

Radiowissen
Bayerischer Rundfunk
Die ganze Welt des Wissens, gut recherchiert, spannend erzählt. Interessantes aus Geschichte und Archäologie, Literatur, Architektur, Film und Musik, Beiträge aus Philosophie und Psychologie. Wissenswertes über Natur, Biologie und Umwelt, Hintergründe zu Wirtschaft und Politik. Und immer ein sinnliches Hörerlebnis.
Episodes
Mentioned books

Apr 14, 2024 • 22min
Protokoll und Etikette - Anleitungen zum guten Auftritt
Gutes Benehmen macht das Leben leichter, da sind sich viele einig. Anders ist das bei der Frage, was darunter zu verstehen ist. Im diplomatischen Protokoll aber ist die Etikette genau festgelegt. Für Staatsbesuche gibt es so genaue Vorschriften, in denen etwa geregelt ist, wer bei einem Bankett wo und neben wem sitzt. Autorin Carola Zinner (BR 2021)
Credits:Autorin dieser Folge: Carola Zinner Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Katja Bürkle, Friedrich Schloffer, Gudrun Skupin Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Bernhard KastnerDas Manuskript zur Folge gibt es HIER.

Apr 11, 2024 • 23min
Empire - Ein Hauch von Napoleon
Zart waren die Musslinkleider des französischen Empire. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte die bürgerliche Gesellschaft den repräsentativen Prunk des Absolutismus abgestreift. Ein Hauch von gesellschaftlicher Emanzipation und körperlicher Freiheit - der unter Kaiser Napoleon fast wieder verwehte. Von Barbara Knopf (BR 2021)Credits
Autorin dieser Folge: Barbara Knopf Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Irina Wanka, Christian Schuler Technik: Susanne Herzig Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview:Barbara Vinken, Modetheoretikerin, Literaturwissenschaftlerin LMU MünchenAndrea Klug, Kunst- und Modehistorikerin
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Apr 11, 2024 • 21min
Düfte als Sprache - Kommunikation im Tierreich
Revier markieren, paarungswillige Artgenossen anlocken, vor Gefahren warnen - für viele Tiere sind Gerüche überlebenswichtig. Manche Insekten wie Ameisen organisieren per Duftstoff sogar einen ganzen Staat. Am Duft wird Feind oder Freund erkannt. Doch Düfte werden zur Tarnung auch kopiert. Von Maike Brzoska (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Anja Scheifinger Es sprach: Katja Schild Technik: Susanne Herzig Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:Jürgen Heinze, Professor für Zoologie und Evolutionsbiologie an der Universität RegensburgThomas Schmitt, Professor für Zoologie an der Universität WürzburgMarc Spehr, Professor für Chemosensorik an der RWTH AachenLisa M. Schulte, Professorin für Zootierbiologie an der Universität Frankfurt
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

Apr 10, 2024 • 22min
Völkermord in Ruanda - Und die Welt sieht zu
Im April 1994 begann in Ruanda ein Massenmord: Hutu töteten in den folgenden Monaten bis zu 75 Prozent der ebenfalls in Ruanda lebenden Minderheit der Tutsi. Doch die UN-Soldaten greifen nicht ein. Von Klaus Uhrig (BR 2014)

Apr 9, 2024 • 23min
Die Wunderkammer - Als die Welt noch in ein Zimmer passte
Wunderkammern sind Sammlungen aus dem 14. bis 17. Jahrhundert, in denen Adelige Staunenswertes und Wertvolles zusammentrugen. Mit Verbreitung der Naturwissenschaften verloren sie ihre Bedeutung, aber nicht ihren Zauber. Von Brigitte Kramer (BR 2021)Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Christiane Klenz Es sprach: Thomas Loibl Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview:Veronika Sandbichler, Direktorin Schloss Ambras, InnsbruckAnnette Schommers, Bayerisches Nationalmuseum, MünchenSabine Söll-Tauchert, Kunsthistorikerin, Historisches Museum, BaselGeorg Laue, Sammler und Kunsthändler, München
Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:
ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
O TON 1 Veronika Sandbichler (ab 0'15 ca)
Wir wissen, dass Automaten als Tafelaufsätze verwendet wurden, die scheinbar still und starr am Tisch standen aber dann durch das verborgene Uhrwerk zu einem bestimmten Zeitpunkt in Bewegung geraten sind.
MUSIK 1 (C1178870008 Yann Tiersen: La valse des monstres 0’14)
Drüber O TON 2 Annette Schommers
Zum Beispiel eine Figurengruppe der Diana auf dem Hirsch, begleitet von Hunden. Diese Silbergruppe ist montiert auf einem Sockel, in dem sich ein Schlüsselloch befindet...
ATMO 1 Figurenautomaten (Aufziehen, dann Rattern)
Drüber O TON 3 Schommers (nach 0'24, abruptes Stehenbleiben)
.. die Hunde konnten die Augen bewegen und der Gast, vor dem der Hirsch stehen blieb, der sollte aus dem Gefäß trinken.
MUSIK 2 (C1178870008 Yann Tiersen: La valse des monstres 0’14)
Drüber O TON 4 Sandbichler
Derartige Unterhaltungen, wenn man's so bezeichnen will, waren auch im Zeitgeist der Renaissance verankert, also Trinkspiele … Man hat das Ganze auch als Kurzweil bezeichnet.
ATMO 1 PFURZTRÖTE
Drüber O TON 5 Schommers
Das gab's dann halt eben nur im 16. Jahrhundert, diesen Spaß.
ATMO 1 PFURZTRÖTE
MUSIK 3 Ubert Naich: Canti di voi le ladi
SPRECHER
Mit Begeisterung und Sympathie sprechen die Kunsthistorikerinnen Annette Schommers und Veronika Sandbichler über höfisches Leben im 16. Jahrhundert, zu dem kleine, reich verzierte und ausgetüftelte Unterhaltungs-Mechanismen gehören. Deren Besitzer wollten ihre Gäste unterhalten, verzücken, überraschen, zum Staunen bringen – und ihre Freude am Schönen und Kostbaren teilen.
ATMO 2 Gelächter/Musik/Gerede
SPRECHER drüber
Das gelang ihnen nicht nur mit Trinkspiel-Automaten. Adelige, Gelehrte und Handelsleute – alle, die es sich leisten konnten und mit dem Geist der Zeit gehen wollten –, trugen in der Renaissance und im Barock Raritäten, Preziositäten, Kuriositäten zusammen, aus Nah und Fern. Geordnet wurden die Sammlungen grob nach folgenden Kategorien:
MUSIK 4 Yann Tiersen: Hent V
Exotica: Dinge von weit her. Das konnten Eskimo-Schuhe genauso sein wie ausgestopfte Vögel – Hauptsache, sie waren außereuropäischer Herkunft.
Naturalia: Pflanzen, Tiere und ihre Reste, Mineralien, Fossilien, Organisches wie Bezoar-Steine, das sind verhärtete Kugeln aus Unverdaulichem, die sich in Mägen von Wiederkäuern bilden. Sie galten als magisch, wurden als Mittel gegen Gift im Essen eingesetzt und sollten sogar gegen die Pest helfen.
Artificialia: Das sind Werke von Künstlern und Kunsthandwerkern, in denen oft Naturprodukte aufwändig verarbeitet waren: Bernstein, Elfenbein, Korallen, Nashorn-Hörner, Muscheln, Steine und erstaunlicherweise auch Kokosnüsse galten als gestalterisch interessant. Sie wurden reich verziert und zu Bechern, Kelchen, Duftkugeln, Türschlössern, Schachspielen, Schatullen oder Figurengruppen umgestaltet und sollten zeigen, dass der Mensch die Natur übertreffen kann.
MUSIK 5 Yann Tiersen: Comptine …
Scientifica: Wissenschaftliche Geräte wie Astrolabien, Bergbau-Instrumente, Vermessungsgeräte, Uhren-Automaten, Stundengläser, anatomische Modelle ...
Und Mirabilia: Schlicht Wunderwerke. Dazu gehörten abnormale „Launen der Natur“, wie man sie auf Gemälden von Haarmenschen oder einem armlosen Kalligraphen sehen konnte, der den Pinsel mit den Zehen greift. Oder auch anhand konservierter, missgebildeter Totgeburten. Auch außerordentlich kunstvolles oder komplexes Menschenwerk gehörte dazu: Es stand für fast göttliche Schöpfungskraft.
Erlaubt und begehrt war alles, was die „Affekte anrühren“ und die „Kenntnis der Dinge“ fördern konnte. Und es wurde bei jeder Gelegenheit hergezeigt. Annette Schommers vom Bayerischen Nationalmuseum:
O-TON 6 Schommers
Damals war nicht das Kriterium für die Sammelwürdigkeit die rein materielle Kostbarkeit eines Objekts, also man hat einen Automaten, der über den Tisch fährt, genauso bewundernswert, sammelwürdig angesehen wie ein Gemälde oder eine Skulptur.
SPRECHER
Ausschlaggebend ist der Begriff „Wunder“ und wie er in der Renaissance und bis ins frühe 18. Jahrhundert hinein definiert wurde:
O TON 7 Schommers
Als Wunder galt, dass einfach ein Mensch sowas umsetzen kann zum Beispiel, also diese feinsten Miniaturschnitzereien auf einem Zwetschgenkern oder dass es einem Künstler gelingt, aus Elfenbein feinste Kugeln ineinander zu drechseln. Und man hat aber auch gleichzeitig einen Baumschwamm, der aussieht wie ein Brot, als Wunder angesehen.
SPRECHER
Gezeigt wurden die Schätze in so genannten Wunderkammern oder Kuriositätenkabinetten: Eigens eingerichtete Zimmer mit enormen Schränken, die Wände und Decken war dicht behängt mit Gemälden, ausgestopften Tieren oder Skeletten.
MUSIK 6 Ensemble Trictilla: Fusi pavana piana
Ihr Vorläufer war das private Arbeitszimmer, das Studiolo in italienischen Renaissance-Palästen. Es war anfangs karg eingerichtet, mit Schloss und Riegel ausgestattet, und diente dem Hausherrn als Rückzugsort. Hier konnte er lesen, Buch führen oder beten, es gab Schränkchen und Schatullen, Mauernischen zum Verwahren von Büchern und Schreibutensilien. Später kamen Geräte für Experimente dazu, bald auch Sammelgegenstände. Schließlich ähnelten die Studierzimmer begehbaren Möbeln, mit holzgetäfelten Wänden, Geheimfächern oder verborgene Türen. Wer sie besuchen durfte, hatte das Vertrauen des Gastgebers gewonnen.
Ihre Bedeutung wuchs mit der Entdeckung und Erforschung der Welt ab Ende des 15.Jahrhunderts. Tiere, Pflanzen und Kunsthandwerk aus den Kolonien und von fernen Handelsplätzen übten größte Faszination auf die Daheimgebliebenen aus. Die Schätze wollten bewundert werden, am bequemsten und sichersten ging das im Kuriositätenkabinett: Es war angelegt wie eine begehbare, ja sinnlich erlebbare Enzyklopädie. Die ganze Welt sollte in so eine Wunderkammer passen – beziehungsweise in ihre Schränke. Veronika Sandbichler vom Schloss Ambras in Innsbruck:
O 8 Sandbichler
Diese Schränke waren unermesslich voll. Die waren vollgefüllt mit Objekten, die zum Teil ineinander gestapelt waren. Und die hat man dann einzeln herausgenommen, konnte sie angreifen, von allen Seiten begutachten, bewundern, bestaunen und da glaub ich gab es auch diese Momente wo einem der Atem gestockt ist.
ATMO 2 Türschloss
SPRECHER drüber
Etwa 2000 Gegenstände sind in Innsbruck zu sehen. Allerdings sind sie heute in ausgeleuchteten Vitrinen ausgestellt – hinter Glas. Das sinnliche Erlebnis von früher muss man sich vorstellen ...
ATMO 3 Singekugeln
SPRECHER drüber
… mit Singekugeln zum Beispiel: kleine vegoldete, leicht klingende Kugeln, die Veronika Sandbichler und ihre Kollegin Katharina Seidl vorsichtig in die Hand nehmen:
O 9 Sandbichler_Seidl Singekugeln
Boa. Die sind ganz schön schwer, ja im Prinzip nicht unähnlich den heutigen Qigongkugeln. Das ist Messing vergoldet, und in am unglaublich guten Zustand. Kaum irgendwelche Bereibungen. Ja, die sind schon toll.
SPRECHER
Gesammelt hat die Singekugeln und mehrere tausend weitere Objekte Erzherzog Ferdinand der Zweite, der ab 1546 Landesfürst von Tirol war und in Innsbruck wohnte:
Der kunstliebende, gebildete Habsburger ließ das mittelalterliche Schloss zu einem Prunkschloss umbauen, seine Wunderkammer und diverse andere Sammlungen bekamen ein eigenes Gebäude, das Unterschloss. Veronika Sandbichler:
O 10 Sandbichler
Dieser Habsburger Fürst hat seine politische Karriere verwirkt, weil er sich in eine Patriziertochter verliebte. Das war Philippine Welser aus Augsburg. Diese Leidenschaft zu ihr muss wirklich sehr heftig gewesen sein, aber ebenso heftig war seine scheinbar unpolitische Leidenschaft für das Sammeln.
MUSIK 7 Orlando di Lasso / Ensemble Trictilla: Qui sequitur
SPRECHER
Wunderkammern waren nicht nur ein Zeichen für den Rückzug ins Private. Sie waren auch ein effizientes und elegantes Mittel der Diplomatie, Soft Diplomacy sozusagen: Gemeinsam staunen, dabei verwandtschaftliche Bande pflegen und politische Beziehungen vertiefen. Wunderkammern waren zudem eine charmante Art der Selbstdarstellung, mit einem Schuss Protzerei. Eine volle Wunderkammer zeigte, dass ihr Besitzer gebildet, weltgewandt, gut vernetzt, wohlhabend und einzigartig war … genauso wie seine Sammlung. Eine von Erzherzog Ferdinands Schwächen galt den Korallen. Agenten mussten sie ihm aus dem Mittelmeer beschaffen und er beauftragte Künstler mit ihrer Gestaltung. Veronika Sandbichler:
O 11 Sandbichler
Interessant ist ja auch die Tatsache, dass die Koralle im 16. Jahrhundert als rätselhafte Repräsentantin des damals weitgehend unerforschten Meeres gegolten hat. Also Ferdinand wusste ja eigentlich nicht: Handelte es sich um eine Pflanze, ein Mineral oder ein Tier?
SPRECHER
Die Korallen sind in der Innsbrucker Provinz geblieben. Sie haben es nicht, wie viele andere Objekte Ferdinands, ins Kunsthistorische oder Naturhistorische Museum in die Hauptstadt Wien geschafft. Ein „deutliches Zeichen für das geringe Interesse, das man heute diesen Dingen entgegenbringt“, schrieb der Kunsthistoriker Julius Schlosser im Jahr 1908.
MUSIK 8 (Ludwig van Beethoven / Stephan Schrader: Finale furioso 0’50)
SPRECHER drüber
Der Drang zu Klassifizierung und Einordnung, die Verbreitung wissenschaftlichen Denkens, die Abwertung magischen Denkens ab dem 19. Jahrhundert – das war das Ende der Wunderkammer. Wer glaubte überhaupt noch an Wunder? Wohl nur die Ungebildeten! Die Sammlungen entsprechen ja einem vor-wissenschaftlichen Weltverständnis. Es ging um Fülle und Herrlichkeit – nicht um Systematik.
Für ihre Besitzer sollten sie den Ruhm des Hauses weitertragen, für deren Erben waren sie oft nur noch „unsystematische Sammelsurien“. Deswegen sind die meisten Wunderkammern heute nicht mehr vollständig. Sie wurden neu sortiert, das „Wichtigste“ wurde auf die gerade entstehenden, öffentlichen Museen verteilt. Der Rest – konnte weg.
MUSIK 9 Romain Lateltin: à la source
SPRECHER
Heute dagegen sind Wunderkammern wieder sehr beliebt. Gerade wegen ihrer scheinbaren Unordnung, der Naivität, Verspieltheit und Freude, die sie ausstrahlen. In vielen europäischen Schlössern und Museen werden neu arrangierte Wunderkammern mit Original-Objekten gezeigt. Auch die Wittelsbacher waren emsige Sammler. Die Kunst- und Wunderkammern von Herzog Albrecht dem Fünften und seinem Sohn Wilhelm dem Fünften gehörten zu den bedeutendsten Europas. Annette Schommers vom Bayerischen Nationalmuseum:
O TON 12 Schommers
Das war, ja man kann schon fast sagen so'n Wetteifern, ich meine Albrecht der Fünfte war mit der Kaisertochter Anna verheiratet und es war auch wichtig, dass man im diplomatischen Dienst Geschenke hin und her geschickt hat …
SPRECHER
Albrecht, der Vater, begann ab 1565 als einer der Ersten, ein Kabinett anzulegen. Die Sammlung war im zweiten Stockwerk des Marstallgebäudes der Münchner Residenz untergebracht. Die des Sohnes Wilhelm in der Burg Trausnitz in Landshut.
O TON 13 Schommers
Das hatte natürlich zur Folge, dass da sehr viel Geld floss, was den Staatsfinanzen nicht sonderlich gutgetan hat. Albrecht der Fünfte der wurde schon sehr früh von seinen Räten ermahnt, er solle mal bitte seine Sammelleidenschaft zügeln, aber das ähm … das hat er wohl nicht so gehört oder hören wollen und Wilhelm der Fünfte hatte dasselbe Problem mit dem Geld.
SPRECHER
Später wurden die beiden Wunderkammern in München zusammengelegt: Mehr als 6.000 Objekte. Archivarisch sind sie komplett erfasst, dank des Ficklerschen Inventars von 1598. Man kann die Liste in der Münchner Staatsbibliothek als kommentierte Ausgabe einsehen. Annette Schommers:
MUSIK 10 Jasmin Seidl: Glasperlen
O TON 14 Schommers drüber
Es gibt natürlich auch zahlreiche Mineralien von denen man glaubte, dass die Steine heilende Wirkung haben.
MUSIK hoch
O TON 15 Schommers drüber
Fast jede Kunstkammer besaß eine von diesen Alraunen, also diese Wurzel aus dem Mittelmeergebiet, die so'n bisschen aussieht wie ein kleines Männlein oder Weiblein, zum Teil hat man die auch angekleidet. Besonders begehrt waren Alraunen, die unter einem Galgen wuchsen.
MUSIK hoch
O TON 16 Schommers drüber
Ja, vielleicht kann man als ein Wahrzeichen der Kunstkammer das Krokodil nennen, das unter der Decke hängt. Sehr mächtige Tiere, die an Drachen erinnerten, also es waren auch furchterregende Wesen. Und man weiß aus den Quellen, dass tatsächliche lebende Tiere aus Äthiopien über Alexandrien als Geschenke nach Bayern gelangt sind, und speziell nach Landshut, denn dort hatte Wilhelm der Fünfte eine Menagerie exotischer Tiere angelegt, da gab's Strauße und Krokodile, Schildkröten und so weiter, aber Sie können sich vorstellen, also ein langes Leben war diesen Viechern nicht beschert. Das ein oder andere Krokodil landete im Kochtopf, in der Hofküche, aber natürlich auch in der Kunst- und Wunderkammer.
MUSIK 10 Ende
O TON 19 Schommers
Das gewaltsame Ende der Kunst- und Wunderkammer fand im 30-jährigen Krieg statt. König Gustav Adolf von Schweden und seine protestantischen Truppen plünderten die Münchner Residenz und leider auch die Kunstkammer. Und so befinden sich manche der ursprünglich in München beheimateten Werke in schwedischen Sammlungen oder sie sind über die ganze Welt zerstreut. Und leider hat man das, was man nicht als wertvoll genug eingeschätzt hat, zerschlagen und zerstört.
SPRECHER
Wie auch in Innsbruck wurden die besten Stücke unter den Resten auf die neu entstandenen Münchner Spezialmuseen verteilt: Kunst in die Pinakothek, Exotica ins Museum Fünf Kontinente, Münzen in die Münzsammlung, Kunsthandwerk ins Bayerische Nationalmuseum …
Seit dem Jahr 2004 ist in der Burg Trausnitz in Landshut wieder eine Wunderkammer zu sehen, mit 750 beispielhaften Objekten.
MUSIK 11 ( Alessandro Scarlatti: (006) 2. Satz aus Cembalokonzert Nr. 6 Es-Dur 0’44)
SPRECHER drüber
Die bürgerlichen Sammlungen rissen keine Löcher in den Staatshaushalt und waren auch keine Mittel der Diplomatie. Auch wohlhabende Kaufleute und Gelehrte an Universitäten legten sich Wunderkammern zu.
Sie dienten der eigenen Erbauung, dem Studium und Verständnis der Welt, und dem Austausch mit Gleichgesinnten. Sie waren reines Privatvergnügen, für den Rechtsgelehrten Basilius Amerbach zum Beispiel, der im 16. Jahrhundert in Basel lebte:
O 20 Söll-Tauchert
Er hat geheiratet und hat leider bei der Geburt des ersten Sohnes sowohl sein Kind als auch seine Frau verloren. Nach diesem schrecklichen Schicksal hat er sich immer mehr zurückgezogen im sein Haus in der Rheingasse in Kleinbasel und hat sich sehr stark auch neben seiner Tätigkeit an der Universität auf das Sammeln selbst fokussiert.
SPRECHER
Die Kunsthistorikerin Sabine Söll-Tauchert arbeitet im Historischen Museum Basel, das im Untergeschoss der Barfüßerkirche eine neu zusammengefügte Kunst- und Wunderkammer zeigt: 2000 Objekte aus dem 16., 17. und frühen 18. Jahrhundert. Ein Teil davon stammt aus dem so genannten Amerbach-Kabinett.
O 21 Söll-Tauchert
Beispielsweise interessierte er sich in besonderem Maße für den Entstehungsprozess von Kunstwerken. Da nicht nur die Zeichnungen, sondern er hat eben auch ganze Nachlässe von Goldschmieden aufgekauft. In den 1560er und 70er Jahren sind einige Goldschmiede an der Pest gestorben, da grassierte die Pest auch in Basel. Das sind wirklich tausende von Goldschmiedemodellen aus Blei, ursprünglich auch noch aus Brotteig, aus Wachs, die dann leider später nicht aufbewahrt wurden, im 18. Jahrhundert hat man sie aussortiert, weil sie als wertlos galten.
SPRECHER
Basel war in der Renaissance die Stadt der Humanisten und Buchdrucker, die viele Gelehrte anzog und über den Rheinhafen auch intensiven Handel betrieb. Der ideale Ort zum Sammeln.
MUSIK 12 Domenico Scarlatti: Klaviersonate c-Moll, K99
SPRECHER drüber
Auch die Kunst- und Raritätensammlung des Rechtsprofessors Remigius Faesch ist heute im Besitz der Stadt Basel. Faesch gehörte zur reichsten Familie der Stadt, war ledig und kinderlos und legte in mehr als 30 Jahren eine beeindruckende Kunst- und Raritätensammlung an, die er ab 1651 in seinem Haus am Petersplatz ausgewählten Besuchern zeigte. Zwei französische Besucher schilderten in einem Brief Ende des 17. Jahrhunderts folgendermaßen ihren Eindruck:
O 22 Söll-Tauchert
Gegenüber dem Zeughaus ist das Haus des Herrn Faesch, von dessen Kabinett man so viel hört! Wir sahen dieses Kabinett mehrere Male. Man sieht hier: Metallspiegel mit überwältigenden Verzierungen, Trompeten und Messer aus China, Mumien, Skelette und tausend Vögel, die man bisher noch nie gesehen hat und von denen man nicht einmal den Namen kennt.
MUSIK 13 Jasmin Seidl: Melting
SPRECHER drüber
Die Fähigkeit zum Staunen haben wir, so hat das zumindest Sabine Söll-Tauchert erlebt, noch nicht verlernt:
O 23 Söll-Tauchert
Das ist wirklich auch so, wenn die Besucher eintreten in das Kabinett des Staunens bei uns, das hab ich jetzt wirklich schon mehrfach erlebt, dass sie so wie mit offenem Mund dastehen und staunen.
SPRECHER
Und das, obwohl für uns kaum mehr etwas exotisch ist und wir vom Überfluss der Dinge umgeben sind. Ein Kokosnuss-Becher, ein Nautilus-Pokal, eine präparierte Schildkröte, die mit Figürchen auf dem Rücken über den Tisch saust …
ATMO 1 Figurenautomaten (Aufziehen, dann Rattern)
SPRECHER
… ist das nicht einfach nur alter Kitsch, Tand und Nippes?
O 24 Laue
Das hab ich eigentlich noch nie gehört: Ach, was willst'n mit dem alten Graffl.
SPRECHER
Sagt der Münchner Kunsthändler Georg Laue.
ATMO 4 Tür Geschäft Laue
In seiner Kunst- und Wunderkammer hängt das obligatorische ausgestopfte Krokodil an der Decke. Sie ist vollgestopft, wie eine historische Wunderkammer.
ATMO 5 Gerede Laden Laue
O 25 Laue
Es handelt sich jetzt hier nicht um Alltagsgegenstände, die irgendwann abgenutzt oder abgelebt sind, die man als klassische Antiquitäten bezeichnen kann. Sondern es sind immer Dinge, die für sich was ganz Besonderes haben. Und wenn Sie davorstehen, spüren Sie sofort, dass es sich da um was Ungewöhnliches handelt. Es sind immer Sammelgegenstände gewesen.
SPRECHER
Die sind heute schwer zu kriegen und dementsprechend teuer.
O 26 Laue
Naja, wenn Sie jetzt so 'ne geschnittene Kokosnuss haben, die jetzt nicht gerade in Silber montiert ist und kostbar als Gefäß ist und nur als Kokosnuss alleine ist … sowas können Sie schon mal für'n paar hundert Euro finden.
SPRECHER
Nach oben sind die Grenzen offen. Denn: Die historischen Objekte sind im Gegensatz zu ihrem ursprünglichen Sinn und Zweck, die unendliche Fülle der Welt zu repräsentieren, heute natürlich nur noch begrenzt vorhanden. Die allermeisten sind in Museen. Und sie haben nur Sammlerwert, wenn, wie Laue das nennt, ihre Provenienz, ihre Herkunft, nachweisbar ist. Fälschungen gibt und gab es zuhauf:
O 27 Laue Bernstein
Na, es wurde eigentlich alles gefälscht, immer wieder. Da hab ich jetzt vor Kurzem ein dickes Buch gefunden, das war von 1724 und da drin waren Bernsteinstücke abgebildet, transparente, und da waren Fliegen drin. Und das waren Fälschungen. Das heißt, man hat schon im 18. Jahrhundert Bernstein-Inklusen gefälscht, weil die so kostbar waren. Das heißt man hat einfach nen Bernstein genommen, hat ihn aufgebohrt, hat nie Fliege reingesteckt und wieder zugemacht.
MUSIK 14 Romain Lateltin: à la source
SPRECHER
Wer sich eine echte Wunderkammer nicht leisten konnte, der sammelte eben billige Fälschungen. Ach ja, warum denn nicht! Schließlich ist alles sammelwürdig, was den Sammler erfreut. Die Wohnzimmervitrine, der Setzkasten, der Sekretär, sie sind die armen, kleinbürgerlichen Schwestern der prunkvollen, atemberaubenden Wunderkammer von damals. Und in ihr war alles erlaubt – nur keine Langeweile.

Apr 7, 2024 • 24min
DDR-Literatur - Rückkehr, Aufbau, Kritik
Lange Zeit wurde die Literatur der DDR verächtlich abgetan: zu kniefällig, zu parteikonform. Aber es geht darin eben nicht nur um Produktion, Arbeiter- und Bauerntheater, sondern auch um Selbstbehauptung, Empfindsamkeit und Utopien. Welches sind die häufigsten Themen, und wo schlug unbarmherzig die Zensur zu? Autorin: Christine Hamel (BR 2021)Credits Autorin dieser Folge: Christine Hamel Regie: Irene Schuck Es sprachen: Berenike Beschle, Friedrich Schloffer, Stefan Wilkening, Katja Bürkle Technik: Susanne Herzig Redaktion: Andrea Bräu
Im Interview: Literaturwissenschaftlerin Carmen Ulrich, LMU München Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Apr 5, 2024 • 22min
Der Igel - Stachliger Überlebenskünstler
Igel sind wahre Überlebenskünstler. Lange vor der Entstehung der Menschheit durchwanderten sie bereits die Landschaft. Dank ihrer Anpassungsfähigkeit werden sie uns wohl auch in die Zukunft begleiten. (BR 2014)
Autorin: Carola Zinner
Credits Autorin dieser Folge: Carola Zinner Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Axel Wostry, Burchard Dabinnus Technik: Michael Krogmann Redaktion: Bernhard Kastner
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

Apr 4, 2024 • 24min
Herkunft der Bajuwaren - Neues zu einem alten Rätsel
Die Forschung fragt heute nicht mehr nach der Herkunft der Bajuwaren, sondern richtet den Blick mehr auf den Raum, der planmäßig besiedelt wurde mit Menschen verschiedenster Herkunft, die später zu Bajuwaren wurden. Von Thomas Grasberger (BR 2021)Credits Autor dieser Folge: Thomas Grasberger Regie: Martin Trauner Es sprachen: Ruth Geiersberger, Alexander Duda, Thomas Birnstiel, Kia Ahrndsen Technik: Christiane Gerheuser-Kamp Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview:Dr. Irmtraut Heitmeier, Institut für Bayerische Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München, Historisches Lexikon Bayerns und freiberufliche HistorikerinMichaela Harbeck, Anthropologin, Oberkonservatorin Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie in München
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
Noch mehr Interesse an Geschichte?Dann empfehlen wir:ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN
Herkunft der Bajuwaren: Die Fachfrau für das frühe Bayern, die Historikerin Irmtraud Heitmeier, ist auch Gesprächspartnerin in Gerald Hubers Podcast-Folge "Obacht Bayern":DIESE FOLGE ANHÖREN

Apr 3, 2024 • 23min
Die Auster - Delikatesse und Wasserfilter
Manche können nicht genug davon bekommen, Viele ekeln sich davor. Austern sind teure Delikatessen, schmecken aber eigentlich nur nach Salzwasser und Glibber. Für die Meere sind Austern wichtige Wasserfilter. Von Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2021)Credits Autorin dieser Folge: Bernd-Uwe Gutknecht Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Irina Wanka, Peter Veit, Hemma Michel Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:Dr. Bernadette Pogoda, Meeresbiologin am Alfred-Wegener-Institut für Meeresforschung in Bremerhaven. Diana Nunes, Naturpark-Führerin in der Ria Formosa, Portugal. Nuno Gomes, Austernzüchter in Olhao, Portugal. Bruno Amaro, Koch in Faro, Portugal. Henry Taura, Perlenzüchter auf Tahiti, Französisch-PolynesienWir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
O 1 Ambiente OV weibl.: (Nunes)
„Das Besondere hier ist, wie die Menschen mit der Natur umgehen! Mit den Pflanzen, mit den Tieren, auch die Art, wie sie z.B. Austern fischen. Und diese Initiativen werden nicht von der Politik vorgegeben, sondern kommen von den Einwohnern selbst. Sie leben seit Generationen am Meer, vom Meer, in Harmonie mit dem Meer. Das ist ein funktionierendes System.“
SPRECHERIN:
Diana Nunes (sprich: Nunesch) sitzt in einem kleinen Motorboot und zeigt auf die Marschlandschaft der Ria Formosa an der portugiesischen Algarve. Dieses Feuchtgebiet ist Heimat von Flamingos, Eisvögeln, Chamäleons, Seepferdchen und: Austern! Die Pädagogin leitet Natur-Führungen durch die zerklüftete Küstenlandschaft.
Gentle Whisper
(((O 2 educational OV weibl.: (Nunes)
„Auf unseren Touren lernen die Besucher das Ökosystem der Ria Formosa kennen. Und ein wichtiger Teil davon sind die Austern. Ich versuche, den Besuchern Respekt für die Arbeit der Leute und den Schutz der Natur zu vermitteln. Fischer sind meistens nicht so gesprächig, aber wir treffen einige älteren Fischer, die inzwischen gerne ihr Wissen und ihre Sichtweise an Besucher oder auch Schüler weitergeben.“)))
ATMO 2 Motorboot 2
ATMO 3 Austernbank
SPRECHERIN:
Am Steuer des Bootes ist Nuno Gomes (sprich: Gomesch). Er ist Austernzüchter. Er lenkt das Boot auf eine mit kleinen schwarzen Bojen abgesteckte Fläche zu. Das Wasser ist hier nur etwa einen Meter tief, am Sandboden befindet sich eine seiner Austernbänke. Etwa ein Dutzend schwarze Säcke aus Fischnetz-Material liegen am Boden, gefüllt mit Millimeter kleinen Austern – Austern-Babys:
O 3 Leben OV männl.: (Gomes)
„Die Auster hat etwa sechs Millimeter, wenn wir sie ins Austernnetz geben. In den nächsten beiden Jahren wachsen die Austern dann zu der Größe heran, mit der sie verkauft werden. 15 Prozent der Austern verenden allerdings. Im Frühling werden sie von einem Virus angegriffen, im Sommer von einem Parasiten. Immer wenn die Wassertemperatur einen Sprung nach oben macht, wird es gefährlich. Das war schon immer so und leider kann man nichts dagegen tun.“
SPRECHERIN:
Nuno Gomes und seine Kollegen erkennen das daran, wenn sich die Austernschalen von alleine öffnen. Dann werden sie aussortiert.
Zwei Mitarbeiter werfen Netzsäcke voll mit Austern ins Wasser. Zuvor hatten sie in ihrem Boot alle Austern herausgenommen, kontrolliert, gegebenenfalls voneinander getrennt und abhängig von ihrer Größe umverteilt.)))
ATMO 4 Netze
O 4 Sortieren OV männl.: (Gomes)
„Alle zwei Wochen werden die Austern sortiert. Wir haben Netze mit verschiedenen Maschengrößen. In die Kleinmaschigen kommen die Babys, in die mit den größten Maschen kommen die ausgewachsenen, die dann schon fertig für den Verkauf sind. Austern wachsen unterschiedlich schnell und unsere Aufgabe ist es, sie so oft umzufüllen, dass am Ende der zwei Jahre alle die gleiche Größe haben.“
ATMO 5 sortieren
De Usuhaia
SPRECHERIN:
In der Ria Formosa mit ihren mäandernden Wasserwegen, vorgelagerten Sand-Inseln sowie dem extremen Gezeiten-Wechsel finden Austern beste Lebensbedingungen. Dazu der hohe Salzgehalt des Atlantikwassers, kaum Wellengang durch die geschützte Lage und die ganzjährig warmen Temperaturen im südlichen Portugal:
O 5 conditions OV männl.: (Gomes)
„Wir haben die besten Verhältnisse hier: viel Phytoplankton, also
Kiesel-, Grün-und andere Algen, die die Austern als Nahrungsmittel brauchen, und auch das ganze Jahr über Sonne. Außerdem ein sehr sauberes Wasser. Keine Verschmutzung, keine Chemie. Und wir haben Menschen, die diese Arbeit mit guter Technik und mit viel Leidenschaft verrichten, und zwar 365 Tage im Jahr. Das ist auch ganz wichtig.“
SPRECHERIN:
Da sind Austern nicht anders als die meisten Pflanzen: sie brauchen Sonne, Wärme und Wasser. Je höher die Temperaturen, umso schneller wachsen sie.
MUSIK 1 (vielleicht etwas Portugiesisches?)
„Pools of light“
SPRECHERIN:
Austern gehören zum Stamm der Weichtiere, genauer gesagt der Schalenweichtiere und zur Familie der Muscheln. Sie bevölkern die Meeresküsten seit 250 Millionen Jahren. Die bekannteste Gattung heißt Ostrea und umfasst über 100 verschiedene Arten. Auster ist also keineswegs gleich Auster!
Dr. Bernadette Pogoda ist Meeresbiologin am Alfred-Wegener-Institut für Meeresforschung in Bremerhaven:
O 6 Arten:
„Austern leben vor allem in Küstengebieten und es gibt unterschiedliche Austern-Arten-Gruppen. Und je nachdem gibt es eher Arten, die an Felsen festwachsen und dort Riffe bilden oder auch als Einzeltiere wachsen, oder es gibt auch Weichbodenarten, d.h. Austern können auch auf einem Sandboden oder Schlickboden Austernriffe bilden. Und es sind Meeres-Organismen, das bedeutet, sie brauchen Salzwasser zum Leben, aber es gibt auch Arten, die in Ästuargebieten, also im Brackwasser von Flussmündungen vorkommen, also bei Wassertemperaturen von bis zu 30 Grad in den Sommermonaten, je nach Art und je nach Region, wo dieser Art vorkommt.“
MUSIK 1 hochziehen bitte
O 7 Gattungen:
„Die eine Gruppe, das sind die sogenannten Cupped Oysters, cup wie die Tasse, weil eine Schalenhälfte ähnlich wie eine Tasse vertieft ist. Dazu gehören etwa die pazifische und die portugiesische Auster, auf Lateinisch heißt diese Gattung Crassostrea. Und die andere Gruppe, das sind die Flat Oysters. Flat wie flach, denn beide Schalenhälften sind sehr flach. Und diese Gattung heißt Ostrea und zu dieser Austernart gehört auch unsere heimische Auster.“
SPRECHERIN:
Die Austern-Expertin leitet ein Projekt, bei dem in der Nordsee Austern wiederangesiedelt werden. Zwar kommen die größten Austern-Populationen in wärmeren Gefilden vor, aber auch hierzulande gab und gibt es die Schalentiere:
O 8 Winter:
„Das Wasser darf in den Wintermonaten bis auf null Grad heruntergehen, die Wassertemperatur ist dann für die Auster nicht so das Problem. Die Auster ist dann in einer Art Winterruhe und frisst nicht und hat ihren ganzen Stoffwechsel heruntergefahren. Problematisch ist es für die Auster, wenn sie im Flachwasser vorkommt und es dort friert in den Wintermonaten. Gerade in den europäischen Wattenmeergebieten gab es ja früher große Austernbänke und die sind regelmäßig von Treibeis, was sich mit den Tidebewegungen nach oben und unten bewegt hat mit den Gezeiten, da sind die oft abgerissen worden und sind eingefroren. Und daran geht das Tier zugrunde, wenn es so kalte Winter sind.“
MUSIK 2
Oceans Deep
SPRECHERIN
Besonders hübsch anzusehen sind Austern von außen eigentlich nicht. Ihre Schale ist zackig, scharfkantig, hart, zerfurcht und hat eine unbestimmbare schmutzig-gräuliche Farbe.
Die abschreckende und harte Schale dient der Abwehr von hungrigen Angreifern und davon kennt die Auster einige:
O 9 Fressfeinde:
„Da gibt´s einmal Seesterne, die an der Auster interessiert sind, und die Seesterne haben ja kleine Saugnäpfe unter ihren Armen und können die Auster auseinanderziehen. Die Auster arbeitet dagegen mit einem sehr starken Schließmuskel und tatsächlich ist es so, wenn ein Seestern die Wahl hat, dann öffnet er lieber eine Mischmuschel, weil er sie leichter aufbekommt als eine starke Auster, weil der Schließmuskel der Auster einen wesentlich größeren Energieaufwand für den Seestern benötigt. Und so kann die Auster ihre Schalenklappen sehr gut zuhalten und der Seestern als Fressfeind kommt dann an das Fleisch der Auster nicht heran. Und auch Großkrebse, also Hummer und größere Krabben, fressen gerne die Austern, dann aber eher jüngere Tiere, die noch nicht so eine feste Schale haben. Und bei flacheren Gewässern gibt es auch eine Menge von Seevögeln, die sich Austern holen und dann die Schale aufknacken mit ihren Schnäbeln oder sie sogar aus größerer Höhe auf Steine herabfallen lassen, so dass die Schale brüchig wird und dann können die Vögel das Fleisch herauspicken.“
Precedessor
SPRECHERIN:
Im Inneren dagegen überrascht die Auster mit einer silbrig-glimmernden und glitzernden Schicht:
O 10 Perlmutt:
„Als Perlmutt bezeichnet man die innere Schalenschicht und die wird aus Kalziumkarbonat aufgebaut und hat noch Einlagerungen verschiedener organischer Stoffe und davon hängt auch ab, welchen Farbton oder welchen Schimmer dieses Perlmutt hat. Das bedeutet also, dass Austernarten unterschiedliche Perlmuttschichten bilden können, aber auch je nachdem, um welche Jahreszeit, um welche Nahrung im Wasser ist, und so entstehen diese charakteristisch schimmernden Perlmuttschimmer. Und im Prinzip ist es einfach die innere Schalenschicht.“
ATMO 6 Meer
SPRECHERIN:
Eingebettet in diese funkelnde Perlmuttschicht lebt der Weichkörper! Er ist mit einer dünnen Haut ummantelt, deren Rand wie ein eingerissener Stoff aussieht und eine lebensnotwendige Funktion hat: der Sensor dieses Mantels betätigt den Schließmuskel.
Bei Erschütterungen schließt der Sensor die Schalenhälften im Bruchteil von Sekunden. Überhaupt hat eine Auster ausschließlich existentielle Organe:
O 11 Weichteile:
„Der Weichkörper einer Auster besteht wie bei allen Muscheln aus Kiemen, aus dem Mantelgewebe und einem Eingeweidesack. Und der Mantel bedeckt Kiemen, Fortpflanzungsorgane, das Herz und die Verdauungsorgane.“
SPRECHERIN:
Das größte Organ der Auster ist der Schließmuskel, der bis zu 40 Prozent der Gesamtmasse ausmacht. Wenn man so will, verspeist der Gourmet also einen Schließmuskel mit Herz, Fortpflanzungs-und Verdauungsorganen sowie Kiemen!
ATMO 7 öffnen
SPRECHERIN:
Nuno Gomes, der portugiesische Austernzüchter, hat einen Netzsack voll mit Austern vom knietiefen, sandigen Meeresboden in sein Boot gehievt. Geankert hat er an einer seiner Austernbänke ein paar hundert Meter vor dem Ufer der kleinen Insel Culatra (sprich: Ku-la-tra, Betonung auf la).
O 12 special OV männl.: (Gomes)
„Beim Typ Special oyster ist die Schale perfekt rund, nicht länglich oder oval und das Fleisch schaut fest aus und füllt die ganze Muschel aus. Wenn du eine Auster siehst, die richtig prall gefüllt ist, ist es eine especial (sprich: espessial), wenn du eine siehst, die transparent ist und die Schale nicht ausfüllt, ist es eine „fina“.
Precedessor
SPRECHERIN:
Austernkenner schätzen besonders, wenn vom Perlmutt möglichst wenig zu sehen ist.
ATMO 8 öffnen 2
SPRECHERIN:
Mit einem speziellen kleinen und sehr scharfen Messer sticht Gomes an eine bestimmte Stelle zwischen den Schalen. Mit einer routinierten Drehbewegung öffnet er eine nach der anderen Muschel. Um ihre Gesundheit und Qualität zu kontrollieren ... und um sie zu probieren:
O 13 Besten OV männl.: (Gomes)
„Wenn ich eine Auster aufmache und sehe, dass sie perfekt geformt ist, geht mir das Herz auf. Die kräftige Farbe der Auster, die runde Form. Das ist der Lohn für die harte Arbeit des Züchters. Er muss ja alle 15 Tage zu seinen Austernbänken raus, die Netze umdrehen, die Muscheln umsortieren, alles Handarbeit. Und dann bleibt nur noch eines zu tun: Kosten!“
O 14 salzig OV männl.: (Gomes)
„… charakteristisch für unsere Austern: sie sind sehr salzig! Das liegt daran, dass es hier an der Algarve selten regnet. Dadurch kommt wenig Süßwasser in die Schalen, sondern fast nur Salzwasser und das bestimmt den Geschmack!“
MUSIK 3
De Usuahia
SPRECHERIN:
Ob Austern für den Menschen genießbar sind, hängt einerseits von der Wasserqualität ab, andererseits von der Jahreszeit. In Europa gilt die R-Regel, also in Monaten mit einem R, September bis April, ist die beste Zeit für Austern-Feinschmecker. Problematisch sind die Zeiten der Algenblüten, erklärt Meeresbiologin Bernadette Pogoda:
O 15 genießbar:
„Die Austern ernähren sich ja filtrierend von Plankton und das sind Kleinstlebewesen, die im Wasser schweben. Und die Austern filtern diese kleinen Nahrungspartikel mit ihren Kiemen aus dem Wasser und vor allem mikroskopisch kleine einzellige Algen. Und in den Frühjahrs-und Sommermonaten kann es durchaus sein, dass giftige Algenblüten auftreten, also Algen, die in großen Konzentrationen auftreten und die für uns Menschen toxische Stoffe produzieren, die aber für die Meeresorganismen nicht toxisch sind. Diese Giftstoffe werden von den Austern aufgenommen und angereichert. Und genau dann sind sie für den Menschen ungenießbar.“
Pools of light
SPRECHERIN:
Für die Austern selbst sind die Algen nicht gefährlich. Wenn sie also weder vom Menschen noch von anderen Fressfeinden vertilgt werden, können Austern 30 Jahre und älter werden. Und dabei große Kolonien bilden, die an Korallenriffe erinnern. Zu verdanken haben sie das auch ihrer flexiblen Art sich fortzupflanzen:
O 16 Fortpflanzung:
„Austern sind Zwitter, d.h. sie können ihr Geschlecht auch während eines einzigen Fortpflanzungszyklus wechseln. Die männlichen Tiere geben Spermienpakete ins Wasser ab und die Weibchen produzieren die Eier. Bei unserer heimischen Austernart in Europa ist es so, dass diese Eier von den Weibchen in der Mantelhülle gehalten werden, also die sind immer noch im Inneren des Tieres. Und mit dem Wasser nehmen die Weibchen dann Spermien auf und dort in der Mantelhülle befruchten die Spermien dann die Eier. Es entwickeln sich kleine Austernlarven, die dann nach einigen Tagen ins Wasser entlassen werden. Die sind noch mikroskopisch klein und leben für ca. zwei Wochen als Planktonorganismen und dann suchen sie sich einen geeigneten Ansiedlungsuntergrund und verwandeln sich. Also ähnlich wie Insektenlarven durchlaufen auch diese jungen Tiere eine Metamorphose.“
MUSIK 4
Scuba Diving
SPRECHERIN:
Wie archäologische Funde zeigen, standen bereits in der Antike Austern auf dem Speiseplan, etwa der Römer oder Ägypter. Eine Ausgrabung in Augsburg förderte zutage, dass – vermutlich - die Fugger gerne Austern verspeisten.
Eine etwas skurrile Legende besagt, dass Kleopatra ihrem Römischen Geliebten Marcus Antonius imponieren wollte, indem sie nach einem gemeinsamen Mahl eine Austern-Perle aus ihrem Ohrring löste, zerstampfte und das Pulver mit Essig vermischt verzehrte.
Hätte die Königin aus dem ägyptischen Ptolemäerreich gewusst, was eine Perle eigentlich ist, hätte sie sie womöglich nicht geschluckt. Die meisten Naturperlen entstehen nämlich, weil zum Beispiel Saugwürmer in die Auster eindringen und diese mit einem Abwehrmechanismus darauf reagiert. Eine Perle ist also in vielen Fällen ein verkalkter Wurm!
O 17 Perle:
„Die Tiere bauen ja ihre Schale aus Kalk auf, aus Kalziumkarbonat und dieses wird aus Drüsen im weichen Gewebe der Tiere abgesondert. Und wenn ein Fremdkörper in dieses Gewebe eindringt, dann wird als Schutzfunktion dieser Fremdkörper auch mit Kalkschichten überzogen und so entsteht eine Perle.“
ATMO 9 Tahiti
Girl with the eatring
SPRECHERIN:
Und genau diesen Schutzmechanismus der Austernmuschel nutzt die Perlenzucht-Industrie. Die sogenannten Perlaustern gehören allerdings nicht der Familie der Austern an, sondern der Familie der Flügelmuscheln. Für den Laien sehen sie nahezu identisch aus, nur produzieren die Perlaustern wesentlich größere und formschönere Perlen als normale Austern.
Besonders geschätzt und teuer gehandelt sind die Austernperlen aus Französisch-Polynesien.
ATMO 10 Trommeln
Hallo
SPRECHERIN:
Eine Perlenfarm auf der Insel Tahiti: Henry Taura (sprich französisch: Ongri Tau-raa) arbeitet hier seit vielen Jahren. Sein Job ist es, möglichst wertvolle Perlen zu produzieren. Hier in der Südsee haben sich die Perlenzüchter auf schwarze Perlen spezialisiert.
Der Tahitianer sitzt an einem Werktisch, auf dem wie in einem Krankenhaus Operations-Besteck liegt. Zunächst betäubt er eine junge Auster, die ihm eine Kollegin aus dem Meerwasser geholt hatte, mit einer Narkose-Spritze. Dann führt er die Operation durch:
O 18 greve OV männl.: (Taura)
„Für die Veredelung brauche ich ein kleines rundes Stück Perlmutt einer Spender- Auster. Das entnehme ich mit so einer Zahnarzt-Zange. Ich suche mir dabei eine Stelle aus, wo mir die Farbe des Perlmutts besonders gefällt. Ich mag die sehr dunklen Töne. Denn diese Farbe wird dann auch die Perle haben. Dieses Stückchen Perlmutt verpflanze ich in die junge Auster, mit ein bisschen Gewebe als Schutz, und zwar in ihre Keimdrüse.“
ATMO 10 Trommeln kurz hochziehen bitte
Scuba diving
O 19 incision OV männl.: (Taura)
„Das ist wirklich eine chirurgische Präzisionsarbeit. Denn das Tier darf dabei ja nicht zu Schaden kommen. Wenn der Kern eingepflanzt ist, kommt die Muschel in ein spezielles Wasserbecken, für etwa zehn Minuten zum Erholen. Danach geht`s wieder ins Meer. Meistens bin ich mit der Qualität der Perlen zufrieden, aber man kann immer noch besser werden.“
SPRECHERIN:
Die nächsten ein bis zwei Jahre verbringen die Perlaustern in abgesteckten Meeresbecken, wo sie sich an Holzstangen klammern. Alle paar Wochen holen die Arbeiter sie aus dem Wasser, reinigen und befreien sie von Tang, Algen usw. Erst wenn die Auster genug Zeit hatte, um den eingesetzten Kern herum einen kalkhaltigen Mantel zu bilden, also die Perle, werden die Muscheln geerntet.
O 20 Traumjob: OV männl.: (Taura)
„Es war immer ein Traumjob für mich, hier zu arbeiten. Und das ist es auch heute noch. Eine schöne Perle zu züchten, ist einfach eine tolle Aufgabe. Und wenn das Produkt, das man mit seinen eigenen Händen schafft, von den Menschen, die hierherkommen, geschätzt wird, ist das eine schöne Bestätigung.“
O 21 Kommerz: OV männl.: (Taura)
„Der Beruf des Perlenzüchters ist gut bezahlt. Aber natürlich ist das auch ein Geschäft, mit dem Geld verdient wird. Zwischen unserer Farm hier und den Kunden in Europa, die die Perlen kaufen, sind mehrere Zwischenhändler. Und alle verdienen etwas daran, viel mehr als ich. Das ist mir schon klar, aber es ist in Ordnung.“
ATMO 11 Ukulele / evtl. crossfaden
MUSIK 5
SPRECHERIN:
Gesunde Austern kommen nicht nur Perlenliebhabern und Feinschmeckern zugute, sondern vor allem dem Ökosystem Meer!
Ähnlich wie Korallenriffe fungieren Austernbänke als Wellenbrecher vor den Küsten und schaffen so Lebensraum für viele Fische und andere Meerestiere. Und sie gehören zu den Reinigungskräften der Ozeane! Für Meeresbiologin Bernadette Pogoda werden Austern aus ökologischer Sicht oft unterschätzt:
O 22 Filtration:
„Unsere heimische Austernart kann bis zu 240 Liter pro Tag filtrieren, das entspricht etwa einer Badewanne. Und da Austern in dichten Austernriffen-oder bänken vorkommen, ist die Gesamtfiltrationsleistung natürlich enorm und damit steigern sie die Wasserqualität in ihrer Umgebung oft erheblich. Und diese Filtration ist Teil der Nahrungsaufnahme, das bedeutet, dass Wasser durch die Kiemen, die wie sehr feine Kämme aufgebaut sind, in das Tier strömt, und die Nahrungsteilchen werden aus dem Wasser herausgekämmt, aber nicht nur Nahrungsteilchen, sondern auch andere Trübstoffe, die im Wasser sind. Diese unverdaulichen Bestandteile, also diese Trübstoffe, die auch mit rausgefiltert wurden, werden von den Austern gebunden und dann als kleine Klümpchen auf dem Meeresboden abgelagert. Dadurch wird das Wasser insgesamt klarer.“
MUSIK 6
„Pools of light“
O 23 Ökosystem:
„Zum Beispiel kann mehr Licht ins Wasser eindringen, wenn das Wasser klarer ist, sodass Meeresalgen, die ja wie unsere Landpflanzen Sauerstoff produzieren, besser wachsen können und diesen Sauerstoff auch im Meerwasser an ihre Umgebung und somit ist das Gesamtökosystem einfach gesünder.“
SPRECHERIN:
Deshalb laufen in mehreren Küsten-Regionen Wiederansiedlungs-Projekte verschwundener Austern-Populationen. Etwa vor der Küste von Hong Kong oder auch in den Flüssen von New York. Millionen von Austernmuscheln werden seit einigen Jahren im Bronx River, Hudson River oder East River an künstlich errichteten Riffen ausgesetzt.
Bernadette Pogoda selbst arbeitet beim einem Projekt in der Nordsee mit. In einer Anlage vor Helgoland züchten die Wissenschaftlerin und ihr Team mithilfe von Elterntieren aus anderen Meeresgegenden eine neue Population.
O 24 Vielfalt:
„Unser Ziel ist, dass wir die Auster wieder ansiedeln mit der Funktion, dass die Auster die Artenvielfalt steigert. Austern sind ökologische Schlüsselarten, so bezeichnen wir sie, weil sie den Lebensraum für viele andere Tierarten gestalten und auch bieten. Und damit erhöhen sie die Biodiversität, also die Artenvielfalt. Austern bilden ja diese dicke Kalkschale und Austern wachsen oft aufeinander, bilden also Aggregationen, später sogar Austernriffe und diese dreidimensionalen Riffe bieten vielen anderen Lebewesen einen Schutzraum, ein Versteck oder sessilen Arten, also sesshaften Arten, einen Siedlungsuntergrund.“
SPRECHERIN:
Sollte das Projekt erfolgreich sein und sich die Austern sogar über das Schutzgebiet vor Helgoland hinaus verbreiten, wäre sogar an ein Fischereimanagement mit Austernzucht denkbar. Dann könnten auch hierzulande Austern-Gourmets einheimische Austern genießen.
ATMO 12 Fischmarkt 1
O Navio
SPRECHERIN:
In Olhao (sprich: Oll-jao) an der portugiesischen Algarve gibt es solch einen lebhaften Fischmarkt. Auf den Tischen der Marktleute häufen sich Fische, Oktopusse, Garnelen, Muscheln und Austern.
ATMO 13 Schalen
SPRECHERIN:
Wobei ein Großteil der portugiesischen Austern an Großhändler aus Frankreich verkauft wird. Dort ist der wichtigste Absatzmarkt Europas. Weltweit ist China der bedeutendste Austern-Produzent.
ATMO 14 Küche
SPRECHERIN:
In den heimischen Küchen und den Restaurants an der Algarve sind Austern erst in den vergangenen Jahren beliebt geworden, seitdem sie hier gezüchtet werden und deshalb bezahlbar sind. Im Lokal „Tertulia“ (sprich: Betonung auf U) in der Provinz-Hauptstadt Faro hat Koch Bruno Amaro ein eigenes Austern-Rezept kreiert:
O 26 Koch OV männl.: (Amaro)
„Unsere typische Wurst Chorizo (sprich: Tschorissó) kommt in eine Auflauf-Form, wird angebraten, dann gebe ich Austernwasser mit zwei Austern dazu und püriere alles … Paprika, Zwiebeln, Knoblauch, etwas geräucherten Schinken und Fischbrühe dazu … nochmal ein paar Austern, zwei Minuten köcheln, fertig. Ich kombiniere ein traditionelles Algarvegericht, das schon meine Oma immer zubereitet hat, die sogenannte Cataplana, mit Austern. Also Hausfrauenkost mit lokalen Produkten, aber mit neuem Touch!“
ATMO 15 Messer
„Pools of light“
SPRECHERIN:
Am liebsten isst Koch Amaro Austern aber roh und direkt aus der Schale. Wie auch Austernzüchter Nuno Gomes. Und der verrät Austern-Freunden in Deutschland ein kleines kulinarisches Geheimes:
O 27 französisch OV männl.: (Gomes)
„Wenn du in Deutschland französische Austern kaufst, ist es sehr gut möglich, dass es eigentlich portugiesische sind. Sie werden hier gezüchtet, dann in Frankreich verpackt und exportiert. Aber eigentlich sprechen sie portugiesisch …“

Apr 2, 2024 • 23min
Mammut & Co - Die Megafauna der letzten Eiszeit
Warum sind Mammuts, Säbelzahntiger und Wollnashorn ausgestorben? Waren es die Temperaturen oder war es der Mensch? Weltweit wird das Schicksal der damaligen Megafauna erforscht. Im tauenden Permafrostboden kommen nun neue Erkenntnisse zutage. Vielleicht können wir die Riesen bald zu neuem Leben erwecken. Von Brigitte Kramer (BR 2021)Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Frank Halbach Es sprachen: Ditte Ferrigan, Christian Baumann, Marlen Reichert Technik: Helge Schwaru Redaktion: Bernhard KastnerDas Manuskript zur Folge gibt es HIER.


