

Carls Café
Michael Carl
Carls Café ist ein Podcast über Zukunft und die Menschen, die sie gestalten. Nicht als Vision, sondern als Entscheidung.
Zukunftsforscher Michael Carl spricht mit Menschen, die Verantwortung übernehmen – in Unternehmen, Organisationen und Gesellschaft. Menschen, die handeln, auch wenn es Gegenwind gibt. Die nicht alles wissen, aber trotzdem losgehen.
Die Gespräche sind ehrlich, persönlich und ungeschönt. Es geht um Haltung statt Buzzwords. Um Entscheidungen statt Konzepte. Um die Frage, was Zukunft im Alltag wirklich kostet – und was sie möglich macht.
Carls Café ist kein Zukunftstalk. Es ist ein Ort für Zukunft als Praxis.
Mehr über Michael Carl und Carls Zukunft:
https://carls-zukunft.de
Zukunftsforscher Michael Carl spricht mit Menschen, die Verantwortung übernehmen – in Unternehmen, Organisationen und Gesellschaft. Menschen, die handeln, auch wenn es Gegenwind gibt. Die nicht alles wissen, aber trotzdem losgehen.
Die Gespräche sind ehrlich, persönlich und ungeschönt. Es geht um Haltung statt Buzzwords. Um Entscheidungen statt Konzepte. Um die Frage, was Zukunft im Alltag wirklich kostet – und was sie möglich macht.
Carls Café ist kein Zukunftstalk. Es ist ein Ort für Zukunft als Praxis.
Mehr über Michael Carl und Carls Zukunft:
https://carls-zukunft.de
Episodes
Mentioned books

Jun 8, 2023 • 39min
#158 Andreas Kambach – Digitales Lernen der Zukunft
Wer seine Lehre erfolgreich beendet, hat ausgelernt, für ein ganzes Berufsleben. Wer 80 Folien Schulungsmaterial erfolgreich durchgeklickt und die Lösungen aus der WhatsApp-Gruppe mit den Kolleg:innen abgeschrieben hat, bekommt ein Zertifikat. Wer für die Klausur nur die halbe Zeit braucht, langweilt sich; wer mehr Zeit braucht, fällt durch. Allem Aufwand, Kosten, Bürokratie und Regelwerken zum Trotz: Es stimmt nicht mit der Bildung. Lernen ist ein Totalausfall. Was war noch einmal die eine Schlüsselkompetenz für die Arbeitswelt der Zukunft?Andreas Kambach sagt: Das alles ist noch schlimmer, weil wir längst über Alternativen verfügen. Er bietet mit Area9 Lyceum eine digitale Plattform, die aus der Gießkanne für alle personalisiertes Lernen macht, aus dem Abarbeiten von Inhalten abgesicherte Lernprozesse und aus einem Tempo für alle messbare Erfolge für jede:n Einzelne:n. Hier beginnt digitales Lernen in Unternehmen und Organisationen wie auch in Schulen. Es geht um die Algorithmen, nicht um die iPads. Warum machen wir das dann nicht? Warum genau? Weil wir mit einer hundertjährigen Tradition an Schulen brechen müssten? Weil wir es so gelernt haben, dass alle dasselbe Onboarding bekommen, egal ob frisch von der Uni oder mit Jahrzehnten an Berufserfahrung. Weil es so schön vertraut ist, noch ein weiteres Kommunikationsseminar im Nachwuchsführungskräftetraining zu absolvieren. Dabei hätte uns schon das Wortungetüm „Nachwuchsführungskräftetraining“ misstrauisch machen können … Andreas ist klar: Bildung und Lernen müssen und werden sich verändern. Die Zeit von Standard und „one size fits all“ ist definitiv vorbei - weil wir es messbar besser machen können. Die Bücher, die Andreas empfohlen hat, sind diese:Charles Fadel: Die vier Dimensionen der Bildung: Was Schülerinnen und Schüler im 21. Jahrhundert lernen müssenAngela Duckworth: GRIT - Die neue Formel zum Erfolg: Mit Begeisterung und Ausdauer ans ZielZu Gast: Andreas Kambach, Geschäftsführer der Area9 Lyceum GmbH

Jun 1, 2023 • 40min
#157 Barbara Blaha – Die Folge für die Reichen und Schönen
Barbara Blaha, Leiterin des Momentum Instituts und Expertin für Ungleichheit, beleuchtet im Gespräch, wie Erbschaften in Mitteleuropa zur Vermögenskonzentration führen. Sie kritisiert die Tabuisierung von Geld sowie den Einfluss reicher Familien auf die Medienlandschaft und die öffentliche Meinung. Blaha erklärt, dass die zunehmende Ungleichheit eine Bedrohung für die Demokratie darstellt. Zudem regt sie an, über individuelle und kollektive Macht nachzudenken, um aktiv eine fairere Gesellschaft zu schaffen.

May 25, 2023 • 39min
#156 Klaus Wagenbauer – Nano-Roboter, die Krebszellen jagen
DNA-Origami, ein Bastelspaß der besonderen Art: Klaus Wagenbauer und sein Team von Plectonic Biotech sind in der Lage, DNA so zu falten, dass ein Nano-Roboter entsteht. Einmal in der Blutbahn unterwegs, findet er Krebszellen und verknüpft sie mit Immunzellen und sieht dem Krebs beim Sterben zu. Die Grundlagen dazu hat das Team an der TU München erforscht, das Startup wird in Kürze von SPRIN-D gefördert, der Bundesagentur für Sprunginnovationen.Zeigt her eure Venen: Wer würde sich Nano-Roboter spritzen lassen? Wer bei Corona-Impfungen schon Angst vor Genschäden hatte, bekommt hier ein ganz neues Level freigespielt. Dabei ist DNA letztlich auch nur eine Schrift, eine Möglichkeit, Informationen im Körper zu lesen und Botschaften zu überbringen, in diesem Fall: Das da, liebe Immunzelle, ist Krebs, mach deine Arbeit!Die besondere Fähigkeit der Roboter, an denen Plectonic arbeitet, ist die Identifikation der Krebszellen. Wo Chemotherapie heute eher wie eine Gießkanne wirkt, sollen die Nano-Roboter Präzision ermöglichen. Das ist bei ihrer Miniatur-Größe auch nötig: Ein Tausendstel eines menschlichen Haares sind die DNA-Konstruktionen groß. Selbst geschützt gegen die menschliche Immunabwehr und doch in der Lage, an wuchernden Krebszellen anzudocken.Noch stehen die klinischen Phasen aus, Klaus ist aber überzeugt: Mit DNA-Origami haben wir einen Weg gefunden, Krebs zu heilen. Wird uns das näher an ein unendliches Leben führen? Der Physiker Klaus fragt nüchtern: Wollen wir das? Lieber erst einmal das gegenwärtige Leid von Krebspatienten verringern.Zu Gast: Klaus Wagenbauer, Physiker und Co-Founder Plectonic Biotech

May 18, 2023 • 36min
#155 Martin Wittau – Alle können Circular, nur die Economy nicht
Die Natur kann Kreislaufwirtschaft - und kaum etwas anderes. Wohin wir schauen: Ein vermeintliches Ende ist stets der Anfang von etwas Neuem. Nur wir Menschen sind spätestens mit Ende der Industrialisierung auf lineares Denken, Arbeiten und Wirtschaften ausgerichtet. Quelle von Wohlstand und Entwicklung in der ersten Welt, ebenso wie der Klimakrise und weiterer Phänomene. Die Folge vom diesjährigen Future Camp unseres Instituts, erkennbar am Gezwitscher portugiesischer Mauersegler im Hintergrund. Mit einer Runde von Zukunftsforscher:innen und Expertinnen ziehen wir uns für die Woche in die portugiesischen Berge zurück und diskutieren ein zentrales Zukunftsthema. In diesem Jahr: Die Kreislaufwirtschaft. Mit dabei: Martin Wittau von der Bundesvereinigung Nachhaltigkeit. Im Gespräch mit Michael zeichnen sie das Zukunftsbild Circular Economy. Erste Erkenntnis: Der Begriff ist denkbar unklar. Mehr als Recycling, klar. Aber dann? Geht es um Ressourcenknappheit und deren Überwindung - also ein „Weiter so“ mit anderen Mitteln? Oder haben wir unsere planetaren Grenzen erreicht und brauchen eine grundlegendes Modell für Wirtschaft. In der Diskussion wurde schnell klar: Kreislaufwirtschaft taugt nicht als Begriff für Prozesse oder Technologien, Kreislaufwirtschaft beschreibt ein Verhalten wirtschaftlicher Akteure: kooperativ, partizipativ, vorsorgend. Der veränderte Umgang mit Material folgt diesen veränderten Verhalten. Zentral ist die Frage der Verantwortung für Material. Wie verhält sich ein Wirtschaftsunternehmen, dass die Versorgung aus den gängigen Quellen nicht mehr selbstverständlich gegeben ist? Warum stehen Verbraucher allein mit der Frage, wie Materialien in die Kreisläufe geleitet werden können, wenn die Waschmaschine es eines Tages nicht mehr tut? Es ist ein Kipp-Punkt hin zur Kreislaufwirtschaft. Sobald es günstiger und verlässlicher ist, Stahl aus Gebrauchtwagen zu gewinnen als aus Eisenerz, werden Automobilkonzerne großes Interesse entwickeln, Gebrauchtwagenaufkäufer zu werden und Recyclingkompetenzen aufzubauen. Die klare Prognose: Kreislaufwirtschaft kommt. Begonnen hat sie schon. Sie verbreitet sich immer dort, wo mehrere Akteure sich entscheiden, ihr Verhalten zu verändern. Spätestens zur Mitte des Jahrhunderts, so die Prognose des Future Camps 2023, wird Circular Economy zum Standard wirtschaftlichen Handelns. Und wer als Wirtschaft dann noch nicht zirkulär handeln kann, wird sich schwer tun. Zu Gast: Martin Wittau, Vizepräsident Bundesvereinigung Nachhaltigkeit e.V.

May 11, 2023 • 43min
#154 Lasse Rheingans – 4 Tage Arbeit ist auch genug
Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Wer hier nach kurzen Tagen schreit, hat offenbar noch Kapazitäten. Und ganz ehrlich: Wenn ich meine Leute nicht antreibe, dann kommen die nie auf Touren. So oder ähnlich klingen die Kündigungsgründe von der Stange. Und die Kulturen, die zu Burnouts führen. Lasse Rheingans kann die alle mitsprechen. Er hat seine nach ihm benannte Agentur schon vor Jahren auf den 5-Stunden-Arbeitstag umgestellt und sagt: Das kann man sinnvoll machen oder nicht. Richtig gemacht, bleibt die Produktivität hoch und es geht alles besser. Wenn die Menschen ihren psychologischen Rucksack nicht so voll packen, können sie auch auf der Arbeit mehr Werte schaffen.Der Wandel kommt und er kommt schnell. Spätestens durch den Wettbewerb. In den kommenden Jahren geht in Deutschland fast ein Viertel der Menschen, die heute arbeiten, vom Markt. Hoffentlich kommen die Roboter und intelligenten Algorithmen und nehmen uns möglichst viel Arbeit weg. Dennoch: Wer keinen Raum für den Menschen schafft, wird als Unternehmen den Kürzeren ziehen. Natürlich hat Arbeit Rahmenbedingungen, Unternehmen zielen auf Gewinn. Das ist ohnehin unstreitig. Aber wie wir dahin kommen, das ist eine Aushandlungssache. Genau dort kann Digitalisierung helfen. Welche Prozesse, die ohnehin niemand ausführen möchte, können wir mit KI automatisieren und uns selbst um Aufgaben kümmern, die besser, spannender sind? So können wir offen diskutieren, wie wir Arbeit besser machen. Wir schaffen die Dinge, die wir machen müssen, aber es ist angenehmer und es überfordert die Menschen nicht. Die zentrale Kompetenz, die Organisationen hierfür entwickeln müssen, ist das echte, tiefe Lernen. Was ist Agilität? Die Fähigkeit zu schnellerem Lernen. Was ist eine gute Fehlerkultur? Die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen. Wie entsteht eine Lernkultur? Sie wurzelt in Beziehungen. Die zu entwickeln, ist die Führungsaufgabe heute. Denn wir haben keine mehr, langsamer zu lernen. Das ganze Bild der Arbeit ist im Wandel. Das Soll-Bild ist nicht mehr der maschinengleiche Mensch, der von ganz früh bis ganz spät in einer Tour funktioniert. Auch Ruhe wird zum Soll-Zustand des Menschen in der Arbeit - und das ist das Ende der Gleichsetzung Mensch und Maschine. Lasse sagt: Wir müssen uns wirklich davon verabschieden, dass wir Menschen wie Maschinen in einen Takt drücken. Arbeit, die wir heute brauchen, setzt kreatives vernetztes Denken voraus, quasi Expertise mit Gefühl. Das können Maschinen nicht. Und wenn wir einmal dort sind, passieren auf einmal magische Dinge. Zu Gast: Lasse Rheingans, Unternehmer und Autor. Seine Agentur Rheingans hat schon 2017 den 5-Stunden-Tag als Vollzeitmodell eingeführt.

May 4, 2023 • 50min
#153 Norbert Hegmann & Thorsten Bausch – Gib mir meinen Supermarkt!
Da steht eine „Tante Enso“-Filiale im Dorf. Ein vollwertiger, scheinbar ganz normaler Supermarkt. Die erste Besonderheit: Er ist da. Wo „Tante Enso“ hingeht, haben sich alle anderen Lebensmittelgeschäfte längst zurückgezogen. Und alle anderen Geschäfte meist auch. Orte zwischen 1.000 und 3.000 Menschen. Zweite Besonderheit: Nach dem klassischen Ladenschluss kaufe ich halt digital ein. Vor Ort im Markt. Dritte und wahrscheinlich wichtigste Besonderheit: Der Markt folgt meinen Wünschen. Auf allen Ebenen. Und genau dafür wurde er erdacht und gebaut. Entwickelt haben das Prinzip „Tante Enso“ Norbert Hegmann und Thorsten Bausch. Sie leiten myEnso und sind im Podcast zu Gast.Warum können Norbert, Thorsten & Team das, woran alle anderen großen Lebensmittelketten scheitern? Sie sagen: Weil wir nicht aus der Branche sind – und weil wir konsequent den Menschen in den Mittelpunkt stellen. myEnso macht keine Marktforschung, um neue Kampagnen zu entwickeln. myEnsos Alltag ist im Grunde laufende Marktforschung. Eine permanente Feedbackschleife – mit „Wünsch Dir was!“-Button digital und analog im Laden. Passend dazu ist die Genossenschaftsstruktur. Wer „Tante Enso“ mag, kann nicht nur hier kaufen, sondern sich zum Teil machen und Gesellschafter werden. Angst vor Nachahmung haben Thorsten und Norbert kaum. Das, was im Grunde nicht kopierbar ist, ist die Haltung, mit der das Unternehmen seine Kette aufbaut. Und selbst wenn jemand käme, um dasselbe Prinzip im Bekleidungshandel oder anderen Branchen anzuwenden, würde es ja nur größer. Für die ersten 20 Märkte haben sie noch mehrere Jahre gebraucht. Weitere 40+ sind in der Pipeline und werden aktuell vorbereitet. In wenigen Jahren wollen sie 1.000 „Tante Enso“ in Deutschland stehen haben und die Marke als die vertrauenswürdigste in Deutschland etablieren. Im Grunde, so Thorsten und Norbert, sei doch ihr Ansatz der normale und naheliegende. Das zu etablieren und groß zu machen, dafür treten sie an. Das ist ihr „Next Big Thing“. Und dass sie das in die Welt bringen wollen, das haben sie bei der Gründung unterschrieben.Zu Gast: Norbert Hegmann & Thorsten Bausch, Gründer und Geschäftsführer von myEnso

Apr 27, 2023 • 45min
#152 Raphael Fellmer – Morgens, mittags, abends Steak?
Die Verschwendung von Lebensmitteln ist enorm. Die Hälfte aller Lebensmittel, die wir hier produzieren und importieren, wird nicht gegessen: Nicht geerntet, verdorben oder einfach entsorgt. Wer sich das bildlich vorstellen will: Ein LKW voller bester Lebensmittel, die wir wegwerfen – in jeder Minute. Raphael Fellmer ist Gründer und CEO des Berliner Impakt Startups SIRPLUS und nimmt sich dieses Themas an. SIRPLUS übernimmt Lebensmittel, die auf klassischen Wegen nicht mehr verkauft werden. Nicht normgerecht, nicht mehr lange genug haltbar oder einfach übrig geblieben. SIRPLUS bringt diese Lebensmittel wieder in den Kreislauf und versendet sie im eigenen Online-Shop. Aber warum verschwenden wir so viel Essen? Ein Faktor, sagt Raphael, ist der Preis. Lebensmittel sind im Vergleich in Deutschland sehr günstig. Viel günstiger als noch vor wenigen Jahrzehnten. Günstiger als zum Beispiel in Polen. Da werfen wir doch unbesorgt weg. Und kaufen ein neues Huhn, im Ganzen tiefgefroren, für gerade einmal vier Euro. Das kann nicht die Zukunft von Ernährung sein, so Raphael. Das ist kein angemessener Preis für ein ganzes Tier. Die wirklichen Kosten bildet es auch nicht ab, Stichwort Klima. Essen muss – und darf – deutlich teurer werden. Ein steigender CO2-Preis wird uns helfen, den Umgang mit Essen zu verändern. Die Krümmung von Gurken ist es jedenfalls nicht, was die Kund:innen davon abhält, die Verschwendung zu reduzieren. Raphael sagt: „Wir müssen zu dem Kreislauf kommen, in dem wir das, was wir produzieren, effektiv nutzen und uns in unserer Ernährung möglichst pflanzlich einstellen.“Die Zukunft des Handels von Lebensmittel wird online und digital sein. Sie muss dazu möglichst regional werden; das ist sie heute, auch bei SIRPLUS, nicht genug. Richtig aufgestellt, ist der Online-Handel auch nachhaltiger als die Versorgung über klassische Supermärkte auf der grünen Wiese vor der Stadt. Spätestens auf der Heimfahrt im SUV reißen wir die Klimabilanz traditioneller Lebensmittel. Zu Gast: Raphael Fellmer, Gründer und CEO des Food-Startups SIRPLUS

Apr 20, 2023 • 44min
#151 Sawsan Chebli – Digitaler Hass verletzt und tötet
Wir erleben eine humanitäre Krise und stehen mitten drin, vielfach ohne es zu realisieren. Diese humanitäre Kreise heißt: Digitaler Hass. Beleidigungen, Diffamierung, Belästigungen, Bedrohungen. Die Täter sind meist männlich. Dabei ist der Hater Täter und Spielfigur zugleich. Rechte Kräfte haben längst den Hass als Mittel identifiziert, um die Demokratie zu unterwandern und zu spalten. Und die großen Plattformen freuen sich über Emotion und Aufregung; das Geschäftsmodell läuft blendend. Sawsan Chebli ist Politikerin und Autorin. Unfreiwillig prominent durch das Maß an Hass, das sie online erlebt. Freiwillig prominent, weil sie sich offen dagegen zur Wehr setzt. Sie sagt: Viele Menschen sind noch zu weit weg von diesem Thema und können sich nicht vorstellen, was es bedeutet, jeden Tag dem Hass ausgesetzt zu sein. Sie zeigen Mitleid und gehen weiter. Das reicht nicht.Eine lautstarke Kritik von Sawsan: Viel zu oft wird Hass und Hetze im Internet als ein Nischenthema behandelt. Als wäre es ein Thema für Experten, die sich dessen in ihrer Nische annehmen müssten. Ein trügerischer Irrtum. Sawsan betont: Das geht alle in der Gesellschaft an. Hass verletzt und tötet, ob analog oder online.Wer sich zeigt, wer laut und sichtbar ist, setzt sich Hass und Hetze aus. Wer dann auch noch weiblich, migrantisch, feministisch, muslimisch ist, um so mehr. Die Konsequenz: Tatsächlich ziehen viele sich aus der Öffentlichkeit zurück Oder suchen sie gar nicht erst. Sawsan sagt: Das berührt den Kern unserer Demokratie. Wenn immer mehr Kräfte erkennen, wieviel Entfaltungsmöglichkeiten sie hier haben und wie stark sie die Gesellschaft destabilisieren können, dann sehe ich schwarz. Das ist die Dimension von Hass und Hetze online.Sawsan beschreibt die Lage ganz nüchtern. Ihre Inbox ist jeden Tag voll. Von zehn Mails ist eine positiv, zwei konstruktiv-kritisch - und der Rest beleidigend oder schlimmer. Wie bleibt man in einem solchen Dauerfeuer nüchtern und positiv? Sawsans drei Sätze sind: Die meinen nicht mich, sondern die Werte, für die ich stehe. Ein gutes Netzwerk gibt mir Halt. Positive Zuschriften sind so viel wertvoller.Zu Gast: Sawsan Chebli, Politikerin und Autorin. Buch: LAUT – Warum Hate Speech echte Gewalt ist und wie wir sie stoppen können.

Apr 13, 2023 • 45min
#150 Heike Specht – Zu erschöpft für die Wut
Wie wird das Urteil späterer Historiker:innen über die 20er Jahre ausfallen? Ein Jahrzehnt des Aufbruchs oder eines der Resignation? Ein Jahrzehnt, in dem die Menschen in Mitteleuropa endlich ihre Komfortzone verlassen haben? Oder doch die Zeit des großes Roll-Backs vieler Errungenschaften, an dessen Ende die alten weißen Männer die Gestaltungsmacht wieder vollständig in der Hand haben? Heike Specht ist Historikerin und Autorin. Ihr Bild ist ernst, aber fast trotzig positiv. Die Fakten sind soweit bekannt: Wir stapeln Krise auf Krise. Jüngere Generationen haben längst gemerkt, dass wir uns erheblich bewegen müssen. Viele Ältere reagieren mit Angst, die sie ohnehin haben – oder die von denen leicht zu schüren ist, die in der alten Welt am meisten profitieren. Im Ergebnis reißt das Internet ab, wenn Heike aus ihrer Wahlheimat Schweiz mit dem Zug nach Deutschland fährt. Ganztagsschulen? Tempolimit? Digitale Verwaltung? Schon der Blick aus dem Nachbarland wirft rätselnde Fragen auf: Was ist hier alles nicht passiert? Und warum?Warum ist der Aufschrei nicht lauter? Warum stampfen Frauen nicht mit beiden Füßen auf, wenn ihre Teilhabe an der Gesellschaft immer weiter in Frage gestellt wird? Was kommt dabei heraus, wenn wir wirklich aufarbeiten, was unsere Gesellschaft in der Pandemie Kindern und Jugendlichen zugemutet hat – und warum wir glaubten, damit durchzukommen? Wir sehen, wie es gerade Frauen sind, die sich um Kinder im Homeschooling und den Haushalt kümmern – im Unterschied zu den 70ern nebenbei allerdings noch Vollzeit in Zoom-Konferenzen arbeiten. Der Mann geht derweil wieder ins Office und schachert beim Bier nach Feierabend um den nächsten Karriereschritt. Warum kein Protest? Warum keine Wut? Heike diagnostiziert: Wandel ist anstrengend. Organisation ist anstrengend. Widerstand ist anstrengend. Und Erschöpfung rules.Jede:r Therapeut:in würde unserer Gesellschaft wohl zugestehen: Wer Wandel erlebt, braucht Zeit, um die Narben zu integrieren. Aber reicht das als Grund? Reicht das, auf die eigenen Kinder zu schauen und sich sicher zu sein, dass wir ihnen eine lebenswerte Welt übergeben? Oder vielleicht doch nicht zu oft darüber nachdenken? Der Druck ist jedenfalls auch an dem ganz handfesten Streit darum zu erkennen, wer denn eigentlich mitsprechen darf, wenn es um unsere Zukunft geht. In den USA, ebenso aber auch viel näher in Polen, werden Frauenrechte ebenso widerrufen wie die Rechte von Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung und zahlreicher weiterer Gruppen. Als wäre das Recht auf Teilhabe immer nur auf Zeit verliehen. Natürlich von denen, die immer Teilhabe für sich in Anspruch nehmen können. Was also hilft? Trotz allem: Reden. Dialog. Also ran. Zu Gast: Heike Specht, Historikerin, Autorin, Buch: Die Ersten ihrer Art

Apr 6, 2023 • 50min
#149 Tadzio Müller – Reset: Die Klimabewegung der Zukunft
Nur Rituale gemeinsamen Trauerns können uns handlungsfähig machen. Warum die Klimabewegung in der Verdrängungsgesellschaft scheitern muss.Tadzio Müller ist einer der Strategen der Klimabewegung und seit mehreren Jahrzehnten in sozialen Bewegungen aktiv, als Gründer, als Analyst, als Aktivist. Er sagt: Die Klimabewegung wird scheitern. So, wie sie heute aufgestellt ist, von FFF bis zur Letzten Generation, zielt sie auf eine rationale Diskussion. Unsere Gesellschaft ist aber nicht rational - und ihr Umgang mit der Klimakrise erst recht nicht. Der Einsatz für eine positive Zukunft angesichts der Klimakrise braucht daher andere Mittel, zuallererst Rituale gemeinsamen Trauerns. Tadzio Müller analysiert die bisherigen Strategien der Klimabewegung und ihre Wirkung auf Gesellschaft und Politik. Seine Argumentation ist diese: • Wir leben in einer Externalisierungsgesellschaft. Prägendes Merkmal unserer Rolle in der Klimakrise ist: Wir leben nicht über unsere Verhältnisse, sondern über die Verhältnisse anderer. Die Struktur unseres Handelns ist nicht „Nach uns die Sintflut“, vielmehr „Neben uns die Sintflut“. • Wir wissen um diesen Mechanismus. Die Fakten zur Klimakrise sind allesamt öffentlich und wir dürfen voraussetzen: Auch breit bekannt. • Wir wissen, dass wir von vielen liebgewordenen Elementen unseres Lebens werden Abschied nehmen müssen. Es fällt uns allerdings offensichtlich schwer, an unserem Verhalten etwas zu ändern. Die Gründe dafür sind vielfältig, reichen von Privilegien über Werte zu geübten Verhaltensweisen. Die Folge ist ein psychologischer Effekt, den wir immer wieder beobachten können: Werden wir von außen auf unser unangemessenes Verhalten hingewiesen, reagieren wir mit Schuld und Scham. Der psychologische Überbau der Externalisierungsgesellschaft ist die Verdrängungsgesellschaft. • Dies erklärt, warum alle Appelle an eine Veränderung von Verhalten scheitern und warum stets neue Informationen zur Dramatik der Klimaveränderungen nicht zu verändertem Verhalten führen. Es erklärt auch, warum das gemeinsame Element nahezu aller Sparten der Klimabewegung ins Leere läuft. Sie alle zielen darauf, die Kosten zu erhöhen: die politischen, wirtschaftlichen, persönlichen Kosten. Die Antwort ist nicht die rationale Verhaltensänderung, um die Kosten wieder zu senken, sondern: Verdrängung. • Ein verdrängendes Subjekt hat keinen Punkt, an dem es durch erhöhte Kosten zu einer Verhaltensveränderung gebracht werden kann. Darum muss die bisherige Klimabewegung scheitern. • Eine erfolgreichere Klimabewegung setzt bei den Gefühlen von Schuld und Scham an. Anstatt Verhalten (Schuld) oder Identitäten (Scham) abzuwerten und handelnde Subjekte in Frage zu stellen, muss sie Raum für Abschied bieten und zugleich Raum für die Anerkenntnis bieten, dass wir gute Menschen sind. Da 83 Mio. Menschen in Deutschland nicht gleichzeitig in Therapie gehen können, liegt der Ansatzpunkt bei den großen und vertrauenswürdigen Institutionen. Ihre Rolle muss es sein, Rituale des Trauern zu entwickeln und den Abschied von fossilen Lebensweisen zu orchestrieren. Rituale, die es der Gesellschaft zu ermöglichen, mit sich selbst in einen Dialog darüber zu treten, wie wir künftig leben wollen. Was wir brauchen, ist ein kollektiver Trauerprozess, denn wir werden weniger haben und müssen uns von der historische Ausnahmevorstellung lösen, dass wir immer mehr haben können. • Der künftige Klimadiskurs wird davon handeln: Bin ich ein guter Mensch oder nicht?• Auf diese Weise werden auch Mehrheiten entstehen, die es der Politik ermöglichen, Regelungen und Gesetze zu entwickeln, die zu einem wirksamen Klimaschutz führen und die der Dimension der Klimakrise strukturell angemessen sind. Hierin liegt die Rolle sozialer Bewegungen: Den Raum des Möglichen zu erweitern und zu verschieben.Zu Gast: Tadzio Müller, Aktivist für Klimagerechtigkeit, Politikwissenschaftler


