Radiowissen

Bayerischer Rundfunk
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Apr 1, 2024 • 23min

Gärtnern als spirituelle Erfahrung - Vom Entstehen und Vergehen

Manche Menschen begeben sich zur Sinnsuche in den Garten. Dort, so sagen sie, begegnen sie den ganz großen Themen des Lebens: Anfang und Neubeginn, Durchsetzung und Unterwerfung, Entstehen und Vergehen, Konkurrenz und Miteinander und nicht zuletzt dem ewigen Kreislauf des Lebens. (BR 2022) Autorin: Karin Lamsfuß Autor/in dieser Folge: Karin Lamfuß Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Katja Bürkle, Peter Weiss Technik: Daniela Röder Redaktion: Bernhard KastnerDas Manuskript zur Folge gibt es HIER.Mensch ohne Natur? - Der Mensch, das ökologische WesenJETZT ANHÖRENDer Wald - Rückzugsort für Natur und SeeleJETZT ANHÖRENDie Deutschen und ihr Wald - Eine BeziehungsgeschichteJETZT ANHÖRENLiteraturtipps:Gerhard Dane: Im Garten kannst du Gott begegnen, Don Bosco Verlag 2011Blanka Stolz: Die Philosophie des Gärtnerns, Suhrkamp 2017
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Mar 28, 2024 • 23min

Pflanzenjäger auf Abenteuerreise - Wie man früher seltene Arten aufspürte

Pflanzenjäger - kein scherzhafter Begriff, sondern ein uralter Beruf! Ob im Auftrag eines Königs oder der Forschung, an Deck eines Schiffs oder mitten im Dschungel - lebensgefährlich war die Pflanzenjagd immer. Von Anja Mösing (BR 2019)Credits Autorin dieser Folge: Anja Mösing Regie: Irene Schuck Es sprachen: Beate Himmelstoß, Andreas Neumann Technik: Ursula Kirstein Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Niels Köster (Dr.; Biologe und Kustos für tropische und subtropische Pflanzen am Botanischen Garten, Berlin) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ATMO Dschungel ERZÄHLER  Es sind 24 Kanus. Die Männer darin haben Musketen. Den ganzen Tag schon beschießen sich die beiden verfeindeten Gruppen. Sie sind kriegerisch, die Papua auf Neuguinea. Und es heißt sogar, dass sie die Köpfe ihrer besiegten Feinde sammeln, als Trophäen! Trotzdem: Wilhelm Micholitz braucht ihre Unterstützung. Er sitzt zwischen ihnen, in einem der Kanus. Und er hofft, dass sie bald weiterfahren können. Nur haben die Männer in Kriegsbemalung momentan ganz anderes im Sinn.  Micholitz lässt sich von den paar Musketenschüssen nicht beeindrucken. Auch nicht von der tropischen Hitze und Feuchtigkeit. Micholitz hat einen neuen Auftrag. Nur der interessiert ihn: Für seinen Chef in London soll er wieder Orchideen finden. Dieses Mal die mit den zartlilafarbenen Blütenblättern: „Dendrobium phaleanopsis“. Von denen gibt es in ganz Europa Ende der 1880er Jahre nur drei Exemplare.  Diese Pflanzen sind eine Rarität! Und Micholitz Chef will damit bei den Orchideen-Verrückten Sammlern in Europa einen großen Coup landen. Er [gemeint ist der Chef] hat alte Aufzeichnungen entdeckt und ist sicher, dass sie irgendwo hier wachsen müssen, bei den Kopfjägern in Neuguinea.  MUSIK  ERZÄHLERIN Auftraggeber von Wilhelm Micholitz ist der Unternehmer Friedrich Sander. Aus dem Briefwechsel zwischen den beiden weiß man heute viel über den sogenannten „Orchideenkrieg“ im 19. Jahrhundert: ein Wettlauf europäischer Gärtnereien um exotische Pflanzen. – Der unrühmliche Höhepunkt einer jahrhundertelangen Entwicklung.  ERZÄHLER Sander war als junger Gärtner aus Bremen nach London gekommen und wurde dort mit seiner Orchideengärtnerei weltberühmt. Um die sensationshungrige, meist adelige Kundschaft zufrieden zu stellen, beschäftigte der ungekrönte „Orchideenkönig“ Jäger – Pflanzenjäger! O-TON 1      Köster  Der Begriff "plant hunter" bezog sich ursprünglich auf die Leute, die hauptberuflich durch bisher unbekannte Gegenden gezogen sind und neue Pflanzen nach Europa gebracht haben.  ERZÄHLERIN Niels Köster ist promovierter Biologe am Botanischen Garten von Berlin. Für den Verband Botanischer Gärten hat er eine große Wanderausstellung über Forscher, Sammler und Pflanzenjäger kuratiert. Pflanzenjäger? Das klingt seltsam! MUSIK aus O-TON 2      Köster Das waren normalerweise Auftragsjäger für größere Handelsgärtnereien. Also „Sanders“ oder „Veitch“ in Großbritannien. Die Briten als klassisches Gartenvolk hatten natürlich größere Gärtnereien, die ja extrem viele Pflanzen umgesetzt haben. Und einige von diesen Gärtnereien hatten bis zu 20 Leute gleichzeitig überall auf der Welt unterwegs, die für sie Pflanzen gesammelt haben.  ERZÄHLER Im Ausland Pflanzen tausendfach einsammeln? Das ging im 19. Jahrhundert. Einer Zeit, in der sich manche Männer in Frack und Zylinder so benahmen, als seien fremde Kontinente große Schatztruhen und Europäer hätten die Lizenz, alle nach Belieben zu plündern.  MUSIK ERZÄHLERIN Dabei klingt „Pflanzensammeln“ erst mal nach einer harmlosen Tätigkeit. Tatsächlich brauchte es dazu Draufgängertum und Leidensfähigkeit, meint Niels Köster:  O-TON 3      Köster Wenn sie sich überlegen, um allein schon, von Europa nach Amerika zu kommen: Wochenlange Seereisen zu extrem vielen Leuten an Bord. Wasserknappheit, es brechen Krankheiten aus wie Typhus. Es war nicht selten, dass gut die Hälfte der Leute, die an Bord gegangen sind, letztendlich unterwegs gestorben ist.  Also das war relativ normal. Dann natürlich auch vor Ort oftmals monatelange Bootsreisen, Flüsse entlang, zu Fuß ganz viel, tropische Krankheiten verschiedenster Art, letztendlich das Klima verträgt auch weiß Gott nicht jeder, die große Hitze teilweise. Also schon kein leichtes Leben.  MUSIK aus und neu ERZÄHLER Leicht sicher nicht, aber eines voller Freiheit und Abenteuer mit Aussicht auf märchenhaften Erfolg! Darum hatte die Jagd nach seltenen oder in Europa noch völlig unbekannten Pflanzen schon immer eine ungeheure Anziehungskraft.  ERZÄHLERIN Renate Hücking und Kej Hielscher beschreiben in ihrem packenden Buch „Pflanzenjäger“ Männer und Frauen, die alle Sicherheiten des europäischen Lebens hinter sich gelassen haben, auch ihre Familien und oft ihr Leben auf Spiel setzten, um diesem Beruf nach zu gehen.  ATMO ERZÄHLER Amalie Dietrichs war eine von ihnen. Sie stammte aus einfachen Verhältnissen im sächsischen Siebenlehen und arbeitete Mitte des 19. Jahrhunderts ganze zehn Jahre als Pflanzenjägerin in Australien. Sie durchwanderte die Küstengebiete, sammelte Holzproben australischer Bäume, presste Moose, Farne und Gräser, sogar Algen und Pilze und schickte alles exklusiv an den reichen hanseatischen Kaufmann Godeffroy. So konnte sie den Lebensunterhalt und die Schule ihrer Tochter in Deutschland finanziern. Ein neuer Vollzeitberuf im 19. Jahrhundert.  MUSIK  O-TON 4      Köster Letztendlich ist dieses Suchen nach Pflanzen aber sehr-sehr alt. Die ersten konkreten Belege kann man sich am Totentempel der Hatschepsut, einer Pharaonin in Ägypten, so um 1.500 vor Christi Geburt, anschauen. Da hat sie nämlich darstellen lassen, wie sie eine Expedition nach Punt, das war dieses sagenumwobene Land, irgendwo am Horn von Afrika, ausgesandt hat, um Weihrauch-Bäume und vor allem auch Myrrhe-Bäume nach Ägypten zu bringen. Die sie dann wirklich als ganze Bäume mit riesigen Wurzelballen hat herbringen lassen: über See, über Land.  Und die wurden dann am Eingang ihres Tempels eingepflanzt, in riesige Kübel.  ERZÄHLERIN Schon bei dieser ersten belegten Pflanzenjagd der Geschichte ging es keineswegs darum, mit den erbeuteten Pflanzen leere Vorratskammern zu füllen.  O-TON 5      Köster Da ging es natürlich auch schon drum: Schaut her was ich kann! Von tausenden von Kilometern entfernt Pflanzen hierherbringen lassen! Und die hier kultivieren lassen! Das war natürlich, ja, extrem spektakulär. Das ging damals schon los.  ERZÄHLER Etwas Exotisches zu besitzen war schon immer eine starke Triebfeder für menschliche Unternehmungen. Überall auf der Welt!  MUSIK ERZÄHLERIN Im Europa nördlich der Alpen wurde das Bedürfnis nach Exotik noch durch einen gewissen Mangel befeuert. Einen Mangel, den man heute leicht vergisst, bei all der bunten Fülle an fremdländischen Pflanzen und Bäumen, die hier inzwischen heimisch gemacht wurden; all den Geranien, Pfingstrosen, Lupinen, Clematis, Blauregen, Goldregen, Akazien, Douglasien, den Rosskastanien undundund.  MUSIK ERZÄHLER Tatsächlich war Europa nördlich der Alpen über Jahrtausende hinweg relativ arm an Pflanzenarten.  O-TON 6      Köster Richtung Äquator nimmt die Artenzahl zu. Das ist generell so. In Europa haben wir aber den Spezialfall, dass wir die Eiszeiten hatten, die ja erst vor 10.000 Jahren, die letzte, aufhörte. Und die haben dazu geführt, dass ganz-ganz viele Arten ausgestorben sind, die es vorher in Europa auch gab. Wenn Sie heute in der rheinischen Braunkohle buddeln, finden sie ganz-ganz viele Gattungen, die es in Nordamerika und in Ostasien noch gibt. Die in Europa aber damals in den Eiszeiten ausgestorben sind.  ERZÄHLER Natürlich fanden die eisigen Perioden auch auf den anderen Kontinenten statt. Nur konnten die Pflanzenarten dort durch langsame Samenausbreitung wieder zurückwandern. Bei uns waren da die Alpen im Weg, erklärt Niels Köster:  O-TON 7      Köster Wenn Sie sich ne Landkarte anschauen, in Europa verlaufen ja die Gebirge, die Pyrenäen, die Alpen, von Ost nach West. Als es kälter wurde, sich die Eisschilde über Skandinavien bildeten, die Arten nach Süden abgedrängt wurden, irgendwann standen die sozusagen vor den Alpen und konnten nicht weiter! Denn die waren schon vergletschert. Und sind dann letztendlich ausgestorben. Und das ist in Nordamerika und Ostasien nicht passiert. Denn in Nordamerika zum Beispiel die Rocky Mountains, die Appalachen, die verlaufen ja von Nord nach Süden. Da konnten also die Arten nach Süden wandern. Und später, als es wieder wärmer wurde, wieder nach Norden zurückwandern. Deswegen haben wir, gerade wenn wir Baumarten vergleichen, viel-viel mehr Arten in Nordamerika und Ostasien als in Europa.  MUSIK  ERZÄHLERIN Nachdem die Menschen nördlich der Alpen vor rund 12.000 Jahren von Jägern und Sammlern langsam zu Ackerbauern wurden, kam auch der Tauschhandel bald in Schwung. In unseren Breiten wurden schon um 5000 vor Christus weit mehr als Feuersteinknollen und Keramiken getauscht. Immer wieder kamen auf diese Art wichtige neue Pflanzenarten hinzu: wie der Flachs für Bekleidung, die Erbsen als Nahrungsmittel oder Kräuter für Zeremonien.  ERZÄHLER Kaufleute, Seefahrer, auch Söldner und Eroberer, sie alle brachten neue Gewächse wie die weiße Lilie, auch Samen oder Wurzelstöcke, aber immer nur in sehr kleiner Stückzahl, von Ort zu Ort. Als Andenken, als Kuriosum, oder weil sie, wie die Römer, ihre Ernährungsgewohnheiten auch in den eroberten Gebieten beibehalten wollten. Darum bauten sie auch in Germanien ihre heimischen Weinstöcke an und in Britannien ihre römischen Rettiche und Gurken.  Zu den ersten „Nebenerwerbs-Pflanzenjägern“ gehörten vor allem Mönche und Nonnen. In ihren Klostergärten sammelten und kultivierten sie Heilkräuter als Arzneimittel und gaben sie auch von Kloster zu Kloster weiter.  MUSIK aus   und ATMO ERZÄHLER Erst mit dem Zeitalter der Entdeckungsfahrten im 15. Und 16. Jahrhundert kam Schwung in die Pflanzenjagd. Der Gewürzhandel war damals eine mächtige Triebfeder. Portugiesische, spanische, italienische und englische Seeleute spielten eine große Rolle. Aber auch die niederländischen Kaufleute der „Oostindien Kompagnie“ brachten mit ihren Segelschiffen nie dagewesene Pflanzen nach Europa. Allzu oft hatten knallharte Handelsinteressen Vorrang vor naturkundlichem Wissendurst. Das bekamen Pflanzensammler Ende des 16. Jahrhunderts immer wieder unangenehm zu spüren:  MUSIK  O-TON 8      Köster Ein Beispiel wäre Georg Rumpf, den man vor allem unter seinem latinisierten Namen „Rumphius“ kennt. Der war Offizier bei der niederländischen Ostindien Compagnie und ist mit denen auf die Molukken gereist und ist da jahrzehntelang auf der Insel Ambon gewesen. Das war eine der Herkunftsinseln, wo die Muskatnuss und die Nelke wuchs. Die beiden höchstpreisigen Gewürze damals, die wirklich extrem wertvoll waren. Und der hat dann dort alles an Pflanzen gesammelt, was er gefunden hat. Hat sich das aber natürlich auch von Einheimischen bringen lassen.  ERZÄHLERIN Und Rumphius hat in seinen rund 50 Jahren auf den Gewürzinseln all diese exotischen Pflanzen exakt und penibel gezeichnet, auch benannt und in seinem Buch „Herbarium Amboniense“ zusammengefasst. Trotz der hochinteressanten Beschreibungen wurde es nicht mehr zu Rumpfius Lebzeiten veröffentlicht. Warum, das ist unter Biologen kein Geheimnis: O-TON 9      Köster  Vermutlich vor allen Dingen deswegen, weil die niederländische Oostindien Kompagnie Konkurrenz fürchtete! Das waren nämlich ziemlich gute Zeichnungen. Und anhand derer hätte man solche Pflanzen auch ganz gut wiedererkennen können. Und deswegen haben die das blockiert sozusagen, die Publikation. Ja, um eben keine Konkurrenz zu bekommen im Gewürzhandel!  ERZÄHLER Ihre Kunden in Europa bezahlten zwar seit eh und je horrende Preise für Muskatnüsse und Nelken, wussten aber lange nicht, wie und vor allem wo diese Gewürze überhaupt wachsen.  ERZÄHLERIN Überhaupt duldete man die Tätigkeit von Naturforschern eher nur. Dieses Erbeuten von Pflanzen wurde während der gefährlichen Reisen an Bord von Handels- oder Kriegsschiffen lange Zeit nicht wirklich gefördert oder gar respektiert. Ankerte das Schiff an einer unbekannten Küste, blieb man nur solange, wie es für das Auffüllen der Wasserreserven und Proviant nötig war. Nicht solange, wie es der Naturkundler für seine Botanisier-Arbeiten [sic!] gebraucht hätte! ERZÄHLER Erst daheim, in Europa, wurde die Pflanzensammler für ihre pflanzenkundlichen Schriften und Zeichnungen gefeiert. Besonders für die kostbaren Herbarien: Bücher mit gepressten, getrockneten und beschrifteten zarten Pflanzen. Nun kam die Jagd nach Grünen Schätzen in Mode!  MUSIK ZITATOR „Guter Gott, wenn ich das traurige Schicksal so vieler Jünger der Botanik bedenke, fühle ich mich versucht, die Frage zu stellen, ob die Männer noch bei Verstand sind, die wegen ihrer Liebe zum Pflanzensammeln ihr Leben und alles andere so aufs Spiel setzen.“ ERZÄHLER Dieser Stoßseufzer stammt aus dem 1737 erschienen Aufsatz „Lob des Naturforschers“ vom schwedischen Arzt und Botaniker Carl von Linné. Denn das 18. Jahrhunderte entwickelte sich zum goldenen Jahrhundert der Botanik! Bisher war Pflanzenkunde immer nur ein Teilgebiet der Medizin gewesen, nun wurde es ein eigenes Studienfach. Und Linné entwickelte 1753 eine Systematik, nach der bis heute alle Pflanzen klassifiziert und benannt werden können.  ERZÄHLERIN Das taugte den Entdeckern neuer Pflanzen natürlich. Nun konnten sie sich per Namensgebung wissenschaftlich verewigen; ein Teil des Namens bezeichnet die Gattung, der andere die Unterart. Vor allem aber half Linnés System, die Fülle an nie gesehenen Pflanzen zu ordnen. Der Wissensdurst war enorm:    MUSIK ERZÄHLER Auch der englische Adelige Josef Banks wurde berühmt für diese Leidenschaft. Er zahlte einfach die Hälfte der Expeditionskosten, um 1768 mit Käpitän James Cook auf Weltumseglung gehen zu können.  O-TON 11      Köster  Ja, Joseph Banks war einer von den ganz Wichtigen. Er war nicht der einzige Botaniker an Bord. Da war noch Daniel Solander aus Schweden dabei. Und die haben, sobald man irgendwo an Land ging, dann Pflanzen gesammelt. Sie waren im Grunde die Ersten, die wirklich große Mengen aus Australien mitgebracht haben. Im Stadtgebiet von Sydney gibt es eine Bucht, die heißt auch heute „Botany Bay". Weil die damals dort an Land gegangen sind und einfach so viele, natürlich komplett neue Sachen, für ihre Augen gesehen haben, dass sie einfach so begeistert waren und wahrscheinlich da den guten Cook auch versucht hatten, zu überzeugen: nein, wir müssen jetzt einfach noch länger hier bleiben. Hier gibt es so viel zu entdecken. Wir stechen besser noch nicht in See.  ERZÄHLER Als Geldgeber hatte Banks Wunsch natürlich Gewicht. Acht Tage bekamen sie vom Kapitän zugestanden, zum Botanisieren, zum Sammeln und Pressen der überbordenden Pflanzenwelt. Ziel war nicht, diese kostbaren Beispiele aus „Neu Holland“ wie Australien damals hieß, zu Geld zu machen. Es ging Ihnen um Ruhm und Ehre. O-TON 12      Köster  Genau! (lacht) Die hatten‘s ja auch einfach, weil da war ja fast alles noch unbekannt. Wenn man damals als erster Botaniker seinen Fuß auf australischen Boden setzte, da konnte man eigentlich nix sammeln, was schon bekannt war. Von daher, da konnte man mitnehmen was man wollte, es war etwas Neues.  MUSIK  ERZÄHLERIN Auf alles Neue wartete man aufgereg! Nicht nur in den gelehrten Kreisen der 1860 frisch gegründeten Londoner Royal Society:  Heil zurück gekehrte Naturforscher waren in den Salons und an den Höfen Europas gern gesehene Gäste. Ihre Reisebeschreibungen wurden gedruckt und gierig gelesen.  O-TON 13      Köster  Und Banks war dann ja nach seiner Rückkehr wirklich sehr schnell sehr bekannt. Wurde letztendlich dann, ja, der inoffizielle Direktor der Königlichen Botanischen Gärten in Kew. Und hat dann als solcher unheimlich viele andere Sammler in die Welt entsandt, um Material zu bekommen. Herbar-Belege aber auch lebende Pflanzen. Musik aus ERZÄHLER Und Herbar-Belege, also gepresste und getrocknete Pflanzen in Büchern, den sogenannten „Herbarien“ waren lange Zeit die einzigen Originale, die man in  Europa aus den neuen Pflanzenwelten sehen und kaufen konnte. Lebende Pflanzen zu transportieren, war fast unmöglich. Ob in der stickigen Dunkelheit unter Deck oder oben in der salzigen Luft, alles war ungünstig für das Überleben der Pflanzen: Sie konnten verschimmeln, bei Süßwassermangel vertrocknen und bei schwerem Seegang leicht über Bord gespült werden. Viele der mühsam erbeutete Pflanzen wurden auch einfach von hungrigen Schiffsratten und Mäusen aufgefressen. Die Verluste waren schlicht enorm! ERZÄHLERIN Auch Pflanzensamen waren nicht immer eine Lösung. Viele sind nur wenige Wochen keimfähig, wie die kostbare Muskatnuss: Bei ihr sind es nur knappe zehn Tage. Zu kurz für eine fruchtbare Schiffsreise nach Europa. In der Hochphase des Kolonialzeitalters gründete man deshalb unzählige Botanische Gärten, erklärt Biologe Niels Köster:   O-TON 14      Köster  Das waren wirklich Dreh und Angelpunkte der Pflanzentransfers von einer Kolonie, von mir aus in Südasien, dann in die nächste, in der Karibik. Und da hat man tatsächlich auch botanische Gärten, ja so bisschen wie Trittsteine dazwischen angelegt. So richtig lange Seetransporte haben die meisten Pflanzen nicht überlebt. Und so konnte man eben von einem Garten zum nächsten die Pflanzen transportieren, dann wieder aufpäppeln.  ERZÄHLERIN Besser noch als dieses Aufpäppeln und ein echter Meilenstein für die Pflanzenjäger war die Erfindung von Nathaniel Ward: ein Kasten, in dem Pflanzen über lange Zeit quasi in einem geschlossenen Feuchtigkeits-System aufbewahrt werden können, wie in einem mini Gewächshaus. Der „Wardsche Kasten“: unten eine Kiste, oben aus Glas, wurde ab 1835 von Pflanzenjägern verwendet. Jetzt konnten sie ihre Auftraggeber in Europa mit heiß ersehnten lebenden Pflanzen beliefern.  ERZÄHLER Trotzdem waren Pflanzensamen häufig die bessere Wahl, weil sie  so ein transportfreundliches Sammelgut sind. Gerade die Leidenschaftlichsten unter den Pflanzenjäger wussten das zu schätzen. Ihr Gepäck sollte überschaubar bleiben. Auch ihre Tauschwaren für einheimische Helfer waren möglichst klein: Knöpfe, Kautabak, kleine Ringe, solche Dinge.  MUSIK O-TON 15      Köster David Douglas ist eigentlich ein schönes Beispiel. Douglas aus Schottland, der ist mit 24 Jahren von der Royal Horticultural Society nach Nordamerika geschickt worden. In den Nordwesten, der war ja den europäischen Siedlern noch komplett unbekannt. Da ist er dann über drei Jahre lang komplett allein durch die Gegend gezogen. Weit über 11.000 Kilometer müssen das gewesen, die er da zurückgelegt hat. Zu Fuß, mit Pferd mit dem Kanu. Kam dann immer wieder mal total zerlottert in irgendwelchen kleinen Vorposten der europäischen Siedler an. Und da hielten sie ihn teilweise für einen Überlebenden einer schlimmen Katastrophe, weil er so heruntergekommen aussah. Kein Wunder, wenn man so viel Zeit in der Wildnis verbringt. Und der hat da vor allen Dingen Gehölzsamen gesammelt. Zum Beispiel eben auch von der Douglasie. Die dann nach ihm benannt wurde.  ERZÄHLERIN Douglas Funde passten wunderbar zur neuen europäischen Gartenmode: Englischen „Landschaftsgärten“. Französische Gärten mit geometrischen Blumenbeeten und zurecht gestutzten Büschen waren passé. Nun ging es um zart gehügelte Landschaften mit Bäumen und Büschen in aufeinander abgestimmten Blattformen und Farben. MUSIK  ERZÄHLER Die Pflanzenjäger sind im Lauf des 19. Jahrhunderts mit ihrer Sammelleidenschaft immer weiter gegangen: In Japan, das damals noch für Europäer tabu war, setzte sich der Würzburger Franz von Siebold größten Gefahren aus. Er wurde sogar wegen Spionage verurteilt und des Landes verwiesen. Aber er schaffte es trotzdem, hunderte von Kisten mit Pflanzen, darunter die blaue Hortensie, auch Porzellan, Waffen, Stoffen und Landkarten nach Europa zu bringen, was einen regelrechten Japan-Boom ausgelöst hat. MUSIK  ERZÄHLER Wenn die Pflanzenjagd bis dahin immer noch bedeutet hatte, dass Pflanzen respektvoll und in überschaubarer Menge entnommen wurden, dann bekam dieser Beruf mit den Orchideenjägern Ende des 19. Jahrhunderts einen räuberischen Zug: Ihre Beute war zart und variantenreich und wuchs meist hoch oben in den Kronen der Bäume. War das Klettern zu mühsam, fällten sie die Bäume kurzerhand und sammelten die Orchideen am Boden ab.  O-TON 16      Köster  Und es war wirklich ein Kampf zwischen den Leuten! Also zwischen den einzelnen Orchideenjägern. Die haben dann teilweise nach dem Motto Nach mir die Sintflut alles hinter sich abgefackelt, um bloß der Konkurrenz nicht auch noch etwas übrig zu lassen.  ERZÄHLER Ob für Orchideen, für Lilien oder Kakteen – die Gewinnspanne war für Jäger und ihre europäischen Auftraggeber so groß, dass Sammelleidenschaft in Raub und Gier umschlug.  O-TON 17      Köster  Hat letztendlich auch dazu geführt, dass eben bei gewissen Pflanzengruppen man dann schon relativ früh gesagt hat, okay, damit müssen wir den Handel einschränken. Weil die an den Rand der Ausrottung gebracht wurden. MUSIK ERZÄHLERIN Heute hat sich viel geändert in der Pflanzenjagd: Seit 1975 gilt das Washingtoner Artenschutzabkommen, weltweit haben es weit über 150 Staaten unterzeichnet. Wenn Biologen wie Niels Köster heute im Ausland Pflanzen sammeln wollen, dann brauchen sie vorher einiges an Anträgen und Genehmigungen:  O-TON 18      Köster Heutzutage gibt es natürlich, Gott sei Dank muss man sagen, auch internationale Regelungen, dass man nicht einfach irgendwohin fahren kann, Pflanzen dort sammelt und wieder nach Hause bringt und dann wer weiß was damit macht. Das ist heutzutage nicht mehr möglich. Das ist schon auch gut!  MUSIK aus
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Mar 27, 2024 • 21min

Der Misanthrop - Kulturgeschichte des Menschenfeinds

Misanthropen werden vielfach kritisiert, doch sie schaffen durch Irritationen eine reflexionsfördernde Distanz zu etablierten Denkweisen. Von Rolf Cantzen (BR 2019)Credits Autor dieser Folge: Rolf Cantzen Regie: Irene schuck Es sprachen: Katja Amberger, Stefan Wilkening, Andreas Neumann Technik: Christiane Gerheuser-Kamp Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Dr. Ulrich Horstmann, emeritierter Professor für Anglistik, Schriftsteller, Essayist,  Prof. Dr. Michael Pauen, Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR 1: (boshaft) Timons Hass geweiht Sei künftighin der Mensch und alle Menschlichkeit. ERZÄHLERIN: Timon ist bei Shakespeare der Protagonist des Menschenhasses.  O-TON 1: Prof. Dr. Ulrich Horstmann (flüsternd) „Pssst, jetzt lassen wir zusammen die Sau raus.“ ERZÄHLERIN: … zusammen mit Ulrich Horstmann.  MUSIK AUS Er ist Professor für englische Literaturwissenschaft, Schriftsteller und Verfasser der philosophischen Streitschrift „Das Untier. Konturen einer Philosophie der Menschenflucht“.  O-TON 3: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Menschenflüchtiges Denken lebt aus dem Pathos der Distanz. ERZÄHLERIN: Bei der Menschenflucht und beim Menschenhass geht es vor allem darum, Abstand zu gewinnen und Distanz herzustellen – zu den Menschen, unter denen man leidet, weil sie einem selbst oder anderen Menschen Schlimmes angetan haben oder auch, weil man ihre Nähe nicht mehr aushält. Dann kommen sie – böse, menschenfeindliche Gedanken:    O-TON 3: Prof. Dr. Ulrich Horstmann  Ausflüge in das Nicht-Erlaubte, eigentlich Nicht-Tolerierbare, in die Randbezirke dessen, was uns durch den Kopf geht, in den abgeschlossenen, abgesperrten Hinterstübchen.  …  ERZÄHLERIN: Gelegentlicher Menschenhass könne Entlastung bieten, meint Ulrich Horstmann:   O-TON 4: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Solche Ausflüge waren immer attraktiv, wenn nicht jemand daraus Handlungsanweisungen und Imperative ableitet. ERZÄHLERIN: Es geht also bei menschenflüchtigen oder menschenhassenden Ausflügen nicht darum, etwas zu tun, es geht darum, sich bestimmte Gedanken zu gestatten, vielleicht auch, damit wir es nicht tun: Ein gedankliches Korrektiv, das prophylaktisch wirkt. Obwohl – geben wir es ruhig zu – uns unliebsame Besucher oder Menschen im Allgemeinen schon gewaltig auf die Nerven gehen können: O-Ton 5: Prof. Dr. Ulrich Horstmann  Die Möglichkeit das eigentlich Unaussprechliche herauszulassen und einem Stellvertreter zuzuhören, der das artikuliert, was man selbst nicht sagen darf, das ist der Köder und den schlucken wir von Zeit zu Zeit alle liebend gern.  ERZÄHLERIN: Stellvertreter können die Protagonisten in Büchern, im Theater, in Filmen sein. Ein Auslöser für menschenhasserische Impulse können auch Situationen sein, in denen  wieder einmal von uns erwartet wird, menschenliebenden Appellen und Tugenden beizupflichten, wenn uns positive Menschenbilder beruhigen, wenn optimistische Philosophien und der Glaube an den Fortschritt uns beglücken sollen ...   MUSIK:  ZITATOR 2: (hier und im Folgenden ironisierend) Die Welt ist gut! ZITATOR 1: … und wenn unsere Welt noch nicht gut ist, wird sie es.  MUSIK:  O-Ton 6: Prof. Dr. Michael Pauen  Wenn man sich das ein bisschen genauer anschaut, sieht man einerseits, dass die optimistischen Theorien einfach unter dem Eindruck bestimmter theologischer oder metaphysischer Vorannahmen stehen, also vor allem unter der Annahme, dass diese Welt von einem guten, verständigen, wohlmeinenden und allmächtigen Gott geschaffen worden ist. Das heißt, so ein Gott kann keine andere als eine gute Welt schaffen. Und wer das bestreitet, der vergeht sich an seinen fundamentalen religiösen und theologischen Annahmen. Und dann muss diese Welt eben gut sein.  ERZÄHLERIN: … auch die Menschen sind gut, die auf dieser Welt herumlaufen. Klar, sie morden millionenfach, vergewaltigen, ruinieren die Natur, doch letztlich gilt: MUSIK:  ZITATOR 2: Der Mensch ist gut! ZITATOR 1: … oder wird es.  MUSIK aus   O-Ton 7: Prof. Dr. Michael Pauen  Sinnstiftende Theorien haben es an sich, dass sie negative einzelne Erfahrungen erklären können. ERZÄHLERIN: Michael Pauen ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität. In einem seiner Bücher zeigt er, wie es vielen Philosophen immer wieder gelingt, alles schön zu reden und dass eine philosophische Minderheit es schwer hat, ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen: O-Ton 8: Prof. Dr. Michael Pauen  Das bedeutet, wenn dann dieser höhere Sinn letztlich darauf hinausläuft, dass wir in einer guten Welt oder möglicherweise der besten aller möglichen Welten leben, dass dieses Leid an Bedeutung verliert.  MUSIK:  ZITATOR 2: Alles ist gut, alle sind glücklich oder könnten es sein! MUSIK aus ERZÄHLERIN: Das wird zu einer philosophisch legitimierten Lebenslüge. Misanthropen – Menschenfeinde, Menschenhasser, Menschenverächter, es gibt verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten – Misanthropen spielen da nicht mit, weil sie mit Menschen nicht die besten Erfahrungen gemacht haben oder einen anderen Blick auf die Menschheit werfen: O-Ton 9: Prof. Dr. Ulrich Horstmann  Misanthropen sind natürlich Freaks, Misanthropen sind randständige Figuren, das sind Figuren, die diese Randständigkeit ausnutzen. ERZÄHLERIN: Sie leben auch oft am Rand, sind Einzelgänger, fügen sich nicht nahtlos ein in die Gesellschaft, obwohl auch sie die Gesellschaft brauchen – und sei es, um sich von ihr abzugrenzen. MUSIK:  ERZÄHLERIN: („Timon“ immer deutsch aussprechen.) … Die Geschichte des Menschen- und Menschheitshassers Timon von Athen.  ZITATOR 1: (boshaft) Timons Hass geweiht Sei künftighin der Mensch und alle Menschlichkeit. ERZÄHLERIN: Über die Jahrtausende hinweg blieb die Lebensgeschichte von Timon von Athen das Motiv für zahlreiche Theaterstücke und vor allem: die Diskussionsgrundlage, an der Philosophen ihre Gedanken zur Misanthropie entwickelten.  Timon war zunächst reich, großzügig und freundlich, sammelte viele Menschen um sich, von denen er meinte, sie seien seine Freunde. Dann ging ihm das Geld aus. Er erwartet nun im Gegenzug von seinen Freunden Unterstützung, wird aber in Stich gelassen und hasst nun nicht nur die falschen Freunde, sondern die gesamte Menschheit.  ZITATOR 1: Weg mit der Menschheit! ERZÄHLERIN: Auch als er zufällig wieder zu Geld kommt, ändert sich – in Shakespeares Bearbeitung des Stoffs – an seinem Menschenhass nichts: Er bleibt unversöhnt.   O-TON 10: Prof. Dr. Ulrich Horstmann (flüsternd) Ihr könnt euch vorstellen, was in mir vorgeht.  ZITATOR 1: (aggressiv, boshaft) Glatt lächelnde, verächtliche Schmarotzer, Höfliche Mörder, sanfte Wölfe, Kratzfüßige Sklaven, Dünste, Wetterfahnen! – Alle Krankheiten von Mensch und Vieh Solln euch mit Grind bedecken!  ERZÄHLERIN: Shakespeare gestattet sich in seinem Stück „Timon von Athen“ nicht nur deftige Flüche, Timon treibt sein Menschenhass zu Vernichtungsphantasien.  Alkibiades gibt er Geld, damit er Athen zerstört, der Hure Timandra, damit sie alle mit Syphilis ansteckt:   ZITATOR 1: Mach alle krank, die ihre Lust dir lassen, Mach reif die Jugend für die Hungerkur der Seuche. ERZÄHLERIN: Kurzum: Shakespeare lässt in seinem Protagonisten Timon – umgangssprachlich formuliert – die Sau raus. Er gestattet sich menschenfeindliches Denken. ZITATOR 1: Alles glatte Schurkerei. Drum seid gemieden, Feste, Gelage, menschliches Gewimmel! Timon verabscheut sein Ebenbild, sich selbst! Weg mit der Menschheit! MUSIK aus O-TON 11: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Wenn ich die Menschheit hasse, muss ich natürlich als Element dieser kollektiven Größe eigentlich auch mich selbst hassen, darf mich selbst nicht ausnehmen. So ist Timon gestrickt. Das macht er.  ERZÄHLERIN: Von seinem extremen Menschenhass kann sich Timon nicht selbst ausnehmen: Er hasst sich selbst und bringt sich wahrscheinlich – bei Shakespeare ist das nicht eindeutig – selbst um.   O-TON 12: Prof. Dr. Ulrich Horstmann  Der Wille, bei seinen Mitmenschen, wie wahrscheinlich auch bei sich selbst tabula rasa zu machen. MUSIK:  ZITATOR 1: … eine Jauchegrube Sei dann euer aller Grab! Musik aus ERZÄHLERIN: Der Philosoph Platon – die Tragödien antiker Autoren vor Augen ¬– analysiert die Geschichte von Timon eher vorsichtig:  ZITATOR 2: (Zitat gekürzt) Menschenfeindschaft entsteht, wenn man einem zu sehr vertraut und einem Menschen für durchaus wahr, gesund und zuverlässig gehalten hat, bald darauf aber denselben als schlecht und unzuverlässig findet, und dann wieder einen; und wenn einem das öfter begegnet und bei solchen, die man für die vertrautesten und besten Freunde hält, so hasst man dann endlich alle, und glaubt, dass an niemandem irgendetwas Gesundes ist.  ERZÄHLERIN: Menschenfeindschaft wegen mehrfacher Enttäuschung! Platon diskutiert, ob das nicht auch an dem Enttäuschten selbst liegt: Vielleicht ist er zu naiv bei der Wahl vermeintlicher Freunde. Einem vernünftigen Menschen passiert das wahrscheinlich nicht und er verallgemeinert auch nicht vorschnell schlechte Einzelerfahrungen. Bei Platon ist die Misanthropie nicht der bösen Menschheit anzulasten, sondern dem beschränkten oder verwirrten Misanthropen. Das heißt:  MUSIK  ZITATOR 2: (unbeschwert) Im Wesentlichen sind Welt und Mensch in Ordnung! ZITATOR 1: … mit Vernunft und Moral wird alles gut.  MUSIK aus   ERZÄHLERIN: Der römische Philosoph Cicero pathologisiert die Misanthropie zu einer Art psychischem Defekt: ZITATOR 1: Misanthropie ist eine Krankheit der Seele, die aus einer gewissen Furcht vor denjenigen entsteht, die sie fliehen und hassen. ERZÄHLERIN: Cicero sieht in der Misanthropie einen psychischen Defekt. Das heißt: Nur Anormale, die ihr seelisches Gleichgewicht verloren haben, hassen die Menschen. Mit einer solchen Definition erübrigt es sich, ernsthaft über Menschenhass zu diskutieren. Menschenhass oder Menschenfeindlichkeit ist dann kein ernsthaftes philosophisches Problem, sondern – heute würde man sagen – ein psychopathologisches.  O-Ton 13: Prof. Dr. Ulrich Horstmann  Das bedeutet eigentlich, dass ich den Misanthropen zurückverfrachte in die Zwangsjacke des Normalen, des Sozial-Akzeptablen, dessen, der seine Zunge im Zaum hält und sich so benimmt, dass er bei seinen Mitmenschen keinen Anstoß erregt. MUSIK:  ZITATOR 2: (insistierend) Der Mensch ist gut. ERZÄHLERIN: … und man muss ihn lieben: Immer! Schließlich ist er ein Geschöpf Gottes! MUSIK aus ZITATOR 1:  Nächstenliebe! Du sollst deinen Nächsten lieben!  ERZÄHLERIN: … hassen tut ihn der Teufel. Und wer Menschen hasst, ist des Teufels. Im christlichen Mittelalter hatte man kein Verständnis für Misanthropie. MUSIK ERZÄHLERIN: In der Renaissance erinnerte sich Machiavelli an die Misanthropie-Diskussion der Antike. Er empfahl den Mächtigen, die Menschen nach Strich und Faden zu manipulieren: ZITATOR 2: Denn von den Menschen lässt sich im Allgemeinen so viel sagen, dass sie undankbar, wankelmütig und heuchlerisch sind, voll Angst vor Gefahr, voll Gier nach Gewinn.  ERZÄHLERIN: … und deshalb gibt es keinen Grund, den Menschen Respekt und Achtung entgegen zu bringen. Im Gegenteil: Ihre Boshaftigkeit und Dummheit rechtfertigen jede Unterdrückung: ZITATOR 2: Wenn der Fürst auch genötigt wäre, das Blut eines Untertanen zu vergießen, mag er es ruhig tun … MUSIK aus ERZÄHLERIN: In der Aufklärung ging die Menschenfreundlichkeit dann wieder so weit, dass man jede Misanthropie, Einzelgängerei und Eigenbrödlerei verbannte und oft die Menschenliebe zum alleinigen Maßstab machte.  ZITATOR 1: Die praktische Menschenliebe ist aller Menschen Pflicht. ERZÄHLERIN: … „moralisierte“ Kant und hält den Menschenhass für teils hässlich, teils verächtlich. Auch andere Philosophen verdammten Menschen, die sich einen anderen – einen negativen – Blick auf den Menschen und seine Geschichte gestatteten. Der Mensch sollte sich positiv mit der Menschheit identifizieren, sich nicht negativ von ihr und der Welt abgrenzen.  O-Ton 14: Prof. Dr. Michael Pauen  Ich glaube, Hegel ist da das beste Beispiel. Also, die hegelsche Geschichtsphilosophie steht noch in der Tradition dieser optimistischen Aufklärungsphilosophie. Letztlich Hegels Vorstellung, dass Geschichtsphilosophie eine Art von Theodizee sein, also Rechtfertigung Gottes, und damit letztlich ein Nachweis, dass diese Welt gut ist, das ist für Hegel noch unbestritten. MUSIK  ZITATOR 2: (unbeschwert) Die Welt ist gut … ZITATOR 1: … und der Mensch ist es auch, weil er sich immer weiter zum Guten entwickelt!  MUSIK aus ERZÄHLERIN: Mord und Totschlag, das Leiden, das sich Menschen gegenseitig zufügen, sind unbedeutende Kollateralschäden. Damit muss die Menschheit leben.   O-Ton 15: Prof. Dr. Michael Pauen Da ist offensichtlich eine Vernachlässigung der individuellen Perspektive zu Gunsten der Perspektive des Ganzen, aus der sich wieder angeblich alles zusammenfügt. Ob sich das tatsächlich zusammenfügt, ist dann gar keine Frage, weil das einfach vorausgesetzt wird.  ERZÄHLERIN: Diese Vernachlässigung des individuellen Leids – überhaupt: die Vernachlässigung des individuellen Menschen und negativer Erfahrungen – führen, so der Philosophieprofessor Michael Pauen; dazu, dass einige Dichter und Denker aus der verordneten Menschenliebe ausbrechen.  ZITATOR 2: Gerade so ging es mir … ERZÄHLERIN: … schreibt Friedrich Schiller an einen Freund.  MUSIK Erzählerin: Er spürt wie die Menschenliebe umschlägt... ZITATOR 2: … alle Menschen werden Brüder …  ERZÄHLERIN: Schiller spürt, wie die Menschenliebe umschlägt in Menschenhass: ZITATOR 2: Ich hatte die Welt mit der glühendsten Empfindung umfasst, und am Ende fand ich, dass ich einen kalten Eisklumpen in den Armen hatte. MUSIK aus   ERZÄHLERIN: Der Mensch braucht den anderen Menschen, doch das ist kein Grund, die Menschheit nicht zu hassen. Man kann sogar einzelne Menschen lieben und das Kollektiv „Menschheit“ hassen:   O-Ton 16: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Das erinnert mich an einen ganz großen Satiriker, den viele auch für einen Misanthropen halten nämlich an Jonathan Swift. Der hat in einem Brief folgendes gesagt: „I love John, Jill and Jack, but I hartley detest mankind.“  ZITATOR 1: Ich liebe John, Jill und Jack, aber zutiefst verabscheue ich die Menschheit. O-Ton 17: Prof. Dr. Ulrich Horstmann  Und das ist ein Satz, in dem sehr, sehr viel Wahrheit steckt, nicht nur über Swift, sondern über das Phänomen der Misanthropie. ERZÄHLERIN: Jonathan Swift – er lebte um 1700 – lässt seinen Protagonisten Gulliver nicht nur nach Liliput und in die Welt der Riesen reisen, sondern auch zu den edlen Pferden, die sich ekelhafte Menschen als Haustiere halten. Die phantasievollen Reisen des Gulliver erlauben Swift eine Distanz zu den Menschen, die ihr Wesen transparent macht: Sie sind lasterhaft, gierig, dumm und sie stinken. Die edlen Pferde nutzen ihre Häute, um Segel daraus zu fertigen. In einem anderen Text, dem „bescheidenen Vorschlag“, rät er zum Kannibalismus:  ZITATOR 1: Ein Kind wird bei einem Essen für Freunde zwei Gänge ergeben und wenn die Familie allein speist, so wird das Vorder- oder Hinterviertel ausreichen. ERZÄHLERIN: Der gebürtige Ire Swift wird oft als ‚Menschenhasser‘ bezeichnet, wegen solcher Texte. Der historische Hintergrund macht klar, er ist entsetzt von dem, was Menschen anderen Menschen antun: Die reichen Landbesitzer wandelten in Irland aus Profitgier Ackerland in Schafsweiden um.  Die Folge: Zehntausende von Bauern verhungerten. Swifts vermeintlich menschenhasserischer Ratschlag, doch einfach Kinder zu verspeisen, macht auf groteske Weise den Zynismus und die Unmenschlichkeit dieser Landbesitzer erkennbar. Die Verlogenheit ist, dass nicht die Verursacher des menschlichen Leid als Menschenhasser bezeichnet werden, sondern die, die darauf aufmerksam machen.   MUSIK  ZITATOR 2: (unbeschwert) Der Mensch ist gut … MUSIK aus ERZÄHLERIN: … wer das in Frage stellt, wer anders denkt, als es sich gehört, ist Menschenfeind, wie Swift oder etwa der Philosoph Philipp Mainländer: ZITATOR 1: Ich möchte alle windigen Motive zerstören, welche den Menschen abhalten können, die stille Nacht des Todes zu suchen. ERZÄHLERIN: Mainländer schrieb um 1870 seine „Philosophie der Erlösung“ ... O-Ton 18: Prof. Dr. Michael Pauen  … da gibt es die Vorstellung, dass Erlösung noch darin bestehen kann, dass die Welt letztlich ihr Ende findet. Und damit eben das Leid ein Ende findet.  ERZÄHLERIN: Mainländer will die Welt und die Menschen ausgelöscht sehen. Seine Überlegung: Leben ist Leiden, Gott ist gestorben und sein verrottender Leib ist die Schöpfung und deshalb sei es besser, mit all dem aufzuhören: ZITATOR 1: Alles, was ist, ist von Übel und auf das Übel hin bestellt: der Zweck des Weltganzen ist das Übel; die Ordnung und der Zustand, die Gesetze, der natürliche Gang des Universums sind durchaus von Übel. Gut ist nur, was nicht ist. ERZÄHLERIN: Mainländer sucht die Distanz nicht auf fiktiven Reisen, wie Swifts Gulliver, sondern in seiner Vorstellung, dass es ihn selbst, die Welt und die Menschheit nicht mehr gibt. Der Mensch als Krone der Schöpfung ist nur gut, wenn er nicht existiert.  O-Ton 19: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Misanthropie ist eine Luftnummer. Was meine ich damit? Normalerweise geht es beim Lieben und Hassen um interpersonale Interaktion … ZITATOR 2: Ich hasse dich, du hasst mich … ERZÄHLERIN: … und das belastet die Kommunikation. Doch die Menschheit ist keine Person, mit der ich kommuniziere, sondern ein Abstraktum. Das heißt für Ulrich Horstmann: O-Ton 20: Prof. Dr. Ulrich Horstmann  Der Menschheit als Kollektivsubjekt ist es herzlich gleichgültig, ob sie geliebt wird oder gehasst wird. Insofern kämpft der Misanthrop mit Windmühlenflügeln.  ERZÄHLERIN: Man tut der Menschheit also nicht weh, wenn man ihr skeptisch, feindlich oder mit Hass gegenübersteht, wenn man sie nicht mag:  O-Ton 21: Prof. Dr. Ulrich Horstmann  Ich bin auch heilfroh, dass es mir – pathetisch vergönnt war – im späten 20. Jahrhundert und frühen 21. Jahrhundert zu leben mit dem furchtbaren 20. Jahrhundert im Rücken, das mich in seiner Grausamkeit nicht mehr erreicht hat – Gott sei Dank …! Das war im wortwörtlichen Sinne eine Offenbarung. ERZÄHLERIN: Die Grausamkeiten im 20. Jahrhundert – Kolonialismus, Nationalsozialismus, Stalinismus, um nur die schlimmsten zu nennen – waren keine Taten von erklärten Menschenhassern. Die Menschheitsverbrecher hatten eherne Ziele. Sie ‚liebten‘ angeblich die Menschheit und gaben vor, ihr zu dienen und nur ihr Bestes zu wollen.  ZITATOR 1: … weil sie der Menschheit dienten, darum schnitten sie den Menschen die Hälse ab.  ERZÄHLERIN: … schrieb Max Stirner, ein provokanter Philosoph des 19. Jahrhunderts. Die Liebe zur Menschheit kann tödlich sein für den einzelnen Menschen. Misanthropie kann ein Korrektiv sein zur mörderischen Menschenliebe, indem sie Distanz schafft und irritiert.  MUSIK Ulrich Horstmann fasst es so zusammen:  O-Ton 22: Prof. Dr. Ulrich Horstmann  Ich halte diese Widerspruchskomponente, dieses „Nein, es ist ganz anders“ für einen Hirnschrittmacher.  ERZÄHLERIN: Die Misanthropie wäre dann so etwas wie eine philosophische Therapie. Und psychologisch betrachtet stellen sich Fragen: Wie sollen Menschen mit Sympathie füreinander in dieser Wirklichkeit leben, wenn sie sich nicht ab und zu misanthropische Anwandlungen gönnen?  MUSIK aus
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Mar 27, 2024 • 23min

Leuchttürme und Feuerschiffe - Rettende Wegweiser auf See

Nacht und Nebel sind die größten Feinde der Seefahrer. Leuchttürme und Feuerschiffe waren lange Zeit rettende Lichter im Dunkel, die Schiffe vor Gefahren warnten und viele vor dem Untergang bewahrten. Von Christiane Neukirch (BR 2019) Autor/in dieser Folge: Christiane Neukirch Regie: Martin Trauner Es sprachen: Julia Fischer, Andreas Neumann, Jerzy May Technik: Clemens Kamp Redaktion: Nicole RuchlakDas Manuskript zur Folge gibt es HIER.
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Mar 26, 2024 • 23min

Mikrochips - Halbleiter als Global Player

Mikrochips sind mittlerweile unentbehrlich: Sie stecken im Kühlschrank, im Auto oder der EC-Karte. Seit Intel 1971 den ersten integrierten Schaltkreis in Serie produzierte, hat die Technologie einen globalen Siegeszug angetreten. Doch das kostbare Gut sorgt immer wieder für Streit unter Wirtschaftsmächten. Von Lukas Grasberger (BR 2022)Credits Autor dieser Folge: Lukas Grasberger Regie:  Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Jerzy May, Julia Fischer Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Frank Dittmann, Kurator Hauptabteilung Technik, Deutsches Museum, München  Genevieve Bell, Senior Fellow bei Intel und Professorin für Kybernetik, Australian National University, Canberra  Klaus Behling, Journalist und Klaus Behling, Autor „Die DDR und der High-Tech-Schmuggel“, Potsdam Reinhard Buthmann, Autor „Kadersicherung im Kombinat VEB Carl Zeiss Jena: Die Staatssicherheit und das Scheitern des Mikroelektronikprogramms“   Jan-Peter Kleinhans, Halbleiter-Experte Stiftung Neue Verantwortung, Berlin  Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Geschichte des Mikroskops - Als die Welt vergrößert wurde Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Die junge Frau erschrickt, als sie aufwacht: Sie hat verschlafen! Der Wecker hat nicht geklingelt. Schnell ins Bad, Waschen und Zähneputzen, aber: Die elektrische Zahnbürste streikt.  MUSIK HOCH Doch der Alptraum beginnt erst: Auch das Auto springt nicht an. Im Krankenhaus, wo die junge Frau arbeitet, kann sie nicht Bescheid geben: das Smartphone ist tot. In der Klinik würde ohnehin keiner abnehmen, es herrscht Ausnahmezustand. Fast das gesamte medizinische Personal ist auf der Intensivstation, wo es versucht, den Ausfall von lebenserhaltenden Maschinen zu kompensieren.  MUSIK HOCH ERZÄHLERIN Dieses Szenario ist erfunden und ist noch nie eingetreten. Aber es zeigt: Versagten alle Mikrochips auf einmal ihren Dienst: Unser gesamtes Alltagsleben würde binnen Sekunden zusammenbrechen.  ERZÄHLERIN Mikrochips sind heute in unserem Alltag allgegenwärtig: Millimetergroße, und dennoch mehrstöckige Gesamtkunstwerke, in dem viele Millionen Transistoren, Widerstände und Kondensatoren lautlos zusammenarbeiten – und die in der Dating-App genauso stecken wie in der komplexen Steuerung des Autoverkehrs. Klingt nach abgefahrener Raketenwissenschaft? Ja, das war die Chip-Technologie Anfangs im wahrsten Sinne des Wortes, sagt der Münchner Technik-Historiker Dr. Frank Dittmann.  O-Ton 1 Dr. Frank Dittmann, Kurator Abteilung Starkstromtechnik, Energietechnik und Automatisierungstechnik, Deutsches Museum München „Denn da kommts ja vor allem drauf an, sehr klein zu bauen, und bei Raketen oder auch bei Flugzeugen die Masse zu minimieren. Das kann man mit solchen integrierten Bauelementen sehr gut. Und das ist so forschungsintensiv, bevor man überhaupt verstanden hat, was da passiert: Das konnte eigentlich nur das Militär bezahlen.“ ERZÄHLERIN Es war der Kalte Krieg - und vor allem der Wettlauf zwischen Ost und West ins All, der der Entwicklung der Chip-Technologie einen entscheidenden Schub gab. Musik CREATIVE IDEAS (B) 0‘40 ERZÄHLERIN Ein frühes Video der US-Raumfahrt-Organisation NASA: Männer in schwarz-weiß drücken klobige Tasten an einer riesenhaften Steuerungs-Konsole. Es sind Test-Ingenieure, die den Navigations-Rechner für das Apollo-Raumfahrzeug ausprobieren, das im Jahre 1969 auf dem Mond landen sollte. Der Computer im Inneren der heute monströs wirkenden Apparatur war der erste, der eine Technologie nutzen sollte, die noch in den Kinderschuhen steckte. Die aber bald – unter der landläufigen Bezeichnung „Mikrochip“ -    maßgeblich den Weltenlauf mitbestimmen wird. Für die Mond-Mission des Jahres 1969 brauchte die NASA zur Berechnung der Flugbahn einen Rechner an Bord, der zuverlässig funktionierte – der gleichzeitig aber auch so klein und leicht wie möglich war.   O-Ton 2 Dittmann  „Wenn ich ne Rakete hochschicke, dann geht’s natürlich um Platz, und es geht auch um Gewicht, es geht auch um Energie, die man dort einsetzen muss.“ ERZÄHLERIN ...erklärt Frank Dittmann. Er ist Kurator der Abteilung für Starkstrom-, Energie- und Automatisierungstechnik am Deutschen Museum München. O-Ton 3 Dittmann „All das waren natürlich limitierende Faktoren. Also insofern musste man sich eine Technologie suchen, die dafür Lösungen bereithielt -  und das ist eben die Halbleitertechnik.“ MUSIK:  CANS AND COMPUTERS 0‘42 ERZÄHLERIN Die Neuerung bei dieser Technologie: Elektronische Schaltungen brachte man im Miniaturformat auf hauchdünnem Silizium auf. Silizium, das vor allem aus Quarzsand hergestellt wird, gilt als perfektes Trägermaterial. Denn Silizium ist ein so genannter Halbleiter, das heißt: Es ist - je nach Notwendigkeit – elektrisch leitfähig oder isolierend. Zwischen diesen beiden Zuständen kann nun gezielt geschaltet werden. So lassen sich Schaltkreise – quasi Rechner im Miniformat – komplex gestalten, wie dies früher nur mittels Röhren möglich war.  ERZÄHLERIN Die Idee, Bauelemente auf einem Trägermedium zusammenzubringen, stamme bereits aus den 1930er-Jahren, betont Frank Dittmann. Doch diese Zusammenschaltung von Elektronen-Röhren, wie sie etwa bei Radiogeräten zum Einsatz kam, hatte ihre Tücken. Sie machte die Geräte immer größer, komplexer – und fehleranfälliger. Welches der vielen Teile war jetzt wieder kaputtgegangen? Oder hatte die weit verzweigte Verdrahtung irgendwo einen Wackler?  O-Ton 4 Dittmann „Deswegen haben die angefangen, einen neuen Typ von integriertem Schaltkreis zu produzieren, oder – zu erst einmal – zu entwickeln. Nämlich den integrierten Mikroprozessor. (...) Nämlich Bauelemente zusammen zu einer Schaltung, und dann möglichst in ein Gehäuse zu bringen. Vorher war ja die Idee: man baut die speziellen Schaltungen so für das, was man braucht. Und wenn man was anderes braucht, muss halt ne spezielle Schaltung her. Und dort war die Idee: Ich baue einen kleinen Rechner – also Prozessor -, den ich programmieren kann. Damit er das tut, was ich will.“ ERZÄHLERIN Es war der Radio-Konstrukteur Jack Kilby, der 1958 einen Miniatur-Schaltkreis von der Größe eines halben Bierdeckels entwickelte. Statt der klobigen Röhren setzte der Elektroingenieur auf kleine, aber feine Transistoren: Bauteile, die als Ein- oder Ausschalter oder als Verstärker von Strom fungierten. Diese elektronischen Bauteile wurden nun auf einen Halbleiterkristall aufgebracht, die Transistoren und ihre Verdrahtung wurden quasi auf den Halbleiter-Träger aufgezeichnet. Je mehr man die Striche auf dem Chip verfeinerte, umso mehr ließen sich die Schaltkreise verkleinern.    MUSIK: TESTING OUT 1‘02 Die Idee schien in der Luft zu liegen: denn nahezu gleichzeitig mit Kilby tüftelte auch sein Konkurrent Robert Noyce an dieser integrierten Schaltung.  Noch war die Technologie zu teuer für den Massenmarkt: Doch das US-Militär investierte in derartige sogenannte integrierte Schaltkreise, um die Schnelligkeit von Waffensystemen und Rechnern zu steigern. Nur dank dieser Vorarbeit konnte die Landung auf dem Mond dann zum erste Meilenstein in der Geschichte des Mikrochips werden. MUSIK HOCH ERZÄHLERIN Die Serienfertigung von Mikrochips für den freien Markt begann 1971 die US-Firma Intel. Da die Bauteile immer winziger wurden, konnten auf den dünnen Halbleiterplättchen immer mehr Schaltkreise aufgebracht werden. Damit wandelten sich Computer fundamental, sagt die Anthropologin Genevieve Bell. Die australische Professorin hat lange Jahre als leitende Wissenschaftlerin für Intel gearbeitet.  O-Ton 5 Genevieve Bell OV SPRECHERIN Voice Over „Ich konnte einmal mit der Person sprechen, die irgendwann in den 40er-Jahren den ersten australischen Computer gewartet hat. Er sagte mir: Immer wenn ich ihn ausgeschaltet habe, dann war das, als würde man ein lebendes Wesen töten. Rechner waren damals physisch sehr präsent: sie nahmen viel Raum ein, sie machten Lärm, und sie rochen. Das sollte sich in den folgenden Jahrzehnten ändern. Dank unserer Mikrochips wurden sie immer kleiner - und in den 70er-Jahren waren Computer recht unpersönliche Geräte geworden, die bald auf jedem Schreibtisch standen; die keine persönliche Wartung mehr brauchten - und die zunächst vor allem für buchhalterische Zwecke genutzt wurden.“  ERZÄHLERIN Der erste Intel-Mikrochip „4004“ war dann auch in einem Tischrechner verbaut, nützlich etwa für Buchhalter und Ingenieure. Schnell nahm das Ganze Fahrt auf: Nahezu jedes Jahr verdoppelte sich auf den Chips die Anzahl der Bauteile. Mit doppelt so vielen Schaltungen kann ein Mikrochip doppelt so schnell rechnen. Verdoppelt sich die Transistoren Zahl nun alle 12 bis 24 Monate – wie es der Intel-Gründer Gordon Moore vorhersagte, dann steigt die Leistungsfähigkeit schnell exponentiell.    O-Ton 6 Bell OV Sprecherin Voice Over  „Gordon Moore hat nicht nur die technischen Entwicklungssprünge des Mikrochips prognostiziert, nein: Er hat in seinem Aufsatz auch treffende Szenarios skizziert, was passieren würde, würden diese Mikrochips allgegenwärtig. Dann nämlich würden die Mikroprozessoren die Art und Weise verändern, wie wir miteinander kommunizieren. Wie wir arbeiten; wie wir einkaufen – ja: wie wir zusammenleben, in unseren Wohnungen, oder genereller, in Städten. Moore hat verstanden, dass eine auf den ersten Blick nur technische Innovation das Potenzial hatte, unser aller Leben von Grund auf zu verändern.“  MUSIK: MACHINE LIKE 0‘38 ERZÄHLERIN Der Mikrochip war Bell zufolge die Keimzelle der anhaltenden „digitalen Revolution“. Es reiche deshalb nicht, Mikrochips stetig in Punkto Materialien, Produktionsprozess, oder Leistungsfähigkeit zu verbessern, betont Genevieve Bell, die neben ihrer Professur noch als „Senior Fellow“ für Intel tätig ist.  Forscher und Entwickler müssten immer auch aktuelle wie zukünftige Anwendungsmöglichkeiten mitdenken. Als Anthropologin spüre sie deswegen im Auftrag des Unternehmens der grundsätzlichen Frage nach: Was machen Mikrochips mit Menschen? O-Ton 7 Bell Sprecherin Voice Over In den letzten Wochen etwa habe ich mir von hier, meinem Büro in Canberra aus, digitalisierte Objekte der Weltausstellung im 19. Jahrhundert in London angesehen. Schließlich können wir uns dank leistungsfähiger Mikroprozessoren in unseren Rechnern nun nicht nur unterhalten, sondern uns sogar über Kamera sehen. ERZÄHLERIN ...erzählt Bell per Videokonferenz von Australien aus. O-Ton 8 Bell  Sprecherin Voice Over  „Und wenn Sie nun vorhergesagt haben, dass Sie mit ihrem Erscheinungsbild in der Videokonferenz unzufrieden sind, so zeigt das, dass diese Technologie nicht nur unsere gegenseitige Wahrnehmung - sondern auch das Bild von uns selbst verändert.“ ERZÄHLERIN Niemand bleibe von den Auswirkungen der neuen Technologie und der Erfindung des Mikrochips unberührt, sagt die australische Professorin. Dies gelte für Bewohner eines weit abgelegenen afrikanischen Dorfes, die nur dank Online-Überweisungen von Verwandten im reichen Europa überlebten - genauso wie für einen auf den ersten Blick von der Welt abgeschnittenen Farmer in den Weiten Australiens. O-Ton 9 Bell OV  Sprecherin Voice Over „Der erzählte mir bei einer meiner Feldforschungen: „Wissen Sie, ich google jeden Tag!“. Darauf ich ich: „Moment mal, gerade haben Sie erzählt, sie hätten nicht einmal einen Computer?“ Es stellte sich dann heraus, dass dieser Farmer immer seine Tochter anruft, wenn er eine Frage hat – und die gibt diese dann für ihn in die Suchmaschine ein. Dieser Landwirt brauchte also nicht einmal einen Rechner, um mit der Welt vernetzt zu sein. Ein Beispiel, das zeigt: Die Mikroprozessor-Technologie beeinflusst das Leben jedes Individuums weltweit – auch wenn sich die Auswirkungen jeweils sehr unterschiedlich ausgestalten.“ MUSIK: MASCHINE LIKE 0‘17 ERZÄHLERIN Doch damit die Mikrochip-Technologie weitreichende Wirkungen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft entfalten konnte, musste sie zuerst einmal den jahrzehntealten Nimbus einer sperrigen Spezialanwendung für Buchhalter oder Ingenieure ablegen. O-Ton 10 Bell Sprecherin Voice Over „Dazu kamen sie dann nach Hause: Als Personal – oder so genannte Home-Computer.“ ERZÄHLERIN Zu Beginn der 1980er-Jahre waren Home-Computer das neue Ding. Erstmals kam eine breite Bevölkerung mit Computern in Kontakt, der in einem grauen Gehäuse ruhenden „Commodore 64“ - zog auch in viele deutsche Haushalte ein.  GERÄUSCH PAC MAN SOUND Doch der von außen bieder wirkende „Brotkasten“ hatte es in sich: Auf der Platine waren neben dem-Haupt-Prozessor auch ein Sound- und ein Videochip integriert. Dies machte ihn zum Renner für scheppernde und blinkende Computerspiele, die oft im Wohnzimmer über den Fernsehbildschirm flimmerten. GERÄUSCH TIPPEN Der digitale Fortschritt veränderte in den 80ern auch die Büroarbeit: Überall zogen Personal Computer – kurz PCs – ein. Schrittmacher dieser Geräte waren Chips, die immer kleiner und gleichzeitig leistungsfähiger wurden. Damit konnte mehr Speicher genutzt werden - was komplexere und bessere Programme ermöglichte. Doch nicht nur in den Büros – auch in der Produktion war der Siegeszug der Mikrochip-Technologie nicht aufzuhalten. Weltweit wurden Maschinen und Anlagen in großem Stil mit Mikrochips bestückt.  O-Ton 11 Klaus Behling, Autor „Die DDR und der High-Tech-Schmuggel“ „Das ist ja nicht nur ein bisschen Rechentechnik gewesen, sondern das war eine grundlegende Umstellung in der Produktion.... ERZÄHLERIN ...die vor allem den Anlagen- und Maschinenbau betraf, sagt der Journalist und Autor Klaus Behling. O-Ton 12 Behling „Und diese Umstellung der Produktion hat natürlich zu Wertverschiebungen geführt. Diese Maschinenbau-Ergebnisse haben sich mit der Mikroelektronik so verändert, dass also letztlich die eigentliche Maschine nur noch 20 Prozent des Wertes ausmachte, manchmal sogar noch weniger, und die Steuerung 80 Prozent.   MUSIK: NOT KNOWING 0‘29 ERZÄHLERIN Glänzende Geschäfts-Aussichten für die Halbleiter-Industrie, die solche Mikrochips für die Maschinen-Steuerung liefern konnte – und düstere Perspektiven für diejenigen, die nicht an diese Chips kamen, wie etwa Hersteller in der DDR. Seinerzeit weit vorn in Bau und Export etwa von Werkzeugmaschinen, drohten dem Staat nun massive Einbußen bei den lebensnotwendigen Devisen. O-Ton 13 Behling „Sie machte also diesen riesen Eisenklotz, und ein anderer setzte sein kleines Kästchen rein – und kassierte 80 Prozent des Preises für die Maschine. Und daraus ergab sich dann letzten Endes die Notwendigkeit, entsprechend zu reagieren.“ MUSIK: STRIP OF WORLD 0‘23 ERZÄHLERIN Es waren zum einen ein zu später Einstieg in die Halbleitertechnik, zum anderen das Abgeschnitten-Sein von Know-How und Material, die die DDR ins Hintertreffen und damit in Zugzwang brachten. Denn der Westen hatte gegen die sozialistischen Staaten des Ostblocks ein Wirtschaftsembargo verhängt, das auch Hochtechnologie umfasste. Den Mangel versuchte die DDR mit dem Schmuggel und dem Klau von Wissen wettzumachen – Wissen, was Chips sowie das Rohmaterial und Maschinen für deren Produktion anbelangt. Was unter das Embargo fiel, musste teuer illegal eingeführt werden – und entsprach oft nicht einmal dem modernsten Stand der Technik. Die DDR lieferte sich so ein hochruinöses Wettrennen mit dem Westen, das nicht zu gewinnen war. O-Ton 14 Buthmann „Diese ganze Mikroelektronik-Import-Geschichte der DDR – forciert Mitte der 80er-Jahre – führte eindeutig in eine krisenhafte Situation und verschärfte mit Sicherheit den Abstieg der Volkswirtschaft der DDR – und mithin auch des politischen Systems. „Der illegale Import von Hochtechnologiegütern hat mit Sicherheit die Existenzdauer der DDR verkürzt.“ ERZÄHLERIN ...so das Fazit von Reinhard Buthmann, der das Mikroelektronik-Programm der DDR erforscht hat.  MUSIK: SIGNS OF RELAXATION 0‘48  Zeitgleich mit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ kamen erste Zweifel am „Moore´schen Gesetz“, dieser Prognose eines exponentiell wachsenden Potenzials von Mikrochips auf, bis Mitte der 1990er-Jahre hatten dann die Ansprüche an Mikroprozessoren ihre tatsächliche Leistungsfähigkeit überstiegen. Neue Lösungen mussten her:  Statt immer mehr Leistung in nur einen Prozessor zu stecken, teilte man die Aufgaben auf:  Hauptprozessor, Arbeitsspeicher und Grafikeinheit werden nun auf einem Chip platziert - neben – oder sogar übereinander.  Dieses „System On a Chip“ kam zunächst vor allem bei Smartphones zum Einsatz.  O-Ton 15 Dittmann „Wir tragen heute einen Supercomputer von vor zwanzig Jahren in Hosentasche – und merken das gar nicht. Es ist enorm, wie da die Leistungsfähigkeit zugenommen hat“ ERZÄHLERIN Chips, die immer kleiner und leichter werden, ermöglichen eine neue Infrastruktur unserer Informationsgesellschaft: Das „Internet der Dinge“, sagt Genevieve Bell. O-Ton 16 Bell OV  Sprecherin Voice Over „Gordon Moore hat bereits vorhergesehen, dass Mikroprozessoren an allen möglichen oder unmöglichen Orten zum Einsatz kommen würden – etwa in Autos, und dass diese Objekte mit anderen Gegenständen kommunizieren würden.“ ERZÄHLERIN Unterschiedliche Objekte – seien sie real oder virtuell – sind miteinander sowie mit dem Internet vernetzt und arbeiten im „Internet der Dinge“ zusammen. Hauchdünne Halbleiter-Chips können dabei nicht nur als Prozessoren Rechnen und Steuern. Sie sind auch als Speicher im Einsatz - und als Sensoren, die messen und Signale übermitteln. Im „Smart Home“ etwa weiß ein „intelligenter“ Kühlschrank, was fehlt – und sendet diese Botschaft ans Smartphone seines Besitzers, sobald dieser den Supermarkt betritt. Beim autonomen Fahren misst ein Sensor den Abstand zu einem vorausfahrenden Auto und meldet dies an einen Prozessor-Chip, der diese Information verarbeitet - und automatisch bremst. MUSIK: ENDLESS DATA (C) 0‘42 Eine segensreich scheinende Zukunftstechnologie – die sich aber schnell als Fluch erweisen kann: Fällt ein für die Sicherheit der Passagiere höchst relevantes Teil aus, ist das ganze System lahmgelegt.  Die Omnipräsenz der Mikrochips hat mittlerweile Abhängigkeiten in großem Maßstab geschaffen. Mangelt es – wie während der Corona-Pandemie - gar ganz an Chips, so geraten Wirtschaftskreisläufe ins Stocken, weiß der Halbleiter-Experte Jan-Peter Kleinhans. Er arbeitet für den Berliner Think Tank „Stiftung Neue Verantwortung“. O-Ton 17 Jan-Peter Kleinhans, Halbleiter-Experte Stiftung Neue Verantwortung „Egal, ob das der Traktor ist zum Maisernten, oder das Beatmungsgerät in der Intensivstation, oder der Bankautomat, von dem ich mein Geld hole. All das ist ohne Halbleiter nicht denkbar.“ ERZÄHLERIN Die Chipkrise hat auch die deutsche Wirtschaft bis ins Mark getroffen: Den Bau von Maschinen und Anlagen, sowie die Autoindustrie. In vielen VW-Fabriken ruhte wochenlang die Produktion, weil Mikrochips fehlten. Maschinenbauer mussten trotz voller Auftragsbücher Kurzarbeit anmelden. Die Gründe für den weltweiten Mangel an Mikrochips sind komplex, haben aber viel mit der Pandemie zu tun. Wenn ein Autohersteller einen Chip braucht, bestellt er diesen häufig bei einem Zulieferer. Dieser wiederum kauft bei Halbleiter-Konzernen ein. Doch auch dieses Halbleiter-Unternehmen produziert oft nicht selbst - sondern hat die Herstellung häufig an einen Auftragsfertiger in Asien ausgelagert. Dazu kommt die Chip-Produktion an sich, die an die 1000 Schritte beinhaltet und bis zu drei Monate dauert. Fällt nun – wie bei asiatischen Herstellern geschehen - coronabedingt die Produktion aus, fehlt also plötzlich ein Glied in der Produktionskette, so geht schnell gar nichts mehr. MUSIK: MACHINE LIKE (C) 0‘40 Doch der Chip-Mangel bei deutschen Auto-Herstellern ist auch hausgemacht. Sie selbst stoppten mit der ersten COVID-Welle das Gros ihrer Bestellungen. Als die Nachfrage wieder anzog, fehlten diese Chips. Halbleiter-Hersteller wie Intel, TSMC oder die Münchner Infineon hatten nicht auf ihre Kunden aus der Autoindustrie gewartet – sondern ihre kleinen Bauteile nunmehr in Richtung IT- und Unterhaltungsindustrie weitergeleitet. Deren Verkäufe boomten, weil immer mehr Menschen immer mehr Streamingdienste und Video-Konferenzen nutzten. Der Mangel an Mikrochips in wichtigen Wirtschaftsbereichen schädigt das Wachstum auf kurze und mittlere Sicht, sagt Jan-Peter Kleinhans.   O-Ton 18 Kleinhans „Es gibt ja verschiedene Hochrechnungen und Analysen, dass sich die Chipknappheit bereits schon heute auf das Bruttoinlandsprodukt in Europa und zum Beispiel auch in den USA auswirkt. Das ist aber eben in der Tat nur mittelfristig so.“ ERZÄHLERIN Lösungen seien bereits in Sicht, sagt der Halbleiter-Experte Kleinhans: Langfristige Verträge etwa könnten den Auftragsherstellern von Chips mehr Sicherheit geben – und damit Investitionen sowie die stockende Produktion wieder ankurbeln. MUSIK:  ANOTHER DAY 0‘55 Halbleiter werden mehr denn je zu einer kostbaren Ware, sagt die australische Wissenschaftlerin Genevieve Bell. Und der Mikrochip zu einem Objekt, das die moderne Wirtschaftswelt im Innersten zusammenhält.  O-Ton 19 Bell Sprecherin Voice Over Dank leistungsstarker Analyse-Software konnte man etwa in Rekordzeit die genetischen Marker des Corona-Virus bestimmen und die Impfstoff-Entwicklung voranbringen. Doch letztendlich hat uns dieses „Massenexperiment“ der Pandemie auch gelehrt zu unterscheiden zwischen Angelegenheiten, bei denen wir glücklich sind, wenn sie dank Chips digital funktionieren – und zwischen Dingen, die wir schmerzlich vermissen, wenn sie nicht physisch präsent sind.“
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Mar 26, 2024 • 23min

Der Knoten - Vom Schnürsenkel zum Gottesbeweis

Ob wir uns nun die Schuhe zubinden oder den Müllsack schließen, ob wir segeln oder klettern, nähen oder uns den Pulli umhängen: Knoten sind auch im digitalen Zeitalter allgegenwärtig. Von Julie MetzdorfCredits Autorin dieser Folge: Julie Metzdorf Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Hemma Michel, Johannes Hitzelberger Technik: Laura Picerno Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview:Michael S. Karg, Buchautor und KnotenexperteAnna Heringer, Architektin Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLER Dampfmaschine? Elektrizität? Das Rad? Können Sie alles vergessen. Der Knoten war es, der die Menschheit voranbrachte:  Musik von Privat Intervox Nr. 71 african Wildlife Take 4 African Jungle percussion K: Matthais Ruckdäschel  Dauer: 0´35´´ geknotete Stricke hielten die Axt am Stiel und die Speerspitze am Stock, Schlingen und Schlaufen halfen Lasten zu tragen und Fallen zu stellen, mit Knoten verband man Baumstämme zu Flößen und Hütten, spannte Sehnen an Ästen zu Bögen, knüpfte Netze und überhaupt: die Bezeichnung Steinzeit sollte man abschaffen. „Knotenzeit“ ist viel passender. 1 OT Michael S. Karg also man vermutet, dass der Mensch bereits vor zwei 250.000 bis vielleicht sogar 1 Million Jahre vor unserer Zeit schon begonnen hat, Dinge zu verknoten und den Knoten zu nutzen als Werkzeug. Und wenn man bedenkt, das Rad, das kam ja eigentlich vergleichsweise spät. Und insofern hatte der Knoten schon sehr viel geleistet, bevor das Rad überhaupt erst erfunden wurde. ERZÄHLERIN Michael Simon Karg ist Experte. Er hat ein Buch über die zentrale Bedeutung des Knotens für die Menschheit geschrieben: „Am Anfang war der Knoten“ heißt es. Michael Karg hat einmal Soziologie studiert, aber ein Knoten-Wissenschaftler ist er nicht. Denn eine Wissenschaft vom Knoten gibt es nicht: 2 OT Michael S. Karg Er ist nach wie vor unglaublich wichtig in der Alpinistik, in der Nautik, im Bühnenbau nimmt man ihn her, sogar in der Medizin auch in der Forensik spielt er eine Rolle, eine unglaubliche thematische Breite und gleichzeitig aber auch eine wahnsinnige zeitliche Tiefe. Und ich persönlich habe es mir nur so erklären können, dass es schlicht und einfach zu komplex ist für eine einzige Wissenschaft.  Musik von Privat Intervox Nr. 71 african Wildlife Take 4 African Jungle percussion K: Matthais Ruckdäschel Dauer: 0´55´´ ERZÄHLER Wer über Knoten spricht, muss zunächst mal über das Seil sprechen. Über den Faden, die Schnur, das Tau, die Leine. Oder wie man solche „materialisierten Linien“ noch alles nennen kann. Genau genommen ist der Knoten nur ein bestimmter Zustand solch einer Linie. Der Knoten IST das Seil. Das Seil wiederum bleibt beim Verknoten gleich, es ändert sich nicht im Geringsten. Braucht man den Knoten nicht mehr, kann man ihn einfach wieder lösen und hält das Seil vom Anfang in den Händen. Sehr ressourcenschonend. Die Anzahl der Möglichkeiten, WIE man das Seil verknoten kann, geht dabei ins Unendliche. 3 OT Michael S. Karg Er beinhaltet eine irre Komplexität, wenn man bedenkt: aus einer einzigen Leine lassen sich Tausende verschiedene Knoten machen. ERZÄHLER Aber zurück zum Faden, der ist nämlich wichtig: Jeder Knoten kann nur so gut sein wie die Leine, mit der er geknüpft wurde.  Musik Misjudgement  Dauer: 0´23´´ Die frühen Menschen benutzen zunächst Leinen, so wie sie sie in der Natur vorfanden: Sehnen, Därme, Wurzeln, Lederriemen. Irgendwann entdeckten die Menschen das Verdrillungsprinzip, vor mehr als 40, vielleicht auch 50.000 Jahren, also in Alt- und Jungsteinzeit.  Musik In the water  Dauer: 0´37´´ ERZÄHLERIN Pflanzliche Materialien wie Flachs, Hanf oder Brennnesseln wurden in einem komplexen Prozess und unter Verwendung mehrerer Werkzeuge zu Garnen verarbeitet. Dazu mussten die Pflanzen erst einmal einige Wochen lang unter Wasser gären. Dann wurden sie getrocknet, gedroschen und gekämmt, Forscher fanden dazu Muschelschalen mit winzigen eingesägten Kerben an den Rändern, die wohl als Kämme gedient haben. Erst dann konnten die Fasern zu Garn und mehrere Garne zu einem Seil verdrillt werden.  ERZÄHLER Aber woher weiß man das eigentlich? Pflanzenfasern aus der Altsteinzeit haben wohl kaum bis heute überdauert. 4 OT Michael S. Karg Es gibt höchstens Artefakte, wie zum Beispiel perforierte Steine oder auch Muscheln oder Perlen, wo man natürlich dann den Rückschluss ziehen kann, dass da einfach Fäden durchgezogen wurden. Es gibt aber auch Funde von verdrillten Fasern, die sind bereits 50.000 Jahre alt, aus einer Gegend, und man weiß, dass zu der Zeit nur Neandertaler dort lebten. Also selbst die Neandertaler haben das Verdrillungs-Prinzip für sich genutzt.  ERZÄHLERIN Und der ganze Aufwand nur, um ein besseres Ausgangsmaterial für den Knoten zu bekommen. Die Verdrillung von Fasern zu Garnen und Seilen gilt als eine der bedeutendsten technologischen und kulturellen Errungenschaften der Menschheit – und der Knoten war wohl ihr Auslöser. Knoten waren extrem wichtig. Sie waren der Grundbaustein für eine unüberschaubare Menge an neuen Werkzeugen: Schlingen und Netze zum Sammeln und Jagen, Flechtwerk für Körbe, Gewebe für Segel und Kleidung. M Alter Ego  Dauer: 0´53´´ ERZÄHLER Heute kennen die Menschen vor allem einen Knoten: den sogenannten Überhandknoten. Es ist der einfachste Knoten der Welt: Man nimmt eine Leine und legt mit einem Ende ein Auge, also eine Art Kreis. Dann sticht man mit dem losen Ende von unten durch den Kreis hindurch. Festzurren, fertig. Der Überhandkoten ist ein Stopperknoten. Jeder kennt und verwendet ihn, z.B. um damit einen Luftballon zu verschließen.  ERZÄHLERIN Soll ein Knoten etwas zusammenhalten, wird er mit zwei Seilenden geknotet: Rechts über links, unten durchziehen, und dann noch einmal rechts unter links, fertig ist der ewig schöne Kreuzknoten.  M Knoten knoten weg ERZÄHLER Sie merken schon: Knoten erklären ist eine echte Herausforderung! Zur Weitegabe von Wissen ist es aber wichtig. Eines der bedeutendsten Knotenbücher ist das „Ashley-Buch der Knoten“ von 1944. Es umfasst mehr als 7000 Zeichnungen, die annähernd 4000 verschiedene Knoten darstellen. Elf Jahre hat der Künstler und Seemann Clifford Ashley daran gearbeitet. Ein Buch über Knoten im Schaufenster eines Buchladens war es auch, das den Autor Michael Karg zum Knoten-Enthusiasten machte:  5 OT Faszination - Michael S. Karg Diese Gleichzeitigkeit von der Einfachheit einer Leine, was kann es einfacheres geben als eine Leine und dann diese irre Komplexität – und gleichzeitig aber auch diese existentielle Dualität: Leinen können töten, aber sie können eben auch Leben retten. ERZÄHLERIN Erst beim Schreiben seines Buchs über die Kulturgeschichte des Knotens fiel Michael Karg auf, dass seine Faszination vielleicht auch etwas mit einem einschneidenden Ereignis in seinem Leben zu tun haben könnte: 6 OT Rettung - Michael S. Karg 2005 bin ich mit fünf Freunden, wir hielten es für gute Idee, auf der Isar Boot zu fahren, und sind dann aber ziemlich schnell gekentert in der Wasserwalze. Und ja hatten da einfach überhaupt keine Möglichkeit, rauszukommen aus eigener Kraft. Und irgendwann kamen dann eben die Hubschrauber, und da hing dann eben auch das Seil herab, und das hat und dann alle unversehrt Gott sei Dank wieder herausgezogen.  M Lights  Dauer: 1´19´´ ERZÄHLER Doch Knoten dienen nicht nur als Werkzeug, sondern auch als Symbol: Ausgehend von ihren Funktionen stehen Knoten heute vor allem für Verbundenheit, Vertrauen und Sicherheit. Das passt zur heute üblichen praktischen Anwendung von Knoten in Seefahrt, Alpinistik und Bühnentechnik. Im Sport begegnen uns Knoten zum Beispiel an der Saitenbespannung von Tennisschlägern, in der Musik an der Gitarre und selbst Chirurgen verschließen Nähte heute genau wie ihre Kollegen vor 2000 Jahren oft mit einem Kreuzknoten, hinzu kommen zum Beispiel Gleitknoten: Diese können am Fadenende gelegt und dann zur Nahtstelle hingeschoben werden. Angehende Chirurgen müssen sich während ihrer Ausbildung jedenfalls ernsthaft mit Knoten beschäftigen. ERZÄHLERIN Knoten haben einen abschließenden Charakter: Der Name Knut bedeutet im Skandinavischen Knoten. Man nannte denjenigen Sohn Knut, mit dem man die Familienplanung abzuschließen, also gewissermaßen zuzuknoten gedachte. Aber wie wir wissen: man kann Knoten auch wieder lösen, falls man es sich anders überlegt… 7 OT Michael S. Karg Und der Knoten war eigentlich auch in vielen Kulturen immer auch ein Symbol für Treue. Also man hat zum Beispiel in Skandinavien noch sehr lange an Knoten eine verwendet als Ehe-Symbol, also die Kirche hatte es eigentlich relativ lange es schwer gehabt, den Ring einzuführen, weil er einfach der Knoten so eine starke Bedeutung gehabt hat. M Boleras Sevillanas Dauer: 0´48´´ ERZÄHLER Aber nicht nur Menschen, auch Städte konnten treu sein. Die andalusische Metropole Sevilla hat den Knoten deshalb im Stadtwappen. Vom Kanaldeckel übers Leihfahrrad bis zur Werbung einer Bankfiliale: Das 8-förmige Knotensymbol findet sich überall in der Stadt, meist eingebettet in das Wort „nodo“, was nichts anderes heißt als Knoten. Zugleich umfasst „nodo“ aber auch den Anfang und Ende des Ausspruchs „No me ha dejado“ - sie hat mich nicht verlassen. Genau das soll König Alfonso der Weise gesagt haben, als die Stadt bzw. ihre Bewohner ihm im Kampf beigestanden haben. Das könnte sich kein Stadt-Marketing-Experte des 21. Jahrhundert besser ausdenken, und ob der König das nun wirklich so gesagt hat oder nicht: die identitätsstiftende Wirkung von Anekdote und Symbol sind unbestritten. ERZÄHLERIN Falls Sie jetzt direkt mit dem Knoten anfangen wollen: Kein Problem! Man braucht keinerlei Vorbildung. Eine schöne Leine, die gut in der Hand liegt und einfach mal drauflosgeknotet. Selbst Kinder können schon Knoten binden. Die international hochdotierte Architektin Anna Heringer aus Laufen an der Salzach ist für das Bauen mit Lehm bekannt. Aber auch Knoten benutzt sie in ihren Gebäuden gern. Ihre ersten hat sie bei den Pfadfindern gemacht: 8 OT Anna Heringer Für mich waren die Knoten ganz essenziell beim Bau meines ersten Gebäudes, bei der METI-Schule, das ist im Erdgeschoss ein Lehmbau, aber im Obergeschoss ist es ein Bambusbau. Und wenn man damals so die Literatur über Bambus angeschaut hat, dann waren das alles so Metallgelenke, die dann auch wieder teilweise ausgegossen waren mit Beton, die Zwischenräume usw. … Und dann hab ich mir gedacht, bei den Pfadfindern bauen wir das doch auch alles mit Knoten.  ERZÄHLER Für ihre preisgekrönte METI-Schule in Bangladesch hat Anna Heringer Bambusstäbe zu tragenden Decken zusammengefügt. Die Knoten übernahmen hier nicht nur wichtige Funktionen, sie wurden auch ganz bewusst als Gestaltungsmittel eingesetzt. Stundenlang haben Anna Heringer und ihr Team mit den Bauarbeitern vorab geübt, schöne, gleichmäßige Knoten zu machen.  9 OT Anna Heringer Das war eben das Schöne, weil ich es als Jugendliche und Kind wirklich gelernt habe, auf Knoten zu vertrauen. Wir haben halt im Lager immer unsere Sisal-Seile und Schnüre dabeigehabt. Und mit denen haben wir immer von Bauern ein paar Fichten-Rundlinge gekriegt, haben damit alle möglichen Bauten gemacht, Türme, auf denen wir dann oben natürlich gestanden sind. Und dann habe ich gemerkt, wie viel das tragen kann. ERZÄHLERIN Selbstwirksamkeit lautet das Stichwort. Beim Knoten können Kinder wichtige Erfahrungen machen, sie spüren, wieviel Kraft in einem Knoten steckt und lernen früh, wie schön einfache Dinge sein können. 10 OT Anna Heringer Quasi mein allererstes Architekturstück war auch ein Knotenstück, und deswegen habe ich Vertrauen gehabt in Knoten. Im Team, dem Bangladesch Bauteam war auch mein Cousin Emmanuel Heringer dabei, und der ist auch Pfadfinder und Zimmerer und Korbflechter. Und diese Kombination war natürlich genial, und er hat dann wirklich diese, diese Knotentechnik, die wir aus der Jugend konnten, dann einfach dann noch mal verfeinert. Ich: Und haben sie während ihres Studiums der Architektur jemals etwas von Knoten gehört? Heringer: … M-M. Nee… G Seemöwen ERZÄHLER Heute bringen wir Knoten schnell mit Seefahrt und Segelsport in Verbindung. Mit Leinen und Knoten wurden einst Segel, Ruder oder Steuerrad befestigt, die Ladung fixiert oder das Schiff selbst am Kai verankert. Doch Knoten hatten auf einem Schiff von jeher nicht nur praktische Bedeutung. Sie dienten auch dem Zeitvertreib, Taue und Zeit waren ja ausgereichen vorhanden. So wurden Seemänner zu Meistern des dekorativen Knotens und verzierten allerlei kleine Dinge, Griffe an Kisten zum Beispiel oder das Steuerrad. Wer besonders kunstvolle Knoten knüpfen konnten, genoss in der Mannschaft hohes Ansehen.  M Aimless    0´20´´ unter: ERZÄHLERIN Letztlich waren Knoten sogar eine Möglichkeit, Gefühle auszudrücken: Der Überlieferung nach übergaben Seemänner ihrer Liebsten bei der Abreise einen sogenannten Liebesknoten, eine Schnur mit zwei Knoten. Waren sie bei seiner Rückkehrt immer noch zusammengezogen, hieß das, dass die Liebste treu geblieben war.  M Alter Ego  Dauer: 0´33´´ ERZÄHLERIN Das Besondere an Knoten: Sie sind sowohl Werkzeug als auch Werkstoff. Der Knoten entsteht aus der Leine selbst. Wenn wir ihn nicht mehr brauchen, verschwindet er wieder und hinterlässt keinerlei Müll. Gerade noch Leben gerettet und schon in Luft aufgelöst, als hätte es ihn nie gegeben. Die Leine ist wiederverwendbar, und sofort bereit für einen nächsten Knoten.  ERZÄHLER Ressourcenschonender geht’s nicht. Welch gute Dienste ein Knoten bei alldem leistet, beweist ein Blick auf den Hochleistungssport. Sportartikelhersteller geben jährlich Millionen von Euro für die Entwicklung neue High-Tech-Materialien aus, die Schuhe werden immer leichter und steifer, die Läufer immer schneller. Doch egal ob Fußballer oder Marathonläuferin: Am Ende schließen sie ihre High-Tech-Schuhe mit einer prähistorischen Verbindungstechnik und machen den guten alten Schnürsenkelknoten.  Musik von Privat Intervox Nr. 71 african Wildlife Take 4 African Jungle percussion K: Matthais Ruckdäschel ERZÄHLERIN Aber Knoten sind nicht nur praktisch. Schon das Mittelalter kannte Knoten nicht nur als Hilfsmittel bei Jagd und Handwerk, sondern auch als Informationsträger: Müller zum Beispiel nutzten zum Verschließen der Mehlsäcke unterschiedliche Knoten, die über den Mahlgrad des Mehls Auskunft gaben. Die Ureinwohner Nordamerikas kannten ein auf Knoten basierendes Kalendersystem,  12 OT Michael S. Karg indem man also Leinen mit einer bestimmten Anzahl von Knoten knüpfte, wobei jeden Tag ein Knoten zu lösen war. So konnten sich unterschiedliche Stämme auch miteinander koordinieren, für einen zukünftigen Treffpunkt und Zeitpunkt. Dann weiß man zum Beispiel von den Maya, die haben das Rechen-Instrument verwendet… ERZÄHLER Die Maori wiederum nannten Knoten den „Ursprung des Wortes“. Tatsächlich berichten Knoten-Profis immer wieder, Knoten zu knüpfen sei wie eine Sprache mit einer eigenen Grammatik, bei der sich einzelne Teile immer wieder neu zusammensetzen lassen und aufeinander aufbauen. Die Beschäftigung mit Knoten dürfte das abstrakte Denken der frühen Menschen gut geschult und die Entwicklung von Sprache vorangetrieben haben. ERZÄHLERIN Gleichzeitig blieben Knoten den Menschen immer rätselhaft. Das spiegelt sich in ihrem symbolischen Gehalt: Knoten stehen für Ewigkeit und Unendlichkeit oder für die Welt an sich, also für Dinge, die sich der Mensch nicht recht vorstellen kann. Denn es gibt Knoten, die alle physikalische Logik aufzuheben scheinen und selbst geübte Knotenknüpfer immer wieder staunen lassen, wie sie eigentlich funktionieren.  M Alter Ego  Dauer: 0´45´´ Der Eiszapfenstek zum Beispiel hält wie von Zauberhand an einem glatten, spitz nach unten zulaufenden Gegenstand. Beeindruckend findet Michael Karg auch den Constrictor bzw. „Würge-Knoten“: 13 OT Würgeknoten - Michael S. Karg Man wirft da ein Seil eigentlich nur, sage jetzt mal dreimal um einen Gegenstand rum und zieht ihn zweimal unter sich selbst durch. Und der hat so eine unglaubliche Wirkung, man zieht an beiden Händen an und egal wie fest, er hält dann einfach, er hält sich selbst fest. Für Urvölker war diese zum Teil nicht mehr nachvollziehbare Funktion von Knoten, diese Wirkung, die er entfaltet, einfach ein Beleg für so eine gewisse göttliche Einwirkung in diese Knoten. ERZÄHLER Der Würgeknoten als Gottesbeweis… Im christlichen Kontext begegnen uns Knoten tatsächlich immer wieder, an Säulen oder in der Buchmalerei. Be der Ordenstracht der Franziskaner ist das Cingulum ein weißer Strick - die drei Knoten dieser Kordel stehen für Armut, Gehorsam und Keuschheit.  14 OT Symbolik- Michael S. Karg Gerade im christlich abendländischen Raum hat der Knoten eine sehr positive Bedeutung gehabt, Knotensäulen, und das hat sich aber dann innerhalb von ein paar Jahrhunderten gewandelt und der Knoten hat dann im Spätmittelalter eine ziemlich schlechte Konnotation erhalten.  M Causic – slow motion Dauer: 0´53´´ ERZÄHLERIN Plötzlich waren Knoten ein Problem, mussten gelöst oder durchschlagen werden. Im 18. Jahrhundert etwa tauchen vermehrt Gemälde mit dem gordischen Knoten auf. Einer griechischen Sage nach war das ein Knoten am Streitwagen des phrygischen Königs Gordios. Er verband die Deichsel des Wagens mit dem Zugjoch und soll aus dem besonders festen Bast der Kornelkirsche gefertigt gewesen sein. Ein Orakel hatte vorhergesagt, wer diesen Knoten löse, würde über Asien herrschen. Viele Tüftler versuchten sich an der Aufgabe und scheiterten. Alexander der Große soll den Knoten schließlich einfach mit seinem Schwert durchgeschlagen und damit seinen Siegeszug durch Asien eingeläutet haben. M Wooden structure Dauer: 0´30´´ ERZÄHLER Ein Schwert zum Durchschlagen wünscht man sich manchmal auch beim täglichen Kampf mit ungewollten Knoten: Kopfhörerkabel, Wäschestücke, Strickwolle und der Unterfaden an der Nähmaschine verknoten sich regelmäßig von ganz allein zu herausfordernden Knäueln. Es gibt auf Youtube sogar Tutorials, wie man seine Kopfhörer wickeln soll, damit sie nicht verknoten.  ERZÄHLERIN Zu einigem Ruhm hat es eine barocke Darstellung der Jungfrau Maria als Knotenlöserin in einer Augsburger Kirche gebracht:  M Facades aus: Melody for Saxophone Nr. 12 / Facades  Dauer: 0´26´´ das Gemälde aus dem Jahr 1700 zeigt Maria auf einer Mondsichel, in den Händen hält sie ein langes weißes Band, das sie von vielen Knoten befreit. Mit ihrem Fuß tritt sie auf den Kopf einer verknoteten Schlange, Symbol für den Sündenfall. Die Schlange spiegelt das Band mit den Knoten, indem Maria die Knoten löst, macht sie gewissermaßen den Sündenfall rückgängig.   15 OT Michael S. Karg Und diese Madonna als Knotenlöserin ist in Südamerika sehr beliebt, weil der Papst Franziskus während seines Deutschland-Aufenthalts dieses Bild eben entdeckt hat und war dann so fasziniert davon, dass er das bei sich zu Hause dann eigentlich so ein bisschen auch promotet hat und das hat offenbar hohen Anklang gefunden. ERZÄHLER Eine der beeindruckendsten Knotendarstellungen kommt von Leonardo da Vinci. Er schuf die sogenannte Concatenation, ein hochkomplexes Ornament aus einer einzigen durchgehenden Linie, die sich in immer wieder neuen Knoten und Verschlingungen systematisch auf dunklem Untergrund windet und das ganze Blatt füllt.  Musik Misjudgement  Dauer: 0´50´´ ERZÄHLERIN Leonardo galt der Knoten in der Renaissance als Ideal-Objekt, in dem Schönheit und Nützlichkeit, abstraktes Denken und praktisches Handwerk, Wissenschaft und Dekor zusammenkommen. Ein komplexer Knoten stand sinnbildlich für die Rätsel der Natur – die es zu lösen galt wie einen Knoten. Das großflächige Ornament aus einem einzigen weißen Band zu bilden, entspricht der philosophischen Idee vom Sein an sich: aus dem Einen das Viele. Inspiration für seinen Knoten-Symbolik erhielt Leonardo vermutlich von seinem Landsmann Dante Alighieri, der hatte in seiner Göttlichen Komödie die komplexe Darstellung eines Knotengeflechts als Metapher für das Universum benutzt.  M Alter Ego  Dauer: 0´46´´ ERZÄHLER Wer mit offenen Augen durch die Welt läuft, wird viele Knoten finden. Und manches Mal wird er sie auch vermissen: unlösbare Kabelbinder aus Kunststoff ersetzen den guten alten Strick immer öfter. Ein anderes Beispiel ist der Kordelstopper an Jacken und Rucksäcken. Er soll verhindern, dass eine Kordel in den Tunnel hineingezogen wird. Abermillionen von diesen kleinen Plastikteilen sind in Umlauf und werden am Ende mit der abgetragenen Kleindung einfach weggeworfen. Dabei ist der Materialaufwand völlig überflüssig:  Ein einfacher Knoten hätte es auch getan. 
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Mar 25, 2024 • 22min

Theophanu - Kaiserin im römisch-deutschen Reich

Kaiserin Theophanu sorgt im weströmischen Reich der Ottonen für Stabilität und außenpolitische Erfolge. Die Frau aus Byzanz hat nicht nur politisches Geschick, sie bringt auch Kunst und Bildung nach Deutschland. Autorin: Ulrike Beck (BR 2019)Credits Autorin dieser Folge: Ulrike Beck Regie: Frank Halbach Es sprachen: Stefan Wilkening, Irina Wanka Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview:Ludger Körntgen (Professor; Dr.; Historiker; Professor für mittelalterliche Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz);Klaus Gereon Beuckers (Professor; Dr.; Kunsthistoriker; DIrektor am Kunsthistorischen Institut der Christian-Albrechts-Universität, Kiel) Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT  Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 Erzähler Rom im Frühjahr 972. Es muss ein spannender Moment gewesen sein, als die Griechin Theophanu aus Byzanz in Rom eintrifft. Sie ist noch ein halbes Kind, vielleicht erst 12, vielleicht aber auch schon 16 Jahre alt. Ihr genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt. Hier soll sie nun Otto II. heiraten. Den künftigen Herrscher aus der Dynastie der sächsischen Ottonen, die das weströmische Reich regieren. Erzählerin Theophanu kennt ihren künftigen deutschen Gatten noch nicht. Sie weiß nur, dass er siebzehn Jahre alt ist und sein Vater sich in den Kopf gesetzt hat, dass er eine purpurgeborene Prinzessin aus Byzanz, aus dem Zentrum des oströmischen Reichs, zur Frau nehmen soll. Auf sie werden viele Aufgaben zukommen. Erzähler Denn ihr künftiger Schwiegervater, Otto der Große, verknüpft mit dieser Verbindung große Absichten, erklärt der Kunsthistoriker Klaus Gereon Beuckers: MUSIK ENDE 1.O-Ton ( Beuckers ab 2:50) Für die Ottonen war das eine Anerkennung ihrer inzwischen erlangten Stellung. Otto der Große hatte sozusagen in der Tradition Karls des Großen stehend und auch dezidiert darauf Bezug nehmend sich in Aachen krönen lassen. (…) Und  wollte jetzt diese damit verbundene geopolitische Dimension durch eine Prinzessin aus Byzanz oder durch die Anerkennung aus Byzanz absichern und auch nach außen dokumentieren. 3:19 (…) Weil es zu der Zeit gerade in den 60er-, 70er-Jahren einige Probleme mit Süditalien gab, was formell zum Reich gehörte und wo die Byzantiner relativ große machtpolitische Interessen hatten und auch das wollte man befrieden und hat sich dementsprechend um diese Prinzessin gekümmert. Erzählerin Theophanu ist aber nicht die Tochter, sondern nur die Nichte des oströmischen Kaisers Johannes Tzimiskes. Es ist ein Affront, dass Byzanz sie schickt. Dennoch lässt Otto der Große die Hochzeit nicht platzen, sondern nimmt Theophanu als künftige Schwiegertochter in Ehren auf. 2. O-Ton ( Beuckers ab 4:00) Wir wissen, dass einige am Hof da etwas die Nase gerümpft haben. Man muss aber auch sehen, dass in Byzanz zu der Zeit keine ganz klare Herrscherstruktur da war, da war gerade eben ein Herrscher abgelöst worden. Und im Prinzip der neue Usurpator schickte jetzt seine Nichte, über eine Tochter in dem Maße hat er nicht verfügt. Die Anna, auf die die Ottonen spekuliert hatten, wurde nach Russland verheiratet. 4:25 Warum Otto der Große darauf eingegangen ist oder auch Otto II. Wir wissen es nicht. Aber sie sind mit viel Nachdruck drangegangen, haben das Beste aus der Situation gemacht und haben direkt Theophanu wie eine Prinzessin behandelt. Musik 2 Erzähler Am 14.April 972 ist es soweit. Otto II. und Theophanu werden in Rom vom Papst vermählt. Während der Zeremonie krönt Johannes XIII. die Braut auch zur Kaiserin. Die einen reichen Schatz mit in die Ehe bringt: Wertvolle byzantinische Elfenbeinschnitzereien, Textilien, Parfümflakons und Goldschmiedearbeiten. Mit der jungen Kaiserin zieht nicht nur der Glanz der byzantinischen Kultur in das sächsische Herrscherhaus ein, sondern auch Bildung und modische Raffinesse.  Erzählerin Welches Kleid Theophanu bei ihrer Hochzeit trug, ist nicht überliefert, aber wie sie in etwa aussah, das lässt sich rekonstruieren. Auch, wenn kein einziges zeitgenössisches Porträt von ihr existiert: MUSIK ENDE 3.O-Ton (Beuckers ab 1:05) Wir können es über ein paar Dinge rückschließen. Ein Punkt ist beispielsweise, dass wir relativ genau wissen, wie ihre Enkeltochter, die Königin Richetza ausgesehen hat, weil ihre Gebeine untersucht worden sind in den Fünfzigerjahren, die im Kölner Dom ruhen heute. Und wir daher wissen, dass Richetza eine (1:40) schmale kleine dunkelhaarige Frau mit schmalem Gesicht gewesen ist.(…) Sodass wir auch davon ausgehen können, dass sie wahrscheinlich etwas von ihrer Großmutter widergespiegelt hat und weniger das Aussehen der Ottonen selber, die eher etwas gedrungener und rotblonde Leute gewesen sind, also eher einem anderen Typus entsprochen haben. MUSIK 3 Erzähler Nur ein Jahr nach der Hochzeit übernimmt Otto II. nach dem Tod seines Vaters die Alleinherrschaft über ein gigantisches Reich, das sich im Jahr 973 weit über Sachsen hinaus in die heutigen Beneluxländer, Elsaß und Lothringen, den nordöstlichen Teil der Schweiz, das Herzogtum Bayern mitsamt Österreich, Kärnten und Südtirol bis nach Italien hinein erstreckt.  Erzählerin Das bedeutet für Theophanu, dass ihr Alltag von nun an vor allem durch Reisen bestimmt ist. Eine feste Residenz als Wohnsitz gibt es nicht. Stattdessen begleitet sie ihren Mann quer durch das Reich und von einer Kaiserpfalz zur anderen, um dort die Regierungsgeschäfte zu erledigen. Allein von Frühjahr bis Sommer 973 steht der Besuch der Pfalzen Quedlinburg, Memleben, Dornburg und Magdeburg auf dem Programm. Das ist strapaziös, aber notwendig, wie der Historiker Ludger Körntgen erklärt: MUSIK ENDE 4.O-Ton ( Körntgen ab 7:40) Man hat durchaus ohne Abschätzung insgesamt die Kaiser des Mittelalters (…) als Normaden auf dem Königsthron angesprochen, weil sie permanent durch das Reich sich bewegen, um ihre Herrschaft zur Geltung zu bringen. Die Herrschaft war sehr stark auf das persönliche Gegenüber angewiesen, auf die konkrete Kommunikation mit den anderen wichtigen Akteuren. (8:14) Und das konnte man eben nicht über lange Nachrichtenwege machen, das konnte man nur durch persönliche Präsenz machen. Deshalb ist eben Reisen von einem Ort zum anderen eigentlich ein prägendes Moment dieses Lebens. Erzähler Das Ehepaar scheint sich gut zu verstehen. Otto II. bezeichnet Theophanu in Urkunden auch als seine „vielgeliebte Gattin“, deren Rat er sehr zu schätzen weiß. Schon ein Jahr nach ihrer Hochzeit bestimmt er sie zur „Mitkaiserin“, die die politischen Angelegenheiten entscheidend mitbestimmt. Allein durch ihre Funktion als Mittlerin zwischen Bittstellern und ihrem Mann, dem Kaiser.  5.O-Ton (Körntgen ab ca. 10:30) Wenn man den Kaiser mit einem Wunsch oder einem Anspruch konfrontieren wollte, war es manchmal sinnvoll, erst mal bei der Kaiserin vorzufühlen. Das war noch ein bisschen unverbindlicher. (… 10:55) Sie verbringt viel Zeit mit Beratungen, sie empfängt Personen, die sich an sie wenden. Sie setzt sich ein für manche Personen, bringt deren Anliegen dann auch in der Beratung des Kaisers und seiner Umgebung zur Sprache. Das sind ganz wichtige Momente ihres Lebens. MUSIK 1 Erzählerin Theophanu ist nicht die erste Kaiserin, die im ottonischen Herrscherhaus als Mittlerin auftritt. Doch sie ist es, die in dieser Rolle Beispielloses leistet. Ein Viertel aller Urkunden, die Otto II. unterschreibt, gehen auf ihre Anträge - also Interventionen - zurück.  Erzähler Theophanu hat aber noch eine andere wichtige Aufgabe: sie muss Kinder kriegen. Drei Jahre nach ihrer Hochzeit bringt sie ihre erste Tochter zur Welt: Sofia. 977 folgt Adelheid, ein Jahr später Mathilde. Der lang ersehnte Thronfolger Otto III. wird im Jahre 980 geboren.  Erzählerin Für ihre Kinder mischt Theophanu das Erziehungsprogramm der Ottonen gründlich auf. Sie setzt durch, dass nicht nur Otto III. Griechisch und Latein lernt, sondern auch seine beiden Schwestern Sofia und Adelheid, die später Äbtissinnen werden.  Erzähler Otto III. wird später als Kaiser aufgrund seiner außergewöhnlichen Bildung als „mirabilis mundi“ - als Staunen der Welt - bewundert. Wie sehr ihn seine Mutter dabei geprägt hat, erklärt Ludger Körntgen: MUSIK ENDE 6.O-Ton (Körntgen ab 28:05) Offensichtlich war er die ersten zwei drei Lebensjahre (…) sehr eng mit der Mutter zusammen. Aber das ist nur eine vorübergehende Phase. Wichtiger war, dass sie einen Einfluss auf die Auswahl seiner Erzieher gehabt hat. 28:24 Eine ganz wichtige Persönlichkeit in diesem Zusammenhang war der spätere Bischof Bernward von Hildesheim. Ein Geistlicher, (…) der später als einer der dominierenden kulturell wirksamen Persönlichkeiten, ein Mäzen in Baukunst und Buchkunst und so weiter hervorgetreten ist. (…29:13) Interessanterweise gibt es so etwas spielerisch gemeinte Verse, die Otto der Dritte an seinen Lehrer geschrieben hat. 29:20 Darin bittet er ihn, ihm zu helfen, dass er etwas von seiner sächsischen Derbheit verliert und dass seine griechische Feinheit etwas gestärkt wird. MUSIK 4 Erzählerin Mit Theophanu kehrt aber nicht nur die Kultur in das sächsische Herrscherhaus ein, sondern sie sorgt mit einer Gefolgschaft aus Künstlern, Architekten und Goldschmieden aus ihrer Heimat auch dafür, dass sich im ganzen Reich byzantinische Kunstgegenstände verbreiten. Erzähler Und das ist absolut gewollt. Denn Byzanz als Zentrum des oströmischen Reiches gilt als der Maßstab in puncto Kultur. Sich an ihr zu orientieren, gilt im 10.Jahrhundert als chic - auch im weströmischen Reich. Der Kunsthistoriker Klaus Gereon Beuckers: MUSIK ENDE 7.O-Ton: (Beuckers ab 6:45) Etwa in der Mitte des Jahrhunderts geht das los, dass wir sehen, wie stark letztendlich byzantinische Vorbilder (…) rezipiert werden. 6:54 Das ist in der Buchmalerei so, das ist in der Goldschmiedekunst so, ganz besonders in Textilgewerben, die ja sehr sehr teuer waren. Und das hat in der Zeit, als Theophanu dann kam, einen großen Schub noch einmal erlebt. Wir sehen, (7:24) dass seitdem sie 972 gekommen ist, dass wir (…) dann wirklich die ottonische Hochblüte erleben, die auch sehr stark mit byzantinischen Formen, mit antiken Formen einhergeht. (…8:22) beispielsweise die beiden Elfenbeine auf dem Einband des Evangeliars Ottos III. im Aachener Domschatz. MUSIK 5 Erzählerin Und es ist Theophanu, die einen ganz neuen Brauch aus ihrer byzantinischen Heimat in Deutschland einführt: Sie feiert mit ihren Kindern das Nikolausfest. Natürlich nicht so, wie wir es heute kennen.  MUSIK ENDE 8.O-Ton (Beuckers ab 16:20) Nikolaus ist im byzantinischen Bereich ein sehr gängiger Heiliger gewesen. Wurde im Westen richtig bekannt, als man seinen Sarkophag aus der Türkei nach Bari, also nach Süditalien gebracht hat. In den 80er-Jahren des 11. Jahrhunderts, also hundert Jahre nach Theophanu. Da wurde er dann zu dem, was wir heute kennen. (…) In der (16:55) Zeit vor der Translation nach Bari gibt es nicht besonders viele Nikolaus Zentren. Aber die ersten, die wir greifen können, (…) sind im sehr engen persönlichen Umfeld von Theophanu entstanden, sodass man davon ausgehen kann - (…) dass sie im Prinzip eigentlich diejenige war, die diesen Kult innerhalb ihrer Familie zum mindesten eingeführt hat und verbreitet hat. MUSIK 5 Erzähler Allzu oft wird Theophanu mit ihren Kindern das Nikolausfest nicht gefeiert haben, denn an der Seite ihres Mannes ist sie schon ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes zunehmend in Italien unterwegs. Otto II. versucht als römisch-deutscher Kaiser, ganz Italien in seine Reichsherrschaft einzubeziehen.  MUSIK ENDE Erzählerin  Das führt allerdings zu Konflikten in Süditalien. Nach mehreren Angriffen der Sarazenen unter der Führung des Emirs Abu al-Quasim beginnt Otto II. im Herbst 981 seinen Feldzug. Theophanu begleitet ihn bis nach Kalabrien in die Stadt Rossano, nicht aber in die entscheidende Schlacht am Kap Colonna, die am 15.Juli 982 stattfindet.  Erzähler Und für Otto II. mit einer verheerenden Niederlage endet. Ludger Körntgen: 9.O-Ton (Körntgen ab 14:48) Eigentlich weniger aufgrund militärischer Schwäche, sondern einfach aufgrund taktischer Unbeweglichkeit. 15:00 Man hatte sehr stark das gegnerische Heer zunächst einmal zur Auflösung der Schlachtordnungen gebracht.  Der gegnerische Emir war gefangen und als dann alle dachten, die Schlacht ist gewonnen, kamen aus dem Hintergrund Reserven und konnten das ottonische Heer weitgehend aufreiben. Es ist eine große Anzahl von wichtigen Führungspersönlichkeiten des Reiches gefallenen. Der Kaiser konnte sich nur mit großer Mühe retten, und es hat eine Weile gedauert, bis man dann wieder einigermaßen zur politischen Tagesordnung übergehen konnte. Erzählerin Schon eineinhalb Jahre später stirbt Otto II. am 7.Dezember 983 in Italien. Er ist der einzige deutsche Herrscher, der in Rom beigesetzt wird.  Erzähler Sein designierter Nachfolger ist sein Sohn, der bereits auf dem Hoftag von Verona zum König gewählt worden ist. Es gibt dabei allerdings ein kleines Problem: Otto III. ist erst drei Jahre alt und kann von daher unmöglich regieren. Stattdessen übernimmt seine Mutter Theophanu die Regentschaft für ihn. Erzählerin Doch bevor sie dieser neuen Aufgabe gerecht werden kann, muss sie sich gegen einen Verwandten aus Bayern durchsetzen: Heinrich den Zänker. Der, wie der Name schon sagt, dafür bekannt ist, seine Ziele rücksichtslos durchzusetzen. Um seinem Herrschaftsanspruch Nachdruck zu verleihen, entführt er kurzerhand das Kind. Doch damit kommt er nicht durch. Ludger Körntgen: 10.O-Ton: ( Körntgen 16:05) Theophanu hat gemeinsam mit ihrer Schwiegermutter Adelheid, die ja auch gekrönte Kaiserin war, gewissermaßen ihren Rang, ihre Autorität in die Waagschale werfen können, um ihrem Sohn die Krone zu retten gegen die Ansprüche des Verwandten Herzogs von Bayern.  16:39 Ein wichtiger Punkt ist auf jeden Fall gewesen, dass dieser Heinrich der Zänker (…17:24), dass er damit wirklich zu weit gegangen ist. Er hat sehr viele vergrätzt. (…) Von daher können wir sagen, dass (…) die große Mehrzahl der Entscheidungsträger, der politischen Akteure, der Grafen und der Herzöge, vor allen Dingen dann auch der Bischöfe, allen voran der Erzbischof Willigis von Mainz, der (…) eine wichtige Vertrauensperson für Otto II. und Theophanu war -, die wollten einfach diesem Anspruch des Bayern Herzogs einen Riegel vorschieben.  MUSIK 6 Erzähler Nach diesem Intermezzo kann Theophanu nun die Regentschaft für ihren Sohn übernehmen. Heinrich der Zänker übergibt ihn ihr 984 höchstpersönlich auf dem Reichstag in Rohr. Als Regentin für ihren Sohn besteht Theophanus Aufgabe nun darin, den Status Quo der Reichsherrschaft zu festigen und den Kaiserthron für Otto III. zu sichern.  Erzählerin Das ist keine leichte Aufgabe, die sie dennoch - in Allianz mit ihrer Schwiegermutter Adelheid - bravourös bewältigt. Sieben Jahre lang sorgt sie für Stabilität und außenpolitische Erfolge und wird zur mächtigsten Frau des Abendlandes. Erzähler Dank der innenpolitischen Stabilität hat Theophanu in ihrer Regierungszeit den nötigen Spielraum, sich um die vielen außenpolitischen Konflikte an den Grenzen des Reiches zu kümmern. Musikakzent: Fanfare Erzählerin Da sind zum einen die aufständischen Slawenstämme jenseits der Elbe, die sie durch Feldzüge und eine Allianz mit dem polnischen Herzog Miseko einzudämmen versucht. Im Jahr 986 scheint ihr Ziel erreicht, als die slawischen Fürsten Böhmens und Polens in friedlicher Absicht beim Hoftag in Quedlinburg erscheinen. Erzähler Und auch der Süden Italiens bedarf immer wieder ihrer Aufmerksamkeit. Ganz zu schweigen vom westlichen Nachbarn Frankreich. MUSIK ENDE Die Frage ist, wie Theophanu dort und anderswo versucht hat, Herrin der Lage zu bleiben und warum sie als besonders geschickte Politikerin gilt? Ludger Körntgen: 11.O-Ton (Körntgen ab 25:00) Politik bedeutet aus der Warte der Herrscher vor allen Dingen, dass man versuchen muss, Gunst zu erweisen, Frieden zu bewahren und zu schaffen. Die Ansprüche der vielen Akteure des Adels, aber auch der Kirchen, der Bischöfe und  Äbte, die ständig an die Herrscher gerichtet werden, so klug auszutarieren, dass wenn man dem einen etwas bewilligt, nicht ein anderer vor den Kopf gestoßen wird. Und das ist eigentlich das, was politisches Agieren ausmacht, sodass wir mitunter auch sagen, die Herrscher reagieren eigentlich eher, als dass sie eigene Vorstellungen sehr konsequent umsetzen. Und was man dabei brauchte als politisches Geschick - ich würde das kommunikative Intelligenz nennen -  das war die Möglichkeit (…) entsprechend dieser Erwartungen zu agieren. Ohne dabei auf der anderen Seite den eigenen Rang, den eigenen überlegenen Anspruch aufzugeben und aufs Spiel zu setzen. 26:28 Das auszutarieren, war nicht sehr einfach und das scheint Theophanu (…) dann eben doch auch sehr erfolgreich bewältigt zu haben.  Erzählerin Theophanu verfügt also über kommunikative Intelligenz - und: kluge Berater. Allen voran vertraut sie dem Mainzer Erzbischof Willigis, dessen Rat sie schon geschätzt hat, als ihr Mann noch lebte. Beides macht sie zu ihrer Zeit unschlagbar. Erzähler Außerdem sieht sie - anders als ihre Schwiegermutter Adelheid - die Kirche als Diener des Staates. Ihre häufigen Besuche in Rom dienen vor allem dem Zweck, sich den Rückhalt des päpstlichen Organisationsapparats als politische Macht zu sichern. MUSIK 7 Erzählerin Dennoch regiert Theophanu im ottonischen Reich nicht mit dem Anspruch einer Kaiserin, sondern immer stellvertretend für ihren Sohn. Daher existieren keine Münzen mit ihrem Konterfei. Und sie signiert in der Regel auch nicht als Kaiserin.  Erzähler Nur einmal lässt sie sich am 1.April 990 in Italien dazu hinreißen, sogar als Kaiser zu signieren. Die Ravennater Urkunde vom 1.April 990 ist unterschrieben mit den Worten: „Theophanius gratia divina imperator augustus“, was übersetzt bedeutet: „Theophanius, durch göttliche Gnade erhabener Kaiser“. Musikakzent Erzählerin Nur ein Jahr später stirbt die Kaiserin am 15.Juni 991 in der Pfalz Nimwegen. Es gab Gerüchte, dass sie vergiftet worden sein soll. Ob etwas daran sein könnte, lässt sich allerdings nicht nachvollziehen. Erzähler An Theophanus Stelle übernimmt nun Kaiserin Adelheid fünf Jahre lang die Regentschaft für ihren Enkel, bis Otto III. 996 in Rom von Papst Gregor V. zum Kaiser gekrönt wird. Erzählerin Wie sie es gewünscht hat, werden Theophanus Gebeine in Köln, einer ihrer Lieblingsstädte beigesetzt. Und zwar in der Kirche ihres Schutzheiligen, des Heiligen Pantaleon. Sie wurde schon zu ihren Lebzeiten als Autorität anerkannt, aber 30 Jahre nach ihrem Tod geradezu als Kultfigur verehrt. Nach dem Tod ihre Sohnes Otto III. und seines Nachfolger Heinrich II. setzt ein regelrechter Hype um Theophanu ein. Klaus Gereon Beuckers: MUSIK ENDE 12.O-Ton: (Beuckers ab 14:05) In St. Pantaleon wird quasi ein neuer Westbau errichtet, rund um das Grab von Theophanu. Was vorher wahrscheinlich im Südarm des Querarms gelegen hat.  Also wirklich dezidiert dann Theophanu zum Mittelpunkt einer Kultur aufgewertet wird. Das tun vor allen Dingen ihre Enkel die Ezzonen ( 14:17), die aus der Ehe von Mathilde, der Tochter Theophanus mit Ezzo, dem Pfalzgrafen von Rhein sind  - die einzige, die verheiratet war von den Kindern Theophanus, die sich sehr stark um das Erbe bemühen und damit auch ihre eigene Herkunft unterstreichen und sehr mächtig sind und auch sehr reich sind.  MUSIK 1 Erzählerin Heute ist die Erinnerung an Theophanu in Köln immer noch präsent. Immer wieder pilgern Besucher zu ihrem Sarkophag und stellen Kerzen auf.  Und auch in den Niederlanden, dem Ort, wo sie starb, erinnern Straßennamen an die ottonische Kaiserin, die einst als Mädchen aus Byzanz gekommen war und die als Mutter und Regentin für Bildung, den richtigen Tonfall und Stabilität im römisch-deutschen Reich sorgte. MUSIK ENDE
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Mar 25, 2024 • 23min

Johann Sebastian Bach - Die Matthäus-Passion

Theatralik und Drama, Wucht und Architektur, über drei Stunden Länge - die Matthäus-Passion ist nicht nur des großen Bach umfangreichstes Werk, sie verlangt auch dem heutigen Zuhörer noch einiges ab. Von Johannes Roßteuscher (BR 2016)Credits Autor dieser Folge: Johannes Roßteuscher Regie: Martin Trauner Es sprachen: Irina Wanka, Heinz Peter, Frank Manhold Technik: Jochen Fornell Redaktion: Petra Herrmann-Böck Im Interview: Enoch zu Guttenberg, Hansjörg Albrecht, Hartmut Schick, Beatrice Lackner Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
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Mar 21, 2024 • 23min

Urvogel Archaeopteryx - Beweisstück der Evolution?

Der Archaeopteryx. Ein bayerischer Urvogel, der zu einer Zeit aus dem Solnhofener Plattenkalk bei Eichstätt geborgen wurde, als Charles Darwin auf der Suche nach dem letzten Beweis für seine Evolutionstheorie war. Von Katharina Hübel (BR 2022)Credits:Autorin dieser Folge: Katharina HübelRegie: Rainer SchallerEs sprachen: Ruth Geiersberger, Frank ManholdTechnik: Michael KrogmannRedaktion: Iska Schreglmann Hier gibt es weitere spannende Folgen von radioWissen:Was bleibt von Darwin - Forschung zur Evolution heuteJETZT ANHÖRENLebende Fossilien - Von der Evolution vergessenJETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Urvogel Archaeopteryx: Dinosaurier oder Vogel?: Was wir bislang über Archaeopterys wissenVor 150 Millionen Jahren lebte Archaeopteryx im Altmühltal. Der Urvogel beschäftigtdie Forscher seit der Entdeckung der ersten Fossilien. War er mehr Dinosaurier oder Vogel? Konnte er fliegen? Neue Untersuchungen bringen alte Erkenntnisse ins Wanken. Jetzt anhören Literaturtipps: Probst, Ernst: Raubdinosaurier in Bayern. Von Archaeopteryx bis Sciurumimus. Oktober 2019.Wellnhofer, Peter: Archaeopteryx. Der Urvogel von Solnhofen. Verlag Dr. Friedrich Pfeil. 2008.Bollen, Ludger: Der Flug des Archaeopteryx. Auf der Suche nach dem Ursprung der Vögel. Mit einem Vorwort von Dr. Martina Kölbl-Ebert, Jura-Museum Eichstätt. Edition Goldschneck. 2008.
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Mar 20, 2024 • 22min

Vulkane in Deutschland - schlafende Riesen

Lavaströme, Glut- und Aschewolken - Vulkane können zerstörerische Kraft entfalten. In Europa befinden sich die meisten Vulkane in Island und Italien. Doch auch in Deutschland, besonders in der Eifel, beobachten Wissenschaftler Anzeichen aktiven Vulkanismus. Von Georg Gruber (BR 2020)Credits Autor dieser Folge: Georg Gruber Regie: Rainer Schaller Es sprach: Christian Jungwirth Technik: Daniela Röder Redaktion: Matthias Eggert Im Interview:Karen Strehlow (Dr.; GEOMAR Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung, Kiel)Ulrich Küppers (Dr.; LMU München, Department für Geo- und Umweltwissenschaften, Sektion für Mineralogie, Petrologie und Geochemie)Torsten Dahm (Professor; Deutsches Geoforschungszentrum GFZ, Helmholtz-Zentrum Potsdam, Sektionsleiter Erdbeben- und Vulkanphysik)Eleonora Rivalta (Dr.; Deutsches Geoforschungszentrum GFZ, Helmholtz-Zentrum Potsdam, Arbeitsgruppenleiterin Erdbeben-und Vulkanphysik)Roland Eichhorn (Dr.; Leiter des Geologischen Dienstes am Bayerischen Landesamt für Umwelt, Hof) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

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