Carls Café

Michael Carl
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Aug 17, 2023 • 40min

#168 Marcel Fratzscher - Wohlstand statt Wachstum

Das waren doch gute Jahre. Viele gute Jahre. Warum sollten wir etwas verändern wollen? Können wir nicht einfach unsere Welt aus den 10er Jahren wiederhaben? Bitte? Marcel Fratzscher sagt: Seien wir ehrlich zu uns. Wir haben nicht die Wahl, ob wir uns verändern oder ob nicht. Wir können einzig entscheiden, ob wir unseren Wunsch nach Stabilität etwas zurückschrauben und unser Streben nach Perfektion gegen eine Trial&Error-Haltung auswechseln. Die Konsequenzen liegen auf der Hand: Andere Länder werden sich transformieren, allen voran China und die USA. Damit werden auch viele gute Jobs, Arbeit und Wohlstand abwandern. Letztlich müssen wir uns trotzdem transformieren, haben aber das Problem zwischenzeitlich noch vergrößert. Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Ein zentraler Gedanke, den wir im Podcast diskutieren: Es kann nicht mehr um reines Wachstum gehen. Wir brauchen eine neue Perspektive: Wohlstand. Wirtschaftswissenschaft und Politik sind viel zu sehr auf das Wachstum, das Bruttoinlandsprodukt fixiert. Allerdings betont Marcel, hier messe man ganz enges Feld, das herzlich wenig mit Wohlstand direkt zu tun hat. Dafür ist es einfach und damit verlockend. Einfache Botschaften, einfache Kennzahlen sind viel einfacher zu transportieren: „Wir müssen das Wachstum maximieren!“ Wohl wissend, dass das nicht das Ziel sein kann. Marcel verweist auf den Wiederaufbau im Ahrtal. Auf dem Papier ein gewaltiges Wirtschaftswachstum in der Region. Nur Wohlstand entsteht dabei nicht, wir laufen nur zerstörtem Wohlstand hinterher. Die Komplexität von Wohlstand macht es allerdings schwierig, sich der Frage zu stellen, was Menschen, Wirtschaft und Gesellschaft wirklich gut tut.  Marcel sieht die Wirtschaftswissenschaft hier in der Verantwortung. Seiner Beobachtung nach wird sie dieser nicht ausreichend gerecht. Viel zu oft hängt sie noch an den alten Konzepten von Wachstum und Produktion – als wäre die Verteilung des Kuchens völlig egal, als stehe nur die Maximierung im Vordergrund. Da hat sich die internationale Forschung auch verändert und Deutschland eher hinten dran. Er sagt: Wir müssen die Menschen stärker involvieren, da müssen wir auch in der Wissenschaft besser werden. Seine Sorge: Wir werden scheitern, wenn wir die Menschen nicht mitnehmen. Scheitern bei allen großen Veränderungen, beim Klimaschutz, bei der Digitalisierung, wenn es uns nicht gelingt, soziale Akzeptanz zu schaffen. Beispiel Klimageld: Die Bundesregierung hat den CO2-Preis eingeführt und versprochen, die Einnahmen vollständig an die Bevölkerung zurückzugeben. Passiert aber nicht. Wir haben kaum Zeit für die Veränderung, brauchen schnelle Entscheidungen und Umsetzungen - und wenn die Menschen nicht mitmachen, werden diese Prozesse in einer Demokratie nicht gelingen. Hier kritisiert Marcel die Politik insgesamt: Sie vergisst die Menschen, vor allem diejenigen, die von Veränderungen wie der Inflation am stärksten betroffen sind und am wenigsten davor schützen können. Stattdessen schützt die Politik oft einzelne Unternehmen, subventioniert sie, päppelt sie durch, damit wir bloß so weitermachen können wie früher. Das ist kontraproduktiv. Denn auch die Wirtschaft braucht Veränderung. Eine Wirtschaft kann nur erfolgreich sein, wenn sie auch kreative Zerstörung zulässt. Es muss etwas verschwinden, damit etwas neues entstehen kann, auch neue Unternehmen. Insofern sind auch Insolvenzen notwendig, damit neue Ideen ihren Platz finden. Marcel formuliert seine Sorge: Da sind wir aber noch nicht. Unser Denken ist immer noch: Wir müssen das Alte zementieren.  Zu Gast: Marcel Fratzscher, Wissenschaftler, Autor und Kolumnist zu wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Themen, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin. 
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Aug 10, 2023 • 41min

#167 Dirk Rosomm – 1% Transformation am Tag, bitte!

Der Klassiker: Alle schreien nach Transformation und Entwicklung. Die Kekse beim Kickoff schmecken noch – und dann kickt der Alltag rein. Alle Beteiligten sind ohnehin ausgelastet. Die anderen Projekte hängen auch schon. Und schon schleichen wir uns langsam wieder auf der Transformation heraus, damit wir nicht einmal selber merken, dass wir es erneut nicht voll auf die Straße bringen. Dirk Rosomm hat sich auf das Thema Transformation spezialisiert und berät Großkonzerne mit mehreren 100.000 Mitarbeiter:innen. Er sieht mehr als 70% Transformationsprojekte scheitern. Dabei könnte es gehen.Schritt 1: Wir brauchen Mut zum Realismus. Was sind erste realistische Zwischenziele, die wir uns zutrauen? Welches sind die ersten Experimente, anschließend lernen wir neu. Das ist dann unter Umständen nicht mehr der fancy new shit von den bunten Beraterfolien …. Dafür passiert aber etwas. Dirks Rat: Gerade wenn wir weit springen wollen, wenn wir Denken und Handeln der Organisation grundlegend verändern wollen, dann sollten wir auf viele kleine Schritte setzen. 1% Transformation und das jeden Tag. Wo stehen wir dann nach einem Jahr?Das Nadelöhr für alle Transformation- und Entwicklungsthemen, sagt Dirk, ist die Veränderungsfähigkeit von Menschen. Wer Verantwortung für Transformation trägt, muss daher Experte für Verhaltenspsychologie sein – oder schleunigst werden. Überhaupt: Der Werkzeugkoffer für Veränderung darf bitte gut gefüllt sein. Jede gute, neue Idee stört. Wer keine Instrumente hat, um zu erkennen, welche Anteile hier reagieren, welche Mitglieder des inneren Teams getriggert werden, wird die Störung kaum integrieren können - und im Ergebnis auch die Veränderung nicht lieben.So wird auch das Gerede von einer Fehlerkultur obsolet. Wer will Fehler? Das können wir uns immer wieder schönreden, aber niemand will Fehler. Dirks Erfahrung: Die Kaskade geht von Veränderung über Lernen zu Fehlern. Wer Veränderungen will und liebt, wird lernen wollen und daher auch konstruktiv mit Fehlern umgehen können. Der Nagel in der Wand ist aber nicht der Fehler, sondern die Veränderung.Zu Gast: Dirk Rosomm, Mr. Transformation und dein Reiseführer in die Zukunft
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Aug 3, 2023 • 47min

#166 Oliver Rautenberg – Die Folge mit den Kackhörnchen

Glaube doch bitte jede:r, was er oder sie mag. Die Gedanken sind frei, die Religion ohnehin und wer mit Dung gefüllte Kuhhörner im Acker vergraben möchte, soll es doch tun - wo ist also das Problem? Eine Folge über die Anthroposophie und zugleich ein Lehrstück darüber, wie leicht wir als Gesellschaft gewillt sind, alle Wissenschaft und alles kritische Denken fahren zu lassen. Zu Gast in dieser Folge ist Oliver Rautenberg, Journalist und Blogger, bekannt als „Der AnthroBlogger“. Anthroposophie begegnet uns in Waldorfschulen (wenig überraschend), in der Ernährung (schon überraschender) und in der Medizin (in der Medizin?!?). Ausgedacht hat sie der „Universalscharlatan“ und Hauslehrer Rudolf Steiner. Ein paar Fakten über Anthroposophie: Waldorfpädagogik ist nichts als eine Erfindung im Auftrag eines Zigarettenmagnaten. Waldorfschulen lehren Esoterik und Wissenschaft unterschiedlos nebeneinander. Ein Grundidee: Wir alle sind Wiedergeborene - allerdings ist der Prozess bei der Geburt noch nicht abgeschlossen. In 7-Jahres-Schritten erhalten Menschen Zeit ihres Lebens neue Körperhüllen. Danach bemisst sich, was ein junger Mensch kennt - und kennen darf. Fakten zum Beispiel seien in den ersten beiden Jahrsiebten schädlich. Anthroposophie ist damit auch eine Erziehung zur Unmündigkeit, die Kinder bewusst vor Fakten schützen will. Fakten erst ab 14.Auch schön: Jedes Kind vollzieht mit seiner Entwicklung die Entwicklung der Menschheit noch einmal nach. Dank Rudolf Steiner wissen wir: Mit zehn Jahren ist das Kind gerade ein Germane. Entsprechend sind bei den Zehnjährigen die Germanen dran. Anschließend Römer. Ist das den Schüler:innen transparent? Vorsicht bei Fakten im zweiten Jahrsiebt…Kaum sinnvoller in der Medizin: Apotheken verkaufen Mittel, die keinerlei Wirknachweis erbringen mussten (und es auch gar nicht könnten) - an Menschen, die glauben, dass ihnen das hilft. Damit veredeln Apotheken Pseudomedizin. Und Krankenkassen zahlen die Party. Man gehe einmal durch eine durchschnittliche Apotheke und suche zwischen Dr. Hauschka und Weleda die Hinweise auf anthroposophische Wurzeln. Ein erstaunliches Bild. Es gibt eine Linie nach rechts: Waldorfschulen - Impfskeptiker - Querdenker … und weiter. In der Pandemie waren etliche Waldorfschulen regelrechte Corona-Zentren. Möglicherweise noch schwerwiegender: Eines von 1.000 Kindern, das an Masern erkrankt, stirbt an der Krankheit. Kinder an Waldorfschulen haben ein 50fach erhöhtes Risiko, sich mit Masern anzustecken. Wer Mathematik nicht auf einer Waldorfschule gelernt hat, hat deutlich bessere Chancen auszurechnen, was das bedeutet. Die Anthroposophie neigt zu der Einordnung, Krankheit sei wichtig für die Entwicklung, also nützlich. Vielfach auch noch eine Art Restschuld aus früheren Leben, der Kranke also selber schuld. Was machen dann anthroposophische Krankenhäuser anderes als Medizin?Und dann ist da die Sache mit KackhörnchenWer ein „Demeter“-Siegel für seine Produkte haben möchte, muss (!) im Herbst mit Dung gefüllte Kuhhörner im Boden vergraben. Diese fungieren als Antennen und sammeln über den Winter kosmische Energie. Im Frühjahr werden die Hörner ausgegraben, der kosmisch aufgeladene Dung homöopathisch gestreckt, bis kein Dung mehr messbar ist, und das ganze dann auf dem Feld ausgebracht. Demeter nennt das biodynamische Landwirtschaft und kontrolliert das. Und könnte man das noch weglächeln, die Weigerung, Tiere zu Impfen oder anders als homöopathisch zu behandeln, verursacht echtes und vermeidbares Tierleid. Warum das Ganze ein Lehrstück ist? Es scheint, das Unbehagen mit Wissenschaft und Entwicklung ist so groß, dass auch noch die obskursten Alternativen eine gewisse Attraktivität entwickeln. Was wir im Kontext der Anthroposophie sehen, ist kein harmloser Blödsinn, sondern gefährlich, so Oliver. Er plädiert für mehr Grau zwischen Schwarz und Weiß. Brauchen wir eine andere Landwirtschaft, Pädagogik, Medizin? Sicher. Allerdings eine Landwirtschaft die uns Menschen nährt, eine Pädagogik, die Kinder ernst nimmt und in die Lage versetzt, sich in unserer Welt selbstbewusst zu bewegen, und eine Medizin, die den ganzen Menschen in den Blick nimmt. Zu Gast: Oliver Rautenberg, der "AnthroBlogger", Freier Journalist und PodcasterOlivers Blog: https://anthroposophie.home.blogOlivers Podcast: https://waldorfsalat.letscast.fm
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Jul 27, 2023 • 39min

#165 Jonathan Roberz – Proteine aus dem Bakterienreaktor

Es arbeitet im metallischen Zylinder. Bakterien verarbeiten das, was in der Landwirtschaft übrig geblieben ist. Nebenströme vom Feld, also die Biomasse, die ohnehin anfällt und bislang nicht genutzt wird. Es entstehen Proteine, Bausteine für die Nahrung von Zuchttieren, Haustieren und später einmal auch direkt von uns Menschen. Entwickelt hat das Verfahren MicroHarvest, ein Food-Startup aus Hamburg. Jonathan Roberz ist einer der Gründer. Er sagt: Noch in diesem Jahr wird MicroHarvest mit dem ersten Produkt in nennenswerten Mengen auf den Markt gehen. Perspektivisch will MicroHarvest im Weltmaßstab produzieren. Und perspektivisch bedeutet: Noch in diesem Jahrzehnt.Der Bedarf an Proteinen wächst. Schnell und deutlich. Gleichzeitig sind unsere üblichen Wege, Proteine zu erzeugen vor allem eines, nämlich unglaublich ineffizient. Das ist noch recht bekannt. Ebenso gravierend, allerdings nicht so stark im öffentlichen Bewusstsein: Unsere Art, Lebensmittel und vor allem Proteine zu erzeugen, ist eine wesentliche Quelle von Treibhausgasen. 25% der weltweiten Emissionen stehen im Kontext der Lebensmittelproduktion. Wenn wir die Klimakrise tatsächlich bremsen wollen, kommen wir gar nicht umhin, Lebensmittelproduktion komplett neu zu denken. Jonathan sagt: Wir brauchen die größte Agrar-Revolution seit 12.000 Jahren, seitdem die Menschheit begonnen hat, sich seßhaft zu machen und Felder zu bestellen. Sind Bakterienproteine eigentlich vegan? Jedenfalls enthält jedes vegane Lebensmittel große Mengen an Bakterien, ebenso wie unser Körper ohnehin. Jonathan ist als Ingenieur aus der Automobil- und Luftfahrtindustrie in die Lebensmittelwelt eingestiegen. Sein Thema: Wie kann ich eine gute Idee so groß machen, dass nicht mal ein wenig Protein entsteht, sondern hunderte Kilo-Tonnen. Er sagt: Der Aufwand lohnt sich: Auf der Fläche eines Fußballfelds kann MicroHarvest täglich die Proteinmenge von 1350 Hühnchen erzeugen. Auch wollte man die entsprechende Menge mit Soja erzeugen, bräuchte es ein Vielfaches der Fläche. Die wir nicht haben. MicroHarvest sieht dabei die unterschiedlichen Quellen nicht in Konkurrenz zueinander. Jonathan betont: Die Aufgabe ist derart groß, dass wir alle Optionen gleichzeitig ziehen müssen. Zu Gast: Jonathan Roberz, Co-Founder und COO, MicroHarvest
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Jul 20, 2023 • 51min

#164 Torsten Schreiber – Strom für Afrika

Der Podcast geht auf Reisen, zumindest im Gespräch. Reisebegleitung ist Torsten Schreiber, Gründer und Kopf von Africa GreenTec. Dieses Unternehmen schließt Dörfer im Sahel an das Stromnetz an. Der Sahel-Streifen zieht sich vom Senegal im Westen über Mali und den Niger in den Osten. Hierhin liefert Torsten einen Container, einen sogenannten Solartainer. Der enthält die gesamte Technik, die notwendig ist, um Strom zu erzeugen und in ein lokales Netz einzuspeisen. Torsten kommt nicht als Spender; er kommt als Unternehmer. Die Anlagen sind Investments, keine Spenden - und der Strom wird verkauft, nicht verschenkt. Torstens Ziel ist: Nicht weitere Industrieruinen in Afrika hinterlassen, sondern Infrastruktur aufbauen und selber betreiben. Bislang geht das Konzept auf, alle Anlagen von Africa GreenTec sind produktiv. Nur aus dem Tschad musste Africa GreenTec sich wieder zurückziehen. Dort war Africa GreenTec aktiv, bevor Mitarbeiter:innen bedroht wurden und das Equipment beschädigt worden war. Hier machten Unruhen die weitere Arbeit unmöglich.  Und dann ist auf einmal Strom im Dorf. Was dann geht: Licht? Ja. Radio? Ja. Aber vor allem: Menschen entwickeln ihre Profession sprunghaft in die Gegenwart. Der Hufschmied wird Schlosser, der Schneider arbeitet erstmals mit einer elektrischen Nähmaschine, der Landwirt kann neue Maschinen einsetzen und erreicht einen ungleich höheren Wirkungsgrad seiner Arbeit. Die Berufe sahen eben noch aus wie im Mittelalter, jetzt sind sie in der Moderne. Mangos werden nicht nur angebaut, sondern auch gleich verarbeitet, verpackt und verschickt. So entsteht eine viel höhere Wertschöpfung direkt vor Ort. Drei Millionen Menschen an das Stromnetz anschließen, so ist das Ziel. Für eine Fernsehdokumentation wurden Torsten und seine Frau nach ihren Zielen gefragt. Mehr oder weniger spontan entstand die Vorgabe: Für jedes unserer drei Kinder schließen wir eine Million Menschen an das Stromnetz an. Torsten ist optimistisch, dieses Ziel auch zu erreichen. Bei allem Ehrgeiz: Sind sie damit nicht viel zu klein im Spiel der Konzerne und nationalen Interessen? Torsten beantwortet die Frage auf einer sehr persönlichen Ebene: Sein Unternehmen sei aus der spirituellen Verbindung zwischen seiner Frau und ihm entstanden. Auf dieser Ebene könne kein Konzern der Welt Konkurrenz sein. Zu Gast: Torsten Schreiber, Founder & CEO – Africa GreenTec
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Jul 13, 2023 • 37min

#163 Anja Mutschler – Final Call: Transformation

Das „Weiter so!“ Ist radikal. Hier steigen Anja und Michael in die Diskussion über Transformation und Innovation ein. Anja Mutschler ist Gründerin und CEO von 20blue, Michael ist Zukunftsforscher und Gründer seines Instituts. Beide eint die Überzeugung: Angesichts unserer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen haben wir keine Wahl als zu transformieren. Es gibt keine neutrale Ecke, kein schlichtes Beharren auf dem Vertrauten. Die Vorstellung, wir hätten überhaupt die Option, uns nicht zu verändern, ist trügerisch. Die Transformation ist das Normale - so normal, dass wir eigentlich aufhören könnten, diesen Begriff zu verwenden.Wie aber kommen wir zu Transformation? Die Vernunft, das Wissen allein reichen nicht. Die Ratio entscheidet über das Wie des Handelns, aber kaum über das Ob. Das nach Michaels Einschätzung beste Buch zu Change und Wandel - das darüber hinaus noch wirklich gut lesbar ist - kommt von zwei Amerikanern und heißt „Switch“. Darin findet sich das wunderbare Bild des Elefanten: Unsere emotionale Seite ist wie ein Elefant, die Vernunft ist der kleine Reiter oben drauf. Den Elefanten auf einen neuen Weg zu bringen, ist für ihn anstrengend und der Erfolg immer nur von kurzer Dauer. Wollen wir den Elefanten, den Reiter und den Pfad verändern, braucht es anderes als Appelle und nüchternes Wissen.Zentral ist auch die Sprache, im unternehmerischen Wandel ebenso wie im gesellschaftlichen. Auch hier zieht das Beispiel der Klimakrise. Wonach wir streben sollten, ist nicht Klimaschutz. Das Klima hat weder Willen noch Empfinden, dem Klima ist seine Entwicklung gleichgültig. Wir schützen auch nicht Umwelt oder Globus. Was wir hingegen schützen müssen, sind wir selbst, ist unsere Zivilisation. Und sprechen wir von Zivilisationsschutz, ist sofort klarer, was und wer gemeint ist, sind Ziel und Verantwortung benannt. Auch hier: Es gibt keine neutrale Ecke, Worte beinhalten Verantwortung. Wir brauchen eine neue Vorstellung von Dauer und Stabilität. Ein Gedankenexperiment: Was, wenn wir Ehen nicht auf Dauer schließen würden, sondern auf Zeit? Was, wenn es völlig normal und erwartbar wäre, dass eine Ehe nach zehn Jahren einfach endet, ohne weiteres Zutun, einfach automatisch. Wiederholung möglich, aber nicht zwingend. Niemals würden Menschen sich auf eine finanzielle Situation einlassen, wie sie heute normal ist: Die einen stark bevorteilt und eine stark benachteiligt. Das würde schlichtweg niemand akzeptieren.Das von Michael erwähnte Buch:Chip & Dan Heath: Switch: How to change things when change is hard, Random House BusinessAuf deutsch: Switch: Veränderungen wagen und dadurch gewinnen! Fischer Taschenbuch.Zu Gast: Anja Mutschler, Founder 20blue, Podcaster 20blue hour, Lecturer, Speaker, Art Afficionada, 2. Vorsitzende LV DJV Sachsen
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Jul 6, 2023 • 37min

#162 Sebastian Klein – Die wachsende Ungleichheit ist kollektiver Selbstmord

Sebastian Klein, Psychologe und Mitbegründer von 'Neue Narrative', beleuchtet die tiefen Gräben zwischen Arm und Reich. Er argumentiert, dass wachsende Ungleichheit nicht nur moralisch bedenklich, sondern eine Überlebensfrage für unsere Zivilisation darstellt. In der Diskussion wird auch die Idee des verantwortungsvollen Eigentums thematisiert. Sebastian hinterfragt gängige Narrative wie die Vermögensweitergabe an Kinder und betont die Bedeutung von Gemeinschaft und Altruismus für ein erfülltes Leben.
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Jun 29, 2023 • 30min

#161 Jeremy Bartosiak-Jentys – The end of sugar is nigh

Nimm den Zucker aus der Nahrung, ersetze ihn duch etwas leichteres, gesünderes, ökologischeres. In Getränken funktioniert das schon lange, in fester Nahrung bislang nicht. Jeremy Bartosiak-Jentys von Supplant aus Cambridge/UK sagt: In Lebensmitteln hat Zucker gleich eine ganze Reihe von Funktionen außer der Süße: Zucker ist Masse, gibt Struktur, beeinflusst die chemischen Prozesse bei der Zubereitung. Zucker ließ sich bislang nur durch Zucker ersetzen. Jeremy ist Chief Scientific Officer bei Supplant. Sie sagen: Wir haben einen Zuckerersatz entwickelt, der sich verhält wie Zucker - allerdings keiner ist.Supplants Nicht-Zucker enthält nicht nur erheblich weniger Kalorien als klassischer Zucker und verursacht auch nicht den von Zucker vertrauten sprunghaften Anstieg des Blutzuckerspiegels. Die neuartige Zutat verhält sich wie ein Ballaststoff - weil es im Kern auch genau daraus besteht. Das führt zu einem doppelten Effekt: Wir könnten Zucker in Lebensmitteln ersetzen - und nutzen gleichzeitig Nebenströme der landwirtschaftlichen Produktion, die ansonsten auf dem Feld verrotten würden: Halme, Fasern, das innere von Maiskolben, etc. Damit ist auch die ökologische Bilanz eine ganz andere: Der Zusatzbedarf an Wasser, Dünger, Land ist um Größenordnungen geringer als bei herkömmlichem Zucker.Zahllos sind die Publikationen, die uns vor zuviel Zucker warnen. Programme von Ministerien, Gesundheitsinstitutionen, Krankenkassen, Verbänden. So wie wir Zucker derzeit in westlichen Gesellschaften nutzen, richtet er durchaus erheblichen Schaden an der Gesundheit der Bevölkerungen an. Da müsste eine Technologie, die den Zucker 1:1 ersetzen kann, doch wie gerufen kommen. Die Antwort der EU: Wir haben hier eine großartige „Novel Food“-Verordnung. Wer darunter fällt, kann eine Zulassung beantragen. Der Prozess dauert im besten Fall zwei Jahre, gerne auch länger. Teuer ist er auch. Die Antwort von Startups wie Supplant: Dann suchen wir unsere Märkte anderswo. Wer Produkte mit Supplants Nicht-Zucker kaufen will, muss in die USA. Was als Schutz vor unsicheren neuartigen Lebensmitteln gedacht ist, verhindert den sicheren Ersatz von unsicheren, geradezu schädlichen vertrauten Lebensmitteln. Eine Absurdität.Auf dem Weg vom heimischen Labor zur Produktion im Industriemaßstab ist Supplant ungefähr bei einem Drittel der Strecke. Auch wenn sie bereits im Tonnen-Maßstab produzieren, jede durchschnittliche Zuckerfabrik liegt um den Faktor tausend darüber. Noch. Zu Gast: Dr. Jeremy Bartosiak-Jentys, Chief Scientific Officer, Supplant---------------------------------------------------Take the sugar out of food, replace it with something lighter, healthier, more ecological. This has worked in beverages for a long time, but not in solid food. Jeremy Bartosiak-Jentys from Supplant in Cambridge/UK says: In food, sugar has a whole range of functions apart from sweetness: sugar is mass, gives structure, influences the chemical processes during preparation. Until now, sugar could only be replaced by sugar. Jeremy is chief scientific officer at Supplant. They say: We have developed a sugar substitute that behaves like sugar - but is not sugar.Supplant's non-sugar ingredient not only contains significantly fewer calories than conventional sugar, but also does not cause the sudden rise in blood glucose levels familiar from sugar. The novel ingredient behaves like a dietary fiber - because that's exactly what it is at its core. This leads to a double effect: we could replace sugar in food - and at the same time use side streams of agricultural production that would otherwise rot in the fields: Stalks, fibers, the inside of corn cobs, etc. As a result, the ecological balance is also quite different: The additional demand for water, fertilizer, land is orders of magnitude lower than for conventional sugar.There are countless publications warning us against too much sugar. Programs from ministries, health institutions, health insurance companies, associations. The way we currently use sugar in Western societies, it is definitely causing considerable damage to the health of populations. A technology that can replace sugar on a 1:1 basis should come in handy. The EU's answer: We have a great "Novel Food" regulation here. Anyone who falls under it can apply for approval. The process takes two years at best, or even longer. It is also expensive. The response from startups like Supplant: Then we look for our markets elsewhere. Anyone who wants to buy products with Supplant's non-sugar has to go to the USA. What is meant to protect against unsafe novel foods prevents the safe replacement of unsafe, downright harmful familiar foods. An absurdity.On the road from home lab to industrial-scale production, Supplant is about a third of the way there. Even though they are already producing on a ton scale, any average sugar factory is a factor of a thousand beyond that. Still. Guest: Dr. Jeremy Bartosiak-Jentys, Chief Scientific Officer, Supplant
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Jun 22, 2023 • 42min

#160 Felix Ekardt – Warum der Wandel eben doch bei uns selbst anfängt (und das eine gute Nachricht ist)

Eine Grundfrage unserer Diskussionen über Zukunft: Wenn wir über diese unsere Zukunft streiten, um sie zu gestalten, dann sollten wir auch in der Lage sein, uns zu verändern, als Einzelne oder als Gesellschaft. Sonst bleibt die Zukunft ein Traum. Aber können wir das: Uns verändern? Natürlich, es gibt ihn ja. Sagt Felix Ekardt. Er ist Jurist, Philosoph, Soziologe, leitet die „Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik“ in Leipzig und ist Professor an der Universität Rostock.Was treibt Menschen zum Wandel? Felix sagt: Wandel geschieht im Wechselspiel, nie allein. Man versteht ihn am besten, wenn man nicht „den Kapitalismus“ oder „die Politik“ betrachtet, sondern konkrete Menschen: Den Unternehmer, der etwas verkaufen will. Die Politikerin, die wiedergewählt werden möchte. Die Familie, die ein angenehmes Leben haben will.Faktenwissen und Werthaltungen helfen alleine wenig. Fakten sind wichtig für den Wandel, aber in ihrer Wirkung dramatisch überschätzt. Die Fakten in unserem Kopf, ebenso wie die Werthaltungen, die uns leiten, passen sich an unsere anderen Motive an. Bei schlauen wie bei weniger schlauen Menschen. Und die anderen Motive sind: kurzfristiger Eigennutz, Pfadabhängigkeiten, das gemeinsame Bild von Gut und Richtig, und noch wichtiger: Unser Bild von Normalität. Dreimal im Jahr Urlaub? Schönes großes Haus? SUV vor der Tür und übers Wochenende nach Barcelona? Wenn ich einmal dieses Einfamilienhaus vor den Toren der Stadt habe, soll ich dann auf einmal nicht mehr mit Auto hinfahren? Das prägt unsere Entscheidungen, unabhängig von unserem Wissen über den Klimawandel.Wandel gelingt, wenn man diese Motive in Bewegung bringt. Wohlstand und großer Fußabdruck korrelieren. Da kommen wir mit Wissen nicht ran. Wir sehen, dass wir Teil einer tödlichen Praxis sind - und das verdrängen wir. Wir müssen die Vorstellung von Normalität in Bewegung bringen, Emotionalität ernst nehmen, Verdrängungsprozesse abschneiden, sagt Felix.Dabei sind wir alle relevant. Wir treffen Entscheidungen, Jeder und jede von uns. Jeden Tag. Damit sind wir Vorbilder auf die eine oder die andere Weise. Menschen sind Nachmacher. Darum ist für einen Wandel angesichts der Klimakrise entscheidend, dass viel mehr Leute radikal ökologisch handeln. Ja, wir brauchen eine andere Politik, einen Emissionshandel, reduzierte Tierhaltung, … aber alles das fällt erst vom Himmel, wenn Politiker wissen, dass sie dafür nicht abgewählt werden.Wir schonen uns alle viel zu sehr. Viel zu viele Menschen denken, dass ein „weiter so“ als Option immer noch auf dem Tisch wäre. Wir müssen nüchtern benennen, dass Klimawandel viel teurer, militärischer, unsicherer wird als eine angemessene Klimapolitik. Und wir können auch benennen, welche Vorteile ein anderes ökologisches Handeln mit sich bringt.Zu Gast: Prof. Dr. Dr. Felix Ekardt, Jurist, Philosoph und Soziologe, Professor an der Uni Rostock, Gründer und Leiter der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin
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Jun 15, 2023 • 35min

#159 Lea Dohm – Wut, Mut und Nähe: 3 Schlüssel zur Klimakrise

Lea Dohm, Diplom-Psychologin und Mitbegründerin von Psychologists4Future, diskutiert die psychologischen Aspekte der Klimakrise. Sie erklärt, dass Wissen allein nicht zu Veränderungen führt und betont die Bedeutung von Beziehungen in der Klimakommunikation. Lea thematisiert soziale Kipppunkte wie Fridays for Future und die Rolle von Kunst und Trauerritualen im Verarbeitungsprozess. Zudem warnt sie vor der begrenzten Zeit für notwendige Veränderungen und hebt hervor, dass Gemeinschaft und Emotionen entscheidend für Engagement und Resilienz sind.

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