Carls Café

Michael Carl
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Oct 26, 2023 • 43min

#178 Nella Allami – Heute schon getrollt worden?

Twitter auf: Wer blökt denn da schon wieder herum? Twitter zu. Geht unsere digitale Kommunikation gerade richtig vor die Hunde? Wo man hinschaut, Trolle, Beleidigungen, Fake-News, Gift und Galle, so scheint es. N3ll4 sagt: Ja, es ist eine riesige Herausforderung, eine positive Kommunikation im Netz aufrecht zu erhalten. N3ll4 ist Expertin für Cybersecurity und Hackerin.N3ll4 warnt vor zwei Fallen. Zum einen: Nicht alles, was nervt und stört, ist Teil einer Trollarmee. Die gibt es, das können wir teils in Putins Umfeld zurückverfolgen. Das kennen wir aber auch schon vom Cambridge Analytica und Trump erstem Präsidentschaftswahlkampf. Dazu kommen aber die allgemeinen Trolle. Menschen, die gezielt mit Emotionen und Triggerpunkten spielen. Vielfach damit Diskussionen heraufbeschwören wollen, die weh tun, aber uns auch etwas aufzeigen können. Diese Effekte sind sesshafter geworden in sozialen Medien, präsenter. Die meisten Nerds waren selbst Teil einer Trollstruktur. N3ll4 nimmt sich da bewusst nicht aus.N3ll4 betont, dass die Netzkultur Trolle aushalten können muss, solange sie von der Meinungsfreiheit gedeckt sind. Fake-News, verfasungsfeindliche Symbole gehen gar nicht. Aber sonst müssen wir es aushalten. Denn was wäre die Alternative: Keiner von uns profitiert davon, wenn Gesetze es einschränken, wie wir uns im Netz präsentieren. Und damit sind wir bei der zweiten Falle, vor der N3ll4 warnt. Wir dürfen nicht in die Falle tappen, die Politik sei vorrangig verantwortlich dafür, dass es uns auf digitalen Plattformen gut geht. Die Politik hat ihre Rolle, aber die größte Verantwortung liegt bei Plattformbetreibern.Wie gehen wir dann mit Plattformversagen um? Letztlich muss jede:r selbst entscheiden, was akzeptabel ist und was nicht mehr, so N3ll4. Aktuell sehen wir einen überschaubaren, aber deutlich merkbaren Exodus von Twitter (manche nennen es X) zu Bluesky. Womit wir uns nach ihrer Einschätzung auf Dauer keinen Gefallen tun, ist, wenn wir nur noch mit denen sprechen, mit denen wir einer Meinung sind. Wir dürfen Personengruppen nicht ausgrenzen. Das schadet dem Diskurs und damit uns allen.Was aber, wenn alle Grenzen überschritten werden? N3ll4 hatte eine Rolle in der Geschichte um die Ärztin Lisa-Maria Kellermayer und ihren tragischen Tod. Eine komplizierte Geschichte. Die Ärztin und ihr Team waren vielfach bedroht worden, bis Kellermayer keinen Ausweg mehr sah. Die Behörden waren eingeschaltet und haben das Opfer vor allem der Lächerlichkeit preisgegeben, anstatt forensisch tätig zu werden. Der Täter ist bis heute nicht identifiziert. Die Gruppe ist eingegrenzt, der Provider hat die Daten gesichert - und die Behörden haben bis heute nicht einmal nachgefragt und um die Daten gebeten. Die Identifikation der Täter wäre, so N3ll4, sehr kompliziert, aber eben möglich.Ist das nun das Scheitern von Kommunikation? Wir müssen wachsen und daraus lernen. Wir müssen uns weiterentwickeln. Wir müssen erkennen, dass wir hier ein Thema haben und etwas tun. Resignation gilt nicht.Zu Gast: N3ll4 (Ornella Allami) Expertin für Cybersecurity und Hackerin. Täter finden, identifizieren, überführen unter: www.n3ll4.de
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Oct 19, 2023 • 44min

#177 Jan Skudlarek – Verhältnismäßig anständig

Eine WG. Eine ziemlich große Wohngemeinschaft, das sind wir Menschen auf dem Planeten. So beschreibt der Philosoph und Autor Jan Skudlarek unser menschliches Miteinander: Gelegentlich Streit, unterschiedliche Erwartungen an Reinlichkeit und Ordnungsgrad, immer neue Putzregeln und häufiger Redebedarf. Gut, wir haben uns unsere planetaren Mitbewohner nicht ausgesucht. Aber ansonsten trifft das Bild: Es kommt darauf an, wie gut wir miteinander reden. Dann kommen wir auch klar.Jan (Wer ihn mit dem Nachnamen ansprechen will: Auf dem „a“ zu betonen) Skudlarek hat gerade ein Buch veröffentlich. „Wenn jeder an sich denkt, ist nicht an alle gedacht“. Das entspricht ungefähr dem, was die meisten Menschen ihren Kindern vermitteln - und doch brauchen wir als Gesellschaft hier offenbar einen Schubs. Allzuoft bleibt die gesellschaftliche Debatte auf Kindergartenniveau stecken. Reiz- und Reaktionsmuster sind uns bestens vertraut und werden immer wieder aufgeführt. Talkshow für Talkshow, Twitterfeed für Twitterfeed. Das neue „Wir“, das Jan einfordert, ist Ausdruck von Freiheit. Von der Freiheit, aus der heraus wir uns dafür entscheiden, anständig miteinander umzugehen. Dafür, mit erwachsener Perspektive anzuerkennen, dass es auch andere Bedürfnisse, Meinungen, Einschätzungen gibt als den einen Impuls, den ich zufällig gerade jetzt in mir fühle.Anstand wird dabei im Gespräch zwischen Jan und Michael zu einem zentralen Begriff. Etwas altmodisch? Vielleicht. Aber er zeigt in einem Begriff auf, dass Freiheit immer auch die Bedürfnisse der anderen einschließt - und dass ein solches Verhalten natürlich möglich ist. Es kommt auf das Verhältnis an: "Verhältnismäßig anständig" würden wir schon sehr weit kommen. Wo aber liegt die Grenze des Redens? Zum Beispiel bei der Frage, mit wem wir nicht mehr reden wollen. Braucht es noch den x-ten Gast einer Talkshow, der meint, Restzweifel am Klimawandel aufbauschen zu müssen? Profitieren wir wirklich, wenn ein weiterer AfD-Vertreter die längst bekannten Positionen ein weiteres Mal aufwärmt? Nein, wohl kaum. Wohl aber kann unsere Debatte Schaden nehmen, wenn nicht die Inhalte und Haltungen diskutiert werden, sondern die Grundlagen, auf denen unser Zusammenleben fußt.Zu Gast: Jan Skudlarek, Autor, Philosoph, FreiheitskämpferBuch: Wenn jeder an sich denkt, ist nicht an alle gedacht Bluesky: @janskudlarek.bsky.social Insta: @janskudlarekZencastr Offer LinkOffer Code: FCKPTN
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Oct 12, 2023 • 38min

#176 Julia Freudenberg – Hacker School: Die Schule, die du nie hattest

Lernen könnte so schön sein: Zukunftsfähige Inhalte, Schüler:innen motiviert durch einen für sie klar erkennbaren Nutzen, inklusiv für alle im Raum - und die Lehrenden haben Spaß an der Begeisterung im Kurs. Nur: Warum "könnte"? Julia sagt: Genau so ist das Lernen bei uns. Julia Freudenberg leitet die Hacker School. In ihren Kursen mit Praktiker:innen aus dem Berufsleben will sie bis 2030 eine Million Kinder an Digitalisierung und Programmieren heranführen. Sie sagt: Seitdem sie so ehrgeizige Ziele formuliert, hört die Welt ihr auch zu. Kurze Begriffsklärung: "Hacking" zielt in der Digitalkultur nicht in erster Linie auf die düsteren Gestalten, die Sicherheitsbarrieren überwinden wollen. "Hacking" ist vor allem ein kreativer Begriff: Was geht noch mit diesem Ding, mit dieser Situation, mit dieser Herausforderung? Julia und die Hacker School geben Raum für Inhalte und Kompetenzen, die immer wichtiger werden. Warum ist Programmieren nicht längst die zweite Fremdsprache? Warum immer noch Goethe? Die Hacker School will Begeisterung für das Lernen wecken. Ein Lernen, das weit über die klassische Schulzeit hinausgeht, lebenslang ist. So wie kein Azubi mehr "ausgelernt" hat, ist generell die Perspektive auf Bildung: Die Inhalte entwickeln sich mit stetig wachsendem Tempo, die Methoden und Kompetenzen ebenso. Das hört nicht mehr auf - was für eine gute Nachricht, sagt Julia. Ist das unfair gegenüber der Schule, gegenüber Lehrer:innen, die sich trotz widriger Umstände voll einsetzen? Nein, eine gute Ergänzung, sagt Julia. Es gebe für Informatiker:innen ja nur wenige gute Gründe, Vollzeit ins Lehramt zu wechseln. Die Hacker School setzt daher voll auf Freiwillige, die mit Informatik und Artverwandtem im Berufsleben stehen und sich nebenbei in der Bildung engagieren wollen. Für Julia hat das durchaus auch eine eigennützige Seite: Warum sollte die klassische Schule den ganzen Spaß bekommen, den gutes Lernen versprüht?Kurse extra für Mädchen sind ein wichtiges Element an der Hacker School. Zu stark sind die Vorurteile, die Eltern und Gesellschaft den jungen Mädchen mitgeben. Gerade so als würden sie mit den Eierstöcken rechnen ... Zu Gast: Dr. Julia Freudenberg, Geschäftsführerin der Hacker SchoolBuchempfehlung: Die 50 wichtigsten Themen der Digitalisierung: Künstliche Intelligenz, Blockchain, Robotik, Virtual Reality und vieles mehr verständlich erklärtSCRATCH: Spiele programmieren super easy
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Oct 5, 2023 • 42min

#175 Carla Glassl – Carbon Capture, was sonst?!

Wir haben letztlich keine Wahl. Natürlich müssen wir den CO2-Ausstoß auf Null bringen. Natürlich muss das schnell gehen. Aber um eines kommen wir nicht umhin: Das CO2, das sich bereits in der Atmosphäre befindet, zu reduzieren. Sagt Carla Glassl. Die Molekularbiologin und Datenspezialistin ist eine der Gründerinnen von Ucaneo. Das Berliner Startup entwickelt Technologien, um CO2 aus der Luft abzuscheiden. Carla argumentiert: Wir müssen. Wir können auch, mehrere Technologien stehen bereit. Wir werden über Kosten und Aufwand sprechen müssen. Dafür gibt es einen entscheidenden Hebel, den CO2-Preis. Sobald dieser in einer angemessenen Höhe angesetzt ist, steht auch das Geschäftsmodell. Das gängige Problem von CO2-Abscheidung: Der Maßstab. Bisherige Lösungen sind ok, aber vor allem viel zu klein, um im globalen Maßstab irgendeinen Unterschied zu machen. Ucaneo strebt nach mehr. 0,5 Gigatonnen CO2 will das Startup bis 2030 aus der Luft nehmen. Das entspricht dem Lebensgewicht aller Menschen heute zusammen. Um dieses Ziel realistisch erreichen zu können, setzt Carla auf dezentrale Lösungen. Ucaneo strebt Container an, die seriell produziert werden können, einer nach dem anderen. Der Prozess wird anfänglich noch nicht sehr effizient sein. Das dezentrale Vorgehen bietet aber gerade die Chance, unterwegs zu lernen. Auch wenn die Webseite von Ucaneo nicht nicht wirklich informativ ist, erhält das Startup laufend Anfragen von Unternehmen der chemischen und produzierenden Industrie. War lange Erdgas gesetzt als Kohlenstoffquelle für Produkte aller Arten, beginnt hier ein Wettbewerb: Wer kann ausreichend Kohlenstoff bereit stellen? Wie gesagt: Wir haben letztlich keine Wahl. Sagt Carla. Zu Gast: Carla Glassl, Molekularbiologin und Datenspezialistin, eine der Gründerinnen von Ucaneo
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Sep 28, 2023 • 49min

#174 Andrea Vetter - Degrowth: Was kommt nach dem Wachstum?

Müssen wir eigentlich vor einem ausbleibenden Wachstum Angst haben? Einer Rezession, also dem Rückgang des Bruttoinlandsprodukt BIP? Der Chor der medialen Lautsprecher scheint stets einsatzbereit. Der Wirtschaft geht es schlecht, das Wachstum lahmt - das scheint der schlimmste aller möglichen Zustände zu sein. Andrea entgegnet: Ganz im Gegenteil, wenn wir vor etwas Angst haben müssen, dann vor immer mehr Wachstum. Andrea Vetter befasst sich schon seit zehn Jahren mit dem Thema Postwachstum. Sie sagt: Wenn wir alles immer weiter wachsen lassen, fahren wir alles an die Wand. Natürlich: Unter heutigen Bedingungen führt eine Rezession dazu, dass es insbesondere diejenigen schwer haben, die ohnehin kämpfen müssen. Das alleine, so Andrea, taugt aber nicht als Argument, weiter am Zielbild Wachstum festzuhalten. Wachstum ist trügerisch. Eine Gesellschaft, die sich vorrangig auf die Steigerung des BIP konzentriert, gibt sich quasi ständig selbst das Versprechen: “Morgen wird es uns besser gehen. Klage nicht, arbeite!“. Morgen nicht eingelöst? Na, dann müssen wir uns vielleicht mehr anstrengen, dann übermorgen...Spannend: Das BIP war ursprünglich ein Maß für die Kriegswirtschaft, später für die Bemessung der Mitgliedsbeiträge der Vereinten Nationen. Als Maßstab für Glück und Wohlstand einer Gesellschaft taugt es nicht und sollte es auch nie taugen. Dennoch nutzen wir es dafür, obwohl wir jeden Tag sehen, dass Wachstum und Wohlstand nicht Hand in Hand gehen. Jedenfalls nicht für alle in der Gesellschaft. Worauf aber sollen wir uns fokussieren, wenn schon nicht das schön einfache BIP? Andrea argumentiert, dass wir keinen neuen Indikator brauchen, schon gar nicht nur einen einzigen. Sie zeichnet stattdessen eine Gesellschaft, in der Menschen miteinander aushandeln, was sie möchten und was ihnen gut tut. Anstrengend? Ja. Aber, so Andrea, weit weniger anstrengend als das Hamsterrad der Wachstumsgesellschaft.Zu Gast: Dr. Andrea Vetter schreibt, forscht, erzählt, organisiert, lehrt und macht Apfelmus für einen sozial-ökologischen Wandel; häufig für, mit und im Haus des Wandels (Steinhöfel, Ostbrandenburg), für die Zeitschrift Oya und im Beirat des Konzeptwerk Neue Ökonomie (Leipzig).Bücher von Andrea: https://www.junius-verlag.de/Programm/Zur-Einfuehrung/Degrowth-Postwachstum-zur-Einfuehrung.htmlhttps://www.versobooks.com/en-gb/products/2620-the-future-is-degrowthhttps://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5354-0/konviviale-technik/?number=978-3-8394-5354-4Alle Links und Medien aus dem Gespräch:Beutel statt Held: https://think-oya.de/buch/am-anfang-war-der-beutel.htmlZur "imperialen Lebensweise": https://aufkostenanderer.org/Plattform, mit vielen Ideen, wo jede einzelne Person jetzt anfangen kann: https://waswirtunkoennen.jetzt/Tausende Geschichten, Portraits und Reportagen über Menschen und Orte, die kooperativ leben und wirtschaften: https://oya-online.de/Buch von Eva von Redecker - BleibefreiheitDie Folge mit Marcel Fratzscher: Wohlstand statt Wachstum
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Sep 21, 2023 • 37min

#173 Fabian Eckert – RECUP: Noch mal voll machen bitte!

320.000 Einwegbecher, nur in Deutschland, nur Coffee to go. Pro Stunde. Jede Stunde. Macht im Jahr knapp 3 Milliarden. Plus Essen, plus dine in, plus Kaltgetränke, plus … Verpackungen für Essen und Trinken können wir. Gerade einmal ein Prozent davon sind inzwischen Mehrwegbecher. Fabian Eckert, einer der Gründer von Recup erwartet: Bis Ende des Jahrzehnts wird diese Quote auf 40% steigen. Mehr nicht? Antwort: Es dauert.Dabei ist die Lage leicht beschrieben: Auch wenn Mehrwegbecher wie bei Recup ebenfalls aus Plastik sind, gereinigt, transportiert und ggf. ersetzt werden müssen, spätestens nach zehn Einsätzen lohnt es sich für die Umweltbilanz. Das Erstaunliche ist: Auch wirtschaftlich ist Mehrweg für Cafes & co attraktiver. Fabian sagt: Wer heute noch auf Einweg setzt, investiert direkt in die Produktion von Müll. Praktischer Hinweis: Wer in seinem Lieblingscafé künftig Mehrwegbecher sehen will, muss dem Gastronomen seiner Vorliebe nur vorrechnen, wie sich ein Mehrwegsystem quasi unmittelbar rechnet.Als Fabian die Idee an der Uni entwickelt hat, hielt sein Professor sie noch für zu klein. Ihn aber ließ das Thema nicht los. Durch Zufall hat eine Münchner Politikerin ihn mit seinem heutigen Mitgründer zusammengebracht. Sie hatten beide am selben Tag mit der Politikerin telefoniert, um ihr Thema stark zu machen. Stattdessen bekamen sie zur Antwort: Ihr solltet mal miteinander reden. Das taten sie. Und dann haben sie Klinken geputzt. Erst in Rosenheim, inzwischen bundesweit. Und Fabian sagt: Heute herrscht eine völlig andere Awareness für das Thema vor als noch vor zwei, drei Jahren.Recup leistet Pionierarbeit und bereitet den Markt. Und wenn eines Tages ein Großer der Branche umschwenkt, den Markt schluckt und Recup verdrängt? Dann laden Fabian und Team zu einem großen Fest, denn ihr Ziel ist erreicht.Der Mehrweg-Podcast mit Fabian Eckert von Recup. Nach Gebrauch bitte reinigen und zurückgeben.Zu Gast: Fabian Eckert, Gründer und Geschäftsführer von RECUP
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Sep 14, 2023 • 40min

#172 Mario Buchinger – Erfolg ist auch Gift

Die Physik hält sich nicht an Mehrheiten. Auch nicht an kulturelle Überzeugungen. Da kann Ulf „911“ Poschardt noch so markig schreiben, einen Elektromotor im Auto könne jeder bauen, nur der Verbrenner sei Hochkultur. Mario Buchinger nennt das „Toxische Destruktivität“. Der Natur ist eine solche Haltung schlicht egal. Mario analysiert: Die deutsche Autoindustrie hat sich über Jahre auf ihren Erfolgen ausgeruht - und schlimmer noch: Sie hat die ausgelacht, die es anders gemacht haben. Das rächt sich jetzt, denn eine spätere Transformation wird immer teurer. Erfolg ist auch Gift. Mario treibt Veränderung. Dabei trägt er drei Herzen in der Brust: Mario ist Musiker, Naturwissenschaftler und Unternehmer. Was springt zuerst an, wenn es um Veränderung geht? Der Musiker. Veränderung ist kreativ, ist Gestaltung. Und um das Offensichtliche auch noch aufzuschreiben: Transformation ist positiv. Wir stellen möglicherweise auch die falschen Fragen. Warum streiten wir über Akzeptanz für Klimaschutz und nicht um Akzeptanz für fossile Modelle? Die fossile Lobby jedenfalls tut derzeit alles, um die nötige Transformation zu bremsen. Mario sagt: Die Lobbyisten der fossilen Industrie wissen genau, was sie tun. Und sie lügen. Zwar haben sich die Lügen geändert; aus der platten Leugnung der Klimakrise sind heute Botschaften über angebliche Wundertechnologien geworden. CCS wird CO2 aus der Atmosphäre binden, efuels, Wasserstoff. Die verheißungsvollen Versprechen der Wundertechnologien suggerieren: Du musst dein Leben nicht verändern. Das macht die Botschaft so attraktiv. Gleichzeitig hält es die beschäftigt, die - so wie Mario und Michael - daran arbeiten, evidenzbasiert die Grundlagen und Rahmenbedingungen von Transformation zu klären. Sollen wir insgesamt positiv in die Zukunft schauen? Mario sagt: Die Transformation ist möglich, aber gefährdet. Es reicht nicht, auf die Überzeugungstäter zu setzen. Wir müssen zeigen, dass Transformation hin zu einer nachhaltigen und klimagerechten Wirtschaft sich lohnt. Es rechnet sich wirtschaftlich, monetär und es bildet sich ein Wettbewerbsvorteil: Transformation und Veränderung sind Innovationstreiber.Ob die Transformation in Europa gelingt, wird vor allem eine Frage des Tempos sein. China, Südkorea, Japan, selbst die USA erneuern sich gerade in einem ganz anderen Tempo als Europa. Die Frage unseres Wohlstand ist also nicht der Erhalt - sondern der Wandel. Wer da immer noch im gestern klebt, behindert den Wohlstand von heute und morgen. Zu Gast: Dr. Mario Buchinger, Physiker, Spezialist für Veränderungsfähigkeit, Musiker, Autor, Gründer & Eigentümer von Buchinger|KuduzDer RestartThinking-Podcast von Buchinger|Kuduz
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Sep 7, 2023 • 44min

#171 Jan Bredack von Veganz – Gedruckte Hafermilch und andere Innovationen

Ein DIN A4-Umschlag im Briefkasten, darin ein paar Blätter Hafermilch. Wasser dazu, kurz in den Mixer - jeder Bogen gibt einen halben Liter Biomilch bester Qualität. Konservierungsstoffe? Fehlanzeige, wozu auch? Veganz treibt die nächste große Revolution der Ernährung voran: Nahrungsmittel ohne Wasser. Wenn - egal welche - Milch rund 90% Wasser enthält, warum sollten wir dieses Wasser verarbeiten, transportieren, lagern und im Einzelhandel damit die Regale und Einkaufswagen füllen? Und wenn das mit Milch geht, warum dann nicht auch mit Fleisch? Auch das Produkt ist bereits im Handel: 500g veganer Fleischersatz trocken, gibt 1,5 kg beste Fleisch- und Proteinqualität für sehr kleines Geld.Jan Bredack ist Kopf und Gründer von Veganz. Das Team tritt an, das Thema Nahrung im großen Maßstab neu aufzustellen. Jan argumentiert: Ernährung ist für knapp ein Viertel der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich; ein Mehrfaches des Themas Mobilität zum Beispiel. Wer wirkungsvoll an das Klima ran will, kommt um die Ernährung nicht herum.Ein Problem dabei: Die Datenlage. Solange wir im Supermarkt einzig erfahren, woher die Tomaten, Gurken, Trauben kommen, erhalten wir regelmäßig ein schiefes Bild. Veganz treibt das Gegenbild: Alle relevanten Informationen erheben, sortieren und an die Verbraucher:innen weitergeben. Das ist in Teilen Pionierarbeit, diese Daten zu erheben und aufzubereiten. Jan ist allerdings überzeugt: Auch die etablierten Großunternehmen der Branche verfügen über alle klimarelevanten Daten. Sie geben sie nur nicht weiter. Transparenz würde auch zu Fragen führen: Warum erzeugen wir Tomaten dort, wo es zwar Sonne, aber kaum Wasser gibt? Etc.Veganz sucht aktiv nach Optionen, Proteine verträglicher und effizienter zu erzeugen. Gemeinsam mit einem Fraunhofer Institut haben sie eine „Schwarze Halle“ entwickelt. Ein Bau ohne Fenster, der in beliebigem Umfeld - ob Wüste oder Frost - hoch effizient und hoch reine Proteine erzeugen kann. Wo sich die ganzen Indoor-Farming-Startups der vergangenen Jahre an Salat und Kräutern versucht haben, zielt Veganz auf Erbse und erzielt ein vielfaches der Erntemengen, die auf Feldern möglich sind. Start in Kürze.Zu Gast: Jan Bredack, Kopf und Gründer von VeganzDie beiden Folgen, die Michael im Podcast erwähnt, sind:-> Folge 161 Jeremy Bartosiak-Jentys – The end of sugar is nigh-> Folge 144 Marina Lommel - Personalisierte Ernährung: Heißhunger auf Daten
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Aug 31, 2023 • 49min

#170 Martin Doppelbauer – Mit E-Autos lassen wir nichts anbrennen

Hier ist die Zukunft zur Abwechslung einmal völlig klar: Der PKW der Zukunft ist elektrisch und er nimmt seinen Strom aus einer Batterie. Punkt aus. So wird es auf Jahrzehnte sein. Sagt Martin Doppelbauer, Professor für hybridelektrische Fahrzeuge am KIT. Keine andere Antriebslösung ist überlegen, keine andere im Massenmarkt verfügbar, weder jetzt noch auf absehbare Zeit. Martin sagt: Wer Brennstoffzellen in PKW oder gar Wasserstoff propagiert, wer auf eFuels oder Biofuels setzt, betreibt Augenwischerei. Wer so argumentiert, will letztlich nur Verwirrung stiften, um auf diese Weise noch eine Weile länger konventionelle Verbrenner verkaufen zu können. Das mag man noch so vornehm „Technologieoffenheit“ nennen. Technologieoffenheit ist notwendig in der Forschung, in der Vorentwicklung in der Industrie. Aber sobald der Weg klar ist, ist Technologieoffenheit nur ein Synonym für Entscheidungsschwäche. Und da ist Martin sehr klar: Bei Antrieben im PKW ist die Perspektive so klar, dass keine Entscheidung sogar schlimmer wäre als eine falsche. Auch wenn der Elektromotor bereits 200 Jahre alt ist und im Industriebereich spätestens in den 80er Jahren als ausentwickelt galt, sind in den letzten Jahrzehnten erstaunliche Entwicklungen gelungen. Noch vor 15 Jahren verfügte die Automobilindustrie im Grunde über keine Kompetenz beim Thema Elektromotor. Seitdem hat sie nicht nur aufgeschlossen, sondern Motoren entwickelt, die völlig anders aussehen und um den Faktor 100 besser sind als die Industriemotoren in Rolltreppen und Pumpen der 80er Jahre. Was damals ein großer Kühlschrank war, ist heute nur noch so groß wie eine Melone. Diese Entwicklung wird sich nicht erheblich weiter fortsetzen lassen. Die nächsten Schritte erwartet Martin beim Thema Batterie. Damit endgültig ist dann auch das Reichweitenthema erledigt. Auch wenn das, Martin berichtet ausführlich von seinen Erfahrungen und dem Anpassungsprozess an Batterie-elektrisches Fahren, im Grunde heute schon Geschichte ist.Martin räumt mit Mythen auf: Elektroautos fangen schnell Feuer. Nein, Verbrenner gehen erheblich häufiger in Flammen auf. Spätestens, wenn die Festkörperbatterie in Serie geht, ist das Elektroauto kaum noch entflammbar. Die Batterie braucht so viel Wasser bei der Herstellung. Stimmt: Rund 80.000 Liter. Die Herstellung von Benzin und Diesel braucht allerdings so viel Wasser, dass ein Verbrenner im Laufe der Nutzung sehr viel mehr als nur 80.000 Liter Wasser benötigt. Aber der Strom?! 2/3 des Stroms, den wir für eine vollelektrische PKW-Flotte in Deutschland benötigen würden, brauchen wir heute schon: Für die Herstellung von Benzin und Diesel. Und wie lang hält die Batterie? Inzwischen deutlich länger als das Auto drum herum. Kleiner Nebenschauplatz: Da PKW immer größer werden, geht der faktische Benzinverbrauch in Deutschland nicht zurück. Er steigt sogar, auf inzwischen 7,9 Liter pro 100 km. Überraschend: In der Schweiz fahren tendenziell noch größere Autos; sie fahren über sehr viel mehr Bergstrecken, müssten also einen höheren Verbrauch haben. Allerdings hat die Schweiz ein Tempolimit - und der Durchschnittsverbrauch beträgt nur 6,1 Liter. Martin rechnet vor: Ein Auto mit Tempo 160 benötigt so viel Leistung wie vier (!) Autos, die mit Tempo 100 fahren. Martin hat ein Strategiepapier verfasst, in dem er die unterschiedlichen Antriebsarten im Detail miteinander vergleicht. Es steht hier. Die Folge "carls zukunft der woche" mit Heiner Monheim trägt die Nummer 80 und findet sich u.a. hier: https://www.carls-zukunft.de/podcast-80/Zu Gast: Martin Doppelbauer, Professor für hybridelektrische Fahrzeuge am Karlsruhe Institut für Technologie
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Aug 24, 2023 • 40min

#169 Sigi Lieb – Let's talk about Selbstbestimmung, Baby

Erregung gefällig? Also nicht solche. Oder ist es gerade doch solche? Reden wir über Sex, Gender und darüber, wie wir darüber reden. Spätestens dann ist Stimmung in der Bude. Und jetzt sollen Menschen auch noch selbst bestimmen können, wer und wie sie sind. Genügend Hormone im Raum für einen Podcast. In diesem ist Sigi Lieb ist zu Gast. Sie stellt sich freiwillig in dieses Feuer, schreibt Bücher und berät zum Thema Gender und Gendern.Das Grundprinzip der Evolution ist: Varianz ist gut, Varianz verspricht Entwicklung, Varianz führt zu besseren Lösungen. Warum verspüren wir ausgerechnet beim Geschlecht den Reflex, diese Vielfalt abzuwerten? Gar den vermeintlichen Anfängen zu wehren und Schulen gendersensible Sprache zu untersagen? Sachsen und Sachsen-Anhalt sind gerade dem unglücklichen Vorbild von Schleswig-Holstein gefolgt. Sigi argumentiert, das Problem beginne schon bei der Komplexität der Genderthematik. Natürlich gibt es auf der alleruntersten Ebene nur zwei Geschlechter, Hoden oder Eierstöcke. In der Welt gab es aber schon immer jede Menge individuelle Variationen davon - weit mehr als der erste Blick im Kreißsaal zwischen die Beine des neugeborenen Kindes verspricht. Das beginnt schon in der Biologie, hinzu kommen soziale, kulturelle und weitere Ebenen. Die Vielfalt ist immer schon Realität, bleibt nur die Frage, ob wir ihr Raum geben. Wer einen Crashkurs in die Varianten zwischen Inter-, Trans und weiterer Sexualitäten sucht, wird in den ersten zehn Minuten des Podcasts bereits fündig werden.Zurück zur Sprache: Das eigentliche Sprachthema ist gar nicht der vertraute Streit um Binnen-I, -stern oder -doppelpunkt. Wer einmal verstanden hat, woher das Bedürfnis kommt, in der Sprache mitgemeint zu sein, wird den nötigen Respekt schon aufbringen können. Sigi betont: Das viel wichtigere Thema mit der Sprache liegt darin, überhaupt Begriffe zu finden für das, was Individuen empfinden. Denn nur das, wofür wir einen Begriff haben, das können wir auch benennen, überhaupt sehen und schließlich besprechen.Wie aber gehen wir miteinander um? Wie sind die Lösungen für die Umkleideräume, die Saunen, die Einträge beim Meldeamt? Sigi votiert für mehr Sensibilität. Hören wir einander zu, dann werden wir in den meisten Fällen herausfinden, wie es allen am besten geht. Michael befindet sich bei der Aufnahme gerade in den USA, umgeben von sehr unversöhnlichen und in Teilen aggressiven Diskussionen um gesellschaftliche Werte. Warum sollten wir optimistisch in die Zukunft schauen? Schaffen wir es, eine besonnene und umsichtige Gesprächskultur zu entwickeln oder gleiten wir ab in das Gekreische, das uns von rechts angeboten wird? Sigi erinnert an die auch harten Debatten in der Bundesrepublik der 70er Jahre. Trotz aller ideologischer Gräben waren Politik und Gesellschaft damals in der Lage, so etwas wie der Beutelsbacher Konsens zu formulieren. Der legt für Schulen unter anderem fest: Was in der Gesellschaft kontrovers ist, muss es in Schulen auch sein, auf dass Kinder lernen, mit gesellschaftlichen Konflikten umzugehen. Kurzum: Wir konnten das. Wir können das wieder.Zu Gast: Sigi Lieb, Soziologin, Beraterin und Trainerin für inklusive, geschlechtersensible und diskriminierungsarme Kommunikation. Twitter: @gespraechswertDas aktuelle Buch von Sigi heißt Alle(s) Gender: Wie kommt das Geschlecht in den Kopf?Ihr Blog steht hier: https://www.gespraechswert.deDas erwähnte Buch von Pierre Bourdieu: Die männliche Herrschaft

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