

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Jun 9, 2024 • 7min
Meri Valkama – Deine Margot
Berlin-Mitte. Fischerinsel heißt ein Wohngebiet auf einer Spreeinsel zentral in Berlin. Plattenbauten, zwischen ihnen ein Spielplatz, eine Schwimmhalle. Gebaut wurden die Häuser Anfang der 1970er Jahre in der DDR. In den 1980er Jahren hat die finnische Autorin Meri Valkama in einem der Hochhäuer gewohnt. Deshalb spielt hier auch ihr Romandebüt „Deine Margot“.
„Diese fast vier Jahre waren die glücklichste Zeit meiner Kindheit“, erzählt sie bei einem Spaziergang über die Fischerinsel. Als Vierjährige kam sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder nach Ost-Berlin: Ihr Vater war Auslandskorrespondent einer linken finnischen Zeitung.
„Das ist unser Haus, das, mit der Nummer 10, mit diesem Gelb bei den Fenstern. Wir wohnten auf der zweiten Etage.“ Das 20-stöckige Haus ist ein wichtiger Handlungsort ihres Romans: Dort bezieht ihre Protagonistin – die Journalistin Vilja – im Jahr 2011 eine Ferienwohnung.
Der Geruch flutete ihr entgegen, als die Fahrstuhltüren sich im achtzehnten Stock öffneten. Derselbe Geruch, derselbe noch nach fünfundzwanzig Jahren, dachte Vilja, und auch wenn sie sich unter anderen Umständen den Schal vor das Gesicht gedrückt und sich vor dem Gestank des Müllschluckers geschützt hätte, ließ sie jetzt den süßlich-fauligen Geruch in sich hineinströmen.
Quelle: Meri Valkama – Deine Margot
Auf der Suche nach der Vergangenheit
In Berlin will Vilja herausfinden, von wem die Briefe stammen, die sie im Nachlass ihres verstorbenen Vaters gefunden hat. Unterzeichnet sind die Briefe mit „Deine Margot“, gerichtet an „lieber Erich“ – eine Anspielung auf die Honeckers, die Vertrautheit zeigt und mehr noch: Offenbar hat ihr Vater in den 1980er Jahren ein neues Leben mit dieser Frau geplant. Langsam wird Vilja klar, warum ihre Familie nach der Rückkehr nach Helsinki zerbrach. Nun will sie dahinter kommen, was damals passiert ist: Sie besucht alte Bekannte ihrer Eltern aus jenen Jahren, spricht mit der besten Freundin ihrer Mutter, einem damaligen Kollegen ihres Vaters – und hinterfragt ihre eigenen Erinnerungen an diese Zeit.
„Wie soll ich es erklären? Wenn man in ein anderes Land zieht, dann erinnert man sich später an vieles. Natürlich sind es die Erinnerungen eines Kindes, ich weiß auch nicht, ob jeder Moment real war. Aber ich habe starke Erinnerungen an bestimmte Geschmäcker, Gerüche und so etwas.“
Dazu gehört auch dieser leicht süßliche Geruch nach Müll, der sich durch die Hausflure und fast leitmotivisch durch den Roman zieht. Solche Details zeichnen ein vielfarbiges, oftmals sinnliches Bild jener Jahre.
„Mir ist klar, dass ich damals ein kleines Kind war. Ich wusste nicht viel über gesellschaftliche oder politische Fragen. Und wir waren eine Familie, die eine Art Diplomatenstatus hatte. Für uns war es anders als beispielsweise für unsere ostdeutschen Nachbarn.“
„Aber der wichtigste Teil waren die Diskussionen mit Ostdeutschen“
So ergeht es auch Vilja: In ihren Gesprächen stößt sie immer wieder auf Fakten, die ihre eigenen Erinnerungen korrigieren. Nicht nur das. Im Roman werden auf einer zweiten Zeitebene die Erlebnisse und Erfahrungen von Viljas Eltern erzählt: Ihre Hoffnungen und Sehnsüchte, ihre Gespräche mit Freunden und Nachbarn in Berlin. Manche hadern mit Einschränkungen, wollen die DDR verlassen. Andere sind weiterhin überzeugt, dass der Sozialismus dem Kapitalismus überlegen ist. In den vielfältigen Nebenfiguren zeigt sich, dass Meri Valkama über zehn Jahre für ihr Buch recherchiert hat. Sie hat viel gelesen, ist oft nach Berlin gereist, hat eine Zeitlang hier gelebt.
„Aber der wichtigste Teil waren die Diskussionen mit Ostdeutschen. Man kann lesen und Filme oder Serien schauen, aber wenn man wissen will, was Menschen denken, muss man mit ihnen reden.“
Für Vilja wird die Suche nach der Geliebten des Vaters auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Sie wird herausfinden, wer die Frau war. Warum sie selbst – Vilja – Probleme mit Nähe hat. Und warum ihr Verhältnis zu ihrer Mutter so schwierig ist.
Das Gefühl war stark, es errichtete um sich herum tief im Boden verankerte Pfähle und bestand, überraschend für Vilja selbst, aus der Gewissheit: Sie hatte das Recht, ihre eigene Vergangenheit aufzuklären, das Recht, ihre eigene Geschichte zu kennen, und auf jede Art von Fragen, die ihr helfen würden, zu verstehen und weiterzukommen. Warum war das für die Mutter so unmöglich zu akzeptieren?
Quelle: Meri Valkama – Deine Margot
In Finnland anders über die DDR Sprechen
Diese Verankerung im Persönlichen sorgt dafür, dass der Roman trotz einiger Längen und manch kitschiger Passagen überzeugt: Sie bringt große historische mit den nur vermeintlich kleinen privaten Ereignissen zusammen. Dazu schreibt Meri Valkama über das Verhältnis Finnlands zur DDR. Finnland ist ein Land mit einer ausgeprägten und starken linken Tradition. Davon erzählt auch Autorin Pirkko Saisio in ihrer Helsinki-Trilogie, die aktuell erscheint. Es gab Austauschprogramme zwischen der DDR und Finnland, viele Finnen haben eigene Erinnerungen an ihre Zeit in diesem Land.
„Der Historiker Seppo Hentilä hat viele Bücher über die DDR geschrieben und seine Analyse ist: Vor dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges wurde in Finnland ein sehr positives Bild von der DDR gezeichnet. Und mit dem Ende des Kalten Krieges wurde alles nur noch schwarz gemalt. Diese Veränderung war wirklich riesig und ich denke, einige hat das traumatisiert – gerade die, die noch Verbindungen zur DDR hatten. Viele Finnen dachten, man dürfe nun nach dem Mauerfall nicht mehr gut über diese gemeinsamen Zeiten sprechen.“
Mit ihrem Roman – in Finnland war er ein großer Erfolg – will Meri Valkama dazu beitragen, dass in Finnland wieder offener über die DDR geredet wird. Dennoch ist „Deine Margot“ keine groß angelegte historische Analyse, sondern ein bisweilen leicht überfrachteter, aber spannender Familienroman, der geschichtliche Ereignisse mit persönlichen Erinnerungen geschickt und überzeugend verbindet.

Jun 9, 2024 • 55min
Irrschweifen und Lachen – neue Bücher proben den Aufbruch im lesenswert Magazin
Piazza und Protest – Italien ist Buchmessen-Gastland 2024. Wir sprechen über bisherige Skandälchen und auf welche Bücher wir uns freuen können.
Finnland und die DDR
Mit der Finnin Meri Valkama streifen wir durch Berlin, und wir lernen in ihrem Roman „Deine Margot“, warum Finnen die DDR so liebten.
Mit „Blue Ruin“ rundet Hari Kunzru seine Dreifarben-Trilogie ab. Diesmal geht es um Kunst und Covid. Darüber berichtet Kunzru auch im Interview.
Empfehlung von Deniz Ohde
Regelmäßig verraten Autor*innen bei uns ihre Lieblingslektüren. Heute erzählt die Autorin Deniz Ohde, warum sie Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ immer wieder liest.
„Irrschweifen und Lachen“ heißt eine neue Anthologie mit Erzählungen und Essays von den Antillen. Romanist Ralph Ludwig erzählt von den Besonderheiten antillanischer Geschichten und liest eine Passage auf Kreolisch vor.
Zum Schluss nimmt Elias Hirschl die schöne neue Online-Welt aufs Korn: „Content“ heißt seine böskomische Digital-Satire.
Musik:Remi Chaudagne, David Starck: CubaLabel: KLANGLOBBY

Jun 9, 2024 • 15min
Ralph Ludwig – „Irrschweifen und Lachen. Ein neuer Wind in der antillanischen Literatur"
„Irrschweifen und Lachen“ heißt ein neuer Erzählband mit 21 Geschichten und Essays von den Antillen. Die Texte wurden eigens für diese Anthologie verfasst – die meisten auf Französisch, drei auf Kreolisch. Kreolische Originaltexte haben Seltenheitswert auf unserem Buchmarkt. Wie schön also, dass sie diesem Band im Original enthalten sind.
Herausgeber Ralph Ludwig ist Romanist an der Universität Halle-Wittenberg. Er ist spezialisiert auf Kreol-Sprachen und spricht selbst auch das Kreolisch der Karibik-Insel Guadeloupe. Im Gespräch mit Katharina Borchardt (SWR Kultur) erklärt er die Herkunft des Kreolischen und liest auch eine Textpassage vor.
Die Begriffe „Irrschweifen und Lachen“ stehen in diesem Band zentral, weil sie zwei tief in der kreolischen Kultur verankerte Bewegungen beschreiben. Aufgrund der Verschleppung afrikanischer Sklaven in die Karibik und des Zuzugs europäischer Glückssucher und Freibeuter wurde den karibischen Gesellschaften schon früh das Irrschweifen eingeschrieben. Dies hat auch das Denken der Region geprägt, das Ludwig sehr zeitgemäß findet.
„Der Autor Édouard Glissant von der Insel Martinique sieht im Irrschweifen eine Form des Entdeckens“, erklärt Ludwig. „Man kann nur zu etwas gedanklich Neuem kommen, wenn man Grenzen überschreitet, wenn man sich nicht in gerader Linie auf etwas zu bewegt“, sagt Ludwig und ergänzt: „Glissant fand, ein Stück Opazität, ein Stück Überraschung, ein Stück vielseitiger Verstricktheit müssen wir allem und jedem zugestehen. Auch das ist ein wesentlicher Teil des Irrschweifens.“ Eine verführerische Art des Denkens! Zu der auch das Lachen gehört. „Lachen ist eine Haltung“, findet Ludwig. „Lachen ist etwas, was über materielle Schwierigkeiten und über Kummer hinweghilft. Lachen ist eine Art, sich zu befreien.“

Jun 6, 2024 • 4min
Volha Hapeyeva – Samota. Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber
Die Stille ist allgegenwärtig. Die Einsamkeit lauert überall. Im belarussischen Wort „Samota“ fließen beide Bedeutungen zusammen. „Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber“ heißt der neue und sehr leise Roman von Volha Hapeyeva im Untertitel. Im Mittelpunkt steht die Vulkan-Forscherin Maja.
Sie kommt zu Beginn in einem abgelegenen Hotel des Instituts für Vulkanologie an, das irgendwo im europäischen Norden liegen könnte. Doch die Orts- und Zeitbestimmungen bleiben unscharf. Der umliegende Wald mit Wölfen, die nahe Kleinstadt, die Bibliothek mit einem geheimnisvollen Japan-Buch – all das ergibt eher eine mythische Landschaft im Nirgendwo als eine bestimmbare Gegend.
Die Ortlosigkeit des Exils
Diese Ortlosigkeit ist womöglich Ausdruck der Exilsituation, in der die belarussische Lyrikerin und Übersetzerin Volha Hapeyeva lebt. Während der Proteste gegen Diktator Alexander Lukaschenko in Minsk im Jahr 2020 hielt sie sich in Graz auf und kehrte nicht in ihre Heimat zurück. Stipendien in München und Berlin folgten.
Dabei ist Hapeyeva keine dezidiert politische Autorin. Doch gerade ihr unaufdringlicher Ton, das Lob der Einsamkeit und die Verwunderung darüber, dass der Mensch allzu oft stumpf und mitleidlos agiert, machten sie zur Außenseiterin in einer kollektivistischen Gesellschaft – so wie Literatur generell das Misstrauen der Diktatoren dieser Welt hervorruft.
In der Bibliothek war es gemütlich und still. Manchmal suche ich solche Orte auf, um bei den Büchern zu sein, diesen schweigenden Gelehrten, die mich immer gern daran erinnern, was es auf der Welt doch alles gibt und was die Menschen nicht alles erinnern und erforschen.
Quelle: Volha Hapeyeva – Samota. Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber
Der Kongress der Tierpräparatoren
Den Büchern ist mehr zu trauen als den Menschen. Eher abstoßend wirkt zum Beispiel die seltsame Männerrunde, die sich im Hotel der Ich-Erzählerin versammelt. Wie sich herausstellt, handelt es sich um Tierpräparatoren, die einen Kongress zur „Regulation von Tierpopulationen“ besuchen und dem Vortrag einer gefühlskalten japanischen Expertin lauschen.
Sie stehen exemplarisch für eine Menschheit, die Lebewesen zu Objekten degradiert und ihren Zwecken unterwirft. Den Gegenpol dazu bildet die Tiertherapeutin Helga-Maria, eine Freundin Majas. Sie behandelt Angststörungen bei Hunden, erzählt Geschichten von weggelaufenen Hunden und Katzen und bekommt Liebesbriefe von einem jungen Mann namens Sebastian.
Der wohnt in einer Pension und muss sich dort mit dem Wolfsjäger Meszaros auseinandersetzen, einer Figur, die in ihrer Grobschlächtigkeit einem finsteren Märchen zu entstammen scheint. Sebastian fragt sich:
Waren die Charakterzüge die Folge einer bestimmten Lebensweise oder waren sie angeboren, so dass der Mensch von Beginn an weder Freude noch Leid empfinden konnte und Mitgefühl für andere gänzlich fehlte.
Quelle: Volha Hapeyeva – Samota. Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber
Der poetische Gegenentwurf zu einer zweckbestimmten Ökonomie
Das Böse besteht für Volha Hapeyeva im Mangel an Empathie, wie es sich vor allem im Umgang mit Tieren ausdrückt. Gegenstand ihrer Kritik ist aber nicht nur das ausbeuterische Verhältnis der Menschen zur Natur, sondern auch eine Wissenschaft, die „keine Individualität duldet“, weil sie das Leben „maximal vereinheitlicht“ und „von Emotionen befreit“.
Das ist zwar durchaus richtig, aber auch ein wenig schlicht. Hapeyeva legt eben keine gesellschaftliche Analyse vor, sondern einen poetischen Gegenentwurf zur zweckbestimmten Ökonomie. Auch deshalb ist ihr Roman in einem mythischen Nirgendwo angesiedelt. Sie bringt darin ein zivilisatorisches Unwohlsein zum Ausdruck, erprobt aber noch nicht einmal ansatzweise Antworten auf die doch drängende Frage, woher Gewaltbereitschaft und Mitleidslosigkeit kommen.
Das Empathie-Serum, das die leicht verrückte Helga-Maria entwickeln möchte, um die Menschen damit zu imprägnieren, ist zwar eine hübsche Idee, wird aber wohl kaum die Lösung sein.

Jun 5, 2024 • 4min
Karl-Heinz Kohl – Neun Stämme. Das Erbe der Indigenen und die Wurzeln der Moderne
Stellt es nicht ein Hindernis für das wechselseitige Verstehen dar, wenn es nur noch den Angehörigen der eigenen Kultur erlaubt sein soll, über deren Geschichte und gegenwärtige Lebensformen zu forschen?
Quelle: Karl-Heinz Kohl – Neun Stämme. Das Erbe der Indigenen und die Wurzeln der Moderne
Was wie eine vorsichtige Anfrage an diejenigen klingt, die jegliche Beschäftigung mit dem Fremden unter den Verdacht ‚kultureller Aneignung‘ stellen, ist ein Plädoyer für die Anverwandlung des ursprünglich einmal Fremden und damit für eine Ethnologie, die sich mit Interesse und ohne Überheblichkeit den außereuropäischen Kulturen widmet.
In seinem Buch ‚Neun Stämme. Das Erbe der Indigenen und die Wurzeln der Moderne‘ plädiert der Ethnologe Karl-Heinz Kohl dafür, die Moderne nicht lediglich als ein europäisches Phänomen zu betrachten, das indigene Kulturen darauf reduziert, einer früheren Entwicklungsstufe anzugehören.
Wirklich auf Augenhöhe könne man indes – um nur drei indigene Völker zu nennen – den brasilianischen Tupinambá, den Bewohner/-innen von Palau und Tahiti oder den Hopi im Südwesten der USA begegnen, wenn man sie nicht darauf reduziert, die europäische Tradition zu spiegeln. Stattdessen geht es um ihre jeweils eigenen Weltsichten.
Émile Durkheim und Sigmund Freud entdecken das Eigene im Fremden
Und in diesen Weltsichten ist einiges zu entdecken, was geeignet ist, die Vertreter europäischer Kultur bescheidener werden zu lassen. So zeigt Kohl, inwiefern der Stamm der Irokesen das politische System der USA, dieser am längsten bestehenden Demokratie der Welt, beeinflusst hat:
Benjamin Franklin hatte sogar vorgeschlagen, den zunächst als Einkammersystem konzipierten amerikanischen Kongress in Analogie zum Großen Rat der Irokesen als Grand Council zu bezeichnen.
Quelle: Karl-Heinz Kohl – Neun Stämme. Das Erbe der Indigenen und die Wurzeln der Moderne
Und was die Gleichstellung der Frau angeht: die war bei den Irokesen seit jeher vorhanden, während in Europa so viele Jahrhunderte dafür gekämpft worden war. Aber nicht nur die Kultur nordamerikanischer Indigener lässt die Wurzeln der Moderne in einem neuen Licht erscheinen:
Die Kritik an dem das europäische Denken nicht erst seit Darwin dominierenden Evolutionismus entstand durch die Erforschung der elementaren Formen der Religion, zu der Émile Durkheim durch die Beschäftigung mit den australischen Aranda motiviert wurde – ein Jahr später veröffentlichte Sigmund Freud seine Studien über Totem und Tabu, um „auf einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker“ aufmerksam zu machen.
Die Öffnung des europäischen Blicks auf eine Welt-Kultur
Es geht in der Tat um Übereinstimmungen und nicht um Überlegenheiten – dass der Begriff des Wilden dem Freud’schen Zeitkolorit geschuldet ist, versteht sich von selbst. Wie aber verhält es sich mit dem Begriff ‚Stamm‘ – ist der nicht genauso despektierlich? Unmissverständlich macht der Autor deutlich, dass es sich keineswegs um eine Bezeichnung herablassender Europäer über andere Völker handelt:
Seine Verwendung gleich im ersten Satz der Weimarer Verfassung, die sich ‚das Deutsche Volk, einig in seinen Stämmen‘ im Jahr 1919 gab, zeigt, dass man es keineswegs allein auf die ‚Eingeborenenstämme‘ bezog.
Quelle: Karl-Heinz Kohl – Neun Stämme. Das Erbe der Indigenen und die Wurzeln der Moderne
Und waren es nicht die 12 Stämme Israels, deren Religion zu einem zentralen Bestandteil der europäischen Kulturgeschichte geworden ist? Karl-Heinz Kohl lässt keinen Zweifel daran, dass der Beitrag der von ihm vorgestellten neun Stämme auf den verschiedenen Kontinenten dieses Planeten zu einer Welt-Kultur ebenso hoch zu schätzen ist.
Aktuelle Debatten und die Ignoranz gegenüber anderen Erinnerungsspuren
Aber noch etwas wird an diesem Buch über die unbekannteren Wurzeln der Moderne deutlich – nämlich welche Wege und Irrwege manche aufgeregte Debatte unserer Tage geht: Neben der bereits angesprochenen Frage der kulturellen Aneignung geht es auch um die postkoloniale Wahrnehmung kolonialer Vergangenheit:
Die lange ignorierten deutschen Verbrechen an Nama und Herero bestimmen unseren Blick auf das frühere Deutsch-Südwest-Afrika und heutige Namibia; außereuropäische Kulturen nicht auf den Opferstatus zu reduzieren, vielmehr ihren Beitrag zur heutigen Gestalt einer Welt-Kultur zu zeigen, ist das Vorhaben dieses Buches – das ist gelungen!

Jun 4, 2024 • 4min
Andreas Kilcher – Kafkas Werkstatt
Wer noch glaubt, dass Autoren ihre Geschichten einfach so erfinden, bekommt von Andreas Kilcher eine klare Ansage: „Bücher entstehen aus Büchern. Literatur aus Literatur“. In diesem Sinn begreift der Literaturwissenschaftler Kafka als wandelndes Textverarbeitungssystem, dessen Schreiben genährt und katalysiert wird durch Lektüren vielfältiger Art: Mit seiner Studie „Kafkas Werkstatt“ will Kilcher…
… einem Kafka-Bild widersprechen, das sein Schreiben als schwierige, einsame und geniale Geburt eines Einzelgängers jenseits aller Kontexte versteht (…). Dagegen richtet das Verständnis von Kafkas Texten als Hypertexten den Blick auf die direkte sowie auch indirekte Verarbeitung von Gelesenem. Kafkas Texte erweisen sich dann förmlich als „Krypto-Konferenzen“, als mehr oder weniger verdeckte „Lektüreprotokolle“.
Quelle: Andreas Kilcher – Kafkas Werkstatt
Abgesehen davon, dass die Magie von Kafkas Sätzen nun wirklich nichts mit einem „Protokollstil“ zu tun hat, muss man fragen, wer eigentlich noch ernsthaft dem Bild vom einsamen Genies Kafka anhängt? Ist die ausufernde Kafka-Forschung nicht seit langem damit beschäftigt, vielfältige Kontexte an dessen Werke heranzutragen?
Wer oder was ist Odradek?
Wie auch immer, an Kafkas anderthalbseitiger Kurzgeschichte „Die Sorge des Hausvaters“ demonstriert Kilcher seine Methode. Sie handelt von einem kleinen, im Treppenhaus herumhuschenden Wesen, das aus Spulen, Fäden und Hölzchen zusammengesetzt ist und sich selbst mit raschelnder Stimme „Odradek“ nennt. Es richtet keinen Schaden an, ärgert den titelgebenden „Hausvater“ aber doch, weil so etwas Überflüssiges, Unzugehöriges, Zweckloses einfach hartnäckig fortexistiert.
Kilcher zeigt nun, wie in diesem kleinen Text vier Großdiskurse der Moderne vibrieren, mit denen sich Kafka als intellektuell wacher Zeitgenosse und Leser beschäftigte: die Psychoanalyse, der Marxismus, der Zionismus und der Okkultismus.
Kafka und der Zionismus
Die interessantesten Aufschlüsse bietet das profunde Kapitel über den Zionismus, mit dem sich Kafka stark beschäftigte. Er lernte Hebräisch und plante die Auswanderung nach Palästina. Die verfitzte Odradek-Gestalt lässt sich in diesem Zusammenhang lesen als Verbildlichung der jüdischen Selbstkritik am bodenlosen Diaspora-Judentum:
All die negativen Bestimmungen des Diaspora, die im zionistischen Diskurs auf zahlreichen publizistischen Kanälen zirkulierten, erscheinen in der Figur Odradeks kongenial verdichtet und verflochten: Odradek ist nicht kohärent, sondern ‚verfitzt‘, nicht verwurzelt, sondern ‚von unbestimmtem Wohnsitz‘, nicht tätig und produktiv, sondern untätig und zwecklos. Odradek ist mithin die syndromartige Ausgestaltung all dessen, was dem Zionismus am eigenen Judentum so unheimlich geworden war.
Quelle: Andreas Kilcher – Kafkas Werkstatt
Enzyklopädische Patchwork-Partituren
Aus anderthalb Kafka-Seiten entfaltet Kilcher gleichsam eine Enzyklopädie. Dabei geht es ihm weniger darum, im Stil der alten, detektivischen Quellenphilologie Einflüsse, Zitate und Paraphrasen exakt nachzuweisen. Sondern, viel unschärfer, um „Resonanzen“ und „Kraftfelder“, um „textuelle Energetik“, mögliche „Korrelationen“ und Motive in doppelter oder dreifacher Brechung. Um nichts Ein-deutiges, Ein-sinniges also. Vielmehr rühmt Kilcher Kafkas Werke als „heterogene Texturen“ und „Patchwork-Partituren“.
In sein Buch sind Jahrzehnte der Beschäftigung mit Kafka und seinen Kontexten eingeflossen. Kilchers Einblicke in Kafkas Werkstatt, wie er sie versteht, sind superklug und faszinierend. Aber fast tut einem der kleine Odradek leid. Wie der griechische Titan Atlas muss er hier eine ganze Welt der Diskurse und Bedeutungen stemmen.

Jun 3, 2024 • 4min
Thomas Lehr – Kafkas Schere
Thomas Lehr ist ein literarischer Verwandlungskünstler. Er kann packende realistische Romane genauso schreiben wie formal raffinierte, assoziationsgeladene Prosagebilde. Sein schmales Bändchen mit dem Titel „Kafkas Schere“ zeigt nun, dass er auch die kleine Form beherrscht.
Er hat „Zehn Etüden“ verfasst. Kafkas Texte sind per se ein ästhetischer Maßstab, und auch Thomas Lehr schärft an ihnen erkennbar seinen eigenen Stil. Die kurzen, brillanten, vielstimmigen Kompositionen in seinem Band haben alle etwas mit Themen und Motiven des großen Pragers zu tun.
Zehn brillante Texte, die Motive Kafkas aufgreifen
Man erkennt es sofort an der Atmosphäre, an der dunklen Grundstimmung, in der sich der Einzelne fremd fühlt und in eine undurchschaubare Umgebung hineingestellt sieht – und das alles in prägnanten, apodiktisch wirkenden Sätzen. Einmal etwa stürzen existenziell ausgesetzte Kletterkünstler hinab in ein tiefes, schwarzes Wasser, bis auf den Grund:
Von dort könnten sie, für Äonen auf dem Rücken liegend wie tote Kaiser, mit neuen, ungeheuren Augen versehen, zuschauen, wie sich die Kähne an der Oberfläche bewegten und mit welch anrührenden, arabesken Silberspuren ihre Kollegen von oben herab in die Namenlosigkeit einschlügen.
Quelle: Thomas Lehr – Kafkas Schere
Lehrs Etüden sind keine Geschichten, die sich nacherzählen ließen. Diese literarisch-philosophischen Grenzgänge entziehen sich den üblichen Begrifflichkeiten und Handlungsschemata. Und es sind nicht nur Künstlerfiguren, die der Autor aus dem Kafka-Kosmos in eine ganz eigene Gegenwart überführt.
Ein Lehrscher Etüden-Titel wie „Die Babylonischen Maulwürfe“ könnte auch über einem der klar konturierten, symbolisch aufgeladenen Prosatexte Kafkas stehen, und „Das Kinesische Zimmer“ scheint Vorstellungen Kafkas direkt weiterzuschreiben, der seine Phantasie gelegentlich bis in asiatische Wüsten und Mauern austreiben ließ.
Leere Weiten und hetzende Hunde
Die Verlassenheit in leeren Weiten, ein zentrales Kafka-Bild, formuliert Thomas Lehr einmal in einem dichten Tableau mit hetzenden Hunden aus, die letztlich aber ebenso verloren sind wie die Wesen, die von ihnen verfolgt werden und als ein namenloses „Wir“ sprechen.
Thomas Lehr findet im juristisch geschliffenen, kalten und scharf akzentuierenden Kafka-Ton auch neue Versionen klassischer Mythen. Sisyphos und Orpheus etwa werden zu Phantasmagorien einer ausweglosen Spätmoderne.
Jedes Mal entstehen ironische, abgrundtief lachende Kafka-Paraphrasen aus heutiger Perspektive. Lehr greift lustvoll in das Arsenal der Kafka-Obsessionen, spinnt sie bis in zeitgenössische Science-Fiction-Welten weiter. In der Etüde „Das Notizbuch“ geht Thomas Lehr auch der Bedeutung des Schreibens bei Kafka auf den Grund: Das Papier wird in all seinen Erscheinungsformen und Herstellungsprozessen benannt und bekommt eine ungeahnte Eigendynamik, saugt das Leben des Einzelnen förmlich auf, von der Geburt bis zum Tod:
In freundlicher Abstimmung mit der uns noch verbleibenden Zeit wählt das Zimmer die Geschwindigkeit, mit der es unser Dasein aufblättert, um es vorbeirauschen zu lassen, auf Wänden, Decke und Boden wie die Bilder der grandiosesten Achterbahnfahrt, angefangen beim Anblick jenes Lindenblatts, das aufbrach, uns zu suchen, und sacht auf den noch kaum gewölbten Bauch unserer Mutter fiel.
Quelle: Thomas Lehr – Kafkas Schere
Absurde Komik und existenzielle Leere
Direkt benannt wird Kafka nur einmal, in der titelgebenden Etüde „Kafkas Schere“. Die geheimnisvollen Bilder Kafkas, das ständige Changieren zwischen absurder Komik und existenzieller Leere sind hier spielerisch eingefangen, aber dabei glitzert und funkelt alles in großen sprachlichen Gesten. Der Band „Kafkas Schere“ ist leichtfüßig und tiefgründig zugleich. Er holt die großen Fragen des Prager Schriftstellers ein und überführt sie in ein irrlichterndes Heute.

Jun 2, 2024 • 16min
George Saunders: Tag der Befreiung
Saunders kehrt zu den Erzählungen zurück und hebt die Grenze zwischen Gegenwart und Zukunft auf. Befinden wir uns in einer Dystopie? Oder in einer grell verzerrten Gegenwart? Saunders Welt ist dunkel, aber noch nicht verloren.

Jun 2, 2024 • 16min
Claire Keegan: Reichlich spät
Claire Keegan ist eine Meisterin der kurzen Form. Kein Wort zuviel steht in ihren Erzählungen. Ihr neues Buch hat gerade einmal 60 Seiten. Keegan erzählt von einem Durchschnittsmann und von internalisierten Machtstrukturen.

Jun 2, 2024 • 1h 5min
SWR Bestenliste Juni mit Büchern von Salman Rushdie, George Saunders, Claire Keegan und Heinrich Steinfest
Warum das Unheimliche rätselhaft bleiben muss: Shirin Sojitrawalla, Denis Scheck und Jan Wiele diskutieren vier auf der SWR Bestenliste im Juni verzeichneten Werke im Mozartsaal des Schwetzinger Schlosses. Die düsteren Erzählungen von George Saunders, die in herausragender Übersetzung von Frank Heibert unter dem deutschen Titel „Tag der Befreiung“ erschienen sind, haben die Runde gleichermaßen beeindruckt und verstört.
Denis Scheck feiert Heinrich Steinfests Kunstroman, Detektivgeschichte und Familiendrama „Sprung ins Leere“, den Jan Wiele für zwar unterhaltsam, aber deutlich zu lang hält. Shirin Sojitrawalla zeigt sich begeistert von Claire Keegans Erzählung „Reichlich spät“, über dessen Kürze sich wiederum Denis Scheck freut. Jan Wiele kritisiert Keegans eindimensionales Erzählkonzept zum Thema „Misogynie“, kann der in Irland spielenden Geschichte aber mit der Perspektive des „touristischen Lesens“ durchaus etwas abgewinnen.
„Gedanken nach einem Mordversuch“ lautet der Untertitel von Salman Rushdies Memoir „Knife“, in dem er über das Attentat auf ihn im August 2022 berichtet. Ein wichtiges und ein intimes Buch, wie die Runde befand – selbst wenn es unter literarischen Gesichtspunkten – wie Scheck und Sojitrawalla meinen – nicht Rushdies bestes Buch sei. Jan Wiele verweist auf die vielen inhaltlichen und formalen Ebenen des Textes, von der freien Assoziation als schriftliche Eigentherapie, über essayistische Passagen bis zu fiktiven Dialogen mit dem Attentäter.
Aus den vier Büchern lesen Isabelle Demey und Dominik Eisele. Durch den Abend führt Carsten Otte.


