

Das Neue Berlin
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Podcast zu Gegenwart und Gesellschaft
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Jun 17, 2021 • 1h 58min
Ökonomisierung im Krankenhaus – Mit Robin Mohan und Kaspar Molzberger
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Wie so viele gesellschaftliche Bereiche wurde auch das Krankenhaus in den letzten Jahrzehnten nach neuen Prinzipien organisiert. Mit gedeckelten Budgets und Fallkostenpauschalen sollte das vermeintlich überteuerte Gesundheitssystem auf Effizienz getrimmt werden. Kliniken sollten zu Konkurrentinnen werden, die Marktbereinigung unwirtschaftliche Häuser aussortieren. Eine tiefgreifende Ökonomisierung hat die Arbeitsweise im Krankenhaus grundsätzlich verändert.
Kaspar Molzberger und Robin Mohan haben beide zu diesem Thema promoviert und die Ökonomisierung des Krankenhauses intensiv erforscht. In Interviews mit Pflegern, Ärzten und Management sind sie der Frage nachgegangen, wie sich Ökonomisierung in der konkreten Praxis der Klinik zeigt. Im Zentrum steht dabei das Klassifikationssystem der DRGs, mit dem Krankheitsbilder zusammengefasst und mit durchschnittlichen Behandlungszeiten und ‑kosten versehen werden. Wer über dem Durchschnitt liegt, macht Minus, wer besser ist, kann Gewinne erwirtschaften – was viele privatgeführte Krankenhäuser rentabel tun.
Im Gespräch mit unseren beiden Gästen rekonstruieren wir die historischen Entwicklungslinien des modernen Krankenhauses. Ebenso sprechen wir über dessen traditionelle Arbeitsteilung und wie unterschiedlich sich die Ökonomisierung beim ärztlichen und dem Pflegepersonal auswirkt. Während bestimmte ärztliche Prozeduren hochrentabel sein können, wird die Pflege zum Kostenfaktor. Personalabbau und Arbeitsverdichtung sind die Folge. Andererseits kommt auch das ärztliche Professionsethos immer wieder in Konflikt mit ökonomischen Zielsetzungen.
Zuletzt diskutieren wir, wie sich Ökonomisierung theoretisch fassen lässt. Unsere Gäste sind uneins: Robin Mohan plädiert dafür, die Ökonomisierung der Organisation ins gesellschaftstheoretische Verhältnis zu setzen und den Begriff in Zusammenhang mit der Warenlogik des Kapitalismus zu bestimmen. Kaspar Molzberger verortet die Ökonomisierung in einer historisch spezifischen Praxis der Kalkulation, die nur in der Organisation selbst wirklich rekonstruierbar ist.
Links
Robin Mohan: Die Ökonomisierung des Krankenhauses (Open Acess)Kaspar Molzberger: Autonomie und Kalkulation (Open Acess)Robin Mohan: Ökonomisierung im Kapitalismus. Umriss eines theoretischen Zugangs. In: Otto: Soziale Arbeit im KapitalismusKaspar Molzberger: Das Krankenhaus als anpassungsfähiges Netzwerkarrangement? In: Stegbauer/Clemens: Corona-NetzwerkeMichael Simon: Krankenhauspolitik in der Bundesrepublik DeutschlandJürgen Johann Rohde: Soziologie des Krankenhauses. Zur Einführung in die Soziologie der MedizinThorsten Peetz: Mechanismen der ÖkonomisierungBruno Latour: ExistenzweisenInstitut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK GmbH)Kritische Mediziner*innenDRGs (Diagnosebezogene Fallgruppen)
Transkript
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Gäste
Kaspar Molzberger
ResearchGate
Robin Mohan
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May 14, 2021 • 1h 39min
Mit Ellen von den Driesch über die Demographie des Suizids in der DDR
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Sich selbst das Leben nehmen – es gibt nur wenige derart existenzielle Entscheidungen. So individuell der Suizid im Einzelnen sein mag, so zeigt seine statistische Häufung doch Regelmäßigkeiten, haben unterschiedliche Regionen oder Ländern ihre eigenen Muster. Im Kalten Krieg sind diese zum Medium der Systemkonkurrenz geworden. Die chronisch hohen Suizidzahlen in der DDR, geheimgehalten von der politischen Führung, galten als Beweis für die drückenden Lebensbedingungen im Sozialismus.
Doch was ist dran an dieser Erzählung? Ellen von den Driesch gibt in ihrem Buch Unter Verschluss erstmals belastbare Antworten, indem sie die in der Wendezeit verloren gegangenen Statistiken aufgespürt und umfassend ausgewertet hat. Wir sprechen mit ihr zunächst über die Grundlagen der demographischen Suizidforschung, den Suizid in der DDR und schließlich die Ergebnisse ihrer Studie. Dabei diskutieren wir, was am Wort „Selbstmord“ problematisch ist, was die Soziologie seit Durkheim dazugelernt hat und welchen Erklärungswert soziale Makrophänomene wie Modernisierung haben können. Bei all dem bleibt die Vorsicht: Keine Korrelation berechtigt zur Erklärung eines einzelnen individuellen Suizids. Diese Beschränkung soziologischer Erklärungskraft muss bei jeder Interpretation präsent bleiben.
Notizen
Ellen von den Driesch: Unter Verschluss. Eine Geschichte des Suizids in der DDR 1952–1990 (Open Access)Statistik des Suizid (Wikipedia)ICD 10 X60-X84: Vorsätzliche SelbstbeschädigungÉmile Durkheim: Der Selbstmord (1897)Tomáš Masaryk: Der Selbstmord als sociale Massenerscheinung der modernen Civilisation (1881)Ökologischer FehlschlussWerther-EffektSpiegel-Artikel von 1963 zum Suizid in der DDRDas Leben der AnderenZentralverwaltung für StatistikHaus der StatistikDatensatz: Suicide, demographic, socio-structural, infrastructure and crime statistics of the German Democratic Republic, 1952 – 1990 (GESIS)
Transkript
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Gast
Ellen von den Driesch
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Apr 13, 2021 • 2h 30min
Mit Jochen Kibel über kollektive Identitäten durch Museumsbauten
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In den letzten Jahrzehnten hat es eine Reihe architektonischer Rekonstruktionen in Deutschland gegeben. Ob am Frankfurter Markt, der Frauenkirche oder dem Berliner Schloss. In den Debatten um solche prestigereichen Bauprojekte geht es selten um rein funktionale Fragen. Gelesen werden die Gebäude stattdessen als Verräumlichung kollektiver Identität. Und das wird schnell zum Politikum: Will man eine detailgetreue Wiederherstellung eines historischen Ideals oder die Sichtbarkeit geschichtlichen Wandels?
Unserem Gast Jochen Kibel geht es weniger um ein politisches Urteil als um die spezifischen zeitlichen und räumlichen Logiken in den konkurrierenden Erinnerungsdiskursen. In seiner Dissertation hat er die Debatten um die Rekonstruktion des Neuen Museums in Berlin und den Umbau des Militärhistorischen Museums in Dresden analysiert. Welche Beziehung zur Vergangenheit wird im Bau konstruiert? Wir sprechen mit ihm über aggressive Geschichtsrhetorik, unübersichtliche Planungsprozesse und die Mehrdeutigkeit historischer Authentizität.
Links
Jochen Kibel: Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit. Kollektivierungsdiskurse und ihre Codes der Verräumlichung (2021, Open Access)Graduiertenkolleg Identität und ErbeNeues Museum BerlinMilitärhistorisches Museum der Bundeswehr DresdenFachgebiet Denkmalpflege an der Technischen Universität BerlinRekonstruktion in der ArchitekturJoachim FischerGesellschaft Historisches BerlinHermann Lübbe: Der Fortschritt und das Museum (1983)Jürgen StraubMartina Löw: Raumsoziologie (2000)Episode 53 mit Gunter Weidenhaus über soziale RaumzeitClaude Lévi-Strauss, Kalte und heiße Kulturen oder OptionenTzvetan TodorovBerliner MuseumsinselAdolf Behne: Die Museumsinsel – eine Tragödie Berliner Städtebaues (1930)Altes MuseumWilhelm von KaulbachFriedrich Nietzsche: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben (1874)Eduard GaertnerArtikel in der Bauwelt zur „ergänzenden Wiederherstellung“Informationen zum Wiederaufbau des Neuen Museums beim Bundesamt für Bauwesen und RaumordnungStiftung Preußischer KulturbesitzJames-Simon-GalerieDavid ChipperfieldFrank GehryMary Douglas: Purity and Danger (1966)Jan Assmann: Erinnern, um dazuzugehören. Kulturelles Gedächtnis, Zugehörigkeitsstruktur und normative Vergangenheit (1995)Arnold GehlenHelmut Schelsky: Institutionalisierte DauerreflektionAleida Assmann: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur (2013)Heike Delitz
Transkript
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Gast
Jochen Kibel
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Mar 1, 2021 • 1h 27min
Ökologie in der soziologischen Theorie – Mit Katharina Block, Andreas Folkers und Katharina Hoppe
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Die drohende ökologische Katastrophe wird sich nicht allein technisch abwenden lassen. Sie verlangt radikales Umdenken, neue Konzepte und komplexe Erklärungen. Kurz: Theorie. Doch auch die Theorie muss sich dabei selbst in Frage stellen. Sie muss Inventur machen, welche ihrer Werkzeuge noch für die veränderte Wirklichkeit taugen.
Ende Januar 2021 hat eine Tagung mit dem Titel Die ökologische Frage danach gefragt, was die soziologische Theorie zum Verständnis der ökologischen Krise leisten kann und inwieweit sie selbst von dieser herausgefordert wird. Wir sprechen in der Folge mit den VeranstalterInnen Katharina Block, Andreas Folkers und Katharina Hoppe. In einer Mischung aus Tagungsrückblick und freier Diskussion versuchen wir, Kernfragen einer problembezogenen Sozial- und Gesellschaftstheorie herauszuarbeiten.
Wir diskutieren, wie sich das Soziale in seiner konstitutiven Verwobenheit mit der nicht-menschlichen Welt am besten auf den Begriff bringen lässt. Wie kann man den anthropozentrischen und ethnozentrischen Bias der Soziologie überwinden? Muss sie dafür eine neue Wissenschaft werden? Und in welcher Beziehung steht sie dann zu den „echten“ Naturwissenschaften? Zentraler Bezugspunkt in der Diskussion bleibt dabei die Moderne in ihren immanenten Logiken, Zwängen, aber auch Mehrdeutigkeiten.
Links
Tagungsprogramm »Die ökologische Frage«Elena BeregowDoris SchweitzerAthanasios KarafillidisFranka SchäferBruno LatourNiklas LuhmannMichel FoucaultNeue MaterialismenUlrich Beck: Die Metamorphose der WeltAchille Mbembe: Nekropolitik
Transkript
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Gäste
Katharina Block
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Andreas Folkers
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Katharina Hoppe
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Jan 29, 2021 • 1h 18min
Mit Stefan Hirschauer über soziologische Mehrsprachigkeit
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Dass die Soziologie eine „multiparadigmatische” Disziplin ist, ist beinahe schon ein Klischee. Mehr als in den meisten anderen Sozialwissenschaften herrscht ein Pluralismus der Theorien und der Methoden. Das bringt auch Probleme mit sich. Oft begegnen sich die verschiedenen Schulrichtungen der Soziologie mit Unverständnis, manchmal sogar mit Sektiererei und radikaler Abgrenzung.
Mit unserem Gast Stefan Hirschauer diskutieren wir die umkämpfte Identität des Faches. Laut Hirschauer sind die Vorstellungen eines Einheitsmodells der Wissenschaften durch Jahrzehnte der Wissenschaftsforschung widerlegt. Gleiches gilt für die Trennung von Theorie und Empirie, wie sie immer noch im Anschluss an Karl Popper gelehrt wird. Für Hirschauer kann eine allgemeine Methode nicht die strenge Richterin der Forschungspraxis sein. Orientieren müsse sich die Forschung vielmehr an einer (richtig verstandenen) Gegenstandsangemessenheit und dem kritischen Dialog in der Forschungsgemeinschaft.
Stefan Hirschauer plädiert dafür, den Streit zu kultivieren und als Stärke des Faches anzusehen. Dies setzt aber auch voraus, dass die soziologische Mehrsprachigkeit bereits im Studium ausreichend angelegt wird und dass sich die verschiedenen Schulrichtungen auf gemeinsamen Tagungen und in gemeinsamen Zeitschriften überhaupt noch begegnen.
Links
Stefan Hirschauer: Ungehaltene Dialoge. Zur Fortentwicklung soziologischer Intradisziplinarität (2020)Stefan Hirschauer: Die Empiriegeladenheit von Theorien und der Erfindungsreichtum der Praxis (2008)DFG Forschungsgruppe 1939: Un/doing Differences. Praktiken der HumandifferenzierungWiener KreisKarl Popper: Kritischer RationalismusGesa Lindemann: Das Soziale von seinen Grenzen her denken (2009)Duhem-Quine-TheseScience StudiesLudwik FleckThomas KuhnKarin Knorr-CetinaSocial epistemologyBina Elisabeth Mohn Kornelia Engert: The Body of Knowledge: Fieldwork, Concepts and Theory in the Social Sciences (Disserationsprojekt)Christian Meier zu Verl: Doing Social Research. Eine ethnomethodologische Untersuchung ethnografischer Arbeit (Dissertationsprojekt)Björn Krey: Doing Discourse. Textuale Praktiken der Produktion soziologischen Wissens (Dissertationsprojekt)Alfred Schütz: Der Fremde (1972)Karl MannheimPierre Bourdieu: Meditationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft (2004)Grounded TheoryJohan Galtung: Structure, culture, and intellectual style. An essay comparing saxonic, teutonic, gallic and nipponic approaches (1981)Alexander Lenger/Tobias Rieder/Christian Schneickert: Theoriepräferenzen von Soziologiestudierenden. Welche Autor*innen Soziologiestudierende tatsächlich lesenEmpfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie zur Methodenausbildung (2002)Akademie für SoziologieNiklas Luhmann: Die Praxis der Theorie (1969)Nina Baur/Hubert Knoblauch: Die Interpretativität des Quantitativen oder: Zur Konvergenz von qualitativer und quantitativer empirischer Sozialforschung (2018)
Transkript
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Gast
Stefan Hirschauer
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Dec 28, 2020 • 2h 10min
Mit Johannes und Paul Simon über Trumps Amerika
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Donald Trump ist abgewählt. Die amerikanische und internationale Politik kehrt zur Normalität zurück, so der Tenor. Doch wie „normal“ waren die Vereinigten Staaten in den Jahrzehnten vor Trumps Präsidentschaft? Und welche Entwicklungen wirken weiter, die ihn erst ins Amt brachten? Solchen langfristigen Perspektiven haben Johannes Simon und Paul Simon ihr Buch „Eine Welt voller Wut“ gewidmet.
In der Sendung sprechen wir mit ihnen über die Entstehung des modernen amerikanischen Konservatismus in der Nachkriegszeit, als die Republikanische Partei zu ihrer heutigen Identität fand. Wir diskutieren die Rolle der radikalen Rechten, darunter Evangelikale, die Politik und Religion auf einzigartige Weise verbinden. Und wir sprechen über die wirtschaftlichen Entwicklungen, Neoliberalismus und Deindustrialisierung, die seit Reagan die Politik prägten. Schließlich fragen wir nach der amerikanischen Hegemonie, der liberalen Weltordnung also, die durch Freihandel und militärische Interventionspolitik geprägt war und die mit Trump endgültig an ihr Ende gelangt ist. Es bleibt ein tief zerrüttetes Land in einer multipolaren Welt – und Pessimismus, wie viel der neue Präsident daran ändern wird.
Links
Wahlwerbespots der Nixon-Kampagne 1968Proteste in Berkeley ParkRick Perlstein: NixonlandPat BuchananEvangelicalism in the United StatesQAnonRoe v. WadeProsperity theologyRush LimbaughKonrad Ege (Der Freitag) zum Streik der Flutlotsen 1981Clinton Crime BillNordamerikanisches Freihandelsabkommen (NAFTA)Barack Obamas Autobiografie A Promised LandPorträt über Ben Rhodes, der den Begriff „The Blob“ geprägt hat
Transkript
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Gäste
Johannes Simon
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Paul Simon
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Dec 8, 2020 • 1h 48min
Mit Jenni Brichzin über politische Praxis in Parlamenten
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Denkt man daran, was in der Politik tagtäglich passiert, fallen einem zuerst massenmediale Versatzstücke ein: hektische Statements vor anonymen Gebäuden, einheizende Parteitagsreden, der Schlagabtausch im Plenum. Doch was machen Politikerinnen und Politiker, wenn sie in keine Kamera sprechen?
Jenni Brichzin hat sich in einer mehrjährigen Ethnografie mit der politischen Arbeit in Deutschland auseinandergesetzt. Sie begleitete Parlamentarierinnen und Parlamentarier in ihrem Alltag, um zu verstehen, was das konkret heißt: Politik machen. Gefunden hat sie eine Praxis, die sich weder als reiner Machtkampf noch als schlichte Repräsentation gesellschaftlicher Stimmungen verstehen lässt. Für Brichzin ist Parlamentarismus erst einmal Arbeit an Themen. Politikerinnen und Politiker werden an ihren langen Arbeitstagen mit einem Strom von Forderungen, Problemen und Meinungen konfrontiert. Sie müssen Themen selektieren, bewerten, erledigen oder stark machen, vereinnahmen oder zähneknirschend abgeben. Arbeit ist hier ein schöpferischer Vorgang: Politiker produzieren überhaupt erst die kulturellen Formen, in denen demokratische Politik ihre Gestalt gewinnt.
Links
Jenni Brichzin: Politische Arbeit in ParlamentenTheorien der RepräsentationPierre Bourdieu: Symbolisches KapitalKonstruktivistische Theorien der Repräsentation von Lisa Disch und Michael Saward(Zur konstruktivistischen Kritik politischer Repräsentation ist auch unsere Sendung »Für andere sprechen« interessant.)
Transkript
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Nov 8, 2020 • 1h 52min
Mit Patrick Eiden-Offe über die Poesie der Klasse
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Vielleicht erklärt sich die anhaltende Schwäche linker Politik in den letzten Jahrzehnten nicht nur durch die Dominanz neoliberaler Deutungsmuster oder das Scheitern sozialistischer Projekte im 20. Jahrhundert. Der starke Arm des Fabrikarbeiters hat nicht nur politisch an Kraft verloren; auch seine Symbolik ist verblasst oder gar von Rechts vereinnahmt.Doch ist eine linke Perspektive zwangsläufig mit der Ästhetik der Industriegesellschaft verbunden? Patrick Eiden-Offe hat in seiner Studie Poesie der Klasse antikapitalistische Literatur aus der Zeit vor der Schließung linker Theorie und Ästhetik untersucht. Anders, als es der Marxismus später behauptete, lassen sich die linken Autoren des Vormärz und der Romantik nicht als Träumer und Chaoten abtun. Die Texte sind als authentische Versuche zu verstehen, eine politische Position in der noch neuen kapitalistischen Gesellschaft zu artikulieren.Die Begriffe, mit denen gearbeitet wird, sind dabei so fluide und widersprüchlich wie die Sozialstruktur: Das Proletariat musste erst erfunden werden. Literatur, Theorie und Statistik rangen Hand in Hand um eine Deutung der Wirklichkeit. Man diskutierte die Frauenfrage, den Kolonialismus und über ein „Wir“, das noch nicht gefunden war. Was lässt sich von der politästhetischen Experimentierfreude dieser Zeit lernen?
Links
Patrick Eiden-Offe: Poesie der KlasseGeorg Lukács: Deutsche Literatur in zwei JahrhundertenE. P. Thompson: The Making of the English Working ClassErnst Willkomm: Weisse Sclaven oder die Leiden des VolkesErnst Dronke: Aus dem VolkLudwig Tieck: Der junge TischlermeisterFriedrich Engels: Die Lage der arbeitenden Klasse in EnglandUlrich Beck: RisikogesellschaftDer GesellschafsspiegelWilhelm WeitlingGeorg Weerth: Fragment eines RomansAlexis de TocquevilleMarcel van der LindenE. J. Hobsbawm: The Machine BreakersJoshua Clover: Riot. Strike. Riot.
Gast
Patrick Eiden-Offe
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Oct 1, 2020 • 2h 1min
Mit Anja Weiß über die Soziologie globaler Ungleichheiten
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Wir leben in einer ungleichen Welt, und wissen das auf mehr oder weniger diffuse Art und Weise. Doch welcher Maßstab ist anzulegen, wenn man ein genaueres Bild haben möchte? Die globale Verteilung von Einkommen und Vermögen kann zwar ein grobes Bild insbesondere absoluter Armut geben. Doch viele andere Fälle sind schwieriger zu bewerten. So hat die globale Mittelschicht zwar oft weniger Geld zur Verfügung als ein Hartz-IV-Empfänger in Deutschland. Die Mobilitätschancen sind für letztere jedoch oft deutlich schlechter.Anja Weiß widmet sich diesem Problem konzeptionell und hat dafür eine Theorie globaler Ungleichheiten vorgelegt. Im Zentrum steht die These, dass Ressourcen nicht als solche, sondern nur in Kontexten umsetzbar sind. Viel Geld in der falschen Währung ist ebenso unbrauchbar wie ein Bildungsabschluss, der nicht anerkannt wird. Eine gute lokale Infrastruktur ist für einen geflüchteten Menschen oder eine junge Familie wichtiger als für die mobile Börsenmaklerin. Die Soziologie neigt laut Weiß dazu, solche Kontexte mit Nationalstaaten gleichzusetzen. Ein verhängnisvoller Bias, der weder die prekäre Staatlichkeit in zahlreichen Ländern der Welt veranschlagt noch die Möglichkeiten des Einzelnen, zwischen Kontexten zu wechseln. Diese sozial-räumliche Autonomie ist für Weiß ein zentraler Faktor, der die Lebensbedingungen der Menschen bestimmt. Wir diskutieren mit ihr über ihre Typologie der Ungleichheitskontexte, aber auch über den Jahrzehnte alten Dauerzwist zwischen ökonomischen und kulturalistischen Ungleichheitstheorien – und was man ausgerechnet von Niklas Luhmann darüber lernen kann.
Links
Anja Weiß: Soziologie Globaler UngleichheitenAmartya Sen: Commodities and CapabilitiesFrank Parkin: Strategien sozialer Schließung und KlassenbildungMichael Bommes: Migration und nationaler WohlfahrtsstaatCharles Tilly: Durable InequalityNancy Fraser/Axel Honneth: Umverteilung oder Anerkennung Rudolfo Alvarez: Institutional discrimination in organizations and their enviromentsImmanuel Wallerstein: The Modern World SystemImmanuel Wallerstein: The Capitalist World-EconomyChristine Wimbauer: Wenn Arbeit Liebe ersetztUwe Schimank: GesellschaftEva Barlösius/Claudia Neu: Peripherisierung – eine neue Form sozialer Ungleichheit?Stefan Hradil: SozialstrukturanalysePierre Bourdieu: Ökonomie symbolischer GüterSequenzmusteranalyseMarcel Erlinghagen: Motive von Auswanderern aus DeutschlandBoris Nieswand: Theorising Transnational MigrationMagdalena Nowicka: Transnational Professionals and their Cosmopolitan UniverseCaroline Plüss: Chinese Migrations in New York. Explaining inequalities with transnational positions and capital conversions in transnational spacesSteffen Mau: Transnationale Vergesellschaftung. Die Entgrenzung sozialer LebensweltenHanspeter Kriesi et al.: West European Politics in the Age of GlobalizationAndreas Niederberger
Gast
Anja Weiß
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Sep 28, 2020 • 1h 21min
Podcasts in der Soziologie: Diskussion
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In kleiner Runde haben wir am Abend der Ad-hoc-Gruppe auf dem DGS-Kongress noch einmal über ausgewählte Aspekte des wissenschaftlichen Podcastens gesprochen.
Mit dabei waren Moritz Klenk und Armin Hempel, die in recht unterschiedlichen Bereichen der Podcast-Welt tätig sind. Hempel produziert mit dem Podcast „Hinter den Dingen“ ein Format nach allen Regeln der Radiokunst und nach hohen institutionellen Standards der professionellen Wissenschaftskommunikation. Klenk versteht den Podcast nicht primär als Vermittlungsmedium, sondern als wissenschaftliche Praxis, die er in seiner Arbeit zu entwickeln sucht.Wir diskutieren mit den beiden über die akademische Angst, das Falsche zu sagen, welche Rolle Spotify für Podcasts spielt, und wie Podcasts und wissenschaftliche Institutionen zusammengehen. Zuletzt diskutieren wir, welche ästhetischen und epistemischen Qualitäten die gesprochene Sprache gegenüber anderen menschlichen Wissensformen qualifiziert.
Transkript
Das Transkript zur Episode ist hier abrufbar. ACHTUNG: Das Transkript wird automatisch durch wit.ai erstellt und aus zeitlichen Gründen NICHT korrigiert. Fehler bitten wir deshalb zu entschuldigen.
Gäste
Armin Hempel
Moritz Klenk


