

Radiowissen
Bayerischer Rundfunk
Die ganze Welt des Wissens, gut recherchiert, spannend erzählt. Interessantes aus Geschichte und Archäologie, Literatur, Architektur, Film und Musik, Beiträge aus Philosophie und Psychologie. Wissenswertes über Natur, Biologie und Umwelt, Hintergründe zu Wirtschaft und Politik. Und immer ein sinnliches Hörerlebnis.
Episodes
Mentioned books

Dec 27, 2023 • 23min
Beruf: Hausfrau - Die Geschichte einer Arbeiterin
Die Rolle der Hausfrau hat sich im Laufe der Jahrzehnte wandelt. In den 50ern und 60ern war sie oft unsichtbar, obwohl ihre Arbeit unverzichtbar war. Der Druck, den Haushalt zu managen, lastete schwer auf den Frauen, während ihre Leistungen nicht anerkannt wurden. Technologische Fortschritte und gesellschaftliche Veränderungen haben das Bild der Hausfrau transformiert. Auch heute sind viele Frauen mit den Herausforderungen der Hausarbeit und der Familie konfrontiert, was oft zu finanziellen Nachteilen führt.

Dec 24, 2023 • 22min
Jesus Christus - Ein Held?
Jesus von Nazareth ist vieles: Religionsstifter, Sohn Gottes, Wunderheiler, charismatischer Lehrer, Messias und Erlöser. Aber war er auch ein Held? Dieser Frage nachzugehen lässt ein interessantes Bild von Jesus Christus entstehen. Oder von dem, der aus ihm gemacht wurde. (BR 2022)
Autor: Andreas HauberCreditsAutor/in dieser Folge: Andreas HauberRegie: Irene SchuckEs sprachen: Beate Himmelstoß, Christian BaumannTechnik: Helge SchwarzRedaktion: Bernhard Kastner
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
Im Interview:Hans Reinhard Seeliger (em. Professor; Düsseldorf);Lukas Gasser (Filmemacher, Autor, Musiker)
Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren:
Apostel-Geschichte(n) - Vom Beginn des ChristentumsJETZT ANHÖREN
Frauen in geweihten Ämtern der Frühkirche - Priesterin, Diakonin, BischöfinJETZT ANHÖREN
Maria Magdalena - Apostolin der Apostel?JETZT ANHÖREN
Die Heldenreise - Typologie einer ErzählungJETZT ANHÖREN
Literaturtipps
Hyginus, Gaius Julius, Fabulae: Eine Reise durch die wundersame Welt der griechischen Mythologie (Lateinische Klassiker – Zweisprachig) über. v. Lucius Annaeus Senecio, ad fontes Klassikerverlag, 2017.
Zilling, Henrike Maria, Jesus als Held – Odysseus und Herakles als Vorbilder christlicher Heldentypologie, Paderborn-München-Wien-Zürich, 2011.
Gasser, Luke, Das Jericho Prinzip – Abschied von der Last der Schuld, S. 32-44, Wangen bei Olten, 2019.
Dembowski, Hermann, Einführung in die Christologie, Darmstadt 1993 (3. Auflage)
Die Bibel – Altes und Neues Testament – Einheitsübersetzung, Freiburg-Basel-Wien 1980.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

Dec 21, 2023 • 21min
Der Dackel - Auf kurzen Beinen zur Kultfigur
Dackelartige Hunde gibt es seit dem Mittelalter. Kurzbeinige Hunde wurden zur Jagd in unterirdischen Fuchs- und Dachsbauten eingesetzt. Mutig mussten sie sein und zur Not auch ohne den Jäger klarkommen. (BR 2017) Autorin: Christiane Seiler
Credits Autor/in dieser Folge: Christiane Seiler Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Axel Wostry, Irina Wanka, Paul Herwig Technik: Christine Frey Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:Cyprienne Geilen, Tierärztin und Züchterin;Arno Blin, Rentner und Jäger
Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren:
Mensch und Hund - Eine ErfolgsgeschichteJETZT ANHÖREN
Hunde und ihr Geruchssinn - Die Supernasen im TierreichJETZT ANHÖREN
Die Jagd - Von der Trophäenjagd zur ÖkojagdJETZT ANHÖREN
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Atmo Dackelschau
MUSIKAKZENT Kleiner Dackel vor dem Laden
MUSIK Ein kleiner Hund
OT1 Geilen
Im süddeutschen Raum heißen sie eher Dackel, im norddeutschen Raum heißen sie eher Teckel, manche sagen auch Dachshunde. Im Ausland sagt man auch eher „Dachshund“ oder dashhound, also nicht badger dog, was man erwarten würde, oder halt basotti auf Italienisch, das ist alles der gleiche Hund …
Musik aus
Atmo: Tür auf, Dackelgekläff, Atmo weiter unter Sprecherin
Sprecherin
Wir sind bei einer Zuchtschau des Deutschen Teckel Klubs im Land Brandenburg, südlich von Berlin. Inmitten der rustikalen Scheune am Dorfrand befindet sich ein mit grauem Nadelfilz ausgelegter Führring. Dackelbesitzer heben ihre vierbeinigen Lieblinge behutsam auf einen Tisch, um sie vom Richter und seinem Helfer begutachten zu lassen. Die Dackel sind mal winzig, mal groß, mal haben sie kurzes, mal raues, mal seidig langes Fell. Die Richter schauen in spitze Mäuler, vermessen Rückenlänge und Brustumfang, lassen die Hunde dann wieder zu Boden und im Ring an dünnen Leinen im Kreis marschieren. Am anderen Leinenende einer schwarz-braunen Zwergdackeldame geht stolz und besorgt ein großer junger Mann in grüner Jägerstrickjacke und mit Samurai-Zopf, seine Hündin schmeißt eifrig die Stummelbeinchen, so schnell, dass die Konturen ineinanderfließen.
MUSIK Jagdquartett 4. Satz: Allegro assai
Sprecher
Die Bewegung des Hundes sieht aus wie auf dem berühmten Ölgemälde des italienischen Futuristen Giacomo Balla. "Dinamismo di un cane al guinzaglio", auf deutsch "Bewegungsrhythmus eines Hundes an der Leine" heißt das Werk aus dem Jahre 1912. Zu dieser Zeit versuchen sich viele Künstler an der Darstellung von Bewegung, angeregt durch die neuen Möglichkeiten der Fotografie, die einzelne Bewegungsphasen im Bild festhalten kann.
Auf Ballas Bild schwingt die Leine, das Schwänzchen wedelt, die Beine fliegen, die Darstellung erinnert an eine Comiczeichnung.
Neben den vom Kleid umwehten Beinen einer möglicherweise älteren Dame in bequemem Schuhwerk, läuft ausgerechnet ein schwarzroter, sehr kleiner kurzhaariger Dackel.
Musik aus
OT2 Geilen
Der Ursprungsdackel … ist ... schwarzrot Kurzhaar tatsächlich. Und der Förster von Daacke hat sich darauf spezialisiert, diese hirschrote Farbe, was man heute halt rot nennt, in diese Zucht zu bringen. Und dann haben sich aus diesem Kurzhaar mit Einzüchtung von Terrier der Rauhaar entwickelt, und mit Einzüchtung von Cockerspanielarten der Langhaar. Und dann wurden die verschiedenen Größenschläge gezüchtet, also immer kleiner, und das hat was mit der Funktion zu tun, die größeren Hunde sind für Dachs- und Fuchsbau, also für Raubwild gedacht, und die kleineren dann Kaninchenteckel und Zwergdackel.
ATMO Gekläff
Sprecherin
Cyprienne Geilen, 30 Jahre alt, ist Tierärztin und züchtet kurzhaarige Zwergteckel. Ob der Name "Dackel" sich von dem erwähnten ersten Dackelzüchter namens von Daacke herleite, sei heute nicht mehr zu klären, meint sie.
Atmo aus
Das Grimmsche Wörterbuch, dessen den Dackel betreffender Band Mitte des 19. Jahrhunderts erschien, kennt noch keinen "Dackel", allerdings findet sich dort der "Dachshund". Auch in Adelungs "Grammatisch Kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart" von 1793 gibt es den Eintrag:
ATMO Dachshund
Zitat Adelung
Der Dachshund, des Dachshundes, Plural: Die Dachshunde; eine Art kleiner starker Hunde, mit einem langen, schmalen Leibe und kurzen, eingebogenen Füßen, welche zur Dachsjagd gebraucht werden, dieses Tier in seinem Baue aufzusuchen.
Atmo aus
MUSIK Back on the Bounce
Sprecherin
Als 1888 der Deutsche Teckel-Klub gegründet wurde, gab es also bereits Dackel, aber erst jetzt wurde einheitlicher, auch heute noch fast weltweit gültiger, Rassestandard festgelegt. Der Dackel ist also ursprünglich ein durch und durch deutscher Hund. Und nach diesem Rassestandard wird das einzelne Exemplar bei einer solchen Zuchtschau beurteilt:
Musik aus
Atmo Dackelschau
OT3 Geilen
Da wird auf die Gesundheit des Hundes geachtet, es wird kontrolliert, ob das Gebiss in Ordnung ist, ob die Zähne in der richtigen Anzahl vorhanden sind, das zeigt schnell, wenn genetisch was nicht in Ordnung ist. … Dann wird geschaut, was beim Dackel sehr wichtig ist, nach der Rute, ob alle Wirbel gegeneinander beweglich sind, weil der Dackel mit seinem Körperbau auch ein bisschen anfällig isst, was die Wirbelsäule angeht, ... Dann wird die Anatomie bewertet, auch der Geschlechtstyp, ob man gleich sieht, dass es sich um einen Rüden oder ne Hündin handelt, dann wird ... der Kopf bewertet, die Augen sollten mandelförmig beim Teckel sein, die Ohren sollten anliegen auf Höhe der Augen, (( nicht zu hoch nicht zu niedrig angesetzt sein, … das hat auch alles ne Funktion, also die langen Ohren beim Deckel sind dazu da, dass z.B. unter der Erde die Ohren geschützt sind und keine Erde in die Ohren fallen kann.)) Dann sollte der Deckel einen mittellangen, starken Hals haben, der in einen guten Widerrist übergeht und ((dann ist genau vorgeschrieben, wie die Schulterwinkelung sein sollte, wie die Hinterhandwinklung sein sollte, dass die Vorderpfoten parallel sind, …)) Früher war es so, der typische Dackel hatte diese fürchterlich ausdrehenden Beine, die aussahen wie Rokokostühle oder Chippendale Möbel, das ist nicht gewünscht, der Teckel soll ne parallele Vorhand haben, weil sonst die Arthrose im Alter nicht weit ist.
Atmo aus
Sprecher
Ein Dackel soll also keine krummen, sondern kurze Beine haben. Kurzbeinige Jagdhunde gab es schon im Mittelalter, was auf zeitgenössischen Darstellungen gut belegt ist. "Niederläufig" nennt sie die Fachsprache. Diese Kurzbeinigkeit beruht auf einer Genmutation, die zu der sogenannten Chondrodysplasie führt und auch bei Menschen auftritt. Bei Hunden wurde diese Form der Kleinwüchsigkeit schon vor Jahrhunderten züchterisch genutzt.
Atmo Dackelschau
OT4 Geilen
Es gibt zwei unterschiedliche Formen von Zwergwuchs, so kann man es eigentlich gut erklären. Es gibt den proportionalen und den nichtproportionalen Zwergwuchs. Proportional heißt, die Tiere sind einfach nur kleiner, aber das Verhältnis aller Gliedmaßen bleibt. Z.B haben wir diesen Zwergwuchs beim Chihuahua oder beim Zwergpinscher, der sieht eigentlich aus wie so ein Bonsai-Dobermann, sage ich jetzt mal. Ja, der Teckel ist ja zwar klein, aber unheimlich knochenstark. Und diese Knochenstärke rührt daher, dass die Knochen sich nur verkürzen, die werden so ein bisschen schaufelförmig und haben aber die gleiche Stärke wie von einem großen Hund.
Atmo aus
Sprecherin
Die Verkürzung der Knochen betrifft also nur die Gliedmaßen, während der Leib des Hundes normal groß bleibt. Nicht nur Dackel haben kurze Beine, es gibt noch andere Rassen mit diesem Merkmal. Man denke nur an den aus dem Disneyfilm "Aristocats" bekannten Basset namens Lafayette oder die bei der englischen Queen besonders beliebten "Welsh Corgies". Englische Basset Hounds sind wesentlich massiger als Dackel und dienten in einer Meute als Jagdhunde, Welsh Corgies gehören zur Gruppe der Hütehunde.
ATMO Jagdhunde
Sprecher
Kurzbeinigkeit vererbt sich dominant und führt, jetzt wieder im Fall des Dackels, zu kräftigen, aber niedrigen Hunden mit schmalem Brustkorb, die in früheren Zeiten äußerst nützlich für die sogenannte Baujagd waren. Deshalb gelten Dackel, ähnlich wie manche Terrierrassen, als Erdhunde. Die Vierbeiner sollten in die engen Röhren der Fuchs- oder Dachsbaue eindringen, sich unter der Erde an die Verfolgung der Bewohner machen, den Dachs oder Fuchs stellen und so laut bellen, dass man ihn draußen hören und orten konnte. Daraufhin gruben die Jäger an der richtigen Stelle, befreiten den Dackel und erschossen Dachs oder Fuchs.
Sprecherin
Die Jagdliteratur des 19. Jahrhunderts geizt nicht mit der Beschreibung heroischer Szenen bei der Konfrontation eines Dackels mit einem Dachs.
MUSIK Luminosity (privat)
ATMO Jagd und Dackelgeheul
Das folgende Zitat stammt aus dem Buch "Niederjagd" des fränkischen Försters und Jägers Karl Emil Dietzel. Mehrere Jäger umstehen einen Dachsbau, im dem bereits ein Hund namens "Bergmann" unterwegs ist. Sie haben begonnen, Dackel und Dachs auszugraben und lauschen bang auf einen Laut des Hundes.
Zitat Dietzel
Da hört man auf einmal ganz deutlich und näher, als man zu hoffen gewagt, den tapferen "Bergmann". Und triumphierend, ja, fast die Furcht der Zweifler ein wenig verhöhnend, blickt der Jäger um sich und kann es sich nicht versagen, unter die Befehle, die er erteilt, Worte des Lobes für seinen Hund zu mischen. … Immer deutlicher wird "Bergmann" gehört, und öftere Schmerzenslaute des Angreifers lassen schließen, dass der Kampf sehr heiß sei. Kann auch der Jäger in diesem Augenblick keine tätige Hilfe leisten, so ist er doch bemüht, durch Zuruf den Gegner seines Schützlings zu schrecken und den Mut des Hundes aufs Höchste anzuspornen.
Sprecherin
Diese Baujagd war also gefährlich für den Hund, denn gerade Dachse sind wehrhafte Tiere, die den sie verfolgenden Dackel sogar eingraben können, in der Jägersprache heißt es "verklüften", sodass der Hund sich nicht aus eigener Kraft befreien kann. Ein Dackel muss im Dachsbau sehr selbstständig handeln und Entscheidungen treffen, Herrchen oder Frauchen können ihm nicht beistehen. Daher rühren auch heute noch die berühmte Eigensinnigkeit und das Selbstbewusstsein des Dackels.
Musik aus
Sprecher
Die Baujagd wird in Deutschland praktisch nicht mehr betrieben. Aber immer noch gilt der Dackel als Jagdhund und wird nach wie vor auf seine Jagdtauglichkeit hin gezüchtet. So auch Antek.
Atmo: Antek quietscht
Sprecher
… dieser schwarz-braune normalgroße Rauhaardackel mit dem hellen Bart.
Sprecherin
Er hat die Besucherin freudig schwanzwedelnd begrüßt und sitzt jetzt neben seinem Besitzer Arno Blin auf dem Ledersofa. Der Rentner ist Jäger und ehemaliger Dorfschullehrer in der Niederlausitz. Antek ist sein vierter Dackel und jetzt acht Jahre alt.
OT5 Blin
Als Jagdhund würden ihn viele ablehnen, weil er keine Schärfe hat … er geht ja immer hin und freut sich und macht, aber dafür wo ich ihn brauche, nachsuchen, das macht er. Hier werden ja häufig Schweine gejagt, und wir sagen der Hund, wenn er nachsuchen soll, wird am Anschuss angesetzt. Der Anschuss ist die Stelle, wo das Wild beschossen wurde und im Normalfall ist auch irgendwas zu sehen, entweder Schweiß, also Blutspritzer, oder Haare von der Schwarte … Dann findet er mit seiner Nase raus, wo das kranke Stück hin ist, das kriegt er mit und er findet das auch … Er bellt nur, er gibt nur Laut am lebenden Stück. Am toten nicht. Aber ich lasse ihn suchen, und dann rufe ich ihn zurück, und wenn er zurückkommt, mache ich ihn an die Leine, und dann führt er uns hin.
Sprecherin
Antek hat nie einen Dachs- oder Fuchsbau von innen gesehen. Dafür fehlt ihm die Schärfe, sagt Herr Blin, sprich, Antek ist kein Angreifer und legt keinen Wert auf gefährliche Zweikämpfe. Aber er hat eine sehr gute Spürnase. Generell sind Dackel für alle Aufgaben gut zu brauchen, bei denen ein feiner Geruchssinn nötig ist, meint die Züchterin Cyprienne Geilen:
OT6 Geilen
Der Dackel ist ein ein spurlauter Jäger, das heißt, das, was man dem Dackel nachsagt, dass er sehr gerne bellt, das ist auch gewünscht. … er sieht nichts, er riecht es, und er gibt daraufhin Laut. Und dann weiß der Jäger, aha, er hat eine Spur. … Das ist ein ganz spezieller Laut, also die Jäger sagen dazu „Jiffen“, das unterscheidet sich vom Bellen. Man merkt ob der Hund auf ner Fährte oder ner Spur ist, oder ob er einfach so bellt.
Sprecher
Nur eine Minderheit aller Dackel ist aktuell noch als Jagdhund im Einsatz, die meisten leben, wie ihre Besitzer, in Großstädten und viele in Etagenwohnungen. Deshalb suchen Hundefreunde nach neuen Herausforderungen für ihren Vierbeiner.
Schlägt man einen modernen Dackel-Ratgeber gleich welchen Verlages auf, finden sich vielfältige Tipps, wie man seinem Dackel zu einem abwechslungsreichen Leben verhelfen kann.
Der Deutsche Teckel Klub bietet eine Begleithundeausbildung mit anschließender Prüfung an, ferner gibt es Hindernisläufe, Dog Dancing, sowie Denk- und Geschicklichkeitsspiele. Was empfiehlt die Züchterin Cyprienne Geilen?
OT7 Geilen
An Tagen, wo der Besitzer nicht so viel Zeit hat, ist der Teckel auch ein ganz ruhiger Hausgenosse, aber natürlich muss man ihm viel Auslastung anbieten. ((Im Wald, oder mit Spiel oder mit viel Kopfarbeit, ich sage mal, er verträgt sehr viel,)) ich kann drei Stunden mit meinen Hunden laufen, da sind die kein Stück müde. Aber … wenn mal ein Tag dabei ist, wo es nur die Runde um den Block ist, verträgt es der Deckel auch, aber er möchte am Wochenende durch den Grunewald oder irgendwo anders durch den Wald und mal ein zwei Stunden ausgelastet sein.
MUSIK Cloak and Dagger
ATMO Hundelaufen
Sprecherin
Abgeraten wird von allen Aktivitäten, bei denen der Dackel hochspringen oder sich lange auf den Hinterbeinen aufrichten muss. Denn weil diese Hunderasse einen verhältnismäßig langen Rücken hat, sollte alles vermieden werden, was zu Wirbelsäulenschäden führen kann. Auch Treppensteigen bekommt dem Dackel nicht gut. Deshalb sollte man ihn besser tragen, auf dem Arm oder in einer Tasche. Und auch zu dick sollte er nicht werden – kein Dackel sollte aussehen wie eine dralle Wurst auf Beinen.
Musik aus
Atmo aus
Dieses leider allzu verbreitete Übergewicht hat ihm übrigens im Englischen den Spottnamen "sausage dog" eingetragen. Im schlimmsten Fall kann es durch einen Bandscheibenvorfall zur sogenannten Dackellähme kommen. An dieser Krankheit, die übrigens nicht nur Dackel, sondern auch Pekinesen und Zwergpudel befällt, litt auch "Lump", wohl einer der berühmtesten Dackel der Welt.
Sprecher
Lump, ein hirschroter Kurzhaardackel, kam 1956 in Stuttgart zur Welt. Dort erwarb ihn der amerikanische Fotograf David Douglas Duncan, der vor allem als Kriegsfotograf berühmt wurde.
Lump sollte seiner Afghanen-Hündin Gesellschaft leisten, aber die beiden vertrugen sich ganz und gar nicht. Ein Jahr später nahm Duncan den Dackel mit auf Besuch zu seinem Freund Pablo Picasso nach Südfrankreich. Der Maler lebte in dem verwunschenen Landsitz "La Californie" mit seiner Frau Jaqueline, einer Ziege, einem Boxerhund und mehreren Vögeln. Bei Lumps Ankunft dort geschah etwas Erstaunliches. Auf der Stelle entschied der Hund, so beschreibt es jedenfalls Duncan in seinem Buch "Picasso und Lump", dass er bei Picasso einziehen wollte, und der Maler verliebte sich in den kurzbeinigen, lustigen Dackel. David Douglas Duncan hat das Zusammenleben der beiden auf vielen Fotos dokumentiert. Lump saß auf Picassos Schoß, leckte seinen Teller ab, warf ihm ein Steinchen vor die Füße und animierte ihn zum Spiel, sah ihm stundenlang beim Malen zu. Und Picasso verewigte den Dackel auf Zeichnungen und Gemälden. Sechs Jahre lang lebte Lump in dem geheimnisvollen und chaotischen Haushalt, liebte Jaqueline, verehrte Picasso, durchstreifte jeden Winkel von La Californie und habe, so schreibt Duncan, nie das Wort "Nein" gehört.
Sprecherin
Lump war offenbar die Freundlichkeit auf vier Beinen, von seiner Erziehung ist bei Duncan nicht die Rede, möglicherweise hat sie einfach nicht stattgefunden. Arno Blins Antek hingegen ist wohlerzogen und lässt sich genüsslich von den Besuchern kraulen. Als Dorfschullehrer, der neben der Schule lebte, brauchte Herr Blin einen menschenfreundlichen Hund. Man solle die Dackel nur ihr Leben lang gut behandeln, meint er:
OT8 Blin
Man muss mit den Hunden Geduld haben, man muss im Laufe der Jahre auch so ich würde mal sagen, einen gewissen Hundeverstand entwickeln. Ein Problem bei den Hunden ist unbedingt, dass sich Mensch und Hund nicht verstehen, und wenn dann der Zweibeiner ungeduldig wird und den Hund anbrüllt oder ihn gar bestraft, dann wird der Hund kopfscheu, und weiß nicht, was er machen soll.
Sprecherin
Picassos Lump jedenfalls war alles andere als scheu. Wann der Kontakt zwischen Herr und Hund abriss, ist nicht überliefert. Der Hund starb im Frühjahr 1973, zehn Tage vor Picasso, allerdings lebten die beiden damals schon lange nicht mehr unter einem Dach. David Duncan hatte den Dackel bei einem späteren Besuch vermisst und die Antwort erhalten, er befinde sich zurzeit in der Obhut eines Tierarztes; Lump sei erkrankt, er könne seine Hinterbeine nicht mehr bewegen. Der französische Tierarzt hatte ihn aufgegeben, irreversible Lähmung lautete die niederschmetternde Diagnose. Der Fotograf wollte sich damit nicht abfinden und brachte Lump zu einem Spezialisten in Stuttgart, der den Dackel rettete. Fortan sei er zwar gelaufen "wie ein betrunkener Matrose", berichtet Duncan, habe sich aber noch zehn weitere Jahre seines Lebens gefreut und starb mit 17 Jahren. Dackel können sehr alt werden.
Sprecher
Lump ist nicht der einzige Dackel, der mit einer Berühmtheit unter einem Dach lebte und lebt. Die Liste ist lang, angefangen mit Napoleon Bonaparte, der gleich mehrere dieser Hunde besaß, mit denen er auf verschiedenen Gemälden verewigt wurde. "Napoleon" ist in Frankreich ein sehr beliebter Dackelname, dort heißt die Rasse übrigens "teckel". Auch Kaiser Wilhelm, Andy Warhol und John Wayne waren Dackelnarren, heute schmückt sich die Sängerin Adèle mit einem hirschroten kurzhaarigen "dachshund". Besonders populär sind Dackel in Japan, dort schätzt man vor allem die langhaarigen.
Zur Fußballweltmeisterschaft 2006 war es einigen deutschen Zeitungen eine Meldung wert, dass der Langhaardackel "Erwin Rommel", Maskottchen der japanischen Nationalelf, keinen Zutritt zu den Spielen hatte. Allerdings nicht wegen seines bizarren Namens, sondern wegen eines allgemeinen Tierverbots in den Stadien.
Sprecherin
Schon bei den Olympischen Sommerspielen in München 1972 gab es ein, allerdings nicht lebendiges, Dackel-Maskottchen namens "Waldi". Als hellgrün, gelb und rosa gestreiftes Stofftier war er das erste offizielle olympische Merchandising-Produkt. Auf der Website des Olympischen Komitees wird dazu angemerkt, man habe ihn ausgewählt, weil es sich dabei um einen besonders bayrischen und bodenständigen Hund handele. Zur selben Zeit nickten in bundesdeutschen Autos zig-tausende "Wackeldackel" mit den Köpfen, vorzugsweise auf der Hutablage eines Ford Taunus, neben einer in Zylinderform bunt umhäkelten Toilettenpapierrolle.
Sprecher
2007 wurde über das Aussterben der Dackel orakelt, weil immer weniger Welpen geboren wurden. Davon kann heute keine Rede mehr sein.
ATMO Cafè
Im Berliner Szenebezirk Neukölln gibt es sogar eine Teckelbar. Der Dackel ist, wie andere Hunderassen auch, der Mode unterworfen. War in den siebziger Jahren eher der Langhaardackel beliebt, so erlebt heute der Kurzhaardackel ein Comeback. Züchterin Cyprienne Geilen sieht das mit gemischten Gefühlen. Sein Image als Alte-Damen- und Jägerhund allerdings sei der Dackel endgültig losgeworden:
OT9 Geilen
Wenn man auf Ausstellungen geht, das sind dann oft so Schickimicki Leute, da sind auch viele homosexuelle Paare, die Hunde züchten, auch wirklich sehr viele, muss man sagen, … Dann gibt es den typischen Jäger, der gerne sich zum Schnitzelessen verabredet und danach ne Runde durch den Wald dreht, mit seinem Hund, ähm, da gibts ganz junge Leute, da gibts ganz alte Leute, die seit 100 Jahren Dackel haben, und irgendwie schon den zehnten und immer noch dran hängen und wahrscheinlich das weitergegeben haben in ihrer Familie, also da gibt es ganz unterschiedliche Leute, da gibts wirklich nichts, was es nicht gibt, … Also mein Bruder läuft mit dem Dackel durch Moabit und trägt den typischen Urban-Samurai Haarschnitt, der trägt immer seinen Hund in der Tasche durch die Gegend da, …
ATMO Jagd Wald
Sprecherin
Tatsächlich hat ein Dackel ein praktisches Format, man kann ihn auf dem Arm tragen und, wie Cyprienne Geilens Bruder, in einer Tasche durch die Großstadt transportieren. Oder man steckt ihn in einen warm gefütterten Dackelsack, am besten sogar zusammen mit anderen Artgenossen. So halten es auch die Jäger, wenn sie ihren kleinen Begleitern im Wald eine Pause gönnen wollen. Im Dackelsack fühlt der Dackel sich wohl, denn er wurde ja ursprünglich als Erdhund für die Baujagd gezüchtet. Also hat er keine Angst vor der Dunkelheit.
Atmo aus

Dec 21, 2023 • 24min
Der kleine Liebling der Elite - Schoßhunde im Wandel der Zeit
'Schoßhunde‘, heute auch Gesellschaftshunde genannt, haben eine lange Geschichte. Sie wurden rein zur Freude und Unterhaltung des Adels und der Königshäuser gezüchtet und waren nicht selten kostbare Statussymbole. Heute sind sie beliebte Begleithunde, ideal geeignet für ein Leben in der Stadt.
Autorin: Fiona Rachel Fischer
Credits Autorin dieser Folge: Fiona Rachel Fischer Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Rahel Comtesse, Thomas Birnstiel, Katja Schild Technik: Klemens Kamp Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:Dr. Seán Williams (historischer Berater dieser Folge), School of Languages and Cultures an der University of Sheffield;Dr. phil. Kelsey Granger, Sinologin, Gastwissenschaftlerin an der Ludwig-Maximilians-Universität
Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren:
Als das Tier zum Freund wurde - Geschichte des HaustieresJETZT ANHÖREN
Qualzucht - Tierleid für menschliche BedürfnisseJETZT ANHÖREN
Tiere verstehen? - Zwischen Deutung und ForschungJETZT ANHÖREN
Literaturtipps:
Seán Williams: „Dogged by controversy – our relationship with canines through the ages“, in: The Guardian (2. April 2023):EXTERNER LINK | https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2023/apr/02/dogged-by-controversy-our-relationship-with-canines-through-the-ages (zuletzt abgerufen am 17.10.2023).
Kelsey Granger: „The History of (Lap)dogs in China“, in: www.royalasiaticsociety.org (veröffentlicht 2023):EXTERNER LINK | https://royalasiaticsociety.org/the-history-of-lapdogs-in-china-post-by-2023-staunton-prize-winner-dr-kelsey-granger/ (zuletzt abgerufen am 17.10.2023).
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Atmo: Hund
SPRECHER:
Manchmal passen sie in Handtaschen.
SPRECHERIN:
Manchmal schieben wir sie in kinderwagenähnlichen Gefährten herum.
SPRECHER:
Manchmal schmücken wir sie mit Schleifchen und Mäntelchen.
SPRECHERIN:
Man mische eine Mini-Prise Wolf mit ganz viel Niedlichkeit und … herauskommt:
SPRECHER:
Der Schoßhund!
SPRECHERIN:
Der kleine Liebling der Elite.
Atmo: freudiges Bellen hecheln, Pfiff, Jagdgeräusche …
SPRECHERIN:
Moment mal! Zuallererst einmal sind Hunde wehrhafte Jäger!
SPRECHER:
Stimmt! Und genau an diesem Punkt beginnt die Jahrtausende alte Beziehung zwischen dem Menschen und dem Vorfahren des Hundes, dem Wolf. Es gibt verschiedene Hypothesen dazu, wie die ersten Annäherungen aussahen. Vielleicht überließ der omnivore Homo Sapiens in einer kalten Eiszeitnacht dem karnivoren Wolf das für ihn schlecht verdauliche proteinreiche, magere Fleisch und band ihn so an sich. Vielleicht zog er bewusst kleine Wolfsjunge auf oder rettete verletzte Tiere, um sie für die Jagd trainieren zu können.
SPRECHERIN:
Fest steht: Der Kontakt wurde immer enger. Schon vor 19.000 bis 32.000 Jahren haben im prähistorischen Europa Menschen mit den angehenden Hunden zusammengearbeitet, wie eine Forschungsgruppe an der Universität Turku in Finnland per Genanalyse festgestellt hat. Die Tiere unterstützten die Jäger und warnten vor Gefahren. Dafür bekamen sie ihren Anteil von der erlegten Beute. Die Annäherung des Wolfes an den Menschen, seine Zähmung und die Entwicklung zum Hund – das ist eine Geschichte der Urzeit.
SPRECHER:
Im Laufe der jahrhundertelangen Nähe zum Hund, fängt der Mensch an, den Hund nach seinen Bedürfnissen zu formen und gewisse Eigenschaften in ihm zu fördern, die ihm nützlich erscheinen. Größe, Fellbeschaffenheit, Farbe und Charakter.
Der Mensch macht sich die Instinkte und Fähigkeiten des Hundes zu Nutze und setzt ihn bei der Jagd, zum Bewachen und zum Beschützen ein.
SPRECHERIN:
Mit der Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft kommt jedoch noch ein anderer Aspekt hinzu: Eine wohlhabende Oberschicht mit viel Prestigebedürfnis und Zeit kann Hunde nun auch rein zum Vergnügen halten. Solche Hunde haben keine andere Aufgabe, als nett auszusehen und ihre Besitzerin oder ihren Besitzer zu begleiten.
O-TON 1 - Kesley Granger [There´s has been a lot of theories raised]
OV weiblich
Es gibt viele Theorien darüber, warum Menschen Schoßhunde und andere Haustiere halten, denn es existieren widersprüchliche Vorstellungen darüber, ob der Grund dafür beim Tier oder beim Menschen liegt. Ob es sich also um das angeborene Verlangen des Menschen handelt, ein soziales Wesen zu sein, und ob wir als Ausdruck dessen Haustiere halten oder ob es an der Art und Weise liegt, wie das Tier aussieht. Eine bekannte Theorie besagt, dass viele Haustiere oft sehr große Augen, sehr große Ohren und sehr große Köpfe haben – wie ein Baby. Und dieses Aussehen der Tiere, diese Ähnlichkeit mit menschlichen Babys, weckt in uns den Wunsch, das Tier als Haustier zu halten.
SPRECHER:
Dr. Kelsey Granger, Sinologin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München mit Forschungsschwerpunkt auf Haustierhaltung in China, insbesondere von Schoßhunden.
SPRECHERIN:
Der Begriff Schoßhund umfasst alle Hunderassen, die klein und dem Menschen gegenüber freundlich sind.
SPRECHER:
…. die der Mensch nur zu seinem eigenen Amüsement gezüchtet hat.
SPRECHERIN:
Wie Malteser, Pekingese, Mops. … und einige mehr …
O-TON 2 - Seán Williams
Als Tiere sind Schoßhunde natürlich sehr interaktiv. Das heißt, wir behandeln sie immer mehr eigentlich als Menschen. Wir betrachten Sie auch als unsere Freunde. Andererseits sehen sie nicht wie Menschen aus, das heißt, es liegt dann in diesem Tier, vor allem in diesem Haustier, eine Ambiguität.
SPRECHERIN:
Der Historiker Seán Williams von der School of Languages and Cultures an der Universität in Sheffield. Williams hat sich im Rahmen seiner Forschungen zur deutschen und europäischen Kulturgeschichte mit dem Schoßhund in der Moderne beschäftigt.
SPRECHER:
Bereits im Alten Rom sind kleine Schoßhunde bekannt und äußerst beliebt. Sie werden verwöhnt, liebkost und manchmal neben ihren Besitzern bestattet, wie Skelettfunde belegen.
SPRECHERIN:
Im Jahr 2021 untersuchten Wissenschaftler die Überreste eines Hundes aus dem Jahr 169 vor Christus, die im Grab seines Besitzers gefunden wurden, und fanden heraus: das Tier war klein, die Zähne nicht von der Jagd abgenutzt und es muss dem Grabritus nach eine enge Verbindung zu seinem Besitzer gehabt haben. Doch nicht nur das. Es handelt sich auch um eine sehr frühe Züchtung mit sehr kurzer Schnauze, wie wir es später von Möpsen und Bulldoggen kennen.
SPRECHER:
Offensichtlich gab es also bereits im antiken Rom Züchtungen, die rein auf das Vergnügen der wohlhabenderen Menschen abzielten.
SPRECHERIN:
In China, einem Land das später für seine Schoßhunde bekannt sein wird, finden sich erst einige hundert Jahre später die ersten Hinweise auf eine solche Hundehaltung.
O-TON 3 – Kelsey Granger [The first discernible lapdogs we see entered]
OV weiblich
Die ersten erkennbaren Schoßhunde kamen im Jahr 624 nach Christus als politisches Geschenk ins Land. Und sie wurden von dem Seidenstraßenstaat Turfan geschickt. […] Wir wissen also, dass sie von weit her kamen und recht plötzlich in China ankamen. Vor diesem politischen Geschenk gab es keine Beispiele für Schoßhündchen.
SPRECHERIN:
Zur Zeit der Tang-Kaiserdynastie, die vom 7. bis zum 10. Jahrhundert an der Macht ist, reißt sich alles, was Geld und Namen hat, um die neuen Haustiere. Zuvor dienten Hunde nie zur reinen Unterhaltung, jetzt sind sie plötzlich die neuen Lieblinge der Elite.
SPRECHER:
Reguliert wird die Haltung dieser speziellen Hunde nicht und auch über jegliche Sicherheitsbefürchtungen sind sie erhaben. Denn während die normalen ‚Arbeitshunde‘ bei den Zeitgenossen der Tang-Dynastie immer wieder Sorge über Tollwut auslösen und Warnschilder vor beißenden Hunden aufgestellt werden müssen, leben Schoßhunde in einem goldenen Käfig - sozusagen in Quarantäne. Denn sie sind vor allem die Haustiere einer spezifischen Gruppe:
SPRECHERIN:
Den besser gestellten Frauen, die in einem ganz eigenen, abgeschotteten Reich leben.
O-TON 4 (vorher 5) – Kelsey Granger [We know elite women were keeping the lapdogs]
OV weiblich
Wir wissen, dass Frauen der Elite Schoßhunde hielten. Ob andere Frauen ebenfalls solche Hunde hielten, ist nicht klar, aber es steht fest, dass es grundsätzlich überwiegend Frauen waren, die Schoßhunde hielten, was schon ungewöhnlich ist. Wir haben viele verschiedene Kulturgüter, die sich mit Schoßhunden befassen, wir haben Gedichte, wir haben Gemälde, wir haben Geschichten. Es wurden zuvor noch nie Hunde mit Frauen oder Kindern dargestellt.
SPRECHER:
Die Frauen der chinesischen Elite entwickeln eine enge emotionale Verbindung zu ihren Hündchen. Die Damen putzen ihre Lieblinge genauso heraus wie sich selbst – mit Parfüm und Schleifchen.
SPRECHERIN:
Diese Verbindung zwischen der adeligen Frau und ihrem Schoßhund geht sogar über den Tod hinaus, wie die bewegende Geschichte von Madame Lu und ihrem geliebten Schoßhund Huazi – Fleckchen – zeigt. Eines Tages verschwindet das Hündchen und verunglückt tödlich - kurz darauf stirbt auch Madame Lu.
SPRECHER:
Möglicherweise aus Trauer.
SPRECHERIN:
Als sie in die Unterwelt kommt, wird ihr offenbart: Sie sei zu früh gestorben und darf für weitere 12 Jahre in ihr Leben zurückkehren. Auf dem Weg zum Land der Lebenden begegnet sie einer wunderschönen jungen Frau. „Erkennst du mich denn nicht?“, fragt diese. „Ich bin Huazi, dein Hündchen.“ Zum Dank für Madame Lus Güte habe sie ihrer ehemaligen Herrin geholfen, dem verfrühten Tod zu entkommen. Mit einem magischen Zahlendreher macht Huazi aus den 12 noch verbleibenden Lebensjahren nun sogar 21 – im Gegenzug soll ihre ehemalige Herrin die Leiche ihres Hundes suchen und begraben. Madame Lu tut, wie ihr geheißen - und bestattet Huazis Gebeine mit den Grabriten eines Kindes.
SPRECHER:
So will es eine Erzählung aus der Taiping guangji-Sammlung, die halb wahre und halb erfundene Geschichten beinhaltet und Ende des 10. Jahrhunderts fertiggestellt wurde. Sowohl Madame Lu als auch der Ort, an dem Huazis Leiche gefunden wird, sind real. Der Teil mit der Unterwelt, … nun ja.
SPRECHERIN:
Was diese Geschichte zeigt, ist jedoch unbestreitbar: Die adeligen Frauen des frühen Chinas hatten eine intime, geradezu freundschaftliche Beziehung zu ihren Schoßhunden. Eine Verbindung, die Anlass zu Fantasien gibt.
O-TON 5 (vorher 6) – Kelsey Granger [For men, lapdogs and women went together as one image]
OV weiblich
Für Männer bildeten Schoßhündchen und Frauen ein Bild. Es gibt viele Gedichte über Frauen, in denen es oft um Frauen geht, aber eben nicht direkt. In diesen Gedichten sprechen Männer über die weiblichen Bereiche des Hauses, die für sie unzugänglich waren, es sei denn, sie gingen dorthin, um eine Frau zu verführen. So bellen Schoßhündchen, wenn ein Liebhaber am Tor ankommt, ein Schoßhündchen schläft am Fußende eines Bettes, wenn Frischvermählte ihre Hochzeit vollziehen, ein Schoßhündchen ist als Begleiter für einsame Palastfrauen da, die nicht die Gunst des Kaisers hatten. Die Schoßhündchen dienen den Männern sehr wohl als Symbol für alle weiblichen Räume, aber auch als eine Art Parallele zur Frau.
SPRECHER:
Lange Zeit bleiben Schoßhunde eine Sache der Elite, des Adels, der Königshäuser – auch im mittelalterlichen und neuzeitlichen Europa. Die Schönen und Reichen lieben ihre Haustiere. Hunde auf Gemälden in goldenen Galerien sind keine Seltenheit.
SPRECHERIN:
Ende des 18. Jahrhunderts wird die romantische Idee eines Haustiers jedoch langsam zum Massenphänomen.
Atmo Maschinen
Es ist die Zeit der Industrialisierung, die Zeit von Fabriken und Urbanisierung.
SPRECHERIN:
Für viele Bürger sind Haustiere eine letzte Bastion der Natur in der Großstadt. Und zugleich schick, denn immerhin war das Haustierhalten bisher eine Sache des Adels. Ein Statussymbol.
SPRECHER:
In Großbritannien, in Frankreich und im deutschsprachigen Raum werden Schoßhunde immer mehr zu Familienmitgliedern, über alle sozialen Klassen hinweg.
SPRECHERIN:
Schoßhunde kommen immer mehr in Mode. Es beginnt ein wahrer Hype um die Haltung - und um die verschiedenen Rassen, denen bestimmte Charakteristika zugeschrieben werden.
SPRECHER:
Mit den Schoßhund-Rassen jedoch ist das so eine Sache. Manche ursprünglichen Jagdhunde, wie der Pudel, werden auch als nicht arbeitende Haushunde gehalten. Und bei den richtigen Schoßhunden, die ohne eine bestimmte Funktionsfähigkeit gezüchtet worden sind, sind die Rassen oft nur schwer auf ihren Zuchtursprung zurückzuverfolgen. Wie zum Beispiel beim Mops, der chinesische Vorfahren hat. Doch die frühe chinesische Hundezucht ist in den historischen Quellen nur schwer zu greifen:
OV weiblich:
Das ist also das wirklich Schwierige an Rassen, denn heute sprechen wir natürlich von Rassen, sprechen wir vom Mops und vom Pekingesen. Das Problem ist, dass in den Quellen nicht von Möpsen und Pekingesen die Rede ist, sondern nur von Hunden, sodass es wirklich schwierig ist, bestimmte Arten zu unterscheiden.
Ich glaube nicht, dass es eine sehr klare Abgrenzung zwischen Möpsen und Pekingesen sowie Shih Tzus und all diesen anderen Hunderassen gab. Sie sahen wahrscheinlich nicht einmal so verschieden aus, wie sie es heute tun. Heute unterscheiden sie sich aufgrund der Rassestandards und der Differenzierung der Rassen, das ist eine moderne Erfindung.
SPRECHERIN:
Im Europa des 19. Jahrhunderts aber ist gerade die Rasse der Hunde zu einem Statussymbol geworden. Der Mops beispielsweise steht beinahe sinnbildlich für die schicken Gesellschaften aus vergangenen Zeiten: Im 18. Jahrhundert gibt es Mops-Gesellschaften, dekorative Mopsfigürchen, Mops-Mythen …
SPRECHERIN:
… Sogar eine freimaurerische Gesellschaft namens ‚Mopsorden‘ soll ab 1740 für ein paar Jahre in Frankreich existieren, mit Logen im deutschsprachigen Raum und Großmöpsen an der Spitze der Vereinigung. Hier kommt dann wieder eine Mopsfigur ins Spiel, die als Initialisierungsritus auf den Allerwertesten geküsst werden muss.
SPRECHER:
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts werden Hunde - und vor allem auch Schoßhunde - als Haustiere in Europa immer beliebter. Das schafft zunehmend auch Probleme, da gerade bei ausgesetzten Straßenhunden die damals grassierende Tollwut zur Bedrohung für den Menschen wird.
Das damals gängige Erschießen der streunenden Hunde ist eine Herangehensweise, die mit einem großen Aufschrei aus der hundeliebenden Bevölkerung beantwortet wird.
SPRECHERIN:
Nach der Französischen Revolution kommt im deutschsprachigen Raum außerdem die Sorge auf, dass mit den Immigranten auch ihre Hunde in Massen aus dem Nachbargebiet übersiedeln. In Frankreich sind die Schoßhunde ein Symbol des alten aristokratischen Regimes und wecken Erinnerungen an Marie Antoinettes Luxushündchen.
Den vielen Schoßhunden, die dieser Trend mit sich gebracht hat, muss man nun Herr werden und sucht nach Möglichkeiten, die Haltung zu regulieren. Aus Großbritannien kommt schließlich die Idee der Hundesteuer, die sich schnell weiterverbreitet. Auch Krankenhäuser zur Pflege von erkrankten Haustieren entstehen, um den Lieblingen ein langes und gesundes Leben zu ermöglichen. Ein Produkt des aufklärerischen Feingefühls.
SPRECHER:
Doch zurück in das Land, das in dieser Zeit in Europa berühmt werden wird für seine Schoßhündchen - nach China! 1860, während des zweiten Opiumkrieges, wird der Sommerpalast in China von britischen und französischen Truppen geplündert und zerstört. Dort finden die Soldaten etwas, was zu einem wichtigen Raubgut wird: Schoßhunde.
O-TON 8 (vorher 10) – KELSEY GRANGER [And captain John Hartdone discovers a small dog]
OV weiblich
Kapitän John Hartdone entdeckt im französischen Lager einen kleinen Hund, der aus diesem Palast gestohlen wurde, und schmuggelt ihn den ganzen Weg zurück nach England. Anscheinend hat er in seinem Hut geschlafen. Und der Kapitän präsentiert diesen kleinen Hund Königin Victoria, die ihn „Looty“ nennt, wörtlich „Beute“ oder „Diebesgut“. Sie behält diesen kleinen Hund. Und das ist der Beginn dieses Pekingesen-Hypes.
SPRECHERIN:
So wird eine chinesische Schoßhunderasse zur imperialistischen Trophäe der westlichen Mächte.
SPRECHER:
Pekingesen sind der Qing-Dynastie, die schon seit dem 17. Jahrhundert herrscht, die liebsten Hunde. Angehörige des Hofes berichten von hunderten dieser Schoßhunde, die nur feinstes Futter bekommen und von eigenen Eunuchen bewacht werden. Sie werden in Käfigen durch die Palastgänge gefahren, damit ihre Pfoten den Boden nicht berühren müssen.
SPRECHERIN:
Das alles endet während des zweiten Opiumkrieges mit den einmarschierenden Truppen aus Europa.
SPRECHER:
Fünf weitere Pekingesen werden schließlich in den Ruinen des zerstörten Sommerpalastes gefunden und nach England gebracht. Ihre kaiserliche Herkunft macht sie zum perfekten Souvenir aus dem verlorenen alten China, das schon lange in Europa romantisiert wird.
O-TON 9 (vorher 11) – KELSEY GRANGER [The problem is especially in China]
OV weiblich:
Das Problem besteht insbesondere in China darin, dass wir scheinbar zwei unterschiedliche Zeiträume für die Schoßhund Haltung haben. Wir haben diesen Trend in der Tang-Dynastie, wo Frauen die Schoßhunde lieben und Kinder mit ihnen spielen. Und dann verschwinden diese Haustiere irgendwie und wir verlieren sie für Jahrhunderte aus den Augen. Doch dann tauchen sie im späten 18. Jahrhundert am Hof der Kaiserinwitwe Cixi wieder auf.
SPRECHER:
Dennoch verfassen zahlreiche europäische Hundeliebhaber Historien, in denen sie die Geschichte verschiedener Schoßhunderassen jahrhundertelang zurückverfolgen. Denn was ist wertvoller als kaiserliche Hunde aus China?
SPRECHERIN:
Kaiserliche Hunde aus China mit einer langen Ahnenreihe.
SPRECHER:
Und die wenigen Hunde, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Europa gelangen, sind der Grundstock für die Zucht der exotischen Hunde aus China. Bis sie eine völlig eigene Rasse sind – die Pekingesen wie wir sie heute kennen.
SPRECHERIN:
Mit dem Ersten Weltkrieg im 20. Jahrhundert brechen ein katastrophaler Krieg und ein Umsturz nach dem anderen über Menschen und Hunde gleichermaßen herein. Die Situation vieler Menschen verändert sich. Der Wohlstand, der die Haltung von Schoßhunden bedingt, bröckelt.
SPRECHER:
Hinzu kommt, dass Prestigedenken und das Bedürfnis nach Statussymbolen vielerorts von sozialistischen Werten verdrängt werden. In der Sowjetunion gibt es kein Verständnis für Schoßhunde und Haustiere im Allgemeinen mehr; sie gelten nur noch als überflüssige Fresser, die nichts für ihren eigenen Lebensunterhalt beitragen.
Und auch in China ändert sich die Situation für die kleinen Hunde grundlegend: Im Maoismus stehen Schoßhunde für das alte China, aus dessen Fesseln man sich befreien will.
SPRECHERIN:
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs lassen in Großbritannien tausende Londoner ihre Lieblinge töten, um sie vorsorglich vor dem kommenden Kriegsleid zu bewahren. Den Schrecken des Fliegeralarms und hungernde Hunde zwischen zerbombten Häusern, diesen Gedanken können viele Besitzer nicht ertragen.
Auch in der entbehrungsreichen Nachkriegszeit, können viele Menschen ihre Vierbeiner beim Aufbau der zertrümmerten Städte nicht mehr gebrauchen.
Erst mit dem Aufschwung nach der Nachkriegszeit können es sich immer mehr Menschen wieder leisten, einen Hund als häuslichen Gefährten zu halten.
SPRECHER:
Und es entstehen neue Trends und Moden bei den Haushunden: ein kleiner Hund, der ursprünglich rein zur Jagd und nicht als Schoßhund gezüchtet wurde, erobert die Herzen der Menschen und ist aus Großstädten wie München oder Berlin und nicht mehr wegzudenken: der Dackel.
Atmo Dackel
O-TON 10 (vorher 12) – SEÁN WILLIAMS:
Dann im zwanzigsten Jahrhundert war das eine Erfolgsgeschichte, dass der Dachshund dann Pop wurde und dann mit Andy Warhol und alle anderen, Adele hat auch einen Dackel, dass der Dackel dann irgendwie poppig wurde und ein Bild vom harmlosen, coolen Deutschland, dass man dann so Hipster werden kann aus Berlin mit einem Dackel.
SPRECHERIN:
Heute ist der Hund mit etwa 10 Millionen Tieren ein äußerst beliebtes Haustier in Deutschland. Viele ehemalige Jagdhunderassen finden Eingang in das Herz der Familie und werden als „Gesellschaftshunde“ gehalten. Auch wenn sie vielleicht nicht besonders klein, besonders kuschelig oder besonders süß sind.
SPRECHER:
Seit einigen Jahren gibt es aber eine bedenkliche Entwicklung, was die Zucht gerade von Schoßhunden betrifft: in Form und Größe werden sie immer mehr verändert – was zu zahlreichen gesundheitlichen Problemen führt. Ein relativ neuer Zuchttrend ist der sogenannte ‚Teacup-Hund‘, der, wie der Name schon sagt, mit seinen gerade einmal 20 Zentimetern Größe in eine Teetasse passen soll.
SPRECHERIN:
Zu kurze, platte Schnauzen wie bei Mops und Französischer Bulldogge führen zu gravierenden Atemproblemen; Herzfehler verkürzen das Leben von so manchem überzüchteten Schoßhund. Heute gibt es dazu Verbote und Regulierungen: Seit ein paar Jahren ist es beispielsweise in den Niederlanden verboten, Hunde zu züchten, deren Schnauze kürzer als ein Drittel des Kopfes ist.
SPRECHER:
Der Schoßhund hat eine lange, wechselhafte Geschichte. Auch heute ist er Moden unterworfen, auch heute ist er oft Ausdruck luxuriösen Lebensstils und doch ist er für zahlreiche Menschen ein treuer Begleiter in guten wie in schlechten und einsamen Zeiten. Das Bedürfnis des Menschen nach tierischer Nähe hat sich auch in der Corona-Pandemie gezeigt. Zwischen Homeoffice, Lockdown und Kurzarbeit werden in Deutschland im ersten Pandemiejahr 2020 25 Prozent mehr Hunde als im Vorjahr registriert. Dass nur kurze Zeit nach diesem Hype die Tierheime voller denn je waren … ist eine andere Geschichte.
ATMO Bellen / Kinderlachen
SPRECHERIN:
Eine Sache der Elite sind Schoßhunde schon lange nicht mehr. Im Gegenteil! Kleine Hunde sind oft gut geeignet für ein Leben in der Stadt, sind je nach Rasse ideale Spielgefährten für Kinder und Begleiter für ältere Menschen – doch sie sind trotz ihres oft niedlichen Aussehens und ihrer Größe vor allem eins: Hunde, die ein artgerechtes Leben mit ausrechender Bewegung und Beschäftigung brauchen.
ATMO: Kläffen kleiner Hund

Dec 21, 2023 • 22min
Krankheitsfaktor Stress - Auf den Spuren eines Phänomens
Stress gilt als Ursache für viele körperliche Leiden: Für das Magengeschwür, die Krebserkrankung, für Burn-Out genauso wie für Herzinfarkt. Aber Stress als Auslöser für Krankheiten ist kein neuer Ansatz. (BR 2013)
Autorin: Monika DollingerCredits Autorin dieser Folge: Monika Dollinger Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Thomas Loibl, Hemma Michel Technik: Susanne Harasim, Claudia Wanschura Redaktion: Nicole Ruchlak
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

Dec 19, 2023 • 23min
Liselotte von der Pfalz - Ungeschminktes aus Versailles
Die Heiratspolitik hat Liselotte von der Pfalz an den Hof von Versailles verschlagen. Über das Leben am Hof von Sonnenkönig Ludwig verfasste sie Zehntausende von heute noch berührenden Briefen an ihre deutsche Verwandtschaft. (BR 2016)
Autorin: Prisca StraubCredits Autorin dieser Folge: Prisca Straub Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Ruth Geiersberger, Axel Wostry, Rahel Comtesse Technik: Roland Böhm Redaktion: Petra Hermann-Boeck
Im Interview:Prof. Dr. Helen Watanabe-O’Kelly, Kulturwissenschaftlerin, Universität Oxford.
Linktipps:
Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
SPRECHER
Bei Straßburg, an der Grenze zu Frankreich: Eine prächtige Kutsche hält. An Bord - eine hemmungslos heulende Prinzessin. Denn jetzt heißt es Abschied nehmen. Elisabeth Charlotte, genannt Liselotte von der Pfalz, sagt ihrem Vater Lebewohl. Sie wird Kurfürst Karl I. Ludwig und ihre gesamte Familie nie wieder sehen.
SPRECHERIN
Es ist ein herzergreifender Novembertag im Jahr 1671. Die 19-jährige Liselotte ist auf dem Weg nach Frankreich - zu ihrer Trauung: Sie ist an den Hof des Sonnenkönigs verheiratet worden. Und ihr zukünftiger Mann ist kein Geringerer als der Bruder von Ludwig XIV.
MUSIK
SPRECHER
Wie bei politisch arrangierten Hochzeiten üblich, sind sich die Eheleute bisher kein einziges Mal begegnet. Der Heiratsvertrag? Längst unterschrieben! Und ein Ergebnis zäher Verhandlungen: Denn die Pfalz ist ein kleines, von politischen Großmächten umringtes Land. Die Prinzessin aus Heidelberg nach Versailles zu verheiraten - noch dazu für eine vergleichsweise bescheidene Mitgift - das ist ein Kabinettstück der absolutistischen Diplomatie.
MUSIK ENDE
O-TON Helen Watanabe-O’Kelly
Sie war aus politischen Gründen eine gute Partie. Geld war nicht groß da. Sie heiratete den Bruder von Ludwig XIV., Philippe d'Orléans, und er hätte eigentlich eine höherstehende Prinzessin heiraten können. Aber Ludwig XIV. hatte ein Auge auf die Pfalz. Die er dann auch nachher tatsächlich erobert hatte. Aber aus politischen Gründen war sie ihm angenehm.
SPRECHERIN
Professor Helen Watanabe-O’Kelly ist Kulturwissenschaftlerin. Sie lehrt deutsche Literatur in Oxford. Ihr Spezialgebiet: 'Marrying Cultures'. Dabei geht es um adlige Hochzeitskulturen im europäischen Vergleich.
SPRECHER
Liselotte, die blondgelockte Prinzessin, ist also eine attraktive Bündnispartnerin. Dank der brisanten geografischen Lage der Pfalz als Pufferstaat zwischen Frankreich und den deutschen Fürstentümern. Doch nicht nur das: Ludwig XIV. will seinen verwitweten, jüngeren Bruder Philipp so schnell wie möglich wieder verheiratetet sehen. Der 30-jährige Prinz hat nämlich noch eine wichtige Aufgabe zu erfüllen:
O-TON Helen Watanabe-O’Kelly
Man muss auch sagen, dass der Herzog von Orléans, also der Mann von Liselotte, der war schon Witwer. Der hatte Töchter gezeugt, keinen Sohn. Er brauchte einen Sohn. Er brauchte eine also Ehefrau, um einen Sohn zu haben. (lacht) Und er war schwul! Also es war nicht zu erwarten, dass er 18 Kinder in die Welt setzt.
MUSIK
SPRECHERIN:
Die Staatsraison hat also entschieden. Da helfen jetzt auch keine Tränen! So überquert die Kutsche die Grenze nach Frankreich - Liselotte verliert ihr Land, ihren Hof, ihre Vertrauten - und ihren Glauben. Denn die Prinzessin muss sogar zum Katholizismus übertreten. Schmerzvoll für die Calvinistin, doch auch darauf kann das Arrangement keine Rücksicht nehmen. Helen Watanabe-O’Kelly:
MUSIK ENDE
O-TON Helen Watanabe-O’Kelly
Sie war dazu da, um der Dynastie ihres Ehemannes ihren Körper zur Verfügung zu stellen. Das war ihre Hauptpflicht und bestand darin, männliche Erben auf die Welt zu bringen. Sie wusste das von klein auf. Sie hoffte auch, dass das vielleicht kein brutaler Trinker wäre oder eben ein Mann - 50 Jahre älter! Aber andere Gründe wogen dann immer schwerer.
MUSIK
SPRECHER
Auf den ersten Blick kann Liselotte sich glücklich schätzen: Der Herzog von Orléans ist nur gut zehn Jahre älter als sie selbst - und steht durchaus nicht im Ruf, ein Grobian zu sein. Im Gegenteil:
SPRECHERIN
Der kleine, rundliche Mann, der so hohe Schuhe trägt, dass er wie auf Stelzen läuft, ist liebenswürdig und elegant. Herausgeputzt mit Schminke, Puder, Armbändern und Schleifen …
SPRECHER
Und Philippes Homosexualität?
MUSIK ENDE
O-TON Helen Watanabe-O’Kelly
Sie hat das mit Sicherheit nicht gewusst. Ich weiß auch nicht, ob ihr Vater das gewusst hat. Es scheint, dass es sie auch nicht so sehr gestört hatte – also die Homosexualität an sich.
MUSIK
ZITATORIN
Er hat zwar keine Neigung zu Frauen. Aber wir vertragen uns gar wohl!
SPRECHER
Ein anderes Mal klagt sie allerdings:
ZITATORIN
Monsieurs Leben finde ich so übel nicht, nur ist ihm nichts zu teuer für die Burschen!
MUSIK ENDE
O-TON Helen Watanabe-O’Kelly
Was sie sehr gestört hatte, das war, war, dass ihr Mann seine Liebhaber viel höher schätzte als er sie schätzte - und ihnen unglaubliche Summen geschenkt hatte: Juwelen und, und, und – alles Mögliche.
SPRECHER
Trotzdem unterm Strich:
O-TON Helen Watanabe-O’Kelly
Die ersten zehn Jahre oder so, die waren gar nicht so schlimm.
SPRECHER
Bald stellt sich nämlich ein Arrangement ein, mit dem Liselotte glänzend zurecht kommt:
O-TON Helen Watanabe-O’Kelly
Madame, wie sie immer am französischen Hof genannt wurde, war dankbar, dass sie nicht mehr mit ihm schlafen musste, nachdem sie drei Kinder auf die Welt gebracht hatte. Der Ehemann hat zu ihr gesagt: 'Wollen wir jetzt nicht 'lit à part', also, getrennte Betten, getrennte Schlafzimmer? Und sie sagte sich: 'Gott sei Dank!' Sex genießen war für die arme Madame gar nicht drin! Es kann sein, mit einem ganz anderen Mann wäre das für sie anders gewesen.
SPRECHERIN
Ein eigener Liebhaber? Undenkbar für Liselotte! Nach der Königin ist sie als Schwägerin von Ludwig XIV. die zweite Frau im Königreich. Also, es bleibt dabei: Nach drei Kindern - getrennte Schlafzimmer. Mit 25 Jahren.
MUSIK
ZITATORIN
Wenn man Jungfer wieder kann werden, nachdem man in neunzehn Jahren nicht bei sein Mann geschlafen hat, so bin ich es gar gewiss wieder.
SPRECHER
Monsieur und Madame gehen auch tagsüber zumeist getrennte Wege:
SPRECHERIN
Er liebt rauschende Feste, sie das Reiten. Er hat eine Schwäche für Juwelen, sie für die Jagd. Er mag Musik, Tanz und ganz besonders das Glücksspiel, sie ihre Bibliothek und Spaziergänge bei jedem Wetter. Die prunkvollen Toiletten ihres Gemahls sind so gar nicht nach Liselottes Geschmack. Sie scheut sogar den Aufwand, sich Locken drehen lassen. Macht aber nichts, sagt Helen Watanabe-O’Kelly:
MUSIK ENDE
O-TON Helen Watanabe-O’Kelly
Die Vorstellungen damals von Liebe zwischen Mann und Frau waren anders: Gegenseitig Respekt, gegenseitig durchaus Zuneigung. Und man hatte auch nicht so sehr getrennt zwischen öffentlich und privat. Das ist auch eine Sache vom Ende des 18. ins 19. Jh. Die private, intime Sphäre und die öffentliche Sphäre, nein! Das war eigentlich alles öffentlich: Man gebar seine Kinder öffentlich. Am Hof von Ludwig XIV. beim Lever: Er stand auf, zog sein Nachthemd aus, stand nackt da, bekam dann seine Kleidungsstücke gereicht, hat sich angezogen. Ich glaube, wenn man Ludwig XIV. gefragt hätte: 'Ja, privat, was machen Sie privat?' Hätte er gesagt: 'Privat? Ich bin da, um gesehen zu werden!'
MUSIK
SPRECHER
Ludwig XIV. findet Gefallen an der pfälzischen Außenseiterin, die sagt, was sie denkt, laut in der Messe lacht und sich kategorisch weigert, von den Leibärzten des Königs zur Ader gelassen zu werden. Die neue Madame mit ihrem lebhaften Wesen und dem erfrischenden Witz bringt Schwung in die stickigen Appartements.
SPRECHERIN
Es sind glänzende Jahre am Hof von Versailles - Molière führt seine Komödien auf, Racine seine Tragödien. Lully schwingt den Taktstock und täglich wird eine Oper aufgeführt - oder zumindest ein Cembalo-Konzert.
SPRECHER
Liselotte führt ein aufregendes, aber auch ein streng reglementiertes Leben. Ihr bleibt nicht das Geringste verborgen: Weder die Amouren ihres eigenen Mannes, noch die des Königs: Mit Madame de Montespan, seiner offiziellen Mätresse, hat der König acht Kinder! Und all die unzähligen Geliebten und Favoritinnen - sogar von Liselottes Ehrenjungfern kann der König nicht die Finger lassen. Doch Liselotte ist diplomatisch und klug genug, sich niemals einzumischen.
MUSIK ENDE
O-TON Helen Watanabe-O’Kelly
Ein Hof, das war ein absoluter Hexenkessel von Geflüster. Alle haben alles gewusst, sofort! Also dass man etwas hätte geheim hätte halten können, das wäre sehr, sehr schwierig gewesen. Ludwig XIV. hat sie offensichtlich gemocht. Und sie kamen sehr gut miteinander aus. Und das war ein großes Glück für sie, dass so ein wichtiger Mensch, um den der ganze Hof kreiste, dass er sie mochte und sie eigentlich auch beschützte.
MUSIK
ZITATORIN
Ich gehe fast alle Tage mit dem König auf die Jagd. Und vorgestern hat er mir ein über die Maßen schönes Pferd verehret.
SPRECHERIN
Bei einem Unfall auf einem Ausritt kümmert sich der König sogar höchstpersönlich um Liselottes Blessuren:
ZITATORIN
Der König war selber der erste bey mir, so bleich wie der Todt. Und ob ich ihm versicherte, dass mir gar kein Wehe gethan undt nicht auf den Kopff gefallen were, so hatt er doch keine Ruhe gehabt, biss er mir selber den Kopff auff alle Seitten visirt undt endtlich funden, dass ich ihm wahr gesagt hatte. Hatt mich selber hir in mein Cammer geführt undt ist noch etlich Zeitt bey mir blieben, umb zu sehen, ob ich auffs wenigst nicht taumblich were.
SPRECHER
Ihre ersten zehn Jahre bei Hofe - bis etwa 1680 - im Rückblick werden sie Liselottes beste und heiterste Jahre gewesen sein.
SPRECHERIN
Woher die Nachwelt so genau Bescheid weiß (MUSIK ENDE)? Die deutsche Prinzessin am Hof des Sonnenkönigs führt eine ausführliche Korrespondenz. Schon in jungen Jahren ist Liselotte (MUSIK) eine eifrige Briefeschreiberin. Doch was sie als ältere und schließlich als alte Dame täglich zu Papier bringt, stellt alles in den Schatten:
SPRECHER
Liselotte schreibt von morgens bis abends. In ihrer großen, etwas ungelenken Schrift füllt sie Seite um Seite - und schläft nicht selten über ihrem Briefpapier ein. Rund 60.000 Briefe hat sie verfasst - erhalten geblieben ist davon rund ein Zehntel.
MUSIK ENDE
O-TON Helen Watanabe-O’Kelly
Die Fürstin hatte erstmals viele zeremonielle Briefe zu schreiben. Man gratulierte zu Geburtstagen, zu Namenstagen, zur Genesung von Krankheiten, zu Hochzeiten. Man hat Kondolenzbriefe geschrieben, das gehörte dazu. Und man hat geschrieben an Personen, die man nie kennengelernt hatte. Und dann gab es dann mehr so persönliche Briefe an Menschen, die man wirklich kannte. An Personen aus der näheren Familie. Also für Liselotte war das mit Sicherheit ein Ventil. Heutzutage hätte sie vielleicht wahnsinnig viel telefoniert. Manchmal sagt sie, also sie schreibt sie in einem Brief, sie hat angefangen: 'Oh ich muss jetzt weg, weil grade Abendessen ist!' Und dann kommt sie zurück und sagt: 'So, das war das Abendessen, ich schreibe jetzt weiter!' (lacht) Das war wie: 'Ich ruf Dich in einer halben Stunde an!'. Und das war wirklich ein Ventil für Emotionen, für Gefühle.
MUSIK
SPRECHERIN
Denn Liselotte ist einsam. Inzwischen muss man sagen. Denn nach 1680 sind ihre Aktien gefallen. Ihr Stern ist am Sinken. Ein Grund dafür: Die zahlreichen Günstlinge ihres Gatten haben begriffen, wie viel leichter es ist, Monsieur auszunehmen, wenn man den Einfluss von Madame beschneidet. Und das tun sie. Ganz gezielt.
SPRECHER
In offenherzigen und immer öfter auch verdrießlich und scharfzüngigen Briefen beschwert sich Liselotte über die "Cabale", deren Opfer sie jetzt wird. Verleumdung, Intrigen und Lügen bringen ihre exklusive Position beim König ins Wanken. Man macht sich lustig über ihre Kleidung, ihren Akzent. Ihr Ehemann, der Herzog, unternimmt nichts, um das Geschwätz zu stoppen.
ZITATORIN
Die Cabale macht mir so viele Runzeln, dass ich das ganze Gesicht voll davon habe!
SPRECHER
Die Intrigen sind ein Dauerthema.
ZITATORIN
Trost habe ich von nöthen, denn Ich bin wider so leünisch wie ein alter Hundt!
SPRECHER
Und dann auch das noch! Liselotte begeht den Fehler ihres Lebens:
MUSIK ENDE
SPRECHERIN
Nach dem Tod der Königin im Jahr 1683 sagt Ludwig XIV. sich endgültig los von Madame de Montespan. Die neue Favoritin heißt Madame de Maintenon. Die stets in Schwarz gekleidete Erzieherin seiner Kinder wird seine letzte offizielle Maitresse und sogar heimliche Ehefrau. Die skandalöse, weil ungleiche Verbindung sorgt für Kopfschütteln in ganz Europa. Doch für Liselotte ist die höfische Karriere von Madame de Maintenton schlimmer als alle blutsaugenden Günstlinge Monsieurs zusammen. Die Oxforder Kulturwissenschaftlerin Helen Watanabe-O’Kelly:
O-TON Helen Watanabe-O’Kelly
Eine Bürgerliche! Unmöglich für Liselotte! Eine bürgerliche Witwe, die Witwe Scarron, die Hofmeisterin seiner unehelichen Kinder war, und die dann zu seiner zweiten Ehefrau wurde! Und wenn Liselotte nur hätte über ihren eigenen Schatten springen können und sagen können: 'Ist mir egal, dass sie eine Bürgerliche ist! Sie ist eigentlich eine gute Lebensgefährtin für den König!', und hätte die Maintenon zu ihrer Freundin gemacht, die zweite Hälfte ihres Lebens wäre ganz anders gewesen! Aber das konnte sie nicht.
MUSIK
ZITATORIN
Dieser Mausdreck! Der Teufel in der Hölle könnte nicht schlimmer sein!
MUSIK ENDE
O-TON Helen Watanabe-O’Kelly
Wie sie über sie redet, das ist doch furchtbar! Zottel und Vettel und Hexe und Sack! Wirklich geschimpft - und hat sie regelrecht gehasst. Und das einzige, was eine Prinzessin hatte, war ihre Geburt, ihr Geblüt. Das haben die alle gehütet wie der Schatz, den sie überhaupt hatten. Man hat die Heimat verloren. Man hat den Vater, die Mutter nie wieder gesehen, den Bruder wahrscheinlich auch nicht. Man durfte Personal von zu Hause also ganz wenig mitnehmen. Man war in einer fremden Umgebung, hat eine fremde Sprache gesprochen. Und das einzige, was man selber hatte, was man nicht wegnehmen konnte, das war: 'Ich bin geboren als die und die und die!' Für Liselotte: 'Ich bin die Enkelin von der Winterkönigin! Ich bin aus der Sippe des englischen Königshauses! Ich bin verwandt mit …!' Und dann kommt diese Bürgerliche!
SPRECHER
Wäre sie ein politischer Kopf gewesen, Liselotte hätte sich wohl ganz anders verhalten.
MUSIK
SPRECHERIN
Ganz besonders unangenehm für Liselotte wird es, als man sie damit konfrontiert, dass ihre Briefe abgefangen werden.
MUSIK ENDE
O-TON Helen Watanabe-O’Kelly
Häufig hat man auch Briefe geschrieben an eine Cousine, im sicheren Wissen - und das war auch gewollt - dass diese Briefe vorgelesen wurden im Kreis der Freundinnen, im Kreis der vielleicht Damen, Hofdamen dieser Cousine. Aber es gab dann das sogenannte schwarze Kabinett, 'le cabinet noir', wie Bundesnachrichtendienst. also man hat die Briefe sorgfältig aufgemacht, und den Siegellack schmelzen lassen und konnte das alles lesen, kopieren und dann wieder zumachen und dann dem Adressaten zustellen. Also ich weiß nicht, inwiefern sie wirklich bewusst war, dass der König sehr gut unterrichtet ist, wie sie schreibt über zum Beispiel Madame de Maintenon.
MUSIK
SPRECHER
Liselottes Schmach ist perfekt, als Madame de Maintenon die pikantesten Verwünschungen aus ihren Briefen öffentlich zum Besten gibt. Es kommt zu einer tränenreichen Aussprache: Liselotte muss sich bei der verabscheuungswürdigen Bürgerlichen entschuldigen.
SPRECHERIN
So herrscht Waffenstillstand bis zum Tod Ludwigs im Jahr 1715. Doch Freundinnen werden die beiden Frauen nie. Als die Maintenon vier Jahre später ebenfalls stirbt, macht Liselotte keinen Hehl aus ihrer Genugtuung:
ZITATORIN
Die alte Schrump ist verreckt!
SPRECHER
Doch bevor sie diese Prüfung überstanden hat, muss Liselotte eine noch viel ärgere Qual überstehen: Nach dem Tod ihres Vaters und Bruders lässt Ludwig XIV. zu den Waffen greifen: 1688 wird das Land ihrer Kindheit zerstört.
ZITATORIN
Niedergebrannt mit Stumpf und Stiel.
SPRECHERIN
Die Verwüstungen, die die französische Armee in der rheinischen Pfalz anrichtet, sind verheerend. Das Heidelberger Schloss wird in die Luft gejagt, das Land - systematisch dem Erdboden gleichgemacht.
SPRECHER
Liselotte kann nichts unternehmen, um ihren Landsleuten zur Hilfe zu eilen. Im Gegenteil: Seine Ansprüche auf die Pfalz begründet der König ausgerechnet mit seiner Verwandtschaft zu ihr.
ZITATORIN
Ich bin sozusagen meines Vaterlands Untergang!
MUSIK ENDE
O-TON Helen Watanabe-O’Kelly
Das war für sie ein furchtbares Schicksal! Dass ihr Land, ihre geliebte Pfalz - Heidelberg liebte sie so sehr! - dass das zerstört wird, und zwar von dem Hof, an dem sie war! Aber diese geteilten Loyalitäten, das hatten sehr viele fürstliche Gemahlinnen. Also die eigene Dynastie lag einem am Herzen, und man musste sich identifizieren mit der Dynastie des Ehemanns. Und das war manchmal sehr schwierig!
MUSIK
SPRECHERIN
Als 1701 ihr Ehemann stirbt, ist Liselottes Schicksal mal wieder ungewiss. Wohin soll sie sich wenden? Etwa zurück in die Pfalz?
MUSIK ENDE
O-TON Helen Watanabe-O’Kelly
Das Schloss in Heidelberg? Ruinen! Das war unglaublich! Mannheim! Der Krieg hatte so gewütet! Und man muss auch denken, sie war gar nicht wohlhabend auch. O.k., Ludwig XIV. hat sie dann gerettet. Ganz wichtig für jede fürstliche Gemahlin war der Heiratskontrakt. Der Ehevertrag. Da wurde festgelegt, was die Mitgift war. Und die Mitgift wurde dann investiert, um diese Zeit als Witwe zu finanzieren. Und bei ihr war das alles, alles gar nicht so genau. Und dann natürlich hat ihr Ehemann Unsummen verschlungen. Weggeben an seine Geliebten. Und es gab eine Zeit, wo sie wirklich gefürchtet hatte, arm zu sein. Und Ludwig XIV. hat ihr geholfen und dann ihr Sohn. Aber wohin hätte sie gehen können? Sie wollte auch nicht in ein Kloster. Das war auch ein Vorschlag. Nachdem sie Witwe wurde, und da hat sie gesagt: 'Also ich geh doch nicht in ein Kloster!' Das wäre für sie auch der lebende Tod gewesen.
MUSIK
SPRECHER
Liselotte bleibt also am französischen Hof bis an ihr Lebensende - gut 20 Jahre später - 1722 - da ist sie 70 Jahre alt. Sie hat nahezu alle Mitglieder der königlichen Familie überlebt. Und seit Kurzem sind ihre Aktien wieder gestiegen.
MUSIK ENDE
O-TON Helen Watanabe-O’Kelly
Ludwig XIV. hatte vier Generationen von Nachkommen, die alle vor ihm weggestorben sind. Und dann der kleine Ludwig XV. wurde dann zu seinem Nachfolger. Aber man brauchte einen Regenten, und das war dann der lebende Sohn von Liselotte und von Monsieur, also von dem Herzog von Orléans.
MUSIK
SPRECHERIN
Philipp II. von Orléans wird also Regent für den noch unmündigen König Ludwig XV. Und damit ist Madame, die Mutter des Regenten, plötzlich erste Dame im Staat. Doch Liselotte konnte sich noch nie für Politik begeistern. Und nie war ihr die Staatsraison gleichgültiger als jetzt:
ZITATORIN
Ich bin alt. Ich habe Ruhe vonnöten. Frauen in meinem Alter knirschen und knarzen an allen Ecken und Enden. Mein Sohn - Gottlob! - hat Verstand, die Sache ohne mich auszuführen.
SPRECHER
Liselotte wendet sich jetzt ausschließlich ihrer Korrespondenz zu. Manchmal sind es zehn Briefe am Tag. Sie liefert unschätzbare Einblicke in das Alltagsleben des höfischen Absolutismus - die fulminante Briefchronistin hinterlässt ein einmaliges Vermächtnis! Die Oxforder Kulturwissenschaftlerin Helen Watanabe-O’Kelly:
O-TON Helen Watanabe-O’Kelly
Unschätzbar! Und das war eine kluge Frau! Früher hat man sie ganz falsch gesehen. Man hat gedacht, ach ja, das ist so ein ungehobeltes Wesen irgendwie aus der deutschen Provinz. Überhaupt nicht so! Was ich an ihr sehr bewundere, das ist dieser Mut: 'Ich gebe nicht auf! Ich habe weiterzuleben, bis Gott mich zu ihm ruft. Das war so die Haltung. Und diese Beharrlichkeit, und diesen Mut und dieses Durchhaltevermögen: also getrennte Ehefrau, Witwe, und dann Mutter des Regenten von Frankreich! Alle sterben vor ihr weg quasi: (lacht) Vater, Bruder, Halbbruder, Karl Lutz, der erste kleine Sohn. Und sie sagt: 'Gottes Wille, ich muss es ertragen!'
SPRECHERIN
Ertragen konnte sie es, weil sie nicht nur am Hof, sondern auch in der Welt ihrer Korrespondenz leben konnte. Liselotte von der Pfalz ist eine der größten Briefschriftstellerinnen überhaupt und gilt Historikern heute als beste Quelle für Ungeschminktes aus Versailles.
ZITATORIN
Madame sein, ist ein ellendes [sic!] Handwerk!
O-TON Helen Watanabe-O’Kelly
Wenn sie vielleicht eine Bürgerliche gewesen wäre, hätten wir vielleicht eine begnadete Romanschriftstellerin gehabt!

Dec 18, 2023 • 24min
Bayern zwischen den Kriegen - Von der Boheme zu Barbarei
Mit Rassismus, Antisemitismus und esoterisch-okkulten Ideen vergiften völkische Gruppen schon Anfang des 20. Jahrhunderts die Atmosphäre in München. Sie machen Bayern zum Nährboden für den Aufstieg der Nationalsozialisten. (BR 2021)
Autoren: Simon Demmelhuber & Volker EklhoferCredits Autor/in dieser Folge: Simon Demmelhuber, Volker Eklkofer Regie: Martin Trauner Es sprachen: Thomas Birnstiel, Hemma Michel, Andreas Dirscherl Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Dr. Jörn Retterarth, Institut für Zeitgeschichte München Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren:
König Ludwig III. - Bayerns letzter KönigDIESE FOLGE ANHÖREN
Vom Zaren zum Sozialismus - Das große ExperimentDIESE FOLGE ANHÖREN
Die Münchner Räterepublik - Bayern sozialistischDIESE FOLGE ANHÖREN
Linktipps:
Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte
Literaturtipps:
Priester, Karin. Rassismus. Eine Sozialgeschichte. Leipzig [Reclam Verlag] 2003.
Puschner, Uwe u.a. Hrsg. Handbuch zur völkischen Bewegung. [De Gruyter Saur] 2012.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ATMO: HOCHRUFE, KAISERHYMNE
MUSIK: „Heil Dir im Siegeskranz“ - C1002080 005 (0:35)
ZITATOR
An das deutsche Volk!
ATMO: HOCHRUFE, KAISERHYMNE
Nachdem die Deutschen Fürsten und freien Städte den Ruf an Uns gerichtet haben, mit Herstellung des Deutschen Reiches die seit mehr denn 60 Jahren ruhende Deutsche Kaiserwürde zu erneuern, bekunden wir hiermit, diesem Rufe Folge zu leisten.
ERZÄHLERIN
Am 18. Januar 1871 wird Wilhelm I. deutscher Kaiser, die Nation ist geeint.
ATMO: HOCHRUFE
ERZÄHLER
Ein Reich haben sie jetzt, die Deutschen. Aber ein deutsches Volk, sind sie das wirklich? Oder doch nur 25 deutsche Staaten, die ihr Zweckbündnis imperial aufdonnern?
ERZÄHLERIN
National empfinden die wenigsten der 41 Millionen Reichsbürger. Man ist Untertan eines souveränen Landesherrn, denkt und fühlt regional. Das deutsche Volk? - Muss seine Reichsidentität erst finden.
ERZÄHLER
Dazu braucht es gemeinsames Erinnern und Erzählen. Ohne ein stets neu inszeniertes kollektives Kulturgedächtnis gibt es kein Nationalbewusstsein.
MUSIK „Forgive me“ Z8009312 118 (0:30)
und
MUSIK „Thannhäuser“ - SC 020840205 (1:00)
ERZÄHLERIN
Die Suche nach dem Eigenen und Einenden deutscher Identität führt zu den Germanen. Schon die Humanisten hatten die historisch schwer fassbaren Stämme als deutsches Urvolk reklamiert, wobei sie sich auf die Germania des Tacitus beriefen. Zur Zeit der Aufklärung gilt die Vorstellung einer gemeinsamen germanischen Wurzel deutscher und nordischer Völker als ausgemacht; im 19. Jahrhundert schießt sie heftig ins Kraut. Nun weben Germanenkundler aus nordischen Sagen und Göttergeschichten, aus Grabungs- und Textfunden einen Herkunftsmythos. Das junge Reich soll in Sachen Tradition und Bedeutsamkeit auf Augenhöhe mit den Nachbarn gehoben werden. Dass es ein gemeinsames Wurzelvolk aller Deutschen nie gab, was tut's? National begeisterte Fest- und Kanzelreden, Schriften und Schulbücher schmieden dem Reich eine trutzige Vergangenheit. Richard Wagners Opern liefern den Soundtrack des wilhelminischen Germanenkults, Künstler malen, Architekten bauen und Schriftsteller beschwören ihn.
MUSIK aus
ERZÄHLER
Hörnerhelme, Speere, wagalaweia, hoiotoho - das ließe sich wegschmunzeln, wäre da nicht …
ERZÄHLERIN
… die Verknüpfung des Germanenglaubens mit rassistischem Gedankengut. Erste Versuche, Menschen anhand ihrer Hautfarbe, Schädel- und Ohrenformen in angeblich unterschiedlich wertvolle Rassen zu gliedern, unternimmt die Frühaufklärung. Mitte des 19. Jahrhunderts sind diese Vorstellungen im Bürgertum fest verankert. Menschen werden nun nicht mehr nach ihrer Religion, ihrem Stand, ihrer Herkunft unterschieden, sondern nach ihrem vermeintlich rassischen Potenzial. Das bleibt nicht folgenlos.
ERZÄHLER
Zwischen 1853 und 1855 legt der Franzose Joseph Arthur de Gobineau ein Werk vor, das die Menschheitsgeschichte als Kampf ungleicher Rassen darstellt.
ZITATOR
Essai sur l'inégalité des races humaines - Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen
ERZÄHLERIN
Rasse ist für Gobineau der Schlüssel des Geschichtsverständnisses. Kultur- und zivilisationsschaffend ist für ihn jedoch nur die weiße, arische Rasse, der auch Griechen, Römer und Germanen angehören. Degeneration sei unvermeidlich gewesen, sobald sich arisches Blut mit dem gelber und schwarzer Rassen vermischt habe.
Einzig die Germanen hätten ihr Blut bislang rein bewahrt.
ERZÄHLER
Solche Theorien liebt der politische Zeitgeist! Dem Kolonialismus verschaffen sie die Rechtfertigung für Raub und Unterdrückung; dem deutschen Nationalismus verleihen sie mächtigen Aufwind.
ERZÄHLERIN
Noch für die Generation, der Schiller und Goethe angehören, ist der Nationalstaat eine befremdliche Vorstellung, die das Dichtergespann spöttisch verwirft:
ZITATOR/IN
Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens.
Bildet, ihr könnt es, dafür freier als Menschen euch aus.
ERZÄHLER
Doch mit den napoleonischen Kriegen, dem Untergang des Alten Reichs und den Befreiungskämpfen wird der Ruf nach einem wehrhaften Nationalstaat immer lauter. Obwohl die Einheitsbewegung antifranzösisch geprägt ist, bleibt die nationale Idee zunächst vorwiegend bürgerlich-liberal und demokratisch grundiert. Erst im Letzten Viertel des Jahrhunderts erfährt der Nationalismus eine militant-aggressive, im Kern rassistische Übersteigerung.
ERZÄHLERIN
Aber was löst diese unheilvolle Wendung aus?
MUSIK „Paraphrasen“ – R0016380W03 (0:20)
ERZÄHLER
Eine fatale Weiche stellt die Finanzkrise der 1870er Jahre. Der gemeinsame Sieg, das neue Kaiserreich, fünf Reparationsmilliarden aus Frankreich, all das löst einen überhitzten Gründerboom aus: Tausende neuer Aktiengesellschaften und kreditfinanzierter Unternehmen entstehen, die Kurse steigen, die Umsätze explodieren, alles auf Pump, was kostet die Welt? Im Sommer 1873 ist die Party zu Ende. Erst kollabiert der österreichische Kapitalmarkt, dann wackelt die Berliner Börse. Angst geht um, Geld wird knapp und teuer. Mit dem Konsum sinkt die Produktion, Entlassungen und Lohnkürzungen folgen, Firmen gehen Pleite, zahllose Haushalte sind überschuldet, Offenbarungseide, Selbstmorde, Tragödien häufen sich. MUSIK „Paraphrasen“ – R0016380W03 (0:22)
ERZÄHLERIN
Wie konnte es so weit kommen?
ZITATOR
"Die Juden sind unser Unglück!"
ERZÄHLER
Davon ist nicht nur der Geschichtsprofessor Heinrich von Treitschke überzeugt, diese Ansicht teilen jetzt immer mehr Wutbürger des Kaiserreichs. Antisemitismus gibt es in Deutschland seit Jahrhunderten. Doch was nun passiert, entfesselt rasenden Hass und hysterische Schuldzuweisungen. Den Anfang machen akademische Hetzer wie Treitschke oder der Orientalist Paul de Lagarde.
Beide verschmelzen antisemitische Affekte, Krisenängste, Germanenmystik und Rassentheorie. In ihrem Gefolge entsteht ab den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts eine Weltanschauung, die den Volksbegriff grundlegend neu interpretiert - unter Berufung auf Darwins Evolutionstheorie und die Vererbungslehren anderer Forscher. Was diese Sichtweise so folgenschwer macht, erläutert der Historiker Jörn Retterath vom Institut für Zeitgeschichte München:
01 O-Ton Retterath 1
Jetzt kommt hinzu, dass mit den Erkenntnissen der Biologie, mit dem aufkommenden Rassismus, dieses „Volk“ zunehmend biologistisch, rassistisch gedeutet wird. Rassen- und Erblehre sind Anknüpfungspunkte an wissenschaftliche Erkenntnisse, die radikal weitergedacht werden im Sinne einer biologischen Konstruktion von Volk und Nation.
ERZÄHLERIN
Volk meint jetzt zunehmend Blutgemeinschaft. Weil im Blut die Geistesart, das Wesen und die uralte, ewige Volkseele der Rasse angelegt sei, erzwinge es eine arteigene Organisation des „Volkskörpers“. Diesem zugleich mystischen und konkreten Volk gehört man nicht per Rechtsakt, sondern durch Abstammung an. Werde dieses Bluterbe geschwächt, sei das Verderben des ganzen Volks unausweichlich.
MUSIK „Paraphrasen“ – R0016380W03 (0:22)
ERZÄHLER
Genau das geschehe seit Jahrtausenden, behaupten rassistische Pamphlete: Blutfremde Aggressoren würden das Mark des deutschen Volks zersetzen und seine Vernichtung planen.
ZITATOR
"Die Juden sind unser Unglück!"
ERZÄHLERIN
Als blutfremd gelten alle Strömungen der Moderne: Demokratie, Sozialismus, Frauen- und Juden-Emanzipation. All diese vermeintlich undeutschen Tendenzen haben für antisemitische Meinungsmacher nur ein Ziel: die Vernichtung der Volksseele durch einen kalten hebräischen Intellektualismus, artfremde Glaubensformen und den Kult des Hässlichen in der Kunst.
ERZÄHLER
Rettung liegt für die selbsternannten Bewahrer eines wahrhaft germanischen Volkstums allein im Arteigenen: Deutsche Kunst, Deutsche Wissenschaft, Deutsche Politik, Deutsche Bildung, Deutsches Christentum!
ZITATOR
Zurück zu den heidnischen Germanen durch Reinigung des Volkskörpers von artfremden Menschen und eine Reinigung der Volksseele von artfremder Religion und Kultur…
ERZÄHLERIN
…fordert um 1900 der völkische Autor Julius Langbehn und ist damit nicht allein. Die Jahrhundertwende bringt ein unüberschaubares Gefilz von Gruppierungen hervor, die sich als völkisch begreifen und bezeichnen. Die meisten sind kurzlebig, agieren sektenhaft, befehden und spalten sich oder fusionieren.
Manche erneuern die Religion, manche nur Kleidung und Kost. Einige verehren Freyja und Wodan, einige wollen Jesus arisieren, andere streben zurück zur gesunden Lebensweise der Ahnen und gründen völkische Siedlungen. Alles, um die germanische Seele aus ihrer zweitausendjährigen Knechtschaft zu lösen.
ERZÄHLER
Obwohl sie durch Fluten von Zeitschriften, Broschüren, Flugblättern lautstark auf sich aufmerksam machen, eine Massenbewegung sind die Völkischen nicht. Ihr harter Kern wird auf gut 10.000 Aktivisten und etliche zehntausend Anhänger geschätzt. Aber die Strömung ist hoch aktiv, im protestantischen Bürgertum fest verankert und hat ein missionarisches Sendungsbewusstsein.
ERZÄHLERIN
So widersprüchlich und zersplittert die Streubewegung auch ist, eine Grundüberzeugung teilen alle Gruppen: eine rassistische Volksidee als Kern einer alarmistischen Kultur- und Gesellschaftsanalyse. Die Erzählung vom genetisch angegriffenen Volk liefert Erklärungen und Begründungszusammenhänge für die Krisen und Zerfallssymptome der Gegenwart. Plötzlich scheint diesen Gruppen eine unverständlich gewordene Welt klar durchschaubar, plötzlich macht alles Sinn. Solche völkisch-antisemitischen Deutungsmuster machen das Chaos der Moderne vordergründig beherrschbar, meint Jörg Retterath.
02 O-TON RETTERATH 2
Die Juden werden schon seit dem Mittelalter immer wieder dann zu Sündenböcken gemacht, wenn es zu Krisen kommt, zu gesellschaftlichen Krisen. Und das ist im 19. Jahrhundert nicht anders. Juden werden verantwortlich gemacht für die Wirtschaftskrisen.
Dahinter ist auch schon im 19. Jahrhundert eine Verschwörungstheorie zu sehen. Man stellt sich vor, dass die Juden überall dahinterstecken, dass die Juden die Arier, das deutsche Volk, übermannen wollen.
ERZÄHLER
Um die Jahrhundertwende holen die Völkischen aus zum Rundumschlag gegen den "demokratisierenden, nivellierenden Ungeist des Jahrhunderts", wie sie es nennen. Sie stürmen gegen alles, was der bürgerlichen Kultur das Behagliche und Vertraute austreibt.
ZITATOR
Die janze Richtung passt uns nicht.
ERZÄHLERIN
….poltert Berlins Polizeipräsident Bernhard von Richthofen. Der Kaiser pflichtet bei, das Bürgertum applaudiert.
03 O-TON RETTERATH 3
Diese völkische Bewegung ist eine Bewegung, die sich gegen die Moderne richtet. Es ist eine Rückbesinnung auf das Volk, geht einher mit einer Abschottung, mit einer Abgrenzung und vor allem auch mit einer Unzufriedenheit mit dem Status quo.
ERZÄHLER
…sagt Jörn Retterath vom Institut für Zeitgeschichte München.
ERZÄHLERIN
Aus der Menge völkischer Organisationen ragen zwei etwa zeitgleiche Gründungen hervor.
1894 ruft der Journalist Friedrich Lange in Berlin den "Deutschbund" ins Leben, eine entschieden rassistische, vehement antisemitische, antidemokratische und sozialistenfeindliche Bewegung, die rasch Ableger sät. Das Aggressionspotential der Gruppe entlarvt ein Plan, der bereits vor dem Ersten Weltkrieg fordert, was im NS-Staat grausame Wirklichkeit wird: Rassenzucht und Rassensäuberung.
ERZÄHLER
Die weitaus größte, lauteste und wirksamste völkische Gruppierung des Kaiserreichs ist der 1891 in Berlin gegründete Alldeutsche Verband. Mit dem Kampfruf "Deutschland den Deutschen“ blasen die Radikalnationalisten zur Abwehr der vorgeblichen "jüdischen Gefahr", fordern ein Verbot jüdischer Zuwanderung und den Ausschluss ansässiger Juden von Ämtern und Bürgerrechten. Trotz ihrer zeitweise 50.000 Mitglieder bleiben die Alldeutschen ein elitärer Honoratiorenbund, aber sie nehmen starken Einfluss auf öffentliche Meinungsbildner und politische Entscheidungsträger.
ERZÄHLERIN
Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ist die völkische Bewegung vor allem in protestantischen, früh industrialisierten Reichsgebieten aktiv, in den mehrheitlich katholisch und agrarisch geprägten Regionen gewinnt sie zunächst kaum Boden. Das gilt auch für Bayern. Obwohl die Alldeutschen hier bereits vor der Jahrhundertwende vier Ortsgruppen gründen, bleiben sie ein städtisches Phänomen und sind auf dem Land lange als kriegstreibende Stänkerer verschrien.
ERZÄHLER
Trotzdem ist judenfeindliches Denken auch im Königreich verbreitet. Ende 1891 entsteht in München als erste antisemitische politische Gruppierung der "Deutsch-Soziale Verein“, der sich zwei Jahre später "Antisemitische Volkspartei" nennt. In Franken versucht der "Deutsch-soziale Reform-Verein Nürnberg" judenfeindliche Händler und Handwerker anzusprechen. Noch aber sind die Völkischen in Bayern und vor allem in München eine Randerscheinung, wie Jörg Retterath erklärt:
04 O-TON RETTERATH 4
München ist eine stark katholisch geprägte Stadt, es gibt eine starke Sozialdemokratie, es gibt eine Frauenbewegung, es gibt liberales Denken, das ist wesentlich heterogener als wir vielleicht annehmen können.
MUSIK „Isarmärchen“ CD780000 008 (0:55)
ERZÄHLERIN
Um die Jahrhundertwende gibt sich die Kunstmetropole gemütlich und "leschär". Die Biergärten sind voll, die Ausstellungen üppig, die Konzerte schwungvoll. Der Prinzregent lächelt, Maler- und Dichterfürsten halten Hof, das Bürgertum flaniert und die Avantgardisten der Schwabinger Bohème proben die Zukunft. „Schwabing ist kein Ort, sondern ein Zustand“, …meint die Szene-Literatin Franziska Gräfin zu Reventlow, die sich im Sommer gern nackt in der Isar vergnügt.
ERZÄHLER
Die guade oide Zeit! Doch unter dem weißblauen Honoratiorenhimmel gärt es.
Die Industrialisierung krempelt das Agrarland um, München lockt mit Arbeitsplätzen und verdoppelt zwischen 1883 und 1901 seine Einwohnerzahl von 250.000 auf 500.000 Menschen. In schäbigen Mietskasernen haust dicht gepackt das Elend, der Geldadel residiert in immer prächtigeren Villen. Das soziale Gefüge des Königreichs zerfällt, der Ton wird rauer. 1906 gibt es den ersten Toten bei Arbeiterunruhen.
ERZÄHLERIN
Selbst im sorglosen Schwabing wachsen Spannungen und Gegensätze: Viele Literaten radikalisieren sich ultralinks, gleichzeitig schwadronieren rechtselitäre Caféhaus-Philosophen von Germanentum und jüdischer Verschwörung.
MUSIK „Defiliermarsch“ – Z9366578002 – (0:22)
ERZÄHLER
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs vereint die Bayern ein letztes Mal. Am ersten Mobilmachungstag, dem 2. August 1914, jubeln euphorische Massen vor der Münchner Feldherrnhalle. Die Ernüchterung kommt schnell: An den Fronten beginnt das große Sterben, die Heimat leidet unter der von Berlin gesteuerten Kriegswirtschaft. Während Arbeiter und Bauern zunehmend kriegsmüde werden. geben Weltmachtsfantasten aus Adel und Bürgertum schneidige Durchhalteparolen aus.
ATMO: MASSENDEMO
ERZÄHLERIN
Im Herbst 1918 ist der Krieg verloren, rollen Wellen des Aufruhrs durch Deutschland. Demokratie! Frieden! Jetzt! – fordern Demonstranten auch in Bayern. Eine Parlamentsreform soll den Druck aus dem Kessel nehmen. Aber zu spät, mit einer unblutigen Revolution reißt der Linkssozialist Kurt Eisner am 7. November die Macht an sich. Bayern wird Republik, die Monarchie gibt kampflos auf.
ERZÄHLER
Eisners Coup versetzt die bürgerlichen Kreise in Schockstarre. Damit haben sie nicht gerechnet.
ERZÄHLERIN
Als eine der ersten Rechtsgruppierungen erwacht die im August 1918 vom Okkultisten Rudolf von Sobottendorf gegründete völkisch-antisemitische Thule-Gesellschaft aus der nachrevolutionären Betäubung. Der militante Orden erklärt der Eisner-Republik den Krieg, er betreibt Propaganda, späht linke Organisationen aus und beteiligt sich an der Gründung paramilitärischer Freikorps.
MUSIK 7: STRAWINSKY, GESCHICHTE VOM SOLDATEN, TANZ DES TEUFELS
ERZÄHLER
Ministerpräsident Eisner, der Sohn eines jüdischen Fabrikanten, gerät unter Druck. Linksradikale Anhänger des Rätesystems und Befürworter der parlamentarischen Demokratie wollen ihre politische Organisationsform durchsetzen. Eisner entscheidet sich für Parlamentswahlen. Am 12. Januar 1919 ist seine USPD der große Verlierer, er entschließt sich zum Rücktritt.
Auf dem Weg in den Landtag wird er am 21. Februar von Anton Graf von Arco-Valley erschossen, einem Antisemiten aus dem Dunstkreis der Thule-Gesellschaft.
ATMO: SCHUSS, UNRUHE, STIMMENGEWIRR
ERZÄHLERIN
Eisners Tod hinterlässt ein Machtvakuum. Anarchisten um die Schriftsteller Ernst Toller und Erich Mühsam nutzen die Umstände und rufen am 6. April eine "Räterepublik der Dichter" ins Leben. Nach nur einer Woche werden sie von Kommunisten verdrängt. Angeführt von Eugen Leviné, einem in St. Petersburg geborenen Juden, stellen die neuen Machthaber eine Rote Armee auf und versetzen das Münchner Bürgertum mit willkürlichen Verhaftungen, Hausdurchsuchungen, Plünderungen, Enteignungen und Geiselnahmen in Angst und Schrecken.
MUSIK 8: FREIKORPSLIED, STROPHE 2, IN MÜNCHEN ANARCHIE
ERZÄHLER
Levinés Räterepublik ist chancenlos. Bald erobern Freikorps und Reichswehrtruppen die bayerische Hauptstadt. Dem blutigen Terror der Sieger fallen in den ersten Maitagen Hunderte Menschen zum Opfer.
SPRECHERIN
Das ist die Stunde der Völkischen! Sie entfesseln einen Propagandasturm gegen Juden und Linke. Umstürzler wie Eisner, Mühsam, Leviné hätten Bayern verraten - jetzt müsse aufgeräumt werden!
ERZÄHLER
Die Tiraden finden fruchtbaren Boden. Kriegsniederlage, Revolution, und Zwangsmaßnahmen der Roten haben das Bürgertum erbarmungslos gemacht. Eine unverhohlen rechtslastige Justiz verurteilt mehr als 2.000 Frauen und Männer, die revolutionärer Umtriebe beschuldigt werden, zu Haftstrafen. Standgerichte verhängen Todesurteile. Gräueltaten der weißen Truppen bleiben dagegen ungesühnt. sie werden als Retter der Ordnung gefeiert.
05 O-TON RETTERATH 5
Diese Angst im Bürgertum vor dem Kommunismus ist etwas, was vielen in den Knochen steckt und was nun von Seiten der Völkischen für ihre Zwecke verwendet wird.
ERZÄHLERIN
Waren die Völkischen vor der Revolution kaum breitenwirksam, laufen ihnen nun die Anhänger in Scharen zu: gewaltbereite Ex-Soldaten, zornige Intellektuelle, unzufriedene Beamte und Angestellte, Arbeitslose. Jetzt ist auch Schluss mit dem reinen Theoretisieren, jetzt wird gehandelt – auch mit der Waffe in der Hand. Völkische sickern in Freikorps, Kampfbünde und Einwohnerwehren ein.
ERZÄHLER
Nach dem Ende der Räterepublik rückt Bayern immer weiter nach rechts. Ministerpräsident Gustav von Kahr ruft 1920 die „Ordnungszelle“ aus und hat keine Skrupel, mit rechten Milizen zusammenzuarbeiten. ((Die von der - eigentlich prodemokratischen - Bayerischen Volkspartei getragenen Staatsregierungen schaffen in den frühen 20er Jahren aus purer Kommunismusangst ein Klima, in dem völkische Bünde gedeihen. Rechtsradikale aus ganz Deutschland, darunter die Mordkommandos der „Organisation Consul“, entdecken München als Aufmarschraum und werden vom Polizeipräsidenten Ernst Pöhner, einem Alldeutschen, gedeckt. ))
ERZÄHLERIN
Die zunächst bedeutendste ultrarechte Organisation ist der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund. 1919 in Bamberg gegründet, schürt er mit antisemitischen Massenauftritten den Kampf gegen Juden und Republik. Unter dem Hakenkreuz als Vereinsabzeichen sammelt der Bund anfangs der 1920er Jahre rund 180.000 Mitglieder.
ERZÄHLER
Zum neuen, bald unumstrittenen Star der völkischen Bewegung steigt jedoch die NSDAP auf. Adolf Hitler, Vorsitzender seit 1920, versteht es, den Nationalsozialismus als einzig aussichtsreiche Organisation der radikalen Rechten zu etablieren. Mit Erfolg: Ab Mitte der 1920er Jahre ordnen sich die völkischen Gruppierungen nach und nach den Nationalsozialisten unter.
06 O-TON RETTERATH 6
Die NSDAP ist entscheidend dafür, dass aus dieser zersplitterten völkischen Bewegung eine einheitliche, politische Kraft wird. Die NSDAP ist die erfolgreichste Partei innerhalb dieses völkischen Spektrums und dadurch, dass sie zu einer Massenbewegung wird, ist diese Partei sehr schlagkräftig.
ERZÄHLERIN
Völkisches Denken ist die Essenz des Nationalsozialismus, sein rassistischer Marken- und Wesenskern: Führerkult, Judenhass, Nationalismus, die Heiligung der Volksgemeinschaft, alles lag bereit. Hitler musste nur zugreifen, um die Apokalypse zu entfesseln.
ERZÄHLER
70 Millionen Tote, Zerstörung, Elend, Narben bis heute. Was Hitler an die Macht brachte, erzählt Brechts Parabel vom "Aufstieg des Arturo Ui". Sie schließt mit einer noch immer und schon wieder aktuellen Warnung an die Nachgeborenen:
ZITATOR/IN
So was hätt' einmal fast die Welt regiert!
Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
Dass keiner uns zu früh da triumphiert –
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

Dec 13, 2023 • 24min
Melancholie in der Philosophie - Zwischen Genialität und Wahnsinn
Melancholie wird mal als genialisch, mal als krankhaft beschrieben. So auch in zentralen philosophischen Betrachtungen: Von der Antike bis zur Moderne wird der Melancholiker bewundert und verehrt, beklagt und verurteilt. Doch was ist "Melancholie" überhaupt? Ein Blick in die Geistesgeschichte der Melancholie. (BR 2022)
Autorin: Susanne Brandl
Credits Autor/in dieser Folge: Susanne Brandl Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Irina Wanka, René DumontTechnik: Regina StaerkeRedaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:Mariela Sartorius (Autorin und Fotografin);Andreas Bähr (Professor Dr.; Kulturwissenschaftler);László F. Földényi (Autor und Essayist)
Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren:
Literaturtipps:
Mariela Sartorius: Die hohe Kunst der Melancholie: Die Autorin holt die Melancholie aus ihrer dunklen Ecke. Auf der Suche nach einem positiven.
Lászlo Földényi: Melancholie: Matthes & Seitz, Berlin. Streifzug durch die Kultur- und Philosophiegeschichte der Melancholie. Ausführliche Studie.
Peter Sillem: Melancholie oder vom Glück, unglücklich zu sein. Dtv. Die wesentlichsten Schriften zum Thema Melancholie, Theophrast, Ficino, Kierkegaard uvm.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ZITATOR SHAKESPEARE: „Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind und unser kleines Leben ist von einem Schlaf umringt.“
01 O-TON Sartorius:
„Oh ja, ja, sehr schön, genau auf den Punkt gebracht. Shakespeare … Bob Dylan mit seinen Texten, Handke, ganz wunderbar.“
SPRECHERIN:
Die Münchner Autorin und Fotografin Mariela Sartorius kennt Melancholie aus eigenem Erleben. Sie hat ein Buch über diese Stimmung verfasst, mit der Absicht, die Melancholie aus ihrer düsteren Ecke zu holen.
02 O-TON Sartorius:
„Mir ist es immer ganz wichtig, den Unterschied zur Depression rauszustellen. Melancholie ist ein Genuss, keine Krankheit, man sollte sie sich gönnen, ab und zu. Und ich finde, Depression engt ein, und Melancholie macht genau das Gegenteil, sie weitet, zeitlich, räumlich. Es ist so ne Gradwanderung. Man muss darauf achten, nicht in die Depression abzurutschen und auf der anderen Seite nicht in den Kitsch und die Sentimentalität.“
SPRECHERIN:
Man spürt sie oder eben nicht, die Melancholie. Wenn sie kommt, dann weiß der Betroffene, sofern er in sich hineinhört, ziemlich genau: ah ja, da ist sie wieder. So beschreibt Mariela Sartorius die Melancholie. Ihr mit Worten gerecht zu werden oder sprachlich zu definieren ist allerdings äußerst kompliziert. (So schwierig wie es zum Beispiel ist, Musik zu beschreiben.)
SPRECHERIN:
Noch schwieriger wird es, wenn es darum geht, Melancholie wissenschaftlich oder historisch zu erfassen. Denn die heutige Wissenschaft weicht ihr weitestgehend aus und jede Epoche hat ein jeweils anderes Bild von Melancholie.
Seit ca. 2.500 Jahren werden so viele unterschiedliche Kriterien auf den Tisch gelegt, dass die Suche nach einer ganzheitlichen Beschreibung der Melancholie einer Mammutaufgabe gleicht.
Der ungarische Autor Lazlo Földenyi hat es gewagt. In zwei enormen Studien geht er der Melancholie auf den Grund. Sein Ergebnis:
03 O-TON Földenyi:
„Ich würde schon sagen, Melancholie ist wie ein schwarzes Loch. Man kann um die Melancholie herumspazieren, viel schreiben, man kann sich immer wieder annähern. Sie selbst kann man nicht anfassen, sondern nur durchleben.“
SPRECHERIN:
Das Wort Melancholie stammt aus dem Altgriechischen und heißt so viel wie „Schwarze Galle“. Zum ersten Mal findet sie sich bei Homer, der über das finstere Herz von Agamemnon schreibt, das von schwarzer Galle umströmt sei. Der antike Arzt Hippokrates, der etwa 460 Jahre vor Christus lebte, entwickelte das Konzept der Viersäftelehre. Danach ist der Mensch dann gesund, wenn seine vier Säfte, das Blut, der Schleim, die gelbe und die schwarze Galle in Balance seien.
SPRECHERIN:
(Aber was genau hatte es mit schwarzer Galle auf sich? War sie gut oder schlecht?) Bei Aristoteles durfte sich die Melancholie mit positiven Attributen schmücken. Wobei sich nicht Aristoteles selbst darüber geäußert hat, sondern wohl einer seiner wichtigsten Schüler: Theophrast. Aus dessen Feder stammt die Sentenz:
ZITATOR Aristoteles: „Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder Dichtung oder in den Künsten als Melancholiker?“
04 O-TON Földenyi:
„Und das ist eigentlich der Beginn des Melancholie-Bewusstseins. Zuerst wird hier auf Melancholie reflektiert und das ist bis zum heutigen Tag ein sehr berühmter und oft zitierter Satz. So fängt Melancholie in der abendländischen Geschichte an.“ 24s
SPRECHERIN:
Was der Philosoph mit „außergewöhnlich“ meint, wird deutlicher, wenn er bestimmte Melancholiker beim Namen nennt.
05 O-TON Földenyi:
„Das waren einerseits Heroen aus der Mythologie, er nennt Aias, Bellerophontes und Herakles und dann nennt er auch Philosophen wie Empedokles, Platon, Sokrates, ein Politiker: Lysander. Also lauter Figuren, die eine außergewöhnliche Leistung hinter sich hatten. Das ist eine Grenzerfahrung, was die alle geleistet haben und alle haben auch die Grenzen überschritten und deswegen wurden sie melancholisch.“
SPRECHERIN:
Außerdem heißt es bei Theophrast, dass Melancholiker zum Wahnsinn neigen, was in der Antike als eine schöne, göttliche Gabe verstanden wird. Denn wie Wahrsager vermögen sie es, aus der Zeit zu treten, die Zusammenhänge des Seins zu erkennen.
Diese Erkenntnisfähigkeit, das Künstlerische oder auch das Fallen aus der Zeit sind Dinge, die sich bis in das heutige Melancholie-Verständnis hineingehalten haben.
06 O-TON Sartorius:
„Natürlich ist das mit Erkenntnis verbunden. Wenn Sie denn nachdenken und das sollte immer mit der Melancholie verbunden sein: warum hat mich das jetzt so, wie sehe ich es denn jetzt, wie sah ich es gestern das Thema oder die Umstände. Es ist vor allem ein sich bewusst machen des Vergänglichen. Es macht aber nicht traurig, sondern es versöhnt. Und wenn man ne melancholische Phase hat, ist man ja direkt ein bisschen wund an dieser dünnen Haut, die es hereingelassen hat und um kreativ zu sein, muss das, was in mich eingedrungen ist, wieder raus. Und das ist dann ne Basis für kreatives Tun.“
SPRECHERIN:
Für Lazlo Földenyi ist Melancholie verbunden mit dem Gefühl von Unlösbarkeit. (Unlösbare Aufgaben und große Momente, wie sie auch die Heroen der Antike durchlebten, machen melancholisch.)
07 O-TON Földenyi:
„Wir alle erleben Momente, wo wir meinen, diese Situation ist unlösbar und trotzdem etwas sehr Wichtiges geschieht, das kann eine übergroße Freude sein oder eine große Trauer oder verliebt sein oder ein kathartischer Kunstgenuss sein. Und man spürt, hier passiert irgendwas, aber was, das kann ich nicht genau in Worte fassen.“
SPRECHERIN:
(Der Welt für einen Moment abhanden zu kommen), in einer unlösbaren Sphäre zu versinken, die mit der Zeitlichkeit konfrontiert, die Grenzen des eigenen Seins aufzeigt, ist in der Antike noch mit Faszination verbunden.
Ganz anders sehen es die Philosophen und Kirchenväter des Mittelalters. Der durchlässige Zustand, dem Erkenntnis nähersteht als Glaube, kann nur eines sein: Teufelswerk. Melancholisch zu sein bedeutet, Gott in Zweifel zu ziehen.
08 O-TON Földenyi:
„Der Melancholiker sehnt sich in das Jenseits, aber das ist nicht religiös gemeint, sondern eher das Unbekannte. Und im Mittelalter gibt es das nicht, sondern es muss alles erklärt werden, alles muss in der großen Kette des Seins eingefügt werden, unbekannt kann nichts bleiben, denn da erscheint der Teufel.“ 22s
SPRECHERIN:
Im klösterlichen Mikrokosmos, geprägt von Entsagung, Gebet und Arbeit gilt die der Melancholiker als faul. So jedenfalls sieht es der Theologe und Philosoph Thomas von Aquin:
ZITATOR Thomas von Aquin:
„Bisweilen dringt sie bis zur Vernunft durch, die in die Flucht einstimmt und in den Schauer und in den Abscheu vor dem göttlichen Gut, wobei das Fleisch gegen den Geist die volle Überhand hat.“
10 O-TON Földenyi:
„Thomas von Aquin empfiehlt viele unterschiedliche Heilmittel. Z.B. die Suche nach Freude, viel weinen, da Tränen die seelische Spannung lindern, Schlaf, Bäder, sehr viel Beten.“
SPRECHERIN:
Auch heute noch gilt die Trägheit als eine der sieben Todsünden.
11 O-TON Sartorius:
„Die Melancholie, die emanzipiert sich natürlich ein bisschen gegenüber dem Glauben. Melancholie sieht ja immer auch das Ende und die andere Seite und die Kirche sieht ja kein Ende, es geht ja immer ganz toll weiter, oder sehr heiß in der Hölle.“
SPRECHERIN:
Die Rettung der Melancholie ist die Renaissance, die von Italien ausgeht. Man besinnt sich wieder auf die Werte der Antike und zum ersten Mal steht der Mensch mit all seinen Widersprüchen im Mittelpunkt des Denkens. Damit hat auch die Melancholie wieder eine Daseinsberechtigung.
Einer, der sich intensiv mit dem Melancholie Konzept der Antike befasst, ist der Philosoph Marsilio Ficino, der führende Kopf der Florentiner Akademie. In seinem Werk „Libri de vita triplici“ von 1482 zeichnet er ein dynamisches Melancholie-Bild.
12 O-Ton Földenyi:
„Melancholie ist für ihn schon ein dynamischer Begriff. Also Melancholie ist keine Krankheit, meint er, aber auch nicht der Gesundheit zuzuordnen, sondern eine Art von Zwischenstadium, ein ständiges Gefährdetsein. Er selbst litt an Melancholie. Und mal beklagt er sich - er meint: Ich bin unglücklich, weil ich so melancholisch bin und anderswo schreibt er: Ich bin glücklich, dass ich so melancholisch bin, denn das ist die Vorbedingung für Philosophie und für große Taten.“ 20s
ZITATOR Marsilio Ficino:
„Wegen meiner allzu großen Furchtsamkeit klage ich mein melancholisches Temperament an und das ich nur durch häufiges Lautenspiel ein wenig lindern und versüßen kann. dann will ich dem Aristoteles beistimmen, der gerade sie für eine göttliche Gabe hält.“
SPRECHERIN:
Ficino sucht nach dem Auslöser seiner eigenen melancholischen Auswüchse und wird in der Astrologie fündig. (Er selbst sei ein Kind des Saturn), schreibt er und alle Melancholiker seien im Zeichen des Saturn geboren. Ein für die heutigen Begriffe eigentümlicher Zusammenhang.
13 O-TON Földenyi:
„Das kommt noch aus dem Hellenismus. Da hat man sich sehr viel mit Astrologie beschäftigt. Und da erschien es zum ersten Mal: Der Saturn ist der Planet der Melancholie und alle, die im Zeichen von Saturn geboren sind, sind Melancholiker. Und später in der Renaissance, die Astrologie kommt zu einem neuen Leben und alle beschäftigen sich damit.“ 5s
ZITATOR Ficino:
„Der Saturn trennt den Menschen von den anderen, macht ihn zu göttlicher Einsicht fähig, glückselig, aber auch von äußerem Elend bedrückt. Es scheint, dass mir der Saturn von Anfang an das Siegel der Melancholie aufgedrückt hat.“
SPRECHERIN:
Zwar ist der Einfluss des Saturn nicht zu ignorieren, aber letzten Endes ist die melancholische Persönlichkeit für ihr eigenes Schicksal selbst verantwortlich. Typisch Renaissance also. (Der Melancholiker kann sein Seelenheil selbst herausfordern und beeinflussen.)
14 O-TON Földenyi:
Und was seine große Neuerung ist: durch entsprechende Betätigung kann jeder Mensch unter den Einfluss des Saturn gelangen, also das heißt: Melancholie ist mit Kreativität verbunden. Und jeder soll danach streben, kreativ und auch melancholisch zu sein.
SPRECHERIN:
Wie aber strebt man danach? Mariela Sartorius meint, um melancholisch zu sein braucht es (eine Begabung), eine hohe Sensibilität. Aber es gibt auch sowas wie Melancholie-Trigger.
15 O-TON Sartorius:
„Bewusste und auch unbewusste. Bei den meisten Melancholikern ist es Musik. Bei mir sind es Texte. Wenn ich irgendwo eine sehr schöne Formulierung lese, dann stellen sich mir die Haare auf vor Genuss. Man kann sie sich nicht reinziehen, wie: ach heute Nachmittag mal bisschen Melancholie. Man muss die Fähigkeit zur Nachdenklichkeit haben.“ 10s
SPRECHERIN:
Geradezu zelebriert wird Melancholie im Zeitalter des Barock, vor allem von denjenigen, die in Prunk und Fülle leben. Melancholie ist weniger ein zu analysierendes Phänomen als ein Gefühl des Morbiden. Sich sehnsüchtig und auch etwas selbstmitleidig in tiefe Abgründe gleiten zu lassen, das ist in der adeligen Gesellschaft damals en vogue.
16 O-TON Sartorius:
„Am Hof des Ludwig des 14., des 15. und vielleicht auch des 16. Ludwig, ja da malten sich die Höflinge Tränen auf die Wangen, damit es so aussieht als hätten sie geweint vor lauter Sensibilität und Melancholie, oh mein Gott! Da war es ein bisschen Usus und auch Mode“. 3s
17 O-TON Bähr
„sie war eben auch ein Zustand, der die Dichtung inspiriert und der die Nähe zum Göttlichen herstellen und auch Ausdruck von Gelehrsamkeit sein konnte.“
So Andreas Bähr von der Europa Universität in Frankfurt.
SPRECHERIN:
Von den dunklen Gemälden des Barock schauen Totenköpfe und verwelkte Blumen, Vanitas und Memento-Mori-Motivik zieht sich durch die Lyrik. Der schlesische Dichter Andreas Gryphius um 1640:
ZITATOR Gryphius:
„Mir ist, ich weiß nicht wie, ich seufze für und für.
Ich weine Tag und Nacht; ich sitz′ in tausend Schmerzen;
Und tausend fürcht′ ich noch; die Kraft in meinem Herzen
Verschwindt, der Geist verschmacht′, die Hände sinken mir.“
SPRECHERIN:
Gut 100 Jahre später wird wieder von außen draufgeblickt: Immanuel Kant schreibt in seinen Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen: Der Melancholiker:
ZITATOR Kant:
„hat vorzüglich ein Gefühl für das Erhabene. Selbst die Schönheit, für welche er ebenso Empfindung hat, muss ihn, indem sie ihm Bewunderung einflößt, rühren. Der Mensch von melancholischer Gemütsverfassung bekümmert sich wenig darum, was andere urteilen, was sie für gut oder für wahr halten, er stützt sich deshalb bloß auf seine eigene Einsicht. Er sieht den Wechsel der Moden mit Gleichgültigkeit und ihren Schimmer mit Verachtung an. Er erduldet keine verworfene Untertänigkeit und atmet Freiheit in einem edlen Busen. (Alle Ketten, von den vergoldeten an bis zu dem schweren Eisen der Galeerensklaven sind ihm abscheulich.)“
SPRECHERIN:
Aber Kant ändert seine Einstellung zur Melancholie 30 Jahre später im grundlegend. Im Licht der Aufklärung wird die Melancholie zum Gravitationszentrum vieler moralphilosophischer Debatten. Das Melancholische als lichtscheue, unberechenbare Größe, die nicht nur im Gegensatz zur Vernunft steht, sondern auch mittels Verstand schwer begriffen werden kann, gilt es zu bezwingen und zu verurteilen. Kants Haltung zur Melancholie wird ambivalent:
18 O-TON Bähr:
„Dieser melancholische Charakter kann sozusagen ausarten. Und dann kommen Zustände dabei heraus, Schwermut, Schwärmerei, in Rachbegierde und dann kann eine melancholische Person durchaus furchterregend werden und kann negative Züge bekommen. Und dann wird Melancholie mit Phantasterei in Verbindung gebracht. Da haben wir eine Melancholie, die umkippen kann in einen pathologischen Zustand.“
SPRECHERIN:
Genauer gesagt: (in trübsinnige Selbstquälerei.) In einen Wahn von Elend, der zur Gemütskrankheit führen kann. Allerdings ist diese Art von Melancholie zu überwinden:
19 O-TON Bähr:
„Durch eine Form von Selbstkontrolle, die letztlich über die Vernunft geleistet werden muss. Gleichzeitig ist sich Kant darüber bewusst, dass der Mensch nunmal nicht nur ein Vernunftwesen ist, sondern auch ein körperliches Wesen, ein empfindendes Wesen und dass diesen Versuchen vor dem Hintergrund auch Grenzen gesetzt sind.“
SPRECHERIN:
Die Dialektik von Geist und Körper, von Licht und Schatten lässt sich nicht auflösen: Während die Vertreter der Aufklärung die Melancholie als grundlose und krankhafte Traurigkeit denunzieren, gibt es auch immer mehr Anhänger der Empfindsamkeit, die im melancholischen Befinden ein höher inspiriertes Leben sehen. (Die Haltung gegenüber der Melancholie wird zur Gretchenfrage.)
Die Melancholie ???? K ist (mit den Anfängen psychologischer Betrachtungen) während der Aufklärung in den Bereich der Krankheit verbannt. Damit ist sie gebrandmarkt. Als geschriebenes Wort taucht sie immer seltener auf. Aber als Empfindung bahnt sie sich im Reich der Künste ihren Weg.
SPRECHERIN:
In Malerei und Musik schwingt sie immer mit, als Nebelmeer oder Mondnacht. Die Melancholie als Membran, die das Jenseits durchscheinen lässt.
20 O-TON Földenyi:
„Der französische Dichter Charles Baudelaire schrieb einmal über irritierende Melancholie und er meinte, die entströmt der Dichtung und der Musik, denn sie zeigt uns eine Welt jenseits des Grabes. Aber er meint, dieses Jenseits des Grabes, das erscheint noch hier im Diesseits. (Musik und Dichtung ist für ihn eine Jenseitserfahrung, aber noch in diesem Leben.) Aber das hat nichts mit Glaube oder mit der Religion zu tun.“
SPRECHERIN:
Dieses melancholische Erleben suchen die Romantiker auch häufig in der Natur.
ATMO (Vogelgezwitscher)
Ein Ort, in dem sich die Melancholie gut finden lässt, so die Autorin und Fotografin Mariela Sartorius:
21 O-TON Sartorius:
„Wenn ich allein so durch die Wälder stromere, da beginnt tatsächlich ein Gefühl, als ob ich verwandt wäre mit dieser Natur, mit nem Grashalm, mit nem Baum, mit ner Wolke, mit nem Lichteinfall und das macht mich ungeheuer durchlässig und da entstehen phantastische Gefühle, die immer mit Melancholie verbunden sind. Denn natürlich weiß man: der Baum stirbt langsam ab, was nicht traurig ist, es ist ein normaler, guter Rhythmus in der Natur.“
SPRECHERIN:
Die Melancholie als Wissen um das Ende.
Diese Ausrichtung auf die Zukunft, ist besonders für einen Melancholiker die Haupt-Quelle seines Leidens. Es ist der Philosoph Sören Kierkegaard.
ZITATOR Kierkegaard:
„Was ist meine Krankheit? Schwermut. Wo hat diese Krankheit ihren Sitz? In der Einbildungskraft; und ihre Nahrung ist die Möglichkeit.“
SPRECHERIN:
Das Einbilden, also das Hoffen auf eine noch nicht eingetretene Zukunft oder das Versinken in eine vergangene Zeit, ist für Kierkegaards Melancholie-Verständnis zentral. Der Melancholiker empfindet eine Art Gegenwartsverlust.
22 O-TON Bähr:
„Das, was beschrieben wird, ist eine Befindlichkeit der Abwesenheit, wenn man so will. Also die Gegenwart wird als unerfüllt wahrgenommen. Daraus resultiert eine doppelte Fluchtbewegung. In die Vergangenheit und eine Hoffnung auf zukünftige Zustände. Das spezifisch Melancholische daran, ist dass diese Fluchtbewegung keinen Erfolg hat, weil das Vergangene selbst im Grunde ein Zustand des Unerfülltseins ist und das Künftige ein Zustand der Unerfüllbarkeit.“
(SPRECHERIN:
Der Mensch, meint Kierkegaard, sei:
ZITATOR Kierkegaard:
„das unglücklichste und melancholischste Tier“.)
SPRECHERIN:
Wer sich als unglücklich beschreibt, beschreibt die anderen als glücklich, die es aber nur deswegen sind, weil sie bestimmte leidbringende Dimensionen nicht erkennen. Hier ist die Melancholie wieder mit Erkenntnis verbunden. Gar nicht so schlimm also? Kierkegaard schreibt jedenfalls auch:
ZITATOR Kierkegaard:
„Doch was sage ich: „der Unglücklichste“? „Der Glücklichste“ sollte ich sagen.“
23 O-TON Bähr:
„Hier spitzt Kierkegaard das im Grunde dahingehend zu, dass man nur im Zustand von Unglücklichsein wahrhaft glücklich sein kann. Also kann man sich fragen, wie weit will Kierkegaard hinaus aus diesem Zustand…jedenfalls stellt er es am Ende so dar, also dass im Grunde in diesem Zustand des Unglücklichseins das eigentliche Glück liegt.
SPRECHERIN:
Melancholie in Zusammenhang mit Glück zu denken, scheint allerdings im Zuge der Moderne immer abwegiger. Im Laufe des 19./20. Jahrhunderts entwickelt sich eine Pathologisierung der Melancholie, die dann im 20. Jhdt. in die Prägung des Begriffs der Depression mündet. Bis heute wird Melancholie oft in die dunkle Ecke gestellt. Der Duden erklärt Melancholie zu einem:
ZITATOR Duden:
„von großer Niedergeschlagenheit, Traurigkeit oder Depressivität gekennzeichneten Gemütszustand.“
SPRECHERIN:
Nach all seinen Untersuchungen hat Lazlo Földenyi doch noch einen gemeinsamen Nenner aller Melancholie-Begriffe gefunden. Es ist die Offenheit für das Unbekannte.
24 O-TON Földenyi:
„Was ich feststellte, egal in welchem Zeitalter, die Melancholie war immer eine Art von Verlust des Weltvertrauens, und man wollte immer wieder über die Horizonte gehen, alltägliche Horizonte, Richtung etwas Unbekannten. Das Unbekannte im Bekannten zu erkennen und das irgendwie wahrzunehmen.
SPRECHERIN:
Als Melancholiker erfährt man also immer wieder den Moment des Scheiterns angesichts unlösbarer Phänomene wie den Verlust, die Vergänglichkeit, den Tod, das Leben nach dem Tod. Schwierig, in der heutigen Wissensgesellschaft, die zudem einem gewissen Machbarkeitswahn nicht abgeneigt ist:
25 O-TON Földenyi:
„Unsere ganze jetzige Welt scheint uns zu überzeugen, dass alles irgendwie gemacht werden kann. Und die Melancholie mahnt uns: Es gibt sehr viele unlösbare Dinge, angefangen von unserem Tod bis zu den unterschiedlichsten Erfahrungen im Leben. fehlt nicht Also die, die melancholisch sind, sind nicht unbedingt schwermütig oder traurig, es kann auch mit Glückseligkeit verbunden sein. Aber Melacnholie ist eine Offenheit für Fragen, die anachronistisch klingen.“ 14s
SPRECHERIN:
Mariela Sartorius ist überzeugt davon, dass mehr Melancholie gesellschaftlich von Vorteil wäre. Sie glaubt an ihre kraftspendende Wirkung des Innehaltens, des zu sich selbst Kommens.
26 O-TON Sartorius:
„Dieser Fitnesswahn, diese Selbstoptimierung, dieses Effizientsein auf Teufel komm raus, ja - da bleibt jetzt nicht viel Zeit für Melancholie. Und wenn sie dann kommt, muss sie ja ganz schnell in ihre Schranken gewiesen werden, denn dann könnte man ja nicht die Karriere machen, die man machen möchte. Oder das Geld verdienen, das man dringend braucht. Deswegen hat die Melancholie schon was Luxuriöses an sich.“
SPRECHERIN:
Die kritischsten Philosophen fanden etwas Gutes in ihr. Künstler, Dichter und Denker haben sie beschworen, ihr gehuldigt, sie verewigt. Vielleicht gerade deswegen, weil sie sich nicht definieren lässt. Eines aber ist sie ganz bestimmt: zutiefst menschlich. Und wäre sie eine Person, sie ließe sich so beschreiben:
27 O-TON Sartorius:
„Die Melancholie ist weiblich. Nun, gut, das Wort: DIE Melancholie. Hieße es DER Melancholie, wer weiß. Aber hmm, ich weiß nicht...also sie ist wohl weiblich. Sie ist schwer greifbar, ist eigensinnig, kommt und geht wann sie will und wenn sie ein unter Anführungszeichen „Opfer“ gefunden hat, dann ist sie gleich da. Und dann muss man ihr sagen: Ich bin gar kein Opfer, komm nur her, liebe Melancholie.“
STOPP

Dec 13, 2023 • 21min
Endometriose - Wenn die Menstruation zur Qual wird
Wenn sich Gebärmutterschleimhautzellen außerhalb des Uterus im Körper ansiedeln, dann kann das bei Menstruierenden zu höllischen Schmerzen führen. Nur wissen viele nicht, dass das bei ihnen der Fall ist. Endometriose - wenn die Menstruation zur Qual wird.
Autorin: Caro MatzkoCredits Autor/in dieser Folge: Caro Matzko Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Thomas Birnstiel, Xenia Tiling Technik: Susanne Herzig Redaktion: Yvonne Maier
Im Interview:Prof. Dr. med. Vanadin Seiffert-Klaus (Gynäkologische Endokrinologie und Kinderwunsch; Leiterin des Interdisziplinären Endometriose-Zentrums (IEZ); Leiterin des interdisziplinären Osteoporose-Zentrums (IOZ); Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde im Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München);Prof. Dr. med. Brigitte Leeners (Klinikdirektorin Klinik und Leitung Klinische Forschung für Reproduktions-Endokrinologie am Universitätsspital Zürich);Dr. Matthias Matzko (Chefarzt der Radiologie in der Helios-Amper-Klinik Dachau, Leiter des FUS-Centers für fokussierten Ultraschall)
Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren:
Die Tage vor den Tagen - PMS, das prämenstruelle SyndromJETZT ANHÖREN
Der weibliche Zyklus - Lebenskreislauf im VerborgenenJETZT ANHÖREN
Glückshormone - Komplexe Botenstoffe mit viel WirkungJETZT ANHÖREN
Literaturtipps:
Megbel, Esther: „Jeden Monat eine Geburt“, in: Spektrum der Wissenschaft kompakt“ (10/23), S. 48 -55
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK 1: Resourceful criminals
MUSIK 2: Light Reflex
ZSP 2 Marietta Leist: Geburtenkontraktionen
„Es kommt Geburtenkontraktionen gleich. Da möchte ich mal jemand sehen, der da arbeiten kann. In Gesprächen musste ich mich hinsetzen, weil ich das nicht mehr gepackt habe.“
MUSIK HOCH
ZSP 1 Vanadin Seifert-Klauss: Was ist Endometriose KURZ
„Endometriose bezeichnet Endometriumzellen, also Zellen der Gebärmutterschleimhaut, die nicht an dem Ort wo sie normalerweise sind, wachsen.“
MUSIK 3: Glas
SPRECHER
Marietta Leist ist heute 30 und hat seit ihrer Jugend sehr starke Blutungen.
ZSP 2b Marietta Leist: Beginn der Endometriose
„Meine Reise mit meiner Periode hat sehr früh begonnen. Ich glaub ich war elf und dann hat die Mami so kleine Mini-Obs und kleine Binden gekauft. Und dann hatte ich meine erste Periode. In der Schule hat sie bekommen. Mir war kotzübel und ich musste sofort auf die Toilette rennen, weil es war – ich red jetzt einfach frei raus – sintflutartig. Ich hatte so stark meine Tage gleich beim ersten Mal und relativ starke Schmerzen, dass ich mir gedacht habe: Um Gottes Willen! Das ist dann so weitergegangen. Wie ich dann 14, 15 war, ist es immer stärker geworden. So richtig angefangen, dass ich gemerkt habe: Da stimmt was nicht, war beim Geschlechtsverkehr. Von einem Tag auf den anderen hatten ich starke Schmerzen dabei, auch dass ich abbrechen musste. Und ich wusste nicht, was da los ist. Dann bin ich auch zu Gynäkologen verschiedenen, die haben aber nie das Wort Endometriose benutzt.“
SPRECHER
Durch die enormen Schmerzen beim Geschlechtsverkehr wird für sie Sex und auch die Benutzung von Tampons unmöglich, weil sie zu hart sind und das Einführen zu schmerzhaft. Und Marietta sieht, dass die Monatsblutung bei vielen Freundinnen nicht so eine Einschränkung ist und ahnt, dass da etwas nicht normal ist. Sie sucht Hilfe bei mehreren Gynäkologen - ihre Beschwerden werden aber nicht ernst genommen.
Wie viele Frauen bekommt auch sie zu hören, sie habe nun mal ihre Tage und solle Schmerztabletten schlucken oder die Anti-Baby-Pille durchgehend nehmen, damit es gar nicht erst zur Monatsblutung komme. Doch Marietta fühlt sich mit der Dauereinnahme von Hormonen nicht wohl. Mit Anfang 20 hat sie Glück. Eine Freundin empfiehlt ihr einen Frauenarzt, der zufällig auch Spezialist für Endometriose ist. Eine Krankheit, von der Marietta noch nie gehört hat.
ZSP 3 Marietta Leist: Diagnose
„Privatarzt, der hat mich abgetastet. Auch bei der Untersuchung habe ich weinen müssen. Der hat dann die Diagnose Endometriose in den Raum gestellt. Damals war die Krankheit noch null publik. Das Problem ist, wenn Endometriose im Körper verstreut ist, kann man die nicht sehen.“
MUSIK 4: Inner sanctum
SPRECHERIN
Und damit: schwer feststellen.
Was passiert dabei? Bei Frauen mit Endometriose siedeln sich bestimmte Zellen, nämlich die der Gebärmutterschleimhautaußerhalb der Gebärmutter an. Die Gebärmutterschleimhaut trägt den medizinischen Namen Endometrium – daher der Name für diese Krankheit: Endometriose. Wenn diese Zellen sich im Körper ansiedeln, bilden sie so genannte Endometrioseherde – also Gebärmutterschleimhaut, wo sie gar nicht sein soll.
ZSP 4 Vanadin Seifert-Klauss: Was ist Endometriose
Normalerweise sind sie nur in der Gebärmutterhöhle, die außerhalb der Schwangerschaft keine Höhle ist, sondern ein ganz schmaler Raum in dem sich die Schleimhaut aufbaut und während der Menstruation abblutet.
SPRECHERIN
Sagt Vanadin Seifert-Klauss. Die Professorin ist Leiterin des Interdisziplinären Endometriose-Zentrums (IEZ) am Klinikum „Rechts der Isar“ in München. Wenn die Zellen außerhalb der Gebärmutter liegen, führt das zu mitunter starken Beschwerden, denn diese Zellen reagieren weiterhin wie ganz normale Zellen der Gebärmutterschleimhaut – auf den Hormon-Zyklus.
ZSP 4.1 Vanadin Seifert-Klauss: Was ist Endometriose
„Egal wo die Endometriosezellen sitzen, im Gebärmuttermuskel, kann außerhalb der Gebärmutter sein, meistens im kleinen Becken, geht aber auch am Zwerchfell, in der Lunge, sogar im Ohr, kann es sein, dass sie den Hormonen gehorchend zur Zeit der Periode bluten und dadurch Schmerzen verursachen.“
SPRECHER
Jährlich bekommen 40.000 Frauen in Deutschland den Befund Endometriose. Doch es gibt eine hohe Dunkelziffer, da die Diagnose streng genommen nur unter dem Mikroskop erfolgen kann. Das bedeutet: Zellen müssen entnommen und als Endometriumszellen identifiziert werden. Doch um sie entnehmen zu können, braucht es in der Regel eine Operation – die viele Patientinnen erst einmal scheuen. Die Schmerzen nehmen während der Regelblutung enorm zu, weil die Zellen der Endometrioseherde – ganz egal, wo sie sich angesiedelt haben - wie die Gebärmutterschleimhaut im Uterus auf das Auf- und Ab der Hormone während des Zyklus reagieren.
MUSIK 5: Well built
SPRECHERIN
In der ersten Zyklushälfte stößt zunächst das follikelstimulierende Hormon FSH die Reifung der Eibläschen, auch Follikel genannt, im Eierstock an. Jeden Monat reift ein Follikel mit einer Eizelle im Inneren heran. Parallel dazu regen Östrogene über mehrere Tage hinweg den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut an. Ab einer gewissen Östrogenkonzentration wird das Kommando für das luteinisierende Hormon LH und den Eisprung ausgelöst. Dann löst sich die Eizelle aus dem Follikel und macht sich auf die Reise durch den Eileiter bis zur Gebärmutter.
Im Eierstock bleibt der geplatzte Follikel zurück- um ihn herum bildet sich nun der so genannte Gelbkörper. Dort entstehen Östrogen und Progesteron, auch bekannt als Gelbkörperhormon. Progesteron unterstützt den weiteren Aufbau der Gebärmutterschleimhaut. Kommt es zu keiner Befruchtung der Eizelle durch ein Spermium geht der Gelbkörper zugrunde. Die Progesteron- und Östrogenspiegel im Blut sinken wieder, die Gefäße innerhalb eines Teils der Gebärmutterschleimhaut ziehen sich zusammen und das abgestorbene Gewebe wird mit etwas Blut abgestoßen. So kommt es zur Monatsblutung.
MUSIK aus
SPRECHER
Auch die Zellen der Endometrioseherde wachsen mit jedem Zyklus und bluten, wenn es zur Periode kommt. Die Folgen sind immens: Es kann zu lokalen Entzündungen oder sogar Organschäden kommen. Einige Patientinnen werden nicht schwanger aufgrund von Verwachsungen rund um Eileiter und Gebärmutter und die meisten leiden unter großen und ganz unterschiedlichen Schmerzen. Je nachdem, wo sich die Zellen angesiedelt haben, können noch weitere Symptome dazukommen, darum wird die Endometriose auch als das Chamäleon der Gynäkologie bezeichnet, erklärt Gynäkologin Vanadin Seifert-Klauss:
ZSP 5 Vanadin Seifert-Klauss: Hinweise
„Es gibt typische Symptome: Sehr starke Unterbauchschmerzen während der Periode, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Blut im Urin während der Periode, auf dem Stuhl, starke Schmerzen im Darm während der Periode. Viele bemerken Darmveränderungen, Durchfälle, Verstopfungen, Vorwölbung des Bauches, der „Endo-Belly“. Also es gibt verschiedene Anzeichen, wenn sie alle vier Wochen aus dem Ohr bluten oder Blut husten, dann ist das auch ein Hinweis.“
SPRECHERIN
Wie die Endometriumszellen an andere Orte des Körpers gelangen können, dafür gibt es mittlerweile einen Erklärungsansatz: Ein Grund könnte sein, dass Menstruationsblut teilweise durch die Eileiter in den Bauchraum abfließt. Das bezeichnen Medizinerinnen wie Vanadin Seifert-Klauss als retrograde Menstruation.
ZSP 6 Vanadin Seifert-Klauss: Warum tauchen die Zellen woanders auf?
„Nicht alle Schleimhautzellen, die mit der Menstruation abgestoßen werden, werden nach unten durch die Scheide abgestoßen, sondern ein Teil davon geht durch die Eileiter in den Bauchraum. Wahrscheinlich ist das sogar häufiger als wir denken, aber es erklärt natürlich nicht, warum sich bei manchen Frauen diese Zellen zu Endometrioseherden entwickeln, dort wuchern und bei anderen Frauen nicht.“
SPRECHERIN
Die Größe des Herdes sagt übrigens nichts über die Intensität der Beschwerden aus.
ZSP 7 Vanadin Seifert-Klauss: Endo im Bauchfell
„Wenn es zum Beispiel aufs Bauchfell blutet, das ist ein sehr starker Schmerzreiz, das kann bei Frauen auch mit kleinen Herden zu Ohnmachten führen und großes Leid verursachen.“
MUSIK 6: „Glas“ – siehe vorn – 18 Sek
SPRECHER
Auch Marietta Leist hat Endometriosezellen im Bauchfell, aber nicht nur dort. Um die vielen Herde zu lokalisieren und zu entfernen, wird ihr zu einer Operation geraten.
ZSP 8 Marietta Leist: Operation
„Die Operation war schon recht aufwendig. Das Ganze wurde mit einer Laparoskopie gemacht: Ein großer Schnitt auf Gebärmutterhöhe, zwei kleine Schnitte für die Zangen auf Blasenhöhe und noch ein Schnitt unterhalb des Bauchnabels.… sehr viele Bereich betroffen, das Bauchfell, die Blase, an der Scheidenaußenwand und Gebärmutteraußenwand war recht viel. Das schaut aus wie ein weißes
Gewebenetz im Körper.“
SPRECHERIN
Die Operation ist nur ein Versuch, die Endometriose in den Griff zu bekommen. Die andere Behandlungsmöglichkeit ist ein Gestagen-Präparat wie die Antibabypille zu nehmen, da die Hormone der Pille den Zyklus stabilisieren und das Wachstum der Endometrioseherde hemmen und damit die Schmerzen weniger werden. Manche Patientinnen nehmen die Medikamente gegen die Endometriose auch durchgehend, damit es gar nicht erst zum Eisprung und zur Blutung kommt. Doch wer schwanger werden will, muss die Pille wieder absetzen - und darüber hinaus sind die Nebenwirkungen von Gestagen-haltigen Tabletten für viele Frauen nicht zu unterschätzen, sagt Dr. Matthias Matzko. Er ist Leiter der Radiologie und Spezialist für Gebärmuttermyome und Adenomyosen an der Helios Amper Klinik in Dachau.
ZSP 9 Dr. Matthias Matzko: Gestagenpräparate
„Meist bleibt nur der Weg einer dauerhaften Hormonbehandlung mit Gestagen-Präparaten, welche primär dazu führen, dass die Symptome der Patientin unterdrückt werden, und dabei kommt es zu langanhaltenden Nebenwirkungen, die durch die Einnahme hervorgerufen werden: Gewichtszunahme, Wassereinlagerungen, schlechte Laune wird häufig von den Patientinnen beschrieben.“
SPRECHER
Auch Marietta Leist hat mit den Nebenwirkungen der Antibabypille zu kämpfen, kann sie aber absetzen, nachdem ihre vielen Endometrioseherde entfernt worden sind. Doch die Operation ist ein Eingriff, der nicht zu unterschätzen ist:
ZSP 10 Marietta: Nach der OP
„Nach der Operation habe ich lang gebraucht, bis ich wieder ganz fit war. Hat ein Jahr gedauert, bis die Narben verheilt waren und ich eine Besserung gemerkt habe. Ich habe jetzt weniger Schmerzen beim Sex. Das funktioniert gut. Meine Periode ist immer noch sehr stark.“
SPRECHER
.. und darum versucht Marietta auch heute noch für die ersten zwei Tage der Monatsblutung, die sie mit Hilfe einer App kalkuliert, sich nicht zu viel vorzunehmen. Denn die Schmerzen und Blutungen sind noch immer stark. Ein Grund für ihre anhaltenden Beschwerden könnte Mariettas Adenomyose sein - also die Endometriumszellen in der Gebärmutterwand. Die konnten bei der Operation nicht entfernt werden, da das Risiko einer Beschädigung des Uterus zu groß gewesen wäre.
SPRECHERIN
Dies ist bei den meisten Patientinnen so - häufig können nur vergleichsweise kleine und klar einzugrenzenden Herde, in der Sprache der Medizin fokal genannt, aus der Uteruswand entfernt werden.
MUSIK 7: Resourceful criminals
SPRECHER
Doch die meisten Adenomyosen, also Endometriumszellen in der Gebärmutterwand, werden – genau wie bei Marietta - erst nach acht oder mehr Jahren diagnostiziert.
SPRECHERIN
Bis dahin haben die Zellen viel Zeit sich zu vermehren und die betroffenen Frauen leiden jahrelang unter Schmerzen, die sie als nadelstichartig oder metallisch beschreiben, die oft schon eine Woche vor der Regelblutung beginnen. Die Blutungen selbst sind deutlich verstärkt und oft unregelmäßig. Der Radiologe Matthias Matzko findet, dass viele Gynäkologen und Gynäkologinnen das MRT - die Magnetresonanztomographie - bei ihren Patientinnen zur Weichteildiagnosik einsetzen sollten. Mit einem MRT-Bild könnten sehr viele Adenomyosen schneller entdeckt werden- und sogar behandelt werden. Matthias Matzko konnte viele Adenomyosen mit gebündeltem Ultraschall entfernen.
ZSP 11a Matthias Matzko, fokussierter Ultraschall
„Der fokussierte Ultraschall, der in der Frauenmedizin mittlerweile sehr häufig benutzt wird, um Gebärmuttermyome mit Hitze zu veröden, schafft es zum Teil auch die Adenomyosen erfolgreich zu behandeln. Oftmals ist hierzu eine Hormonvorbehandlung der Patientin über etwa sechs Monate mit einem Anti-Endometriose-Hormon nötig, um die starke Durchblutung der Schleimhautmassen in der Gewebewand der Gebärmutter herabzusetzen.
SPRECHERIN
Wenn das Endometriosegewebe nur noch schwach durchblutet ist, kann es sehr gut vom fokussierten Ultraschall erhitzt werden. Der Körper trägt das abgestorbene Gewebe dann selbständig ab. Die Behandlung mit fokussiertem Ultraschall eignet sich also für Endometrioseherde, die klar lokalisierbar sind. Ist die gesamte Gebärmutterwand mit Endometriosegewebe durchwuchert, ist die Patientin für die Therapie leider nicht geeignet.
ZSP 11b Matthias Matzko,
Das heißt man muss im Grunde genommen jeden einzelnen Fall, den man behandeln möchte vorher mit einer MRT-Untersuchung genau verifizieren, man muss mit der Patientin sprechen über die Ziele, die man erreichen möchte bei der Behandlung. Geht es um Kinderwunsch, Schmerzherabsetzung und mit der Patientin gemeinsam die Ziele festlegen und Therapiestrategie erstellen.“
MUSIK 8: Glas
SPRECHER
Marietta Leist hat wie viele Patientinnen erst vor kurzem von der Möglichkeit einer Behandlung mit fokussiertem Ultraschall erfahren. Sie wünscht sich mehr und bessere Aufklärung rund um Endometriose. Und nicht nur das.
ZSP 12 Marietta Leist – Schlusston mehr Forschung
„Ich hoffe einfach wahnsinnig, dass mehr geforscht wird und dass mehr drüber geredet wird. Einfach mehr über das Thema reden und mehr über Periode reden und über Hormone. Jede Frau hat das. Und das ist so abartig, wenn sich Frauen immer noch nicht trauen, darüber zu reden oder sagen, dass ist ein Tabuthema. Überhaupt nicht meiner Meinung nach. Ich steh auf der Arbeit und ich rede vor Männern, es ist mir wurscht wer das ist. Ich sage: Leute ich bin heut nicht auf der Höhe, ich habe gestern meine Tage bekommen. Habt Nachsicht mit mir. Manche schauen mich ganz erschrocken an, manche lachen, manche finden es cool. Es ist mir mittlerweile scheißegal. Ich hoffe, dass es eventuell bald eine bessere Lösung gibt als nur die Pille durchzunehmen oder zu operieren.“
MUSIK 9: Verführung
SPRECHER
Und die könnte es vielleicht tatsächlich bald geben. Am Universitätsspital Zürich forscht Professorin Brigitte Leeners daran. Die Klinikdirektorin sucht gemeinsam mit ihrem Team seit einigen Jahren nach einem Medikament, mit dem man Endometriose heilen könnte.
ZSP 13 Leeners Forschung zu Antikörper Medikament
„Aktuell arbeiten wir an einer heilenden Therapie gegen Endometriose, die auf einem immunologischen Ansatz beruht. Das heißt, wir haben eine Vielzahl von Endometriose Gewebeproben untersucht und haben so ein Antikörper entwickeln können und entwickeln das im Moment so weiter, dass man diesen Antikörper in näherer Zukunft in den Körper einbringen kann und dass der gezielt an diese Endometrioseherde im Körper bindet und damit dem Körper das Signal gibt diese abzubauen. Bisher hat man Endometriose nur entweder Operationen zur Verfügung oder hormonelle Therapien, die im besten Fall die Herde stabil halten. Aber man gar keine heilende Therapie. Und dieser Ansatz, an dem wir arbeiten, würde uns zum ersten Mal ein Medikament an die Hand geben mit dem wir die Herde schrumpfen lassen können.
MUSIK 10: Verführung
dann
Wechsel in MUSIK 11: Resourceful Criminals
SPRECHERIN
Wichtig dabei: Der Antikörper erkennt die Charaktereigenschaften von Endometriosezellen und bindet sich an sie. Die Endometriumszellen innerhalb der Gebärmutter werden von ihm nicht angegangen.
Ein solches heilendes Medikament würde für tausende von Endometriosepatientinnen eine große Hilfe sein, da die heutigen Behandlungsmethoden oft nur Symptome unterdrücken können– und häufig mit relevanten Nebenwirkungen verbunden sind. Die Gynäkologin Brigitte Leeners sieht jedoch, dass frauenmedizinische Themen in der Forschung noch immer nicht gleichberechtigt finanziert werden.
ZSP 14 Leeners: Wunsch nach mehr Geld für Frauenthemenforschung
„Wenn man guckt, wohin Forschungsgelder gehen, dann würde ich mir sehr wünschen, dass bei der Vergabe von Fördermittel die frauenspezifischen Themen da deutlich mehr Beachtung finden würden.“
Musik hoch und aus.
ENDE

Dec 13, 2023 • 23min
Schmerz - Wenn der Körper Alarm schlägt
Schmerz ist eine lebenswichtige und zentrale Sinneswahrnehmung. Neben Nervenzellen sind auch Gehirn und Psyche daran beteiligt. Schmerz ist ein Symptom, kann aber auch selbst zur Krankheit werden. (BR 2021)
Autorin: Daniela RemusCreditsAutorin dieser Folge: Daniela RemusRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Katja Amberger, Peter VeitTechnik: Christiane Schmidbauer-HuberRedaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview:Johannes Horleman (Dr.; Schmerzmediziner, Kevelaar);Dominik Irnich (Professor; Schmerzmediziner, Ludwig-Maximilians-Universität, München);Regine Klinger (Dr.; PD; Psychologin; Universitätskrankenhaus Eppendorf, Hamburg)
Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren:
Rheuma - ein Begriff, viele KrankheitenJETZT ANHÖREN
Linktipps:
Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Musik (Stimmen einer Violine o.ä. unangenehm)
Atmo (Zahnarzt-Bohrer)
Atmo (Stimmengemisch Au, das tut aber richtig weh etc.)
Sprecherin
Dumpf und schwer, pochend, quälend, brennend oder stechend: Schmerz vermittelt sich auf viele, sehr unterschiedliche Weisen.
MUSIK: C1443990016 Light reflex 0‘40
Sprecherin
Schmerz ist ein Phänomen, das die Menschen seit mindestens zweitausend Jahren zu verstehen versuchen. Heute definieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Schmerz als elementare Sinneswahrnehmung, ohne die menschliches Leben kaum möglich ist, erklärt der Schmerzmediziner Prof. Dominik Irnich. Er leitet die Schmerzambulanz an der Ludwig-Maximilians-Universität in München:
TAKE 1 (O-Ton Irnich) L: 0, 30
Das ist eine der ganz wichtigen Sinnesfunktion und wahrscheinlich kann man aus anthropologischer Sicht sagen, dass die Differenzierung des Schmerzes und die genaue Lokalisierung des Schmerzes - wo ist der Angreifer, an meinem Körper, wer will die Unversehrtheit meines Organismus angreifen? -, dass diese ganz differenzierte Wahrnehmung möglicherweise ein Evolutionsvorteil ist, der auch dazu beigetragen hat, dass wir uns als Menschen auch ganz speziell schützen können. Also das hat zunächst mal eine Schutz- und Warnfunktion.
Sprecherin
Und die ist existentiell weitaus bedeutsamer als es den meisten Menschen bewusst ist: Schmerz ist überlebenswichtig, sagt der Schmerzmediziner Dr. Johannes Horlemann. Er leitet das Schmerzzentrum in Kevelaer:
TAKE 2 (O-Ton Horlemann) L. 0, 30
Es gibt Menschen die durch einen genetischen Defekt schmerzfrei geboren werden, das ist ein furchtbarer Zustand, der dazu führt, dass diese Menschen niemals alt werden können, weil sie keine Lernfunktion haben, durch die Entstehung von Schmerzen z.B., dass man hinfällt, dass man besser die Schritte setzen muss, wenn man laufen lernt usw.
Geräusch Bohrer: 0‘15
MUSIK: Z8024281112 Only the brave 0‘55
Sprecherin
Schmerz ist zuallererst eine körperlich-biologische Reaktion auf eine Gewebeschädigung. Die Schmerzsensoren melden, dass etwas nicht stimmt. Deshalb gilt akuter Schmerz als Alarmsignal des Körpers. Aber Schmerz ist gleichzeitig auch immer mehr als die sensorische Meldung und Weiterleitung eines Schadens, einer Verletzung oder einer Funktionsstörung. Mindestens genauso wichtig für das menschliche Schmerzerleben sind psychische, emotionale und soziale Faktoren. Ob jemand in Trance durchs Feuer laufen kann oder bei einem kleinen Mückenstich in Tränen ausbricht, liegt nicht immer an der Intensität des physiologisch messbaren Schmerzreizes, sondern an einem Bündel von Faktoren. Deshalb bezeichnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Schmerz heutzutage als bio-psycho-soziales Empfinden.
Geräusch: schrillende Alarmanlage 0‘12
Sprecherin
Blicken wir zunächst auf die Biologie des Schmerzes, auf seine physiologische Grundlage: Voraussetzung dafür ist die neuronale Sinneswahrnehmung einer Gewebeschädigung. Sie findet in den Schmerzrezeptoren statt, erklärt Schmerzmediziner Johannes Horlemann.
TAKE 3 (O-Ton Horlemann) L: 0, 20
Das sind sogenannte Nervenspindeln, die aufgedreht werden, und die entweder durch chemische oder thermische Reize oder aber durch Schnitt z.B. aktiviert werden. D.h. wenn die konfrontiert werden mit einem Außenreiz, der unangenehm ist, dann senden sie Signale in das Hinterhorn des Rückenmarks.
Musik: Z8030896110 Testing procedure 0‘47
Sprecherin
Diese Nervenspindeln heißen in der Wissenschaft Nozizeptoren. Sie sitzen am Ende der Nerven, die sich vom Rückenmark aus in die Peripherie des Körpers erstrecken. Diese Schmerzsensoren sind also überall dort, wo wir Schmerzen wahrnehmen: An Hand und Fingern sind besonders viele vorhanden, weniger davon auf dem Fußrücken und gar keine Schmerzrezeptoren haben Menschen in einzelnen Organen wie dem Gehirn, der Lunge oder der Leber. Werden die Nozizeptoren geschädigt, beispielsweise durch Schnitt, Druck, Hitze oder Kälte, dann erzeugen sie elektrische Signale, die das Schmerz-empfinden weiterleiten und zwar über das Rückenmark ins Gehirn.
TAKE 4 (O-Ton Horlemann) L: 0, 20
Von dort geht die Nachricht weiter (…) in den Thalamus-Kern. Der Thalamus-Kern ist quasi auf Hirnbasis das Organ, das wie ein Vorfilter wirkt und der die meisten Schmerzen, die gesendet werden zum Gehirn, abfiltert.
Musik: Z8030731117 Onslaught 0‘31
Sprecherin
Alle Sinneswahrnehmungen des Körpers, einzige Ausnahme ist das Riechen, landen im Gehirn und dort zunächst im Thalamus. Das ist ein kleiner, nur wenige Zentimeter großer Teil des Zwischenhirns. Der Thalamus filtert die eingehenden Sinnesinformationen, bevor er sie an die Großhirnrinde weiterleitet. Sehr vereinfacht formuliert kann man sich das so vorstellen: Er sortiert die eingehenden Sinneswahrnehmungen und gleicht sie mit bereits gemachten Erfahrungen ab. Der Thalamus kann Schmerzreize verstärken oder auch hemmen. Zur Verfügung stehen dafür verschiedene körpereigene Botenstoffe wie beispielsweise Endorphine.
TAKE 5 (O-Ton Klinger) L. 0, 20
Jedes Schmerzerleben ist eben etwas, was eben auch zentral verarbeitet ist. Deswegen kann man sagen, jeder akute Schmerz ist auch ein psychischer Schmerz, weil er einmal durch das Gehirn gewandert ist und dort auch bewertet und bearbeitet wurde.
Sprecherin
Deshalb wird der Thalamus auch das Tor zum Bewusstsein genannt, sagt die Psychologin Dr. Regine Klinger. Denn das ist das Besondere bei Schmerzen: Sie sind kein ausschließlich körperlicher Vorgang, wie andere lebenswichtige Prozesse im Organismus. Im Gehirn wird aus der physiologischen Schmerz¬wahr¬nehmung, aus der Nozizeption, das Schmerzerleben. Die psychologische Leiterin der Schmerzambulanz am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg erklärt das an einem Beispiel:
Take 6 (O-Ton Klinger) L: 0, 30
Wenn man sich jetzt z.B. an einer Herdplatte verbrennt, dann wird man sofort die Hand zurückziehen, das tut man schon aufgrund des ersten Schmerzerlebens, ein heller, stechender Schmerz, der nicht durch die zentrale Verarbeitung gelaufen ist, sondern der direkt als reflexartiger Schmerz abläuft und der dazu führt, dass die Muskeln aktiviert werden, um sofort den Organismus zu schützen.
Sprecherin
Die Hand wird zurückgezogen, schnell unter kaltes Wasser gehalten, gekühlt oder was auch immer, um der Situation zu entkommen und damit den akuten Schmerz zu lindern.
TAKE 7 (O-Ton Klinger) L: 0, 20
Bruchteile von Sekunden danach setzt der 2. Schmerz ein, das ist dann ein dumpfer drückender Schmerz, der eben einmal durch das Gehirn gewandert ist und der jetzt eben eine Schmerzbewertung in Gang setzt.
Musik: C1568800106 Glistening stars 0‘17
Sprecherin
Ein ganzes Netzwerk von Gehirnregionen ist nach gegenwärtigem Kenntnisstand für diese komplexe Schmerzbewertung zuständig, sagt Schmerzmediziner Dominik Irnich aus München:
Take 8 (O-Ton Irnich) L: 0, 20
Es geht darum, dass dieser rein körperliche Schmerzreiz zentral im Gehirn moduliert, verändert wird. Er bekommt eine Bedeutung, er bekommt eine Bewertung, (…) er wird in diesen Zusammenhang gesetzt und moduliert. Und am Schluss, das, was wir empfinden, ist das Ergebnis dieser Verarbeitungen im Gehirn.
Sprecherin
Die Konsequenz kann sein: Den Notarzt zu rufen, die Stelle zu kühlen oder auch, den kleinen Schmerz zu ignorieren. Entscheidend für diese Schmerzbewertung, die das Verhalten prägt, ist die zentrale Schmerzverarbeitung im Gehirn, die von den unterschiedlichsten Faktoren beeinflusst wird: Von äußeren Aspekten wie kulturellen Normen oder familiären Angewohnheiten ebenso, wie von der inneren Verfassung des jeweiligen Individuums, betont Regine Klinger:
TAKE 9 (O-Ton Klinger) L: 0, 25
Also z.B. auch von der Stimmung, die ich habe, von emotionalen Faktoren wie Depressivität, von Traurigkeit oder dergleichen. Und kann eben dann, je nachdem, verstärkt oder abgeschwächt werden. Akutes Schmerzerleben wird immer auch von dem Kontext, in dem ich mich bewege, abhängig erlebt.
Sprecherin
Das kennt jede und jeder: Je nach Stimmung erhalten Verletzungen oder kleinere Unfälle eine andere Bedeutung. Wer frisch verliebt ist, spürt einen umgeknickten Fuß längst nicht so intensiv, wie eine Person, bei der an diesem Tag schon vorher richtig viel schief gelaufen ist und bei der die Laune ohnehin schon schlecht ist:
TAKE 10 (O-Ton Klinger) L: 0, 30
Man kann sich das so vorstellen, dass das Gehirn sozusagen schon ein gewisses Vorzeichen hat, nämlich ein Vorzeichen dieser negativen Allgemeinverfassung hat, so und jetzt kommt auch noch dieser Schmerz aus der Peripherie des Körpers, der in den gleichen Gehirnzentren verarbeitet wird, weil er dort ankommt. Und man kann sich das so vorstellen, dass die allgemeine Stimmung, in der ich da bin, dann erstmal auf dieses Signal, was da neu ins Gehirn kommt, abfärbt.
Sprecherin
Und deshalb negativ erlebt wird. Aber es gibt auch den umgekehrten Mechanismus: Schmerzreize können vom Gehirn aktiv unterdrückt werden, beispielsweise durch Ablenkung.
TAKE 11 (O-Ton Klinger) L: 0, 20
Das würde dann tatsächlich diesen Mechanismus in Gang setzen, der dann auf absteigenden neuronalen Bahnen das Schmerzerleben so unterdrückt, dass die nachfolgenden Reize aus der Peripherie eben gar nicht mehr durchkommen und deswegen eben das Schmerzerleben deutlich geringer wird.
Musik: C1576660120 Criminal synapsis red 0‘27
Sprecherin
So gibt es immer wieder aufsehenerregende Beispiele von Menschen, die sich selbst mit abgetrennten Fingern noch ins Krankenhaus gefahren haben oder mit gebrochenem Bein noch kilometerweit gelaufen sind. Dass der Körper Schmerzen in einer Krisensituation effektiv unter¬drücken kann, ist bei Soldaten während des Zweiten Weltkriegs beobachtet und berichtet worden, so Regine Klinger:
TAKE 12 (O-Ton Klinger) L: 0, 20
Die z.B. ein Bein abgeschossen bekommen haben, da lagen, blutender Weise, gefragt wurden, ob sie Schmerzen haben und sie die Schmerzen gar nicht erlebt haben. Und gesagt haben, neee, Schmerzen seien nicht da. Und das konnte 1-2 Tage anhalten, bis der Schmerz da war.
Sprecherin
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erklären sich dieses Phänomen damit, dass das Gehirn die unterschiedlichen Emotionen gewichtet und deshalb die Schmerzen aktiv mit Stresshormonen unterdrückt, um zu überleben.
MUSIK: Z8030896115 Spreading virus 0‘28
Denn in einer solchen Situation, nämlich schwer verletzt auf dem Schlachtfeld zu liegen, ist die Überlegung, wie komme ich hier weg, wie komme ich in Sicherheit? wichtiger für das Überleben, als die Warnfunktion des Körpers durch den Schmerz.
MUSIK: Z8030896115 Spreading virus 0’28 hoch
Sprecherin
Neben der inneren Verfassung eines Individuums prägen aber auch verschiedene äußere Einflüsse die Schmerzbewertung, betont Johannes Horlemann:
TAKE 13 (O-Ton Horlemann) L: 0, 25
Eindeutig gibt es kulturelle Aspekte, es gibt auch Lernaspekte beim Schmerz, man würde unterscheiden, ist es wirklich die Schmerzempfindung, die ich physiologisch messen kann, oder ist es das, was wir daraus machen? Wenn ich das so sagen darf, der Schmerz als Nachricht im sozialen Kontext.
Sprecherin
In manchen Kulturkreisen gehört es beispielsweise dazu, bei Trauer laut zu schreien und zu klagen. In anderen Kulturkreisen dagegen gilt emotionale Kontrolle auch in Ausnahmesituationen als erstrebenswert. Bei manchen indigenen Völkern stärken schmerzhafte Initiationsrituale den sozialen Zusammenhalt, bei den meisten Menschen in Westeuropa dagegen gilt die Abwesenheit von Schmerz als Idealzustand.
MUSIK: Z8030896128 New discovery (reduced) 0‘28
Sprecherin
Und auch der Umgang mit Schmerzen in der Familie prägt das spätere Schmerzverhalten: Wer als Kind bei jedem Ratscher, jedem aufgeschürften Knie mit viel Aufmerksamkeit rechnen kann, der wird in den meisten Fällen auch als Erwachsener seinen Schmerz so äußern, dass er nicht zu ignorieren ist. Andere dagegen haben gelernt, Schmerzen auszuhalten, sagt Schmerzmediziner Johannes Horlemann:
TAKE 14 (O-Ton Horlemann) L: 0, 20
Auffällig ist, dass viele Patienten sehr starke Schmerzen sehr gut aushalten können, während bei der gleichen läsionellen Ursache andere Patienten stark sich beschweren. Denken Sie an indische Fakire, die durch Feuer laufen können, die haben das vorher trainiert. Also es gibt einen Trainingsaspekt daran, ganz bestimmt.
Sprecherin
Dass es einen Trainingsaspekt gibt, der es Menschen ermöglicht, Schmerzen in bestimmten Situationen besser auszuhalten, bedeutet aber nicht, dass Schmerzen immer und um jeden Preis durchgestanden werden sollten. Das Zähne zusammen beissen und durch, was der Volksmund empfiehlt, um unangenehme Situationen und auch Schmerzen bewältigen zu können, dieser Ansatz, der im 20. Jahrhundert auch von Medizinerinnen und Medizinern vertreten wurde, hat sich als fatale Sackgasse im Umgang mit Schmerzen erwiesen, erklärt Dominik Irnich:
TAKE 15 (O-Ton Irnich) L: 0, 30
Der akute Schmerz ist ein Risikofaktor für die Chronifizierung und zwar bezüglich der Art und und der Intensität, also der Stärke der Schmerzwahrnehmung. Das heißt, wenn ich einen Notfall habe, ich komme ins Krankenhaus in die Notaufnahme, oder ich hab eine OP und es tut weh hinterher, ist es die allerwichtigste Aufgabe, den Schmerz zu lindern, und zwar so gut wie es geht!
Sprecherin
Denn heute wissen Medizinerinnen und Mediziner, dass der Organismus in der Lage ist, ein Schmerzgedächtnis auszubilden. Und dass das dazu beiträgt, chronische Schmerzen zu entwickeln, so Psychologin Regine Klinger aus Hamburg:
TAKE 16 (O-Ton Klinger) L: 0, 35
Das Gehirn ist ja in der Lage zu lernen, und dieses Lernen passiert eben, indem bestimmte neuronale Informationen abgespeichert werden. Man kann sich das Gehirn wie eine Festplatte vorstellen, auf die Informationen geschrieben werden und wenn immer wieder im Gehirn neue Schmerzinformationen ankommen, (…) dann wird diese Spur, diese neuronalen Spuren, die da geschrieben werden, immer größer, immer intensiver.
Sprecherin
Und das bedeutet für die betreffende Person, dass dieser Schmerz im Gehirn abgespeichert und erlebt wird, allerdings unabhängig von der eigentlichen Schmerz-Ursache. Also ohne äußeren Auslöser und damit auch ohne biologische Warnfunktion. Johannes Horlemann:
TAKE 17 (O-Ton Horlemann) L: 0, 35
Das können Sie sehr gut erkennen am Beispiel des Phantomschmerzes, dass ein Mensch Schmerzen haben kann in einem Fuß, den er gar nicht mehr besitzt. Das macht deutlich, dass Schmerzen, die aus der Peripherie Nachrichten in das Gehirn senden, eine Eigenständigkeit entwickeln können. Und zwar sagen wir, in einem Zeitraum von 3-6 Monaten, so dass in dieser Zeit im Gehirn Schmerzzentren so alarmiert werden, dass die periphere Schmerzschwelle sinkt und dass die Schmerzen chronifiziert entscheidende Veränderungen im Gehirn machen.
Musik: Z8035459113 Artificial developments 0‘32
Sprecherin
In Deutschland leben nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin knapp 4 Millionen Menschen mit schwersten chronischen Schmerzen. Rund fünf Prozent der Bevölkerung sind von solchen dauerhaften Schmerzen massiv eingeschränkt. Sie müssen Medikamente nehmen, lassen sich operieren, und verlieren durch die Schmerzen nach und nach ihr früheres Leben, einschließlich Arbeit, Hobbies, Kino- oder Theaterbesuchen.
TAKE 18 (O-Ton Horlemann) L: 0, 25
Das sind die schwerstgradig Chronifizierten, leichte oder mittelgradig, da sind wir bei über 20 Millionen. Stellen Sie sich vor, einige Millionen Menschen allein mit Migräne in Deutschland, das ist eine chronische Schmerzerkrankung, Rückenschmerz ist der häufigste Berentungsgrund in Deutschland…
Sprecherin
Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und Nervenschmerzen, das sind die häufigsten chronischen Schmerzen in Deutschland. Sie stellen nicht nur für die Betroffenen ein ernstzunehmendes Problem dar, sondern auch für deren Angehörige und auch für die Sozialkassen. Mittlerweile sind rund ein Viertel der Deutschen davon betroffen,Tendenz steigend.
MUSIK: Z8028915109 Coming closer
Chronische Schmerzen sind weltweit verbreitet, nicht nur eine Erkrankung in den wohlhabenden Industrieländern. Allerdings überwiegen in den Industrieländern psychosomatisch bedingte Schmerzen, während die dauerhaften Schmerzen in den ärmeren Ländern vielfach durch unzureichende medizinische Versorgung zu erklären sind.
MUSIK: Z8028915109 Coming closer hoch 0‘36
Sprecherin
Eine klassische Chronifizierung von Rückenschmerzen läuft, körperlich betrachtet, folgendermaßen ab, erklärt Schmerzmediziner Johannes Horlemann:
TAKE 19 (O-Ton Horlemann) L: 0, 30
Es ist ja offensichtlich so, wenn ich Schmerzen habe, nehmen wir den Rücken, dann versuche ich ihn zu vermeiden, indem ich inaktiver werde. Inaktivität führt zu Muskelabbau, der Muskelabbau führt zu pathologischen Bewegungsmustern, die pathologischen Bewegungsmuster machen wieder Schmerz, den ich wieder vermeide usw. und dadurch bin ich dann ganz am Ende ein Mensch, und das ist typisch für den chronischen Schmerz, der wesentliche Haltemuskeln verloren hat.
Sprecherin
Aber für die Chronifizierung der Schmerzen sind eben nicht nur die körperlichen Vermeidungshaltungen und die daraus entstehenden Abbauprozesse verantwortlich. Sondern mindestens genauso entscheidend ist die dahinterliegende psycho-soziale Ebene, die das Schmerzgedächtnis prägt und beeinflusst.
TAKE 20 (O-Ton Irnich) L: 0, 10
Was nützt es, Schmerzen zu lernen, dass sie sich automatisieren? Dass die Nervenbahnen nicht mehr kleine Straßen sind, sondern zu Autobahnen werden?
Sprecherin
Schmerzmediziner Dominik Irnich ist davon überzeugt, dass es nicht zufällig ist, wann und unter welchen Umständen Menschen chronische Schmerzen entwickeln. Für ihn ist dieses Phänomen weit mehr als eine Fehlfunktion bei der Verarbeitung akuter Schmerzen.
TAKE 21 (O-Ton Irnich) L: 0, 30
Unsere Untersuchungen zeigen, dass dieser Lernprozess eben durch die zusätzlichen psychologischen und sozialen Faktoren eine andere Bedeutung bekommt. (…) Der Sinn und die Funktion ändert sich, (…) in den meisten Fällen im Unterbewusstsein. Und deswegen ist es so schwierig, wenn man mit chronischen Schmerzen umgeht, weil man müsste sich eigentlich fragen, was könnte den eigentlich die Funktion des Schmerzes sein? Außer, dass er am Anfang einen Schutz und eine Warnung darstellt.
Musik: C1601500133 Contagious 2 0‘31
Sprecherin
Die heutige Schmerzmedizin versteht chronische Schmerzen deshalb auch als Ausdruck von Belastungssituationen oder von ungelösten Konflikten. Dafür spricht vor allen Dingen, dass dem Schmerzerlebnis häufig keine körperliche Entsprechung zugeordnet werden kann, aber auch umgekehrt: Nicht jede und jeder mit körperlichen Abnutzungserscheinungen wie beispielsweise einer Arthrose im Knie oder einem leichten Bandscheibenvorfall hat dauerhafte und quälende Beschwerden.
TAKE 22 (O-Ton Irnich) L: 0, 15
Wir wissen, aus ganz vielen Untersuchungen, dass der Befund z.B. im Kernspin der Wirbelsäule, nicht korreliert, d.h. kein direkter Zusammenhang besteht zwischen dem Ausmaß der Schädigung an der Wirbelsäule und dem tatsächlichen Erleben.
Sprecherin
Mit Millionen von orthopädischen Operationen liegt Deutschland nach Angaben der OECD weltweit an der Spitze. Aber die Anzahl derer, die unter chronischen Schmerzen leiden, wird damit nicht geringer. Das ist wenig verwunderlich, denn nach allem, was bisher bekannt ist, sind chronische Schmerzen in der Regel eben multifaktoriell zu erklären, das heißt, sie gehen selten nur auf eine Ursache zurück.
TAKE 23 (O-Ton Irnich) L: 0, 20
Deswegen muss man heute einfach komplett umdenken, weil wir wissenschaftlich mittlerweile wissen, Schmerz ist ein persönliches Unterfangen, ich muss schlimme Dinge ausschließen: Tumoren, Fraktur Entzündungen, aber das geht ganz einfach. Aber den Schmerz zu suchen mit der Bildgebung macht keinen Sinn.
Sprecherin
Schmerzen gehören zum Leben dazu. Bei der Geburt, beim Heranwachsen, bei Krankheiten und häufig auch beim Sterben. Deshalb suchen die Menschen seit Tausenden von Jahren nach Erklärungen dafür. Aristoteles verortete das Schmerzempfinden im menschlichen Herzen. Hippokrates dagegen vermutete, dass Schmerzen durch ein Ungleichgewicht in den Körpersäften entstehen. Und für die katholische Kirche waren Schmerzen durch die Vertreibung aus dem Paradies zu erklären.
MUSIK: C1576660111 Working brain red. 0‘45
Die Erkenntnis, dass Schmerz ein hochgradig komplexes Phänomen ist, das abhängig von emotionalen, psychischen und auch kulturellen Faktoren erlebt wird, ist, medizinhistorisch betrachtet, noch jung, denn sie ist erst rund zwei Jahrzehnte alt. Und erst seit 2012 ist die Schmerzmedizin Pflichtfach für die angehenden Medizinerinnen und Mediziner. Das ist sicher ein weiterer Schritt, um den vielen Arten von Schmerzen in Zukunft effektiver zu begegnen.
STOPP


