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Mar 14, 2024 • 23min
Bitte berühren! - Warum Körperkontakt so wichtig ist
Eine Umarmung, Streicheleinheit oder Massage: Das Bedürfnis nach körperlicher Nähe ist ein urmenschliches. In der Haut sitzen bestimmte Sensoren, die es ermöglichen, dass wir berühren und berührt werden. Von Katrin KellermannCreditsAutorin dieser Folge: Katrin KellermannRegie: Susi WeichselbaumerEs sprachen: Caroline Ebner, Johannes HitzelbergerTechnik: Lydia Schön-KrimmerRedaktion: Gerda Kuhn
Im Interview:Prof. Dr. med. Karl Heinz Brisch, Er leitet die Abteilung für Kinderpsychosomatik am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Universität München. Er forscht über die Entwicklung der menschlichen Bindung sowie über die Behandlung und Prävention von Bindungsstörungen;Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen, Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie, Facharzt für Klinische Pharmakologie, emeritierter Professor der FU Berlin;Martin Grunwald, PD Dr. phil. habil. Dipl., Leiter des Haptik-Labors am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung in Leipzig;Holger Carstens, staatl. gepr. Masseur u. med. Bademeister. Berührungstrainer;Eine Teilnehmerin der Kuschelparty
Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast
Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
O-Ton 1 Szene Kuschelabend „Wir gehen langsam durch den Raum, wir spüren unsere Füße. Und unsere Augen sind nur soweit geöffnet, dass wir uns im Raum orientieren können und wir schauen, dass wir ganz bei uns selber ankommen, in uns hineinspüren, und den Boden wahrnehmen… “
Nach 20 Sekunden mit Text beginnen. Atmo unterm Text stehen lassen!
Sprecherin:
Es ist ein Sommerabend in München: Ein Dutzend Männer und Frauen schreiten in Strümpfen und bequemer Kleidung durch einen hellen großen Raum. In einer Ecke auf dem Boden liegen Matratzen und Kissen bereit, für den Höhepunkt des Abends, den so genannten Kuschelhaufen. Zunächst sollen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kennenlernen und Hemmungen abbauen. Veranstalter Holger Carstens ist Masseur und heute der Berührungstrainer, er trägt weiße Kleidung und spricht mit sanfter Stimme:
O-Ton 2 Carstens „Veranstaltung“ 00:20 „Es ist eine geführte Veranstaltung, das heißt, wir beginnen bei uns selber, dass wir uns selber wahrnehmen, dass wir mit uns selber tanzen, und dass wir ganz behutsam miteinander Kontakt aufnehmen, über die Augen, über Berührungen, dass wir uns die Hand reichen, oder die Schulter berühren, wer mag, kann sich umarmen. Also immer ganz frei: Jeder kann sich so verhalten, wie er das gerade möchte, wie ihm gerade zumute ist.“
MUSIK Marquis de Sade
Sprecherin:
Die Berührungen sollen ohne sexuelle Absicht und ohne Hintergedanken sein. Es gibt Regeln: Die Kuschelfans sind alle angezogen, intime Körperstellen sind tabu. Es geht um etwas Anderes, um Halten und Gehalten werden, um das Gefühl von Nähe und Geborgenheit, um Glück. Berührung befriedigt ein Grundbedürfnis - sie stillt den Hunger nach Nähe, so wie Lebensmittel den Hunger nach Nahrung stillen, sagt eine Teilnehmerin, die eine erfahrene Kuschelabendbesucherin ist:
O-Ton 3 Teilnehmerin 00:32
„So habe ich gemerkt, dass mein Körper die Berührung braucht, ohne dass ich in eine Beziehung eingehen muss, und danach bin ich glücklich und zufrieden und ich brauch nicht auf die Suche gehen. Ich kann auch mit einer Frau im Arm sein, und ich fühle mich geborgen und gehalten, ich werde auch nicht schräg angeguckt, sondern es ist einfach schön!“.
Sprecherin:
Kuschelabende bieten einen geschützten Raum, wo Berührungshungrige Gleichgesinnte treffen. Ursprünglich aus den USA nach Europa gekommen, gibt es diese Veranstaltungen seit einigen Jahren auch in nahezu jeder deutschen Großstadt. Sie sind gut besucht und sprechen eine klare Sprache: Die Sehnsucht nach sanften, liebevollen Berührungen ist unendlich und wird bei vielen durch ihr Umfeld nicht befriedigt.
MUSIK As little as light
Sprecherin:
Beim Münchner Kuschelabend folgt nach verschiedenen Lockerungsübungen wie Tanzen oder Sich-mit verbundenen-Augen-Anfassen der krönende Abschluss: Körper liegen nebeneinander, Hände streicheln über Arme, Rücken und Köpfe. Keiner weiß mehr so genau, zu wem welches Körperteil eigentlich gehört:
O-Ton 4 Carstens 00:16 „Das Verrückte ist tatsächlich, dass es im Grunde genommen egal ist, mit wem man körperliche Berührung hat. Ich sehe uns da ein bisschen wie die Schäfchen in der Herde, und da ist es auch letztlich auch egal, welches Schäfchen links oder rechts von mir läuft, mit wem ich Berührung habe, ich fühl mich einfach sicher!“
Sprecherin:
Nichts verbindet uns inniger als gegenseitiger Körperkontakt. Berührungen sind die elementarste Form der Kommunikation. Eine Umarmung kann viele Gefühle auslösen, beispielsweise spendet sie Trost und schenkt Geborgenheit. Sie wirkt unmittelbar und manchmal besser als viele Worte, bestätigt der Bindungsforscher und Psychiater Professor Karl Heinz Brisch:
O-Ton 5 Karl Heinz Brisch 00:29
„Körperkontakt in zwischenmenschlichen Beziehungen hat natürlich die Funktion, uns zu beruhigen, wenn wir aufgeregt sind, wenn wir Angst haben, dann braucht jemand, der jetzt zu uns kommt, gar nicht viel zu sagen, der sieht, dass wir sehr traurig sind, dass wir Angst haben und er nimmt uns in den Arm. Und das funktioniert natürlich selbst dann, wenn wir Menschen gar nicht kennen. Also am elften September in New York, als diese Towers eingestürzt sind, da haben sich Menschen plötzlich in den Armen gelegen und sich geklammert und festgehalten, die kannten sich gar nicht.“
Sprecherin:
Eine Umarmung, eine Hand auf dem Körper, Gehaltenwerden: Diese Berührungen vermitteln uns das Gefühl, nicht alleine zu sein! Ihre machtvolle und tröstende Botschaft funktioniert das gesamte Leben lang: Von den ersten Sekunden auf der Welt bis zum Sterbebett. Dabei kommt den allerersten Erfahrungen eine entscheidende Bedeutung zu: Denn die Sprache der Berührungen ist die erste, die ein Mensch lernt, und sie hinterlässt Spuren im Gehirn, die für immer bleiben.
MUSIK All is loved
O-Ton 6 Karl Heinz Brisch 00:45
„Normalerweise sind Eltern liebevoll zärtlich mit ihrem Baby im Körperkontakt unterwegs, das heißt, sie wickeln ihr Baby entsprechend vorsichtig, sie halten es entsprechend zärtlich und geschützt, sie machen vielleicht eine Babymassage mit ihm, und die Babys lieben es, sie entspannen sich dabei. Sie suchen diesen Körperkontakt! Babys, sobald sie können, halten sich an der Mutter fest, umarmen die Mutter und es ist sicherlich evolutionär so angelegt. Wenn man mal zu den Schimpansen geht, da haben die Schimpansenbabys die ersten zwei Jahre ganz viel Körperkontakt. Sie schlafen nachts in engem Körperkontakt mit der Mutter, was übrigens die allermeisten Babys rund um die Welt tun, nur in Deutschland gibt es so Vorstellungen, Babys sollten in einem eigenen Bett, in einem eigenen Schlafzimmer übernachten - das ist aber evolutionär sicherlich nicht so vorgesehen.“
Sprecherin:
Professor Karl Heinz Brisch, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, forscht zum Thema, wie sichere Bindungen gelingen können. Denn ausgestattet mit dem so genannten Urvertrauen, sind Kinder besser gewappnet für Schwierigkeiten, die möglicherweise im Leben auf sie zukommen werden.
MUSIK All is loved
Sprecherin:
Ein Baby ist zunächst vollkommen hilflos. Es ist darauf angewiesen, dass seine Signale richtig gedeutet und seine Bedürfnisse entsprechend gestillt werden. Auf sich alleine gestellt, könnte es nicht überleben. Und nichts versichert ihm die Anwesenheit einer Bezugsperson besser als der direkte Körperkontakt.
MUSIK Crystal Memories
Sprecher:
Zudem werden beim Kuscheln, besonders natürlich auch beim Stillen, sowohl bei der Mutter als auch beim Baby Hormone ausgeschüttet, die im ganzen Körper wirken. Das Oxytocin beispielsweise, auch als Bindungs- oder Kuschelhormon bekannt, löst im Gehirn das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit aus. Außerdem stärkt es die Bindung zwischen Mutter und Kind, was es wiederum der Mutter erleichtert, die Bedürfnisse ihres Kindes richtig zu erkennen. Andere Hormone wiederum sind ein wichtiger Motor für Wachstums- und Entwicklungsprozesse, vor allem im Gehirn:
O-Ton 7 Karl Heinz Brisch 00:42
„Das Baby wird mit ganz vielen Milliarden von Nervenzellen geboren, aber die sind ganz wenig miteinander im Kontakt und zwischen diesen Nervenzellen müssen jetzt Nervenverbindungen aufgebaut werden, und die wiederum werden nur aufgebaut, wenn das neuronale - das Gehirn-Wachstumshormon - ausgeschüttet wird, das heißt, sichere Bindung insgesamt, natürlich auch gefördert durch Körperkontakt, fördert damit nicht nur ein gutes sicheres emotionales Gefühl, sondern natürlich auch dann die Gehirnentwicklung. Und wenn die Gehirn-Vernetzung gut läuft, dann kann ein Baby seine vielleicht genetisch angelegten Potenzen, was es kognitiv, emotional, aber auch von seinen sonstigen Fähigkeiten entsprechend entwickeln, sonst würde das gar nicht gut funktionieren.“
Sprecherin:
Das Gehirn eines Babys ist also zunächst unreif. Erst durch die entsprechenden Berührungen vernetzen sich die Nervenzellen. Das Gehirn passt sich an die Welt an, in die es hineinwächst. Deshalb prägen uns die Berührungserfahrungen der ersten Jahre ein Leben lang.
Sprecher:
Das Leben von Babys, die zu früh geboren werden, hängt an einem seidenen Faden.
Angeschlossen an medizinische Geräte liegen die Winzlinge in Inkubatoren, wie Brutkästen in der Fachsprache heißen. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass gerade ihnen ein intensiver Körperkontakt gut tut. Dennoch ist die sogenannte Känguru-Methode, die auch als „Känguruhen“ bezeichnet wird, erst seit Ende der Siebziger Jahre populär, als sie von zwei kolumbianischen Kinderärzten aus der Not heraus entwickelt wurde. Der Name verweist auf das Tierreich, wo Kängurubabys nach der Geburt außerhalb des Mutterleibs reifen, und zwar im Beutel vor dem Bauch des Muttertiers.
Sprecherin:
In der Klinik der kolumbianischen Ärzte gab es keine Heizung und zu wenige Inkubatoren, weshalb man zunächst mehrere Frühgeborene zusammenlegte. Dadurch stieg aber die Infektionsgefahr und mehr Babys starben.
MUSIK All is loved
Daraufhin band man die zarten Frühchen mit einem Tuch vor den Oberkörper ihrer Mütter. Sie waren nun Haut zu Haut mit der Mutter in Kontakt. Tatsächlich überlebten mehr Babys und auch die Mütter profitierten, denn sie konnten ihr Kind besser kennenlernen und somit eine engere Bindung aufbauen.
Sprecherin:
Auch Babys, die pünktlich auf die Welt kommen, lässt man mittlerweile so schnell wie möglich auf die Haut der Mutter. Ist dies aus medizinischen Gründen nicht möglich, kann ein Säugling zwar die fehlende Nähe kompensieren, jedoch nur für eine bestimmte Zeitspanne. Kinder, die verwahrlost und ohne liebevolle Zuwendung aufwachsen müssen, erleiden irgendwann mit ziemlicher Sicherheit körperliche und seelische Schäden.
Sprecher:
Der feinfühlige Körperkontakt, die Erfahrung, dass Umwelt und Bezugsperson sich liebevoll verhalten, schützen dagegen ein Leben lang:
MUSIK Crystal Memories
O-Ton 8 Karl Heinz Brisch 00:38
„Wenn die Kinder größer werden, wird diese Erfahrung von emotionaler Sicherheit innerlich im Gehirn abgebildet, in einem Arbeitsmodell von Bindung. Und wenn dieses Arbeitsmodell sagt, wann immer ich in dieser Welt Angst habe, kommen Bindungspersonen und helfen mir. Jetzt reicht es, wenn die Kinder drei, vier, sechs, acht, zehn sind, aus, sich daran zu erinnern, wie es wäre, wenn die Bindungsperson jetzt käme, wenn ich Angst bekomme, und ich erinnere mich daran, wie es wäre, die würde mich jetzt tröstend in den Arm nehmen, und dann kann ich als Kind mich plötzlich selber beruhigen, kann angstvolle Situationen besser überstehen, als wenn ich diese Sicherheit nicht an Bord habe.“
Sprecherin:
Babys und Kleinkinder haben normalerweise keine Scheu, ihr Bedürfnis
nach Körperkontakt einzufordern. Sie klammern sich an die Mutter, klettern auf den Schoß ihrer Bezugsperson, wollen getragen werden oder kriechen zu ihren Eltern ins Bett. Bindungsforscher und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch sieht dennoch die Gefahr, dass körperliche Zuwendung im digitalen Zeitalter zu kurz kommt:
O-Ton 9 Karl Heinz Brisch 00:25
„Wenn wir heute sehen, wie Mütter mit Babys unterwegs sind und dann während sie unterwegs sind noch sehr viel mit ihrem Smartphone im Kontakt sind und das Smartphone mehr streicheln und berühren als das Baby, dann ist es nicht verwunderlich, dass Babys schon ganz scharf sind auf dieses Smartphone und auch anfangen, das Smartphone zärtlich zu berühren und zu streicheln, weil sie dort offensichtlich einen Teil ihrer Sehnsucht nach Körperkontakt und Berührungen stillen!“ (bleibt mit der Stimme oben!)
Sprecherin:
Dabei ändern sich die Bedürfnisse der Kinder mit der Pubertät ohnehin: Zwar sehnen sie sich nach wie vor nach Körpernähe, suchen sie aber nicht mehr in erster Linie bei den Eltern, sondern bei Gleichaltrigen. Mit der ersten Liebe erfahren sie dann auch eine ganz neue Lust am Körperkontakt.
MUSIK Assembling
Sprecher:
Verliebte können vom Körper des anderen erst einmal nicht genug kriegen. Allerdings berühren sich Partner oft weniger, je länger sie zusammen sind. In den USA gab es spannende Studien mit jungen Ehepaaren. Man teilte die Paare in zwei Gruppen: Die einen wurden vier Wochen lang immer wieder angehalten, sich gegenseitig zu berühren, die anderen nicht. In der Berührungsgruppe entdeckte man dann Erstaunliches: Die Laborwerte, die auf Stress hinweisen, waren reduziert, außerdem hatten die Testpersonen einen niedrigeren Blutdruck und eine erhöhte Konzentration des Bindungshormons Oxytocin im Speichel. Den Forschern zufolge kann eine Partnerschaft, in der sich die Partner gegenseitig berühren - kuscheln, streicheln oder sanft massieren – sogar das Immunsystem stärken und einen positiven Einfluss auf die seelische Gesundheit haben.
MUSIK As little as light
Sprecher:
Wer die Kraft der menschlichen Berührungen verstehen will, muss einen Blick auf ein besonderes Sinnesorgan werfen – die Haut. Mit zwei Quadratmetern ist sie unser größtes, mit fünf Kilogramm unser schwerstes und evolutionsgeschichtlich auch unser ältestes Organ.
Sprecherin:
Die Haut ist das Organ des Tastsinns. In der Fachsprache hört man auch die Begriffe Tastsinnessystem oder somatosensorisches System. Eher umgangssprachlich reden wir schlicht von „Fühlen“, treffender sind die Bezeichnungen Berührungssinn oder Körpersinn. Ein schönes Bild, denn zusammen mit der Haut erfasst dieser Sinn ja auch unseren gesamten Körper. Der Tastsinn ist unser erster Sinn:
MUSIK Crystal Memories
Sprecherin:
Bereits im Mutterbauch, in der achten Schwangerschaftswoche, reagiert ein Embryo auf Berührungen an der Stelle, die sich später einmal zum Mund ausbilden wird. Zu diesem Zeitpunkt ist der werdende Mensch nur etwa einen bis zwei Zentimeter groß, andere Sinnessysteme wie Hör- oder Gesichtssinn entwickeln sich erst später.
Sprecher:
Trotzdem haben Sinnesforscher dem Tastsinnessystem lange Zeit wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dr. Martin Grunwald ist einer der wenigen Experten, die ihre Forschungen darauf konzentrieren. Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gründete der habilitierte Psychologe das Leipziger Haptik-Forschungslabor. Sein Buch „Homo Hapticus“ ist ein preisgekrönter Bestseller. Wir könnten zwar die Augen schließen und uns die Ohren zuhalten, so betont der Autor, das Tastsinnessystem dagegen sei immer aktiv:
O-Ton 10 Martin Grunwald 00:42
„Ohne das Tastsinnessystem könnten wir den Unterschied zwischen äußerer Umwelt und unserem eigenen Körper gar nicht feststellen. Das heißt, wir wüssten ohne das Tastsinnessystem nicht, dass wir eine körperliche Einheit darstellen, und wir könnten uns auch von der äußeren Umwelt nicht unterscheiden. Man könnte sogar so weit gehen, dass das Tastsinnessystem Voraussetzung für die menschliche Bewusstseinstätigkeit ist. Also die Tatsache, dass wir am Leben sind, ziehen wir aus den Informationen, die uns das Tastsinnessystem zur Verfügung stellt.“
MUSIK Cristallisation
Sprecherin:
Doch wie funktioniert nun die Wahrnehmung einer Berührung? Wie gelangt die Information, dass uns gerade jemand streichelt, von der Haut ins Gehirn?
Sprecher:
In der Haut sitzen Sensoren, so genannte Rezeptoren, die am ganzen Körper Druck, Dehnung, Vibrationen, Kälte, Wärme, Jucken oder Schmerzen registrieren. Die Rezeptoren haben ungewöhnliche Namen wie Vater-Pacini-Körperchen, Merkel-Rezeptoren oder Meissner-Körperchen und befinden sich millionenfach in der Haut. Sie registrieren jede noch so kleine Veränderung ihrer Umwelt und leiten sie an die Nervenfasern weiter.
Sprecherin:
Das sind die „Nachrichtenhotlines“ zum Gehirn, wo die ankommenden Signale in speziellen tastsensiblen Bereichen registriert und verarbeitet werden. Körperstellen, an denen sich viele Rezeptoren befinden, beispielsweise Lippen oder Genitalien, nehmen einen entsprechend großen Bereich ein.
Sprecher:
Eine Berührung ist - rein technisch gesehen - nichts anders als eine Verformung der Haut:
O-Ton 11 Martin Grunwald 00:46
„Durch die Verformung der Körperhaut werden eine ganze Reihe von tastsensiblen Rezeptoren erregt und diese Erregungsmuster werden als kleine elektrische Impulse an das Gehirn weitergeleitet. Und das Gehirn produziert dann seinerseits verschiedene Neurotransmitter, wir erleben positive oder negative Emotionen. Und gleichzeitig wird durch die Ausschüttung der Hormone über die Blutbahn der gesamte Organismus verändert. Also die Herzfrequenz wird in der Regel langsamer, die Muskulatur entspannt sich, die Atmung wird flacher. Also Berührungsreize haben immer eine ganzkörperliche Reaktion zur Folge – in Form von Spannungs- oder Entspannungszuständen.“
MUSIK As little as light
Srecher:
Im Jahr 1999 machten schwedische Forscher eine spannende Entdeckung: Sie fanden eine bis dahin unbekannte Art von Rezeptoren und dazugehörige Nervenleitungen, die so genannten C-taktilen Fasern. Diese sind spezialisiert auf sanfte, rhythmische Berührungen, die mit einer Geschwindigkeit von etwa drei Zentimetern pro Sekunde ausgeführt werden. Ganz klar: Diese trockenen Daten sind der Steckbrief einer Streicheleinheit.
MUSIK Assembling
Sprecherin:
Die Wissenschaftler hatten sozusagen die „Zärtlichkeitsleitung“ gefunden. Eine Nerven-Hotline, die ausschließlich für zärtlichen Input geschaffen ist. Die C-taktilen Fasern befinden sich an allen behaarten Körperstellen. Das heißt, es gibt sie beispielsweise nicht an den Fußsohlen oder an den Handinnenflächen. Vermutlich ist das der Grund, warum uns eine rhythmische Berührung an der Fußsohle eher kitzelt als wohltut. Da liebevolle und sanfte Berührungen für unsere Entwicklung und unser Wohlbefinden existentiell sind, erscheint es evolutionär gesehen logisch, dass es auch auf neuronaler Ebene entsprechende Strukturen gibt. Dennoch galt diese Entdeckung zunächst als Sensation:
O-Ton 12 Müller-Oerlinghausen 00:27
„Man könnte sich ja vorstellen, Wohlgefühl entsteht dadurch, dass verschiedene Eindrücke – Druck, Temperatur, Streichen, und so weiter, Berührung eben, im Gehirn irgendwie zusammengesetzt werden, und dass daraus dann ein Wohlgefühl entsteht - quasi auf irgendeiner Ebene. Es ist aber anders, das Wohlgefühl als solches wird eben durch ein eigenes Nervenfasern-Netz quasi hergestellt.“
Sprecherin:
Professor Bruno Müller-Oerlinghausen ist klinischer Psychopharmakologe und ein international anerkannter Experte für die Behandlung von Depressionen. An der psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin leitete er eine Forschungsgruppe und führte dabei körpertherapeutische Methoden ein. Eine spezielle Massagetechnik, die er zusammen mit einer Körpertherapeutin entwickelte und in einer Studie erforschte, zeigte überraschend positive Effekte: Seinen depressiven Patienten ging es deutlich besser. Die so genannten psychoaktiven Massagen zielen nicht in erster Linie auf die Muskeln oder das Bindegewebe ab, sondern auf die Haut. Denn die besitzt laut Bruno Müller-Oerlinghausen eine spezifische Intelligenz:
O-Ton 13 Müller-Oerlinghausen 00:35
„Sie entwickelt sich ja in der embryonalen Entwicklung aus dem sogenannten Ektoderm, das ist das äußere von den drei verschiedenen Keimblättern, die es gibt, und das Gehirn entsteht als eine Einstülpung dieses Ektoderms, das heißt, schon in der Entwicklungsgeschichte haben wir eine ganz enge Verbindung zwischen Nervensystem und Haut. Und ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Punkt, der hier bei den Wirkungen von Massage auf die Seele eine Rolle spielt.“
Sprecherin:
Einige Depressionsforscher gehen davon aus, dass bei depressiven Menschen die Wahrnehmung ihrer inneren Gefühlswelt und der Außenwelt nicht zusammenpasst. Man spricht von einer gestörten „Kohärenz“. Möglicherweise können Massagen auch deshalb positiv wirken, weil sie das Körpergefühl verbessern.
Sprecher:
Sicher ist: Berührungen beeinflussen unsere Stimmung, unser Denken und unsere Gefühlswelt auf eine faszinierende Art und Weise:
O-Ton 13 Bruno Müller-Oerlinghausen 00:36
„Es gibt Studien, die gezeigt haben, dass eine Massage vor der Operation dazu führen kann, dass die Patienten aus der Narkose besser aufwachen, dass sie weniger strampeln, weniger unruhig sind… Das ist ähnlich wie die Massage bei Schwangeren, wo wir auch Befunde haben, dass eine wiederholte Massage dazu führt, dass Schwangere bei der Entbindung weniger Schmerzen haben, weniger Schmerzmittel brauchen, und vor allem dass das Risiko geringer wird, dass sie nach der Entbindung depressiv werden.
MUSIK As little as light
Sprecherin:
Berührungen spielen eine große Rolle für unser soziales Leben und unsere Beziehungen. Doch immer mehr Menschen leben in Singlehaushalten, und auch die Arbeitswelt reißt Familien auseinander. Die Sehnsucht nach körperlicher Nähe ist bei Menschen in allen Altersstufen oft groß und ungestillt. Psychologe Martin Grunwald würde sich wünschen, dass es Veranstaltungen wie Kuschelabende in Zukunft auch auf Rezept gibt. Und auch Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch sieht gesellschaftlichen und politischen Handlungsbedarf:
O-TON 14 Karl Heinz Brisch 00:26
„Wir haben genügend Altenpflegerinnen und Altenpfleger, die sagen, ich würde das gerne tun, manchmal einen alten Menschen dann tröstend in den Arm nehmen und ein bisschen die Hand halten und Zeit und ein Ohr haben, aber bei den heute ökonomisierten Abläufen, auch in der Altenpflege, genauso wie in der Kinderkrankenpflege oder dergleichen, bleibt dafür leider wenig Zeit und das braucht dringend eine Veränderung.

Mar 13, 2024 • 23min
Das Paradies - Auf der Suche nach dem Guten
Sehnsuchtsort Paradies - Die Religionen beschreiben das Paradies als einen Ort, wo Überfluss und Reichtum herrschen und es keine Gewalt gibt. Das Paradies ist ein Gegenentwurf zum Leben im Hier und Jetzt. (BR 2020)Autor/in dieser Folge: Barbara Schneider Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann, Andreas Neumann Technik: Michael Krogmann Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:
Bernhard Lang, Theologe und ReligionswissenschaftlerDaria Pezzoli-Olgiati, Professorin für Religionswissenschaften
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Zitator
Die Menschen „lebten wie Götter und hatten das Herz ohne Kummer, ohne Plagen und Jammer. Sogar das klägliche Alter nahte nicht, sondern immer an Füßen und Händen sich gleichend, freuten sie sich am üppigen Mahl und kannten kein Unheil. Wie vom Schlaf überwältigt, starben sie; alles Erwünschte war ihnen eigen.“ (Hesiod)
MUSIK kurz hoch
Sprecherin
Rund 700 Jahre vor Christus skizziert der Dichter Hesiod, der als Bauer in Griechenland gelebt hat, den Mythos einer vollkommenen, glücklichen Zeit.
In seinem Lehrgedicht „Werke und Tage“ nennt er diese Zeit das ‚Goldene Zeitalter‘ und meint damit eine perfekte Urwelt, die er ganz zu Anfang der Menschheitsgeschichte verortet. Diesen idealen Urzustand gibt es nicht mehr.
MUSIK 2: James Horner: „Betrayed“
Nach und nach hat sich die Welt vom Guten zum Schlechten gewandelt, auf das Goldene Zeitalter folgten weitere Zeitalter, in denen das Leben für die Menschen immer mühsamer wird und nach und nach Gewalt und Krieg in die Welt kommen. Nunmehr, so sieht es Hesiod, lebt der Mensch im ‚eisernen Zeitalter‘, wo Gewalt herrscht, Recht gebrochen wird, die Menschen körperlich schwer arbeiten müssen und der Alltag von Sorgen begleitet ist. Den Menschen bleibt nur die Hoffnung, dass irgendwann das Goldene Zeitalter zurückkehrt.
Sprecher
Der Mythos vom Goldenen Zeitalter, wie ihn Hesiod aufschrieb, findet weite Verbreitung in der Antike. Andere Schriftsteller greifen diese Vorstellung auf. Aber nicht nur in der antiken Mythologie gibt es die Idee einer vollkommenen, glücklichen, ja paradiesischen Zeit, sagt der katholische Theologe und Religionswissenschaftler Bernhard Lang:
1 OT Bernhard Lang
Eigentlich findet man in sehr vielen Kulturen Vorstellungen von einer idealen Urzeit, von einem goldenen Zeitalter auf das dann ein langsamer Abfall folgt, der dann schließlich in der Gegenwart, im eisernen Zeitalter, endet, also in unserer relativ schlechten Zeit. Und man sehnt sich auf eine große Zeitenwende, die die ganze Geschichte wieder an den Anfang, in das Goldene Zeitalter zurückführt.
Sprecher
Die Weltliteratur kennt zahlreiche und unterschiedliche Geschichten von einer idealen Urzeit. Von Orten, an denen Frieden und Harmonie zwischen Gott beziehungsweise Göttern und den Menschen herrscht. Die wohl berühmteste Erzählung findet sich am Anfang der Bibel.
MUSIK 3 Marcus H. Rosenmüller: „Amrita und... aus: Sommer in Orange“ + ATMOS Vogelgezwitscher, Löwe, Affe, Gewitter
Sprecherin
‚Garten Eden‘ nennt die Bibel den Ort, den Gott geschaffen hat. Hier kümmert sich Gott um den Menschen. Er pflanzt Bäume an, von deren Früchten sich der Mensch ernährt. Eine Quelle bewässert das Paradies und sorgt dafür, dass in dem Garten alles wächst und gedeiht. Hier lebt der Mensch in einem Urzustand, in dem es keinen Tod gibt.
Atmo Ende
Sprecherin
Der Religionswissenschaftler Bernhard Lang beschreibt das biblische Paradies als ‚Wildpark‘. Dabei verweist er auf die Herkunft des Wortes „Paradies“ aus dem Persischen. In der griechischen Übersetzung der biblischen Paradieserzählung wird dieses Wort zum ersten Mal gebraucht. ‚Paradies‘, sagt der Theologe, bezeichnet einen umfriedeten Park, einen Wildpark, wie man ihn in der Antike im persischen Raum fand. So verwendet es der griechische Schriftsteller Xenophon, der als Heerführer im Dienst des persischen Königs Kyros stand:
2 OT Bernhard Lang
Paradies als Stichwort ist ein persisches Wort, von dort ins Griechische gekommen. Um das Jahr 400 vor Christus hat Xenophon einen solchen Wildpark kurz beschrieben. Er gehört dem König Kyros … dort gibt es große Bäume und vor allem wilde Tiere, die der Herrscher erlegt. Also eine Vorstellung, die mit dem Königtum zu tun hat und die besagt, der König bändigt die Natur. Dieser Wildpark ist gebändigte Wildnis und genau das haben wir in der biblischen Paradies-Erzählung als erste fast unsichtbare Grundlage. Das sehen Sie sehr leicht, wenn Sie bedenken, dass Adam, kaum ist er geschaffen, den Tieren vorgestellt wird oder die Tiere ihm und er Namen gibt.… Die ursprüngliche Gestalt der Paradieserzählung machte Adam zu einem Tierpfleger oder Aufseher eben dieses Jagdparks.
Sprecher
Dieser Park ist ein Ort, an dem der Mensch alles hat, was er zum Überleben braucht.
Sprecherin
Gleichzeitig ist der Urzustand als Wildpark allerdings nur eine Dimension dessen, wie die Bibel das Paradies beschreibt. Denn, sagt der Professor für Altes Testament und Religionswissenschaft, Bernhard Lang, die alte Paradieserzählung wurde durch einen Textzusatz erweitert und damit zu einer Erzählung über einen Liebesgarten umgearbeitet:
3 OT Bernhard Lang
Den Ursprung eines Liebesgartens kennen wir nicht. Woher die Idee eigentlich kommt, wissen wir nicht. Aber der Liebesbaum in der Mitte des Paradieses ist bekannt: Baum der Erkenntnis, der Baum der Liebe, Baum des Liebesspiels. Und gedacht ist hier an eine Pflanze, die die Liebeslust des Paares befördert. Im Hohelied Salomons in der Bibel kommt auch das Wort Paradies, hebräisch Pardes, vor, also ein Fremdwort im Hebräischen. Und dort wird der Körper der Geliebten als ein Paradiesgarten geschildert: „Ein verschlossener Garten ist meine Schwester Braut ein verschlossener Born, ein versiegelter Quell an deinen
Wasserrinnen, ein Granatapfel-Paradies mit köstlichen Früchten, Henna-Dolden samt Narden-Blüten, Narden, Krokus, Gewürze und Zimt“. Alle Weihrauchbäume, also alle Wohlgerüche des Orients sind hier in diesem Garten, der mit dem Leib der Geliebten gleichgesetzt wird, versammelt.
Sprecher
Über die Jahrhunderte hinweg hat diese Erzählung den Theologen Rätsel aufgegeben. Exegeten und Interpreten der Bibel stritten heftig darüber, ob Adam und Eva im Paradies miteinander geschlafen hatten.
Sie entwarfen wilde Theorien davon, wie eine Fortpflanzung ohne Sexualität im Paradies möglich gewesen sein könnte. Für den Theologen Bernhard Lang ist klar: In der Erzählung verbietet Gott den Beischlaf. Dahinter steckt seiner Auffassung nach ein altes mythisches Gedankengut, nach dem die Götter das Geheimnis der Fortpflanzung für sich behalten wollen.
MUSIK 4
Sergio Assad: “L'Alba” aus: Yesterday's Tomorrow M0052797101 (26 Sekunden)
Sprecherin
Adam und Eva ist es strikt verboten, von dem Baum der Erkenntnis zu essen. Dass sich das erste Menschenpaar nicht an dieses Verbot hält und sich vom Widersacher Gottes verführen lässt, hat Konsequenzen. Die Menschen entdecken die sexuelle Lust, gleichzeitig setzt die Übertretung des göttlichen Gesetzes, nicht von dem Baum zu essen, dem Aufenthalt im Paradies ein jähes Ende. Gott wirft das erste Menschenpaar aus dem Paradies.
MUSIK 5 Philip Glass: I. In the summer house
Sprecher
Das Paradies, wie es die Bibel beschreibt, gibt es nicht mehr. Was bleibt ist die Erzählung von einem idealtypischen Ort. Der Garten Eden wird zum perfekten Ort, der im Gegensatz zur Lebenswelt der Menschen steht: Wo die Menschen hart arbeiten müssen, um sich und ihre Sippen zu ernähren. Wo Hungersnot und Dürre den Alltag bestimmen. Und wo sie mit Kriminalität und Gewalt konfrontiert sind.
Das Paradies, wie es beispielsweise die Bibel beschreibt, ist ein perfekter Gegenentwurf zur realen Welt und zu den Erfahrungen des Alltags. Religionswissenschaftler haben für diese Vorstellungen den Begriff ‚Gegenwelten‘ geprägt:
4 OT Pezzoli-Olgiati
Das sind Welten, die man nur durch religiöse Erzählungen oder religiöse Bilder kennenlernen kann, weil sie nicht zur Verfügung stehen für die menschliche Erfahrung. Und ich denke, die Paradiesvorstellungen gehören zu diesen Gegenwelten. Das sind so Entwürfe von Welten, die vermittelt werden, in Religionen durch verschiedene Medien.
Sprecher
Diese Gegenwelten haben eine Funktion. Sie wollen erklären, warum die Welt so ist, wie sie ist, sagt Daria Pezzoli-Olgiati, Professorin für Religionswissenschaften an der LMU München. So gesehen steckt hinter den Gegenweltsentwürfen ein je eigenes Welt-Erklärungsmodell - bei dem ein religiöses Weltbild zum Ausdruck kommt, in dem aber auch die jeweiligen religiösen Grunderfahrungen reflektiert werden:
5 OT Pezzoli-Olgiati
Die Idee: früher war der Menschen in einer ganz anderen Situation, einer idyllischen Situation, im Paradies vor unsere Schöpfung fast. Und da mussten die Menschen gar nichts tun, einfach nur genießen und da sein. Aber aus dem Gründen, die wir meist kennen: Versuchung, Lust mehr zu wissen, Lust mehr zu können, verschwand dieser Zustand und die Menschen lebten dann so, wie wir es kennen. Also diese Mythologien tendieren dazu den Zustand zu erklären als eine
Entwicklung einer irrealistischen und stabilen Zeit zu unserer Zeit, und ich denke, Paradies-Mythologien gehören auch dazu. Sie zeigen auf, dass das Leben, dass das Leben, das wir haben, eigentlich fragil, nicht ganz beherrschbar ist und versuchen, das zu kontrastieren mit Welten, die ganz stabil und wunderbar sind.
Sprecher
Die Welt, in der wir leben, ist fragil und verwundbar. Das ist, wenn man so will, eine menschliche Grunderfahrung mit der sich religiöse Weltbilder auseinandersetzen. Dabei entwerfen sie nicht nur Idealbilder davon, wie die Welt einmal gewesen sein könnte. Viele Kulturen kennen die Zukunftssehnsucht und Hoffnung auf ein Paradies als Ziel- und Endpunkt des Lebens.
Sprecherin
In der Mythologie spielt der perfekte Ort im Jenseits immer wieder eine Rolle. In der griechischen Mythologie stellt man sich das Paradies als einen Ort vor, der fernab von der empirisch erfahrbaren Alltagswelt liegt, sagt Bernhard Lang:
6 OT Bernhard Lang
Das ist die Idee des Elysiums der altägyptischen und griechischen Mythologie, also ein idealer Ort ewigen Frühlings und Sommers, manchmal auch in die Unterwelt verlegt, so in der Aeneis des Vergils, manchmal als ferne Inseln aufgefasst, als Aufenthaltsort der Seligen auch der Toten.
MUSIK 6 James Horner: „First Recognition“ (42 Sek.)
Sprecherin
Die Literaturgeschichte kennt zahlreiche Werke, die diese mythologischen Erzählungen aufgreifen. Wohl das bekannteste Beispiel ist der italienische Dichter Dante Alighieri. Er wählt im Mittelalter, um 1300 nach Christus, Vergils „Aeneis“ als Vorlage für seine „Göttliche Komödie“. In dem Epos durchwandert Dante als Ich-Erzähler zusammen mit seinem Jenseitsführer Vergil die Hölle, er erklimmt den Berg der Läuterung, wo er selbst Buße tun muss, ehe er endlich die Spitze des Berges und den Eingang zum irdischen Paradies erreicht.
.
7 OT Bernhard Lang
Wer dort anlangt, der betritt das irdische Paradies, das dem Elysium der griechischen Mythologie entspricht. Dort wird der Wanderer, das ist Dante selbst und sein Führer Vergil von der Freundin oder Geliebten Dantes empfangen. Hier kommt es also zu einer großen emotionalen Begegnung. Diese Idee des Wiedersehens im Jenseits in einer paradiesischen Landschaft kommt aus der antiken Welt und ist bis heute eben sehr weit verbreitet.

Mar 13, 2024 • 23min
Seelenwanderung in den Religionen - Reinkarnation und Wiedergeburt
Leben wir mehr als einmal? Eine Frage, die Menschen immer schon beschäftigt. Antworten findet man vor allem im Hinduismus und Buddhismus, aber auch in anderen religiösen Vorstellungen. Was genau besagen die Konzepte von Seelenwanderung und Wiedergeburt und welche Konsequenzen können sie für das alltägliche Leben haben? (BR 2022)Autor/in dieser Folge: Sylvia SchopfRegie: Rainer SchallerEs sprachen: Franziska Ball, Christian Jungwirth, Christian SchulerTechnik: Daniela RöderRedaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:
Jens-Uwe Hartmann, Professor em. am Institut für Indologie und Tibetologie an der Ludwig-Maximilian-Universität, München Franz Winter, Religionswissenschaftler, Professor an der Karl-Franzens-Universität, GrazJosef-Franz-Thiel, Professor em. der Ethnologie, ehemaliger Direktor des Weltkulturenmuseums, FrankfurtEngin Iktir, Reinkarnationstherapeut und Heilpraktiker für Psychotherapie in Frankfurt/Main
radioWissen hat noch weitere hörenswerte Folgen zum Thema:Der Buddhismus - Von Indien in die WeltJETZT ANHÖREN
Diwali - Das hinduistische LIchterfestJETZT ANHÖREN
Feuer in den Religionen - Erleuchtung, Reinigung, WandelJETZT ANHÖREN
Literaturtipps:Ronald Zürner, Reinkarnation – Einführung in die Wissenschaft der Seelenwanderung, Govinda Verlag, Zürich 2005Harald Wiesendanger, Wiedergeburt – Herausforderung für das westliche Denken, Fischer Verlag, Frankfurt /MainJack Hawley (Hrsg.) Bhagavad Gita – Der Gesang Gottes, eine zeitgenössische Version für westliche Leser, Übersetzung, Peter Kobbe, Goldmann Verlag München
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ATMO: Herzschlag + Atmung (auch dem Folgenden unterlegen)
SPRECHERIN
Der Mensch atmet. Das Herz schlägt. Kommt beides zum Stillstand, gilt der Mensch als tot. Und dann?
ATMO (endet)
ZITATOR
Das war’s! Aus und vorbei. Mit dem Tod endet alles.
SPRECHERIN
So die Haltung von Atheisten, für die weder Gott noch Götter oder ein Leben nach dem Tod existiert. Doch gibt es wohl kaum eine Religion, die nicht davon ausgeht, dass es im Menschen eine Lebenskraft, ein Lebensprinzip gibt, das auch „Bewusstsein“, „Höheres Selbst“ oder „Seele“ genannt wird, das beim Tod den Körper verlässt und weiter existiert. Und wie sieht das aus?
SPRECHER
Sind Körper und Seele auch über den physischen Tod hinaus miteinander verbunden? Oder existieren sie unabhängig voneinander? Durchlebt jede Seele nur ein einziges Leben oder mehrere?
MUSIK (m03, Sinfonie Nr.4 G-Dur, Gustav Mahler, 1:05)
O-Ton 01 (0’15) Franz Winter
Prinzipiell gilt fürs Christentum: Es gibt eine sehr enge Anbindung der Seele an den Körper, was sich vor allem darin spiegelt, dass man die beiden – Körper und Seele - nicht auseinanderdividieren kann; und gemeint ist durchaus, dass am Ende der Zeiten sozusagen Körper und Seele zusammengefügt wird.
SPRECHERIN
Erklärt der Grazer Religionswissenschaftler und Universitätsprofessor Franz Winter. Nach christlich-jüdischem Verständnis durchläuft also eine Seele in einem Körper ein Leben. Am letzten Tag der Welt, dem sogenannten „Tag des Jüngsten Gerichts“, an dem die Toten wieder auferstehen, vereint sich die Seele dann wieder mit dem einstigen Körper. „Eine Seele - ein Körper – ein Leben“ - dies ist das Konzept von Christentum, Judentum und auch dem Islam. – Aber, könnte es nicht auch anders sein?
MUSIK hoch
ZITATOR
„Ist es denn ausgemacht, dass meine Seele nur einmal Mensch ist?“ 1)
SPRECHER
Fragt der Dichter, Dramatiker und Philosoph Gotthold Ephraim Lessing und der französische Aufklärungsphilosoph Voltaire formuliert kurz und knapp:
ZITATOR
„Zweimal geboren zu werden ist nicht erstaunlicher als einmal.“ 2)
MUSIK (Z8015897130, Lethargia more red, 1:00)
SPRECHERIN
Schon die Grabbeigaben vieler Kulturen, die den Toten ins Jenseits begleiten sollen, lassen vermuten, dass die Menschen bereits in früheren Zeiten an so etwas wie „Wiedergeburt“ glaubten. Eine Vorstellung, die möglicherweise aus der Beobachtung der Natur entstand, in der es ein beständiges Werden und Vergehen gibt: Sonne und Mond, die Jahreszeiten, die Pflanzen – alles kommt und geht. Wieder und immer wieder. Warum sollte das nicht auch für den Menschen gelten, der ja Teil dieses Kosmos’ ist?
MUSIK hoch
SPRECHERIN
Viele sogenannte „Ur- oder Naturvölker“ gehen davon aus, dass man mehr als einmal lebt, erzählt Josef-Franz Thiel, Ethnologe, Religionswissenschaftler und ehemaliger Direktor des Weltkulturenmuseums in Frankfurt:
O-TON 02 (0’33) JOSEF F. THIEL
Die meisten Ethnien haben die Vorstellung von zwei Seelen. Davon gehen sie aus. Da ist zunächst die Lebensseele oder Körperseele wie man sie auch nennt. Wenn der Mensch stirbt, ist auch diese Seele mitgestorben. Die zweite Seele ist die Freiseele. Wenn der Mensch nachts träumt, geht sein Leben weiter, aber sie geht auf Wanderschaft. Und wenn er stirbt, stirbt sie nicht. Sie überlebt und wird dann in das Ahnenreich gehen.
SPRECHERIN
Von dort kann sie auch wiedergeboren werden und zwar als Nachkomme innerhalb ihrer einstigen Familie, dem Clan oder der Sippe. Deshalb versuchte man früher gleich nach der Geburt eines Kindes mittels magischer Praktiken herauszufinden, welcher Ahn in dem Neugeborenen wiederauflebt und entsprechend folgte die Namensgebung.
SPRECHER
Auch in der europäischen Tradition kennt man diesen Brauch. Kinder werden nach Großvater, Großmutter oder einem anderen Familienangehörigen benannt. Ein Hinweis oder eine Hoffnung, dass in den Enkeln etwas von den Vorfahren fortlebt.
MUSIK (M0011691Z00, Sitar masters, 0:15)
ZITATOR
Wie ein Mensch alte Kleider ablegt und neue anzieht, so gibt die Seele alte und unbrauchbar gewordene Körper auf und nimmt neue physische Körper an. 3)
SPRECHER
Heißt es in der Bhagavad Gita, einer der zentralen Schriften des Hinduismus. Was es mit der Seele in dieser Religion auf sich hat, erklärt der Indologe Jens-Uwe Hartmann, emeritierter Professor der Ludwig-Maximilian-Universität in München:
O-TON 03 (0’27)
Im Hinduismus geht man davon aus, dass es eine dauerhafte Einheit gibt, die tatsächlich von einer Existenz in die nächste weiterwandert. Das indische Wort dafür ist Atman. Und das wird bei uns mit Seele übersetzt. Etwas, was uns ausmacht. Etwas Dauerhaftes, nicht Greifbares, das dem Menschen innewohnt und ihn begleitet.
MUSIK (C1523050011, Harappa, 0:45)
ZITATOR
Für die Seele gibt es weder Geburt noch Tod. Sie ist immerwährend, ewig dieselbe, unwandelbar und wird nicht getötet, wenn der Körper getötet wird. Nach dem Tod verlässt sie den Körper; um in einem anderen wiedergeboren zu werden. 4).
SPRECHERIN
Heißt es in Bhagavad Gita.)) Im Hinduismus kann man also von einer Seelenwanderung sprechen. Denn eine Seele kommt immer wieder in neuen, anderen Körpern in die Welt. Im Buddhismus hingegen gibt es keine dauerhafte, unvergängliche Seele, erzählt der Indologe und Buddhismus-Spezialist Jens-Uwe Hartmann:
O-TON 04 (0’34) JENS-UWE HARTMANN
Das liegt daran, dass der Buddhismus von der Grundwahrheit ausgeht, dass alles vergänglich ist. Und von dieser Voraussetzung aus, kann es keine dauerhafte Seele geben, die von einer Existenz in die nächste wandern würde. Im Buddhismus nimmt man an, dass so ein Bewusstseinsimpuls von einer Existenz in die nächste weitergeht. Im Todesfall verlässt das Bewusstsein den Körper und dass die Summe der guten und schlechten Verhaltensweisen, gekoppelt an das Bewusstsein, weiterwandert.
SPRECHERIN
Und was unterscheidet nun die Vorstellung einer ewigen, unveränderlichen Seele vom buddhistischen Konzept des Bewusstseins?
O TON 05 (0’17) JENS-UWE HARTMANN
Das Bewusstsein ist ein Prozess, der sich ständig ändert. Das ist keine Sekunde lang gleich. Unser Bewusstsein ändert sich in einem Moment durch die ständig neuen Eindrücke, die wir erleben. Es ist wie ein Bankkonto, auf dem Soll und Haben verbucht wird und das man in die nächste Existenz mitnimmt.
SPRECHERIN
Und diese Eindrücke und Erfahrungen ebenso wie alle Handlungen, Gedanken und Gefühle, die jeder im Verlauf seines Lebens erfährt, haben Auswirkungen auf das aktuelle oder das nächste Leben. Und alles, was dem Menschen im jetzigen Leben widerfährt, hat seine Ursachen in vergangenem Tun - in dieser oder einer früheren Existenz. Das ist die Lehre vom Karma, einem zentralen Prinzip von Buddhismus und Hinduismus.
SPRECHER
Karma ist das kosmische Gesetz von Ursache und Wirkung. Was immer man tut, denkt und empfindet, hat Konsequenzen in der Zukunft nach dem Motto, das sich auch bei Paulus in der Bibel findet:
ZITATOR
„Was der Mensch sät, wird er ernten.“ 5)
SPRECHER
Oder populär ausgedrückt: „Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“
SPRECHERIN
Die Karmalehre ist elementar für das Konzept der Wiedergeburt. Denn das Karma – also alles Tun - bestimmt, in welchem Körper, welcher Familie, welchem Land, unter welchen Umständen die Seele bzw. das Bewusstsein wiedergeboren wird. Was das konkret bedeuten kann, erläutert der Indologe Jens-Uwe Hartmann:
O-TON 06 (0’30) JENS-UWE HARTMANN
Jemand, dem es in diesem Leben schlecht geht, der hat zu einem früheren Zeitpunkt versäumt, bessere ethisch-moralische Grundlagen zu leben, die sein jetziges Leben verbessert hätten. Und das wird als Ansporn genommen. Wenn du willst, dass es dir in der Zukunft bessergeht, musst du jetzt dafür Sorge tragen, dich so zu verhalten, dass du die Grundlagen dafür schaffst. Das ist im Grunde die Quintessenz der ethischen Vorstellungen in allen indischen Religionen. Die Verantwortung des Einzelnen ist zentral.

Mar 12, 2024 • 23min
Surf Rock - Als Musik die Welle machte
Surf-Rock ist Musik, die so klingt wie die Wellen des Ozeans. Rau, kraftvoll und verspielt. Sie begeistert seit den 60er Jahren Musikfans rund um die Welt. Autor: Christian Schaaf (BR 2021)
Credits Autor dieser Folge: Christian Schaaf Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Andreas Neumann, Katja Bürkle, Johannes Hitzelberger Technik: Daniela Röder Redaktion: Andrea Bräu, Susanne Poelchau
Im Interview: Michael Koltan, Archivar; Martin Schmidt, Musikjournalist
Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
50 States - Der Amerika-Podcast mit Dirk RohrbachAuf der schönsten Küstenstraße der Welt durch Washington, Oregon und Kalifornien: Dirk Rohrbach fährt mit dem Gravelbike einmal die komplette Westküste runter, 3000 Kilometer auf Amerikas Traumstraße am Pazifik. Von der Grenze zu Kanada im Norden bis zur mexikanischen Grenze südlich von San Diego. Dabei trifft er Häuptlinge, Müllkünstlerinnen, Austernzüchter, Seetangsammlerinnen, Chicanos und natürlich Surfer.ZUM PODCAST
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Einspielung: Musik: Dick Dale. Misirlou 1‘00
Sprecher:
Es beginnt wie ein Knall. Die Gitarre drischt sich überschlagende Tonfolgen in den Raum, steigert den Schalldruck bis fast ins Unerträgliche. Dann bricht die Klangwelle in einer Gischt aus verwehtem Echo und flirrenden Klängen bis der Sog der nächsten Welle einsetzt.
Sprecherin:
Der Gitarrist Dick Dale beschreibt hier 1962 mit seiner Band the Del-Tones eindrücklich die rohe Gewalt der Natur und des Ozeans. Eigentlich ist der Song Misirlou eine Neuinterpretation eines alten griechischen Volksliedes. Doch der Sound, den der Linkshänder Dale aus seiner E-Gitarre holt, ist neu. Und er trifft damit einen Nerv seiner Generation.
Einspielung: Musik: Dick Dale. Misirlou
Musik: The Pyramids. Penetration 1‘10
Sprecher:
Surfmusik ist Anfang der 1960er Jahre der Soundtrack einer Teenagerbewegung in Südkalifornien. Deren Ideal ist ein sorgloses Leben am Strand mit Surfbrett, Strohhut und Hawaii-Hemd. Gedanken um Geld, Beruf und Zukunft existieren nicht. Der Blick geht nach Vorn. Zum Horizont. Auf der Suche nach der perfekten Welle.
Sprecherin:
Aufbruch und Neuanfang liegen in der Luft. Die Zeit der großen Krisen scheint nach den beiden Weltkriegen und dem Korea-Krieg vorbei zu sein. Wissenschaft und Technik weisen den Weg nach vorne. Und der eben gewählte junge US-Präsident John F. Kennedy will, dass nicht einmal mehr der Himmel die Grenze der Möglichkeiten ist: Die USA sollen schon ihn zehn Jahren zum Mond fliegen.
Sprecher:
Teenager zu sein in diesen Jahren bedeutet: take it easy. Zeit, sich auszuprobieren. Und an der Küste Südkaliforniens ist Wellenreiten die Garantie für Abenteuer, Sport und Spaß.
(Musik weg)
Geräusch: Lautes Wellen-Rauschen 1‘20
Sprecherin:
Der Surfsport ist über tausend Jahre alt. Seine Ursprünge liegen wohl in Polynesien und auf Hawaii. Hier war es lange Zeit üblich, dass Frauen, Kinder und Männer, nackt auf einem Holzbrett stehend, die Wellendünung hinunterglitten.
Sogar der hawaiianische König Kamehameha soll diesen Sport betrieben haben.
Der erste Europäer, der davon berichtet, ist 1778 der Leutnant James King, der zusammen mit dem Entdecker James Cook auf die Insel gekommen war. Als er einen Wellenreiter vor Hawaii beobachtet, schreibt er fast schon neidisch in sein Tagebuch:
Zitator:
„Ich konnte daraus nur schließen, dass dieser Mensch höchsten Genuss dabei empfand, so schnell und sanft vom Meer vorangetrieben zu werden.“
Sprecher:
Das wirklich überraschende für den Europäer ist dabei offenbar, dass die Einheimischen das Surfen nur zum Spaß betreiben. Denn das Wellenreiten dient erkennbar nicht der Jagd auf Fische. Auch werden durch das Surfen keine zum Überleben wichtige Fertigkeiten trainiert.
Sprecherin:
Die europäischen calvinistischen Missionare, die im 19. Jahrhundert nach Hawaii kommen, schieben dem unbeschwerten Wellenreiten einen Riegel vor. Sie erachten diesen Freizeitspaß als frivol und gotteslästerlich. Von nun an müssen die Einwohner des Inselstaats stets Kleidung tragen, hart arbeiten und regelmäßig in die Kirche gehen.
Musik: Makalapua Hawaii-Musik 0‘50
Sprecher:
Trotz- oder vielleicht gerade aufgrund der Einschränkungen verschwindet das Surfen auf Hawaii nicht. Und so kann auch der Reiseschriftsteller Mark Twain um 1866 von den Menschen auf Hawaii berichten, die nur zum Spaß auf Brettern stehen und damit Wellenrücken hinuntergleiten. Er schreibt staunend über die Wellenreiter:
Zitator:
„wie Geschosse kommen sie angezischt“.
Sprecher:
Twain ist derart begeistert, dass er versucht, selbst zu surfen. Doch am Ende seiner Hawaii-Reise muss er resigniert notieren, dass er
Zitator:
„mit ein paar Fässern Wasser im Bauch“
Sprecher:
kläglich gescheitert ist.
Sprecherin:
Als der Schriftsteller Jack London rund vierzig Jahre später, im Jahr 1907, nach Hawaii reist, ist er, wie zuvor Mark Twain, von dem Volkssport des Wellenreitens tief beeindruckt. Ob er selbst ein Surfbrett bestiegen hat, ist leider nicht überliefert. Geradezu ehrfürchtig schreibt London in seinem Reisetagebuch:
Atmo Wellen: 1‘15
Zitator:
„Wo einen Moment zuvor nur grenzenlose Verlassenheit und unerschütterliches Wogengebrüll war, steht nun ein Mensch, aufrecht, in voller Statur, der nicht verzweifelt kämpft in dem reißenden Strom, der nicht begraben und zerstampft und umhergeschleudert wird von diesen mächtigen Monstern, sondern der über ihnen allen steht; ruhig und erhaben schwebt er über dem taumelnden Gipfel, während seine Füße von der strudelnden Gischt umschlossen sind, Salzdampf an seinen Knien emporkriecht, und alles Übrige von ihm in freier Luft und blitzendem Sonnenlicht ist, und er fliegt vorwärts ebenso schnell wie die Woge unter ihm; er ist ein Merkur.“
Sprecher:
Es mag an solchen Schilderungen wie denen des viel gelesenen Jack London liegen, dass sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch außerhalb von Hawaii Menschen mit dem Wellenreiten beschäftigen und versuchen, selbst diesen Sport auszuüben.
Sprecherin:
Einen wesentlichen Beitrag zur Verbreitung des Sports leistet der 1890 in Honolulu geborene Duke Kahanamoku (sprich wie geschrieben). 1912 nimmt er als Schwimmer an den Olympischen Spielen in Stockholm teil und gewinnt dort Gold über 100 Meter Freistil, nicht zuletzt wegen seiner neuen Kraultechnik, die er entwickelt hatte, um auf dem Surfbrett gegen die Brandung auf den Ozean hinaus zu paddeln. Dreimal wird er Olympiasieger, reist um die ganze Welt und führt überall, wo es die Wellen und Küsten erlauben, so auch in Australien und Kalifornien, seine Anhänger in das Wellenreiten ein. Kleine Surf-Sport-Klubs entstehen, in denen Surfbretter gebaut und verkauft werden und Interessierte Unterricht nehmen können.
Musik: The Trashmen: Walk don´t run 1‘30
Sprecher:
Ab den 50er Jahren verhelfen Materialen und Techniken aus dem Flugzeugbau dem Sport zu einem großen Fortschritt: Die bis zu drei Meter langen Surfbretter sind nun nicht mehr aus massivem Holz geschnitzt, sondern aus leichterem Balsa-Holz und Fiberglas geformt. Das macht es vor allem Anfängern leichter, auf dem Brett stehen zu bleiben, wenn direkt darunter der Ozean tobt.
Sprecherin:
Das Erlebnis, im Wasser auf einer Welle zu „reiten“, ist an Land nur schwer zu vermitteln. Die echten Surfer sind zunächst ein eingeschworener Zirkel – zu dem aber immer mehr junge Menschen gehören wollen. Ab Ende der 50er Jahre gehen die Verkaufszahlen von Surfbrettern in Kalifornien steil in die Höhe. An den Wochenenden bevölkern tausende Teenager die Pazifik-Strände und werfen sich mutig in die Wellen. Surfen wird In.
Sprecher:
1959 wird Hawaii als 50. Bundesstaat in die USA integriert. Die Nation endet nun nicht mehr am Sunset-Strip in Los Angeles oder an der Golden Gate Bridge in San Francisco. Der Pazifische Ozean und seine Wellen sind von nun an Bestandteil der Vereinigten Staaten. Das Meer ist nicht mehr die Grenze – sondern ein Teil der unbegrenzten Möglichkeiten.
Musik: The Belairs: Mr. Moto 1‘00
Sprecher:
Anfang der 60er Jahre gehört in Südkalifornien das Surfen zum Life-Style der Jugendlichen. Bands wie die the Belairs liefern den Sound dazu.
Sprecherin:
Das Instrumentalstück „Mr. Moto“ von the Belairs gilt als die erste Surf-Aufnahme überhaupt. Die Single erscheint 1961. Die Band besteht aus fünf Teenagern, die auf High-School-Tanzparties spielten und Rock-n-Roll-Songs coverten. Bis auf die Tatsache, dass sie die erste Surf Single aufnahmen, ist tatsächlich wenig über The Belairs zu berichten. Sie wollten weder rebellisch sein, noch ein neues Genre begründen. Sie wollten in erster Linie die Melodien in ihren Köpfen in tanzbare Musik umsetzen.
Typisch für ihre Zeit, findet der Archivar und Surf-Musik-Spezialist Thomas Koltan aus Freiburg.
Einspielung:
Koltan 1: „Eigentlich ist das eine sehr optimistische Musik. Eine Aufbruchsmusik. Zumindest die erste Welle, die Anfang der 60er Jahre entstanden ist. Man muss sich vorstellen, das war damals die Zeit als mit John F. Kennedy ein jugendlicher Präsident – das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen – die Regierungsgeschäfte führte. Das war einfach eine Aufbruchsstimmung. Und Surfmusik passte da einfach hervorragend rein, um diesen Aufbruch zu symbolisieren und dieses Lebensgefühl in Musik zu fassen.“
Musik:
The lively ones. Surfrider 0‘27
Sprecherin:
Kurz zuvor, also Ende der 50er Jahre, hatte sich der Sound der Jugend noch rauer und schmutziger und ein Stück rebellischer angehört.
Musik: Chuck Berry. Johnny B. Good 0‘35
Sprecher:
Der Musikjournalist und Gitarrist Martin Schmidt beschäftigt sich schon lange mit der Musik dieser Zeit.
Einspielung: Schmidt 1:
„Der Rock and Roll der 50er Jahre ist noch sehr vom Blues beeinflusst – also man hat dann wirklich noch sehr oft das 12-taktige Blues-Schema. Es ist eigentlich immer mit Gesang. Die Themen sind typische Teenager-Themen. Im Rock and Roll ging es eigentlich immer um Liebe oder um Arbeit, die man nicht machen wollte oder um Unverstandenheit. So ein typisches Teenager-Ding. Bei Surf-Musik ist die Melodik einfach ein bisschen anders. Es ist nicht so Blues- oder Country-bezogen, sondern einfach ein bisschen breiter gefächert, vielleicht auch ein bisschen romantischer, mehr in Moll geschrieben, so würde ich das beschreiben.“
Musik: The Centurians. Bullwinkle Part 2 1‘00
Sprecherin:
Bei der Surfmusik spielt die Gitarre die Hauptrolle, da es in den meisten Surf-Songs keinen Gesang gibt. Der legendäre Radio-DJ Phil Dirt ist eine der wenigen Autoritäten der Surf-Bewegung. Er nennt als drei essenzielle Elemente des Surf-Sounds:
Echo, Glissando, also das Herauf- und Heruntergleiten der Töne und Double-Picking, der Doppelschlag der Gitarristen auf einem Ton.
Auch der Musikjournalist und Musiker Martin Schmidt nennt ein paar eindeutige Merkmale des Surf-Sounds:
Einspielung: Schmidt 2:
„Also wenn man es sehr klischeehaft machen will, dann gibt es da zwei, drei Sachen mit denen man das in sehr kurzer Zeit hinbekommen kann. Da ist einfach erst mal ein ganz typischer Drum-Beat. Umm-Ba-Ba. Umm-Ba-Ba. Umm-Ba-Ba. Der ist auf fast allen Surf-Musik-Songs zu hören. Dann eben der Gitarren-Sound mit viel Hall. Eben recht weit hinten am Steg angeschlagen, dass man eben diesen Twang hinkriegt. Und dann bedient sich Surf-Musik immer so harmonischer Klischees. Also entweder ist das noch so an den Rock´n Roll, an das Blues-Schema angedockt oder man nimmt halt so ein bisschen was von orientalischer oder spanischer Musik. Aber alles sehr amerikanisch gespielt, also nicht wirklich tief in diese Folkloremusik reingegangen.“
Musik: Dick Dale: Hava Nagila 1‘35
Sprecher:
Der Gitarrist Dick Dale, der hier mit seiner Band the Del-Tones zu hören ist, gilt als „the King of Surf-Guitar“. Der 1937 geborene Musiker hat mit seinem halsbrecherisch schnellen und kraftvollen Gitarrenspiel wie kein anderer den Surf-Sound geprägt. Dick Dale ist der Musiker, der das Genre um orientalische Klänge und Flamenco-Rhythmen bereichert. Als einer der wenigen Surf-Musiker gelingt es ihm, einen gut dotierten Plattenvertrag zu ergattern und mit seinen Aufnahmen in den Charts zu landen.
Musik: The Surfaris. Wipe out 0‘45
Sprecherin:
Die kommerziell erfolgreichste Surf-Band werden die The Surfaris – Eine Band aus High-School-Kids, die 1963 mit der Single „Wipe-Out“ die US-Charts bis hinauf auf den zweiten Platz stürmen.
Sprecher:
Ohne Dick Dale und the Surfaris wäre Surf-Musik vermutlich nicht über die Grenzen von Kalifornien hinaus bekannt geworden. Überall auf der Welt, in Europa und Japan, erscheinen nun Surf-Singles in den Charts und inspirieren Musiker. Sogar hinter dem Eisernen Vorhang, in der Pazifik-fernen DDR, beginnen Bands wie das Franke-Echo-Quintett, Surf-Musik-Titel einzuspielen.
Musik: Franke-Echo-Quintett. Melodie für Barbara 0‘25
Atmo Beatleskonzert 0‘15– kreischende Fans –
Musik: The Beatles. I want to hold your hand 1‘00
Sprecherin:
August 1964 – Die Beatles starten ihre USA-Tour in Kalifornien – dem Heimatstaat der Surf-Musik. Von hier aus lassen sie eine Welle der Pop-Begeisterung über das Land rollen. In den US-Charts scheinen die Vier aus Liverpool von nun an ein Abonnement auf die ersten Plätze zu haben.
Amerikanische Pop-Musik muss sich von nun an hintenanstellen – und instrumentale Surfmusik scheint niemanden mehr zu interessieren.
Sprecher:
Das musikalische Erdbeben, das der Musikimport aus Großbritannien in den USA auslöst, wird von einigen Beobachtern als „British Invasion“ bezeichnet und somit mit einer feindlichen Übernahme oder einer Eroberung verglichen.
Sprecherin:
Gleichzeitig hat sich die Welt der Jugendlichen in den USA drastisch verändert. Im November 1963 wird US-Präsident John F. Kennedy erschossen. Der Traum von einer friedlichen Zukunft ist geplatzt. Im Frühjahr 1965 lässt Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson Vietnam das erste Mal bombardieren. Die fröhliche Aufbruchsstimmung, die noch zu Beginn der 60er Jahre geherrscht hatte, ist damit endgültig verflogen. Die USA sind wieder ein Land im Krieg.
Sprecher:
Surfen und Surfmusik gelten nun als Klischee. Bands wie die Beachboys halten den Kalifornien-Sound zwar weiter am Leben. Doch erfolgreich sind Surf-Songs nur noch, wenn in ihnen, nach Beatles-Vorbild, mehrstimmig gesungen wird.
Musik: Beach-Boys. I get around 0‘35
schon bei „Bands wie die Beach Boys“ einsetzen
Sprecherin:
Aber ist das noch Surf oder schon die kommerzielle Ausschlachtung einer Jugendkultur? Der Surf-Musik-Spezialist Michael Koltan sieht hier eindeutig eine Grenze überschritten.
Einspielung. Koltan 2:
„Die Beachboys haben großartige Musik gemacht. Ich würde sie nicht unbedingt als Surfmusik – im Sinne dieses Aufbruchs der 60er Jahre sehen. Das war was anderes. Und es ist auch im musikalischen Sinn was anderes. Das eine ist harmonischer Akkord-Gesang und das andere ist schnelle Gitarrenmusik, die mit unwahrscheinlichen Drive nach vorne gespielt wird. Aber mit dieser instrumentalen Surf-Musik hat das nichts zu tun.“
Musik: Paul Johnson & the Packards, Mr. Moto 1‘10
Sprecher:
Echte Instrumentale Surf-Musik kommt erst gute 15 Jahre später - zu Beginn der 80er Jahre, wieder an die Oberfläche. Der Gitarrist Paul Johnson, der mit seiner Schülerband the Belairs 1961 den ersten Surf-Song überhaupt eingespielt hatte, nimmt mit einigen Freunden, die sich zur Band the Packards zusammengeschlossen haben, wieder ein paar Surf-Stücke im Studio auf. Über seine Gründe das zu tun, verrät er in einem Interview Folgendes:
Zitator:
Paul Johnson: „Surfmusik und instrumentale Rockmusik generell sind definitiv die instrumentale Grundlage von Rock ´n Roll. Sie waren für 15 Jahre völlig verschwunden – in den späten 60er und dann in den 70er Jahren – weil jeder dachte, Musik müsste wichtiger und beschäftigter und komplizierter und so weiter sein. Und irgendwann beschlossen die Leute, dass es nicht so sein muss. So kam ich auch wieder darauf zurück.“
Sprecherin:
Zu der Zeit, als Johnson mit den Packards den Surf wiederentdeckt und erste, wenn auch bescheidene Erfolge mit seinen Platten hat, erobern gerade die letzten Ausläufer der Punk-Bewegung und die ersten New-Wave Hits die Hitparaden. Instrumental-Musik scheint da auf den ersten Blick wenig hinein zu passen. Doch schon bald klingt Punk, so wie bei der Band Agent Orange aus Kalifornien, auch so:
Musik: Agent Orange. Mr. Moto 0‘40
Sprecher:
Surf-Musik Experten wie Michael Koltan sind sich sicher, Punk und Surf sind musikgeschichtliche Geschwister.
Einspielung: Koltan 3:
„Phil Dirt, der große Surf-Musik-DJ, hat behauptet - und ich glaube er hat recht - dass Surf die erste Punk-Bewegung war. Nicht im Sinne von Aggressivität und No Future. Sondern in dem Sinn, dass Jugendliche einfach komplett ihr eigenes Ding durchziehen. Unbeeindruckt von dem, was sonst als Standard gilt. Das sich selbst eine eigene Jugendbewegung erschaffen – das war Punk dann auch wieder.“
Musik: Dick Dale and the Del-Tones. Misirlou 0‘45
Sprecherin:
Gute 10 Jahre später: Hollywood Regisseur Quentin Tarantino eröffnet 1994 seinen Erfolgsfilm Film Pulp-Fiction mit dem Surf-Klassiker Misirlou von Dick Dale.
Damit macht er ein Millionen-Publikum auf die bis dahin schon wieder vergessene Instrumental-Musik aus den 60er Jahren aufmerksam. Der Film tritt damit die dritte Welle der Surf-Musik-Begeisterung los.
Sprecher:
Mit einem Mal gibt es wieder Surf-Bands, die vor großem Publikum spielen. Darunter sind auch etliche Musiker, wie z.B. Dick Dale, die ihre Laufbahn während der ersten Surf-Musik-Welle, zu Beginn der 60er Jahre, gestartet haben. Aber es gründen sich auch ebenso viele neue Bands, die den Surf-Sound perfektionieren, wie z.B. Messer-Chups aus Russland. Eine hohe Chart-Platzierung gelingt allerdings keiner Surf-Kapelle mehr.
Musik: Messer Chups. Twin Peaks-Twist 0‘25
Sprecherin:
Und heute? Über 25 Jahre nach Pulp Fiction und der letzten großen Surf-Welle? Die Musik wird noch immer gespielt und auf Festivals gefeiert. Wie die deutsche Band The Razor-Blades.
Musik: The Razor-Blades. Punk-Rock Summer 1‘30
Sprecher:
Die Surf-Szene ist vor allem per Internet eng vernetzt. Fast alle Surf-Musiker Europas kennen sich. Idealismus und der Spaß an der Musik stehen eindeutig im Vordergrund – ganz weit vor dem Traum, mit der Musik das große Geld zu machen. Ob Surf-Musik einmal wieder aus diesem gepflegten Biotop, aus seiner Nische herauskommen wird? The Razor-Blade-Musiker und Journalist Martin Schmidt hat da so seine Zweifel:
Schmidt 3:
„Ich würde jetzt mal ohne Garantie die Nische vorhersagen. Aber in der heutigen Zeit ist es ja immer so, dass der Erfolg von Musik gar nicht mehr so von der Musik selber abhängt, sondern von der Art und Weise, wie sie eingesetzt wird. Wenn es jetzt also einen Film gibt, oder ein Videospiel, oder eine Werbung wo Surf-Musik drin vorkommt, dann ist es wahrscheinlich für viele Leute wieder präsent. Und wenn es das nicht gibt dann sind es eher die Leute, die sich für die Musik interessieren. Dann wird´s klein bleiben. Das ist schwer vorhersehbar. Ich hoffe auf einen Film, der das Ganze wieder nach vorne bringt.“
Atmo Wellen: 0‘15
Sprecherin:
Und so schauen Surf-Musik-Begeisterte wie einst die Wellenreiter auf den Horizont – Auf der Suche nach der nächsten, perfekten Welle.

Mar 12, 2024 • 21min
Asexualität - Keine Lust auf die Lust?
Asexuelle haben kein Bedürfnis nach körperlicher Liebe. Sie verzichten freiwillig auf das, was Andere für die schönste Nebensache der Welt halten. Erst seit Kurzem widmen sich Wissenschaftler dem Thema. Autorin: Maike Brzoska (BR 2016)Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Frank Halbach Es sprachen: Andreas Neumann, Katja Schild, Christian Schuler Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview:Kati Radloff, Asexuelle und Gründerin des deutschsprachigen Forums Aven;Vivian Jückstock, Sexualtherapeutin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf;Talke Flörcken, Kulturwissenschaftlerin
Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Musik Crazy in Love Z8007984 110
O-TON 1 (Radloff)
Ich bin ein romantischer Typ, ich bin sogar ziemlich oft verliebt, natürlich seit 6,5 Jahren treu. Es ist sehr vergleichbar mit einer ganz klassischen Liebesbeziehung: Schmetterlinge im Bauch, Nähe wollen.
SPRECHER
Kati Radloff ist seit vielen Jahren mit ihrem Freund zusammen. Eine romantische und harmonische Beziehung – mit einer Besonderheit.
Musik aus
Musik Did that hurt Z8007984 116
O-TON 2 (Radloff)
Das einzige ist eben bloß, dass ich niemals Lust auf Sex habe, also keine sexuelle Anziehung ihm gegenüber empfinde. Egal, wie wir uns berühren oder wie nahe wir uns sind oder ob es grad gut oder schlecht läuft, ich habe einfach nie das Gefühl, ach, jetzt wäre Sex einfach toll mit ihm.
SPRECHER
Das gilt nicht nur für ihren Partner. Auch von anderen Männern oder Frauen hat sich Radloff nie körperlich angezogen gefühlt. Sie beschreibt sich selbst als: asexuell.
O-TON 3 (Radloff)
Das können viele vielleicht vergleichen mit dem gleichen Geschlecht, da haben ja auch manche gar keine sexuelle Anziehung, die duschen mit denen zusammen beim Sport oder die schlafen zusammen in einem Bett und da hat man trotzdem keine sexuelle Anziehung. So ist das bei mir mit beiden Geschlechtern.
SPRECHER
Männer, Frauen, Dinge – was Menschen Lust bereitet, ist individuell sehr verschieden. Vielleicht – mag der eine oder die andere jetzt denken – hat sie einfach noch nicht das Passende gefunden? Diesen Gedanken hatte auch Radloff lange.
O-TON 4 (Radloff)
Also, habe ich vielleicht noch nicht die richtige Sexpraktik gefunden? Probier ich vielleicht mal ein bisschen. Hab ich vielleicht nicht den Richtigen oder die Richtige oder das richtige Ding gefunden, probier ich mal ein bisschen.
SPRECHER:
Aber: Nichts.
Musik aus
Fortsetzung O-TON 4: Man kommt ja erst, oder ich bin ziemlich zuletzt darauf gekommen, dass es tatsächlich so etwas wie Asexualität geben muss und dass ich das sein könnte.
SPRECHER
Heute, mit Ende 30, fällt es Radloff leicht, über ihre Asexualität zu sprechen. Sie scherzt sogar darüber. Sex? Kein Interesse, nie gehabt. Da ist dem ein oder der anderen schon mal die Kinnlade herunter gefallen. Dass ihr das Thema leicht fällt, war allerdings nicht immer so. In jüngeren Jahren war sie erst einmal ziemlich irritiert, dass bei ihr etwas anders war als bei ihren Freunden.
O-TON 6 (Radloff)
Also wenn man Kind ist, ist das ja normal, dass man keine Lust auf Sex hat. Wenn man dann in die Pubertät kommt, kann man auch noch Spätzünder sein, der Richtige kann noch nicht gekommen sein oder man versucht vielleicht ein bisschen rum, bevor man so die richtige Sexpraxis findet und so. Tatsächlich habe ich mir dann so richtig Sorgen gemacht, als ich 21 war und all meine Freunde und Freundinnen in Beziehungen waren und für sie Sex eben selbstverständlich war und ich mir dachte, wieso kann ich mir Beziehungen nicht so vorstellen, wie die sie leben? Also, was ist genau an einer Beziehung so falsch, dass ich mich dagegen sträube?
SPRECHER
Sie musste erst einmal herausfinden, was das genau ist, das bei ihr anders ist.
O-TON 7 (Radloff)
Und dann bin ich zu dem Punkt gekommen: Ich hab keine Lust auf Sex und ich weiß nicht, wie ich Sex haben soll, wenn ich überhaupt keine Lust darauf habe, wenn ich mich dadurch zwingen muss sozusagen.
SPRECHER
Einfach war diese Zeit nicht für sie. Denn auch wenn Sex als schönste „Nebensache“ der Welt gilt – oft drängt sich diese Nebensache als Hauptsache in den Vordergrund.
O-TON 8 (Radloff)
Und dann hatte ich so ein schweres Jahr, so ein Jahr lang, wo ich so ein inneres Coming-Out erlebt hab und dachte: Ja, was mache ich denn dann mit meinem Leben überhaupt, wenn Sex nicht so meins ist? Dann fällt ja erst mal eine Beziehung weg, dann fällt ja Ehe weg, dann fallen ja Kinder weg, dann fällt ja ne ganze Menge weg.
SPRECHER
Der Begriff Asexualität als Beschreibung für fehlende körperliche Anziehung durch andere Menschen existiert erst seit ein paar Jahren. Entsprechend wenig ist darüber bekannt. Die wenigen Studien, die es gibt, stammen größtenteils aus den letzten 10, 15 Jahren, sagt Talke Flörcken. Sie ist Kulturwissenschaftlerin und beschäftigt sich intensiv – im Rahmen einer Doktorarbeit an der Berliner Humboldt-Universität – mit dem Thema Asexualität.
O-TON 9 (Flörcken)
Ein Text, der viel zitiert wird, ist von Bogaert, Anthony Bogaert heißt der, und der ist aus dem Jahre 2004, und im Anschluss haben sich halt immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Asexualität beschäftigt.
Musik The Art of War (privat)
SPRECHER
Laut der Studie des kanadischen Sozialpsychologen Anthony Bogaert bezeichnet sich ein Prozent der Menschen in Großbritannien als asexuell. Seine Studie hat allerdings Schwächen. Denn er hat Daten verwendet, die in den 90ern erhoben worden waren im Rahmen eines Forschungsprojektes, in dem es um Aids-Prävention ging. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass andere Wissenschaftler zu ganz anderen Häufigkeiten kommen. Die Spanne reicht von 0,6 bis 5,5 Prozent. Auch darüber hinaus gibt es kaum wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse. Nur darin, dass vermutlich mehr Frauen als Männer asexuell sind, stimmen viele Studien überein.
Dass es so divergierende Daten zur Häufigkeit gibt, liegt daran, dass die Wissenschaftler Asexualität unterschiedlich definiert haben – typisch für ein Forschungsfeld, das gerade erst entsteht. Für die einen ist jemand asexuell, der einfach keinen Sex hat. Für andere ist Asexualität eine sexuelle Orientierung, wie Hetero-, Homo- und Bisexualität. Am weitesten verbreitet ist mittlerweile die Definition, wonach Asexuelle sich nicht durch andere Menschen angezogen fühlen, sagt Vivian Jückstock, Sexualtherapeutin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Musik aus
O-TON 10 (Jückstock)
Eine gängige Beschreibung ist eigentlich, dass der Wunsch nach sexuellem Kontakt mit anderen wenig bis gar nicht vorhanden ist. Es können durchaus sexuelle Handlungen stattfinden, auch im Rahmen von Partnerschaften, aber ein eigenständiges Verlangen ist wenig bis gar nicht vorhanden.
Auch Menschen, die sich als asexuell bezeichnen, haben sexuelle Kontakte, wenn ein Kinderwunsch besteht oder um Partnerschaften aufrecht zu erhalten.
SPRECHER
Einig sind sich die meisten Forscher auch darin, dass Asexualität kein neues Phänomen ist, sondern dass es das immer schon gab, auch wenn der Begriff sich erst vor ein paar Jahren entwickelt hat. Schon der bekannte Sexualforscher Alfred Kinsey beschreibt Mitte des 20. Jahrhunderts das Phänomen – nur hat er es anders genannt.
O-TON 11 (Flörcken)
Er hat ja so Erhebungen gemacht, die heißen, das sexuelle Verhalten des Mannes beziehungsweise der Frau aus den 40er, 50er Jahren. Und da hat er Menschen gefunden, die er der Kategorie X zuordnet.
SPRECHER
Die Menschen, die er zu dieser Kategorie X zählt, beschreibt Kinsey folgendermaßen:
ZITATOR
Wenn sie erotisch weder auf hetero- noch auf homosexuelle Reize reagieren und weder mit dem gleichen noch dem entgegen gesetzten Geschlecht irgendwelche körperlichen Kontakte haben, die als sexuell bezeichnet werden können.
O-TON 12 (Flörcken)
Einige Wissenschaftler sehen halt in dieser Kategorie X so einen Vorläufer von Asexualität.
SPRECHER
Kinsey hat sich allerdings nicht weiter mit der Kategorie X beschäftigt. Ihm ging es damals auch eher darum, seinen Zeitgenossen darüber aufzuklären, welche sexuellen Varianten es gibt und dass seiner Meinung nach viele Menschen eigentlich bisexuell sind. Für die damalige Gesellschaft ein Schock. Menschen, die keine Lust auf Sex haben – das war zu dieser Zeit kein großes Thema.
Musik Clean you Up (privat)
Das änderte sich erst in den späten 90ern. In dieser Zeit existierte zwar der Begriff Asexualität aber nicht in Bezug auf den Menschen. Asexuell, das sind in der Biologie Lebewesen, die sich ungeschlechtlich fortpflanzen, zum Beispiel Amöben, englisch: amoeba.
O-TON 13 (Flörcken)
Und 1997 gab es einen Artikel mit dem Titel „My life as an amoeba“, das spielt also auf das biologische Verständnis von Asexualität an.
SPRECHER
Die Autorin Zoe O`Reilly beschreibt in dem kurzen Text auf recht unterhaltsame und teilweise ironische Weise, wie zufrieden sie als „Amöbe“ lebt.
ZITATORIN
Ich gehöre nicht zu den Leuten, die eine große Sache daraus machen, dass sie keinen Sex haben. (...) Es ist vielmehr so, dass mich das Thema überhaupt nicht interessiert. Und ich finde, dass die Abwesenheit von Sexualität mein Leben um einiges leichter macht. (...) Ein Geburtstag weniger, den ich mir merken muss, weniger Lebensmittel, die ich einkaufen muss und niemand, der mich davon abhält, dass ich auf meiner eigenen Liste ganz oben stehe.
SPRECHER
Stellenweise liest sich der Text von O`Reilly sogar wie eine Art Manifest.
ZITATORIN
Hier bin ich und ich bin stolz asexuell zu sein. Meine Leute sind definitiv eine Minderheit und wünschen sich anerkannt zu werden wie alle anderen. Wir wollen farbige Schleifen, einen nationalen Feiertag, Gutscheine für Fast Food! Und wir wollen, dass die Welt da draußen weiß, dass es uns gibt.
Musik aus
SPRECHER
Der Artikel hatte offenbar einen Nerv getroffen. Viele Menschen erkannten sich wieder. In den Kommentaren unter dem Online-Artikel entwickelte sich in den folgenden Wochen und Monaten eine rege Diskussion zu dem Thema.
O-TON 14 (Flörcken)
Und das wird so als erste Möglichkeit angesehen, für Menschen mit ähnlichen Erfahrungen sich auszutauschen.
Musik Robots (privat)
SPRECHER
Einige Jahre nach Erscheinen des Textes gründeten sich die ersten Foren und Communities. Das bekannteste ist heute Aven, das es seit 2001 gibt.
Die Buchstaben stehen für Asexual Visibility and Education Network, was auf deutsch so viel bedeutet wie: Sichtbarkeit von und Aufklärung über Asexualität. Auch Kati Radloff ist vor einigen Jahren auf das Online-Forum gestoßen.
Musik aus
O-TON 15 (Radloff)
Und ich dachte natürlich; krass, andere Asexuelle, es gibt sie wirklich und das war auch inspirierend irgendwie, worüber sie gesprochen haben. Also was Asexualität ist, war nur eine von vielen Fragen, größtenteils ging es darum, wie gestalte ich meine Beziehung oder wie gehe sozusagen gegenüber anderen um, oute ich mich oder nicht, (was für eine Einstellung habe ich gegenüber meinem Körper, was für eine Einstellung habe ich zu Nähe, Intimität und so weiter.) Das fand ich unglaublich bereichernd und dachte, das muss es auch auf deutscher Seite geben. In Deutschland gibt es bestimmt auch Asexuelle, also habe ein deutsches Unterforum dazu aufgemacht, und das hat wirklich relativ viel Resonanz gefunden, muss ich sagen. Also innerhalb von kürzester Zeit hatten wir schon mehrere tausend Benutzer, die gesagt haben; ja, ich bin auch asexuell, wow, ich bin jetzt 50 oder 60, 70, und dachte wirklich mein ganzes Leben lang, ich wäre irgendwie verkehrt.
Musik Robots (privat)
SPRECHER
Aven gibt es heute in vielen Ländern und Sprachen. Das Internetforum hat sehr stark dazu beigetragen, Asexualität bekannter zu machen. Viele Wissenschaftler und Journalisten beziehen sich auf das Online-Forum und auch die heutige Definition geht größtenteils auf Selbstbeschreibungen von Aven-Mitgliedern zurück.
Warum Asexualität so plötzlich in Wissenschaft und Öffentlichkeit aufpoppte und diskutiert wird, ist unklar. Jückstock vermutet, dass es heute generell mehr Toleranz gegenüber solchen Themen gibt.
Musik aus
O-TON 16 (Jückstock)
Es ist einfach mehr Offenheit da, über Sexualität zu reden, auch über unterschiedliche Ausgestaltungen von Sexualität, vielleicht hat es das erleichtert.
SPRECHER
Viele Asexuelle beschreiben das Online-Forum Aven als erste Anlaufstelle, wo sie nicht nur Informationen bekommen haben, sondern auch erleichtert feststellen konnten: Es gibt andere Menschen, die ähnlich empfinden wie ich.
O-TON 17 (Jückstock)
Das ist der große Vorteil davon, endlich zu wissen, was ist eigentlich los mir mir und auch mitzubekommen, es gibt andere, denen geht es genauso und das ist nichts Schlimmes, sondern es ist einfach eine bestimmte Art, wie die Sexualität ausgeprägt ist. Und dass es viel Druck nimmt, den Fehler – den Fehler in Anführungsstrichen – bei sich zu suchen oder eben herausfinden zu wollen, was stimmt mit mir nicht.
SPRECHER
Ein großes Thema in den Foren sind Beziehungen.
O-TON 18 (Radloff)
Es gibt viele Asexuelle, die haben keine Liebesbeziehung im klassischen Sinne, die sind halt aromantisch, das heißt, die haben halt enge Freundschaften, die ähnlich wie Lebenspartnerschaften sind, oder einen ganz engen Freundeskreis und haben mit denen auch zusammen Kinder, was weiß ich. Aber die haben halt nicht dieses Liebesbeziehungskonzept sozusagen.
SPRECHER
Radloff ist eher der romantische Typ. Für sie war es deshalb besonders interessant zu erfahren, wie andere Asexuelle ihre Partnerschaft – und ein eventuelles Liebesleben – gestalten.
Musik Did that hurt? Z8007984 116
O-TON 19 (Radloff)
Wie ist denn das bei dir mit Treue, mit Liebessachen und so weiter. Wie können Beziehungen gestaltet werden, welche Nähe und welche Form von Intimität möchte ich gerne ausleben? Möchte ich Kinder haben oder nicht, wie sieht es mit meiner Weiblichkeit aus?
SPRECHER
Beim Thema Sex haben sich Radloff und ihr Freund inzwischen gut arrangiert – zu ihrer beider Zufriedenheit.
O-TON 20 (Radloff)
Wir haben da wirklich Wege gefunden, die da gut funktionieren, um sexuelle Nähe zu leben, ohne dass einer von uns beiden zu weit über sich selbst hinaus gehen muss.
SPRECHER
Wie Paare, bei denen einer asexuell ist, ihr Liebesleben gestalten – und wie sie mit Treue oder Eifersucht umgehen – ist sehr unterschiedlich. Auch in den Online-Foren zeigt sich auch, dass es „die“ Asexuellen natürlich nicht gar gibt.
Musik aus
O-TON 21 (Jückstock)
Es gibt jetzt wieder neue Unterkategorien, also ob man nun ein romantischer Asexueller ist, romantische Beziehungen eingeht ohne Sexualität oder ein Solo-Asexueller, also es gibt schon wieder ganz viele Unterkategorien, die zeigen, wie vielfältig es ist. Es gibt Menschen, die sich als asexuell bezeichnen, aber viel Freude an Masturbation haben. Es gibt Menschen, die sich als asexuell bezeichnen und überhaupt kein Interesse an Masturbation haben.
SPRECHER
Mit Gleichgesinnten zu sprechen, ist für viele auch deshalb wichtig, weil das Umfeld oft irritiert reagiert. Keine Lust auf Sex, da muss etwas schief gelaufen sein, denken offenbar viele Menschen. Diese Erfahrung hat auch Kati Radloff gemacht.
O-TON 22 (Radloff)
Mir wurde unterstellt, ich wurde missbraucht, ich wurde missbraucht und hätte es nur vergessen, mir wurde gesagt, ich hätte eine schwierige Kindheit gehabt, meine Eltern wären zu offen gewesen oder sie wären zu rigide gewesen, mir wurde gesagt, ich soll zum Arzt gehen, meine Hormone überprüfen lassen, das ist krank.
SPRECHER
Viele Asexuelle berichten, dass sie erst einmal auf Ablehnung stoßen, wenn sie Freunden und Bekannten erzählen, dass sie Sex nicht interessiert. Ähnlich wie Homosexuelle sprechen sie deshalb von einem Coming-Out, wenn sie sich zu ihrer Asexualität bekennen.
O-TON 23 (Jückstock)
In den seltensten Fällen löst es ja wohlwollende Neugier aus, sonst hätte man nichts zu befürchten, wenn man das sagt, wenn man dann auf viel wohlwollende Neugier stößt und Nachfragen. Sondern häufig gibt es ebenso latente Anfeindungen. Bist du frigide? Kommt dann im schlimmsten Fall noch die Nachfrage. Es gibt sehr viele negative Bezeichnungen für Menschen, die wenig sexuellen Kontakt haben, gerade was Frauen angeht. Und das mag zum einen sein, dass Menschen so reagieren, wenn sie auf etwas Anderes stoßen, was im ersten Moment fremd ist. Aber irgendwie scheint es ja auch sozusagen etwas auszulösen, dass sich jemand angegriffen fühlt.
SPRECHER
Die Frage ist: Warum eigentlich? Denn es könnte anderen ja eigentlich herzlich egal sein, wenn jemand asexuell ist – mal abgesehen vielleicht vom eigenen Partner. Jückstock vermutet, dass der ein oder andere, der ablehnend auf ein Coming-Out reagiert, gekränkt sein könnte, vielleicht auch nur unbewusst.
O-TON 24 (Jückstock)
Natürlich hat Sex auch was mit Fortpflanzung zu tun und wenn da jemand, der aus evolutionsbiologischer Sicht gute Erbanlagen verspricht, sagt: Meine Erbanlagen stehen nicht zur Verfügung. Das ist ne Frustration. Das eigene Begehren kommt nicht an bei einem Menschen, der sich als asexuell bezeichnet.
SPRECHER
Zwar würden eher wenige von sich behaupten, in evolutionsbiologischer Mission unterwegs zu sein und nach guten Erbanlagen Ausschau zu halten. Aber man sollte, sagt Jückstock, sich mal vor Augen führen, was Menschen so alles veranstalten, um attraktiv für potenzielle Sexpartner zu sein.
O-TON 25 (Jückstock)
Freitagabend in die Disco gehen und gucken, ob man mit jemandem knutschen kann, kann ne hohe Motivation sein, am Freitagabend loszugehen und irgendwie sich in enge Klamotten zu zwängen und draußen zu frieren, weil man sagt: Ach, vielleicht treffe ich jemand Nettes. Das ist sozusagen der Motivator. Wenn der sozusagen nicht da ist, dann würde jemand sagen: Warum soll ich mich bei Kälte, in unbequeme Klamotten, in eine Horde von betrunkenen Menschen begeben?
Musik Hubble (privat)
SPRECHER
Fragen wirft Asexualität auch in der Wissenschaft auf. Zwar gehen die meisten Forscher heute davon aus, dass keine oder wenig körperliche Anziehung durch andere Menschen genauso eine Ausprägung von Sexualität ist wie dessen Gegenteil, wenn jemand sehr schnell und häufig erregt ist. Dennoch stellen manche Forscher die Frage, inwieweit Asexualität einen Krankheitswert hat. Denn wenn jemand keine Lust auf Sex hat, kann das durchaus auf Erkrankung zurückgehen, zum Beispiel auf eine Depression. Deshalb ist es für Therapeuten wie Jückstock sehr wichtig, genau hinzuhören, wenn jemand von fehlender Libido berichtet.
Musik aus
O-TON 26 (Jückstock)
Wir haben Patienten oder Patientinnen, die sagen: Ich bemerke, dass ich keine sexuelle Lust mehr hab und das macht mir Probleme. Die bezeichnen sich nicht als asexuell, sondern da ist ein klarer Wunsch nach Veränderung Wunsch nach Hilfe. Deswegen suchen die therapeutische Hilfe auch auf.
SPRECHER
Wobei es auch einige Wissenschaftler gibt, die fragen, ob Asexualität nicht generell als sexuelle Störung gewertet werden sollte. Jückstock hat dazu eine klare Meinung:
O-TON 27 (Jückstock)
Das Entscheidende ist, dass ein Leidensdruck bei der betroffenen Person vorliegt, Leidensdruck und ein Veränderungswunsch, und das ist ganz häufig bei jemandem, der sich als asexuell bezeichnet, überhaupt nicht gegeben. Damit ist ein wesentlicher Bestandteil, um etwas als Krankheit klassifizieren zu können, gar nicht gegeben. Ich finde es auch durchaus sinnvoll, dass Asexualität nicht als Krankheit gewertet wird, sondern dass es einfach eine Ausprägung von Sexualität ist wie viele andere Ausprägungen auch.
SPRECHER
Ungeklärt ist auch die Frage, ob Asexualität dauerhaft oder temporär ist. Denn die Sexualität verändert sich im Laufe des Lebens, bei allen Menschen.
O-TON 28 (Jückstock)
Das bleibt ja nicht starr. Also in der Jugend ist die Sexualität anders als im Alter. Ich würde sehr dafür plädieren, offen zu sein für die Veränderung, die in uns möglich sind.
SPRECHER
Dass sich manche damit schwer tun, Asexualität als sexuelle Orientierung anzuerkennen, liegt vermutlich auch daran, dass sie nicht so richtig in unser Bild von Sexualität passt. Die gängige Vorstellung ist, dass Sex natürlich, eine Art Instinkt ist und man als junger, gesunder Mensch eben ein Liebesleben hat, egal, wie das im Einzelnen aussehen mag.
O-TON 29 (Flörcken)
Und darauf hatten Theorien von Sigmund Freud oder auch Masters und Johnson, das sind andere Sexualforscher, die haben das mitbeeinflusst.
Musik Water and Glass (privat)
SPRECHER
Laut dem Psychoanalytiker Freud ist der Mensch ein Wesen, das – bewusst oder unbewusst – durch seine Triebe gesteuert wird. Menschen, die keine Lust haben, passen nicht in dieses Modell. Und auch wenn nicht jeder die Theorien Sexualforschern wie Freud im Detail kennt – auf unser derzeitiges Verständnis von Sexualität hatten sie maßgeblichen Einfluss. Vielleicht stellen deshalb manche die Frage, ob bei Asexuellen etwas nicht stimmt oder ob in ihrer Kindheit etwas schief gegangen ist. Sie werden auf diese Weise pathologisiert, weil Asexualität bei Freud und Co einfach nicht vorgesehen war.
O-TON 30 (Flörcken)
Dieses Konzept von Sexualität als Norm führte dann lange Zeit oder führt immer noch dazu, dass Asexualität gar nicht richtig denkbar ist.
Musik aus
Musik Crazy in Love Z8007984 110
SPRECHER
Es wird deshalb sehr spannend, wie Asexualität als neue sexuelle Orientierung in wissenschaftliche Konzepte integriert wird, und wie das wiederum unsere Vorstellung von Sexualität verändern wird.
Musik aus

Mar 12, 2024 • 23min
Der Saum der Landschaft - Was existiert zwischen Feld, Bach und Wald?
Die Übergänge zwischen Acker und Feld, Wald und Wiese, Bach und Straße werden immer weniger. Dabei ist längst klar, dass diese kleinen Landschaftsstreifen besonders wertvoll sind für die Artenvielfalt. Für viele Säugetiere, Pflanzen und Insekten sind diese "Säume" zwischen verschiedenen Landschaftsnutzungen der ideale Ort, um zu überleben. Von Daniela Remus (BR 2024)
Credits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Martin Trauner Es sprachen: Rahel Comtesse, Frank Manhold Technik: Susanne Harasim Redaktion: Iska Schreglmann
Im Interview:Prof. Rainer Buchwald, Biologe, Universität Oldenburg;Dr. Lena Neuenkamp, Biodiversitätsforscherin, Universität Münster;Prof. Georg Petschenka, Insektenkundler, Universität Hohenheim;Prof. Andreas Schweiger, Ökologe, Universität Hohenheim
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Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ATMO (Sommeratmo, Vögel zwitschern usw., verblenden mit Atmo von Straße oder Bach oder Traktorfahrt) dann darüber:
SPRECHERIN
Sie sind klein, schmal, oft auch etwas kümmerlich und werden häufig übersehen: Die Ränder oder Übergänge von einem Landschaftselement zum nächsten. Zwischen Acker und Wald, Bach und Straße, Wiese und Feld. Den meisten Menschen fallen sie nicht auf, denn sie sind ein „Dazwischen”. Der Name für diese kleinen Biotope: Saum oder Saumhabitat, aber auch – wissenschaftlicher gesprochen – Refugialfläche, Puffer oder Ökoton. Das Lexikon der Biologie beschreibt den Saum als einen…
ZITATOR
„…wachsenden Streifen von krautigen, meist mehrjährigen Pflanzen, der sich floristisch und damit auch strukturell vom angrenzenden Nutzland (Wiese, Acker, Weide) oder von Wegen absetzt. Je nach Wasser- und Nährstoffhaushalt sind die Säume sehr verschiedenartig aufgebaut.”
ATMO (vom Anfang nochmal hoch)
SPRECHERIN
Denn es kommt darauf an, wo sie sich befinden. Welche Bereiche der Landschaftsnutzung umsäumen sie? Wälder, Äcker oder Bäche? Oder unterbrechen sie als sogenannte Knicks mit Hecken und Sträuchern landwirtschaftlich genutzte Felder?
TAKE 1 (O-Ton Schweiger) L: 0, 15
Grundsätzlich kann man unterscheiden zwischen menschlich gemachten Saumhabitaten und Saumhabitaten oder Ökotonen, die durch nicht menschliches Zutun gestaltet werden, die dann generell als Ökotone bezeichnet werden.
SPRECHERIN
Erklärt Andreas Schweiger, Professor für Pflanzenökologie von der Universität Hohenheim. Natürliche Saumhabitate finden sich beispielsweise in den Bergen: Die Übergange vom Wald in Grasland oder alpine Matten. Außerdem kommen natürliche Säume zum Beispiel auch in den nördlichen Breitengraden vor. Auch dort stellen sie den Übergang dar von bewaldeten Zonen zum offenen, steppigen Gelände der Tundra.
ATMO (Wind pfeift eisig)
SPRECHERIN
Wenn wir hierzulande über diese Übergänge sprechen, dann geht es in der Regel um andere Säume, nämlich um die von Menschen. Also um die Ränder von Äckern, die Bereiche zwischen Wald und Wiese oder die Böschungen von Bächen und Flüssen. Naturschützerinnen und Biologen fordern, diese oft unscheinbaren Streifen Land besser zu schützen. Denn diese Biotope seien ein Rückzugsort für viele Tier- und Pflanzenarten, und damit für den Erhalt der Artenvielfalt unersetzlich. Was das Besondere an einem solchen Übergangsgelände ist, das lässt sich am Beispiel eines Waldrandes anschaulich machen:
TAKE 2 (O-Ton Buchwald) L: 0, 20
Da gibt es eine bestimmte Abfolge, die nennt man Zonierung oder Zonation, das heißt, da sind vier Zonen nebeneinander geschaltet, die interessanterweise auch durch eine zeitliche Veränderung miteinander verbunden sind…
SPRECHERIN
Erklärt der Biologe Rainer Buchwald. Er ist emeritierter Professor an der Universität Oldenburg.
TAKE 3 (O-Ton Buchwald) L: 0, 30
Das ist einmal der eigentliche Wald, mit einem besonderen Waldinnenklima und der Wald ist eben gekennzeichnet durch die Dominanz von Bäumen… dann das nächste ist der Waldmantel, der ist dem vorgelagert sozusagen und ist dominiert von Sträuchern oder jungen Bäumen kann man auch sagen, und der unterscheidet sich vom Wald durch ein anderes Mikroklima.
SPRECHERIN
Unter dem Begriff Mikroklima verstehen die Biologen einerseits die klimatischen Bedingungen in Bodennähe bis zu einer Höhe von rund 2 Metern. Und andererseits ist damit das Klima gemeint, in einem kleinen, klar definierten Bereich. Zum Mikroklima gehört die Bodenbeschaffenheit eines Geländes, die Art und Dichte der vorherrschenden Pflanzen und die Lichtverhältnisse. Aber auch Standortbedingungen wie Wind beeinflussen das Mikroklima. Der Waldmantel, in der Aufteilung von Rainer Buchwald Zone zwei, geht in den Waldsaum über und erst danach, als Zone vier beginnt das Kulturland. Das kann ein Acker sein oder eine Straße. Jede dieser vier Zonen weist ein ganz spezielles Mikroklima auf. Und das bedeutet: Die Zonen unterscheiden sich durch die Sonnenbestrahlung, Feuchtigkeit oder die Bodendichte. Und dementsprechend lassen sich in diesen vier Zonen sehr unterschiedliche Tier- und Pflanzenarten nieder.
TAKE 4 (O-Ton Buchwald) L: 0, 30
Man sagt, dass ein Wald, damit er ein richtiges Waldinnenklima hat, sollte er mindestens 1-2 Hektar groß sein. Davor ist er den Randeinflüssen zu stark ausgesetzt und ein richtiges Waldinnenklima bildet sich nicht. Der Waldmantel, wenn er von verschiedenen Sträuchern besiedelt ist, sollte mindestens wenn es geht 4-5 oder noch mehr Meter breit sein. (…) Und dann kommt der Waldsaum, der wieder ein anderen Mikroklima hat, der ist noch stärker besonnt oder offen und ist deshalb den äußeren Einflüssen stärker ausgesetzt als der Wald selber (…)
SPRECHERIN
Waldsäume können eigenständige Biotope sein. Sie bieten dann sichere Brutplätze und Nahrung wie Früchte, Nektar oder Pollen. Insekten, Spinnen, Vögel und kleinere Säugetiere leben dann hier. Um aber als eigenständiges Biotop überhaupt bestehen zu können – gegen die äußeren Einflüsse – können Saumhabitate nicht beliebig groß oder klein sein, sie brauchen eine Mindestgröße.
TAKE 5 (O-Ton Buchwald) L: 0, 10
Das ist die Krux: Fluch und Segen eines Saums ist eben, dass er einerseits was Eigenes ist, aber auf der anderen Seite in der heutigen Landschaft sehr häufig unter die Räder kommt.
SPRECHERIN
Und damit meint er, dass sie nicht genug in ihrer Besonderheit beachtet werden. Deshalb fordert Rainer Buchwald, dass kein Saum schmaler sein dürfe als zwei Meter, denn sonst sei dieser bewachsene Rand eben kein Biotop, in dem sich die dafür typischen Tiere und Pflanzen ausbreiten können. Neben der Mindestgröße sei darüber hinaus noch ein weiterer Aspekt entscheidend, damit ein solches Gelände auch tatsächlich als Biotop funktionieren kann: Seine Pflege. Denn diese kleinen Landschaftsflecken dürfen nicht komplett verwildern, nicht komplett zuwachsen, um ihre Eigenart nicht zu verlieren, betont der Vegetationskundler Rainer Buchwald:
TAKE 6 (O-Ton Buchwald) L: 0, 25
Ein Saum ist immer ein Offenbiotop und wenn irgendwann Gehölze aufkommen, dann muss eben ein Landwirt oder eine Gemeinde oder ein Naturschutzverband …muss diese Bereiche pflegen, und das Beste, was man da machen kann, ist eben einmal im Jahr mit dem Mäher drübergehen, damit die nicht zuwachsen und wirklich einen Offencharakter haben.
SPRECHERIN
Denn, um beim Waldrand-Beispiel zu bleiben, würde der Waldsaum nicht immer mal wieder gemäht, allerdings höchstens einmal pro Jahr, dann würde sich der Wald nach und nach auf dieses Territorium ausbreiten.
ATMO (Waldatmo)
SPRECHERIN
Es gibt Tiere und Pflanzen, die sowohl in den kleinen Übergängen als auch im angrenzenden Wald vorkommen. Aber sie brauchen diese unterschiedlichen Biotope für verschiedene Lebensphasen. Die Brut mancher Insekten ist z.B. im Wald perfekt aufgehoben, während die geschlüpften Insekten bessere Lebensbedingungen im Saumhabitat haben. Und manche Arten erfüllen in den unterschiedlichen Umgebungen unterschiedliche Funktionen.
TAKE 7 (O-Ton Petschenka) L: 0,30
So kann es z.B. sein, dass sich am Waldsaum oder am Rand eines Waldweges da kommt beispielsweise durchaus mal ein Baumschößling hoch, und der Baum ist nicht gleich Baum. Der Baum kann ökologisch eine ganz andere Funktion haben, wenn er als kleiner Schößling irgendwo am Wegrand steht, als wenn er eine ausgewachsene Eiche oder Buche im Mischwald ist. Weil manche Insekten beispielsweise ihre Eier nur an Stockaustriebe legen… und da macht es einen ökologischen Unterschied, ob ich einen Baum oder einen Baumschößling vor mir habe und deshalb ist ein Rand oder Saumhabitat ganz wichtig.
SPRECHERIN
Der Lebenszyklus der Pflanzen ist mit dem anderer Arten aufs engste verknüpft, sagt Georg Petschenka, Professor für Insektenforschung an der Universität Hohenheim. Manche Schmetterlinge nutzen junge Bäume zur Eiablage, Wildbienen brauchen Totholz zum Brüten während andere Insekten sich von der Baumrinde ausgewachsener Bäume ernähren. Und nicht zu vergessen, die verblühten Blühwiesen bieten vielen Insekten Unterschlupf als Winterquartier. Deshalb ist es notwendig, unterschiedliche Biotope bestehen zu lassen oder sie anzulegen, um die Artenvielfalt zu erhalten bzw. das Artensterben zu verlangsamen. Und noch ein Beispiel, das zeigt, wie wichtig Saumhabitate sein können: An Gewässern beispielsweise stabilisieren Büsche und kleine Bäume das Ufer und beschatten im Sommer das Wasser. Das bleibt dadurch ein paar Grad kühler und kann so für einzelne Fischarten lebensrettend sein.
ATMO (Bachgeglucker)
SPRECHERIN
Saumhabitate sind also ein wertvoller Lebensraum, der aber in den letzten Jahrzehnten drastisch geschrumpft ist. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Da ist zum einen die Tatsache, dass immer mehr Flächen versiegelt wurden, dass Gewässer begradigt und Feuchtbereiche trockengelegt wurden. Aber auch der Umstand, dass die Landwirte im großen Stil Pestizide auf den Feldern versprühen. Als Hauptursache für den Rückgang dieser kleinen Streifen gebiete benennen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aber den grundlegenden Strukturwandel in der Landwirtschaft, erklärt Andreas Schweiger:
TAKE 8 (O-Ton Schweiger) L: 0, 30
Wenn man das Ganze historisch betrachtet, ist es natürlich so, dass die Flurbereinigung sehr viele von diesen Saumhabitaten aus unserer Landschaft entfernt hat. Es werden ja auch Heckenstrukturen als Saumhabitate z.B. gesehen, die wurden einfach systematisch entfernt aus unseren Landschaften mit den allen bekannten Folgen für die Biodiversität, für die Rückzugsräume, pflanzlich aber auch tierisch.
SPRECHERIN
Die Flurbereinigung. Hinter diesem Begriff steht die umfassende Umstrukturierung der Landwirtschaft, die bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen hat. Durch die Erfindung des Kunstdüngers und den Einsatz der ersten landwirtschaftlichen Maschinen. Der entscheidende Schritt aber erfolgte in der Mitte des 20. Jahrhunderts durch das sogenannte Flurbereinigungsgesetz, das am 1. Januar 1954 in Kraft trat. Der erste Paragraph beschreibt das Ziel dieses Gesetzes:
ZITATOR
„Zur Förderung der landwirtschaftlichen und forstwirtschaftlichen Erzeugung und der allgemeinen Landeskultur kann zersplitterter oder unwirtschaftlich geformter ländlicher Grundbesitz nach neuzeitlichen betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zusammengelegt, wirtschaftlich gestaltet und durch andere landeskulturelle Maßnahmen verbessert werden (Flurbereinigung). ” (§1 Flurbereinigungsgesetz 1953)
SPRECHERIN
Die Konsequenzen dieses Gesetzes: Das Nebeneinander vieler kleiner Äcker, zum Teil schief und krumm, durch Hecken, Gebüsch oder schmale Blühstreifen voneinander getrennt, in manchen Regionen eher einem Flickenteppich ähnelnd, wurde nach und nach neu geordnet.
ATMO (landwirtschaftliche Maschinen)
SPRECHERIN
So entstanden große rechteckige Flächen, die von Ackerwalzen, Beregnungsmaschinen oder Mähdreschern problemlos befahren werden können.
TAKE 9 (O-Ton Neuenkamp) L: 0, 25
Die Flächen, seitdem es die Ackermaschinen gab, sind seitdem viel, viel größer geworden. Früher konnten die Arten immer noch einmal durch´s Feld laufen oder fliegen, heute sind die so groß, dass das einfach unmöglich ist. Und deswegen ist es so wichtig, Ausweichhabitate zu haben. Und die können linear sein aber letztendlich geht es um alle Brachflächen.
SPRECHERIN
Erklärt Dr. Lena Neuenkamp, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Münster, mit Schwerpunkt Biodiversitätsforschung. Die Flurbereinigung veränderte aber nicht nur die Größe der Äcker, das Aussehen der Landschaft, sondern auch die Lebensbedingungen vieler Pflanzen und Tiere: Hecken und schmale Blühstreifen standen der intensiven Nutzung des Bodens entgegen und mussten deshalb vielfach weichen:
TAKE 10 (O-Ton Schweiger) L: 0, 10
Die menschlichen bedingten Saumhabitate sind, oder waren traditionell Bereiche, der extensiveren Nutzung, also Rückzugsorte für Pflanzen und Tiere.
SPRECHERIN
Sagt der Ökologe Andreas Schweiger. Diese Rückzugsorte, wissenschaftlich Refugialflächen genannt, gingen durch die Flurbereinigung im großen Stil verloren. Wie groß der Verlust der Flächen tatsächlich ist, lässt sich allerdings nur schätzen. Denn nicht in allen Bundesländern ist der Verlust dokumentiert worden. Aus Schleswig-Holstein liegen aber z.B. Daten vor. Dort verschwanden zwischen 1950 und 1980 rund 28.000 Kilometer dieser Saumhabitate. Heute ist klar, und wissenschaftlich erwiesen, dass diese Randstreifen und Übergangspassagen bei der Flurbereinigung unterschätzt wurden. Denn sie spielen für den Erhalt der Artenvielfalt eine ganz zentrale Rolle, betont Insektenkundler Georg Petschenka von der Uni Hohenheim:
TAKE 11 (O-Ton Petschenka) L: 0, 30
(…)und die Besonderheit ist, dass diese Lebensräume einfach sehr, sehr heterogen sind, das sind einfach Lebensräume, die sich im Prinzip von links und rechts unterscheiden. Also von dem, was angrenzt, (…) und dieser Übergangsbereich ist besonders interessant, weil wir da andere Bedingungen vorfinden, (…), das geht einher mit einem heterogenen Mikroklima auch unterschiedlichen Nischen und einer erhöhten Biodiversität.
SPRECHERIN
Die Biodiversität ist aber nicht in allen Säumen gleich. Sie variiert je nach Struktur des Saums und je nach Umgebung. Eine junge Hecke beherbergt andere Arten als eine alte Hecke, eine Blühwiese am Waldrand ist ein anderer Lebensraum als der bewachsene Rand einer Autobahn.
TAKE 12 (O-Ton Buchwald) L: 0, 20
Es ist ein eigenes Mikroklima, es sind Arten, die dort ihren Schwerpunkt haben, es ist extrem schwierig, da exklusive Arten zu finden… aber die Zusammensetzung der Arten, die Artengemeinschaft, die ist schon einmalig, das auf jeden Fall, wegen dieses Mikroklimas.
SPRECHERIN
Und Georg Petschenka ergänzt:
TAKE 13 (O-Ton Petschenka) L: 0, 35
Wenn ich jetzt einen Waldrand hab, dann finde ich dort nicht nur Arten, die es im Wald gibt oder auf der angrenzenden Wiese, sondern ich finde auch Arten, die vielleicht nicht ausschließlich aber doch vorrangig in solchen Habitaten vorkommen. Also gerade wenn ich an Wegränder denke, da finde ich (…) eine Insektenfauna die vielleicht einen offenen, lückigen Bodenbewuchs braucht, bestimmte Laufkäfer beispielsweise, die ich möglicherwiese in der Wiese daneben gar nicht finde. (…) Da werden Lebensräume geschaffen, die für bestimmte Arten letztendlich essentiell sind.
SPRECHERIN
Die Forschenden schätzen, dass es rund 8 Millionen Arten gibt. Etwa 1 Millionen davon steht kurz vor dem Aussterben, so der Welt-biodiversitätsrat. Und: Das gegenwärtige Artensterben gehe 10 bis 100 Mal schneller voran, als in den letzten 10 Millionen Jahren. Selbstverständlich sind diese alarmierenden Prognosen nicht allein damit zu erklären, dass es immer weniger Säume in der Landschaft gibt. Aber der Rückgang dieser Lebensräume trägt zum Artensterben ebenfalls bei. So hat sich beispielsweise allein in Deutschland die Anzahl der Vogelarten in der Agrarlandschaft in den letzten Jahrzehnten um mehr als 36 Prozent verringert.
ATMO (Wiesenatmo)
SPRECHERIN
Deshalb haben mittlerweile alle Bundesländer sogenannte Naturschutzpläne, in denen es auch um die Wiederherstellung und die Pflege von Saumhabitaten geht. In Bayern zum Beispiel ist 2019 durch das Volksbegehren Artenvielfalt und Naturschönheit in Bayern das Ziel ins Auge gefasst worden, den „Biotopverbund Offenland” bis 2030 auf 15 Prozent zu steigern. Zur Zeit liegt er noch bei rund 10 Prozent. Denn, das ist die zweite nicht zu unterschätzende Funktion von Saumhabitaten: Sie ermöglichen es, Biotope miteinander zu vernetzen, wie Rainer Buchwald erklärt:
TAKE 14 (O-Ton Buchwald) L. 0, 20
Entlang dieser Korridore wandern z.B. Rehe, das machen Rebhühner, das machen Tagfalter, wenn ich drumrum nur eine Straße und Acker hab, dann ist das das einzige was noch halbwegs ein paar Blüten anbietet für die Tagfalter oder Wildbienen, auch nicht immer viel, aber besser als nichts.
SPRECHERIN
Feldhasen, Rehe, Wildkatzen, Rebhühner und auch die verschiedensten Insektenarten, sie alle brauchen den sogenannten Biotopverbund. Also eine Vernetzung zwischen den Gebieten, in denen sie sich aufhalten und verstecken können oder in denen sie Nahrung finden. Denn viele von ihnen haben keine große Reichweite, wie es in der Biologie heißt. Und das bedeutet, dass sie eine Entfernung von mehreren hundert Metern nicht überwinden können. Ohne Korridore, die einen Saum mit dem anderen verbindet, schaffen sie es also nicht die Entfernung zu bewältigen, sagt Georg Petschenka:
TAKE 15 (O-Ton Petschenka) L: 0, 30
Verinselung ist ein großes Problem, dass Biotope oder Habitate zerschnitten werden, und dann Populationen isoliert. Damit eine Art dauerhaft existieren kann…Insektenarten sind da von ihrer Empfindlichkeit her relativ unterschiedlich, aber üblicherweise ist doch schon so, die Meinung, dass wir einen großen genetischen Fluß wollen und deswegen ist es wichtig, dass die Einzelvorkommen vernetzt sind. Und da helfen natürlich viele kleine Inselchen, um so etwas zu erreichen.
SPRECHERIN
Trittsteinhabitate nennen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diese kleinen Inselchen, die eine Biotopvernetzung ermöglichen, erklärt Lena Neuenkamp.
TAKE 16 (O-Ton Neuenkamp) L: 0, 15
Die werden dementsprechend Trittsteinhabitate genannt, dass man sagt, dass selbst die Arten, die in der Intensivlandwirtschaft nicht leben können, die haben dann da wie so Trittsteine, um dann ein Habitat mit dem anderen zu verknüpfen.
SPRECHERIN
Das Wissen um die Bedeutung der kleinen Saumgebiete für die Artenvielfalt ist in den letzten Jahrzehnten gewachsen. Und damit auch die Erkenntnis, dass die Flurbereinigung zwar dazu beigetragen hat, die Landwirtschaft zu optimieren, dass sie aber gleichzeitig viele Schäden verursacht hat und auch noch heute bewirkt. Dennoch passiere in der Praxis bisher viel zu wenig, so das einhellige Urteil der Expertinnen und Experten, um diese wertvollen kleinen Flächen angemessen zu schützen. Rainer Buchwald von der Universität Oldenburg:
TAKE 17 (O-Ton Buchwald) L: 0, 30
Man kann nicht sagen, dieser Saum hier, egal ob das am Graben ist oder am Weg oder am Wald, er ist per se schutzwürdig. Und deshalb weil er oft zu schmal, zu klein ist und deshalb ist oft auch dies „geschützter Landschaftsraum”, den man oft bei Baumreihen, bei Alleen hat, der greift da nicht richtig. Und wer macht sich die Mühe, so einen wunderbaren Saum (…) zusammen mit dem Wald oder mit dem Trockenrasen unter Schutz zu bringen?
SPRECHERIN
Das sieht auch Andreas Schweiger von der Universität Hohenheim so.
TAKE 18 (O-Ton Schweiger) L: 0, 10
Das Bewußtsein ist da…ich denk, letztendlich es hängt damit zusammen, dass Förderung noch nicht gezielt genug zur Verfügung gestellt wird, bzw. umgesetzt werden kann.
SPRECHERIN
Die Ursache für die oft halbherzige Umsetzung liegt vermutlich auch daran, dass es bisher, ganz formal, kein Naturschutzprogramm gibt, in dem es ausdrücklich um Saumhabitate geht. Ein solches existiert nicht, betont Rainer Buchwald.
TAKE 19 (O-Ton Buchwald) L: 0, 20
Es gibt keinen geschützten Biotoptyp nach §30 vom Naturschutzgesetz, der sagt, dieser Waldsaum oder dieser Grabenrand ist besonders schutzwürdig! Das gibt es nicht. Und wenn man Glück hat, wird er auch so erhalten und wenn man Pech hat, wird er eben weggenietet.
SPRECHERIN
Dabei gäbe es Möglichkeiten, diese Rand- und Übergangsbereiche zu schützen, zu pflegen und zu erhalten. Viele dieser Flächen sind im kommunalen Besitz. In Bayern zum Beispiel gibt es im Internet den „Bayernatlas”, auf dem ist die Flurstückskarte einsehbar. Dort sind die Flächen gekennzeichnet, die am Rand von Straßen, Feldern oder Gewässern im kommunalen Besitz sind und die als Saumhabitat angelegt oder gepflegt werden könnten. Allerdings rät Lena Neuenkamp von der Universität Münster davon ab, in Aktionismus zu verfallen und überall die gleichen Hecken zu pflanzen oder Blühstreifen anzulegen. Denn für die Artenvielfalt brauche es landschaftliche Diversität, gibt sie zu bedenken:
TAKE 20 (O-Ton Neuenkamp) L: 0, 20
Eine Saumstruktur eine Ackerbiodiversitätsmaßnahme, die kann nicht alles abdecken. Es geht ja auch um Dinge wie, eine Hecke speichert viel Kohlenstoff, die einen sind gut für die Bodeninsekten, die anderen für die Bestäuber…
SPRECHERIN
Deshalb sieht sie es als erforderlich an, nicht nur neue Säume anzulegen, sondern sie in ihrer Struktur so zu mischen, so dass sie für unterschiedliche Tiere und Pflanzen attraktiv sind. Und das bedeutet, dass es neben den generellen Schutzprogrammen für diese Gebiete auch Pflege- oder Aufbauprogramme geben sollte, die die landschaftlichen Bedingungen in einer Region übergeordnet bedenken und nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen bepflanzen und pflegen. Bis dahin aber kann jeder Einzelne viel dafür tun, den eigenen Garten, die Terasse oder den Balkon zu Rückzugsorten für heimische Arten zu machen.

Mar 11, 2024 • 23min
Maria Sibylla Merian - Naturforscherin und Künstlerin
Schon als Jugendliche beobachtet Maria Sibylla Merian fasziniert, wie aus gefräßigen Raupen erst wie tot wirkende Puppen und dann bunte Schmetterlinge werden. Für Biologen des 18. Jahrhunderts waren ihre Bücher Fachliteratur. Autorin: Renate Ell (BR 2013)Credits Autorin dieser Folge: Renate Ell Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Beate Himmelstoß, Katja Schild, Peter Lersch Technik: Susanne Herzig Redaktion: Brigitte Reimer
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK
ERZÄHLERIN
1647, ein Jahr vor dem Ende des 30jährigen Krieges, kommt Maria Sibylla Merian in Frankfurt am Main zur Welt, als jüngstes Kind einer der bedeutendsten Künstler- und Verleger-Familien im deutschsprachigen Raum. Ihr Vater Matthäus Merian stirbt, als sie drei Jahre alt ist. Ihre Mutter heiratet ein Jahr später Jacob Marrell, einen Kunsthändler und Maler, spezialisiert auf Blumen-Stillleben. Ein Glücksfall: Er erkennt und fördert die künstlerische Begabung seiner Stieftochter - in seiner Werkstatt absolviert sie eine Ausbildung als Blumenmalerin gemeinsam mit den männlichen Lehrlingen. Sie lernt, wie sie später in ihrem „Raupenbuch“ erzählt,
ZITATORIN MERIAN („Der Raupen wunderbare Verwandelung …“, Vorwort, S. 5)
"… meine Blumenmalerei mit Raupen, Sommervögelein und dergleichen Thierlein auszuzieren … eines durch das ander’ gleichsam lebendig zu machen."
ERZÄHLERIN
Mit „Sommervögelein“ meint sie Schmetterlinge.
ZITATORIN MERIAN (ebd.)
"Also hab’ ich oft große Mühe in Auffangung derjenigen angewandt, bis ich endlich, vermittelst der Seidenwürmer, auf der Raupen Veränderung gekommen."
ERZÄHLERIN
Frankfurt ist im 17. Jahrhundert ein Zentrum der Seidenspinnerei. In der Werkstatt eines Onkels beobachtet Maria Sibylla erstmals mit 14 Jahren wie aus Seidenraupen Puppen und dann Falter werden. Und entdeckt durch erste Forschungen, vielleicht im Garten hinter dem Haus, dass diese Metamorphose bei allen Schmetterlingen gleich abläuft. Aber sie streift wohl auch durch die Räume des Merian-Verlags - dort liegen Bücher mit Bildern von allen möglichen Tieren - damals bahnbrechende Werke, sagt die Biologie-Historikerin Katharina Schmidt-Loske vom Museum König in Bonn.
MUSIK ENDE
(1. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE
"Neben dem Ulisse Aldrovandi von 1602, das Werk über die Insektenkunde, gibt es ein zweites, das ist von Thomas Mouffet von 1634, was sich auch wiederum mit der Insektenwelt beschäftigt und diese beiden Werke von Thomas Mouffet und Aldrovandi wurden in der „Historiae naturalis“ von John Johnston zusammengeführt, ein fünfbändiges Werk, in dem eins über Insekten, Schlangen und Drachen zusammengeführt war, und das wurde in der Werkstatt der Merians hergestellt."
ERZÄHLERIN
Es sind keine biologischen Fachbücher im heutigen Sinne. Die damaligen Autoren versuchen lediglich die Vielfalt des Lebens zu erfassen und eine Systematik zu schaffen. Ihre Werke dienen auch Künstlern als Vorlagen, denn sie enthalten vor allem sehr viele präzise Abbildungen. In der „Historiae naturalis“ sind das erstmals fein schattierte Kupferstiche anstelle der zuvor üblichen, viel gröberen Holzschnitte - eine echte Pionierarbeit der Merians. Auch das Kupferstechen lernt Maria Sibylla wohl im Verlag ihres verstorbenen Vaters, meint Brigitte Strehler vom Kunstkabinett Strehler in Sindelfingen.
(2. ZUSP.) BRIGITTE STREHLER
"Ich glaube nicht, dass das für Frauen in der damaligen Zeit üblich war, den Kupferstich zu erlernen, und sie ist eine ganz hervorragende Kupferstecherin - sie kann sehr, sehr fein stechen, in wunderschönen schwarzweiß-Schattierungen; das ist auch durchaus eine schwierige Tätigkeit, wenn man einmal mit dem Stichel in dem Kupfer gearbeitet hat, das lässt sich ja nicht radieren, das ist fix, da ist dann eine Linie, und die lässt sich nicht mehr so leicht wieder entfernen aus der Kupferplatte, weil das ist eine Vertiefung in der Kupferplatte und die ist dann da."
ERZÄHLERIN
Im Alter von 19 Jahren heiratet Maria Sibylla Merian den Architektur-Maler Johann Andreas Graff aus Nürnberg, einen Lehrlings-Kollegen in der Werkstatt. Fünf Jahre später zieht das Paar mit der zweijährigen Tochter nach Nürnberg.
MUSIK N1514040#8
ERZÄHLERIN
In Nürnberg herrscht eine ähnliche Atmosphäre wie in Frankfurt - es ist eine protestantisch geprägte Freie Reichsstadt, also nur dem Kaiser untertan, und regiert von einer Bürgervertretung. Der Kunsthistoriker Andreas Curtius von den Museen der Stadt Nürnberg.
MUSIK N1514040#8 ENDE
(3. ZUSP.) ANDREAS CURTIUS
"Der große Rat und der Kleine Rat, das sind also die Hauptgremien in Nürnberg, die hatten das Sagen in Nürnberg und haben alles eigentlich auch entschieden innerhalb der Stadt, das zweite wesentliche für Nürnberg ist, dass es eine Handelsstadt war, dass Nürnberg Handelsbeziehungen quer über ganz Europa unterhielt, und dass dritte wesentliche Element ist das Patriziat, was sehr ausgeprägt ist in Nürnberg, sehr traditionsbewusst ist, aber gleichzeitig auch sehr weltoffen. Denn der Handel wurde z.T. auch durch das Patriziat geführt, und das Patriziat war eben auch eine sehr gebildete Schicht, und das hatte zur Folge, dass nach dem 30jährigen Krieg Nürnberg auch einen schnellen Wiederaufstieg hatte, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig-kulturell."
ERZÄHLERIN
Es muss eine anregende Atmosphäre gewesen sein für die junge Künstlerin, zumal sie schnell Kontakt findet zur lokalen Oberschicht, den Patrizierfamilien: Sie gibt deren unverheirateten Töchtern Malunterricht - scherzhaft spricht sie von ihrer „Jungfern-Companey“. Und sie findet auch Kontakt zu anderen Künstlern und Dichtern, für die Nürnberg ein gutes Pflaster ist.
(4. ZUSP.) ANDREAS CURTIUS
"Das Patriziat war ein sehr wichtiger Auftraggeber, und Nürnberg war auch ein Buchdruckerort ähnlich wie Frankfurt, sehr wichtig waren eben auch Unternehmungen wie illustrierte Bücher, das war eine sehr einträgliche Quelle auch für die Künstlerschaft."
ERZÄHLERIN
Sicher haben sie auch die waschechten, mit Blumenmotiven bemalten Tischdecken von Maria Sibylla Merian gekauft. 1675 veröffentlicht die ihr erstes illustriertes Buch - das „Neue Blumenbuch“. Es steht ganz in der Tradition der so genannten Florilegien, wie sie auch der Merian-Verlag auf den Markt brachte. Solche Bücher enthalten Kupferstiche mit einzelnen Blumen oder Blumen-Arrangements als Vorlagen für Amateur-Maler und für Stickarbeiten. Solche Blumenbücher verkaufen sich gut, in schwarz-weiß oder - gegen Aufpreis - einzeln koloriert. Maria Sibylla Merians Blumenbuch erscheint in drei Bänden. Wie sie es bei ihrem Stiefvater gelernt hat, krabbeln hier und da Insekten über die Blätter, flattert ein Schmetterling davon. Vier Jahre später, und ein Jahr nach der Geburt der zweiten Tochter, erscheint das zweite Buch - und da ist auf einmal alles anders. Die Schmetterlinge sind nicht mehr nur ein belebendes Element. Und für ihre Bilder verwendet sie im Unterschied zu den Malern von Stillleben keine Vorlagen aus naturhistorischen Büchern. Die Biologie-Historikerin Katharina Schmidt-Loske:.
(5. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE
"Sie hat eine richtige Insektenzucht betrieben zuhause in Schächtelchen, hat jedes Stadium erfasst und hat dann als Ergebnis dessen ihr 50 Tafeln umfassendes Werk von 1679, das erste Raupenbuch mit dem Titel „Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumennahrung“, in dem hat sie eine Pflanze, die Futterpflanze der Raupe meist in der Mitte dargestellt und rundherum die verschiedenen Entwicklungsstadien. Und das ist absolut neu."
ERZÄHLERIN
Dieses „Metamorphosebild“ ist ihre …
ZITATORIN MERIAN (Raupenbuch, Teil 1; Titel, S. 3)
"…ganz neue Erfindung …"
ERZÄHLERIN
… wie sie im Titel stolz vermerkt. Die meisten Menschen kennen damals die Entwicklungsstadien nicht, die sie im Vorwort ausführlich erläutert.
(6. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE
"Was weit verbreitet war, war der aristotelische Urzeugungs-Gedanke, dass Insekten aus Schlamm und Dreck entstehen, spontan. Das ist natürlich nicht ganz weit hergeholt, denn was man optisch sehen kann, sind die Larvenstadien, die größer sind, die Eier hat man nicht gesehen, die Entwicklung des Mikroskops steht erst bevor, oder auch die Nutzung von Lupen war noch nicht so gängig, dass man sich überhaupt auf diese kleinsten, kleinen Tiere konzentrierte, das begann ja alles erst, das war also ein hoch spannendes Zeitalter."
ERZÄHLERIN
Auch Maria Sibylla Merian selbst entdeckt erst nach und nach, dass alle Schmetterlinge dieselbe Entwicklung durchlaufen wie die Seidenspinner. Sie hält ihre Beobachtungen in kleinen Aquarellen fest, und aus diesen Einzelteilen - Futterpflanze, Eier, Raupe, Puppe, Schmetterling - entsteht dann der Kupferstich für das Buch. Man merkt ihm diese Entstehung durchaus an: Manche Raupen sitzen etwas steif auf der Pflanze, und die Puppen - die sie „Dattelkern“ nennt - liegen neben der Pflanze oder auf einem Blatt wie auf einem Präsentierteller, statt darunter zu hängen, wie in der Natur. In den Begleittexten wird nur die Futterpflanze namentlich bezeichnet, die meisten Insekten hatten damals noch keine Namen.
MUSIK N128393000
ZITATORIN MERIAN (Raupenbuch, Teil 1; Tafel XLVII)
"Ob nicht die unten kriechende Raupe eine von der artigsten und fürnehmsten Gattung der bishero abgehandelten Raupen sei, soll sich bald eröffnen. Denn sie hat fünf große, gelbe Haarborstel auf dem Rücken, zu hinterst noch einen aufgerichten roten Schweif oder Haarschwanz, und ist sonst sehr schön gelb, wie ein schönes Dottergelb. Wenn sie sich streckt, so sieht man vom Kopf an zwischen etlichen Gliedern breite schwarze Streife, wie Sammet; hat auch auf jeder Seite des Leibs schwarze Düpfelein.
Unter dem Kopf finden sich zu jeder Seiten sechs rote Kläulein, in der Mitte des Leibs acht gelbe Füßlein und zu hinterst noch zwei derselben. Ihre Art ist, dass sie von gar erschrockner Natur. Denn so bald sie das geringste merkt oder fühlt, so rümpft sie sich alsobald zu sammen und liegt, als wäre sie tot, so lang, bis alles wieder still ist.
Zu Ende des Augusts aber hat sie sich zu ihrer Veränderung hinbegeben, und ein weißes Gespinst gemacht, worinnen sie zu einem braunen Dattelkern worden. Und weil ich derer etliche hatte, so sind mir teils Vöglein noch im November, teils aber im April des folgenden Jahres hervorgekommen, welche Motten waren, die nur bei Nacht fliegen. Ihre Farb ist weiß und schön grau, wie silberfarb; sie haben zwei braune Hörner und sechs graue oder silberfarbene Füßlein."
MUSIK N128393000 ENDE
ERZÄHLERIN
Die detaillierte Beschreibung ist wichtig, da die meisten Leser Schwarz-Weiß-Ausgaben haben, erklärt Brigitte Strehler vom Kunstkabinett Strehler in Sindelfingen. Nur sehr wenige Bücher hat Maria Sibylla Merian handkoloriert.
(7. ZUSP.) BRIGITTE STREHLER
"Aber das konnte sich ein normales Bürgertum nicht leisten. Das waren dann die Luxusausgaben, die dann in die Höfe gingen oder an die etwas adligeren oder wohlhabenderen Bibliotheken, denn das war nicht üblich, dass man zuhause so ein Buch hatte, denn da war überhaupt kein Geld dafür da."
ERZÄHLERIN
Während in den Schwarzweiß-Bildern die deutlichen Linien des Kupferstichs von Vorteil waren, verwendete Merian für einen Teil der kolorierten Bücher eine ganz besondere Drucktechnik.
(8. ZUSP.) BRIGITTE STREHLER
"Sie hat dann ein zweites Büttenpapier, ein etwas leichteres, dünneres Büttenpapier genommen und hat das auf den ganz frischen Kupferdruck nochmal aufgelegt und nochmal durch die Walze gezogen und das abgeklatscht, abgedruckt, und damit entstand ein seitenverkehrter, viel zarterer Abdruck dieses Kupferstichs, der ganz zarte, feine Linien hatte, keinen Prägerand, und den sie dann koloriert hat, und da hatte sie dann diesen Aquarellcharakter, den sie eigentlich haben wollte. Das war eine ganz schlaue Idee von ihr, denn sie hat sozusagen das Aquarell in ein Multiple verwandelt."
ERZÄHLERIN
Nur wenige dieser so genannten Umdrucke haben die Jahrhunderte überdauert - in all ihrer Schönheit: Die farbenfrohen Schmetterlinge scheinen fast über dem Papier zu schweben. Die Bildtafeln kommen mitunter als Einzelblätter in den Kunsthandel. Durch ihr kleines Format - etwa so wie heute ein Roman - wirken aber auch die kolorierten Exemplare bescheiden.
Das Raupenbuch beginnt mit dem Lobgedicht eines Nürnberger Gelehrten und Poeten, der es in eine Reihe stellt mit den Werken der ersten Insektenforscher. Aber wissenschaftliche Werke erscheinen damals in lateinischer Sprache. Und Maria Sibylla Merian widmet ihr Buch …
ZITATORIN MERIAN (Raupenbuch, Teil 1, Titel, S. 3)
"… den Naturkündigern, Malern und Gartenliebhabern."
ERZÄHLERIN
Die Naturkündiger, das sind eher Natur-Liebhaber als Gelehrte. Sie zieht auch eine klare Grenze ihrer Fähigkeiten, etwa wenn sie beobachtet, dass aus einer Puppe kein Schmetterling wird, sondern Fliegen ausschlüpfen. Das Phänomen der Parasiten war damals noch unbekannt.
ZITATORIN MERIAN (Raupenbuch, Teil 1, Tafel XXII, S. )
"Was nun die rechte Ursach solcher unordentlichen Veränderungen sey, … habe ich nicht ausfinden noch erdenken können, sondern den Herren Gelehrten überlassen müssen und sollen."
ERZÄHLERIN
Einen deutlichen Hinweis auf den Charakter ihres Buchs gibt Maria Sibylla Merian im Vorwort.
ZITATORIN MERIAN (Raupenbuch, Teil 1, S. 5)
"Suche … hierinnen nicht meine sondern allein Gottes Ehre, Ihn als einen Schöpfer auch dieser Kleinsten und geringsten Würmlein zu preisen. … welcher sie mit solcher Weisheit begabt, dass sie … ihre Zeit und Ordnung fleißig halten und nicht eher hervorkommen, als bis sie ihre Speise zu finden wissen."
ERZÄHLERIN
Die Historikerin Anne-Charlott Trepp von der Universität Kassel sieht das Raupenbuch in einer Tradition mythisch-spiritueller Naturfrömmigkeit.
(9. ZUSP.) ANNE-CHARLOTT TREPP
"Die davon ausging dass man einen direkten Weg zu Gott findet, jeder für sich, und im 17. Jahrhundert finden wir tatsächlich eine Bewegung, sich mehr zu öffnen dem zweiten Buch, kann man so sagen, dem Buch neben der Heiligen Schrift, das ist das Buch der Natur. Es gibt seit dem 17. Jahrhundert so einen Trend, sich überhaupt allgemein mehr mit niederen, gewöhnlicheren Naturphänomenen zu beschäftigen. Nicht mehr mit außergewöhnlichen. Und in diesem Rahmen geraten Insekten ebenfalls ins Zentrum des Interesses. Gerade in dem angeblich Unscheinbaren, oder auf den ersten Blick Unscheinbaren sucht man eben wirklich das Höchste, Gottes Wirken in der Natur, Gottes Allmacht, Gottes Vorsehung in der Natur, gerade da, wo man es nicht vermutet."
ERZÄHLERIN
Bücher wie das von Maria Sibylla Merian sollen also gleichsam durch Wissen über die Natur den Glauben stärken.
(10. ZUSP.) ANNE-CHARLOTT TREPP
"Sich Faktenwissen anzueignen und sich gleichzeitig über dieses Wissen, auch die Vermehrung des eigenen Wissens, zu erheben, zu erbauen, das ging wirklich eng zusammen in damaliger Zeit und das wurde dann durch so ein Erbauungsbuch wie das Merians wirklich sehr schön möglich."
ERZÄHLERIN
Diese überkonfessionelle, außerkirchliche Bewegung ist in Frankfurt wie auch in Nürnberg stark vertreten in gebildeten Kreisen, zu denen auch gebildete Handwerker wie die Merians zählten. In ihrem Verlag erscheinen etliche religiöse, auch kirchenkritische Schriften.
MUSIK N128393000
ERZÄHLERIN
Rund 12 Jahre lebt und arbeitet Maria Sibylla Merian in Nürnberg. Nach dem Tod ihres Stiefvaters kehrt sie 1683 mit ihren zwei Töchtern nach Frankfurt zurück, um Erbschaftsangelegenheiten zu klären. Dort erscheint auch der zweite Band des Raupenbuchs.
Nach Nürnberg geht sie nicht mehr - sondern sie zieht mit ihren Töchtern und ihrer Mutter nach Friesland, um dort bei den Labadisten, einer pietistischen Sekte, zu leben.
MUSIK N128393000 ENDE
(11. ZUSP.) ANNE-CHARLOTT TREPP
"Und diese weist alle Elemente einer wirklich eher separatistischen, heute würden wir sagen, fundamentalistischen Frömmigkeit auf. Diese völlige Negation des Körperlichen, aber dies mit einer Konsequenz durchführt, wie wir das in anderen pietistischen Gemeinden, die eben auch diesen Wandlungsvorgang, eine geistige Erneuerung suchen, eben nicht haben."
ERZÄHLERIN
Mit dem Beitritt zu den Labadisten verlässt Maria Sibylla Merian ihren Mann, da die Sekte nur Ehen innerhalb ihrer Gemeinschaft anerkennt, und Johann Andreas Graff diesem Fundamentalismus offenbar nichts abgewinnen kann. Vergeblich reist er nach Friesland um seine Frau umzustimmen. Später beschreibt er seine Eindrücke in einem langen Brief an Johann Jakob Schütz, einen fundamentalistischen Frankfurter Pietisten, der seine Frau in offenbar beeinflusst hat. Es ist der Brief eines verzweifelten Vaters, der sich um seine Töchter sorgt - vor allem um die kleinere, 10-jährige, denn er habe gesehen, wie Kinder dort brutal verprügelt wurden. Und er klagt, seine Frau tue nicht alles freiwillig - und ihr Werk, das er unterstützt habe, drohe verloren zu gehen. Dieser Brief, erst 2009 bekannt geworden, revidiert das Bild von Graff, der in vielen Merian-Biografien schlecht wegkommt: als seiner Frau künstlerisch unterlegen, womöglich ein Trunkenbold oder Weiberheld. Auch äußert der Nürnberger Rat äußert sich lobend über Graffs …
ZITATOR (Nürnberger Ratsverlässe, Nr. 2844)
"… allhie geführten guten Wandel, auch in seiner wißenschafft und Information der Jugend geführten Fleiß."
ERZÄHLERIN
Graff war offenbar nicht nur als Architekturmaler anerkannt, sondern auch als Zeichenlehrer. Auch auf Maria Sibylla Merian wirft der Brief und die genauere Betrachtung ihres geistigem Umfelds in Frankfurt ein anderes Licht als es in den Biografien bisher der Fall war. Religiöser Fundamentalismus - das passt so gar nicht zu der beliebten emanzipatorischen, gar feministischen Interpretation ihrer Biografie.
MUSIK C5057280#21
ERZÄHLERIN
Graff hat mit seinem Besuch keinen Erfolg - fünf Jahre später wird seine Ehe vom Nürnberger Rat geschieden, und er heiratet wieder. Zu dieser Zeit hat sich die Labadisten-Sekte bereits aufgelöst - und Frau und Töchter sind weitergezogen nach Amsterdam.
In der pulsierenden Metropole war es unter den reichen Bürgern Mode, botanische und zoologische Raritäten in Mode zu sammeln, die regelmäßig mit Schiffen aus den Kolonien kamen, erzählt die Biologiehistorikerin Katharina Schmidt-Loske.
MUSIK C5057280#21 ENDE
(12. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE
"Was war das für eine verrückte Zeit, wo so viele Pflanzenknollen und Material getauscht wurde untereinander, zwischen botanischen Gärten und Leuten, die genug Geld hatten, gigantische Schneckensammlungen, und überall war jeder stolz über diese Sammlungen, da waren die Künstler gut im Geschäft, u.a. Maria Sibylla Merian und ihre Töchter, weil natürlich das Botanisieren eine Möglichkeit war, die Pflanzen zu erhalten, aber die viel schönere war natürlich die kraftvolle Vitalität und Farbenpracht durch einen Künstler für die Ewigkeit zu erhalten.
ERZÄHLERIN
Die Töchter, ebenfalls begabte Malerinnen, können mit zum Lebensunterhalt beitragen. Außerdem braucht die Mutter Geld für ein teures und gewagtes Unterfangen: Eine Reise in das kleine südamerikanische Land Surinam, damals niederländische Kolonie. Sie will die prächtigen Schmetterlinge, die sie aus Sammlungen kennt, in ihrem Lebensraum sehen und malen. Und sie schafft es - zu einer Zeit, als allein reisende Frauen eigentlich völlig undenkbar sind. Zwei Jahre von 1699 bis 1701, lebt sie mit ihrer jüngeren Tochter in dem tropischen Land, und erkundet das Umfeld der Zuckerrohrplantagen - unterstützt von Einheimischen und Sklaven, von denen sie vieles über die medizinische Verwendung der Pflanzen erfährt. Zurück in Amsterdam, gelingt es ihr in kürzester Zeit, einen großformatigen Prachtband über die Pflanzen und Tiere Surinams zu veröffentlichen.
(13. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE
"Als erstes naturkundliches Werk Surinams ist ihr Werk zu bezeichnen, sie hat wirklich da Grundlagen entdeckt und beschrieben."
ERZÄHLERIN
Wird Maria Sibylla Merian am Ende ihres Lebens doch noch zur Naturforscherin, als die sie sich vorher nie gesehen hat?
Für das Surinam-Werk zieht sie einen bekannten Amsterdamer Botaniker zu Rate, es erscheint auf Latein und Niederländisch. Es ist kein Andachtsbuch, dem Text fehlen jegliche Hinweise auf Gottes Wirken. Aber es ist nicht ihr letztes Werk: Kurz nach ihrem Tod 1717 veröffentlicht ihre jüngere Tochter einen dritten Band des Raupenbuchs - offenbar ist sie der Naturfrömmigkeit bis zuletzt treu geblieben. Unabhängig davon werden alle ihre Bücher später von Biologen für ihre Forschung genutzt.
(14. ZUSP.) KATHARINA SCHMIDT-LOSKE
"Die Informationen die sie bieten konnte über manche Tierarten, das waren ja die allerersten von manchen Arten. Linné hat 136 mal ihr Werk zitiert."
ERZÄHLERIN
Carl von Linné, der im 18. Jahrhundert die systematischen Grundlagen der heutigen Biologie schuf.
MUSIK N151373#6
ERZÄHLERIN
Maria Sibylla Merian hat keine persönlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Ihre wenigen überlieferten Briefe enthalten fast nur Geschäftliches - und außer dem Brief ihres enttäuschten Ehemanns gibt es auch keine persönlichen Äußerungen über sie. Nur ihre Bücher können uns Aufschluss geben über ihr Denken, ihre Ziele. Ihre Eigenständigkeit zu einer Zeit, als das für Frauen so nicht üblich war, weist zweifellos auf eine starke Persönlichkeit hin. Bei den Motiven wird es schon schwieriger. Zielstrebiges Selbstbewusstsein - trotz mancher bescheidenen Äußerung im Raupenbuch? Religion als treibende Kraft - auch für den Weg nach Amsterdam und Surinam? Die Person Maria Sibylla Merian bleibt letztlich rätselhaft - was uns nicht daran hindert, uns an ihren Bildern zu erfreuen und ihre insektenkundliche Pionierarbeit anzuerkennen.
MUSIK N151373#6 ENDE

Mar 11, 2024 • 24min
Luchino Visconti - Schönheit, Dekadenz und Tod
Als Sohn einer italienischen Adelsfamilie wäre sein Weg vorgezeichnet. Doch Luchino Visconti will hinter die Fassaden von Prunk und Pomp blicken. Er wird Drehbuchautor und Regisseur. "Ludwig II.", "Der Leopard", "Der Tod in Venedig", seine Filme zu Schönheit, Tod und Dekadenz erreichen Weltruhm. Von Susi Weichselbaumer (BR 2021)Credits Autorin dieser Folge: Susi Weichselbaumer Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Friedrich Schloffer, Julia Fischer, Stefan Wilkening, Katja Schild Technik: Susanne Herzig Redaktion: Andrea Bräu
Im Interview: Michaela Krützen, Professorin für Medienwissenschaft, HFF München
Literaturtipps:
Schifano, Laurence: Luchino Visconti. Fürst des Films. Casimir Katz Verlag.
Schneider, Marianne/ Schirmer, Lothar: Visconti. Schriften, Filme, Stars und Stills. Schirmer/Mosel.
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Michaela Krützen, Professorin für MediATMO Dreh
ERZÄHLER
Der alte Palazzo Gangi in Palermo ist längst aufgegeben. Für diesen Dreh jedoch
soll das verlassene Gebäude wieder erstrahlen. Strotzen vor Prunk und Pracht, erhabener wirken, denn je.
ERZÄHLERIN
Günstigere Pappkulissen hätten es vielleicht genauso getan…
ERZÄHLER
Nicht, wenn der Filmverantwortliche Luchino Visconti heißt. Visconti steht Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Drehbuchautor, Theater-, Opern- und eben Filmregisseur. Das Credo des Italieners:
ZITATOR VISCONTI (Akustik Patina)
„Es ist meine Überzeugung, dass, wenn man sich mit etwas befasst, man es immer mit Leidenschaft tun muss. Aus diesem Grund sind wir ja auf der Welt, wir müssen brennen bis der Tod, der ja nur der letzte Akt des Lebens ist, sein Werk vollendet, indem er uns in Asche verwandelt.“
MUSIK Der Leopard 1
ERZÄHLER
Für die Produktion des Films „Der Leopard“ 1962 bedeutet das: Soll eine Szene auf einem Ball spielen, dann muss ein Ball stattfinden.
ERZÄHLERIN
Als Komparsen lädt Visconti die Creme de la Creme der palermischen Aristokratie ein. Er beschäftigt zwanzig Elektriker, einhundertfünfzig Handwerker, die Dekorationen bauen, dazu Schneiderinnen, Tanzlehrer, Maskenbildnerinnen…
ZITATORIN (Akustik Patina)
„Ich erinnere mich, dass ich im 13:30 Uhr mit meiner Arbeit begann und am anderen Morgen um 6.00 Uhr aufhörte.“
ERZÄHLER
Der sizilianische Sommer ist heiß.
ERZÄHLERIN
Die eigens im Palazzo installierte Klimaanlage ist teuer, reicht aber nicht aus –
ERZÄHLER
Visconti nutzt also die kühle Nacht und die Morgendämmerung. Genau 48 Nächte hintereinander.
ERZÄHLERIN
Für EINE EINZIGE Ballszene…
ERZÄHLER
Für DIE Ballszene der Filmgeschichte! Der Blumenschmuck kommt jeden Tag frisch, eingeflogen aus San Remo. Das Geschirr aus Gold und Silber für die Tafel ist von den ältesten Familien Palermos geliehen.
ERZÄHLERIN
Die Kerzen an den Lüstern sind echt und müssen stündlich erneuert werden…
ZITATORIN
„Ehe er zu drehen begann, inspizierte Visconti alle Darsteller von Kopf bis Fuß. Das waren nicht weniger als hundert Leute.“
ATMO Dreh
ERZÄHLER
Darunter ist die junge Claudia Cardinale in der weiblichen Hauptrolle. Dunkle, tiefblickende Augen in einem symmetrischen, herzförmigen Gesicht.
Sie wird über diesen sizilianischen Dreh-Sommer sagen:
MUSIK Der Leopard 2
ZITATORIN Cardinale
„Fast wie ein Besessener studierte Visconti jedes Detail, er war bei den Kostümproben, beim Schminken dabei. Nach diesem Film hatte meine Friseurin einen Nervenzusammenbruch, weil meine Frisur so kompliziert war, dass sie jedes Mal, wenn sie mich frisieren musste, mehr als zwei Stunden dazu brauchte.“
MUSIK ENDE
ERZÄHLERIN
Zur Besessenheit kommt wenig Teamgeist. Für „Der Leopard“ drillt Visconti Claudia Cardinale, Alain Delon und Burt Lancaster. Der Cineast ist bekannt für seine aufbrausende Art – anklagend, schnell beleidigt –
ERZÄHLER
Aber er ist auch enorm begeisterungsfähig! Mal gleicht Visconti einem verheerenden Tsunami, dann einem euphorischen Vulkanausbruch. Künstlerisch leuchtet er die tiefsten Abgründe in all ihrer naturalistischen Hässlichkeit aus und sucht doch nur das Überdauernde, das Schöne – Zuneigung.
ZITATORIN Cardinale (Akustik Patina)
„Im Studio, auf der Bühne war er der absolute Herr und Meister, der letzte Fürst des Films.“
ERZÄHLER
Erinnert sich Claudia Cardinale an die Dreharbeiten. Bis heute ist „Der Leopard“ einer der bedeutendsten Filme des italienischen Cineasten, bestätigt die Professorin an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film HFF, Michaela Krützen.
MUSIK Der Leopard
1 ZU Krützen 5.40
Von Visconti lernen ist wichtig. Und das ist für Filmstudierende vor allem, dass man sich einzelne Einstellungen, einzelne Szenen noch mal ganz langsam ankuckt wie in Zeitlupe, beispielsweise den Tanz in „Der Leopard“, wie wunderschön diese Tanzsequenz ist, nicht einmal zeigen, sondern mehrfach zeigen und genießen.
ERZÄHLERIN
Wogende Paare in paillettenbesetzten Kleidern und glänzenden Anzügen, beschienen vom Flackerschein unzähliger Lüster –
ERZÄHLER
Tatsächlich ähnelt die Szene einem Totentanz. Hier treffen alte und neue Gesellschaft aufeinander. Das Ende einer Ära ist offensichtlich. Auch wenn Don Fabrizio Corbera, Fürst von Salina –
ERZÄHLERIN
Burt Lancaster –
ERZÄHLER
Auch wenn der Fürst die Augen davor verschließen möchte... Auf Sizilien gewinnen ab 1860 bürgerlich-liberale Kräfte an Macht. Letztlich erlaubt Don Fabrizio seinem umstürzlerischen Neffen Tancredi –
ERZÄHLERIN
Alain Delon –
ERZÄHLER
Don Fabrizio erlaubt es dem Neffen, die Tochter des opportunistischen Bürgermeisters zu heiraten... Gespielt von Claudia Cardinale.
MUSIK ENDE
ERZÄHLERIN
Jedoch verweigert der Fürst seine Mitarbeit am neuen Königreich Italien. Er will sein altes Leben weiterführen, ohne von den manierenlosen Emporkömmlingen zu sehr belästigt zu werden. Deren Geld hingegen ist ihm willkommen. Wie viele Adelige zur damaligen Zeit ist Don Fabrizio knapp bei Kasse.
ERZÄHLER
Der Niedergang der Aristokratie - Schönheit, Dekadenz, Tod - diese Film-Themen sind Luchino Visconti aus dem realen Leben vertraut.
MUSIK
ERZÄHLER
Am 2. November 1906 kommt er in Mailand zur Welt, als viertes Kind des Herzogs Guiseppe Visconti di Modrone und Carla Erba. Die Mutter stammt aus einer reichen Großindustriellenfamilie. Luchino und seine fünf Geschwister werden streng erzogen. Zur musikalischen Ausbildung gehören Opernbesuche in der Scala selbstverständlich dazu.
ERZÄHLERIN
Überhaupt ist bei Visconti vieles selbstverständlich. Theater, Feste, Gesellschaften – Stadthäuser, Ferienvillen, Reisen, Personal verfügbar an allen Orten und zu allen Zeiten. Selbst während des Ersten Weltkriegs bemüht man sich diesbezüglich um – glanzvolle – Kontinuität.
MUSIK
ERZÄHLER
Auch als der Herzog als Freiwilliger an die Front geht. Carla Erba kümmert sich alleine um die Kinder. Statt der Besuche in der Scala gibt es zunehmend Programm auf der Familienbühne. Luchino inszeniert für seine Geschwister und Freunde bekannte Opern, Shakespeare-Dramen oder eigene Stücke. Der Junge interessiert sich für Literatur, verschlingt Proust, Stendhal, Balzac –
ERZÄHLERIN
Die Wirklichkeit, die ihn umgibt, wird immer unpoetischer. Nach dem Ersten Weltkrieg greift in Italien der Faschismus um sich. Luchino ist jetzt 16, er hat gesehen, wie Mailand Kulisse eines Bürgerkrieges wird mit täglichen Plünderungen und Gewalttaten. Viele hofieren Mussolini, allen voran der König und weite Teile der Hocharistokratie. Genauso Teile der verzweigten Familie Visconti.
ERZÄHLER
Luchino ist klarer Mussolini-Gegner wie sein Vater, an dessen liberaler Haltung er sich orientiert.
ERZÄHLERIN
Allerdings sehen sich Vater und Sohn nicht mehr so häufig. Visconti Senior ist ein Weiberheld, seine Frau verlässt ihn und nimmt die drei jüngsten Kinder mit. Darunter Luchino.
ZITATOR Visconti
„Mein Vater war ein sehr charmanter Mann und sehr sanftmütig; aber er war ziemlich oberflächlich, hatte viele Frauengeschichten und machte meiner Mutter das Leben schwer. Sie war eine sehr leidenschaftliche Frau und der Bruch war endgültig. In der heutigen Zeit, in der Paare, die sich getrennt haben, weiterhin Beziehungen miteinander haben und sich sogar besuchen, kann man sich dies kaum noch vorstellen.“
ERZÄHLERIN
Luchino Visconti kann sich bereits damals ziemlich alles vorstellen.
ERZÄHLER
Er hält weiter Kontakt zu beiden Elternteilen. Er ist jung und offen für das Leben und die Liebe.
MUSIK
ERZÄHLERIN
Also probiert er sich aus. Finanziell muss er keine Grenzen fürchten. Mit seinen dunklen Augen, den schwarzen Haaren und den ebenmäßigen, aristokratischen Gesichtszügen, der stilsicheren Kleidung und seiner formvollendeten selbstsicheren Art…
ERZÄHLER
Sein Kopf sprüht vor Ideen. Er beginnt eine Militärkarriere, reist um die Welt, verlegt sich erfolgreich auf die Zucht von Vollblütern. Er jagt von Pferderennen zu Reitturnier. Nebenbei versucht er sich als Literat und Filmemacher. Ende 1934 wird er in Kitzbühel der österreichischen Prinzessin Irma von Windisch-Graetz vorgestellt.
ERZÄHLERIN
Luchino will sofort heiraten, die Eltern Visconti – sonst in allem verstritten - wollen das - gemeinschaftlich überzeugt – nicht. Irmas Eltern sind auch dagegen. Herzzerreißende Briefe gehen hin und her, Pläne werden geschmiedet und verworfen –
ZITATOR Visconti
„Ich sehe Dein liebes, trauriges Gesichtchen wieder, als ich vom Bahnhof in Kitzbühl abreiste. Ich denke an Dich. Ich glaube an Dich und Du musst an mich glauben. Ciao, Dein Luchi.“
ERZÄHLER
Der Widerstand der Familien ist zu stark.
ERZÄHLERIN
Oder die Liebenden sind zu schwach, um einfach bei Nacht und Nebel miteinander durchzubrennen.
ERZÄHLER
Visconti ist zu sehr Kind seiner Klasse. Man wirft nicht Status und Vermögen hin und flieht in der Dämmerung.
ERZÄHLERIN
Man verliebt sich aus Sicht seiner Klasse auch nicht in Männer. Dennoch passiert es. Zwei Jahre nach Irma trifft Visconti beruflich auf den erfolgreichen deutschen Modefotografen Horst P. Horst.
ZITATOR Visconti
„Ich umarme Dich herzlich, mein lieber Horst. Halte mich nicht für verrückt. Ich sehne mich sehr nach Dir. Ciao ciao Luchino.“
ERZÄHLER
Offen homosexuell lebt Visconti nicht. Horst fasziniert ihn, reizt ihn, stößt ihn ab.
ERZÄHLERIN
Eine toxische Verbindung, wie später mit vielen anderen Männern. Generell sind Verbindungen mit Visconti kompliziert. Überbordende Gefühle der Verehrung, Freundschaft, Eifersucht. Alles ist Drama. Immer. Am besten versteht er sich mit Menschen, die genauso sind wie er. Zum Beispiel mit der Designerin Coco Chanel.
ERZÄHLER
So intensiv Beziehungen mit Visconti sind, so produktiv sind sie auch. Alles ist Netzwerk. Coco Chanel vermittelt ihn als Regieassistent an den renommierten Filmkünstler Jean Renoir, sein großes Idol.
Visconti ist fortan oft in Paris, reist viel, nach dem Tod seiner Mutter zieht er von Mailand um nach Rom. Nur um dann wieder nach Paris zu fahren: Renoir braucht ihn für die Dreharbeiten zu „Tosca“. In Frankreich wie daheim in Italien dringt er weiter vor in die höchsten Filmkreise. Er schließt sich einer Gruppe antifaschistischer Intellektueller um die römische Kinozeitschrift „Cinema“ an.
ERZÄHLERIN
Man diskutiert Filmstoffe, entwickelt kommunistische Ideen – für die Leinwand und für eine gesellschaftliche Neuordnung. 1941 stirbt sein Vater. Luchino erbt das Haus der Visconti in der Via Salaria in Rom und ein Vermögen. Großzügig unterstützt er Freunde im Widerstand gegen den Faschismus. Die Via Salaria wird zum Unterschlupf für Verfolgte.
ERZÄHLER
Von dieser Wirklichkeit will Visconti erzählen, politische und soziale Abgründe aufzeigen, authentische Filme drehen wie Lehrmeister Jean Renoir, der den poetischen Realismus begründet hat.
ERZÄHLERIN
Problem bloß: Renoir kommt aus einem freien Land, seine Stoffe sind kritisch, seine Herangehensweise ist unverstellt. So zu arbeiten ist in Italien längst nicht mehr möglich. Die staatliche Zensur greift bereits in die Drehbücher ein und verhindert Werke schon im Planungszustand.
ERZÄHLER
Visconti stößt nur auf Ablehnung. Ob eigene Plots oder Adaptionen von Shakespeare, Miller, Proust - konsequent verweigert die Filmbehörde eine Genehmigung.
ERZÄHLERIN
Visconti ist dem Regime suspekt, er gilt als adeliger Kommunist.
ERZÄHLER
Hartnäckig tritt er dennoch für jedes neue Projekt mit Feuereifer ein. Etwa für „Ossessione... Bessenheit“…
Heute ist dieser Film fixer Bestandteil der Einführung in die Filmgeschichte für ihre Studierenden, erzählt die Professorin an der HFF München, Michael Krützen.
ZU Krützen 0.14
Sie treffen zum ersten Mal auf Visconti, wenn wir über den Neorealismus sprechen, das ist so eine Strömung im italienischen Kino am Ende des Zweiten Weltkriegs, wo man sich plötzlich dafür interessiert hat, so ganz realistische Filme zu machen. Und da ist der Visconti mit seinem Film „Besessenheit, Ossessionen“ 1941 so ein wirkliches Erweckungserlebnis für viele Studierende und da sehen die sowas zum ersten Mal.
MUSIK
ERZÄHLER
Auch für Visconti ist ein derartiger Stoff neu. Renoir hatte ihm den jüngst erschienenen Roman von James Cain empfohlen: „The postman always rings twice“. In diesem Krimi verliebt sich die Ehefrau des Eigentümers eines entlegenen Gasthofs in einen Landstreicher. Sie bringt den Geliebten dazu, ihren Gatten zu töten. Man fingiert einen Autounfall. Visconti versetzt die Handlung nach Italien.
ZU Krützen 0.55
Ossessione, Besessenheit, das fängt erstmal an wie so eine super spannende Krimi-Erotik-Geschichte, der Hauptdarsteller mit entblößter Brust, die Hauptdarstellerin wackelt so mit dem Fuß und lockt ihn gewisser Maßen. Am Anfang ist es halt diese Kerngeschichte, eine Frau verführt einen Mann ihren Ehemann umzubringen, doch der Film ändert sich dann und wenn man als Studierende, Studierender nicht vorbereitet ist, dass so nach ungefähr einer Stunde das Ding ungeheuer langsam wird und die so zu zweit ich sag mal durch eine Landschaft stromern, ist man erstmal schockiert. Das heißt, man muss schon etwas Erfahrung haben, um mit VIsconti umgehen zu können, zumindest mit diesem frühen Visconti der Ossessione, dann aber sorgt das durchaus für Begeisterung.
ERZÄHLER
Wider Erwarten hat die Filmzensur kaum Einwände gegen „Ossessione“.
ERZÄHLERIN
Der Faschismus verliert überall an Boden, die Regeln werden dehnbar. Für die Hauptrollen, den Landstreicher Gino und die untreue Ehefrau Giovanna, gewinnt Visconti Massimo Grotto und die weit jüngere, zauberhaft schöne Clara Calamai. Visconti will sie ungeschminkt und unfrisiert, realistisch bis an die Grenze zur Hässlichkeit. Erschöpft soll sie hinterm Tresen des Gasthauses stehen. Er demütigt und beschimpft sie, wie er überhaupt sein Ensemble bis auf wenige Ausnahmen hart anpackt. Niemand soll den Text vorher auswendig lernen, erarbeitet wird Wort für Wort zusammen mit ihm.
ZITATOR Visconti
„Mich interessieren allein Extremsituationen und die Augenblicke, in denen eine außerordentliche Spannung die Wahrheit aus den Menschen hervorlockt. Ich liebe es, die Figuren einer Geschichte sowie ihren Inhalt hart und aggressiv anzugehen“.
ERZÄHLERIN
Visconti verlangt über die Maßen viel.
ERZÄHLER
Und bekommt Großartiges. Clara Calamai erinnert sich:
ZITATORIN
„Wir haben diese Szene – ich weiß nicht wie oft wiederholt – Schließlich verlor Luchino die Geduld. Auf dem Tisch stand ein großes Tablett mit Gläsern. Er nahm eines nach dem anderen und schmetterte es zu Boden, direkt mir vor die Füße, so dass mir die Glassplitter ins Gesicht sprangen.
Ich selbst war wie versteinert, es kam mir nicht mal in den Sinn zu protestieren, war ich doch unsterblich in Luchino verliebt.“
ERZÄHLER
Wie Calamai wird es vielen ergehen. Sie lassen sich auf den italienischen Cineasten ein, weil er sie ganz fordert.
ZITATORIN
„So war Luchino, er veränderte die Menschen.“
ERZÄHLER
Das gilt für Schauspieler wie Kameraleute, Dekorateurinnen, Beleuchter, Schneiderinnen, Maskenbildner - Visconti ist in jedem Filmgewerk versiert und erzwingt Perfektion in sämtlichen Einzelheiten.
MUSIK
ERZÄHLER
Seine authentische Nähe ist neu im europäischen Kino, schonungslos und ohne Poesie. Als Vater des sogenannten „Neorealismus“ schreibt er Geschichte.
ERZÄHLERIN
Die einen empfinden „Ossessione“ als Beleidigung am ganzen Volk, andere feiern die Wahrhaftigkeit. Der Film gilt bald als Symbol der antifaschistischen Rebellion.
ERZÄHLER
Visconti genießt den Beifall, aber auch, dass sich die Kritiker an ihm reiben. Noch realeren Realismus möchte er erschaffen. In entlegenen Dörfern lässt er arme Fischer zu einem vorgegebenen Plot improvisieren. Daraus entsteht eines seiner Meisterwerke, „Die Erde bebt“.
ZU Krützen 3.03
„La Terre trema“, „Die Erde bebt“, das ist nun wirklich Neorealismus von blankster Sorte, ein Film, der vor Ort gedreht ist, mit Laiendarstellern im Dialekt, und da wachen dann auch unsere Dokumentarfilmstudenten auf, die haben den noch nie gesehen, also ein Film, der unter den Leuten selber gedreht ist.
ERZÄHLER
Erzählt die Professorin für Filmgeschichte, Michaela Krützen. Fortan stellt Visconti die Kamera mitten hinein ins echte Leben.1943 rettet er entflohene englische und amerikanische Gefangene vor den deutschen Besatzern, in seiner Villa in Mailand versteckt er Widerständler und Kommunisten. Schließlich wird er von der politischen Polizei gefasst und gefoltert. Als seine damaligen Peiniger nach dem Krieg vor Gericht gestellt werden, filmt Visconti mit. Jeden Augenblick von der Anklagebank bis zur Hinrichtung.
ERZÄHLERIN
Nach einiger Zeit wird Visconti die Realität zu eng und zu eindimensional.
ERZÄHLER
Vielleicht stattet er schlichtweg zu gerne aus, möchte die Details wieder stärker dominieren, mit exzellenten Schauspielern Nuancen herausziselieren, Pointen selber definieren, nicht bloß Alltag abfilmen und arrangieren. Mitte der 1940er Jahre konzentriert er sich verstärkt auf seine zweite große Passion: Die Bühne.
MUSIK
ZITATOR Visconti
„Das Theater ist eine Tribüne, von der aus man auch Dinge sagen kann, die dazu angetan sind zu brüskieren“.
ERZÄHLERIN
Ob mit seiner eigenen Truppe, der „Compagnia Italiana di Prosa“, oder als Gastregisseur: Visconti liefert eine Skandalinszenierung nach der anderen. Zu brutal, zu freizügig, sein Menschenbild zu negativ. Für „Die schrecklichen Eltern“, „Adam“ oder „Die Tabakstraße“ hagelt es Aufführungsverbote, ob in Venedig, Rom oder Mailand. Gleichzeitig gibt es frenetischen Beifall. Die Zuschauer schimpfen und jubeln, buhen und rufen unablässig „Dacapo“. Oft entbrennt eine wütende Schlägerei im Parkett.
ERZÄHLER
Luchino, der „rote Adelige“ polarisiert. Diese Rolle des gehassten und verehrten Provokateurs gefällt ihm. Die Jugend feiert ihn. Das ist genau das Publikum, das er sich wünscht. Keine versnobten Intellektuellen oder kunstverliebte, weil vom Leben gelangweilten Reiche und Schöne, sondern echte Menschen.
ERZÄHLERIN
Naja, die Schönen und Reichen mag er schon auch: Künstler, Autorinnen, Komponisten, Sängerinnen und Schauspieler. Letztere bewundert er besonders, sie sind sein Mittel zum Ausdruck.
Als Gradmesser gelten ihm die Großen vergangener Tage: Die Duse, Sarah Bernhardt. Aktuell gilt: Je mehr Diva, desto begeisterter ist Visconti. Desto mehr reizt ihn die Zusammenarbeit und vielleicht - bei den Männern – sogar noch ein bisschen mehr.
ERZÄHLER
Mit seinen Begleitern zeigt er sich in der Öffentlichkeit, doch wird er sich nie als homosexuell outen.
ERZÄHLERIN
Etlichen wissen ohnehin darum. Visconti brennt leidenschaftlich für viele Herren, feste Beziehungen geht er nicht ein.
ERZÄHLER
Dafür liebt er zu gerne zu dramatisch und zu gerne solche, die ihm darin ähnlich sind. Sein großer Freundes- und Bekanntenkreis ist seine Ersatzfamilie. Die wichtigste Vertrauensperson bleibt lebenslang seine Schwester Umberta.
ERZÄHLERIN
Sie ist die einzige, die ihm sagen darf, dass literweise Kaffee und 80 bis 120 Zigaretten am Tag nicht gesundheitsfördernd sind.
MUSIK
ERZÄHLER
Das weiß Visconti selber. Es geht nicht ohne. Er ist ein Workaholic, der für seine Arbeit brennt. Tag und Nacht. Solches Engagement fordert er selbstverständlich genauso von seinen Mitarbeitenden. In den 1950/60er Jahren sind das zahlreiche Weltstars. Auch talentierte Nachwuchsdarsteller werden unter seiner Führung zu Leinwandgrößen.
Romy Schneider und Alain Delon baut er in seinen Filmen auf, Maria Callas formt er in opulenten Operninszenierungen zur Grande Dame der Scala. Dorthin lädt ihn endlich Arturo Toscanini ein. Visconti inszeniert für ihn Verdi, den „Don Carlos“ oder „Macbeth“. Für Theater in Italien, Deutschland, Frankreich und Großbritannien richtet er Strindberg, Miller oder Tschechow ein. Für Shakespeares „Wie es Euch gefällt“ heuert er Salvador Dalí als Bühnengestalter an. Maria Schell, Claudia Cardinale, Burt Lancaster...
ERZÄHLERIN
Jeder sagt bei Visconti zu. Lässt sich am Set anschreien, herabwürdigen, quälen.
ERZÄHLER
Wächst unter diesem immensen Druck über sich hinaus.
ERZÄHLERIN
Und bleibt im Geschäft. Inzwischen ist Visconti der Königsmacher im europäischen Film. Er befördert Karrieren und beendet Laufbahnen. Helfendes Netzwerken und zerstörendes Intrigieren.
ERZÄHLER
Macht und Verfall – im Leben wie auf der Leinwand, das sind jetzt seine Themen. In „Der Leopard“ kreisen alte und neue Gesellschaft im Totentanz umeinander. „Rocco und seine Brüder“ erzählt das Scheitern einer prekären Familie aus dem Süden, die in der Großstadt ihr Glück sucht und gnadenlos untergeht. „Bellissima“ rechnet mit der Scheinwelt des italienischen Hollywood, der Cinecittà ab.
MUSIK
ERZÄHLERIN
Zum Kammerspiel schließlich verdichtet Visconti den Komplex Schönheit, Dekadenz und Tod 1973 in „Ludwig II“. Die intensiv recherchierte historische Figur zeigt er an Originalschauplätzen, Neuschwanstein, Herrenchiemsee, Linderhof. Der Aufwand für Bauten, Technik und Komparserie ist gigantisch.
ZITATOR Visconti
„In Wahrheit sind die gegen mich gerichteten Vorwürfe angeblicher Verschwendungssucht, Vergeudung und willfährigen Hedonismus stets von Leuten ausgegangen, die es noch immer für Luxus halten, im Speisewagen eines Zuges zu essen.“
ERZÄHLERIN
Original Tafelsilber, die Kerzen an den Lüstern mal wieder echt und beim Dreh dauernd auszutauschen...
ERZÄHLER
Visconti ist gesundheitlich angeschlagen, er merkt, dass ihm die Zeit davonläuft. Er erzwingt den perfekten Film.
ERZÄHLERIN
Herausforderung dabei: Visconti ist schwer in seinen Hauptdarsteller verliebt. Helmut Berger. Österreichischer Charme. Blond, groß, attraktiv -
ZITATOR Visconti
„Berger ist wie ein junges Fohlen. Nachwuchs. Er ist voller Phantasie und hat sehr gute Qualitäten. Aber er muss erst heranwachsen, auch ist er sehr launisch.“
ERZÄHLERIN
Wie Visconti.
MUSIK
ERZÄHLER
Wie der ist Berger aber auch bereit, den ganzen Weg Ludwigs II. zu gehen. Strahlend und aufgeregt am Tag der Krönung, fortan unsicher und schwankend und träumend. Cousine Sisi alias Romy Schneider verehrend, Männer liebend. Die Nacht für den Tag eintauschen, Richard Wagner folgen, weitere Schlösser entwerfen. Aufgedunsen. Apolitisch. Weggesperrt.
ERZÄHLERIN
Starnberger See.
ERZÄHLER
Der Bayerische Rundfunk berichtet über die Dreharbeiten 1972. Visconti schenke den Bayern ihren Film zu ihrem König…
ZU Visconti schon mit VO
Das ist der Kampf eines Mannes, der ein Ideal, feste Lebensvorstellungen hat und seine Konfrontation mit einer Realität, die ihn dazu bringt, noch radikaler zu werden, einen reinen Künstlerstaat zu schaffen. Meiner Meinung nach ist das eine sehr moderne Auffassung, doch dieser Traum zerbrach an den Gegebenheiten eines Europas, das sich im Umbruch befand.
ERZÄHLERIN
Allerdings wieder verreißt ihn die Kritik – mit drei Stunden zu lang, zu homosexuell, zu wenig nah am Mythos.
ERZÄHLER
Wieder feiern ihn die Fans.
ERZÄHLERIN
Wieder intervenieren Produzenten, Filmaufseher und Verleiher.
ERZÄHLER
Kürzen. Umschneiden.
ERZÄHLERIN
Visconti gibt nicht auf. Während der Aufnahmen zu „Ludwig II.“ erleidet er einen Schlaganfall und ist halbseitig gelähmt. Der Zustand nervt ihn. Er muss zurück in den Regiesessel, den Ludwig fertig machen, hat danach tausend weitere Ideen im Kopf.
ERZÄHLER
Am 17. März 1976 stirbt Visconti – sozusagen mitten in der Arbeit und Planung. Seine Schwester Umberta ist bei dem 69-Jährigen.
ZITATORIN
„Zum Schluss sah er mich an. Dann sagte er zu mir in unsere Mailänder Mundart: Es genügt, ich bin müde.“
MUSIK
ERZÄHLER
Nach einem atemlosen, schillernden Leben -
ERZÄHLERIN
Von dem unzählige einzigartige Filmmomente bleiben.
ZU Krützen 6.35
Wer was Opulentes haben will, der soll sich den „Leoparden“ anschauen mit einem großen Kaltgetränk, die Füße hochlegen, es ist ein längerer Film, aber ich verspreche es ist Starkino zum Genießen.
ENDE

Mar 7, 2024 • 23min
Als das Tier zum Freund wurde - Geschichte des Haustieres
Im Laufe der Zeit und unter dem Einfluss gesellschaftlicher Veränderung gewinnt das Haustier für den Menschen große emotionale Bedeutung bis hin zum ebenbürtigen Familienmitglied. Autorin: Silke Wolfrum (BR 2019)CreditsAutorin dieser Folge: Silke WolfrumRegie: Rainer SchallerEs sprachen: Christian Baumann, Hemma Michel, Carsten FabianTechnik: Roladn BöhmRedaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:Clemens Wischermann (Professor; Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Konstanz);Rüdiger Korbel (Professor; Leiter der Klinik für Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Fische, LMU München);Ernst Günther (Dr.; Autor des Buches "Wenn ich ein Vöglein wär" und Ehrenpräsident der Gesellschaft für arterhaltende Vogelzucht)
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MUSIK
O-TON 1 Clemens Wischermann
Natürlich ist es auch so, dass die Beziehungen zwischen Mensch und Tier nicht herrschaftsfrei sind. Es gibt ne Ausnahme, mit so einer Ausnahme lebe ich auch zusammen, nämlich Katzen, die eine Katzenklappe haben, mit der sie rausgehen können oder nicht. Das ist sozusagen so das Ideal der freiheitsliebenden Tiervorstellung. Die Katze kommt und geht und wenn sie geht, sagt man zu ihr, ‚komm bitte wieder!‘
O-TON 2 Ernst Günther
Ich habe zum Beispiel in einer größeren Voliere einen Schwarm Zebrafinken fliegen. Wenn Sie diese Vögel in einem Schwarm fliegen haben, dann zeigen sie ein völlig anderes Verhältnis als wenn sie ein Paar in einem Käfig halten. Oder ich vergesellschafte Vögel verschiedener Arten miteinander, sie kommen ja auch in der Natur miteinander vor. Da erlebt man Verhaltensweisen, die man nicht gewusst hat bis dahin. Die Vogelhaltung wie auch die Tierhaltung in den zoologischen Gärten hat zur Kenntnis der Lebensweise der Tiere in erheblichem Maße beigetragen.
O-TON 3 Rüdiger Korbel
Auch wenn hier bei uns in der Klinik ein Schwerpunkt die Vogelhaltung darstellt, bin ich - ich traue es mich kaum zu sagen - aber ich bin ein Katzenmensch und habe hier eine sehr große emotionale Bindung zu Katzen. Wenn ich ein Haustier halten könnte, dann würde ich mir eine Katze zulegen.
MUSIK endet
SPRECHERIN:
Mit ihrer Vorliebe für Katzen liegen sie voll im Trend. Clemens Wischermann, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Konstanz und Professor Rüdiger Korbel, Leiter der Klinik für Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Fische der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Denn die Katze ist momentan mit Abstand das beliebteste Haustier der Deutschen, während Vögel deutlich an Attraktivität verlieren und wohl schon bald auf der Beliebtheitsskala von Reptilien und Kleinsäugern überholt werden. Warum ist das so? Werfen wir zunächst einen Blick zurück zu den Anfängen der Haustierhaltung:
SPRECHER:
Wobei mit Haustier hier diejenigen Tiere gemeint sind, die eng mit dem Menschen zusammenleben - ohne ihm vorrangig von wirtschaftlichem Nutzen zu sein. Wir haben also auf der einen Seite die Nutztiere, wie etwa Schweine, Rinder oder Hühner und auf der anderen die Haustiere oder besser noch Heimtiere, wie etwa Hunde, Katzen, Vögel, Fische, Reptilien und Kleinsäuger.
SPRECHERIN:
Die Ursprünge beider Mensch-Tier-Lebensformen liegen zigtausende Jahre zurück und gehen mit der Sesshaftwerdung des Menschen in der Jungsteinzeit einher:
O-TON 4 Ernst Günther
Jetzt plötzlich schafften Menschen sich Tiere an, weil sie nicht mehr jagen konnten, weil sie nicht mehr wanderten. Und sie mussten jetzt zusehen, dass sie die Tiere beschützen, die sie früher nur gejagt hatten. Sie mussten zusehen, dass ihre Tiere sich fortpflanzen, worum sie sich früher überhaupt nicht zu kümmern brauchten. Und es entstand aus der Jagdbeute ein notwendiger Partner und auf dieser Grundlage entstanden die Freiräume, wo Menschen dann auch sich eines Tieres annehmen konnten, weil sie plötzlich ein Mitempfinden entwickelten zu diesem Tier. Und das hat getragen, bis in unsere Zeit.
SPRECHERIN:
Dr. Ernst Günther, Ehrenpräsident der „Gesellschaft für arterhaltende Vogelzucht“, hat sich für sein Buch „Wenn ich ein Vöglein wär“ mit der Geschichte der Vogelhaltung beschäftigt.
Ihre Anfänge liegen etwa 1.000 v. Chr. im indischen Raum. Viel früher wird der Hund domestiziert. Er wird vor rund 15.000 Jahren zum Begleiter des Menschen und gilt als das älteste Haustier überhaupt.
In Israel gibt es dazu einen spektakulären Fund: Eine vor 12.000 Jahren beerdigte Frau hält einen Hundewelpen eng an sich gedrückt in den Armen, genau so, wie eine Mutter ihr Kind umarmt.
SPRECHER:
War dieser Hund bereits ein Familienmitglied? Eine stark emotionale Beziehung zu Tieren gibt es wohl zu allen Zeiten, dennoch ist eine solche Bindung lange einer privilegierten Schicht vorbehalten und stellt wohl eher die Ausnahme dar, so Clemens Wischermann:
O-TON 5 Clemens Wischermann
Es gibt dann Tiere, die nur sozialen Status demonstrieren sollen, wenn sie an höfische Gesellschaften in Europa zurückdenken, die hatten Menagieren, die hielten exotische Tiere, die sammelten Tierpräparate. Da demonstrierten Tiere Macht, Kraft, politischen Einfluss oder sie können auch Wissen demonstrieren, indem man große Sammlungen anlegte und daran zeigen konnte, wie viel man über die Welt und ihre Lebensformen und ihre Entwicklungen wusste.
Aber im engeren Sinne, das, was ich mit Familienmitgliedern meine, das ist was, was im 19. Jahrhundert einsetzt und sich bis in die Gegenwart entwickelt - und in der Gegenwart zum Massenphänomen wird.
SPRECHERIN:
Es dauert also eine ganze Weile, bis Tiere zum Freund, Kumpan oder eben Familienmitglied werden. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist das Städtewachstum, das im 18. Jahrhundert einsetzt und mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts stark zunimmt:
O-TON 6 Clemens Wischermann
In den Großstädten verliert sich allmählich die Verbindung zum ländlichen Leben, das ja auf eine ganze andere Art auch ein enges Zusammenleben mit Nutztieren war und in den Städten, in den bürgerlichen Schichten v.a. findet man dann allmählich Tiere. Es gibt die Vögel und Hunde, Hunde werden ganz wichtig. Im 19. Jahrhundert entwickelt sich die moderne Hundezucht und das ist eigentlich die wichtigste Spezies, die nah an die Familie herankommt.
MUSIK m02
SPRECHERIN:
Lange Zeit halten sich höchstens Adlige einen Hund. Für den Rest der Gesellschaft stellen sie eher eine Gefahr dar. Sind herumstreunende Hunderudel doch potentielle Überträger von lebensbedrohlichen Seuchenkrankheiten wie Pest, Lepra oder Pocken. Doch mit der modernen Medizin und der Bekämpfung dieser Krankheiten werden Hunde auch für das Bürgertum interessant.
SPRECHER:
Der Brite Charles Cruft arbeitet Ende des 19. Jahrhunderts für einen Hundekuchenhersteller. Er hat die Idee, durch Hunde- oder später auch Katzen-Schauen die Tiere aufzuwerten, damit ihre Besitzer dann auch mehr Wert auf Futter und Equipment legen. Eine Überlegung, die mehr als aufgeht.
Schon bald ist es in, Rasse-Hunde oder Rasse-Katzen zu halten und zu züchten, mit ihnen über den Laufsteg zu schreiten und Preise zu gewinnen. Die Tiere verhelfen dem Bürger zu Ansehen, sie bieten ihm Aufstiegsmöglichkeiten in der Gesellschaft. Sie sind Statussymbole. Das hierarchische Denken der Gesellschaft spiegelt sich auch in der Tierhaltung wieder: Das „Herrchen“ herrscht über das Tier und bestimmt wie, wann und mit wem es sich fortzupflanzen hat.
SPRECHERIN:
Doch nicht nur Hunde werden in dieser Zeit gezüchtet, sondern auch Vögel. Die Vogelzucht gibt es zwar schon seit dem 16. Jahrhundert in Europa, doch erst im 19. Jahrhundert wird sie zu einem Massenphänomen, so der Vogelexperte Ernst Günther:
O-TON 7 Ernst Günther
Dann begann im 19. Jahrhundert das Auftreten von Mutationen, von farblichen Veränderungen, von neuen Rassen, die es von Natur gar nicht gibt. Und die waren dann Gegenstand der Vogelzüchtervereine, die die massenhaft gezüchtet haben. Der Altvater der Vogelzucht, Karl Ruß, hat gesagt: Vogelzüchtervereine sind so gut wie die Ausstellungen, die sie machen. Die Vogelzüchter haben sich zusammengetan um erstens ihre Vögel zu tauschen und gegenseitig zu verkaufen, weil sie damit auch die Preisgeschichte im Griff hatten. Und zweitens um sich gesellschaftlich darzustellen in Gestalt von Ausstellungen, die gleichzeitig auch der Werbefaktor dafür waren, dass mehr Leute sich diesem Hobby zuwenden.
SPRECHER:
In Europa wurden und werden fast ausschließlich fremdländische, exotische Vögel gehalten und gezüchtet. Besonders beliebt sind Vögel, die sprechen oder besonders schön singen können, wie viele Papageienarten oder der Kanarienvogel. Mit den neuen Reisemöglichkeiten des 19. Jahrhunderts können immer mehr Menschen sich so einen Exoten nach Hause kommen lassen:
O-TON 8 Ernst Günther
Die Weltreisen der Segelschiffe brachten aus allen Ländern, die sie neu kennenlernten, unter anderem auch lebende Tiere mit, weil die sich wahnsinnig gut absetzen ließen. Und wir hatten dann schon Mitte des 19. Jahrhunderts Hunderttausende von Vögeln, die als Importe ins Land kamen. Und dann entstand natürlich ein Markt und die Preise gingen auch zurück und dann konnte auch der kleine Mann sich die Vögel leisten.
MUSIK m03
SPRECHERIN:
Ähnliches gilt für Fische, mit dem Unterschied, dass die Meereswelt bis ins 18. Jahrhundert hinein als ein unheimlicher Ort voller monsterhafter Wesen gilt, vor denen man sich eher gruselt.
Doch im 19. Jahrhundert beginnen Forscher und Wissenschaftler sich für Meerespflanzen und -Tiere zu interessieren und sammeln diese an der Küste.
SPRECHER:
Lange Zeit waren Goldfische und andere robuste Süßwasserfische die einzigen im Haus gehaltenen Fische. Für die Haltung von Meerestieren fehlte schlicht und einfach das Wissen und die dafür nötige Technik. Dies ändert sich nun. Maßgeblich trägt dazu der Engländer Philip Henry Gosse bei. 1854 erscheint sein Buch „Das Aquarium – die Enthüllung der Tiefseewunder“ - das Wort ‚Aquarium‘ stammt übrigens von ihm – und erregt großes Interesse. Im gleichen Jahr wird auch in Deutschland über diesen neuen Apparat unter dem Titel „Der Ocean auf dem Tische“ geschrieben. Das Aquarium sei, so heißt es …
ZITATOR:
… gefüllt mit Leben aus der Tiefe des Meeres, das man nun darin in seinem ganzen, tiefen geheimnisvollen Reichthume auf dem Tische studieren kann, im Schlafrock und Pantoffeln.
SPRECHERIN:
Das unheimliche und unüberschaubare Meer wird nun in eine manierliche und geordnete Form gebracht und dient dem naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, aber durchaus auch der Unterhaltung. Ein Aquarium zu besitzen – egal, ob Salzwasser- oder ein Süßwasseraquarium – gehört zum guten Ton. Es wertet das Wohnzimmer auf und demonstriert, dass sich sein Eigentümer auf der Höhe der Zeit befindet. Zahlreiche Vereine der Aquaristen entstehen. Während man zunächst vor allem Wasserpflanzen und wirbellose Tiere wie Schnecken und Muscheln hält, werden bald Fische immer beliebter. Je farbenprächtiger, desto besser. Das haben sie mit den Vögeln gemein.
MUSIK m04
SPRECHERIN:
Doch der Boom um die Haustiere hat natürlich auch seine Kehrseite. Hunde und Katzen werden nach bestimmten Schönheitsidealen gezüchtet. Eine Entwicklung, an deren Ende Tiere entstehen, wie wir sie heute gut kennen: Der Mops mit Glubschaugen und extrem platter Nase, die unter der Reizung ihrer Hornhaut leidet und permanent nach Luft ringt oder Katzen ohne Fell, die sich nicht mehr vor der Sonne schützen können. Im 19. Jahrhundert setzt auch ein rücksichtsloser Raubbau an der Natur ein, da viele exotische Tiere wie Papageien oder Zierfische Wildfänge sind.
O-TON 9 Ernst Günther
Die Menschheit, speziell die Europäer mit ihrem hohen Lebensstandard, haben in einer Weise auf Naturbestände zugegriffen, das war unerträglich. Und unerträglich war auch zu sehen, wie viele Vögel dabei zugrunde gegangen sind.
SPRECHER:
Ähnliches gilt für die Küsten- und Unterwasserwelt. 1907 zieht Edmund Gosse, der Sohn von Philip Henry Gosse, ein deprimierendes Fazit über eine Entwicklung, die sein Vater - ohne die Folgen zu ahnen oder zu wollen, mit ausgelöst hat:
MUSIK m05
ZITATOR:
Diese Felsenbecken, gesäumt von Korallenalgen, angefüllt mit stillem Wasser, das fast so klar war wie die Luft selbst, reich bestückt mit schönen, sensiblen Lebensformen – es gibt sie nicht mehr, alle sind sie profaniert und geleert und entwürdigt worden. Eine Armee von Sammlern ist über sie hergefallen und hat sie bis auf den letzten Winkel geplündert.
MUSIK
SPRECHERIN:
So ist es nicht verwunderlich, dass schon im 19. Jahrhundert die ersten Tierschutzvereine entstehen. Doch ursprünglich geht es ihnen noch mehr um das Wohl des Menschen als um das Tierwohl:
O-TON 10 Clemens Wischermann
Da gibt es erste Gesetze, die verbieten etwa das Prügeln von Tieren in der Öffentlichkeit, weil man Angst davor hatte, dass diese Grausamkeit gegenüber den Tieren sich in Grausamkeit gegen Menschen verwandeln wird. Da ging es nicht so sehr um die einzelnen Tiere, sondern um Menschen.
SPRECHER:
Doch mit der Zeit rückt immer mehr das Wohl des Tieres in den Vordergrund und der Einfluss der Tierschützer nimmt zu.
Seit 2005 ist der Import von Wildvögeln in die Europäische Union verboten. Auch die Art und Weise, wie man zum Beispiel Vögel hält, hat sich stark verändert, erläutert Rüdiger Korbel:
O-TON 11 Rüdiger Korbel
Beispielsweise weiß man auch heute, dass die Vogelkäfige nicht rund sein dürfen. Da muss man sich auch vor Augen führen, dass der Vogel in einem runden Käfig überhaupt keinen Rückzugsraum hatte, womöglich auch noch von allen Seiten betrachtet werden konnte und dann permanent unter Stress stand.
SPRECHER:
Von Tierschützern stark kritisiert ist auch die auch die Einzelhaltung von Vögeln. Eine Haltungsform, die - so ist sich Ernst Günther sicher - Jahrhunderte lang DIE Haltungsform überhaupt war:
O-TON 12 Ernst Günther
Wenn vor tausend Jahren die Vogelhaltung entstanden ist, dann hat doch niemand Volieren gebaut. Aber vorstellen könnte ich mir eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht, die in ihren Gemächern ein Körbchen stehen hat mit einem Halsbandsittich. Und dem sie süße Feigen füttert und der sie dafür beplappert. Es hat anteilig an der Vogelhaltung eine unterschiedliche Rolle gespielt und ich bin überzeugt am Anfang war es ausschließlich diese Haltung.
SPRECHERIN:
Tiere hinter Gittern? Das – so sind sich viele Tierfreunde einig – ist überhaupt nicht mehr zeitgemäß und die Diskussionen darüber, wie eine artgerechte Tierhaltung aussehen könnte, sind zahlreich und oft hitzig. Fakt ist, dass die Vogelhaltung aus der Mode gekommen ist und die Vogelzuchtvereine an Mitgliedern verlieren.
Das liegt, so Clemens Wischermann, auch an veränderten Wertvorstellungen, wie man sie am Beispiel der Hunde- und Katzenhaltung sehen kann.
O-TON 13 Clemens Wischermann
Es gibt so um die 7 Millionen Hunde in der Bundesrepublik und 12 Millionen Katzen und das Interessante daran ist, dass es eigentlich immer mehr Hunde gab und weniger Katzen und dieses Zahlenverhältnis hat sich in den letzten 20 Jahren umgekehrt. Hunde stehen für eine hierarchische Gesellschaft mit Abstufungen, Hunde stehen für Treue, Zugehörigkeit und Katzen haben den Ruf, dass sie freiheitsliebend sind und sich nicht sehr disziplinieren lassen, da stehen diese beiden Tiere auch für unterschiedliche Wertigkeiten, für unterschiedliche gesellschaftliche Werte.
SPRECHERIN:
Mag sein, dass der eine oder andere lieber ein Tier hält, das sich frei bewegen kann. Ernst Günther führt für die Abnahme der Vogelhaltung jedoch einen anderen Grund ins Feld.
O-TON 14 Ernst Günther
Vögel sind diejenigen Heimtiere, die die stärkste Bindung des Menschen erfordern. Es gibt nur unter ganz ausgesuchten Bedingungen die Möglichkeit, einen Vogel nicht jeden Tag betreuen zu müssen. Wenn Sie heute eine Schlange oder ein paar Eidechsen oder ein Aquarium haben, dann können Sie ohne weiteres mal drei Tage wegfahren. Bei einem Vogel geht das nicht, ein Vogel muss jeden Tag frisches Wasser bekommen und jeden Tag frisches Futter bekommen.
Hunde kann man mitnehmen. Wo Leute überall Hunde mitnehmen heutzutage! Ich warte darauf, dass ich demnächst in der Oper neben einem Hund sitze und einen Vogel habe ich dort noch nicht gesehen.
SPRECHER:
Rüdiger Korbel, der Leiter der Klinik für Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Zierfische in München, bestätigt diese Einschätzung. Auch wenn es durchaus auch sehr enge Beziehungen zwischen Mensch und Reptil gebe, würden in der Summe Reptilienbesitzer doch weniger Zeit in ihr Tier investieren als Besitzer anderer Tierarten. Während z.B. Hundebesitzer oft alles tun und viel Geld aufbringen, um ihren kranken Hund zu heilen, kaufen sich Reptilienbesitzer eher einfach ein neues Tier, bevor sie ihr Reptil kostenaufwendig behandeln lassen.
O-TON 15 Rüdiger Korbel
Das hat sicher etwas damit zu tun, dass in vielen Fällen - kann man auch nicht pauschalisieren - Patientenbesitzer und Patientenbeziehung alleine schon von der Lebensäußerungen und von den Verhaltensweisen bei einem Reptil, wo die Distanz mit Sicherheit größer ist als beispielsweise bei einem Vogel, der menschliche Lautäußerungen nachmacht und wo es dann bei einem Kleinsäuger, ein Kaninchen beispielsweise, noch sehr viel ausgeprägter ist, das Kindchen Schema, was hier ausgelöst wird und hier die Bereitschaft ist, dass man hier höhere Aufwendungen unternimmt um die Gesundheit des Tieres zu erhalten.
SPRECHERIN:
Je mehr Kommunikation und Nähe mit dem Tier möglich ist, desto leichter wird es zum Familienmitglied. Das ist keine schöne Metapher, sondern ganz real: Haustiere haben Namen, bekommen ausgewähltes Essen, viele schlafen im Bett ihres Besitzers, sie werden mit feinster Ausrüstung versehen und erhalten neben dem Impfpass eine exzellente Gesundheitsversorgung. Rüdiger Korbel beschreibt das so:
O-TON 16 Rüdiger Korbel
Radiologische Untersuchung, Röntgenbilder natürlich, Ultraschalluntersuchung, Computertomographie, Kernspintomographie, also alles was in der Humanmedizin eingesetzt wird, wird auch bei der Tierversorgung grundsätzlich und auch im Heimtierbereich eingesetzt. Die Kosten, die damit verbunden sind, sind teilweise ganz erheblich.
SPRECHER:
Und genauso wie es heute möglich ist, über ein künstliches Gelenk für sein Haustier nachzudenken, genauso selbstverständlich ist es, um sein Haustier zu trauern, wie um einen Menschen. Denn die Gefühle für ein Tier sind eben oft die gleichen.
O-TON 17 Rüdiger Korbel
Wenn ein Tier stirbt oder schwerkrank zu uns in der Klinik vorgestellt wird, dann sind das teilweise wirklich dramatische Situationen, die hier gegeben sind und die dann Situationen erfordern, wo es nicht um die tierärztliche Behandlung mehr geht, sondern einfach um die Patientenbesitzer-Betreuung.
Es gibt sogar einzelne Firmen, die hier anbieten eine Bestattung von Tieren nach ihrem Tod und was häufig dann als Bitte an uns herangetragen wird, dass dann Tiere ausgestopft werden, damit sie über ihren Tod hinaus noch physisch zumindest da sind.
SPRECHER:
Wie sehr Menschen an ihren Haustieren hängen und was sie alles für sie zu tun bereit sind, wirkt oft kurios. Manch einer bringt seine Schildkröte ins Wellness-Center, um ihr eine Entspannungsmassage zu gönnen oder lässt den Hund mittels Laufbänder oder Aqua-Aerobic trainieren, ganz zu schweigen von all den Behandlungen, die so manches Tier im Beauty-Bereich erwarten. Tierbesitzer skypen mit ihren Liebsten, wenn sie getrennt sind oder schreiben ihnen Postkarten. Für den einen ersetzt das Tier ein Kind für den anderen vielleicht den Ehemann oder die Ehefrau? Fakt ist, dass Tiere in vielen Haushalten zum Lebensmittelpunkt werden.
SPRECHER:
Die Gründe dafür sind vielfältig. Während Tiere im 19. Jahrhundert noch dazu dienen, in der Leistungsgesellschaft mithalten zu können, sollen sie heute eher helfen, ihr zu entfliehen.
Tiere dienen der Entlastung, halten körperlich fit, bieten unproblematische Nähe ein Tier gibt keine Widerworte! oder fungieren als Kontaktvermittler. Wer einen Hund spazieren führt, bleibt selten allein.
SPRECHERIN:
Und während man früher noch stolz den Rassehund vorzeigte, ist es heute angesagt einen Mischling aus dem Tierheim zu holen. Das fühlt sich für viele inzwischen besser an.
MUSIK m03
SPRECHER:
Es ist wissenschaftlich mehrfach bewiesen, dass Tiere uns Menschen guttun. Wie sehr das auch anders herum der Fall ist, ist eine Frage, die heute eingehend diskutiert wird. Natürlich auch im Zusammenhang mit der Massentierhaltung, die im krassem Gegensatz zur Heimtierhaltung steht. Vielleicht kann das enge und liebevolle Miteinander mit Haustieren, wie es heute üblich ist, ja Auslöser sein für eine Entwicklung, an deren Ende man auch dem Tier und SEINEN Bedürfnissen möglichst gerecht wird. Ein Umdenken in diese Richtung gibt es auf alle Fälle längst und zeigt gerade im Bereich der Vogelhaltung erste Früchte. Noch einmal Ernst Günther:
O-TON 19 Ernst Günther
In den 60er und 70er Jahren hat der Vogelhandel jeden Vogel in der Welt gefangen, den der Vogelhalter haben und bezahlen wollte. Und das ist einfach nicht schön. Das ändert sich im Moment gerade grundlegend. Es gibt eine Gruppe von Vogelzüchtern, die sich vollkommen von diesen Traditionen trennen und jetzt dazu übergehen Vögel zu halten und zu vermehren im Dienste der Arterhaltung, sich also direkt den zoologischen Einrichtungen als Partner zugesellen und Vögel so halten und pflegen, dass sie, wie man so schön sagt, als genetische Reserve für eventuell untergehende Arten in der Welt gelten können.
MUSIK m03 endet

Mar 6, 2024 • 22min
Sand - Überall vorhanden und doch zu knapp
Sand gibt es wie Sand am Meer, denkt man. Aber das stimmt nicht. Denn der Bedarf an Sand steigt rapide an. Vor allem die Bauindustrie braucht große Mengen davon, denn Sand ist ein wichtiger Bestandteil von Beton. Von Hellmuth Nordwig (BR 2016)Credits Autor/in dieser Folge: Hellmith Nordwig Regie: Axel Wostry Es sprachen: Sabrina Litzinger, Thomas Birnstiel, Benedikt Schregle Technik: Cordula Wanschura Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:
Dr. Manfred Zeiler, Geologe, Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie, Hamburg;Prof. Dirk Hebel, Architekt, Karlsruher Institut für Technologie sowie Future Cities Laboratory Singapur; Stefanie Zoche, Bildende Künstlerin, München; Dr. Pascal Peduzzi, Director of Science, Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), Genf
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