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Bayerischer Rundfunk
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Dec 12, 2023 • 23min

Pierre-Auguste Renoir - Malerei voll Licht und Luft

Auguste Renoir ist der wohl populärste Maler Frankreichs. Seine sonnendurchfluteten Bilder zeigen pure Lebensfreude: fröhliche Tänzerinnen oder Badende am See. Ernste Themen sucht man bei ihm vergeblich. (BR 2019) Autor: Julie Metzdorf Credits Autor/in dieser Folge: Auguste Renoir Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Annette Wunsch, Christian Baumann, Florian Schwarz Technik: Robin Auld Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Michael F. Zimmermann Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: OT Michael Zimmermann – Museumshop Renoir ist eine mythische Figur, als Schlüsselgestalt des Impressionismus und der Belle Époque.  ERZ.IN …sagt der Kunsthistoriker Michael Zimmermann. OT Man kann sich kaum einen Kalender oder ein Buch über den Impressionismus vorstellen ohne die glücklichen Pariser Mittelschichten, ohne die schönen, ein bisschen auf ein Kindchenschema reduzierten modischen Frauen. Renoir ist heute der Impressionist par excellence. Und als solcher hat er den Geruch des Malers für den Museumsshop. Seine Motive passen auf die hübschen Tassen, auf die hübschen Teller… Er ist der zur Ware gewordene Impressionismus. Musik hoch und aus. ERZ.IN Pierre-Auguste Renoir wurde 1841 in Limoges geboren. Der Vater war Schneider, die Mutter Näherin. In der Hoffnung, in der blühenden Metropole Paris mehr Geld verdienen zu können, zogen die Renoirs in die französische Hauptstadt, als Auguste noch ein kleines Kind war. Sein künstlerisches Talent wurde früh erkannt.  Musik über Sprecher „Scenes Bohemeniennes“ SPRECHER   Jean Renoir – Talent Er habe wie wild gezeichnet, berichteten seine Eltern später: Weil Papier teuer war, hat er mit Kreide auf dem Fußboden gezeichnet. Sehr zum Ärger des Großvaters. Denn es war seine Schneiderkreide, die nach und nach verschwand. Trotzdem: Die Gestalten, mit denen der Sohn die Wohnung verzierte, seien „ganz gelungen“ gewesen.  ERZ.IN Mit 13 Jahren begann Renoir eine Lehre als Porzellanmaler und pinselte fortan Blümchen, Schäferidyllen und das Profil der Marie-Antoinette auf Kaffeetassen. Als Vorlagen dienten häufig Rokoko-Gemälde des vergangenen Jahrhunderts von Antoine Watteau oder François Boucher. Renoir verdiente recht gut, konnte mit dem Geld sogar seine Familie unterstützen. Doch nach ein paar Jahren war Schluss: Man hatte eine Maschine erfunden, die die Bilder auf Porzellan drucken konnte, und die ganze Branche brach zusammen. Renoir bemalte fortan nicht mehr Tassen und Teller, sondern Fächer, Schränke, Vorhänge und die Wände einiger Pariser Cafés. Wieder verdiente er gut, weil er viel schneller als andere arbeitete. Doch er wollte mehr: Musik über Sprecher „Scenes Bohemeniennes“ SPRECHER Jean Renoir S. 88 – Malunterricht Renoirs Sohn Jean berichtete später, dass der Vater die Kneipen von Paris mit Göttern und Symbolen bemalt habe.  Damit habe er gar nicht schlecht verdient. Mit jedem Auftrag, der ihm Geld einbrachte, sei in ihm deswegen der Wunsch größer geworden: Er wolle einen richtigen Malunterricht in einer richtigen Schule nehmen.  ERZ.IN Mit 21 Jahren wurde er Student der École des Beaux-Arts, arbeitete aber die meiste Zeit im privaten Atelier des Schweizer Malers Charles Gleyre, wo ein liberaler Geist und weniger Reglement herrschte. Dort freundete er sich unter anderem mit Claude Monet an, dem späteren Maler der Seerosenbilder. Zusammen mit Monet beginnt er, das „Hier und Jetzt“ zu malen, realistische Abbilder der eigenen Zeit.  Das klingt banal, war aber damals eben keine Selbstverständlichkeit. Heute gelten Künstler als Seismographen der Gesellschaft, man erwartet geradezu von ihnen, dass sie sich mit aktuellen Themen beschäftigen. Damals aber galt die Historienmalerei als das höchste aller Genres, auch literarische, mythologische und biblische Themen waren beliebt.  über Musik („ I’isle joyeux für Klavier“) Renoir aber malte die Welt so wie sie ihm vor die Nase kam: Madame Monet, den „Figaro“ lesend. Eine junge Frau bei ihrem ersten Theaterbesuch. Cafészenen, Porträts seiner Künstlerfreunde, kleine Kinder beim Spielen. Laut Michael Zimmermann ging es Renoir und seinen Mitstreitern dezidiert darum, die eigene Zeit und gesellschaftliche Wirklichkeit abzubilden. OT Michael Zimmermann – zeitgemäß Die Zeit hatte regelrecht ein Programm, dass die Kunst zeitgenössisch sein sollte, dass die Kunst sich ihrer eigenen Gesellschaft widmen sollte. Aber wie Charles Baudelaire, der Dichter, das einmal in einem Aufsatz 1863 – also zu Beginn der Karriere eines Renoir - gesagt hat, man soll als Maler des modernen Lebens, durch die Mode aus dem transitorisch, dem unbedeutenden, dem dahinfließenden Leben der modernen Stadt so was wie eine Ewigkeit ziehen, erahnen und festhalten. Und Renoir hat sich wie kaum einer seiner Impressionisten-Kollegen darum bemüht, das Moderne so zu transformieren, dass er daraus eine Idylle mit Ewigkeitswerten gemacht hat.  ERZ.IN Das genaue Hinschauen und Beobachten war für Renoir das Entscheidende. Er begann, seine Staffelei unter freiem Himmel aufzustellen und direkt nach der Natur zu malen. Diese sogenannte Pleinairmalerei war nicht völlig neu, aber Renoir und seine Mitstreiter schauten noch genauer hin.  Und plötzlich erkannten sie, dass Schatten nicht einfach nur grau oder schwarz, sondern farbig sind, vor allem blau. Sie beobachteten, wie die Gegenstände je nach Lichteinfall ihre Farben änderten. Sie sahen, wie sich die Umrisse einer Figur im flimmernden Sonnenlicht in Luft auflösten. Besonders deutlich nahm man solche Effekte an Laubwerk und Blumen wahr, an Wasser, Wolken oder an den feinen Stoffen von Frauenkleidern. All das wurde zu ihren bevorzugten Motiven. Eine technische Neuerung kam ihnen dabei zugute: Bis vor kurzem hatten Maler ihre Farben aufwändig im Atelier anrühren müssen. Mitte des 19. Jahrhunderts aber kamen die ersten Tubenfarben auf den Markt. SPRECHER Auguste Renoir – Farbtuben Renoir schwärmte von der Erfindung der Farbtuben: Jetzt erst war es möglich, in freier Natur zu malen, sagte er rückblickend. Ohne die Tuben hätte es weder einen Cézanne noch einen Manet gegeben, und auch keinen Impressionismus. Musik („Reverie“) ERZ.IN Renoirs erstes Meisterwerk stammt aus dem Jahr 1867. Es zeigt eine junge Frau mit Sonnenschirm. Lebensgroß – als handele es sich um ein Staatsporträt – steht sie vor einem schattigen Waldhintergrund. Die Dargestellte ist Lise Tréhot, seinerzeit sein bevorzugtes Modell. Sie trägt ein leichtes Sommerkleid aus weißem Musselin, hochgeschlossen und langen wenn auch durchsichtigen Ärmeln. Sorgfältig gibt Renoir auch noch die kleinsten Details der Garderobe wieder, die schwarzen Bänder an den Ärmeln, die roten Ohrringe und den schwarz-weißen Sonnenschirm. Doch dieser Sonnenschirm ist nicht nur Beiwerk: Er wirft einen Schatten auf Gesicht und Schultern, während das weiße Kleid im prallen Sonnenlicht leuchtet. Das Gesicht der Porträtierten liegt damit im Dunkeln. Statt der Frau steht das Kleid im Zentrum. Mit gutem Grund: Renoir hat hier eben nicht Lise persönlich gemeint, sein Bildnis steht vielmehr beispielhaft für die elegante Pariserin schlechthin, eine modebewusste junge Frau aus der Stadt, die in der Natur Abwechslung sucht und damit exemplarisch für das moderne Leben steht. OT Michael Zimmermann – nur teilweise emanzipatorisch Da gibt es auch ein Element der Emanzipation, plötzlich haben diese Frauen vom Lande, die nach Paris drängten, dort kleine Arbeiten hatten, man nannte die Midinette, weil sie ihr Pausenbrot zu Mittag, a midi, auf den öffentlichen Banken verzehrten, diese Frauen konnten modisch sein, sie konnten sich entweder diese Prêt-à-porter-Mode leisten oder sie konnten sie nachnähen, da gab es ab den 1850er Jahren Zeitschriften mit Schnittmustern, das war ein Schritt zu einer gewissen Emanzipation… ERZ.IN Renoir hatte in dieser Zeit laufend Geldsorgen, seine Ersparnisse waren längst aufgebraucht. Doch er malte kein einziges Bild, in dem die Armut auch nur ansatzweise spürbar wäre: kein schlechtes Wetter, keine frierenden Menschen, keine Bettler, keine Traurigkeit, nichts Negatives, nirgends.  ERZ.IN Es gab nur einen einzigen Kunsthändler, der damals den Mut hatte, die Bilder der Impressionisten in seiner Galerie zu zeigen. Der „Figaro“ schrieb darüber: Musik über Zitator („Tarantella“) ZITATOR Albert Wolff (in „Le Figaro“ 1876, über Ausstellung bei Durand-Ruel) Diese sogenannten Künstler… nehmen Leinwand, Farbe und Pinsel, werfen auf gut Glück ein paar Kleckse hin und signieren das Ganze; genauso wie die verwirrten Gemüter in der Irrenanstalt Ville-Evrard Kiesel aufsammeln in dem Glauben, sie hätten Diamanten gefunden. (…) Mach einer doch Monsieur Renoir klar, dass der Körper einer Frau kein verwesender Fleischhaufen mit grünlich-violetten Flecken darauf ist, die bei einer Leiche den Zustand völliger Auflösung bezeichnen!  ERZ.IN Da auch ihr wohlgesonnener Galerist wirtschaftlich an seine Grenzen kam, organisierten Renoir und Claude Monet, zusammen mit Alfred Sisley, Edgar Degas, Camille Pissarro und einigen weiteren Freunden 1874 eine eigene Ausstellung. Eines der ausgestellten Bilder von Monet zeigte einen Hafen im Morgennebel. Am Horizont liegen Schiffe vor Anker, vorne sind ein paar Fischerboote zu erkennen. Im Hintergrund durchbricht das Rot der aufgehenden Sonne das Graublau des Bildes. Wegen seiner Skizzenhaftigkeit geriet gerade dieses Bild in den Fokus der Kritiker. Viele behaupteten, sie könnten gar nicht erkennen, was dargestellt sei.  Musik über Zitator („3. Satz Grand Concerto G-Dur“) ZITATOR Louis Leroy 25.4.1874 in „Le Charivari“ Eine Tapete in ihrem embryonalen Zustand ist ausgearbeiteter als dieses Seestück! ERZ.IN Monet hatte das Bild „Impression – Soleil levant“, Sonnenaufgang, genannt. Nach dem Titel dieses Bildes wurde die Gruppe von einem Kritiker „Impressionisten“ genannt. Es dauerte nicht lang und die Freunde nutzten diesen eigentlich als Spottnamen gemeinten Namen auch selbst. Denn es stimmte ja: Sie wollten eine Landschaft oder Szenerie nicht hyperrealistisch und exakt wiedergeben, sondern den Eindruck, die Impression, die das Motiv in ihnen hervorgerufenen hatte. Renoir malte die Wirklichkeit zwar so, wie er sie sah, aber seine Malerei erfasste dabei nicht die volle gesellschaftliche Wahrheit.  SPRECHER Auguste Renoir – Bild In Gesprächen mit seinem Kunsthändler äußerte Auguste Renoir: Es gebe genug unerfreuliche Dinge auf der Welt, als dass man noch weitere fabrizieren müsse. Hübsch, erfreulich und liebenswert – so sollen für ihn Bilder sein.  Musik („Divertissement pour une fete“) ERZ.IN Sein wohl berühmtestes Gemälde, der „Tanz im Moulin de la Galette“ 1876 hängt heute im Musée d’Orsay in Paris. Michael Zimmermann: OT Michael Zimmermann – Moulin de la Galette 1 Das ist eine Tanzszene in einem öffentlichen Garten am Mont Martre, der hat nach einer alten Mühle, die dort mal war, der hieß das Moulin de la Galette. Und dort zeigt er nun schöne Paare mit charaktervollen Männern, …  tanzend oder im innigen Gespräch mit sehr hübschen Frauen, es gibt so dieses hinreißende Frauenmodell, das Modell der Parisienne, die wie die Zeitgenossen nicht müde wurden auch in Reiseführern zu schreiben, immer anbetungswürdig ist, toujours adorable, da gibt es im Vordergrund zwei Frauen, die sehen aus wie Zwillinge.  ERZ.IN Im Grunde ähneln sich alle Frauen auf dem Bild: jung, hübsch, fröhlich, dunkelblond, sehr bedacht auf ihre Garderobe. Über der Tanzfläche, den Tischen und Stühlen erstreckt sich ein Laubdach. Durch die Blätter fallen gelbe Flecken von Sonnenlicht auf die Gesichter, die Kleidung und den Boden. Als Modelle dienten Renoir seine Malerfreunde und deren Freundinnen. Was er zeigte war ein bunt gemischtes Publikum: Arbeiter, Künstler, Arbeitslose, hochgebildete Literaten, Mädchen vom Land trafen sich hier, um sich zu vergnügen.  In Frankreich entwickelt sich die Mittelschicht gerade als staatstragende Gesellschaftsschicht. Eben dieser Mittelschicht gab Renoir ein Gesicht: Musik aus OT Michael Zimmermann - Kunstgeschichte Das war wichtig, dass nicht die alten traditionellen Gesellschaftsschichten oder auch nicht die ganz revolutionären Avantgarden, die an neuen wissenschaftlichen Kunstsprachen arbeiteten, sondern dass dieses neue Volk, das sowohl politisch wie auch kommerziell seinen Platz suchte und fand im Impressionismus eine Identität fand. Dafür ist Renoir ohne Zweifel eine Schlüsselfigur. ERZ.IN Was Renoir malt, ist ein erträumtes Glück und keine soziale Wirklichkeit. Die prekären Lebensverhältnisse der Bohemiens, die Notlage der Frauen, die ihren Körper verkaufen mussten, Syphilis, ungewollte Kinder, die Frauen zur Adoption freigeben mussten – all das blendete der Künstler aus. Aber die Zeitgenossen wussten, dass es sich auf dem Bild „Tanz im Moulin de la Galette.“ um ein Glückskonstrukt handelte.  OT Michael Zimmermann – Moulin de la Galette 2 Dieses Ambiente hatte durchaus die Reputation, dass sich dort Prostituierte aufhielten. Für ihn war aber der abfällige, grausame oder allzu sozialkritische Blick auf dieses Milieu nicht das, was er anstrebte. Er warf dem berühmten Schriftsteller Zola vor in dieser Weise auf solche Milieus zu blicken, mit einem grausamen analytischen Blick. Und er meinte dadurch würde unterschlagen der große Reichtum an Emotionen, an Sensibilität, an echter Liebe, der eben gerade auch in diesen Milieus, die nicht durch die Prostitution gekennzeichnet sind, wo sie aber immer auch in ihren Mischformen zum Beispiel der ausgehaltenen Frau nicht weit war. ERZ.IN Lise etwa, die junge Frau mit dem Sonnenschirm, war nicht nur sein Modell, sondern auch sieben Jahre lang seine Geliebte. Zwei Mal wurde sie von Renoir schwanger, doch weder Renoir noch Lise selbst nahmen die Kinder an. Der erstgeborene Sohn scheint früh verstorben zu sein; zu seiner Tochter Jeanne, die nach der Geburt zur Adoption freigegeben wurde, hielt Renoir zeitlebens Kontakt.  SPRECHER Auguste Renoir – Tochter Als sie ihren Mann verlor, schrieb er ihr, dass er sie auch jetzt nicht allein lassen werde – bis zu ihrem 38. Lebensjahr habe er sie nie im Stich gelassen. Und das werde er auch weiterhin nicht tun.  ERZ.IN Öffentlich aber machte er diese Vaterschaft nie. Mit seiner späteren Frau, der Schneiderin Aline Charigot, bekam Renoir noch einmal drei Söhne. Der zweitgeborene, Jean Renoir gilt heute als einer der einflussreichsten Regisseure aller Zeiten. In den 1960er Jahren schrieb er ein Buch über seinen Vater, in dem er ihn – nicht nur in pädagogischen Fragen – als äußerst liberalen Menschen schildert. Der Vater sei sehr nachsichtig gewesen, solange sich die Kinder sich respektvoll gegenüber Menschen und Dingen verhielten.  Ende der 1870er Jahre stellten sich endlich erste Erfolge ein, Renoir verkaufte hin und wieder ein Bild und konnte sich erste Reisen leisten. Er fuhr nach Algerien und Italien – natürlich des Lichts und der Farben wegen!  Doch ausgerechnet jetzt geriet der „Maler des Glücks“ in eine künstlerische Krise.  SPRECHER Auguste Renoir – Freilichtmalerei Im Nachhinein bezeichnete er den Impressionismus in Gesprächen mit Freunden als eine „Sackgasse“ und die Freilichtmalerei als „zu umständlich“.  Für aufwändigere Kompositionsarbeiten tauge die Arbeit im Freien nicht, weil sich das Licht ständig verändere.  ERZ.IN In den 1880er Jahren wurden seine Farben kühler und glatter, die flirrenden Umrisse wichen festen Konturen, die Körper wurden plastischer, die Linien präzise, Sonnenflecken auf der Haut sucht man nun umsonst. Es ist eine klassische Malweise, weit entfernt von jedweder Avantgarde. Diese Krise befiel auch die anderen Impressionisten. Ihr Bestreben, die bürgerliche Wirklichkeit in Form von heiteren Festen und intimen Szenerien abzubilden stand letztlich im Widerspruch zur gesellschaftlichen Realität in all ihren Facetten. Außerdem hatten sie ja ihr Ziel erreicht. Der harte Durchsetzungskampf ihrer Kunst schien jedenfalls gewonnen.  OT Michael Zimmermann – Krise Das Statement zugunsten der neuen Schichten scheint nicht mehr notwendig zu sein, und die Maler ziehen sich ein bisschen in eine Kunst, die mehr Selbstzweck, in eine Kunst des L’art pour l‘art zurück. Musik („Gymnopedie für Klavier Nr. 1“) ERZ.IN In Renoirs Spätwerk gibt es fast keine Szenen des Pariser Alltagslebens mehr. Stattdessen malt er zeitlose Aktfiguren im Freien. Die „Großen Badenden“ von 1887 etwa zeigen fünf Mädchen an einem Weiher am Waldrand. Eine will ihre Freundinnen am Ufer nassspritzen. Während seine früheren Idyllen ganz konkrete Orte zeigten – das Tanzlokal am Moulin de la Galette, die Badeanstalt „La Grenouillère“ an der Seine, den Wald von Fontainebleau – ist die Idylle hier jeder Zeit und jedem Ort völlig enthoben. Aus den Pariser Nähmädchen sind Nymphen geworden. Renoir ist nicht mehr der „Maler des modernen Lebens“.  Üppige Akte in einer paradiesischen Natur werden zu seinem Hauptmotiv. Die Frauen erscheinen nicht als Personen mit eigenem Charakter, Wünschen und Sehnsüchten, sondern als auf ihre Weiblichkeit reduzierte Gestalten, „allein zu Erotik und Mutterschaft berufen“, wie Michael Zimmermann es ausdrückt. Renoir malte Frauen wie Blumen oder Früchte, inmitten der Natur, mit der sie sich zu vereinen scheinen. Musik aus OT Michael Zimmermann – Naturhaftes Frauenbild Schon im 19. Jahrhundert haben Sozialanthropologen die Frau als naturhaft betrachtet, während der Mann dem als zivilisatorisches Wesen entgegengestellt wurde. Das war sicherlich auch zum Teil das Frauenbild Renoirs, wie es durch verschiedene Quellen auch belegt ist, nicht zuletzt auch durch das Buch, das sein Sohn, der berühmte Regisseur Jean Renoir über seinen Vater im Jahr 1962 geschrieben hat.  SPRECHER Jean Renoir S. 78-79 – Frauenbild Jean Renoir nahm in der Haltung seines Vaters „seltsame Widersprüche“ wahr. Der Vater habe zwar von der Überlegenheit der Frau gesprochen, aber seine Worte über die weiblichen Emanzipationsbestrebungen konnten durchaus sarkastisch sein.  Einmal soll er gesagt haben: „Was man auf der einen Seite gewinnt, verliert man auf der anderen. Wenn die Frauen an Bildung zunehmen, so kommt ihnen vielleicht anderswo etwas abhanden. Ich habe Angst, dass die kommenden Generationen für die Liebe untauglich werden.“  ERZ.IN Mit Anfang 50 zeigten sich bei Renoir Anzeichen von Rheumatismus. Wegen des milderen Klimas verbrachte er die Winter nun an der Mittelmeerküste, später zog er ganz nach Cagnes-sur-Mer an der Côte d‘Azur. Sein Haus, das er dort in einem Olivenhain bauen ließ, ist heute ein Museum. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er im Rollstuhl. SPRECHER Jean Renoir S. 314-315 – Rheuma Sein Sohn Jean beschreibt diese Zeit in seinem Buch eindringlich. Von Jahr zu Jahr sei das Gesicht des Vaters schmaler geworden, und die Hände immer verkrümmter. Die drei Bälle, mit denen er morgens immer so geschickt jongliert hatte, habe er nicht mehr greifen können.  „Verdammt, ich werde ein Tapergreis“, soll er gebrüllt haben…  Musik („6 Years later“) ERZ.IN Ein Tapergreis, der nicht mehr malen kann… Renoir ließ sich den Pinsel an die Hand binden. Und so malte er weiter, Tag für Tag: heiter, harmonisch, farbenprächtig, Aktdarstellungen, Porträts, den spätgeborenen Sohn Coco und immer häufiger Blumenstilleben. Als er am 3. Dezember 1919 im Alter von 78 Jahren starb, hinterließ er mit 7000 Arbeiten ein in der Geschichte der Malerei fast unerreicht großes Gesamtwerk. Nicht jedes seiner Bilder ist ein Meisterwerk. Renoir aber war zufrieden.  SPRECHER Auguste Renoir – Ende Nachdem er sein letztes Bild vollendet hatte soll er gesagt haben: „Ich glaube, allmählich verstehe ich etwas davon.“ Musik aus.
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Dec 12, 2023 • 26min

Das Licht in der Malerei - Kerzen, Glanz und Sonnenstrahlen

Licht haucht einem Gemälde Leben ein, es formt die Gegenstände und den Raum und vor allem: Es sorgt für die richtige Stimmung. Aber mit welcher Farbe stellt man Licht eigentlich dar? Warum schwärmen so viele Künstler vom Licht des Südens? Und warum sind trotzdem viele Gemälde so dunkel? Autorin: Julie MetzdorfCreditsAutor/in dieser Folge: Julie MetzdorfRegie: Martin TraunerEs sprachen: Andreas Neumann, Susanne SchroederTechnik: Christine FreyRedaktion: Susanne Poelchau Im Interview:Dr. Bernhard Maaz, Kunsthistoriker und Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, München;Dr. Karin Althaus, Kunsthistorikerin Lenbachhaus München Literaturtipps: „Über das Licht in der Malerei“ von Wolfgang Schöne, erschienen 1951 im Gebr. Mann Verlag Berlin. Dieses Buch behandelt den Zeitraum von der mittelalterlichen Buchmalerei bis ins 20. Jahrhundert. Das Buch ist allerdings vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich.  Eine sehr gute Vertiefung des Themas bieten auch die Kataloge zu den Ausstellungen:„Die Nacht“ im Münchner Haus der Kunst 1998/99;„Sonne. Die Quelle des Lichts in der Kunst“ im Museum Barberini in Potsdam 2023. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Kunstverbrechen - True Crime meets KulturJuwelenraub, geschmuggelte NS-Kunst, Fälscherskandale, verschollene Gemälde: Lenore Lötsch und Torben Steenbuck rollen spektakuläre Kunstdiebstähle auf. Sie nehmen uns mit an Tatorte, treffen Zeugen und Experten. Die Hosts arbeiten dabei mit der Polizei zusammen: Deutschlands bekanntester Kunst-Kommissar René Allonge vom LKA Berlin ist in jeder Folge dabei.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLER Im alten Griechenland, genauer gesagt in Sikyon auf der Halbinsel Peleponnes, lebte der Überlieferung nach ein Töpfer mit seiner Tochter. Eines Tages verabschiedet sich der Geliebte dieser Tochter auf eine Reise. Um ein Andenken an ihn zu haben, setzt sie ihn seitlich vor eine Wand, stellt eine Lampe vor sein Gesicht und zeichnet den Schatten seines Profils an die Wand. ERZÄHLERIN Dieser von Plinius überlieferte Mythos gilt als die Geburtsstunde der Malerei. Und eines war selbst für diese einfache Konturlinie unabdingbar: Licht. 1 OT Bernhard Maaz Ohne Licht nichts los, als ganz knappe Formel. ERZÄHLERIN Bernhard Maaz, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. 2 OT Bernhard Maaz  Licht ist entscheidend für alles in der Wahrnehmung von Malerei.  MUSIK: „UNO“ - C138761#001 (1:00) ERZÄHLER Da wäre zunächst mal das Licht, in dessen Strahlen das Kunstwerk entsteht: bei Kerzenschein, wie die mittelalterliche Buchmalerei in den Skriptorien großer Klöster. Oder bei Sonnenlicht, wie die Freilichtmalerei, an der Staffelei auf dem Feld, wenn sich Wolken vor die Sonne schieben und sich das Licht minütlich ändern kann! Oder bei gleichmäßigem Nordlicht in den Dachgeschosswohnungen mit hohem Atelierfenster von Schwabing, Paris oder Berlin? ERZÄHLERIN Dann sind da die Lichtverhältnisse, unter denen wir Malerei betrachten. Die Büffel und Antilopen früher Höhlenmalereien müssen im unruhig flackernden Fackelschein wie bewegt, fast lebendig ausgesehen haben. Es ist auch ein Unterschied, ob ich Wandmalereien im schummrigen Licht einer romanischen Kapelle mit kleinen Fenstern in dicken Mauern betrachte, oder ob ich in einem gleichmäßig beleuchteten Museumssaal praktisch unter Laborbedingungen jeden einzelnen Pinselstrich eines Gemäldes analysieren kann.  3 OT Bernhard Maaz  In der Schöpfungsgeschichte, Moses 1. Buch, da trennt Gott Himmel und Erde, das ist sein erster Schöpfungsakt und der zweite ist: Er schafft das Licht. Das skizziert vielleicht die Tragweite des Lichtes für alles, was kommt, für alles Leben, für alles Wahrnehmen, für alles Sehen. MUSIK: „Decision“ – C1423688#010 (0:31) ERZÄHLER Und dann ist da das Licht im Bild. „Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis“, heißt es in der Bibel. Wo Licht ist, ist also auch Schatten. Mittelalterliche Buchmalerei und Fresken aber kennen zunächst keinen Schatten. Bis ins 15. Jahrhundert hinein werden Menschen, Tiere, Pflanzen und Dinge nicht beleuchtet, sie leuchten von selbst.  ERZÄHLERIN Das Gesicht des Heilands, Marias Mantel, Throne, Schafe, Palmwedel: alles erstrahlt im sogenannten „Eigenlicht“. Es ist ein unnatürliches Licht, außer-irdisch, gewissermaßen. Der Betrachter blickt auf eine fremde Welt, in der andere physikalische Gesetze zu herrschen scheinen als in seiner eigenen irdischen Schattenwelt. Mit Blick auf die Motive dieser Zeit, die fast ausschließlich Szenen der christlichen Heilsgeschichte zeigen, ist klar: Das Licht in der Malerei des Mittelalters ist ein Offenbarungslicht. ERZÄHLER 1522 malt Antonio da Correggio „Die heilige Nacht“. Das Bild in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden zeigt das frisch geborene Jesuskind in seiner Wiege. Die Umgebung verliert sich im Dunkel der Nacht, rund um das Kind ist das Bild allerdings extrem hell. Doch kein besonderer Lichtstrahl fällt auf die Wiege – es ist das Kind selbst, das so leuchtet. 4 OT Bernhard Maaz  Das Christuskind liegt in dem Stroh, wie die Bibel das berichtet, und von dem Kind geht ein Glimmen, ein Leuchten, ein Strahlen aus, was die Muttergottes und die Hirten, die herbeigeeilt und die Engel, die herbeigeflattert sind, alle anstrahlt. Das ist das göttlichste Licht, was man sich nur vorstellen kann.  ERZÄHLERIN Mittelalterliche Verkündigungsdarstellungen zeigen das göttliche Licht oft sogar ganz konkret. Eines der schönsten Beispiele dieses Motiv stammt von Fra Filippo Lippi und befindet sich in der Alten Pinakothek in München. Über Maria und dem vor ihr knienden Erzengel Gabriel sieht man links oben Gottvater. Von dort aus durchzieht ein Lichtstrahl in gerader Linie das gesamte Gemälde direkt auf Marias Herz zu. Mitten auf dem Lichtstrahl sitzt eine Taube und rutscht auf einer kleinen hellblauen Wolke auf Maria zu.  6 OT Bernhard Maaz  Das ganze Bild ist von Licht, von natürlichem Licht durchströmt. Das hat der Renaissance-Maler genau gesehen, genau beobachtet, auch in seinen Wirkungen, dass das Licht die Figuren plastisch macht. Aber es kommt eben der goldene Strahl als heiliges Licht noch dazu. Wir haben also verschiedene Bedeutungsebenen von Licht und Lichtstrahl. MUSIK: „Until it blazes“ – C504944#014 - (1:15) ERZÄHLER Licht ist elektromagnetische Strahlung, es ist immateriell. Licht malen heißt: die Wirkung des Lichts imitieren, seine Erscheinung nachahmen. Eine silberne Kanne bekommt weiße Glanzlichter auf ihren runden Bauch, einen schweren Baumwollstoff hingegen malt man ganz ohne Reflexe, trocken und stumpf, er soll das Licht schlucken. Es ist wie in der realen Welt: Wir müssen einen Gegenstand nicht erst berühren, um zu wissen, ob er weich oder glatt ist. Wir sehen das vorher. Außerdem formt das Licht die Gegenstände. Ein Maler kann die Dinge mit Licht modellieren: eine Stofffalte etwa malt man in ihrem Tal, wo der Schatten ist, dunkel, ihre höchste Stelle hingegen muss hell sein.  ERZÄHLERIN Die Ölmalerei gilt als die Königsdisziplin der Malerei, unter anderem wegen ihrer Farbbrillanz. Eine Holztafel oder eine auf einen Keilrahmen gespannte Leinwand wird mit einer weißen Kreideschicht grundiert. Dann beginnt die langwierige Arbeit der Maler: 8 OT Bernhard Maaz  Sie lasieren, legen also mehrere transparente Farbschichten oder bedingt transparente übereinander, sodass aus der Tiefe der tieferen Schichten, aus der Farbigkeit, ein Leuchten hervorkommt, weil natürlich alle Farbe, die wir sehen, nur dadurch entsteht, dass Licht auf das Pigment fällt und dass die verschiedenen Pigmente, die verschiedenen Materialien von unseren Augen wahrgenommen werden, weil sie das Licht in verschiedenen Spektren reflektieren. ERZÄHLER Das Licht dringt also tief in die Malschichten ein und wird von dort zurückgeworfen. Von Tizian weiß man, dass er 150 Lasuren übereinander malte. Das Bild mag am Ende trotzdem nur wenige Millimeter dick sein, doch genau diese Lasuren machen den Unterschied zwischen einer aus der Tiefe des Raums leuchtenden Fackel und einem gelben Fleck.  ERZÄHLERIN Trick Nummer zwei sind die Kontraste. So wie das Licht am Ende eines Tunnels besonders hell strahlt, so gilt auch für die Malerei: Je dunkler ein Bild, desto heller wirken die lichten Partien. „Chiaroscuro“ nennt sich das, Helldunkelmalerei. Vor dunklem Hintergrund werden einzelne Partien des Bildes beleuchtet, als stünde ein starker Scheinwerfer neben dem Bild. 9 OT Maaz  Die Figur strahlt nicht von sich, sondern sie wird angestrahlt, etwa in den Bildern, die in ein sogenanntes Kellerlicht getaucht sind. Da ist die Szenerie dann geradezu theatralisch mit Schlaglichtern, mit Scheinwerfern ausmodelliert und auch von den Bedeutungen ausdifferenziert. MUSIK: „Ascolta“ – C138761#010 - (1:33) ERZÄHLER Die punktuellen Helligkeiten und starken Kontraste lenken das Auge des Betrachters durch das Bild. Eine Handlung mag noch so kompliziert sein, kluge Lichtführung macht jedes Bild verständlich. Der Italiener Caravaggio gilt als Meister des Chiaroscuro, niemand vor ihm hatte solch eine Dramatik in der Malerei erreicht. Etwa um das Jahr 1600 malte Caravaggio „Die Berufung des heiligen Matthäus“. Eine Gruppe von Männern sitzt an einem Tisch, einige von ihnen zählen Münzen; es sind Zöllner. Von rechts nähert sich ein Fremder und zeigt auf den jungen Mann ganz links, am anderen Ende des Bilds.  ERZÄHLERIN Es ist Jesus, der Matthäus zu seinem Jünger erwählt. Das Licht fällt schlaglichtartig von rechts auf die Männer, es lenkt den Blick vor allem auf ihre Gesichter und Hände, der Rest versinkt im Dunkeln. Das Gemälde befindet sich in der Kirche San Luigi dei Francesci in Rom, genau an dem Ort, für den es geschaffen wurde: an der linken Seite einer kleinen Kapelle. Durch ein Fenster über dem mittigen Altarbild fällt Tageslicht auf das Gemälde, und entspricht damit genau dem gemalten Licht im Bild. ERZÄHLER Das Besondere an dem Bild ist aber nicht nur die dramatische Lichtführung: Zum ersten Mal in der Kunstgeschichte wird eine heilige Handlung nicht in einem heiligen Rahmen oder in einer Ideallandschaft gezeigt, sondern in einer alltäglichen Stube. Das Fenster ist schmutzig, die Männer sind unordentlich gekleidet, manche nehmen nicht mal Notiz von dem Fremden. ERZÄHLERIN Es ist eine durch und durch profane, alltägliche Szenerie, und dann kommt auch noch das Licht im Bild aus der Welt des Betrachters. Ganz im Sinne der Gegenreformation ging es Caravaggio hier darum, den Menschen das göttliche Geschehen nahezubringen, es in ihre Welt zu tragen. ERZÄHLERIN Was wir bei der Betrachtung des Lichts in der Malerei immer mitdenken müssen: Was wussten die Maler überhaupt über das Licht und das Sehen? Im Altertum ging man wahlweise davon aus, dass das Auge einen Sehstrahl auswirft, der die Informationen über den Raum zurückwirft, oder aber, dass die Gegenstände über ihre Poren eine Art Strahlung aussenden, die in das Auge eindringt. Erst um das Jahr 1000 erkannte man den Zusammenhang zwischen Sehen und Licht. So richtig in Fahrt kommt das Wissen um das Sehen erst um das Jahr 1600.w  12 OT Maaz Das Wissen über Licht und Lichtbrechung wächst zunehmend, es entsteht die Optik... Und es wächst die technische Raffinesse, die Ferngläser, also es gibt schon im Mittelalter, im Spätmittelalter, die Brille, aber das, was an Beobachtungsmöglichkeiten hinzukommt um 1600, ist immens. Es gibt also ein stark wachsendes Interesse an der naturwissenschaftlichen Weltbeobachtung und deren Umsetzung in der Malerei. MUSIK: „Harmony of the spheres“ – CD06653#06 (1:03) ERZÄHLER Adam Elsheimers „Flucht aus Ägypten“ in der Alten Pinakothek in München steht beispielhaft für das Interesse der Maler an Licht, Physik, Wahrnehmung. In kühlem, fast bläulichem Weiß steht der Vollmond am Himmel und spiegelt sich in einem Gewässer. Dieser Mond ist so detailliert gemalt, dass man die Krater auf seiner Oberfläche erkennen kann. Auch der Rest des Nachthimmels ist für die Zeit außergewöhnlich detailreich: 1200 Sterne hat Elsheimer hier wiedergegeben, darunter mehrere bekannte Sternbilder und vor allem: die Milchstraße. Als milchig helles Band mit besonders hoher Sternendichte zieht sie sich quer über den Nachthimmel.  13 OT Maaz Und neben dem kosmischen Licht unten im Hintergrund ein Feuer, bei dem sich Menschen wärmen, mitten in der Nacht. Das ist die nächste Verfeinerungsstufe, wenn man so sagen kann, die verschiedenen Qualitäten, das kältere Sternenlicht und das wärmere Feuer.  ERZÄHLERIN Das Bild ist eine Sternstunde der Kunstgeschichte in doppeltem Sinn: Elsheimer malte den Himmel so genau, dass Astrologen das Bild exakt datieren konnten: Es zeigt den Himmel über Rom am 16. Juni 1609 um 21.45 Uhr. Und: Elsheimer muss den Himmel durch ein Fernrohr gesehen haben, das erst ein Jahr zuvor in den Niederlanden erfunden worden war. Denn bei solch hellem Vollmond hätte er die Milchstraße mit bloßem Auge gar nicht sehen können. Der Barockmaler zeigt hier nicht nur was er sieht, sondern auch was er weiß und vor allem: was er kann. ERZÄHLER Bis hierhin könnte man den Eindruck gewinnen, die Kunstgeschichte kenne nur Nachtbilder. Dabei ist die Sonne die hellste Lichtquelle von allen. Keine Lampe, kein Feuer und kein Vollmond kann es mit ihrer Strahlkraft aufnehmen. Doch die Landschaft setzt sich erst im 17. Jahrhundert als Motiv durch, dazu musste sich die Malerei erst aus dem konfessionellen Kontext lösen.  ERZÄHLERIN Einer der ersten Maler, der die Sonne ins Zentrum des Bildes rückt, ist der Franzose Claude Lorrain. Lorrain ist bekannt für heitere, idyllische Ideallandschaften, in denen es nie regnet. Eines seiner Bilder in der Alten Pinakothek zeigt einen Seehafen bei untergehender Sonne. Lorrain malt hier die Sonne selbst, sie ist zugleich Lichtquelle und Hauptmotiv. 15 OT Maaz Wir sehen ein Aufstrahlen am Firmament, wir sehen wie die See, die Architekturen, die Staffagefiguren, die Schiffe, die ferne Landschaft, wie alles ins Licht getaucht ist. Und er geht sogar noch weiter. Er zeigt auch die Spiegelung der Sonne auf dem Meer, bei Sonnenuntergang, bei Sonnenaufgang, also immer auch mit starken emotionalen Komponenten.  ERZÄHLER Claude Lorrain ist der Meister des Lichtes schlechthin. Er ist allerdings nicht der einzige Maler, den man „Meister des Lichts“ nennt. Auch der britische Landschaftsmaler William Turner – ein großer Verehrer Lorrains – wird gern als „Maler des Lichts“ bezeichnet. Die Kunsthistorikerin Karin Althaus:  16 OT Karin Althaus    Es ging ihm total um Malerei, Landschaft, um Wetter, um Wetterphänomene und eben auch um Licht und wie Licht in Farbe übersetzt werden kann. MUSIK: „Won‘t somebody see a lady home“ – C143243#001 (0:58) ERZÄHLERIN Turner interessierte sich für Licht und Luft in den unterschiedlichen Erscheinungsformen, für Wolken und Rauch, Staub und Ruß. Er malte das brennende Parlament in London, einen Schneesturm in den Alpen, Rauch ausstoßende Lokomotiven oder Dampfschiffe im Hafen. Er kannte viele optische Effekte, zum Beispiel, dass weit entfernte Gegenstände durch die Trübe der Atmosphäre bläulich erscheinen. Berühmt wurde Turner vor allem mit seinen späten Werken. Es sind Bilder, in denen sich die Formen langsam auflösen, Häuser, Brücken, Bäume und Menschen zerstäuben regelrecht im Licht.  17 OT Karin Althaus  Vielleicht hat Turner als einer der ersten begriffen, wenn man Licht darstellen will, dass halt dann die Kontur eines Berges nicht mehr das zentrale ist, sondern wirklich das, was das Licht mit der Atmosphäre macht.  MUSIK: „Run“ – C154752#106 (0:43) ERZÄHLER Maler lieben das Licht. Und zwar nicht nur den strahlend hellen Schein der Sonne oder spektakulär flackernde Fackeln in der Nacht. Auch über die warme Stube der Bürgerlichkeit lässt sich mit Licht erzählen. „Wohnzimmer mit Menzels Schwester“ heißt ein Gemälde von 1847: der Berliner Adolph Menzel malt hier den Blick in ein Wohnzimmer. Im Hintergrund sitzt die Mutter an einem Tisch und näht oder stickt, vorn im Bild steht die Schwester des Malers, sie lehnt am Türrahmen mit einer Kerze in der Hand. Bernhard Maaz: 18 OT Maaz Wir haben also in einem Raum zwei verschiedene Lichtquellen. Wir haben die völlig verschattete, abgewendete Figur der Mutter, und wir haben die von unten, von der Kerze her anmutig beleuchtete Schwester, in deren Augen sich das Licht mit einem winzigen weißen Tupfer spiegelt. ERZÄHLER Zwei Lichtquellen, zwei Frauen, zwei Tätigkeiten: Die Mutter bei der Handarbeit, die Schwester selbstvergessen, sie scheint zu träumen, auf jemanden zu warten. Eine äußerst private, intime Szenerie. 19 OT Maaz Menzel, der exzellente Beobachter, führt uns in eine persönliche Sphäre hinein in ein dunkles braun-, grün-, gelbtoniges Zimmer. Er höht, er hebt die Lichter heraus, bis hin zum weißen Saum am Ärmel der Schwester. Und er feiert das Licht in einem bürgerlichen Raum.  ERZÄHLERIN Zu den Höhepunkten des Lichts in der Malerei gehören zweifelsohne die Bilder der Impressionisten. Sie machten es sich zur Aufgabe, das Licht selbst zu malen – in all seinen Nuancen. 1893 und 94 malte Claude Monet insgesamt 33 Bilder der Kathedrale von Rouen. Immer die gleiche Ansicht, die Westfassade mit ihren großen Portalen und dem Rosettenfenster, aber zu unterschiedlichen Tageszeiten. In grau-blauem Morgennebel, bei Sonnenuntergang in glühendem Goldgelb, in rotes Licht getaucht, oder mit harten Schlagschatten im gleißenden Mittagslicht. Mit kurzen, schnellen Pinselstrichen fängt er die flüchtigen Effekte des Lichts und der Atmosphäre ein.  ERZÄHLER Es geht Monet nicht um die Architektur und auch nicht um Heuhaufen, von denen er ähnliche Bilderreihen malt: es geht einzig und allein um die verschiedenen Qualitäten des Lichts.  20 OT Maaz Das ist eine Malerei des reinen Lichts und der Beobachtungen über die stark modifizierende Lichtwirkung. Monet geht eben raus und malt die Natur in ihrer Unverfälschtheit und lehrt uns differenziert zu schauen. ERZÄHLERIN Aber das Licht im 20. Jahrhundert hat noch mehr zu bieten. 1930 malt Lyonel Feininger die Marktkirche in Halle: Ein hohes Kirchenschiff mit steil aufragendem Dach und Doppeltürmen vor blauem Himmel. Das gesamte Bild ist von Linien durchzogen, an denen sich das Licht zu brechen scheint, als sei das Bild aus verschiedenfarbigen Papieren zusammengeklebt oder als betrachte man es durch eine gebrochene Glasscheibe. 21 OT Maaz Man weiß gar nicht ganz genau: Kommt das Licht von oben, kommt es von unten, sind es Schattenwürfe, sind es Strahler, sind es, ja, wenn es zehn Jahre später wäre, würde man sagen, sind es Flakscheinwerfer. Es ist ein Licht aus vielen, vielen Richtungen. Und ich glaube, dass das ganz symptomatisch ist für das moderne Sehen. Dass es eben in einer Stadt die Gaslaternen gab, die elektrische Beleuchtung eingeführt wurde und die Figuren Schatten werfen, die Architekturen Schatten werfen und das ganze Geschehen im Bild sich aus Beleuchtungen entwickelt und nicht nur aus einem Sonnenlicht. ERZÄHLERIN Das zwanzigste Jahrhundert ist das Zeitalter der unendlichen künstlichen Lichter, der Scheinwerfer, der Tag und Nachtbeleuchtungen, der Lichtreklame. Feininger gibt dem neuen Lichtgefühl mit seiner Malerei ein Gesicht  22 OT Maaz (Er erfasst einfach seine Zeit,) er erfasst, wie so ein Stadtraum sich darstellt und wie relative Schwärzen entstehen, wo kein Licht hinfällt. Und erfasst damit auch zugleich die Lebendigkeit des urbanen Raums.  ERZÄHLER Neues Licht für eine neue Zeit. Und so wird es weitergehen.  23 OT Maaz   Licht wird immer eine Rolle spielen, das ist die Conditio sine qua non für die Malerei. Und die Wirkung der verschiedenen Materialitäten, in dem Licht, in der Verschattung, ist ja auch mit das Spannendste, was ein Künstler machen kann.  MUSIK: „Until it blazes“ – C504944#014 - (1:15) ERZÄHLERIN Und manchmal braucht man dazu nicht mal mehr Pigment: Für das Diözesanmuseum in Freising schuf der amerikanische Lichtkünstler James Turrell eine Lichtkapelle: ein Raum, ganz in helles wechselndes farbiges Licht getaucht. Es gibt keine Horizontlinie und keinen Tiefenraum, kein Oben und kein Unten, kein Motiv und keine definierbare Lichtquelle.  ERZÄHLER Es ist, als würde man in das Licht hineinsteigen und alle Arten von Licht gleichzeitig erfahren: das außerirdische Eigenlicht des Mittelalters, Lorrains strahlende Sonne und Monets flirrendes Stimmungslicht, Turners dichte Atmosphäre und Menzels warmes Stubenlicht. Mag sein, dass Turrells Installation keine Malerei mehr ist.  Aber eines hat uns die Geschichte des Lichts in der Malerei gelehrt: Licht ist mehr als Beleuchtung. Es weist immer über sich hinaus.  ENDE
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Dec 12, 2023 • 23min

Rainer Erlinger - Eine Philosophie für den Alltag

Wie steht es um unsere Werte, den Umgang miteinander? Der Moralphilosoph Rainer Erlinger - bekannt geworden durch "Die Gewissensfrage" - versucht mit einem modernen Leitfaden für unsere Gesellschaft Antworten zu geben. (BR 2019) Autor: Florian Kummert Credits Autor/in dieser Folge: Florian Kummert Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Ruth Geiersberger, Stefan Wilkening, Hans Jürgen Stockerl Technik: Adele Kurdziel Redaktion: Bernhard Kastner Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Linktipps: Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO a01 SPRECHER Sehr geehrter Herr Dr. Erlinger,  ich ärgere mich, dass ich bei den sogenannten „Rispentomaten“ auch den Strunk und damit eigentlich Abfall zum Tomatenpreis kaufen soll. Daher suche ich im Supermarkt immer nach Tomaten, die schon vom Strunk abgefallen sind. Wenn die Menge nicht reicht, löse ich selbst welche vom Strunk. So wiege und bezahle ich nur Tomaten - und nicht das grüne Beiwerk. Ist das richtig?  MUSIK m01 SPRECHERIN Tomaten und ein Hauch von Drumherum. Eigentlich eine kleine Frage, in der ein verschwindend geringer Betrag verhandelt wird. Nur einen winzigen Cent-Betrag spart der Fragesteller ein, indem er das Grünzeug nicht mit wiegt. Und doch ist genau das für Rainer Erlinger eine perfekte, weil vielschichtige Gewissensfrage. Soll man, darf man das Grünzeug bei den Rispentomaten abzupfen? OTON Rainer Erlinger 1 „Am Ende kann man sagen: ‚der hat das Recht dazu, das ist durchaus korrekt!‘ Und dann hab ich gemerkt: Aber trotzdem stimmt was nicht. Da find ich eben: Der mag zwar recht haben, aber möchte man in einer Gesellschaft leben, die so aufgebaut ist, dass die Menschen bei allem was sie tun, denken, ob sie das letzte 0,5 Cent noch für sich rausholen oder nicht? Und da hab ich erkannt zu sagen: ‚Nein!‘ Es ist wichtiger zu sagen, was ist das für ein Mensch, wie möchte man, dass die Gesellschaft aufgebaut ist und nicht ob diese einzelne kleine Geschichte jetzt richtig oder falsch ist.“ SPRECHER Eine moralphilosophische Antwort, mit einem kleinen ‚Ja‘ und einem großen ‚Nein‘. Rainer Erlingers Antwort bezieht sich auf einen jahrtausendealten Text und die dazugehörige Haltung: die Tugendethik des Aristoteles, verfasst im 4. Jahrhundert vor Christus. Nicht die einzelne Handlung steht hier im Vordergrund, das einzelne Richtig oder Falsch, sondern das gesamte Handeln als tugendhafter Mensch. Aristoteles sieht in der Tugend das richtige Verhalten in der Mitte zwischen zwei schlechten Extremen. Und wie im Beispiel der Tomaten bis in den kleinsten Cent-Bereich hinein auf seinen Vorteil zu achten, ist extrem. Soll das eine erstrebenswerte Haltung sein? Möchte man in einer Welt leben, in der alle Menschen so handeln? Rainer Erlinger will das nicht - und zieht dabei gerne den aristotelischen Gradmesser der Freundschaft heran:  OTON Rainer Erlinger 2 Wenn man sich überlegen würde, möchtest du mit jemandem, der sich so verhält, befreundet sein? Und das ist plötzlich eine Frage, mit der man merkt, es geht mehr um den Menschen, um Haltung, der kann auch mal einen Fehler machen, der kann auch im Einzelfall falsch liegen, aber es geht um diese Haltung, die in der Antike eine große Rolle gespielt hat. Möchte ich so ein Mensch sein, möchte ich eine Gesellschaft, die auf solchen Menschen aufgebaut ist? MUSIK m02 SPRECHERIN Sehr geehrter Dr. Erlinger, ich bin Studentin und knapp bei Kasse. Nun habe ich eine Brieftasche gefunden, mit viel Bargeld. Habe aber alles zurückgeschickt. Doch meine Freunde meinten, ich hätte das Geld behalten sollen. Macht doch jeder! Ich sei ein „naiver Gutmensch“. Bin ich das? OTON Rainer Erlinger 3 Gutmensch ist natürlich ein ganz problematischer und schwieriger Begriff, weil man sieht, wie ein zweifelsfrei richtiger Begriff, ein guter Mensch, das ist ja was Richtiges und gut, wieder aus der antiken Ethik, da wollte man eigentlich ein guter Mensch sein. Das ist die Idee. Durch einfache Umbenennung in ‚Gutmensch‘ wird plötzlich was Negatives draus, und man sieht zum einen die Macht der Sprache, wie man einen Begriff kapern kann, ihn sogar umdrehen, ins Gegenteil, und wie man diese Idee, ich finde eine Geldbörse und schicke die zurück, natürlich lasse ich das Geld drinnen, ich würde sagen, das ist nicht ein guter Mensch, sondern das ist eigentlich selbstverständlich. SPRECHER So selbstverständlich waren die Antworten nicht immer bei Rainer Erlinger. Fast 17 Jahre lang - von 2002 bis Ende 2018 - hat er für das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ seine Kolumne „Die Gewissensfrage“ verfasst. Mehr als 850 Texte kamen so zusammen, in denen er auf Fragen der Alltagsmoral und des Gewissens einging. Fragen, die keine eindeutige, klare Antwort hatten, sondern zu einem Abwägen einluden, zu einem intellektuellen Spiel der Möglichkeiten, oft verbunden mit einem passenden Zitat aus anderen Werken, meist Klassikern der Moralphilosophie. Aristoteles, Kant, aber auch Freud oder sogar ein Asterix-Band tauchten in den Texten auf. Die Kolumne hat Rainer Erlinger schließlich abgegeben, um sich verstärkt längeren Texten und seinen Büchern widmen zu können. Abhandlungen über die Höflichkeit, die Frage „Warum die Wahrheit sagen?“ und über „Moral - wie man richtig gut lebt“. Ein Gesamtbild, das sich aus der Arbeit an den über 15.000 eingesendeten Einzelfragen ergeben hat:  OTON Rainer Erlinger 4 Ich hab mal das Bild gehabt: Das ist wie eine Schüssel unterm Schreibtisch, wo von jeder Frage was reingetropft ist, diese Essenz, dass ich die zusammenfassend darstellen wollte. SPRECHERIN Sozusagen die Tugendethik des Dr. Dr. Rainer Erlinger.  1965 wird er in Deggendorf geboren, besucht dort die Schule und fängt früh an zu schreiben, gibt die Schülerzeitung heraus und geht zum Studieren nach München. Er ist fasziniert von Jura und Medizin, beides lernintensive Studiengänge. Rainer Erlinger entscheidet sich … gar nicht, sondern studiert beides. Schließt erst Medizin ab, dann Jura. Und promoviert in beiden Fächern. Ein niederbayerisches Wunderkind also? OTON Rainer Erlinger 5 Nein, Wunderkind bin ich nicht. Ich bin nur tatsächlich jemand, wenn man’s böse formulieren würde, könnte man sagen, etwas zwanghaft, und wenn man es nett formuliert, bin ich einfach jemand, der, wenn er was angefangen hat, es auch gerne zu Ende bringt. Und zwar nicht nur aus diesem „Ich muss es unbedingt zu Ende bringen“, sondern ich hab das Ganze studiert, weil es mich interessiert und dann will ich auch den akademischen Abschluss zu Ende bringen, es sind ja beides Fächer, die man nie in dem Sinn zu Ende bringt, dass ich jetzt alles wüsste, aber dass ich zumindest einen Schlusspunkt setzen kann, bei dem was ich erfahren kann, und es hätte mich immer unglücklich gemacht, wenn ich nur einen Teilüberblick habe.  SPRECHER Erlinger vermischt in seiner Arbeit beide Welten, Medizin und Jura, er wird Anwalt mit Schwerpunkt Medizinrecht, das sich generell mit ethischen Fragen beschäftigt, dem Beginn und dem Ende des Lebens oder der Autonomie des Menschen. Was darf man selbst bestimmen? Welche Verpflichtungen hat man gegenüber der Gesellschaft oder welche Verpflichtungen hat die Gesellschaft gegenüber dem Einzelnen? Neben seiner Anwaltstätigkeit rückt das Schreiben immer mehr in den Vordergrund. Und dabei entdeckt Erlinger die Welt der Philosophie, insbesondere der Moralphilosophie.  Die trifft, wenn sie allgemeinverständlich erklärt und auf ihre Essenz destilliert wird, auf ein immer breiteres Interesse bei den Lesern. Für manche wird Erlinger zum ‚Moral-Papst‘, für andere zum ‚Moralapostel‘... OTON Rainer Erlinger 6  ‚Moralapostel‘ ist ein unschöner Begriff, wobei ich feststelle, dass viele Leute das oft gar nicht so böse meinen, sondern das eher so scherzhaft machen, aber natürlich stört mich das, weil der Moralapostel ist negativ konnotiert, ist einer der mit erhobenen Zeigefinger durch die Welt läuft und anderen Leuten das Leben schwer macht und auch dieses Übergenaue und Übermoralische, das möchte ich natürlich nicht sein. Aber ein moralischer Mensch bin ich schon auch gerne, weil ich das für richtig halte. SPRECHERIN Schon in den 1960er Jahren erkannte der Soziologe Niklas Luhmann, dass unsere Welt immer komplexer wird - eine Veränderung, auf die der Mensch reagieren muss. Die Komplexität hat in den vergangenen Jahrzehnten noch weiter zugenommen und mit ihr wächst eine Unsicherheit, gegen die Erlinger anschreiben will:  OTON Rainer Erlinger 7 Wir haben die Unsicherheit im Großen, also wo geht die politische Gesellschaft hin? Wo geht die Politik insgesamt, wo geht die Welt hin? Ich glaube auch, dass es noch eine zweite gibt, die schon viel länger da ist: dass die Gesellschaft Regeln verloren hat. Also ich sag das mal ganz neutral: vor 50 oder vor 100 Jahren war im Leben alles geregelt. Die meisten haben das Leben ihrer Eltern fortgeführt, haben den Beruf ergriffen, haben vielleicht den Hof übernommen oder das Geschäft übernommen, oder sind in dieselbe Lehre gegangen. Und wie man sich verhält, war vorgegeben von den Eltern, von der Gesellschaft, von der Kirche. Das ist alles weggefallen, größtenteils. Die meisten machen ein ganz anderes Leben, leben woanders, haben einen Beruf… oft ist es so, die Eltern können nicht mal mehr genau beschreiben, was die Kinder eigentlich als Beruf machen. Und plötzlich ist alles offen und da ist ein Verlust an Regelung, an Regeln. Man kann nicht komplett ohne Normen, ohne ein Regelwerk wie man zusammenlebt ein Leben oder eine Gesellschaft bilden. Deswegen müssen dann neue Regeln gesucht werden, und das sind die Moral, die Ethik, das Reflektieren. Was ist richtig, was ist falsch? Und eben das Fragen und das Neu-Suchen.  ATMO a02 und MUSIK m02 SPRECHERIN Bis zu 100 Suchende pro Woche schickten ihre Gewissensfragen an Rainer Erlinger. Ein beliebtes Themengebiet: Kinder. SPRECHER Dürfen wir meinem Bekannten und seiner Frau sagen, dass uns deren dreieinhalbjähriger Sohn auf die Nerven geht, wenn wir uns sehen? Oder ist das unter Freunden tabu und wir müssen alles ertragen, was Kinder in diesem Alter eben so tun? SPRECHERIN Antwort: Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen, was uns nicht nur Kant klargemacht hat. Entsprechend sollten wir uns verhalten. Sie, indem Sie nicht sagen, dass Ihnen das Kind auf die Nerven geht und damit ihren Freund kränken; stattdessen besser, dass Sie einfach nicht so viel mit Kindern anfangen können. Und ihr Freund, indem er Ihnen zukünftig nicht die volle Dosis Kind zumutet. ATMO a04 SPRECHER Weiteres Themengebiet: die Nachwehen von Beziehungen. SPRECHER Vor vier Monaten trennte sich meine Freundin nach fünf Jahren von mir. Nun sind wir uns zum ersten Mal wieder auf einer Party begegnet und haben uns nur knapp begrüßt. Als sie später sah, wie ich eine andere Frau küsste, verließ sie sofort wütend die Feier.  Ich bekam ein schlechtes Gewissen und wollte mich bei ihr entschuldigen.  Muss ich das? MUSIK m02 SPRECHERIN Antwort: Sie sind ein freier Mann und dürfen küssen, wen Sie wollen. Eine Entschuldigung ist also nicht notwendig. Was aber nicht bedeutet, dass es vollkommen richtig war, vor den Augen der Ex eine andere Frau zu küssen. Man könnte es als eine Frage des Stils ansehen, oder des Rücksichtsgebots. So wirkt das wie ein in Richtung der Ex gebrülltes „ICH KANN TUN, WAS ICH WILL!!!“ mit drei Ausrufezeichen. Eine vielleicht berechtigte, aber keine schöne Art der Kommunikation. SPRECHER Die Frage, die Rainer Erlinger wohl am häufigsten gehört hat, lautet:  Sagen Sie mal, sind die Gewissensfragen wirklich alle echt, das kann doch gar nicht sein?! OTON Rainer Erlinger 8 (Lacht) Die kommt so häufig … ich kann’s gar nicht mehr zählen, die kommt tatsächlich auch … das ist die Partyfrage, Ach du machst die Gewissensfrage, was mich schon lange interessiert … in dem Moment sag ich, ja sie sind alle echt …! Ich warte die Frage gar nicht mehr ab, die kommt immer wieder, und dann: ja die Fragen sind ja so komisch, sag ich, ja, ich find’s schon fast eine Beleidigung zu sagen, die sind so schräg, dass du sie dir ausdenkst, nein, also ich käme auf so viele Fragen gar nicht, und ich finde das Schöne an diesen Fragen ist, dass sie oft ´ne Kante haben, wo man merkt, das ist jetzt nicht der glatte Lehrbuchfall, sondern da ist irgendwas, wo es nochmal schwierig wird und wo etwas drin ist, was sich der glatten Lösung widersetzt.  SPRECHER Ich bin seit kurzem arbeitslos. Meine 82jährige Mutter würde sich darüber sehr grämen, daher möchte ich sie in ihren letzten Lebensjahren von dieser schlechten Nachricht verschonen und ihr meine Arbeitslosigkeit verheimlichen. Kann dies als Notlüge durchgehen oder muss ich ehrlich sein? SPRECHERIN  Erlinger empfiehlt auf die Notlüge zu verzichten, wenn das Verhältnis zur Mutter eng und vertrauensvoll bleiben soll. Der Umgang mit Lüge und Wahrheit: ein Themengebiet, das im Lauf der Jahre immer mehr Zuschriften hatte. Einer der zentralen Punkte unserer Alltagsmoral und von den christlichen 10 Geboten dasjenige, das am häufigsten gebrochen wird: SPRECHER Du sollst nicht lügen! MUSIK m03 SPRECHERIN Kirchenvater Augustinus hielt es in seiner Abhandlung „De mendacio - Über die Lüge“ Ende des 4. Jahrhunderts dabei sehr streng. Egal wie leicht oder schwer die Lüge ausfiel, sie war verboten. Ohne ‚Wenn‘ und ‚Aber‘. Denn für Augustinus war jede Wahrheit ein Abbild der ewigen Wahrheit Gottes. Wer lügt, entfernt sich Augustinus zufolge von Gott und nähert sich dem Teufel an.  Genauso streng hielt es Immanuel Kant mit seinem Lügenverbot, das Erlinger wie auch bei Augustinus über weite Strecken bewundert. Allerdings nicht uneingeschränkt. Denn sogar beim Extrembeispiel „Darf man einen Mörder belügen, der fragt, wo sich sein Opfer versteckt hält?“ sagt Kant: nein, man darf nie lügen …! OTON Rainer Erlinger 9 … Aus sehr logischen und klaren und wunderschönen Gründen, aber an der Stelle finde ich opfert er den Menschen dem Prinzip und das halt ich nicht für richtig. Ich bin wirklich ein Gegner von Lüge und ein Anhänger der Wahrhaftigkeit und des Ehrlichseins. Aber ich bin kein Anhänger eines zwanghaften ‚immer die Wahrheit-Sagens‘ und auch ‚immer Alles-Sagens‘. Ich muss, wenn mir ein Geschenk nicht gefällt, das dem Schenker nicht sagen. Wenn man irgendwo eingeladen ist und hat keine Lust hinzugehen, außer bei einem sehr guten Freund, der wirklich alles versteht, dem sagt man ‚du ich hab heut keine Lust, ich bleib lieber zu Hause!‘. Aber anderen Leuten sagt man nicht, ‚ich hab keine Lust zu Ihnen zu kommen, da ist es immer langweilig und das Essen schmeckt nicht!‘, sondern man sagt, ‚ich kann leider nicht kommen‘. Punkt. Und das ist auch richtig so. Es ist nicht nötig, das Gegenüber in dieser Situation auch noch zu kränken. Deswegen gibt es Situationen, in denen das Lügen sinnvoll ist, gesellschaftlich sinnvoll, um einfach ein Miteinander zu ermöglichen.  Nur muss man sehr scharf und genau trennen, davon, ob auf dieser Lüge etwas aufbaut. In dem Moment, in dem etwas aufbaut, sei es in einer Beziehung, in einem Zusammenarbeiten, in der Politik, in der Gesellschaft, dann beginnt man damit zu manipulieren oder beginnt ein falsches Fundament zu schaffen, auf dem dann nichts Richtiges mehr funktioniert, und da muss man die klare Trennlinie setzen.  MUSIK m05 SPRECHER Beim größten aller Dramatiker, William Shakespeare, findet Rainer Erlinger die unterschiedlichen Facetten des Phänomens Lüge. In Othello etwa. Aus Rache strickt dort der Schurke Jago ein Netz aus Lügen und Intrigen mit einem Ziel: die Lügen sollen bewusst dem belogenen Othello schaden. SPRECHERIN Anders dagegen die Lügen, die König Lear von seinen Töchtern aufgetischt werden. Sie erzählen und versprechen ihm, dass sie nur ihn lieben, mehr als alle anderen auf der Welt, mehr als die eigenen Ehemänner. Das ist gelogen, denn nachdem ihnen Lear sein Königreich übergeben hat, kümmern sie sich nicht mehr um ihn.  Die Töchter wollen dem Vater mit den Lügen nicht bewusst schaden, aber sie nehmen es in Kauf, um an das Königreich zu kommen. Und Lear selbst glaubt dem süßen Gift der Lüge, obwohl er mit etwas rationellerem Denken merken müsste, was hier gespielt wird. SPRECHER Doch nicht nur Lear, wir alle lassen uns immer wieder und oft auch bereitwillig belügen. Beispiel: Wahlversprechen in der Politik. Mögen die Versprechen - gerade bei populistischen Parteien und Kandidaten - noch so unglaubwürdig sein, sie werden gerne geglaubt. Der Wunsch ist Vater des Gedankens und Türöffner für die Wirkung der Lüge.  Und hier wird es gefährlich, argumentiert Rainer Erlinger in seinem Buch „Warum die Wahrheit sagen?“ - nicht nur bei Shakespeare, sondern auch für unsere Gesellschaft und für die Demokratie:  OTON Rainer Erlinger 10 Es geht darum, wie wahrhaftig, wie ehrlich man miteinander umgeht und vor allem wie wichtig es ist, sich auf die Wahrheit und zwar ein Alltagsverständnis von Wahrheit, nämlich das, wie es ist, zu einigen, als Grundlage für eine Gesellschaft. Weil, wenn jemand ständig alles leugnet, und sagt, es ist gar nicht so, dann kann man sich überhaupt nicht mehr auseinandersetzen, kann man nicht mehr übereinkommen, kann nicht vorwärts gehen, sondern man braucht die Wahrheit, um sich zu einigen darauf, dass man die Wahrheit benutzt als Basis sowohl für das individuelle Leben als auch für das gesellschaftliche Leben. Für die Politik und die Demokratie. Wie soll eine Demokratie funktionieren, wenn die Wahlbewerber und Parteien, die Kandidaten … irgendetwas behaupten, und stimmt alles nicht?! Ja, was ist es dann, da fällt die Demokratie, die ja aus dem Alten Griechenland kommt, diese öffentliche Diskussion, dass man in der Gesellschaft spricht, das fällt alles zusammen, wenn man die Wahrheit als Fundament wegzieht.  SPRECHERIN  Prominentes Forschungsobjekt zu dem Thema: der 45. Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump. Was Trump nicht passt, wird schlecht geredet.  SPRECHER als VOICEOVER Donald Trump (erst engl., dann dt.) „All of this with the global warming. A lot of is it’s a hoax. I mean it’s a money-making industry, OK? A hoax.” „Der Klimawandel? Erderwärmung. Alles Unsinn, eine Lüge, reine Abzockerei.“ We had a massive field of people. Honestly, it looked like a million, a million and a half people, whatever it was. But it went all the way to the Washington Monument.” „Bei meiner Amtseinführung waren eineinhalb Millionen Menschen. Ein Massenauflauf, die standen bis hinter zum Washington Monument!“ OTON Rainer Erlinger 11 „Man ist fassungslos. Und nachdem dieses Thema Lüge und Wahrheit mich ja interessiert, habe ich die Nachrichten darüber dann verfolgt. Und bin so ein bisschen fassungslos ist der richtige Ausdruck, weil ich gar nicht mehr wusste: wie soll man das greifen? SPRECHERIN Anders als der bösartige Lügner Jago oder die Töchter von König Lear, denen die Lüge zum Ziel verhilft, ordnet Erlinger das Redegeflecht von Trump in eine dritte Kategorie ein, die zwischen Lüge und Wahrheit steht und umso gefährlicher ist: den sogenannten „Bullshitter“.  OTON Rainer Erlinger 12 Sein Ghostwriter dieses Buches „The Art of the Deal“, der hat gesagt, Trump hätte eine eigenartige und herausstechende Fähigkeit: das zu glauben, was er selbst sagt. Sozusagen indem er es sagt, und es schlüssig klingt, es selbst zu glauben. Dann wäre er eben kein Lügner, sondern dieser Bullshitter, der das sagt, was in dem Moment für ihn am günstigsten und am sinnvollsten ist und ihn am besten weiterbringt. Und da entsteht etwas sehr Interessantes. Wenn man rein intuitiv fragt, was ist schlimmer, der Bullshitter, der einfach so dahinredet oder jemand der lügt, der aktiv voll mit Täuschungsabsicht lügt, dann würde man intuitiv sofort sagen, natürlich der mit Absicht - ist schon dieses Wort - lügt, der ist schlechter, hat eine stärkere Verwerflichkeit, eine bösere Absicht und so weiter. Aber wenn man es gesamtgesellschaftlich betrachtet, ist der Bullshitter eigentlich viel verheerender. Weil der Lügner erkennt an: es gibt eine Wahrheit, ich nutze es nur aus, sie an manchen Stellen durch die Lüge zu verkehren, das Gegenteil zu sagen, aber der Bullshitter der leugnet eigentlich, dass es überhaupt einen Unterschied zwischen richtig und falsch, zwischen wahr und unwahr gibt, und das ist im Endeffekt für die Gesellschaft und für das Zusammenleben, die Kommunikation und die Demokratie noch viel verheerender, mit dem kann man eigentlich nicht diskutieren, den kann man nicht widerlegen, mit dem kann man nicht mehr sich auf irgendwelche Fakten einigen, weil alles nur noch ein Fluss ist, man ist in irgendeiner Soße von Behauptungen und Nicht-Behauptungen, wo es keinen Grund mehr gibt, auf dem man stehen könnte.   MUSIK m02 SPRECHERIN Lüge. Wahrheit. Moral. Wahrhaftigkeit. Tugend. Gedankenfutter für eine bessere Gesellschaft. Wie ein moralischer Kompass wirken die Schriften von Rainer Erlinger. Und ist er selbst einmal unsicher, dann wandert er hinter seinem Schreibtisch die große Bücherwand entlang, den Finger an den Buchrücken. Immer wieder greift er zu seinem großen Vorbild Aristoteles, und liest eine der für ihn essentiellen Stellen der Tugendethik: die Aufforderung an sich und seiner Seele zu arbeiten, und zwar ein Leben lang.  OTON Rainer Erlinger 13 „Denn eine Schwalbe macht noch keinen Frühling und auch nicht ein einziger Tag, so macht auch ein einziger Tag oder eine kurze Zeit niemanden glücklich und selig.“ Das ist diese Idee, dass man die Haltung erwirbt, dass es drauf ankommt, dass man selbst an sich arbeitet und das die ganze Zeit macht, und dann wie ein guter tugendhafter Mensch handelt. Ich glaub die Gesellschaft, und jetzt nicht nur auf sich selbst bezogen, das wird besser, wenn man sich daran hält. ENDE
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Dec 11, 2023 • 24min

Der Mord an JFK - Trauma und Verschwörungsmythos

Am 22. November 1963 wird US-Präsident John F. Kennedy bei einer Wahlkampfveranstaltung in Dallas, Texas erschossen. Der Mord wird zum Trauma für eine ganze Nation und zeigt die Verletzlichkeit der amerikanischen Demokratie auf. Zudem bleiben Zweifel: wer hat JFK wirklich erschossen? War es der Einzeltäter Lee Harvey Oswald, oder fand hier ein diabolischer Staatsstreich statt? Viele Ungereimtheiten werden zum Nährboden für zahlreiche Verschwörungsmythen. Autor: Florian Kummert Credits Autor/in dieser Folge: Florian Kummert Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Ditte Ferrigan, Peter Veit Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Andreas Etges, LMU München und Kennedy-Experte Linktipps: Hintergründe zum Kennedy-Attentat22.06.1964 ∙ Panorama ∙ Das ErsteLane, der Verteidiger des Kennedy-Mörders Oswald, über die angeblich wahren Hintergründe des Attentats auf Kennedy.JETZT ANSEHEN US-PRÄSIDENTEN IN DER KRISE: Richard NixonALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSENWann geht ein US-Präsident in die Geschichtsbücher ein als "guter" - oder als "schlechter" Präsident? Bei Richard M. Nixon, der den "Watergate-Skandal" zu verantworten hat, ist die Sache gar nicht so klar. Von Florian Kummert (BR 2014)JETZT ANHÖREN Lost in Nahost - Der Podcast zum Krieg in Israel und GazaBR24Wenn ihr manchmal lost seid und einen Überblick braucht über das, was da gerade im Nahen Osten passiert, empfehle ich euch den neuen Podcast “Lost in Nahost”. Da geht es um den Krieg in Israel und Gaza. Und zwar so, dass wir alle verstehen, wer welche Rolle spielt, welche Player in der Region wichtig sind - und wann und wie das alles überhaupt angefangen hat.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZUSPIELUNG 1a  (Titelmelodie Tagesschau) Präsident Kennedy ist heute Abend um 20 Uhr mitteleuropäischer Zeit an den Folgen eines Attentats gestorben. Ein bisher noch unbekannter Mann hat mehrere Gewehrschüsse auf ihn abgefeuert. MUSIK 1 (Z8037020118 Alan Filip/Mac Prindy: Traumatic Drone 1’15) ERZÄHLERIN Die Tagesschau vom 22. November 1963. Während der Sendung erreicht die Redaktion die Eilmeldung: US-Präsident John F. Kennedy ist tot. Sprecher Karl-Heinz Köpke verkündet der deutschen Fernsehnation die tragische Nachricht:  ZUSPIELUNG 1b Das Weiße Haus in Washington teilte mit, dass Präsident Kennedy einer durch eine Kugel verursachten Gehirnverletzungen erlegen ist. ERZÄHLERIN  In den USA kommt das öffentliche Leben zum Stillstand. Der Tod des Präsidenten trifft die Öffentlichkeit wie ein Schock. Wer kann, verlässt den Arbeitsplatz und verfolgt am Fernseher oder Radio die Berichterstattung über das Attentat. ZUSPIELUNG 2a (Radioaufnahme 1963, Quelle: JFK Museum, frei verwendbar) President Kennedy has been assassinated. It’s official now, the president is dead. ERZÄHLERIN  Reportagen aus Dallas, Texas, von Journalisten, die vor dem Krankenhaus stehen, in das Kennedy eingeliefert wurde. Weinende Menschen, Trauer überall, Fassungslosigkeit. Momente, die sich ins kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation einbrennen.  ZUSPIELUNG 2b  The picture here is grief, and much of it.  OTON Andreas Etges 1a Die Ermordung hat tagelang die Medien bestimmt. Es gab eine 24 Stunden Berichterstattung, aber auch international ist die Wirkung enorm. Menschen auf der ganzen Welt trauern. Studierende der Freien Universität Berlin organisieren einen Trauermarsch mitten in der Nacht in Berlin, und viele Tausende Menschen kommen zum Rathaus Schöneberg, wo Kennedy Monate vorher gesprochen hatte.  ERZÄHLERIN  Sagt Dr. Andreas Etges, Historiker und Amerikanist von der LMU München und ausgewiesener Kennedy-Experte. Für ihn ist der 22. November 1963 vor allem rückwirkend ein einschneidender Tag für die US-Geschichte. Der Mord an JFK, dem die tödlichen Schüsse auf Martin Luther King und auf Robert Kennedy folgen sollten.  OTON Andreas Etges 1b Also die unmittelbare Wirkung der Ermordung: Wie kann das passieren? Und was bedeutet das? Und im Nachhinein auch die Wirkung dessen, was dann alles danach kam, die dann auf diesen Tag zurückprojiziert wurde. Auch wenn ich das für eine problematische Idee halte: Amerika hat seine Unschuld verloren. Nur war Amerika auch vorher schon in gewissen Fällen durch die CIA oder Kriege auch mit schuldig geworden, in gewisser Weise. Aber das ist ein Moment, wo auch ein Stück weit das amerikanische Selbstbild einen Kratzer erhält.  MUSIK 2 (CD666410001 John Williams: Prologue 0‘37) ERZÄHLERIN Nur 1036 Tage dauert seine Präsidentschaft: John Fitzgerald Kennedy. Erst 43 ist er, als er ins Weiße Haus einzieht. Der jüngste gewählte Präsident der Vereinigten Staaten wird zu einem fast royalen Vorbild für die Massen. Ein Politiker, der den Traum eines modernen, eines besseren Amerika verkörpert, mit Charme und der Gabe, in rhetorisch ausgeklügelten Reden, das Publikum miteinzubeziehen und an das gesellschaftliche Engagement zu appellieren.  Zuspielung 3 O-Ton John F. Kennedy (JFK Museum, frei verwendbar) "And so, my fellow Americans, ask not what your country can do for you - ask what you can do for your country."  ZITATOR „Meine amerikanischen Landsleute, fragt nicht, was euer Land für euch tun kann. Fragt vielmehr, was ihr für euer Land tun könnt.” OTON Andreas Etges 2 „Wobei der Satz noch weitergeht. Die meisten vergessen ihn. Fragt nicht, was Amerika für euch tun kann, sondern was wir gemeinsam, also alle Länder dazu tun können, die Welt besser zu machen. Also auch der Appell an die Welt. Ganz zentral für Kennedys Wirkung in den ersten Jahren ist die Aufbruchstimmung, die mit seinem Amtsantritt verbunden ist. Da kommt jetzt jemand, der Leute mitnimmt, der Leute auch dazu aufruft, ihr könnt alle euren kleinen Beitrag dazu tun, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das hat ein ganzes Stück weit in den USA und auch in Ländern wie Deutschland funktioniert, gerade bei der jungen Generation.“ MUSIK 3 (CD666410008 John Williams: The Conspirators 0‘55) ERZÄHLERIN Kritischer sind die Hardliner im Regierungsapparat, die Falken, die in Krisenzeiten eher auf Angriff und Machtdemonstrationen setzen als auf Besonnenheit. Und Krisen erlebt Kennedy in seiner Amtszeit einige. Den Bau der Berliner Mauer, die Panzerkonfrontation am Checkpoint Charlie, und - quasi vor der eigenen Haustüre - das Problem um Kuba und das Regime von Fidel Castro. Erst scheitert die Schweinebucht-Invasion von Söldnertruppen der rechts-konservativen Exil-Kubaner, heimlich unterstützt durch die CIA, von der sich der Präsident bewusst hintergangen fühlt. Als Folge feuert er CIA-Direktor Allen Dulles und dessen Stellvertreter. Dann kommt es - im Oktober 1962 - zur gefährlichsten Konfrontation des Kalten Krieges: in der Kuba-Krise. Durch eine Seeblockade zwingt Kennedy die Sowjetunion ihre heimlich auf Kuba stationierten, nuklear bestückten Raketen wieder abzuziehen. Als Gegenleistung willigt Kennedy ein, keine weitere Invasion von Kuba zu planen, sehr zum Missfallen der Hardliner. MUSIK 4 (Z9338166213 Nina Simone: Young, Gifted And Black 0‘05) Innenpolitisch wird die Debatte um die Bürgerrechtsbewegung immer virulenter. Im Juni 1963 kündigt der Präsident ein Gesetz an, das die Rassentrennung in den ganzen USA abschaffen soll. Im Kongress scheitert er aber an den Mehrheiten konservativer Südstaaten-Politiker aus beiden Parteien. MUSIK 5 (CD847750004 Joan Baez: We shall Overcome 0‘25) ERZÄHLERIN Die Südstaaten, dort fallen für Kennedy die Umfragewerte massiv. 1964 will sich Kennedy zur Wiederwahl stellen, also macht sich JFK mit seiner Frau Jacqueline und dem Vize-Präsidenten, dem Texaner Lyndon Johnson, auf Wahlkampf-Reise durch Texas. Dort gibt es regelrechte Hasskampagnen gegen Kennedy. Poster mit dem Konterfei des Präsidenten tauchen auf, die ihn in Form eines Steckbriefs wegen Hochverrats anklagen wollen.  MUSIK 6 (Z8037020101 Alan Filip/Mac Prindy: Drama Pulse 1‘13) ERZÄHLERIN Am Morgen des 22. November spricht Kennedy in Fort Worth, dann fliegt die Air Force One nach Dallas. Vom Flughafen aus fährt die Wagenkolonne durch die Innenstadt von Dallas. Die Straßen sind vollgepackt mit Leuten, die dem Wagen des Präsidenten zujubeln. Eine offene Limousine, ohne Verdeck. Kennedy auf der Rückbank, neben ihm im rosa Kostüm die First Lady, Jackie Kennedy. Direkt vor Kennedy sitzt der Gouverneur von Texas, John Connelly, begleitet von dessen Ehefrau Nellie.  12 Uhr 29. Die Limousine des Präsidenten biegt rechts ab, auf die Houston Street und nähert sich dem Texas School Book Depository, einem mehrstöckigen Haus, in dem Büros und das Schulbuchlager untergebracht sind. Nellie Connelly dreht sich zu Kennedy um und sagt: „Mister President, Sie können nicht sagen, dass Dallas Sie nicht liebt.“ Kennedy antwortet: „Nein, das kann ich wirklich nicht.“  Es sind seine letzten Worte. Um 12 Uhr 30 biegt das Auto vor dem School Book Depository in die Elm Street ein, eine 120-Grad-Kurve, bei der die Limousine stark abbremsen muss. Kennedy winkt den Leuten in der Elm Street zu… ATMO Schuss ERZÄHLERIN …da fällt der erste Schuss. Er verfehlt das Auto. Kennedy reagiert auf das Geräusch und hört auf zu winken.  ATMO Schuss ERZÄHLERIN  Der zweite Schuss, wenige Sekunden später. Er trifft den Präsidenten in Hals und Kehle. Kennedy hebt die Arme. Wegen einer Rückenerkrankung trägt er ein Stützkorsett und bleibt aufrecht sitzen. Jackie Kennedy will sich zu ihrem Mann beugen, in dem Moment trifft die dritte Kugel.  ATMO Schuss ERZÄHLERIN  Sie durchschlägt Kennedys Kopf. Chaos bricht aus. Die Limousine ist voller Blut. Gouverneur Connelly ist ebenfalls getroffen und schwer verwundet. Jackie Kennedy versucht rückwärts aus dem Auto aufs Heck zu klettern. Ein Secret Service Agent, der hinter dem Wagen läuft, hält sie auf, dann rast der Wagen davon, in Richtung Parkland Memorial Hospital.  Dort wird, um 13 Uhr Ortszeit, der 35. Präsident der Vereinigten Staaten für tot erklärt.  ATMO ZUSPIELUNG 4 Polizeisirenen / Polizeifunk vom 22.11.63 (Quelle: JFK Museum, frei verwendbar) ERZÄHLERIN  Polizeifunk-Aufnahmen vom 22. November 1963 aus Dallas, archiviert in der John F. Kennedy Presidential Library and Museum. Kurz nach dem Attentat melden sich Augenzeugen, die gesehen haben, wir aus dem Schulbuchlager geschossen wurde, aus einem Eckfenster im fünften Stock. Bereits 80 Minuten nach den Schüssen verhaften Polizisten den Hauptverdächtigen: einen Mitarbeiter des Schulbuchlagers, den 24jährigen Lee Harvey Oswald, der seit einem Monat in den Räumlichkeiten arbeitet. Im fünften Stock des Gebäudes finden Beamte ein Jagdgewehr samt Patronenhülsen, es soll von Lee Harvey Oswald per Katalog bestellt worden sein, unter einem Pseudonym.  ATMO Gewehr wird nachgeladen, Klacken ERZÄHLERIN Oswald wird stundenlang verhört. Ohne Anwalt. Notizen des Verhörs gibt es nicht. Der Verdächtige weist jegliche Schuld von sich, sagt, er sei nur ein Sündenbock. Kurz nach Mitternacht gibt es eine Pressekonferenz im Versammlungsraum der Polizei. Unter die Reporter mischt sich auch ein 52jähriger Nachtklub-Besitzer aus Dallas: Jack Ruby.  Am Sonntagvormittag, den 24. November, soll Lee Harvey Oswald in ein anderes Gefängnis überstellt werden. Im Keller des Polizeipräsidiums steht ein Wagen bereit. Der Raum ist voller Reporter und Polizisten. Als Oswald in Handschellen zum Auto geführt wird, bildet sich eine Gasse, um ihn durchzulassen. Plötzlich stürmt Jack Ruby nach vorne und schießt Oswald mit einem Revolver in den Bauch. Der stöhnt auf und fällt tödlich verletzt zu Boden. Ruby wird festgenommen und später des Mordes für schuldig gesprochen. Er wollte ein Held sein, sagt er. 1967 stirbt Jack Ruby im Gefängnis an Krebs.  ATMO Beerdigung JFK, Trommler (Quelle: JFK Museum, frei verwendbar) ERZÄHLERIN Lee Harvey Oswald wird erschossen, während der Trauermarsch für den ermordeten Präsidenten durch die Straßen der Hauptstadt Washington D.C. zieht. Auch hier brennen sich ikonographische Momente ins Gedächtnis vieler Menschen ein: Jackie Kennedy, die 34jährige Witwe in ihrem schwarzen Kostüm samt Schleier. Daneben die beiden kleinen Kinder: Caroline, die das gerahmte Foto ihres Vaters in der Hand hält, und John Junior, der an diesem Trauertag drei Jahre alt geworden ist. Als der Sarg an ihm vorbeizieht, legt er die Hand zum letzten Salut an die Stirn. Momente, so Kennedy-Experte Andreas Etges, die stark von Jackie Kennedy gesteuert wurden.  OTON Andreas Etges 3 „Wo der Junge salutiert. Wenn man sich ein paar Sekunden vorher die Filmszene anguckt, dann beugt sie sich zu ihm runter, flüstert ihm was ins Ohr und dann geht er zwei Schritte vor und salutiert, als der Sarg vorbeikommt. Also Jackie Kennedy ist sich ganz stark der Bilder bewusst. Und auch die Idee oder der Begriff Camelot, also der mythische Hof von König Artus, mit dem die Kennedy-Präsidentschaft oft verglichen wird. Den hat keiner während der Amtszeit von Kennedy benutzt. Jackie Kennedy verwendet diese Idee zum ersten Mal in einem berühmten Interview mit einem Life-Journalisten, ein paar Tage nach der Ermordung, und dann vergleicht sie die Amtszeit mit Camelot. Und so einen Moment, sagt sie, wird Amerika nie mehr erleben. Also sie ist von der ersten Sekunde dabei, am Mythos ihres Mannes zu arbeiten und den auch später ganz massiv gegen Kritik zu verteidigen.“ ATMO Gewehr wird nachgeladen, Klacken ERZÄHLERIN Und Lee Harvey Oswald? Ist er nun derjenige, der den Präsidenten erschossen hat? Die Ermittlungen richten sich auf Oswald als Einzeltäter. Eine eigenwillige Gestalt, ein Heimkind, dem Psychiater bereits in der Jugend eine gestörte Persönlichkeitsstruktur attestieren. Mit 17 bricht er die Schule ab und geht zu den US-Marines, wo er zum Radartechniker und Scharfschützen ausgebildet wird. Als angeblich bekennender Marxist lebt er einige Jahre in der Sowjetunion, ehe er 1962 nach Texas zieht. Er abonniert kommunistische Zeitungen und engagiert sich für Fidel Castros Politik, bemüht sich sogar um ein Visum für Kuba. War er also bekennender Castro-Anhänger, oder war alles nur Fassade? MUSIK 7 (CD666410006 John Williams: Garrison’s Obsession 0‘55) ERZÄHLERIN Kennedys Nachfolger Lyndon Johnson setzt eine Kommission ein, die das Attentat und die Umstände untersuchen soll: die siebenköpfige Warren Kommission, benannt nach dem Obersten Verfassungsrichter Earl Warren, der sie leitet. Weitere Mitglieder: der Abgeordnete und spätere US-Präsident Gerald Ford, sowie - eine umstrittene Personalie - Allen Dulles, der frühere CIA-Direktor, der von Kennedy gefeuert wurde. Nach zehnmonatiger Arbeit kommt die Warren Kommission zu ihrem Endergebnis: Lee Harvey Oswald hat als Einzeltäter agiert und war nicht Teil einer größeren Verschwörung, er hat die drei Schüsse abgefeuert und den Präsidenten getötet.  OTON Andreas Etges 4 „Relativ schnell gibt es große Kritik an diesem Warren-Report. Zurecht, denn vieles ist bei den Ermittlungen falsch gegangen. Wir wissen auch heute, dass das FBI, die Bundespolizei, und auch die CIA, der Geheimdienst, gar kein Interesse daran haben, dass genau ermittelt wird. Nicht, weil sie in die Ermordung irgendwo involviert sind oder da Verschwörer sind, sondern weil sie eine ganze Menge illegale Aktivitäten zu verstecken haben und auch Fehler im Schutz des Präsidenten, die sie verbergen wollen. Wir wissen heute, dass Lyndon Johnson der Untersuchungskommission den geheimen Auftrag gibt: Macht Oswald zum Einzeltäter. Warum? Nicht, weil er selber involviert war, sondern Lyndon Johnson hat Angst. Was wäre denn, wenn tatsächlich die Kubaner oder sogar die Sowjetunion involviert sind? Dann gibt es Krieg, und dann werden Millionen Menschen sterben.“ MUSIK 8 (Z8037020111 Alan Filip/Mac Prindy: Micropulse 1‘15) ERZÄHLERIN Wer war also involviert und wer nicht? Wer hat bei den Mordermittlungen welche Agenda?  Bei kaum einem anderen Thema wie den Schüssen auf JFK vermischen sich Fakten, Vermutungen und Fake News derart effektiv. Ein perfekter Nährboden für Alternativdeutungen und Verschwörungstheorien aller Art. Kann Oswald wirklich der Einzeltäter sein? War er mit der Mafia im Bunde, mit Castro-Anhängern, den Exil-Kubanern, oder gar der CIA? Konnte er mit dem Gewehr tatsächlich in Sekundenschnelle die drei Schüsse abgeben, mit einem nicht präzise eingestellten Zielfernrohr? Noch dazu geht der erste Schuss daneben, aber die zweite Kugel wird als „magische Kugel“ berühmt-berüchtigt. Sie trifft erst Kennedy, dann Connally, verursacht bei beiden Körpern insgesamt sieben Eintritts- und Austrittswunden und wird später - ohne größere Deformationen - bei Connallys Trage im Krankenhaus gefunden. Kann das sein? Und kamen nicht Schüsse aus unterschiedlichen Richtungen, wie manche Zeugen berichten?  Fragen über Fragen, die Gedankenspiele auslösen, und Skepsis. So etwa beim US-Regisseur Oliver Stone. OTON Oliver Stone (Quelle: kinokino-Archiv BR, frei verwendbar) „Even as a young man…involved in the murder.“ Schon als junger Mann, ohne vorgefasste Meinung über den Mord begann ich mir ein paar Fragen zu stellen, die von den Vertretern der Regierung ignoriert wurden. Denn damals fragte niemand, warum Kennedy getötet wurde. Die hauptsächliche Frage bei einem Mord lautet immer: wo ist der Mörder? Ich fragte aber: warum wurde Kennedy getötet? Wer profitierte davon? Und wer hatte die Macht den Mord zu decken? Doch niemand in den US-Medien stellte damals diese Fragen.  Für mich ist die plausibelste Erklärung des Mordes die von Jim Garrison, der die Aufmerksamkeit auf die Geheimdienste und deren Verstrickungen lenkte.“ ERZÄHLERIN 1991 erreicht die Kontroverse um den Kennedy-Mord einen Höhepunkt, als Oliver Stone mit JFK seine Sicht der Dinge als über dreistündiges Verschwörungsepos veröffentlicht, mit Kevin Costner prominent besetzt. Er verkörpert Jim Garrison, den Bezirks-Staatsanwalt von New Orleans, der Ende der 1960er Jahre das Kennedy-Attentat vor Gericht bringt. Garrison setzt einen gewissen Clay Shaw auf die Anklagebank, der mit möglichen Verbindungen zu Exilkubanern, Lee Harvey Oswald und zur CIA ins Visier der Ermittler geraten ist. Am Ende aber bleibt die Anklage wegen Verdachts der Verschwörung zum Mord am Präsidenten ohne konkrete Beweise. Shaw wird freigesprochen.  Dennoch wird der Vorwurf in Jim Garrisons Büchern und später in Oliver Stones Film deutlich: Kennedy sei durch einen Staatsstreich getötet worden, finstere Hintermänner in der CIA und aus dem militärisch-industriellen Komplex wollten verhindern, dass Kennedy den Kalten Krieg, den Vietnam-Krieg und damit die Aufrüstung stoppt.  Wie Jim Garrison vor ihm wird auch Oliver Stone massiv kritisiert, Fakt und Fiktion zu vermischen. Eine Kritik, die Andreas Etges teilt:  OTON Andreas Etges 5 „Oliver Stone zeigt nicht die Tatsachen, wie sie an dem Tag waren. Und ihm sind Dutzende faktische inhaltliche Fehler nachgewiesen worden. Aber der Film ist spannend, unterhaltsam. Er hat die Debatte befeuert und hat einen ganz großen Effekt gehabt, denn am Ende des Films wird gesagt, quasi keiner von uns wird noch erleben, dass diese Akten freigegeben werden, wo möglicherweise die Wahrheit drinsteht. Und durch den Film und die Kampagne, die die Filmfirma macht, gibt es ein Sondergesetz nur für Kennedy-Akten, die in irgendeiner Form mit der Kennedy-Ermordung zu tun haben. Millionen Seiten sind praktisch alle freigegeben worden, vielleicht noch ein, zwei Prozent nicht. Aber es hat was bewirkt: dass nämlich viel mehr Transparenz in dem ganzen Umfeld der Ermittlungen stattgefunden hat, so dass wir heute deutlich mehr über diesen Tag und auch die Fehler bei den Ermittlungen wissen, als wir es damals wussten.  Also der Film hat dadurch aus auch für Historiker und Historikerinnen eine sehr gute Wirkung gehabt. So problematisch er andererseits ist.“ MUSIK 7 (CD666410016 John Williams: Arlington 0‘37) ERZÄHLERIN Bis heute werden die Akten ausgewertet und halten das Interesse am JFK-Mord am Leben, in Form von immer neuen Büchern und Filmen, die spektakuläre Beweise versprechen und am Ende wenig mehr als Vermutungen bieten. Doch Kennedy bleibt weiterhin ein Publikumsmagnet: Der ewig Junggebliebene. Das Idol der Hoffnung, das nie altert und zur Frage einlädt: was wäre, wenn? Hätte er uns in eine bessere Welt geführt? Hätte er sich in seiner zweiten Amtszeit genauso in Vietnam verstrickt wie die Regierung von Lyndon Johnson? Oder hätte er sich aus Vietnam zurückgezogen und um ein rasches Ende des Kalten Krieges bemüht? Was ist aber mit dem Verlauf der Bürgerrechtsbewegung? Erst durch Kennedys Ermordung kam es zu einem überparteilichen Schulterschluss und in kürzester Zeit wurden liberale Reformprojekte und Gesetze angestoßen, die vorher undenkbar waren. Wären sie vom Senat und Kongress verabschiedet worden, hätte Kennedy gelebt? Viele Fragen, wenig Antworten. So bleibt John F. Kennedy weiterhin ein Mythos - im Leben wie im Tod. MUSIK 10 (CD666410017 John Williams: Finale 0‘45) OTON Andreas Etges 6 „Von daher lebt der Mythos tatsächlich auch davon, dass das unerfüllt geblieben ist. Eine ganz berühmte amerikanische Biografie zu Kennedy heißt im Untertitel „An Unfinished Life“, ein unvollendetes Leben. Aber wir können uns alle noch Vorstellungen machen, wie vollendet oder wie dieses Leben wohl weitergeführt worden wäre und was es sowohl für die USA als auch die Welt bedeutet hätte. Die Geschichte wäre sicherlich anders verlaufen, auch der Vietnamkrieg wäre anders verlaufen, da bin ich sicher. In welcher Form? Da kann man natürlich nur spekulieren.“ STOPP
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Dec 8, 2023 • 24min

Das rätselhafte Ende der Bronzezeit - Klärung in Sicht?

Um 1200 vor Christus brachen die reichen Kulturen der Bronzezeit im ganzen östlichen Mittelmeerraum zusammen. Das dramatische Ende der Epoche gilt als ein "Jahrhundert-Rätsel" der Archäologie. (BR 2018) Autor: Matthias HenniesCredits Autor dieser Folge: Matthias Hennies Regie: Martin Trauner Es sprachen: Peter Weiß, Irina Wanka Technik: Winfried Messmer Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview:Joseph Maran (Professor; Universität Heidelberg);Reinhard Jung (Dr.; Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien);Sigrid Deger-Jalkotzy (Professor; Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien) Linktipps: Einen spannenden Überblick über die „Bronzezeit – die vergessene Epoche“ gibt die Planet Wissen Podcast-Folge „Bronzezeit - Die vergessene Epoche“:DIESE FOLGE ANHÖREN Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT  Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik Wirr, bedrohlich,  Frauenschreie.  Sprecherin Die Welt war in Unruhe, Bedrohliches kündigte sich an, die Gerüchte flogen von Land zu Land über das Meer. Zitator Die zwanzig feindlichen Schiffe sind nicht hier geblieben, sondern, noch ehe sie die Hügel der Küste erreicht hatten, weiter gesegelt. Wo sie jetzt ihr Lager aufgeschlagen haben, wissen wir nicht. Ich schreibe Dir, um Dich auf dem Laufenden zu halten und zu schützen. Sei vorsichtig! Sprecherin Der Herrscher von Zypern schickte dem König von Ugarit in Palästina eine Warnung. Piraten segelten durch das östliche Mittelmeer, brandschatzten und mordeten - und niemand wusste, wohin sie als nächstes steuern würden.   Sprecher/Ansage: Das rätselhafte Ende der Bronzezeit  - Klärung in Sicht? Eine Sendung von Matthias Hennies Sprecherin Auf Zypern und Kreta, in Griechenland, Ägypten und Palästina lockte reiche Beute. Dort erlebten die etablierten Kulturen eine glanzvolle Blüte. Die Eliten mehrten ihren Wohlstand, der Handel florierte. Die Könige auf der griechischen Peloponnes, in den Palästen von Tiryns, Pylos und Mykene, bezogen Kupfer aus Zypern und exportierten Keramik, Wein und Parfum. Ihre Verwalter protokollierten den Austausch mit einer präzisen Buchführung.  Sie waren die ersten in Europa, die eine Form von Schrift nutzten. Silbenzeichen. Das Kupfer legierten Handwerker mit einem Anteil Zinn und stellten Bronze her, den Werkstoff für Waffen, Schmuck und Werkzeug.  Um 1200 vor Christus erreichte die Kultur der Bronzezeit im östlichen Mittelmeerraum ihren Höhepunkt. Doch so mächtig, so gut vernetzt die Staaten auch waren, im Lauf mehrerer Jahre, vielleicht auch Jahrzehnte, brachen die Hochkulturen zusammen. Paläste gingen in Flammen auf, Länder wurden entvölkert, Reiche zerfielen. Auch die Burg im griechischen Tiryns, gerade erst mit gewaltigen, neuen Mauern verstärkt, hielt nicht stand.  I. Atmo 005, 0‘10 Schritte im Kies  1. O-Ton Maran 005 1‘39 Das meiste, was hier noch steht, ist Teil der Baumaßnahme, die zwischen 1250 und 1200 vor Christus ausgeführt wurde. In dieser Zeit wurde die Unterburg neu ummauert, der Palast wurde neu errichtet, das alles zeigt uns, dass hier einer oder mehrere Herrscher von großer Machtfülle regiert haben, deren Namen wir aber leider nicht kennen. Sprecherin Die Mauern des Aufgangs, aufgetürmt aus riesigen Steinbrocken, haben überdauert. Doch oben auf dem Burgberg kann der Archäologe Joseph Maran noch heute Spuren der Zerstörung zeigen, die vor mehr als 3000 Jahren stattfand.   II. Atmo Burghof 005, 28’00 (nur unterlegen) 2. O-Ton Maran 005, 21‘10 Wenn wir hier rübergehen, Schuttablagerungen, die aus nichts anderem bestehen als verschmolzener Lehmziegelmasse, Holzbalken und Kalkmörtel und Steinen.  Die Steine, die Sie hier sehen, zeigen auch Sprünge, die auf eine sehr hohe Hitzeeinwirkung schließen lassen.  Sprecherin Das Plateau des Berges, auf dem einst ein großer Palast stand, mit zahllosen Räumen und Höfen, mit gekalkten und bemalten Wänden, ist heute kahl und leer. Der Lärm von der Landstraße schallt herauf, die unten in der Ebene zum Meer führt, ins Touristenzentrum Nafplion. Hinter den verkarsteten Bergen am Horizont liegen die Trümmer der Burg von Mykene, die ebenfalls im Feuersturm unterging.  Im 19. Jahrhundert hat Heinrich Schliemann hier die Reste der Mauern freigelegt, der berühmte Laien-Archäologe, der in Kleinasien auch die sagenhafte Stadt Troja fand. Der Heidelberger Professor Maran, der seit mehr als zwanzig Jahren in Tiryns forscht, zeigt, wo man durch den Burghof und mehrere Vorräume ins „Megaron“ gelangte, den Thronsaal mit der großen Herdstelle, den außer dem Herrscher und seiner Gemählin nur wenige Auserwählte betreten durften. 3. O-Ton Maran 005,   10‘24 Man sieht auf den Stümpfen des Palastes noch in Teilen die Schuttlagen des brandzerstörten Oberbaus der Mauern, die Mauern selbst sind sehr flach, das sind imgrunde aber nur die Steinfundamente des Aufgehenden, das aus Lehmziegelfachwerk bestanden hat.  Sprecherin Im Weltenbrand um 1200 vor Christus fielen die Reiche wie die Dominosteine: Nicht nur das mykenische Griechenland, auch das Imperium auf der Kupferinsel Zypern, die Kleinstaaten in Palästina, selbst die Herrschaft der mächtigen Hethiter in Anatolien – und eine kleine Handelsstadt nahe den türkischen Dardanellen namens Troja. Allein Ägypten widerstand. Pharao Ramses III. ließ einen Text in eine Wand seines Totentempels einmeißeln, in dem er sich rühmte, dass er sein Land vor den Aggressoren bewahrte:  Zitator Ich schütze es, indem ich die Neunbogen abwehre. Die Fremdländer vollzogen alle zusammen die Trennung von ihren Inseln. Es zogen fort und sind verstreut im Kampfgewühl die Länder auf einen Schlag!  Sprecherin Wer aber waren die „Fremdländer“? Neben den Inschriften und Reliefbildern am Nil berichten auch Tontafeln aus Anatolien und Palästina von Angreifern, die übers Meer kamen. Doch moderne Forscher konnten die Aggressoren nicht dingfest machen. Sie fanden keinerlei materielle Spuren von ihnen, nicht einmal ihre Wohnorte. Die Suche nach den „Seevölkern“ – wie man sie bald nannte – wurde zu einem archäologischen Jahrhundert-Rätsel. Schließlich begann man zu streiten, ob sie überhaupt existiert oder ob andere Ursachen zu der fatalen Krise geführt hatten.  Joseph Maran glaubte eine Weile, die Zerstörungen seien auf Erdbeben zurückzuführen, doch seismologische Untersuchungen in Tiryns und Umgebung bestätigten die These nicht. Andere Wissenschaftler verweisen auf klimatische Ursachen: Dürren und Temperatureinbrüche hätten die Landwirtschaft im Nahen Osten schwer geschädigt. Die Zerstörungsspuren und die Berichte von Piratenüberfällen lassen sich damit aber nicht erklären – und jetzt sind die oft schon belächelten Seevölker wieder in der Diskussion. Dr. Reinhard Jung, Archäologe bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, hat neue Spuren gefunden: Sie weisen zu den wenig erforschten, armen Kulturen Süditaliens.  4. O-Ton Jung 80-235, 8’12   Wir haben es im ganzen italienischen Raum mit Gesellschaften zu tun, die keine staatliche Organisation hatten und –  das ist hier entscheidend – auch keine schriftliche Verwaltung kannten, überhaupt keine Schrift kannten, das heißt, wir haben es dort mit Gesellschaften zu tun, von denen wir keine Aufzeichnungen besitzen.  Sprecherin Man weiß also nicht, wie sich diese Gesellschaften nannten. Doch Jung und seine Kollegen haben bei den Städten Lecce und Tarent, auf Sizilien und auf den Liparischen Inseln Siedlungen ausgegraben, die Kontakte ins mykenische Griechenland unterhielten. Diese Gemeinschaften waren nicht so hoch entwickelt wie die Reiche im östlichen Mittelmeer: Die Menschen bearbeiteten weder Gold noch Silber, ihre Tongefäße formten sie mit der Hand, weil sie die Töpferscheibe nicht kannten, Verzierungen mit Malerei und Skulpturen finden sich selten. Sie bildeten auch keine Königreiche mit differenzierter Sozialstruktur.  5. O-Ton Jung 80-235, 9‘50 Wir rechnen mit Häuptlingstümern, wir rechnen mit einer instabilen Herrschaft, die nicht institutionalisiert ist, wir haben keine Hinweise auf Dynastienbildung, aber auf sehr intensive überregionale Kontakte. Wir können also beispielsweise mit Kupferanalysen nachweisen, dass man in Süditalien offensichtlich angewiesen war auf Kupfer, das man aus dem südlichen Alpenraum importiert hat, das heißt also, ein wesentliches Rohmaterial musste regelmäßig aus einem relativ weit entfernten Gebiet zur See herangeschafft werden. Sprecherin Durch den Seehandel kamen die Italiener auch nach Griechenland. Ihre unverwechselbaren, handgefertigten Tongefäße finden sich häufig in mykenischen Siedlungen, nicht zuletzt in Tiryns. Umgekehrt stießen Ausgräber in italienischen Dörfern auf die kunstvollere, scheibengedrehte Keramik der Mykener – die hier ein seltenes, exotisches Importgut war: Ein Beispiel für das große Entwicklungsgefälle zwischen den Kulturen im östlichen und westlichen Mittelmeerraum. Eine Ausnahme bildete das Bronzehandwerk: Die Italiener schmiedeten die besseren Bronzewaffen. 6. O-Ton Jung 80-235, 29‘54 Bei den Schwertern kann man sagen, dass damit auch eine neue Kampfweise einherging, denn zur selben Zeit war das mykenischen Militär mit Kurzschwertern ausgestattet, die zum Stich geeignet waren, wohingegen diese italienischen Schwerter also Hieb- und Stichwaffen gewesen sind, die im Nahkampf den mykenischen Schwertern überlegen gewesen sind -  Sprecher So dass die Piraten auch deshalb zu gefürchteten Gegnern wurden. Dass tatsächlich Krieger aus Süditalien die Länder des Ostens überfielen, belegt Reinhard Jung vor allem mit Reliefs vom Totentempel Ramses‘ III., auf denen der Kampf der Ägypter gegen die „Seevölker“ in Text und Bild festgehalten ist.  7. O-Ton Jung 80-235, 51‘25 Die Schiffe der so genannten Seevölker sind immer im gleichen Typ dargestellt und dieser Typ zeichnet sich dadurch aus, dass sowohl auf dem senkrechten Bugaufbau als auch auf dem Heckaufbau ein Wasservogelkopf aufgesetzt ist.  Sprecherin Den Schiffstyp mit den beiden Vogelköpfen hat der Archäologe auf stilisierten Darstellungen aus Italien wiedergefunden – Schiffe aus dem östlichen Mittelmeer dagegen hatten nur eine Verzierung auf dem Bug. Auf den ägyptischen Reliefs tragen die Aggressoren auch auffällige Helme, aus denen eine Art Federbusch heraussteht. Daran lässt sich ebenfalls die Spur nach Italien zurückverfolgen, denn bei Ausgrabungen kamen dort vergleichbare Helme ans Licht, die am oberen Rand offenbar mit Büscheln von Pflanzenfasern geschmückt waren.  Musik wie oben Sprecherin Vermutlich löste das Wohlstandsgefälle die Überfälle aus. Aus langjährigen Handelskontakten wussten die italienischen Häuptlinge, wie viel Gold und Silber in den mykenischen Palästen lag. Da sie ihren Gefolgschaften Beute bieten mussten, um ihre Herrschaft zu sichern, führten sie ihre Krieger eines Tages auf Raubzug in die Ägäis. Einzelne Gruppen der „Seevölker“ nahmen wohl auch ihre Familien mit, um sich in den wohlhabenden Ländern im Osten niederzulassen.  Der selbe Ablauf ist aus vielen historischen Beispielen bekannt, er wiederholte sich bei Germanen und Wikingern, bei den Reitervölkern der eurasischen Steppen und den Beduinen aus der arabischen Wüste. Doch allein die Beutezüge der Seevölker brachten die bronzezeitliche Welt um 1200 vor Christus nicht zum Einsturz. Vermutlich kamen ökonomische Probleme hinzu: Forscher stellten fest, dass der griechische Handel einbrach und dass sich in Tiryns die Qualität des Getreides drastisch verschlechterte. In der Folge könnten in den mykenischen Königreichen auch interne Unruhen ausgebrochen sein.  8. O-Ton Jung 80-235, 1:40‘16 Die Paläste selber sind durch Feuer zerstört worden. Und zwar anscheinend auch selektiv: In Tiryns kann man das sehen, da ist die Oberburg im Feuer untergegangen, die Unterburg ist nicht verbrannt. Und das deutet daraufhin, dass es möglicherweise ein sozialer Konflikt gewesen ist, der dahinter gestanden hat. Sonst würde man erwarten, dass die gesamte Burg abgebrannt ist – oder einfach nur geplündert wäre.  Sprecherin Und was kam danach? Die Königreiche zerfielen, die Bevölkerung schrumpfte, der Fernhandel brach ab. Die Schrift wurde nicht mehr gebraucht und geriet in Vergessenheit. Doch in der kollektiven Erinnerung lebte das weltumspannende Desaster fort. Nach rund vierhundert Jahren formte der griechische Dichter Homer aus mündlich überlieferten Erzählungen und Gesängen die „Ilias“ und die „Odyssee“, die Epen über den Untergang Trojas und die Götter und Helden der Bronzezeit. Auf diese Zeit datieren Historiker den Beginn der Klassischen Antike. Die Zwischenphase aber blieb lange unerforscht – sie galt als eine Epoche des Verfalls und der Dunkelheit.  I. Atmo 005, 0‘10 Schritte im Kies Sprecherin Doch dieses Bild muss jetzt korrigiert werden: Die Geschichte verlief nicht in Brüchen, sondern kontinuierlich. Dass das reiche kulturelle Niveau der Bronzezeit nicht vollständig verloren ging, wird deutlich, wenn man noch einmal mit Joseph Maran auf die Burg von Tiryns hinaufsteigt. Im zentralen Raum des Palastes glückte Maran und seinem Team vor einigen Jahren eine spektakuläre Entdeckung: Sie konnten nachweisen, dass der Thronsaal, das „Mégaron“, nach dem Brand neu aufgebaut worden war.  II. Atmo Burghof 005, 28‘00 9. O-Ton Maran 005, 12‘12 Gehen wir doch mal rein, was erhalten ist. Und zwar gelang uns der Nachweis dadurch, dass wir Pfostengruben für Holzpfosten gefunden haben, die durch C-14-Messungen ein klar spätest-mykenisches Alter ergeben haben.  Sprecherin Die Löcher für neue Stützpfosten wurden durch den alten Estrich hindurchgetrieben.  Dann baute man das „Megaron“ mit neuen Seitenwänden wieder auf – nur etwas schmaler als den früheren Thronsaal, weil die Gemeinschaft kleiner geworden war.  10. O-Ton Maran 005, 13‘43 Das gehört genau in diesen Kreis des Sonderstatus von Tiryns nach 1200 vor Christus, dass man hier eine Versammlungshalle hineingebaut hat,  dieses schmale Megaron wurde um den Thronplatz herumgebaut, man wollte den Thronplatz auf jeden Fall hineinnehmen in diese neue Bauplanung, dieses Podest blieb an Ort und Stelle stehen. Sprecherin Rundherum ließen die neuen Herren die Ruine des Palastes stehen, daher liegt der Brandschutt noch heute auf den alten Mauerstümpfen. Doch den wichtigsten Raum, das politische Herz der Anlage, nutzten sie wieder. Sie stellten sich damit als Erben der mykenischen Herrscher dar, so legitimierten ihren Führungsanspruch.  III. Atmo Grabung 001, 0’00 (durchgehend unterlegen) Sprecherin Sie knüpften auch an ein prestigeträchtiges Bauprojekt ihrer Vorgänger an: eine große neue Siedlung unterhalb des Burgbergs.  11. O-Ton Maran 001, 2’25      Kurz nach 1200 fing in diesem Bereich eine Bauplanung an, die ziemlich einzigartig ist. In einer Zeit, die von vielen als der Beginn der Dunklen Jahrhunderte angesehen wird, hat man hier begonnen, eine völlig neue Stadt zu planen und im großen Stil in die Tat umzusetzen.  Sprecherin Dieser Siedlung legt Maran jetzt mit einem internationalen Team frei. Die Fläche liegt zwischen der viel befahrenen Fernstraße nach Nafplion und einer Farm für Biogeflügel. Unter bunten Sonnenschirmen hocken Studierende aus Heidelberg auf dem Boden, griechische Grabungsarbeiter rollen Schubkarren herbei. Die gesamte Fläche ist in kleine Quadrate unterteilt, in denen die Archäologen vorsichtig Schicht für Schicht tiefer graben. Der Chef wechselt zwischen den Quadraten hin und her. Sobald sich ein Fund abzeichnet, ist er zur Stelle.  12. O-Ton Maran 001 58’53    Griechisch- das ist ein Eberzahn von einem Eberzahnhelm – griechisch – das ist eine Lamelle von einem Eberzahnhelm. Sollen wir die einmessen? Ja! Die ist bearbeitet, die ist hochgradig bearbeitet. Oxi, oxi, das ist kein Elfenbein, das ist Eberzahn. Sprecherin In allen Grabungsquadraten haben die Ausgräber regelmäßige Mauerfundamente aus der Gründungsphase der Siedlung gefunden. Sie erkennen daran, dass die Stadt aus vielen, einheitlichen Gebäudemodulen bestand: Mehrere rechteckige Bauten waren jeweils um einen Hof mit einer großen Herdstelle gruppiert. Weil man noch Essensreste identifizieren konnten, kennen die Archäologen sogar den Speiseplan der Bewohner: 13. O-Ton Maran 001, 9‘01 Was man gegessen hat in der Zeit, waren hauptsächlich Getreidebreie und Hülsenfrüchte mit und ohne Fleisch. Dann gab es noch besondere Anlässe, bei denen man noch andere Zubereitungsarten angewandt hat, also neben dem Köcheln in Breien und herzhaften Suppen hat man auch Fleisch am Spieß gebraten – der Ursprung des Souvlaki liegt tief in der griechischen Urgeschichte – und das kennt man ja auch aus Homers Erzählungen, wie wichtig der Spießbraten für die Helden war, das war schon eine gehobenere Art der Zubereitung, die es aber auch gab.  Sprecherin Die Siedlung war offenbar aus Nachbarschaftsgruppen aufgebaut, die sich voneinander abgrenzten. Innerhalb der Gebäudemodule fanden die Archäologen mehrfach Versammlungshallen, in denen man sich vermutlich traf, während auf dem Herd im Hof gekocht wurde. Nachdem die komplexen alten Machthierarchien zerbrochen waren, fielen so wohl die politischen Entscheidungen: in kleinen Männergruppen, die mit ihrem Häuptling berieten, während sie zusammen aßen. 14. O-Ton Maran 001, 17’40 Ich glaube, dass es Gremien gegeben hat, die sich regelmäßig getroffen haben auf Siedlungsebene und dazwischen gab es kleinere soziale Gruppen, die gemeinsam gespeist haben. Das gemeinsame Speisen ist eine unglaublich wichtige Quelle der Verfestigung sozialer Ordnungen, aber auch der Neudefinition sozialer Ordnungen, je nachdem, wer eingeladen wird oder nicht eingeladen wird, also das Kochen im Umfeld solcher Versammlungshallen ist nicht nur das Decken des alltäglichen Bedarfs gewesen, sondern weit mehr.  Sprecherin Und wer wohnte vor rund 3200 Jahren in der neuen Siedlung? Eine sehr heterogene Gemeinschaft, vermutet Maran. Tiryns liegt nur anderthalb Kilometer vom Meer entfernt. In den Gebäudegruppen könnten also Menschen gelebt haben, die aus unterschiedlichen Ländern übers Meer gekommen waren und sich deshalb von einander abgrenzten. Da viele ihr gewohntes Kochgeschirr mitbrachten, kann man ihre Herkunft manchmal an der Form ihrer Tongefäße ablesen.  15. O-Ton Maran 001 23’03  Wir sehen vor allem in bestimmten Formen der Haushaltskeramik, der Kochtöpfe und der Vorratsgefäße, Formengebungen, die eindeutig italienischen Ursprungs sind. Wir wissen nicht, wie lange diese Menschen hier gelebt haben und wie viele davon ursprünglich tatsächlich aus Italien kamen, aber diese kulturellen Traditionen waren fest verwurzelt hier im 12. Jahrhundert. Sprecherin Die Gemeinschaft in Tiryns zerfiel nach zwei Generationen wieder. Aber in anderen Gegenden Griechenlands bildeten sich dauerhaftere neue Strukturen und eine andere Lebensweise entstand. Menschen bauten ihre Dörfer jetzt an besser geschützten Stellen – statt am Meeresufer auf Anhöhen oder auf Inseln – und die Zahl der Bewohner blieb relativ gering. Das Leben spielte sich in kleinteiligen Siedlungs- oder Verwandtschaftsverbänden ab, meist mit einem herausragenden Krieger an der Spitze. Aus dieser Position entwickelte sich im Lauf der Zeit ein Kleinkönig, ein „Basileús“, erzählt Sigrid Deger-Jalkotzy, Archäologie-Professorin bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: 16. O-Ton Deger 95-250, 16‘20 Der Basileus, der wird ja in der Eisenzeit dann zum Führer eines solchen Verbandes und bei Homer dann der König. Und die wirtschaftliche Grundlage ist jetzt auch ein Haus-Verband. Die sind jetzt architektonisch gebildet aus Gehöften mit Wohneinheiten, mit Wirtschaftsgebäuden und auch mit Werkstätten. Sprecherin Der Handel lebte wieder auf, wurde aber anders organisiert als in der mykenischen Kultur. Da es keine komplexen staatlichen Strukturen und keine schriftkundigen Verwalter mehr gab, endete der großangelegte Austausch mit dem Reich der Pharaonen und dem östlichen Mittelmeerraum. Stattdessen traten die Griechen in engeren Kontakt mit Kulturen auf ähnlichem Niveau: den Gemeinschaften in Süditalien und auf dem Balkan.  17. O-Ton Deger 26‘12 Ich nehme an, dass sich das eher zwischen Einzelpersonen, die miteinander engere Verbindungen hatten, gastfreundschaftliche Verbindungen, eheliche Verbindungen vielleicht, dass sich das in diesem Mikro-Bereich abgespielt hat. Diese großen staatlichen Verbindungen gab es dann nicht mehr oder auch keine Kaufleute mehr im Auftrag einer staatlichen Organisation.  Sprecherin Nach und nach lernte man den neuen Werkstoff, nach dem die nächste Epoche „Eisenzeit“ genannt wird, besser zu verarbeiten. Schließlich begannen manche Gemeinschaften wieder mit Großbauten wie Thronsälen und Heiligtümern. Einige Gewohnheiten und Ideen der vergangenen Zeit aber lebten weiter: Archäologen stellen fest, dass sich metallene Bratspieße nach wie vor großer Wertschätzung erfreuten, ebenso Dreifüße, auf denen man Kessel aufstellte. Diese Gegenstände spielen dann auch in Homers Epen eine wichtige Rolle. Die beeindruckendste Verbindung zwischen den Epochen findet sich jedoch in den Bildern auf Tongefäßen: 18. O-Ton Deger 29‘45 Man hat Funde von Krateren, also großen offenen Gefäßen, die zum Mischen von Wasser und Wein gedacht waren, mit figuralen Szenen, die spiegeln dann das Leben dieser Aristokraten, also Jagd, Kampf selbstverständlich – und das Interessante ist, dass das Szenen sind, also Erzählungen. Fast schon wie das Epos: Auszug in den Kampf, wo dann hinter den Kriegern bei den Henkeln die Frau steht mit dem Klagegestus. Was wahrscheinlich darauf hindeutet, dass die Krieger nicht mehr heimkommen werden. Sprecherin Wahrscheinlich handelten davon auch viele Sagen und Heldenlieder. Sie wurden mündlich von Generation zu Generation überliefert – und die Häuptlinge, aus denen allmählich Könige wurden, beriefen sich darauf, um ihre Herrschaft zu legitimieren: Sie stellten sich in eine Reihe mit den Helden der Bronzezeit, die im kollektiven Gedächtnis noch präsent waren. Aus den Erzählungen und Gesängen formte Homer dann im 8. Jahrhundert vor Christus die berühmten Epen über den Trojanischen Krieg, die sich bis heute erhalten haben, weil die Griechen nun von den Phöniziern die Alphabetschrift übernahmen und an ihre Sprache anpassten. Die Klassische Antike brach an, eine neue Kulturblüte, die sich nach dem Ende der Bronzezeit über vier Jahrhunderte kontinuierlich vorbereitet hatte.  19. O-Ton Deger 42‘00 Es war eine sehr kreative Zeit. Ich würde nie wieder sagen wollen, dass es eine Zeit der Verhaltenheit, der Isolierung, war. Oder dunkle Jahrhunderte, davon kann man nicht sprechen. 
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Dec 7, 2023 • 23min

Die Tage vor den Tagen - PMS, das prämenstruelle Syndrom

Stimmungsschwankungen bis hin zu depressiven Verstimmungen, Brust- und Unterleibsschmerzen, unreine Haut, Heißhunger, Schlafstörungen - viele Menstruierende leiden unter dem prämenstruellen Syndrom oder prämenstruellen dysphorischen Störungen. Was steckt dahinter und wie kann man den Patientinnen helfen? Autor: Caro Matzko Credits Autor/in dieser Folge: Caro Matzko Regie: Martin Trauner Es sprachen: Thomas Birnstiel, Julia Fischer, Peter Veit Technik: Christine Frey Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview:Prof. Dr. Med. Vanadin Seiffert-Klaus, Gynäkologische Endokrinologie und Kinderwunsch; Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde im Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München;Daniela Wolf, Autorin des Buches „PMDS“ (TRIAS-Verlag), 1. Deutsche PMDS-Mentorin, Gründerin von Selbsthilfegruppen und Online-Community zum Thema;Prof. Dr. Med. Brigitte Leeners, Klinikdirektorin, Leitung Klinische Forschung für Reproduktions-Endokrinologie am Universitätsspital Zürich;Franka Frei, Autorin des Manifests gegen das Menstruationstabu „Die Periode ist politisch“ (Heyne Verlag) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Der weibliche Zyklus - Lebenskreislauf im VerborgenenJETZT ANHÖREN Hormone - Signalgeber und BotschafterJETZT ANHÖREN Schwangerschaftstests - Emanzipierte MedizingeschichteJETZT ANHÖREN Frauen leiden anders - Männer auchJETZT ANHÖREN Die Gebärmutter, der Uterus - Viel mehr als ein Teil des GeschlechtsorgansJETZT ANHÖREN Wir empfehlen außerdem diese Folge von ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN:FRAUENGESCHICHTEN: Ungewollt schwanger um 1700JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Daniela Wolf: PMDS - Wege zu einem entspannten Zyklus: Therapie und Selbsthilfe bei extremen Stimmungsschwankungen und Schmerzen. (TRIAS Verlag) Franka Frei: Die Periode ist politisch, ein Manifest gegen das Menstruationstabu (Heyne Verlag) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZSP 1 (Prof. Leeners -  PMS ist eine Krankheit; Franka Frei -  PMS ist keine Krankheit  Daniela Wolf – Symptome; Vanadin Seiffert-Klauss -  Symptome; Franka Frei -  Die Periode ist politisch) ZITATOR „Die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverständnisse.“ SPRECHER …das war der vermutlich einzige Tampon-Werbeslogan, der berühmt wurde - aus dem Jahr 1994. Und diese missverständliche Geschichte reicht bis in die Antike zurück: Hippokrates, einer der Urväter der Medizin, bezeichnete die Gebärmutter als „Wurzel von tausend Übeln“. Und der Philosoph Platon war der Überzeugung, dass der Uterus, wenn er unbewohnt - also ohne Embryo bliebe - sich in eine Art „Wuterus“ verwandelte, der durch den weiblichen Körper wandern würde, um sich schließlich am Hirn festzubeißen.  Und bis heute wird Frauen in einigen Regionen der Welt erzählt, dass sie sich für ihre Periode schämen müssen: SPRECHERIN In Nepal werden Frauen in so genannte Menstruationshütten verbannt, beklagt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen.  Und in Indien versäumt laut einer Umfrage der UNESCO eines von fünf Mädchen die Schule, sobald die Periode eintritt. SPRECHER Bis heute sind Frauen also damit befasst, die Periode an sich, aber auch die Begleiterscheinungen, zu verstecken und zu verheimlichen. Wobei gerade die Symptome an den Tagen vor den Tagen gewaltig sein können.  Die Medizin hat 150 körperliche und psychische Symptome gesammelt, die beim Auf und Ab der Hormone im Lauf des Zyklus auftreten können.  Sie alle werden in der Diagnose „PMS“, also prämenstruelles Syndrom, zusammengefasst:  MUSIK: „Luicid mind“ – C160849#004 (0:32) SPRECHERIN Wasseransammlungen im Gewebe SPRECHER Stimmungsschwankungen SPRECHERIN Brustspannungen SPRECHER Traurigkeit bis hin zur Depression SPRECHERIN Unterbauchschmerzen und -krämpfe  SPRECHER Reizbarkeit und Aggressivität SPRECHERIN Kopf- und Rückenschmerzen SPRECHER Schlafstörungen SPRECHERIN Müdigkeit SPRECHER Konzentrationsstörungen  SPRECHERIN Migräne SPRECHER Angstzustände SPRECHERIN Appetitlosigkeit SPRECHER Vermindertes Selbstwertgefühl SPRECHERIN Heißhunger SPRECHER Antriebslosigkeit SPRECHERIN Suizidgedanken MUSIK aus SPRECHER All diese Symptome können einige Tage bis zu zwei Wochen vor der Periode auftreten und verschwinden meist mit dem Beginn der Regelblutung. Wie das PMS, also das prämenstruelle Syndrom, sich anfühlt, kann von Monat zu Monat unterschiedlich sein. Manche Frauen spüren im Alltag kaum etwas, andere fühlen sich stark eingeschränkt.  SPRECHERIN Bei einem kleinen Prozentsatz der Frauen werden vor allem die psychischen Symptome des PMS so gravierend, dass dafür ein neuer Begriff eingeführt wurde: die prämenstruelle dysphorische Störung PMDS oder auf Englisch PMDD, premenstrual dysphoric disorder. SPRECHER Prof. Vanadin Seifert-Klauss ist Leiterin der gynäkologischen Endokrinologie am Klinikum rechts der Isar in München. ZSP 2 Vanadin Seifert Klaus -  Wer hat alles PMS? „ Ungefähr 95 % aller Frauen bemerken, dass sie kurz vor der Periode andere Symptome haben im weitesten Sinne, andere körperliche Erscheinungsformen haben als zu anderen Phasen des Zyklus. Ungefähr 30 bis 40% haben jemals behandlungsbedürftige prämenstruelle Symptome verspürt vom Schmerz, den man mit einem Schmerzmittel kurz bekämpft über sehr viel stärkere Ausprägungen und endet dann bei der prämenstruellen dysphorischen Störung die gekennzeichnet sind durch emotionale körperliche und verhaltensmäßige Veränderungen während der prämenstruellen Phase ,die mit einem klinisch relevanten Leiden und deutlicher Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit einhergehen. Und das betrifft ungefähr 3 bis 8 Prozent der Frauen.“ SPRECHERIN 95 % der Frauen kennen also das prämenstruelle Syndrom, 3 bis 8 Prozent haben die hierzulande noch recht selten gestellte Diagnose PMDS attestiert bekommen.  MUSIK: „music for a decent future“ – C160849#026 (0:52) SPRECHER Fest steht: Dass Frauen sich an den Tagen vor den Tagen mitunter anders fühlen, ist etwas ganz natürliches, das aber trotzdem seit jeher pathologisiert wurde. Schon in der Antike beobachteten die griechischen Gelehrten ein angeblich typisch weibliches Verhalten, das sich jeden Monat aufs Neue wiederholte und das sie „Hysterie“ tauften. Benannt nach einem nur in Frauen entdeckten Organ - der Gebärmutter, griechisch „hystera“. Platon verdächtigte die Gebärmutter, für die so genannte Hysterie verantwortlich zu sein. Heute wissen wir: Nicht die Gebärmutter allein ist für den Zyklus und seine komplexe PMS-Symptomatik verantwortlich, sondern das Auf und Ab der dabei beteiligten Hormone - also der biochemischen Botenstoffe, die für viele zentrale Abläufe und Entwicklungen bei Frau wie Mann verantwortlich sind. Der Endokrinologe Prof. Martin Reincke von der Ludwig-Maximilians-Universität München hat für die Funktionsweise einen sehr schlüssigen Vergleich: ZSP 3 Martin Reincke -  aus Hormonfolge Post Vergleich (00:26) „Das Hormonsystem ist ein inneres Kommunikationssystem, das wie die deutsche Bundespost funktioniert. Also ein Brief wird eingeworfen, mit dem Blut an eine andere Stelle transportiert und die Botschaft kommt an. Und wo der Brief wieder geöffnet wird, verändert sich etwas auf zellulärer oder Organ-Ebene.“   SPRECHERIN Beim Menstruationszyklus, der im Schnitt 28 Tage dauert, gibt es vier hormonelle Haupt-Akteure, die jeden Monat aufs Neue ein äußerst kompliziertes und beeindruckendes Zusammenspiel rund um den Eisprung aufführen: MUSIK: „Contradiction“ – C160849#023 (1:35) SPRECHER Akteur Nummer 1: Das follikelstimulierende Hormon FSH SPRECHERIN FSH stößt zunächst einmal die Reifung der Eibläschen - auch Follikel genannt - im Eierstock an. Jeden Monat reift ein Follikel mit einer Eizelle im Inneren heran. Die Follikel produzieren…  MUSIKAKZENT // TUSCH?! SPRECHER Akteur Nummer 2: Das Östrogen SPRECHERIN Östrogene sind für den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut relevant, die nötig ist, damit sich ein befruchtetes Ei einnisten kann. Der steigende Östrogenspiegel im Blut gibt sodann das Kommando zum Anstieg von LH. Also von… MUSIKAKZENT // TUSCH?! SPRECHER Akteur Nummer 3: das luteinisierende Hormon. SPRECHERIN Das LH gibt nun den Startschuss für den Eisprung. Nachdem ein Follikel geplatzt ist und die Eizelle auf die Reise schickt. Drumherum bildet sich nun der so genannte Gelbkörper. Im Gelbkörper wird nicht nur Östrogen produziert, sondern auch … MUSIKAKZENT // TUSCH?! SPRECHER Akteur Nummer 4: das Progesteron, auch Gelbkörperhormon genannt SPRECHERIN Progesteron unterstützt den weiteren Aufbau der Gebärmutterschleimhaut. Kommt es zu keiner Befruchtung der Eizelle durch ein Spermium, geht der Gelbkörper zugrunde. Die Progesteron- und Östrogenspiegel im Blut sinken wieder, die Gebärmutterschleimhaut wird abgestoßen und es kommt zur nächsten Monatsblutung.  Prof. Martin Reincke:  ZSP 4 Martin Reincke -  Hormonzyklus der Frau Diese 28 Tage passiert jeden Tag etwas anderes, obwohl immer dieselben Hormone beteiligt sind.  SPRECHER Im Lauf des Menstruationszyklus verändern sich also die Pegel der beteiligten Hormone. Die Botenstoffe sind durch unseren Blutkreislauf überall im Körper unterwegs - die Gefäße sind so etwas wie ihre Autobahn - ein immer wiederkehrendes Auf und Ab, gleich einer Wellenbewegung. Vom einen Botenstoff wird mehr produziert, während der andere schon wieder abgebaut wird. So weit, so verständlich.  Doch bei diesen Auf- und Abbauprozessen der vier hormonellen Hauptakteure entstehen auch so genannte Metaboliten, also Abbauprodukte von Stoffwechselvorgängen, erklärt Prof. Brigitte Leeners vom Universitätsspital Zürich: ZSP 5 Leeners – Hormone und ihre Metaboliten (1:06) „Die ganze Geschichte ist viel, viel komplexer, weil die Hormone haben ganz viele Abbauwege. Und die Metaboliten, die entstehen, haben teilweise auch eine Wirkung. Man weiß nicht genau, welcher Metabolit welche Wirkung wo hat, die Abbauwege sind auch individuell sehr, sehr verschieden. Da spielen auch genetische Voraussetzungen der Frauen  SPRECHER Das ist vielleicht auch der Grund, warum das prämenstruelle Syndrom je nach genetischer Disposition, nach Alter und Sensibilität der Betroffenen ganz anders ausfallen kann. Die meisten haben daher auch unterschiedliche Strategien im Umgang mit den Symptomen: SPRECHERIN Von Mönchspfeffer-Tabletten, also einem uralten Heilkraut und der traditionellen Wärmflasche, über Meditation bis zu Schmerzmitteln wie zum Beispiel Ibuprofen, Buscopan oder Paracetamol – die Hausapotheke kann so groß sein wie die Symptompalette.  SPRECHER Prof. Vanadin Seifert-Klauss vom Klinikum rechts der Isar in München weiß, was einen „Benefit“ haben kann, also: was wirklich hilft. ZSP 6 Seifert-Klauss: Was hilft gegen PMS? (1:37) „Da gibt’s einige Studien, wo es eine Evidenz für einen Benefit gibt und überraschenderweise ist Kalzium in dieser Zeit vor den Tagen ganz hilfreich. Wenn wir zu wenig Kalzium im Blut haben, dann kann das die Krampfneigung verstärken. Wir wissen auch, dass kohlehydratreiche Ernährung in diesen Tagen sich positiv auswirkt, also da nicht Diät halten. Für Vitamin B gab es einen kleinen Benefit in Studien. Andere Studien haben zu Magnesium, Mönchpfeffer, nicht so eindeutige, sondern eher gemischte Ergebnisse erbracht. Auch Johanniskraut und Gingko gibt es eigentlich keine guten Studien dazu.  MUSIK: „Luicis mind“ – C160849#004 (0:32) SPRECHER Wenn die PMS-Symptome, vor allem die psychischen, die Patientinnen an den Tagen vor der Monatsblutung stark mitnehmen - also Angstzustände, depressive Phasen, Aggressivität und Reizbarkeit den Alltag und das Leben beeinträchtigen - dann kann das ein Hinweis auf eine prämenstruelle dysphorische Störung sein.  SPRECHERIN So wie bei Daniela Wolf: Sie bekam 2013 die Diagnose PMDS – nach einem jahrzehntelangen Leidensweg und aufwendiger eigener Recherche.  ZSP 6b PMDS Daniela Wolf Symptome O-Ton (00:16) „Die Symptompalette war riesig, also körperlich fast alles: Brustschmerzen, Kreuzschmerzen, Ödeme, Migräne, Krämpfe, Kopfschmerzen, Schwindel. Und psychisch war bei mir tatsächlich Impulsivität und Aggressivität sehr stark ausgeprägt.“  SPRECHERIN Daniela Wolf nimmt damals, wie viele Frauen ihrer Generation, jahrelang die Anti-Baby-Pille - bis sie 24 Jahre alt ist. Als sie sie absetzt, verschlimmern sich ihre Menstruationsbeschwerden von Zyklus zu Zyklus. Sie informiert sich, liest sich ein und lässt sich beim Frauenarzt untersuchen. Daniela bekommt die Diagnose „polyzystisches Ovarialsyndrom“, eine Hormonstörung, die sich auf die Eizellreifung auswirkt. Für sie selbst waren jedoch ihre psychischen Reaktionen auf die Schwankungen im Zyklus am gravierendsten.   Daniela stößt im Internet auf das Krankheitsbild PMDS- und erkennt sich wieder. Sie druckt alle Fachartikel aus und bringt sie zu ihrem Gynäkologen. Er bestätigt ihre Selbstdiagnose schließlich nach Rücksprache mit einer Kollegin und verschreibt Daniela ein Antidepressivum, das sie täglich einnehmen muss.  SPRECHER  Prof. Dr. Leeners vom Universitätsspital Zürich hat jedoch auch gute Erfahrungen in der Therapie von PMDS gemacht: mit mikrodosierten Antidepressiva. ZSP 7 Dr. Leeners Microdosing Antidepressiva (1:12) “Normalerweise setzt man Antidepressiva kontinuierlich ein und in Zusammenhang mit dem PMDS wirken sehr niedrige Dosierungen schon. Ich verschreibe das gern mit Präparaten, die man auch mit Tropfen dosieren kann. Das ist die einzige Indikation, bei der man auch in Erwägung ziehen kann und das gute Wirkung gezeigt hat, dass man die nur in der zweiten Zyklushälfte einsetzen kann. Aber das muss man im Einzelfall testen und schauen, ob das die gewünschte Besserung bringt.  SPRECHERIN Daniela Wolf hat inzwischen viele Fachartikel gelesen und kennt die Schwierigkeiten bei der Diagnose von PMDS.   ZSP 8 PMDS Dani Wolf -  PMDS ist lebensgefährlich (00:46) „… mit den Hormonen ist meistens alles in Ordnung. Das wird immer sehr oft falsch dargestellt. Denn das ist die größte Problematik bei der Erkrankung -  die Hormone sind meistens in Ordnung in unsrem Gehirn passieren negative Reaktionen auf völlig normale Schwankungen im Zyklus, die alle Menschen mit Uterus haben, diese Schwankungen. Der eklatanteste Unterschied ist: mit PMS ist man nicht suizidgefährdet -  PMDS kann aber zum Tod führen.“ SPRECHERIN Daniela Wolf hatte früher in der Woche vor der Menstruation Momente, in denen ihre „innere Dunkelheit“ so unerträglich wurde, dass sie Todessehnsucht spürte. Und sie sagt heute: Viele haben diese Momente, aber sie sprechen darüber nicht gern, weil sie sich dafür schämen.  SPRECHER Übrigens: Daniela Wolf - und häufig auch Medizinerinnen und Mediziner - nutzen ganz bewusst die Formulierung „Menschen mit Uterus“, wenn sie über Betroffene sprechen. Denn das schließt auch all diejenigen mit ein, die eine Gebärmutter haben, sich jedoch nicht unbedingt als Frau identifizieren. SPRECHERIN Prof. Vanadin Seifert-Klauss vom Klinikum Rechts der Isar in München empfiehlt Betroffenen mit PMDS ebenfalls, je nach Fall, die Einnahme von Antidepressiva. Doch die Scham und das Stigma, unter depressiven Verstimmungen zu leiden und vielleicht einen Psychiater oder eine Psychiaterin aufsuchen zu müssen, die Antidepressiva verschreiben können, sind groß: ZSP 9 Seifert Klauss: Antidepressiva gegen PMDS (01:06) Viele Patientinnen, die ich in der Hormonsprechstunde gesehen habe, wollten das nicht für sich in Anspruch nehmen. Die haben gesagt: Ich bin doch nicht psychisch gestört. Das ist abhängig vom Leidensdruck und wie man es vermittelt, das kann auch gegen prämenopausale Beschwerden, gegen Hitzewallungen helfen, da werden Vierteldosen diskutiert.  Wer suizidale Gedanken hat, muss bitte psychiatrisch Hilfe suchen. Ganz eindeutig.  MUSIK: „music for a decent future“ – C160849#026 (0:30) SPRECHERIN Daniela Wolf hat das Antidepressivum geholfen, wieder aktiv zu werden. Sie hat Selbsthilfegruppen gegründet, zuhause und auch online auf Instagram, hat ein Buch geschrieben und coacht Frauen mit der gleichen Problematik. Denn das Alleinsein mit dieser Erkrankung, sagt sie, ist für viele ein großes Problem. Reden helfe - und sie rät, offen mit der Erkrankung umzugehen.  ZSP 10 PMDS Dani Wolf -  was tun?  Der erste und wichtigste Rat ist immer mit einem Tagebuch anzufangen, das zu schreiben. Ein Zyklustagebuch, aber auch in Verbindung mit einem Emotionstagebuch, wie ein klassisches Tagebuch, wo man von seinem Tag erzählt, aber den Zyklus mit einbezieht. SPRECHER  Zum Zyklustagebuch raten auch Expertinnen wie Prof. Brigitte Leeners in Zürich. Denn weil alle einen individuellen Zyklus mit individuellen Reaktionen auf die hormonellen Schwankungen haben, muss auch die Therapie darauf abgestimmt werden - sobald die PMDS diagnostiziert wurde.  Das eine Medikament gegen die dysphorische Störung kann es gar nicht geben, resümiert Prof. Brigitte Leeners. ZSP 11 Leeners: Therapie/Medikamente (01:15) „Also ich sag mal, ein Medikament, was gezielt ansetzt, das nicht. Die Medikamente, die man hauptsächlich einsetzt mit denen man gegen die Hormonschwankungen im Zyklus einsetzt oder der depressiven Symptomatik entgegenwirkt. Interessanterweise sprechen 40% der Frauen auf eine Pille an, ungefähr 40% auch auf Antidepressiva, manche auf eine Kombination. Ich würde empfehlen, ein ganzheitliches Konzept einzusetzen, wo man Sport und Entspannung einsetzt und schaut, wie weit man die Beschwerden darüber in den Griff kriegt und dann die medikamentöse Therapie mit den Frauen bespricht.“ SPRECHER Sport und Entspannungstraining können nämlich wichtige Helfer sein, PMS oder gar PMDS besser zu bewältigen, denn Stress – das hat die Forschung ergeben - verschlimmert die Beschwerden rund um den Menstruationszyklus signifikant. Vor allem aber sollte jede Betroffene sich und ihre Beschwerden ernst nehmen, raten die Expertinnen, denn genau diesen wichtigen ersten Schritt sind viele noch immer nicht bereit zu gehen, auch weil sie sich für ihre Periode schämen und sie verstecken. Und das geht selbst Ärztinnen wie Vanadin Seifert-Klauss noch so.  ZSP 12 Seifert-Klauss: Scham rund um Regelbeschwerden „Ich muss sagen, ich bin aus einer Generation die so, wie Sie geschildert haben, da nicht drüber gesprochen haben. Ich sehe staunend, dass das jetzt viel offener behandelt wird. Und finde das auch nicht schlecht. Ich finde es nur gewöhnungsbedürftig. Und ich selber glaube, dass ich es nicht fertig brächte aus Angst, dass eben dann, wenn man sich mit so etwas typisch Weiblichem identifiziert, dass das im sozialen Kontext auch wieder zu einer Abwertung führen könnte.“  SPRECHERIN Die Abwertung von Frauen aufgrund ihrer Menstruation scheint also wieder so eine „Geschichte voller Missverständnisse“ zu sein, wie es in der Tampon-Werbung vor rund 30 Jahren wörtlich hieß.  Die Autorin Franka Frei, die sich selbst als Menstruations-Aktivistin bezeichnet, hat die Kulturgeschichte der Regelblutung in ihrem Buch „Die Periode ist politisch“ zusammengefasst.  Die großen Weltreligionen Hinduismus, Islam, Juden- und Christentum bezeichneten laut Franka Frei die Regel früher als Plage oder Strafe Gottes, die die Frau unrein mache, weshalb sich der Mann von blutenden Frauen tunlichst fernhalten sollte.  Dieser traurigen Kulturgeschichte der Periode setzt Franka Frei mit ihrem Buch ein Manifest gegen das Menstruationstabu entgegen. Sie will damit Aufklärungsarbeit leisten, weil sie überzeugt ist, dass die Periode instrumentalisiert wurde, um Frauen machtlos zu halten. Es sei, so Franka Frei, die Idee entstanden, dass Frauen, die ihr Tage haben, nicht zurechnungsfähig sind und man habe dies mit zweifelhaften Studien untermauert.  ZSP 14 Franka Frei Hysterie und Periode kulturgeschichtlich gesehen (Teil 2) „Man hat diese Wissenschaft dazu genutzt, um zu sagen: Deswegen sollten Frauen nicht wählen, nicht Auto fahren, nicht zur Uni gehen. Und diese Idee hält sich noch ziemlich lange. Sogar die NASA nahm die vermeintlich irrationale Komplexität und Schwankungen von Menschen, die menstruieren zum Argument dagegen, Frauen als Astronautinnen ins All zu schicken. Man sagte: Das ist zu komplex. Eine komplizierte Maschine und eine psycho komplexe Person -  das kann nur schlecht ausgehen. Das war ein offizielles Argument der NASA in den 60er Jahren.  MUSIK: „luicid mind“ – C160849#004 (0:08) SPRECHER Was ist also dran an der von Platon beschriebenen Hysterie der Menstruierenden?  SPRECHERIN Von Hysterie kann keine Rede sein – schon gar nicht während der Regelblutung. Aber: Die meisten Frauen spüren Veränderungen an den Tagen vor den Tagen. Allerdings wird nur ein kleiner Prozentsatz dadurch schwerwiegend eingeschränkt. Sobald die Periode einsetzt, sind die meisten prämenstruellen Symptome vorüber.  SPRECHER Und was ist dran an der Idee des so genannten „Period Brain“ - also einem so genannten „Perioden-Hirn“ - die davon ausgeht, dass die Menstruation Auswirkungen auf die Hirnleistung hat? SPRECHERIN Eine Studie aus dem Jahr 2017 am Universitätsspital Zürich rund um die Forscherin und Klinikdirektorin Prof. Dr. Brigitte Leeners hat das widerlegt. Frauenhirne funktionieren vor, während und nach der Periode gleich gut. Aber emotional kann es zu Beeinträchtigungen kommen - für die es jedoch medizinische Hilfe gibt.  Daniela Wolf, Autorin von „PMDS -  Wege zu einem entspannten Zyklus“ will Mut machen -  auch mit ihrer eigenen Patientinnengeschichte. MUSIK: „luicid mind“ – C160849#004 (0:30) ZSP 15  PMDS Dani Wolf -  heute Oton „Heute geht es mir viel, viel besser. Ich habe wenige Tage mit Symptomen, habe aber auch zehn Jahre Erfahrung mit allem, was man ausprobieren kann. Ich würde sagen, dass ich die Dani mit PMDS vor vier Jahren nicht mehr bin. Weil ich meinen Weg gefunden habe, mit der Erkrankung umzugehen. Mir geht es mit PMDS besser als noch vor einigen Jahren.“
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Dec 7, 2023 • 23min

Weltraumteleskope - Vom tiefen Blick ins All

Unsere "Augen im All" sehen die Welt bunter als wir: im Röntgenlicht, in Gamma- oder Infrarotstrahlung. Seit mehr als 50 Jahren schicken wir sie los, um hinter den Schutzfilter unserer Atmosphäre zu blicken. Die ersten Missionen waren ein einziges Abenteuer - die heutigen aber auch. Autorin: Sophie Stigler (BR 2023)CreditsAutorin dieser Folge: Sophie StiglerRegie: Martin TraunerEs sprachen: Rahel Comtesse, Katja Schild, Frank ManholdTechnik: Susanne HerzigRedaktion: Iska Schreglmann Interviewpartner/innen:Paolo Ferri, früherer Leiter des Missionsbetriebs am ESOC, dem Satellitenkontrollzentrum der europäischen Weltraumorganisation ESA;Antonella Nota, frühere wissenschaftliche Esa-Projektleiterin Hubble und James Webb;Steven Finkelstein, Astronom an der University of Texas in Austin Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Wie entstehen Planeten? Alles Natur!JETZT ANHÖREN Der Weltraum und wir - Vom Aufbruch der Menschen ins AllJETZT ANHÖREN Sternschnuppen - Leuchtende Phänomene am NachthimmelJETZT ANHÖREN Schwerelosigkeit - Die Faszination des SchwebensJETZT ANHÖREN Linktipps: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung:BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wissenschaftsjahr 2023: Das UniversumIm Wissenschaftsjahr 2023 – Unser Universum werfen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft aus vielfältigen Perspektiven einen Blick von der Erde ins All … und wieder zurück. Von Ausstellungen über Schulaktionen bis hin zu Mitmachangeboten: Das Wissenschaftsjahr 2023 lädt dabei Jung und Alt zu einem spannenden Austausch mit Wissenschaft und Forschung ein.Mehr Infos gibt es hier:EXTERNER LINK | https://www.wissenschaftsjahr.de/2023/ Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN
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Dec 6, 2023 • 22min

Sex im Islam - Liebe, Lust und Leidenschaft

Let's talk about sex! Das Bild des Islam ist konservativ, vor Jahrhunderten aber schrieben muslimische Gelehrte offen über Erotik, Liebe und Sex. Sex wurde wie Essen und Trinken als etwas Natürliches angesehen. Heute ist der Umgang mit Sex im Islam häufig ein anderer. (BR 2021) Autorin: Claudia Steiner CreditsAutor/in dieser Folge: Claudia SteinerRegie: Eva DemmelhuberEs sprachen: Katja Bürkle, Julia Cortis, Christian SchulerTechnik: Wolfgang LöschRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Dr. Ali Ghandour, Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster; Dr. Meltem Kulacatan, Religionspädagogin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main; Serdar Kurnaz, Professor für Islamisches Recht in Geschichte und Gegenwart an der Humboldt- Universität zu Berlin; Thomas Bauer, Professor für Islamwissenschaften von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; Fahimah Ulfat, Professorin und Religionspädagogin an der Universität Tübingen  Literaturtipps: Ali Ghandour, Liebe, Sex und Allah – Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime, C.H. Beck  Meltem Kulacatan, Geschlechterdiskurse in den Medien: Türkisch-deutsche Presse in Europa, Springer VS Fahimah Ulfat und Ali Ghandour (Hrsg.), Islamische Bildungsarbeit in der Schule: Theologische und didaktische Überlegungen zum Umgang mit ausgewählten Themen im Islamischen Religionsunterricht, Springer VS  Thomas Bauer, Warum es kein islamisches Mittelalter gab: Das Erbe der Antike und der Orient, C.H. Beck  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN (S. 122)  „Lust auf eine glatte Vulva,  nach Safran duftend!  So eng wie eine Tülle, so voll wie Höcker,  dass ein Penis darin ersticken würde.  Ja, süßer als Honig ist sie für den Genießer.“ SPRECHERIN  … schrieb die Dichterin ʿAmra bint al-Hamāris im 7. Jahrhundert über ihren Körper. Let’s talk about sex – über Jahrhunderte war das in vielen muslimisch geprägten Gesellschaften überhaupt kein Problem.  SPRECHERIN Verschleierte, entrechtete Frauen, Polygamie, Harems, Homophobie – die westlichen Vorstellungen über Liebe, Leidenschaft, Sex und Erotik in muslimischen Gesellschaften sind nicht selten von Missverständnissen geprägt. Denn zum einen gibt es nicht DEN Islam, sondern unterschiedliche Entwicklungen, Strömungen und Interpretationen vom 7. Jahrhundert bis heute in verschiedenen Ländern, Kulturen und Gesellschaften auf der ganzen Welt. Zum anderen zeigen Schriften, dass in muslimischen Gesellschaften über Jahrhunderte Sex und Liebe gefeiert und als Geschenk Gottes gesehen wurden, sagt Ali Ghandour. Er lehrt am Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster und hat ein Buch mit dem Titel „Liebe, Sex und Allah – Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime“ geschrieben:   O-TON 1 (Ghandour 1, 0.02)   Ja, es herrschen einige Vorurteile über das Thema. Zum Beispiel Sex ist nicht etwas, was mit der Sünde verknüpft wurde bei Muslimen, der Sex ist nicht per se schlecht oder etwas, was dämonisch ist. Sex ist eher positiv konnotiert in der muslimischen Tradition.  MUSIK  SPRECHERIN Es ging nicht nur darum, wie Männer ihre Lust und den Genuss maximieren konnten, auch die weibliche Lust spielte eine große Rolle.  O-Ton 2 (Ghandour, 1, 0.55)  Zum Beispiel in vielen erotologischen Werken wurde die weibliche Lust ziemlich ausführlich thematisiert, sprich: was die Frau zum Höhepunkt bringt. Auch die Anatomie der Frau wurde in diesen Werken studiert, auch sexuelle Positionen, die der Frau eher gefallen. Also, all das finden wir in diesen Werken. Es ist zwar aus einer männlichen Perspektive geschrieben, aber die weibliche Lust, wurde schon ernst genommen.  SPRECHERIN  So schrieb der Gelehrte Ibn al-Hāddsch im 12. Jahrhundert: ZITATOR (S. 138)   „Man sollte nicht wie die Unwissenden handeln, die die Frau  ohne jeden Übergang penetrieren. Vielmehr soll man mit der Frau spielen und in einer erlaubten Weise mit ihr kokettieren,  durch Berührungen, Küsse und Ähnliches. Erst wenn man  merkt, dass sie sich wohlfühlt und für den Akt bereit ist, erst  dann kann man mit ihr Geschlechtsverkehr haben.“ SPRECHERIN Das westliche Bild des Harems, geprägt von Männerfantasien – vermittelte den Eindruck, dass muslimischen Männern Dutzende oder gar Hunderte Frauen zur sexuellen Verfügung stehen. Der Franzose Jean Auguste Dominique Ingres malte im 19. Jahrhundert barbusige und nackte Frauen, die sich lustvoll auf Diwanen oder in türkischen Bädern räkelten. Tatsächlich waren Harems einfach die Frauenabteilungen von Herrscherhäusern, in denen neben den Frauen auch Dienerinnen und Sklavinnen lebten. Der Begriff Harem geht auf das arabische Wort „haram“ zurück, was „verboten“ heißt. Der Harem war also ein privater Bereich im Palast, der für Außenstehende tabu war.  Eine Zeitzeugin war die Lyrikerin Lady Montagu. Sie lebte mit ihrem Mann, der britischer Botschafter in Konstantinopel war, am Bosporus und besuchte die Gemächer, die den Frauen vorbehalten waren. Sie schrieb, dass die Realität nichts mit den erotischen Gemälden des Orientalismus zu tun hatte, sagt der Islamwissenschaftler Professor Thomas Bauer von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster:  O-TON 3 (Bauer, 5.35)   Die Lady Montagu, die in dem 18. Jahrhundert herumreiste und sich damals schon mokierte über die ganzen Harems-Schilderungen, auch die Schilderung von Frauen-Bädern von Männern aus dem Westen (…) Lady Montagu sagte, dass sie eben die Einzige war, die auch in Frauen-Bädern war und die sah, wie absurd teilweise die Männerfantasien des Westens waren, die ja in einer Zeit entstanden, die ein sehr gespaltenes Verhältnis auch zur Sexualität hatte. SPRECHERIN Lady Montagu war zudem der Ansicht, dass türkische Frauen generell deutlich bessergestellt waren als britische.  O-TON 4 (Bauer, 03:46) Die Lady Montagu sagte, dass die islamische Frau im Grunde freier ist als die britische Frau, weil sie über ihr eigenes Vermögen verfügen kann – was damals ja in England oder auch in Deutschland auch nicht ging. Das heißt, manchmal war die Frau sogar reicher als der Mann, es gibt einen bekannten Fall. Der berühmteste Hadith-Gelehrte überhaupt aus dem 14. Jahrhundert ist Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī. Der hatte die allerhöchsten Ämter inne, war Oberkadi in Kairo und hat im Haus seiner Frau gelebt, die eben noch reicher war.  SPRECHERIN Durchschnittliche Muslime hatten keinen Palast und damit auch keinen Harem, Polygamie aber war - wie in anderen patriarchalischen Gesellschaften auch, zum Beispiel bei den alten Persern und den vorislamischen Arabern – erlaubt. Noch heute wird sie in einigen Ländern wie Pakistan, Afghanistan oder Nigeria praktiziert, in anderen Ländern ist sie verboten. Dabei war die Ehe mit mehreren Frauen im Islam aber nie die übliche Lebensform, sagt die Religionspädagogin Meltem Kulacatan von der Goethe-Universität Frankfurt am Main:  O-TON 5 (Kulacatan, 17.44)   Also (eine Konkubine oder wegen Nebengeräusch) eine Geliebte beziehungsweise mehrere Frauen, das wissen die betroffenen Männer, würde ich jetzt mal sagen - auch in Deutschland, muss man sich erst mal leisten können. Nichts Anderes ist das im Islam. Und es war als Notsituation, Notlösung gedacht für gesellschaftliche Situationen, wo Männer beispielsweise durch Kriege versehrt werden und wo es einen Frauenüberschuss gibt in einem patriarchalischen Kontext, wo Frauen einen Vormund benötigen und hier letzten Endes die Eheschließung mit maximal vier weiblichen Personen - vorausgesetzt, man wird ihnen allen gerecht auf die gleiche Art und Weise - ermöglicht werden sollte.  SPRECHERIN  Neben der Versorgung von Witwen wurden zum Beispiel auch Zweitfrauen genommen, wenn die Ehe mit der ersten Frau kinderlos blieb, sagt der Islamwissenschaftler Bauer:  O-TON 6 (Bauer, ca. 2.40)  Wenn man eine Frau heiratete, und man wollte bei ihr bleiben, hat aber festgestellt, dass der Kinderwunsch unerfüllt bleibt, da hat dann oft eine zweite Frau aus dem Dilemma geholfen. Aber man muss ja auch dazu sagen das ist natürlich, die Frauen untereinander sich ja auch irgendwie verstehen müssen – sonst wird die Ehe ja zu einer Hölle. Und in der Tat hat bei einigen Theologen diese Forderung, alle vier Frauen oder alle Frauen eins, zwei, drei (…) oder vier gleichermaßen gerecht zu behandeln, dazu geführt, dass man auch durchaus Verständnis für die (…) Monogamie entwickelt hat und sagte: eigentlich ist es nicht erlaubt. SPRECHERIN  Umstritten unter Theologen ist die „Ehe auf Zeit“, eine zeitlich begrenzte Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau. Diese Genussbeziehung – die von schiitischen Strömungen als legitim angesehen wird - kann nur drei Tage oder auch mehrere Jahre dauern. Im Koran heißt es in Sure 4, Vers 24:  ZITATORIN (Koran, Rudi Paret)  Und verboten sind euch die ehrbaren Ehefrauen, außer was ihr an Ehefrauen als Sklavinnen besitzt. Dies ist euch von Gott vorgeschrieben. Was darüber hinausgeht, ist euch erlaubt, nämlich dass ihr euch als ehrbare Ehemänner, nicht um Unzucht zu treiben, mit eurem Vermögen sonstige Frauen zu verschaffen sucht. Wenn ihr dann welche von ihnen im ehelichen Verkehr genossen habt, dann gebt ihnen ihren Lohn als Pflichtteil! Es liegt aber für euch keine Sünde darin, wenn ihr, nachdem der Pflichtteil festgelegt ist, darüberhinausgehend ein gegenseitiges Übereinkommen trefft. Gott weiß Bescheid und ist weise. SPRECHERIN  Die Frau bekommt also eine Ehegabe. Zudem muss der Mann während der Dauer der Verbindung für die Frau aufkommen. Männer, die sich zeitlich befristet verheiraten, können bereits eine Frau haben, Frauen müssen dagegen unverheiratet sein. Serdar Kurnaz, Professor für Islamisches Recht in Geschichte und Gegenwart an der Humboldt-Universität zu Berlin:   O-TON 7 (Kurnaz, 11.46)  Das ist eine alt-arabischen Tradition, die scheinbar einige Jahre auch (…) während der Lebzeiten des Propheten Mohammed (…) praktiziert worden ist. Die Überlieferungen zeigen, dass er das eine Zeit lang zugelassen hat. Scheinbar soll das die Verhältnisse regulieren, dass wenn jemand sich lange Zeit an einem anderen Ort befindet, (…) das ist eine Beziehung, die man führt, bei der danach ganz klar wird, dass jemand mit jemandem zusammen ist. Und wenn es Kinder aus dieser Ehe gibt beziehungsweise Beziehungen gibt, dann wird dieses Kind dann auch entsprechend identifiziert. SPRECHERIN Die Frauen mussten nach Ablauf ihrer Zeitehe zwei Menstruationszyklen warten, bis sie erneut heiraten durften. Im Iran ist die Zeitehe auch heute noch möglich. Die Kritik der Sunniten an dieser Form der Verbindung lautet, dass sie Prostitution ermöglicht, die es aber sowieso über Jahrhunderte gab. Zeitweise existierten Register, in die sich Prostituierte eintragen mussten. Es gab Tavernen, Bordelle und Unterkünfte, in denen man Prostituierte antraf. Prostitution wurde in mehreren Dynastien besteuert und war ein wichtiger Wirtschaftszweig.  In den meisten Epochen wurde das Gewerbe toleriert, manchmal aber auch bekämpft und bestraft, indem Prostituierte zum Beispiel des Viertels verwiesen wurden.  ZITATOR (S.82)  „Den Wein trägt ein Effeminierter in Frauenkleidung,  dessen Schläfe Moringaduft trägt.  Er küsst die Trinker, während er sich flink unter uns bewegt.  Mal ist er unser Lustgarten für unsere reifen und steifen Hengste,  mal ist er unser Schenker und Narzisse.“  SPRECHERIN … schrieb der Dichter Abū Nuwās im 8. Jahrhundert über gleichgeschlechtlichen Sex, der durchaus üblich und verbreitet war. Ali Ghandour:  O-TON 8 (Ghandour, 8, 0.18)  Zum Beispiel, wenn wir jetzt das 9. und 10. Jahrhundert in Bagdad nehmen, waren die gleichgeschlechtlichen Beziehungen sehr verbreitet, auch unter der Oberschicht, aber auch unter der Unterschicht. Und das Gleiche kann man auch über das 15., 16. Jahrhundert in Ägypten sagen oder später auch über Istanbul sagen. Also, es war schon verbreitet, und in meiner Forschung habe ich kaum ein Phänomen, dass wir heute kennen, was nicht damals auch bekannt war und praktiziert war. SPRECHERIN  Dies führte teilweise sogar dazu, dass sich Frauen in Bagdad weniger feminin gaben, um Männern zu gefallen, sagt der Berliner Wissenschaftler Kurnaz:  O-TON 9 (Kurnaz, ca. 3.02)   Es gab zum Beispiel Frauen, die sich bewusst ähnlich wie die Männer gekleidet haben, um aufzufallen.  SPRECHERIN Doch die Frage, ob jemand heterosexuell oder homosexuell veranlagt war, stellte sich lange gar nicht. Diese Kategorisierung stammt aus dem späten 19. Jahrhundert. Thomas Bauer: O-TON 10 (Bauer, 8.22)  In den islamischen Kulturen ging man einfach davon aus, dass alle erwachsenen Männer gleichermaßen sich in hübsche, junge Frauen und in hübsche, junge Männer verlieben können, die unterschiedlichen Vorlieben sah man nicht anders an als unterschiedliche Vorlieben beim Essen. Das heißt also, dass sich in einen jungen Mann zu verlieben war für einen Mann etwas, was (…) ihn nicht zur Überlegung brachte, ob er nun eine andere Identität hätte als andere Männer. SPRECHERIN  Im Laufe der Jahrhunderte gab es - je nach Rechtsauffassung - gar keine Strafen für gleichgeschlechtlichen Sex bis hin zum Auspeitschen oder der Todesstrafe durch Steinigung. Eine Verurteilung war aber nur dann möglich, wenn vier männliche, muslimische, unbescholtene Zeugen den Akt beobachtet haben.  Das heißt, selbst in Epochen, in denen Sex zwischen Männern offiziell bestraft worden ist, wurden diese Strafen fast nie vollzogen.  SPRECHERIN  Auch Liebes- und Sexbeziehungen unter Frauen sind überliefert. Im 9. Jahrhundert soll eine Dienerin und Sängerin mit dem Namen Badhal vor dem abbasidischen Kalifen al Maʿmūn gesungen haben, dass nichts köstlicher sei als Sex mit einer Frau. Der Kalif soll geantwortet haben, dass der Sex zwischen Mann und Frau besser sei, als lesbischer Sex. SPRECHERIN Dies zeige, so Ali Ghandour, wie ungehemmt am abbasidischen Hof selbst vor den Mächtigen über Sex gesprochen werden konnte. Liebes- und Sexbeziehungen unter Frauen galten zwar als moralisch falsch, lösten aber offenbar keine gesellschaftlichen Debatten aus.  SPRECHERIN Über Jahrhunderte waren die Sichtweisen in Bezug auf Erotik, Liebe, Leidenschaft und Sexualität sehr liberal. Zu einem klaren Wandel kam es jedoch im 19. Jahrhundert, so Ghandour:  O-TON 11 (Ghandour, 9, 0.12)  Durch den Kolonialismus wurden Vorstellungen über die Sexualität und auch eine Sexualmoral verbreitet, die damals ziemlich konservativ war. Wir denken jetzt zum Beispiel an die viktorianische Sexualmoral.  Auch die Einführung von neuen Kategorien, mit denen wir die Sexualität normieren, wie zum Beispiel das Perverse, das Nicht-Natürliche… Oder die Gesetze, die von Franzosen und Engländern erlassen wurden, die zum Beispiel die Homosexualität in den Kolonien verbieten.  SPRECHERIN  Auch der Islamwissenschaftler Thomas Bauer sieht einen deutlichen Anteil des Westens an der heutigen Sexualmoral in muslimisch geprägten Ländern:  O-TON 12 (Bauer, 34,38)     Also, zuerst hielt man islamische Gesellschaften für unmoralisch, und dachte, man muss sie (…) von diesen schrecklichen Lastern befreien. Heute hält man sie für repressiv und sagt: Man muss sie ja von dieser Repression befreien. Das glaube ich ist wirklich ein wichtiger Punkt. Was im Westen ist, was bei uns hier geschieht, es ist immer universell. Solange wir dachten, dass Liebesbeziehungen zwischen Männern etwas Unordentliches sind und diese Muslime sich in diesen schrecklichen Lastern hier suhlen und damit auch zu keiner richtigen Entwicklung kommen, da ist man hingegangen, hat gesagt: Ihr müsst damit aufhören oder auch Polygamie und ähnlichen Dingen. Heute gilt es bei uns ja als ganz normativ, das ist ja was Gutes bei uns. Jetzt geht man hin und sagt: Ihr müsst euch jetzt befreien und in die andere Richtung gehen. Ich glaube, dass diese missionarischen Botschaften, die vom Westen kommen, der sich immer egal welche Meinung er hat, für universell und für Menschheits bildend hält, dass das ein Übel ist.  SPRECHERIN  Nach Ansicht von Ali Ghandour gibt es aber noch weitere Aspekte, die zu einem Wandel geführt haben wie die Entstehung von modernen Nationalstaaten oder auch die Entstehung von muslimischen Ideologien, die mehr oder weniger sexfeindlich waren:  O-TON 13 (Ghandour, 9, 1.23)  Und ein weiterer Grund ist die Landflucht, die im Laufe des 20.Jahrhunderts stattfand und die dazu geführt hat, dass diese alte, urbane, mehr oder weniger bürgerliche Tradition verschwand. SPRECHERIN  Tatsächlich sind viele muslimische Gesellschaften heute deutlich konservativer als noch vor ein paar Jahrhunderten. Doch solange es um einen normativen Diskurs geht und einen Bezug auf historische Quellen gibt, fühlen sich viele islamische Gelehrte noch immer frei, detailliert über Sex und Erotik zu sprechen, betont Serdar Kurnaz:  O-TON 14 (Kurnaz, 16.30)   Zum Beispiel, wenn es darum geht, welche Pflichten hat der Mann gegenüber der Frau in der Ehe in Bezug auf Geschlechtsverkehr, dann werden auch zum Beispiel so Überlieferung zitiert, und dann wird darüber gesprochen, wie genau ein Geschlechtsakt auszusehen hat. (…) Ich glaube, das hat damit zu tun, dass die Gelehrten sich dazu verpflichtet fühlen, vor allem in dem normativen Diskurs (…) detailliert darzustellen, wie, was gemacht werden kann oder was alles erlaubt ist, um auch der Verpflichtung gerecht zu werden, dass sie all das, was sie für richtig halten, den Menschen auch entsprechend kommunizieren. Da fühlen Sie sich frei. Da geht es auch darum, zum Beispiel bestimmte sexuelle Praktiken (…), zum Beispiel Sexspielzeuge zu benutzen, Cremes zu benutzen und so weiter, um die Lust zu maximieren, nehmen sie dann als Anlass, eine normative Aussage darüber zu treffen, - und dann wird es auch recht detailliert und recht offen.  SPRECHERIN Moderne Sexualpädagogik für junge Musliminnen und Muslime in Deutschland dreht sich – wie bei jungen Menschen anderer Religionen auch - um Fragen wie: Wie gehe ich mit meinem Körper um? Wie gehen wir mit unserer Lust um? Was bedeuten Verlobung und Hochzeit? Welche Verhütungsmöglichkeiten gibt es? Die Frankfurter Religionspädagogin Meltem Kulacatan:   O-TON 15 (Kulacatan, 14.20)  Es gibt ja auch Sexualaufklärer/innen - muslimische, die hier pädagogische Arbeit leisten, sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden und in Schweden beispielsweise. Die werden häufig von den jungen Menschen angerufen, auch frequentiert und angefragt.  SPRECHERIN Die Religionspädagogin Fahimah Ulfat, Professorin an der Universität Tübingen, plädiert deshalb dafür, dass Sexualität nicht nur im Biologie-, sondern auch im Religionsunterricht thematisiert wird:  O-TON 16 (Ulfat, 3.1, 1.20)  Ja, im islamischen Religionsunterricht ist es zum Beispiel sehr wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass Sexualität ein Teil des Menschseins ist. Und dass es auch wichtig ist, die eigene Sexualität nicht zu unterdrücken, sondern sich über seinen eigenen Körper bewusst zu werden, sich ein Bild von den eigenen Genitalien und dem Körperinneren zu machen, das heißt auch, seinen eigenen Körper zu erfahren.  SPRECHERIN  Viele muslimische Jugendliche befänden sich in einem Spannungsverhältnis zwischen Tabuisierung und Liberalisierung von Sexualität.   O-TON 17 (Ulfat, 2, 2.00)   Beispielsweise wird in manchen konservativen Familien Sexualität zum Teil tabuisiert. Es wird mit Scham und Respekt verbunden, und man spricht eben nicht darüber und zum Teil wird auch ein enger Zusammenhang zwischen Jungfräulichkeit und Ehre hergestellt. Und mit diesem Konzept der Familienehre gehen auch geschlechtsspezifische Rollenvorstellungen einher. SPRECHERIN Andere junge Muslime kritisierten die traditionellen Rollenbilder und die Moralvorstellungen von Keuschheit und Ehre, so Ulfat:  O-TON 18 (Ulfat, 2.48)  Sie äußern sich eben kritisch zu den Einstellungen, das Männer zugebilligt wird, sexuelle Erfahrungen vor der Ehe zu sammeln, aber von Frauen erwartet wird, dass sie jungfräulich in die Ehe gehen. Und sie verurteilen auch diese starren Geschlechterrollen und die unterschiedliche Sexualmoral in Bezug auf die Geschlechter. Es gibt aber auch muslimische Jugendliche, die ihre Sexualität als ihre private Angelegenheit ansehen und Sexualität ist dann auch für sie ein selbstverständlicher Teil ihrer persönlichen Identität. Aufklärung findet zum Beispiel innerhalb der Familie sehr früh in einer offenen Art und Weise statt und Ehre wird auch von den Eltern nicht am Sexualleben der Tochter festgemacht. (…) Und dann gibt es natürlich auch Beispiele für junge Musliminnen, die sich eben nicht an diese Virginitätsnorm halten und sexuelle Erfahrungen auch außerhalb der Ehe sammeln.  SPRECHERIN Untersuchungen zeigen, dass die Art und Weise, wie Muslime heutzutage in unterschiedlichen Ländern über die Sexualität sprechen, wie sie ihre Sexualität leben, eben nicht nur von der Religion abhängt. Ali Ghandour:  O-Ton 19 (Ghandour, Take 11, 0.24) Zum Beispiel die soziale Herkunft oder die Bildung spielen hier eine wesentliche Rolle. Das heißt, in der Oberschicht und in der Mittelschicht, in den urbanen Milieus, in den muslimisch geprägten Ländern wird offener mit dem Thema umgegangen als jetzt auf dem Land oder in bildungsfernen Milieus oder in der Unterschicht. Es ist auch eine soziale Frage, wie man mit dem Thema umgeht, hat auch mit Privilegien zu tun und nicht nur (…) mit der Religion oder mit einem bestimmten Islamverständnis zu tun. SPRECHER / ZITATORIN (abwechselnd)  Zügellos. Zurückhaltend. Schamlos. Schambehaftet. Freizügig. Bedeckt. Homophob. Erotisch. Selbstbewusst. Lust-betont. Orgiastisch. SPRECHERIN Es gibt nicht DEN Islam, nicht DIE allgemeingültigen Regeln für Sexualität und Liebe, sondern unterschiedliche Interpretationen, Ausprägungen, Ansichten und Lebensweisen – die je nach Epoche, Region und Gesellschaftsschicht fluide sind.  
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Dec 6, 2023 • 25min

Mohammed - Prophet und Gründer des Islam

Mohammed ist für die Muslime der letzte und wichtigste Prophet. Der Erzengel Gabriel erschien ihm im Alter von etwa 40 Jahren und offenbarte ihm die Suren des Koran. Autorin: Claudia Steiner Credits Autor/in dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann Technik: Roland Böhm Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Philipp Bruckmayr, Professor für Islamwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg;Tuba Işık, Professorin für Islamische Religionspädagogik und Praktische Theologie an der Berliner Humboldt-Universität;Mira Sievers, Juniorprofessorin für Islamische Glaubensgrundlagen, Philosophie und Ethik an der Berliner Humboldt-Universität. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Sex im Islam - Liebe, Lust und LeidenschaftJETZT ANHÖREN Die Kalifen - Nachfolger MohammedsJETZT ANHÖREN Hagia Sophia - Kirche, Moschee, Museum, MoscheeJETZT ANHÖREN Linktipps: Geburtstag des Propheten Mohammed | BR InterkulturellZUM BEITRAG Mohammeds verfeindete Erben | Terra XJETZT ANSEHEN   Altarabische Gottheiten | Terra XJETZT ANSEHEN Und noch eine besondere Podcast-Empfehlung der Redaktion: Paula sucht Paula  Das Tagebuch der jungen Undercover-Journalistin Paula Schlier gibt uns heute, 100 Jahre später, einen seltenen Einblick in die Anfänge des Nationalsozialismus in München. Aber wer war diese Frau, was hat sie motiviert, war sie überhaupt eine Heldin? Die BR-Reporterin Paula Lochte begibt sich auf Spurensuche. Paula sucht Paula | Folge 1/3 | Alles Geschichte - History von radioWissen JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Tilman Nagel, Mohammed – Leben und Legende, Oldenburg Verlag.  Tuba Işık, Die Bedeutung des Gesandten Muhammad für den Islamischen Religionsunterricht. Systematische und historische Reflexionen in religionspädagogischer Absicht, Verlag Ferdinand Schöningh  Der Koran, Übersetzung von Rudi Paret, Kohlhammer.  Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1: Diversion – CD682530007 – 1:12 Min  ZITATOR  Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes.  Trag vor im Namen deines Herrn, der erschaffen hat,  den Menschen aus einem Embryo erschaffen hat! Trag Worte der Schrift vor!  Dein höchst edelmütiger Herr ist es ja, der den Gebrauch des Schreibrohrs gelehrt hat, den Menschen gelehrt hat,  was er zuvor nicht wusste.“  SPRECHERIN Koran, Sure 96, Vers 1 bis 5. Der Überlieferung nach erschien Mohammed etwa im Alter von 40 Jahren in einer Höhle auf dem Berg Hira der Erzengel Gabriel. Der Engel ergriff ihn. Er befahl Mohammed, der Analphabet war, zu lesen und die Offenbarung vorzutragen. Noch heute gedenken Muslime in der 27. Nacht des Fastenmonats Ramadan dieser ersten Offenbarung – im Arabischen heißt sie Lailat al Qadr, ‚Nacht der Bestimmung‘ oder ‚Nacht des Schicksals‘.  (Musik aus) SPRECHERIN Mohammed, der sich zur Meditation in die Einsamkeit der Berge in der Nähe der arabischen Stadt Mekka zurückgezogen hatte, war von der Begegnung mit dem Erzengel zutiefst verstört, sagt Tuba Işık. Sie ist Professorin für Islamische Religionspädagogik und Praktische Theologie an der Berliner Humboldt-Universität:  O-TON 1 (Isik, 5.35)  Und zunächst einmal ist er so überwältigt von dieser Begegnung, dass er von diesem Berg dann sozusagen runterrennt und zunächst einmal zu seiner Frau sich begibt. Und er sagt, also so wird es auch dann in den späteren Offenbarungen sogar noch einmal beschrieben: Umhülle mich. Er zittert am ganzen Körper, so eine Reaktion, wenn man Angst hat auch, zu zittern, zu frieren. Und im Anschluss daran gehen Chadidscha und Mohammed gemeinsam zu dem christlichen Vetter von Chadidscha, der ihm mehr oder weniger eigentlich diese Erfahrung dann deutet. Und er deutet sie so, dass er sagt: Du bist ein Auserwählter Gottes, du bist ein Prophet. SPRECHERIN Im Islam wird auch Jesus als Prophet angesehen – aber es gibt einen wesentlichen Unterschied zur christlichen Sicht, sagt Mira Sievers, Juniorprofessorin für Islamische Glaubensgrundlagen, Philosophie und Ethik an der Berliner Humboldt-Universität: O-TON 2 (Sievers, 13.27)  Der Prophet hat sich selbst verstanden als ein Prophet, so wie auch die biblischen Propheten bereits Propheten waren: Also es ist der gleiche Ursprung, aber es ist natürlich eine eigenständige Offenbarung, eine eigenständige Verkündigung. Und es geht durchaus auch einher mit verschiedenen kritischen Auseinandersetzungen mit früheren Perspektiven, also zum Beispiel mit der Vorstellung, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Das ist etwas, das im Korantext selbst abgelehnt wird und wo wir sagen können, das hat der Prophet sicherlich selbst auch abgelehnt. Und er hat niemals beansprucht, selbst Sohn Gottes zu sein. SPRECHERIN In Sure 18, Vers 110 heißt es:  ZITATOR Sag: Ich bin nur ein Mensch wie ihr, einer dem als Offenbarung eingegeben wird, dass euer Gott ein einziger Gott ist. Wer nun damit rechnet, am Tag des Gerichts seinem Herrn zu begegnen, soll rechtschaffen handeln und, wenn er seinen Herrn verehrt, ihm niemand beigesellen.  SPRECHERIN Diese Stellung Mohammeds wird auch später immer wieder betont. Der Islamwissenschaftler Philipp Bruckmayr lehrt an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg:   O-TON 3 (Bruckmayr, 21.15)  Auch in einem überlieferten historischen Dokument aus einer Lebenszeit, der sogenannten Gemeindeordnung von Medina (…) bezeichnet er sich eben als Rasul Allah, also der Gesandte Allahs. Und das stellt ja auch sozusagen der koreanische Text dann später klar, dass er eben auch der letzte seiner Art ist, also das sogenannte Siegel der Propheten, dass er sozusagen diesen Zyklus der göttlichen Offenbarungen eigentlich beendet. Und eben nach muslimischer Auffassung die letztgültige, und fortan ewig gültige Botschaft bringt.  SPRECHERIN  Als Mohammed um 570 als Kind einer arabischen Großfamilie in Mekka geboren wurde, war er bereits Halbwaise. Sein Vater starb vor seiner Geburt. Er wurde – wie damals üblich - von einer Amme aufgezogen. Der Überlieferung nach gab es schon früh Hinweise für Mohammeds spätere Rolle als Prophet und Gründer des Islam. Seine Reinheit und Fehlerlosigkeit sind in der traditionellen Betrachtung Mohammeds sehr wichtig. Die Berliner Theologin Tuba Işık:  O-TON 4 (Isik, 12.10)  Es gibt zum Beispiel eine Überlieferung, in der gesagt wird, als der Propheten bei seiner Milchmutter lebte, kamen zwei Engel in Menschengestalt, haben seine Brust geöffnet und sein Herz gewaschen. Das ist eine sehr wichtige Überlieferung für später sozusagen, um eine ganz bestimmte Doktrin auch nochmal zu bestärken, nämlich die Doktrin der Unnachahmlichkeit des Koran. Das bedeutet, dass der Koran sozusagen nicht Menschenwort, also nicht Worte des Propheten sind, sondern göttlicher Natur sind. SPRECHERIN Etwa im Alter von sechs Jahren, möglicherweise auch etwas später, verlor Mohammed auch seine Mutter Amina. Danach wuchs er bei seinem Großvater, später bei seinem Onkel auf. Seine Familie gehörte zum Stamm der Kuraisch, die zur Sippe der Haschemiten gehörte. Es war eine Handelsfamilie und so begleitete Mohammed, der als Kind Ziegen hütete, schon als Jugendlicher Karawanen. Bei einer der Reisen soll ein christlicher Mönch in Syrien ihm seine prophetische Berufung vorausgesagt haben. Als junger Mann war Mohammed dann Karawanenführer. Tuba Işık:  O-TON 5 (Isik, 3.10)  Er hat sich tatsächlich auch ausgezeichnet in diesem Beruf des Handelsmanns, weil er sehr aufrichtig war und auch erfolgreich war. Also, das hat ihn sozusagen auch noch einmal eine ganz eigene Stellung innerhalb der Mekkaner verliehen. Er war eben der El Amin, der Vertrauenswürdige – also dadurch, dass er sehr aufrichtig und sehr ehrlich war und ein guter Handelsmann.  SPRECHERIN Seine spätere Frau Chadidscha, eine wohlhabende Witwe, wurde auf den talentierten Karawanenführer aufmerksam.  Die etwa 15 Jahre ältere Geschäftsfrau heiratete Mohammed als dieser etwa 25 Jahre alt war. Es soll eine glückliche Ehe gewesen sein. Bis zu ihrem Tod war sie seine einzige Frau. Das Paar bekam vier Mädchen und drei Jungen, die Buben starben allerdings früh. Chadidscha war der Überlieferung zufolge eine starke Frau. Während der ersten Offenbarungen war Mohammed verzagt und verängstigt – er soll sogar Selbstmordgedanken gehegt haben. Seine Frau aber tröstete und bestärkte ihn. Sie bekannte sich als eine der ersten zum Islam. Nach etwa drei Jahren begann Mohammed öffentlich zu predigen, auch dabei unterstützte ihn seine Frau. Mira Sievers:  O-TON 6 (Sievers, 5.14)  Und die Quellen sagen uns, dass diese Frau für ihn eine extrem wichtige Stütze war, also sowohl bei der Einordnung der Erfahrungen mit der Offenbarung als auch ansonsten beim Umgang mit der Opposition gegen seine Predigt in Mekka.  ATMO von einem arabischen Markt   SPRECHERIN Denn die wohlhabenden Kaufleute aus Mekka waren alles andere als begeistert von Mohammeds Predigten. Mekka war damals ein geschäftiger Ort und ein wichtiges Handelszentrum. Die Stadt war der Knotenpunkt von Karawanenstraßen, die den Süden Arabiens mit Syrien und Mesopotamien verbanden. Über Mekka lief zum Beispiel das Geschäft mit jemenitischem Weihrauch und chinesischer Seide. Es gab Jahrmärkte und Messen. Geldgier, Wucher und hohe Zinsen waren üblich – Praktiken, gegen die sich Mohammed aussprach. In Sure 2, Vers 278 heißt es:  ATMO Markt weiter + Musik: „Diversion“ – siehe vorn – 16 Sek ZITATOR  Ihr Gläubigen! Fürchtet Gott! Und lasst künftig das Zinsnehmen bleiben, wenn ihr gläubig seid! SPRECHERIN Der Islamwissenschaftler Philipp Bruckmayr:  O-TON 7 (Bruckmayr, 6.17)  Seine Predigt stößt (…) eben auch auf Opposition in der Stadt Mekka. Und dadurch beginnt eben auch hier sehr früh eben eine Phase der Gegnerschaft in seiner Heimatstadt Mekka, ihm gegenüber und seinen Anhängern gegenüber und eben auch eine Phase der Verfolgung und Unterdrückung. SPRECHERIN Denn Mohammed sprach sich nicht nur gegen Geldgier und Wucher aus, er predigte auch, dass es nur einen Gott gebe. In Mekka gab es damals jüdische und christliche Gemeinden, aber auch Menschen, die an viele Götter glaubten. Sie pilgerten zu verschiedenen Wallfahrtsstätten und beteten Götzen an. Philipp Bruckmayr:  O-TON 8 (Bruckmayr, 12.58)  Da koexistieren mehrere religiöse Traditionen nebeneinander auf der Arabischen Halbinsel. Einerseits das, was man als das altarabische Heidentum bezeichnen könnte mit verschiedenen Gottheiten, die oft auch sozusagen als Standbilder im Sinne einer Götzenverehrung verehrt werden. Das schließt die Idee eines Hauptgottes nicht aus, aber es ist generell ein polytheistisches System. Eines der ganz wichtigen Zentren des altarabischen Heidentums ist eben die Stadt Mekka mit der Kaaba, also diesem kubusförmigen Gebäude, in dem in vorislamischer Zeit laut Überlieferungen ein Standbild des Gottes Hubal sich befunden hat. Und dieses Heiligtum hat eben die Stadt Mekka gleichzeitig auch zu einem wichtigen Wallfahrtszentrum, zu einem Pilgerort gemacht.  SPRECHERIN Bis heute ist die Kaaba, in deren Mauer ein schwarzer Meteorit eingelassen ist, jedes Jahr Ziel von Millionen muslimischer Pilger. Und schon zu Mohammeds Zeiten war ein Teil der wohlhabenden Mekkaner abhängig von den Einkünften aus der Pilgerfahrt. Sie waren deshalb nicht gerade begeistert, dass ihre Einnahmequellen versiegen sollten.  SPRECHERIN  Der Druck auf Mohammed und seine kleine Gemeinde nahm immer mehr zu. Ein Teil seiner Anhängerschaft wanderte deshalb ins benachbarte Äthiopien aus. Mohammed und andere Mitglieder der jungen muslimischen Gemeinde blieben zunächst weiter in Mekka. Als jedoch das Oberhaupt seines Clans starb, der Mohammed und seinen Anhängern Schutz bot, wurde die Lage zu gefährlich. Im Jahr 622 entschlossen sie sich, in die etwa 350 Kilometer nördlich gelegene Oasenstadt Medina, die damals noch Yathrib hieß, auszuwandern. Die dortige Gemeinde hatte Mohammed gebeten, einen Streit zu schlichten und bot ihm im Gegenzug Schutz an, so der Islamwissenschaftler Philipp Bruckmayr:  O-TON 9 (Bruckmayr, 8.49)  Dieses Jahr um diese Auswanderung stellt eben den Beginn der islamischen Zeitrechnung, also des sogenannten Hidschra-Jahres dar und Hidschra bedeutet eben eigentlich Lossagung in diesem Rahmen, aber eben im Sinne von Auswanderung. Und damit beginnt wieder eine ganz neue Phase (…) mit dieser Auswanderung von Mekka nach Medina, der neuen Gemeinde, der neuen Religion und auch in der Biografie des Propheten. SPRECHERIN Yathrib wurde bald in Medina umbenannt, die Kurzform für Medinat an-Nabi, die Stadt des Propheten. In Medina verfasste Mohammed eine Gemeindeordnung. Während zuvor die Menschen nur durch ihre Stammeszugehörigkeit verbunden waren, gab es nun eine religiöse Komponente, die Verbundenheit durch die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Gläubigen, der sogenannten Umma. Auch das Zusammenleben der neuen Einwanderer und der alteingesessenen Bevölkerung wurde geregelt. In Medina lebten mehrere jüdische Stämme. Zwar entstand die neue Gemeindeordnung ohne eine Beteiligung der jüdischen Gruppen, dennoch wurden ihre Rechte und Pflichten festgelegt. Philipp Bruckmayr:  O-TON 10 (Bruckmayr, 25.20)  Trotzdem ist es insofern ein sehr relevantes, historisches Dokument, weil es eines der frühesten ist, in dem man sieht, dass sozusagen ein multikonfessionelles Gemeindewesen organisiert werden soll, indem eben hier nicht nur Muslime inkludiert werden, sondern explizit eben auch jüdische Gruppen.  SPRECHERIN Völlig konfliktfrei war das multikonfessionelle Gemeindewesen jedoch nicht. Jüdische Stämme aus Medina wurden teils vertrieben, Frauen und Kinder als Sklaven verkauft.  ATMO Gebetsruf Muezzin (14 Sek) SPRECHERIN In Medina wurden die ersten Moscheen errichtet, die Gebetsrichtung nach Mekka wurde festgelegt, ebenso islamische Pflichten wie das Verteilen von Almosen, also von Spenden, und das Fasten.  SPRECHERIN Nachdem Mohammeds erste Frau Chadidscha um das Jahr 619 in Mekka starb, heiratete er erneut. Als bedeutender Anführer hatte Mohammed – wie damals üblich - mehrere Frauen. Teilweise waren es politisch motivierte Ehen, um Stämme an sich zu binden. Doch es soll auch Liebesheiraten gegeben haben. Es heißt, seine Lieblingsfrau soll Aischa gewesen sein, die Tochter eines seiner frühesten Anhänger, des späteren ersten Kalifen, Abu Bakr. Tuba Işık:  O-TON 12 (Isik, 28.59)  Und der Prophet hat natürlich auch mit andersgläubigen Frauen, also auch mit einer Jüdin und mit einer Christin auch geheiratet, um auch da deutlich zu machen, das ist möglich. Und auf der anderen Seite gab es natürlich ja sehr viele Kämpfe, und sehr viele Männer sind gefallen, und sehr viele Frauen mussten, so war die Clangesellschaft im siebten Jahrhundert auch, man musste immer in der Obhut eines Clans stehen, um nicht vogelfrei zu sein und frei verfügbar zu sein. Das war für Frauen viel, viel schwieriger als für Männer. (…) Und um das zu verhindern, wurden Frauen auch angeheiratet, also um sie sozusagen in den Schutz und in die Obhut eines Clans über diesen Mann dann tatsächlich zu holen.  SPRECHERIN Auch wenn Männer weiterhin privilegiert waren, hat sich die Stellung der Frau unter Mohammed verbessert. Philipp Bruckmayr.  O-TON 13 (Bruckmayr, 27.54)  Es gibt aber doch einige Anzeichen daraufhin, dass eigentlich durch den Koran, durch den Propheten Mohammed sich in vielen Bereichen eine größere Rechtssicherheit für Frauen ergeben hat, was nichts daran geändert hat, das sozusagen Männer (…) in praktisch allen Bereichen in einer privilegierten Position waren. Trotzdem ergab sich vermutlich eine größere Rechtssicherheit für Frauen im Bereich der Ehe beispielsweise, im Bereich des Erbrechts.  SPRECHERIN Die Zahl der Ehefrauen wurde auf höchstens vier begrenzt – und auch dies war nur unter der Voraussetzung erlaubt, dass der Mann alle Frauen gerecht behandelte und ausreichend versorgen konnte.  SPRECHERIN In Medina schlossen sich immer mehr Menschen Mohammed an. Doch einige Stämme weigerten sich hartnäckig, auch die Einwohner seiner Heimatstadt Mekka. Es kam immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen. In der Schlacht von Badr im Jahr 624 schlug Mohammeds Armee die Kämpfer aus Mekka. Der Sieg der zahlenmäßig unterlegenen muslimischen Armee wird im Koran als Zeichen der Hilfe Allahs gesehen. In Sure 3, Vers 123 bis 125 heißt es:  ZITATOR   Gott hat euch doch seinerzeit in Badr zum Sieg verholfen, während ihr eurerseits ein bescheidener, unscheinbarer Haufe waret. Wenn ihr geduldig und gottesfürchtig seid, und wenn sie jetzt sofort gegen euch daherkommen, unterstützt euch euer Herr sogar mit fünftausend Engeln, die im Sturm gegen den Feind vorpreschen.  SPRECHERIN Zwar folgte ein Jahr später eine Niederlage beim Berg Uhud, aber kurz darauf scheiterte der Gegenangriff Mekkas. Mohammed hatte um Medina einen Graben ausheben lassen, der den Angriff der Gegner stoppte. Sure 9, Vers 29. ZITATOR  Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Gott und den jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Gott und sein Gesandter verboten haben, und nicht der wahren Religion angehören – von denen, die die Schrift erhalten haben – kämpft gegen sie, bis sie kleinlaut aus der Hand Tribut entrichten!  SPRECHERIN  Für die Interpretation vieler Passagen im Koran, sei es wichtig, die gefährliche Lage für die junge, muslimische Gemeinde zu berücksichtigen, so Mira Sievers:  O-TON 14 (Sievers 28.28)  Das Wirken des Propheten, die Offenbarung des Korans insgesamt ist einzuordnen in den historischen Kontext und es auch nur zu verstehen ausgehend vom historischen Kontext. Der Prophet war mit Kriegen konfrontiert, er war konfrontiert mit einer sehr gewaltvollen Situation auf der Arabischen Halbinsel und hat in diesem Kontext gehandelt. SPRECHERIN Erst im Jahr 630 nach Christus gelang es Mohammed, seine Heimatstadt Mekka zurückzuerobern. Mohammed ließ die Götzenbilder bei der Kaaba zerstören – von nun an ist die Kaaba ein rein islamisches Heiligtum.  Dieser militärische Erfolg half ihm bei der Verbreitung seiner Lehre nicht nur in Mekka, sondern auf der Arabischen Halbinsel. Mohammed machte die Wallfahrt nach Mekka, im Arabischen Hadsch genannt, zur religiösen Pflicht für alle Muslime.  SPRECHERIN Mohammed starb im Jahr 632 in den Armen seiner Frau Aischa. Sein Grab befindet sich in Mekka. Weit mehr als tausend sogenannte Hadithe, Überlieferungen über das Leben des Propheten, sollen auf Aischa zurückgehen.  MUSIK aus SPRECHERIN Für Muslime ist der Prophet Mohammed nicht nur derjenige, der die Offenbarung empfangen hat, er ist für sie ein wichtiges Vorbild – bis heute. Wann immer gläubige Muslime den Namen des Propheten erwähnen, sagen sie: Gott segne ihn und schenke ihm Heil.  Mira Sievers:  O-TON 15 (Sievers, 26.27)  Und insofern schaut man natürlich sehr stark darauf, wie der Prophet gelebt hat, wie er gewirkt hat, und ich würde sagen, (…) er ist natürlich auch eine Persönlichkeit, die unglaublich viele Muslime und Muslime bezaubert hat, fasziniert. Und das geht sozusagen von der Großzügigkeit des Propheten über das Lächeln des Propheten bis hin zu seinem guten Charakter.  SPRECHERIN Die Bewunderung für den Propheten ist sicherlich ein Grund dafür, dass viele Muslime in der Vergangenheit aufgebracht, empört und teilweise auch gewaltsam auf Mohammed-Karikaturen reagierten, wie sie zum Beispiel im Jahr 2005 von der dänische Zeitung Jyllands-Posten oder 2006 von der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo veröffentlicht worden sind. Eine der Zeichnungen in Jyllands-Posten zeigte beispielsweise Mohammed mit einem Turban in Form einer Bombe, auf der das islamische Glaubensbekenntnis stand – also die Worte "Ich bezeuge, es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Gesandter“. Die Folge waren Demonstrationen, Ausschreitungen und eine diplomatische Krise zwischen mehreren muslimisch geprägten Ländern und Dänemark. Der Islamwissenschaftler Philipp Bruckmayr:  O-TON 16 (Bruckmayr, 38.28)  Was in den letzten Jahrzehnten da sicherlich auch mit hineingespielt hat, ist sicherlich ein generelles Gefühl der Abwertung durch den Westen, das da sozusagen auch auf die Psychologie der Muslime einwirkt. Und man kann in diesem Fall ja vielleicht wirklich sagen, dass eben dann die Figur des Propheten herhalten muss für die Ehre des Islams als Ganzes. Natürlich sind diese Reaktionen, wenn wir jetzt einmal absehen, von individuellen Extrem-Reaktionen oder von Extrem-Reaktionen bestimmter kleinerer Gruppen der Muslime, im Sinne von Terroranschlägen, von Morden, mit denen man meint, diese Beleidigung des Propheten sühnen zu müssen. Wenn man von dem absieht und sich ein bisschen mehr die systemische, auch politische Ebene bei staatlichen Reaktionen anschaut, dann muss man natürlich auch bedenken, dass hier oft die Geopolitik oder eben auch die Identitätspolitik der Staaten oder bestimmter Player in der muslimischen Welt da natürlich mithineinspielt. Also ein Beispiel dafür wäre: Bei den Demonstrationen beispielsweise in Syrien nach den Jyllands Posten-Mohammed-Karikaturen sind reihenweise dänische Flaggen angezündet wurden. Und man würde jetzt nicht davon ausgehen, dass allzu viele Leute in Syrien daheim dänische Flaggen haben. Das heißt, es liegt natürlich der Verdacht nahe, dass diese Form von Protest auch von staatlicher Seite geschürt und unterstützt worden ist. SPRECHERIN Hirtenjunge, Karawanenführer, Händler, Prophet, Staatsmann, Sozialreformer. Für gläubige Muslime ist Mohammed der letzte und wichtigste Prophet. Sie orientieren sich bis heute an den überlieferten Handlungen und Aussprüchen Mohammeds. Mira Sievers:  O-TON 17 (Sievers, 33:40)  Also mir wäre es wichtig, den Propheten Mohammed vor allen Dingen als eine religiöse Figur wahrzunehmen. Denn das ist etwas, was auch in der Forschungsgeschichte immer wieder in unterschiedliche Richtungen ging. Also ist sozusagen der Prophet jemand, der vor allen Dingen durch Judentum und Christentum zu erklären ist? Oder ist der Prophet vor allen Dingen durch das arabische Element zu erklären? Ist er ein Politiker? Ist er ein Staatsmann? (…) Welche Rolle hat er? Ist er ein Sozialreformer? Ich würde sagen zuallererst ist der Prophet wirklich ein Prophet. Das heißt, er hat die islamische Religion ausgehend von der koranischen Offenbarung vermittelt, und das ist aus muslimischer Sicht sein zentrales Verdienst.  
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Dec 6, 2023 • 22min

Weihnachtsmann & Co - Was hinter den winterlichen Gabenbringern steckt

Er kommt, wenn es kalt wird, hat einen langen Bart, einen dicken Bauch, und er bringt schöne Geschenke. Wer glaubt, diese Figur gibt es nur bei uns, der irrt: Mit anderen Namen kennt man sie sogar in China. (BR 2014) Autorin: Bettina Weiz CreditsAutor/in dieser Folge: Bettina WeizRegie: Martin TraunerEs sprachen: Christiane Blumhoff, Friedrich SchlofferTechnik: Ursula KirsteinRedaktion: Bernhard Kastner Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

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