nahrung aufnimmt und die sich dann irgendwann mal zu einer sogenannten Cypress Larve häutet. Und diese weibliche Cypress-Larve, die macht sich dann auf die Suche nach einer Strandkrabbe. Also, die schwimmt dort durch durchs Wasser. Die hat auch Schwimm-Beine, ganz bewusst und gezielt, spürt die eine Strandkrabbe auf und lässt sich auf der Strandkrabbe an einer ganz bestimmten Stelle des Panzers nieder. Und was dann passiert, ist ganz unglaublich. Also sie stößt praktisch ihre Schwimmbeine ab, sobald sie am Ziel angekommen ist, auch den ganzen Bewegungsapparat, der diese Beine bewegt. Der wird abgeworfen, sodass eigentlich nur noch der Panzer dieser Cypresslarve zu sehen ist. Und die ist aber mit einer Art Harpune in dieser Krebs -Schale also jetzt von der Strandkrabbe verankert und wirft dann zu guterletzt dann auch noch das Allerletzte, was sie noch ab zu werfen hat, nämlich ihren Panzer, ab. Und was dann übrig bleibt es eigentlich nur noch so ein Sack, und dieser Sack hängt dann außen an der Schale dran dieser Strandkrabbe. Und die Harpune bohrt sich weiter durch den Panzer durch, und während sich die Harpune dort durcharbeitet oder Bohrer, müsste man eigentlich sagen, löst sich der gesamte Inhalt dieses Sackes auf, ist eigentlich nur noch ein Zellbrei. Und wenn dann die Krabbenschale durchdrungen ist, dann wird dieser ganze Zellbrei einfach in die Krabbe reingespritzt, rein injiziert. Und die Zellen in diesem Sack, die lösen sich aus dem Verband. Das ist eigentlich ein Zellbrei, was dann da drin ist. Und wenn dann dieser Bohrer die Krebsschale durchbrochen hat, dann kontrahiert sich dieser ganze Sack und der Zellbrei wird in die Strandkrabbe hineingespritzt.
Iska Schreglmann
Oh Gott! Und dann? Was passiert mit der Strandkrabbe?
Dr Thassilo Franke
Wenn dann die Zellen im Inneren der Strandkrabbe angekommen sind, dann bildet sich wieder so ein Zellklumpen. Und von dem geht dann ein Fadengeflecht aus, was eher an das Fadengeflecht eines Pilzes erinnert, was die ganze Krabbe von innen durchwuchert und sich um den Darm herumspinnt, das heißt bis in die äußersten Gliedmaßenspitzen ist diese gesamte Strandkrabbe von diesem fremden Organismus regelrecht durchwuchert.
Iska Schreglmann
Das klingt ziemlich gemein, würde ich mal sagen.
Dr Thassilo Franke
Ja, das ist auch gemein. Und jetzt ist es ja so, dass dieses Faden- Geflecht, was den Sackkrebs eigentlich ausmacht im Inneren der Strandkrabbe, das ist ein Weibchen, und die muss sich ja auch wieder fortpflanzen. Und was dann passiert ist, sie hat wieder diesen gemeinen Trick, dass sie sich durch den Panzer ihres armen Wirts-Krebs durchbohren muss. Und sie bohrt sich genau an der Stelle durch, wo die weibliche Krabbe normalerweise ihr Gelege hat. Und was dann da hervortritt, ist ein Sack, was auch diesem Krebs seinen Namen gibt. Sackkrebs. Ein großer, richtig großer weißlich gelber Sack, in dessen Inneren dann wiederum die Eier dieses parasitischen Krebses sind...
Iska Schreglmann
Unglaublich trickreich.
Dr Thassilo Franke
Jetzt kann es sein, dass die die befallene Krabbe ein Männchen ist. Es ist aber diesem Sackkrebs vollkommen wurscht, der polt die einfach hormonell um. Und dann verhält sich dieses Krebs-Männchen wie ein Weibchen und behütet praktisch dann diesen Sack, den er für seine eigenen Eier hält. Er denkt ja, er wäre ein Weibchen und fächelt denen dann Wasser zu und schützt die die ganze Zeit. Und irgendwann tut sich dann in diesem Sack ein Loch auf, und durch dieses Loch schwimmt dann eine männliche Sackkrebs-Larve in diesen Sack hinein und befruchtet die darin befindlichen Eier und der Kreislauf ist geschlossen.
Iska Schreglmann
Unfassbar. Das könnte man sich eigentlich nicht ausdenken, was da in der Natur sich entwickelt hat.
Dr Thassilo Franke
Ich bin auch immer wieder überrascht. Wir müssen mal eine Sendung über Parasiten machen. Also da gibt es generell so tolle Geschichten zu erzählen...
Iska Schreglmann
Hört sich so an. Aber jetzt bleiben wir noch mal bei den Tieren, die sich verwandeln, beziehungsweise bei den Pflanzen. Denn es gibt ja auch unter den Pflanzen Verwandlungskünstler.
Dr Thassilo Franke
Bei den Pflanzen gibt es sogar ganz besondere Verwandlungskünstler. Ein schönes Beispiel, was mir dazu einfällt, das ist das neuseeländische Lanzenholz Lancewood, das ist eine Pflanze, die als Jungpflanze vollkommen anders aussieht als erwachsene Pflanze. Also ähnlich wie wir es bei den Tieren ujetzt auch besprochen haben. Und zwar, wenn die aus dem Samenkorn keimt, dann entsteht ein kleiner Schößling mit richtig dunkelbraun gefleckten Blättern, fast krötenhautartig gefleckten Blättern, die wunderbar getarnt ist. Man kann die also kaum ausmachen, die, verschmilzt regelrecht mit dem Waldboden. Und warum macht sie das? Natürlich, genau wie die Kröten auch, damit sie von ihren Feinden nicht gesehen wird. Und der Feind dieser Pflanze ist eine Tierart, die es heutzutage gar nicht mehr gibt. Das ist der neuseeländische Riesenvogel. Der Moa, war, bevor der Mensch die Insel erobert hat, eigentlich der größte Pflanzenfresser, und der hatte einen langen Hals. Bis zu drei Meter konnten die groß werden, und der hatte natürlich immer eine Vorliebe für weiches, schmackhaftes Laub. Und um sich dessen Blicken zu entziehen, hat eben dieser Schößling diese braunen Blätter. Jetzt geht es aber noch weiter. Das heißt, die Pflanze wächst und wächst, und ab einer gewissen Größe werden die Blätter immer härter, immer steifer, und sie haben am Rand dann richtig scharfe Dornen dran. Also so Rand-Stacheln an den Blättern und weisen nach unten, und es hat folgende Bewandtnis: Der Vogel hat ja einen langen Hals, und wenn er natürlich versucht, dann die Blätter zu fressen, dann rammt er sich permanent diese Stacheln und diese Dornen dort ins Gesicht und nimmt dann Abstand davon. Aber sobald dann dieser Schößling die drei Meter Halslänge überwachsen hat, dann ändert er komplett seine Gestalt, bildet ganz schönes, weiches saftiges Laub aus, grasgrün, überhaupt nicht mehr getarnt, weil dann ist ja die Schwelle überschritten, wo ihm der Moa was anhaben kann.
Iska Schreglmann
Wahnsinn, wie trickreich, was für eine schlaue Art, einem Feind zu entkommen. Und wenn ich so überlege, uns Menschen stehen da ja vergleichsweise wenig bis gar keine Tricks zur Verfügung. Verwandeln können wir uns nur im Roman bei Franz Kafka in einen Käfer.
Dr Thassilo Fanke
Genau so ist es, so ist es.
Iska Schreglmann
Vielen Dank an Sie, Herr Dr. Franke, für diese tollen Metamorphosen-Geschichten aus der Natur. Und ich würde vorschlagen, wir waten jetzt aus diesem etwas überschwemmten Naturparadies im Münchner Norden zurück auf trockenem Boden.
Dr Thassilo Franke
Ja, nächstes Wochenende wate ich genau hier wieder rein, weil ich natürlich wissen will, ob die Frösche bis dahin angefangen haben, ihren Laich hier abzulegen.
Iska Schreglmann
Na, dann viel Glück!
Dr Thassilo Franke
Danke, vielen Dank.


