

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Jun 16, 2024 • 11min
Paula Irmschler – Alles immer wegen damals
Karla ist ein richtiger „Drinnie“: Am liebsten ist sie für sich, putzt, mistet aus und verbringt Zeit mit ihrer Freundin. Aber so einfach ist es nicht. Die Ausbildung in Köln lässt sie schleifen, ihre Freundin studiert weit weg in Leipzig und dann sind da noch die vielen Ticks und Neurosen, die Karla hat.
Und der Streit mit ihrer Mutti Gerda, mit der hat sie seit zwei Jahren nicht gesprochen. In „Alles wegen damals“ zeichnet Paula Irmschler eine komplizierte Mutter-Tochter Beziehung und entlarvt den „Ostfrauen-Mythos“ auf liebevolle Weise.

Jun 16, 2024 • 6min
Hiroko Oyamada – Das Loch
Ich bin mit meinem Mann hierher aufs Land gezogen
Quelle: Hiroko Oyamada – Das Loch
– so beginnt der Roman „Das Loch“ von der japanischen Autorin Hiroko Oyamada. Doch von Idylle keine Spur. Vielmehr entpuppt sich das Landleben für die 30-jährige Asahi als ein Mix aus zu viel Tagesfreizeit und bizarren Zwischenfällen. Eine mäandernde Sommergeschichte, zwar knapp gehalten, aber ohne zwingende Dramaturgie.
Das beginnt schon damit, dass Asahi gemeinsam mit ihrem Mann in ein Haus zieht, das neben dem seiner Eltern steht. Bloß war ihr dieses Haus vorher nie aufgefallen. Stand es wirklich schon früher da? Und warum wurde ihr nie erzählt, dass ihr Mann einen älteren Bruder hat, der im Gartenhaus wohnt, ein Hikikomori-Einsiedler? Oder bildet sie sich diesen Bruder bloß ein? Und was arbeiten ihre Schwiegereltern eigentlich? Ständig sind sie weg.
Meinem Schwiegervater war ich noch nicht so oft begegnet. Er war zu unserer Verlobungsparty und zur Hochzeit gekommen. Ich hatte ihn auch im Sommer zu Obon gesehen und als wir Neujahr zu Besuch gewesen waren, aber ich hatte keinen richtigen Eindruck von ihm, da meist meine Schwiegermutter die Unterhaltung bestritt. Er war längst im Rentenalter, aber in irgendeiner Funktion arbeitete er noch, vielleicht in einem Aufsichtsrat.
Quelle: Hiroko Oyamada – Das Loch
Reimt sich Asahi zusammen. Sie weiß kaum, wie der Schwiegervater aussieht, was an die groteske Erzählung „Feierabend“ des Koreaners Cheon Myeong-kwan erinnert (zu finden in der Zeitschrift „Krachkultur“). Darin lebt ein Familienvater nur noch im Büro und im Restaurant. Sein Sohn denkt, er habe die Familie vor vielen Jahren verlassen, doch es ist anders: Papa hat einfach bloß nie Feierabend.
Desperate Housewife Asahi kennt ihren Ehemann kaum
Auch desperate housewife Asahi weiß nicht genau, was ihr Mann tagsüber tut, wo er arbeitet und was er ständig am Handy tippt, wenn er denn mal zuhause ist. Sie fragt auch nicht nach. Überhaupt fragt keiner keinen irgendwas. Von einem Antrittsbesuch bei den Nachbarn rät die Schwiegermutter der zugezogenen Asahi ebenfalls ab: Die Nachbarn haben bestimmt anderes zu tun.
Gelegentlich werden Hiroko Oyamadas Kurzromane mit Kafka verglichen, an dessen 100. Todestag gerade weithin erinnert wurde. „Das Loch“ ist ihr erster Roman auf Deutsch. Auf Englisch gibt es außerdem „The Factory“ – über den Alltag in einer immensen Fabrik – und „Weasels in the Attic“ – über ein abgeschiedenes Haus in den Bergen mit Wiesel-Plage.
Am Kafka-Vergleich ist was dran, denn auch Oyamadas Figuren verstehen ihre Umgebung nicht, sind Arbeits- und Familienstrukturen oft ungut unterworfen. Allerdings fehlt ihnen dabei das Verzagte, Gequälte, das Kafkas Figuren oft haben. Oyamada schreibt Grusel ohne Schrecken.
Ich fiel in ein Loch. Ich fiel mit den Beinen zuerst und landete mit beiden Füßen auf dem Boden. Erstaunt blickte ich in das Schilf, das nun auf Augenhöhe stand, aber das Tier war darin verschwunden, eine Weile raschelte es noch, dann hörte ich nichts mehr. Direkt neben meinem Gesicht sprang ein Schnellkäfer aus dem Grün hervor. […] Schmerzen hatte ich keine. Das Loch reichte mir bis zur Brust, es musste etwa einen Meter tief sein. Ich passte gerade hinein, so eng war es, um mich herum war kaum Platz. Es war wie geschaffen für mich.
Quelle: Hiroko Oyamada – Das Loch
Von wilden Hunden und grölenden Kindern
Es ist ein schwarzes Tier, dem sie neugierig folgte. Hundeähnlich. Kein Zufall, dass es ausgerechnet am Fluss entlangläuft und dass sich dort auch das Loch befindet. In Oyamadas Geschichten spielen Flüsse eine besondere Rolle.
Auch im Roman „The Factory“ fließt ein belebender Fluss durchs Firmenareal, und in ihrer eigens für das internationale literaturfestival berlin 2021 geschriebenen Geschichte „Das Biotop“ wird aus einem künstlichen Dachgarten-Geplätscher ein reißender Strom. Im Roman „Das Loch“ nun herrscht am Fluss fröhliche Anarchie. Wuchernde Pflanzen, zirpende Insekten – und auch viele Kinder, deren Haarschöpfe nicht zufällig an das rätselhafte Tier erinnern.
In dem Gebüsch am Deich zeigte sich hier und dort etwas Schwarzes und verschwand wieder. Es waren die Köpfe von noch mehr Kindern. Hatten sie keine Angst, sich an dem Schilf zu schneiden? Oder vor Zecken? Inmitten dieser Festung aus Gewächsen, die sie um einiges überragten, spielten sie ein Spiel, dessen Regeln ich nicht durchschaute. Ab und zu sprang eins der Kinder aus dem Dickicht hervor und schrie etwas, worauf die anderen Kinder vor Lachen grölten.
Quelle: Hiroko Oyamada – Das Loch
Zuhause bei Mama und Papa
Wüst sind diese Kinder, auch weil sie ständig irgendwas mampfen oder sich im 7-Eleven-Supermarkt breit machen und alle Mangas kostenlos lesen. Die kinderlose Asahi ist befremdet und fasziniert zugleich. Einerseits ist sie eine dieser typischen japanischen Frauenfiguren, die wenig entscheiden und meist zuhause bleiben.
Yoko Ogawa, Mieko Kawakami und Sayaka Murata sind bekannt für Rückzugsromane dieser Art. Aber auch die Koreanerin Cho Nam-Joo hat mit „Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah“ gerade wieder einen Roman über eine junge Frau geschrieben, die nicht arbeiten, sondern lieber bei ihren Eltern bleiben will. Hiroko Oyamadas Erzählerin rafft sich schließlich doch noch auf und sucht sich einen Job als Verkäuferin mit Laden-Uniform.
Eine farblose Wendung. Wie die Autorin auch aus dem schwarzen Tier, dem versteckten Schwager und den wilden Kindern mehr hätte machen können. Da fehlt es noch an Dramaturgie. Dennoch bezaubern ihre fantasievoll-fluiden Texte, denn sie erzählen den Übergang zwischen gebändigter und ungezähmter Natur. Sie überraschen in ihrer poetischen Bildlichkeit, und man kann sie auch als einen Kommentar auf den ökologischen Zustand unserer Welt lesen.

Jun 13, 2024 • 4min
Tara Zahra – Gegen die Welt: Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit
Stefan Zweig, der Kosmopolit, verstand die Welt nicht mehr:
Vor 1914 hatte die Erde allen Menschen gehört. Jeder ging, wohin er wollte, und blieb, solange er wollte. […] Man stieg ein und stieg aus, ohne zu fragen und gefragt zu werden, man hatte nicht ein einziges von den hundert Papieren auszufüllen, die heute abgefordert werden.
Quelle: Tara Zahra – Gegen die Welt: Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit
Mit diesem Auszug aus Zweigs Autobiographie „Die Welt von Gestern“ beginnt Tara Zahra ihr Buch „Gegen die Welt“, ihre Geschichte über „Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit“. Doch die Historikerin interessiert sich nur einleitend für die Perspektive des österreichischen Schriftstellers.
Erste „Globalisierung“ verschärft Ungleichheiten massiv
Im Zentrum ihrer Analyse steht viel mehr das, was Zweig und andere fortschrittsgläubige Internationalisten auf ihren Oberdecks nicht sahen: Nämlich die Ausbeutung und Drangsalierung der Reisenden in den Unterdecks.
Vor dem Ersten Weltkrieg konnten Zweig und [John Maynard] Keynes vor allem deshalb frei von bürokratischen Hindernissen durch die Welt reisen, weil sie wohlhabende, gebildete, weiße Europäer waren. […] Die Welt hatte vor 1914 durchaus nicht allen gehört, wohl aber Menschen wie Keynes und Zweig.
Quelle: Tara Zahra – Gegen die Welt: Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit
Die erste „Globalisierung“, die massive Ausdehnung von Welthandel und Arbeitsmigration im späten 19. Jahrhundert, hatte ihre Gewinne höchst ungleich verteilt, schreibt Zahra, und dabei enormen Unmut auf sich gezogen. Die Versorgungskrise durch den lahmgelegten Welthandel während des Ersten Weltkriegs verschärfte insbesondere in Mitteleuropa das Misstrauen gegen die wirtschaftlichen Abhängigkeiten. Die Spanische Grippe mit ihren Millionen von Toten ließ Einwanderung auf einmal als öffentliches Gesundheitsrisiko erscheinen. Der Quarantänezustand, einmal eingeübt, blieb aufrecht. Und die Weltwirtschaftskrise gab dem geschwächten System der internationalen Zusammenarbeit den letzten Rest.
Antiglobalistische Bewegungen beginnen an der Basis
Tara Zahra interessiert sich weniger für die viel beschriebenen ideologischen Kämpfe dieser Zeit. Ihr Fokus liegt auf dem Rückzug von der Welt, der in allen politischen Lagern schlüssig erschien. Ob im faschistischen Italien, im konservativen Österreich oder in den USA unter Roosevelt: Allerorts verfolgten Regierende eine Strategie der nationalen Souveränität, der Selbstversorgung, der „inneren Kolonisation“ und der massiven Beschränkung von Zu- und Abwanderung. Sie reagierten damit laut Zahra auf Druck aus dem Volk.
Antiglobalistische Bewegungen beginnen typischerweise an der Basis, mit aus der Masse kommenden Forderungen nach Land, nach Nahrung oder nach einer Entlastung von der Instabilität und Ungleichheit, die mit der Weltwirtschaft assoziiert werden.
Quelle: Tara Zahra – Gegen die Welt: Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit
Fast überall scheiterten die Versuche einer nationalen „Autarkie“ kläglich, urteilt Zahra, wenn sie nicht gar, wie im Fall Nazideutschlands, in einen beispiellosen Vernichtungskrieg um sogenannten Lebensraum mündeten.
Irritierende Parallelen zum Heute
Über die Biographien sehr unterschiedlicher Persönlichkeiten – vom tschechischen Schuhmogul Tomáš Baťa bis zur New Yorker Krankenschwester Lilian Wald – nähert sich die Autorin dieser Ära der „Deglobalisierung“, die uns irritierend vertraut erscheint. Zahra macht keinen Hehl daraus, dass die Phänomene und Entwicklungen der Gegenwart – Trump, Brexit, Flüchtlingskrise, zuletzt Covid -– ausschlaggebend für ihr Erkenntnisinteresse waren.
Die Vergangenheit soll uns helfen, die Gegenwart besser zu verstehen. In diesem Fall war ich jedoch eher überrascht, wie sehr die Gegenwart meine Sicht der Vergangenheit veränderte. […] Ich hoffe, dieses Buch wird einiges Licht auf die Vergangenheit und die Gegenwart werfen und seine Erkenntnisse reichen über den Augenblick hinaus, in den sie so eindeutig eingebettet sind.
Quelle: Tara Zahra – Gegen die Welt: Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit
Erkenntnisreich ist dieses Buch. Aber nicht nur das. Die originelle Konstruktion und Zahras prägnante Sprache verleihen dem schwierigen Stoff und der komplexen Argumentation eine wundersame Leichtigkeit. Dem Sog dieser großen, weltumspannenden Erzählung kann man sich nicht entziehen.

Jun 12, 2024 • 4min
Dorothy Parker – Unbezwungen Gedichte Englisch - Deutsch
Dorothy Parker ließ nur selten eine Rechnung offen. Und da sie sich schon mit siebzehn als Dichterin einen Namen gemacht hatte, zahlte sie vornehmlich mit Worten, am liebsten pointiert, witzig und gerne ätzend. Kaum hatte ihre erste Ehe mit einem Börsenmakler genügend Risse bekommen, brachte sie ihre Verachtung für das Geld und seine Besitzer in lustigen Versen zum Ausdruck.
Wer dem Mammon hörig ist, Muss ein armes Hascherl sein, Geld ist letztlich großer Mist - Trichter das dem Krämer ein.
Quelle: Dorothy Parker – Unbezwungen Gedichte Englisch - Deutsch
Chronistin des Jazz Age
Dorothy Parker brachte den Zeitgeist der Zwanziger Jahre mit all seinem Glanz auf den Punkt und markierte zugleich mit spitzer Feder seine komischen und bitteren Seiten. Ihre verstreut in Zeitschriften veröffentlichten Gedichte, die nun unter dem Titel „Unbezwungen“ in einem Band versammelt sind, stammen aus den Jahren 1916 bis 1938.
Dem meist spöttischen Blick der Schriftstellerin entging kaum etwas, gleich, ob es sich um Alltagsgeschwätz, Kulturfehden, den Lifestyle der Reichen und Eingebildeten oder den neuen kessen Frauentyp der Flapper mit Bubikopf und kurzen Röcken handelte.
Der Flapper stellt verspielt sich dar, Bildschön und singulär. Sie ist nicht mehr, wie Oma war - Eher denkt man, au contraire. Witz, Geist und Abgründe der Melancholie
Quelle: Dorothy Parker – Unbezwungen Gedichte Englisch - Deutsch
Obwohl nicht alle über ihre Witze lachen konnten, wurde Parkers Ruhm mit dem Superlativ „die geistreichste Frau Amerikas“ gekrönt. Allerdings spielte ihr Humor oft ins Tiefschwarze hinein, genauso wie ihre Melancholie sich mehr als einmal zu Selbstmordversuchen steigerte. Ihr Liebesleben war bewegt und stürzte sie oft genug in einen Tumult aus Glück und Unglück. Das schärfte ihr Gespür für Liebesqualen jeder Art.
Hab ich's mit meiner Technik versiebt? Das frage ich mich bis ins Grab. Schlau bin ich, schwach und schnell verliebt - Warum krieg ich keinen Lover ab?
Quelle: Dorothy Parker – Unbezwungen Gedichte Englisch - Deutsch
Ulrich Blumenbachs Übersetzung ist eine Gratwanderung. Es ist bestimmt richtig, dass er die Reimformen erhalten hat, die für Tonlagen und Rhythmus entscheidend sind. Für diese schwierige Aufgabe hat er oft gute Lösungen gefunden, nicht selten aber knirscht es im Klangbild und im Bedeutungsgefüge recht vernehmlich. Doch da die Gedichte zweisprachig abgedruckt sind, lässt sich das verschmerzen.
Abrechnung mit allem und jedem
Das ganze Spektrum von Parkers Lust an satirischen Abkanzelungen ist in ihren explizit so genannten „Hassversen“ zu bewundern. Da bleibt nichts und niemand verschont, egal ob es sich um Frauen, junge Männer, schlaue Bücher, Partys oder Ferienparadiese handelt.
In der Regel loben die Gäste die Landschaft über den grünen Klee Und haben nur Gutes über die Luft zu sagen. - Sie können sie geschenkt haben. Ich hasse Ferienparadiese; sie verhageln mir den Urlaub.
Quelle: Dorothy Parker – Unbezwungen Gedichte Englisch - Deutsch
Es ist erstaunlich und amüsant, wie viele Parallelen zwischen den rasanten Modernisierungen von damals und heute in diesen Gedichten sichtbar werden. Parkers Daseinsgefühl mit all seiner Überreiztheit und Verletzlichkeit lässt sich auch aus gegenwärtiger Sicht sehr gut nachempfinden.

Jun 11, 2024 • 4min
Tanja Raich (Hg.) – Frei sein. Das Ringen um unseren höchsten Wert
Im Vorwort schreibt die Herausgeberin Tanja Raich:
Freiheit. Es ist ein Wort, das beschadet und beschmutzt ist, das an den mörderischen Hohn im KZ erinnert, rechter Kampfbegriff geworden ist, Parole für jeden noch so kleinen Anlass, selbst wenn es um einen Impfstoff oder um die Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn geht, ist am Ende wieder von Freiheit die Rede. (…)
Quelle: Tanja Raich (Hg.) – Frei sein. Das Ringen um unseren höchsten Wert
Freiheit. Das ist dieses Wort, das trotz allem treffend formuliert, wofür wir kämpfen müssen und wofür es sich zu kämpfen lohnt.
Möglichkeiten und Abgründe von Freiheit
Das nimmt einen sofort ein für diesen Band: dass jemand nicht nur die Möglichkeiten sieht, sondern auch die Abgründe, die sich hinter diesem großen Wort „Freiheit” verbergen.
Für die Sammlung hat Tanja Raich 20 Menschen eingeladen, darüber zu schreiben, was für sie „frei-sein“ bedeutet.
Es sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller dabei: Anna Kim, Franziska Hauser oder Deniz Utlu und Autoren und Autorinnen, wie Çigdem Akyol oder Linus Giese, die bisher mit Sachbüchern aufgefallen sind, aber auch Künstlerinnen, wie Sophia Süßmilch, die vor allem bildnerisch arbeitet, oder Aktivist*innen, wie Marlene Engelhorn.
Diese Mischung ist einerseits gut, weil sie ein breites Spektrum an Haltungen, Geschlechtern, Klassenzugehörigkeiten und Herkünften abdeckt; aber die Ausdruckskraft, die Stringenz, die Zuspitzung der Texte ist dementsprechend heterogen. Maßgeblich auch die Qualität.
Franziska Gänsler etwa schreibt ihren sehr persönlichen Essay Horse Power als wilden Ritt durch Literatur, Kino, Kunst, Kindheitserinnerung, Mutterschaft, Träume und Psychoanalyse, und irgendwie geht nichts zusammen – aber doch alles, weil sie eine gute Schriftstellerin ist, die unter dem Motto Freiheit & Kraft ihre eigenen Möglichkeiten als Frau auslotet, die im Traum auch ein Hengst sein kann.
Freiheit in verschiedensten Kontexten
Überhaupt sind die Motti, die jedem Text angefügt sind, eine schöne Sache für den Band. Sie weisen von vornherein eine Spur, was man erwarten kann, wenn man diesen oder jenen Text liest: Freiheit & Meinung, Freiheit & Körper, Freiheit & Queerness, Freiheit & Hoffnung.
Die Kulturwissenschaftlerin Madita Oeming analysiert in ihrem Essay Pseudo-selbstbestimmt den Zusammenhang von Freiheit & Sex:
Was ist weibliche Freiheit?
Oeming befragt die Rolle der Frau in der Gesellschaft, in der wir gerade leben, sie fragt danach, wie Sprache unsere Rolle bestimmt, wie das Patriarchat es tut, aber auch danach, warum selbst Frauen die Sexualität von Frauen in gut und böse einteilen. Sie fragt, was der Feministische Blick gebietet und verbietet. Sie analysiert ihre Rolle als „weiße, akademisierte, heterosexuelle, nicht behinderte und also die privilegierteste aller Frauen“ und kommt doch zu dem Schluss: Sexuelle Freiheit geht anders.
Ein wenig schade ist der verschenkte einladende Satz ihres Essays, „Ich musste sechsunddreißig Jahre alt werden, um zum ersten Mal halbwegs befreiten Sex zu haben“, der natürlich die Erwartung schürt, dass wir etwas darüber erfahren: wie befreiter Sex für sie geht, und wie es ihr gelang, dorthin zu kommen. Das tun wir nicht.
Trotzdem gibt dieser Band einen sehr guten Überblick zu Fragen und Themen, die in diesen Zeiten unter den Nägeln brennen, wenn ernsthaft darüber nachgedacht wird, wo und warum „Freiheit” so viel zählt und wir Menschen uns noch entwickeln können, als Individuen und als Gesellschaft.
Da geht noch was, verstehen wir, und fühlen uns bisweilen ziemlich angeregt, über uns selbst nachzudenken.

Jun 10, 2024 • 4min
Gabriel Garcia Márquez – Wir sehen uns im August
Jedes Jahr am 16. August setzt Ana Magdalena mit der Fähre zu der Karibik-Insel über, auf der ihre Mutter begraben liegt. Sie steigt jedes Mal im ältesten der Touristenhotels ab, kauft einen Gladiolenstrauß und fährt mit einem Taxi zum armseligen Friedhof. Nachdem Ana Magdalena die Blumen auf den Grabstein gelegt hat, erzählt sie der Mutter die Neuigkeiten aus ihrem Leben. Dann fährt sie wieder ins Hotel, wo auf dem Nachttisch bereits der Klassiker wartet, den sie gerade liest. Am nächsten Tag kehrt sie in die Stadt zurück – zu ihrem Ehemann, mit dem sie seit fast dreißig Jahren verheiratet ist.
Mit einem dieser routinemäßigen Insel-Besuche der kultivierten Mittvierzigerin beginnt „Wir sehen uns im August“, der posthum veröffentlichte Roman des 2014 verstorbenen Gabriel García Márquez. Anders als sonst, sucht Ana Magdalena dieses Mal plötzlich das Abenteuer. Abends, in der Hotelbar, wirft sie einem Unbekannten tiefe Blicke zu. Sie stoßen an, unterhalten sich.
Und dann fühlte sie sich stark genug, den Schritt zu tun, der ihr in ihrem ganzen Leben nicht einmal im Traum eingefallen wäre, und sie tat ihn ungeniert: „Gehen wir hinauf?“. Er hatte nicht mehr das Heft in der Hand. „Ich wohne nicht hier“, sagte er. Sie fiel ihm ins Wort, sagte „Ich aber“ und stand auf, schüttelte gerade mal ihren Kopf, um ihn zurechtzurücken. „Zweiter Stock, Zimmer zweihundertdrei, rechts von der Treppe. Nicht klopfen, nur die Tür aufdrücken.
Quelle: Gabriel Garcia Márquez – Wir sehen uns im August
Damit beginnt eine Liebesnacht, die Ana Magdalena bisheriges Leben einer angepassten Ehefrau und Mutter verändern wird. Fortan erwacht bei jeder ihrer Reisen auf die Insel eine unbezähmbare Lust auf außereheliche Affären. García Márquez, dem begnadeten Erzähler, gelingt es mühelos, dass wir uns Ana Magdalena vorstellen können: wie die reife, attraktive Frau in der Hitze der Insel aufblüht und erwartungsfroh die Lokale des Urlaubsorts aufsucht.
Der Literatur-Nobelpreisträger beschreibt seine Romanfigur mit warmherzigem Blick. Gespannt und amüsiert begleiten wir sie bei ihrer verwegenen Suche nach sinnlichen Erlebnissen. Man könnte diese als erotische Phantasie eines alternden Autors abtun, das wäre aber zu kurz gegriffen. Es ist interessant, dass García Márquez versucht, sich in eine Frau einzufühlen, die eine Art Midlife Crisis durchlebt – und sich sexuell so ausleben will, wie es oft eher die Männer tun.
Warum genau allerdings seine Heldin nach vielen Jahren ehelicher Treue plötzlich die Moral über den Haufen wirft, das überlässt García Márquez weitgehend der Interpretation der Lesenden. Dass wir über Anna Magdalenas Beweggründe und über ihre Ehe nicht mehr erfahren, ist eine Schwäche des Romans. Weniger schlimm ist hingegen, dass es ihren Liebhabern, die wie skizziert wirken, an Tiefenschärfe fehlt.
Ob „Wir sehen uns im August“ veröffentlicht werden sollte, daran schieden sich schon vor dem Erscheinen die Geister. Der Vorwurf, hier solle mit einem minderwertigen, viel zu kleinen Text des großen Schriftstellers Geld gemacht werden, blieb nicht aus. García Márquez hatte die Geschichte ursprünglich als Teil eines größeren Werks geplant, das erklärt ihre Kürze.
Natürlich reicht der Roman nicht an opulente Meisterwerke wie „Hundert Jahre Einsamkeit“ mit ihrer bildgewaltigen Sprache heran – der Vergleich macht auch nicht viel Sinn. Gabriel García Márquez schrieb an dem Text auch noch, als seine geistigen Kräfte bereits nachließen. Die Sprache ist schlichter, im Aufbau gibt es kleine Inkonsistenzen. Dennoch bietet das Buch eine kurzweilige Lektüre – und ist ein origineller Beweis dafür, dass es den Autor in fortgeschrittenem Alter umtrieb, über veränderte Geschlechterbeziehungen zu schreiben.

Jun 9, 2024 • 2min
Marlen Haushofer - Die Wand
Plötzlich ist da diese unsichtbare Wand in der Welt. Die Erzählerin im Erfolgsroman „Die Wand“ von Marlen Haushofer (1920-1970) ist mit ihrer Cousine und deren Ehemann in die Berge erfahren. Als die beiden aus einem Wirtshaus nicht zurückkehren, geht sie sie suchen und stößt dabei gegen eine Wand, die sie nicht überwinden kann und hinter der alle Menschen wie erstarrt wirken. Mit der Zeit lernt die Erzählerin, sich diesseits der Wand selbst zu versorgen, und sie kümmert sich auch zunehmend um die Tiere, die ihr zulaufen. Der Roman erschien 1963 und wurde später mit Martina Gedeck in der Hauptrolle verfilmt (2012).
Die junge Schriftstellerin Deniz Ohde liest „Die Wand“ immer wieder. Auf SWR Kultur empfiehlt sie diese Geschichte, die darüber nachdenkt, „dass wir zwar vergänglich, zugleich aber dazu gezwungen sind, zu lieben und uns zu sorgen“. Und: „Er stellt die Frage, ob wir diesen Weg der Liebe gehen oder nicht.“
Die Autorin Deniz Ohde (*1988) wurde bekannt mit ihren Romanen „Streulicht“ und „Ich stelle mich schlafend“.

Jun 9, 2024 • 6min
Elias Hischl – Content
Ein Aufenthaltsstipendium in Dortmund kann tiefe Spuren im Literatengemüt hinterlassen. Vor allem, wenn man anderes gewohnt ist, Wien zum Beispiel. Der gebürtige Wiener Elias Hirschl, Jahrgang 1994, lässt in seinem jüngsten Roman „Content“ mit spürbarem Vergnügen am Exotischen die Reize einer von der Kohle- und Stahlindustrie in die Mangel genommenen und für immer gezeichneten Landschaft spielen.
Riesenbagger und verlassene Produktionsstätten allenthalben, versinkend in einem toxischen Untergrund voller Löcher und Schächte, die mit Wasser volllaufen, weil auch die sogenannten Ewigkeitspumpen nicht ewig arbeiten. Jedenfalls, wenn eine Kommune kein Geld mehr für den Weiterbetrieb aufwenden kann. Der Name des posturbanen Konglomerats: Staublunge.
Was das ganze Internet verstopft
Aber hey, man muss auch das Positive sehen! Wo, wenn nicht in solchen Gefilden jahrzehntelangen Verfalls haben mutige Start-ups und sinistre Investoren derart viel Auslauf und werden von der Kommunalpolitik so freudig willkommen geheißen?
Die Pressekameras klicken, und der Bürgermeister steht in seinem zu groß geschnittenen Anzug vor den weiß glänzenden Toren des Logistikzentrums. Als er das rote Samtband mit der comichaft riesigen Schere durchtrennt, grinst er mit dem Selbstbewusstsein eines schüchternen Jungen, dem der Schulfotograf gesagt hat, er soll jetzt mal so richtig fröhlich lächeln. Er sagt, er war selten so stolz auf seine Gemeinde. Ich trete die Zigarette aus und schreibe einen Artikel über zehn Prominente, die wir im neuen Jahr vermissen werden.
Quelle: Elias Hirschl – Content
Die Ich-Erzählerin, die hier ins Spiel kommt, verdient ihren Lebensunterhalt nämlich mit dem Verfassen von Listicles. Solche in Listenform aufgeführten Pseudofakten über garantiert wirksame Haushaltstricks, schlimmste Reiseziele, unglaublichste Ufo-Sichtungen oder eben Promi-Skandälchen waren mal als angeblich Internet-taugliche Form von Journalismus gedacht. Mittlerweile wird von Content-Schrott wie diesem nicht nur Social Media verstopft, sondern das komplette Netz.
Handys zerquetschen, Clicks generieren
Die namenlos bleibende Erzählerin ist Anfang, Mitte dreißig und träumte mal von einem kreativeren Broterwerb, so wie all ihre Kollegen, die auf derselben Etage einer ehemaligen Zeche Clickbait-Material produzieren: Youtube- und TikTok-Filmchen von Nokia-Handys etwa, die in Hydraulikpressen zerquetscht werden, mit post-ironischer Meta-Ebene, versteht sich. Andere denken sich Trends aus, die viral gehen sollen, irgendwas mit Kuchen, die wie Gegenstände aussehen – und umgekehrt. Alles im Auftrag einer geheimnisvollen Firma namens Smile Smile Inc. mit Sitz auf Zypern.
Der traurige Witz an der Texterei der Ich-Erzählerin ist, dass ihre liebevoll zusammengegoogelten Listicles niemals, wirklich niemals so veröffentlicht werden, wie sie sie geschrieben hat, weil eine Fülle von Kontrollebenen daran herumoptimiert. Ihre Kollegin hält das nicht aus, legt irgendwann statt eines Handys die eigene Hand in die Hydraulikpresse und ist dann länger krankgeschrieben. Wie sich herausstellt, eine glückliche Wendung für die Kollegin, deren Twitter-Aktivitäten in eine Fernsehkarriere als Late-Night-Gagschreiberin münden.
Die Fallhöhe zwischen dem Verlust einer Hand und dem überraschenden Aufstieg ist eine der satirischen Pointen, mit denen Hirschl gern arbeitet – ein Exempel des turbokapitalistischen Versprechens, man könne alles erreichen, wenn man nur fest an sich glaube und hartnäckig dranbleibe, und zugleich dessen Demontage.
Die Doppelgängerin macht Influencer-Karriere
Die Ich-Erzählerin muss derweil feststellen, dass sie Opfer eines umfassenden Identitätsdiebstahls geworden ist und eine frischere Version ihrer selbst sich all ihrer Social-Media-Konten bemächtigt hat.
Ihr Instagram-Account hat in letzter Zeit ordentlich an Followern zugelegt. Ich bin offenbar diverse Verträge mit Sponsoren eingegangen, deren Produkte ich jetzt auf Instagram und TikTok ausprobiere und weiterempfehle. Anscheinend lebe ich in einem Loft mit Dachterrasse, meistens aber in Wellnesshotels, Thermen, japanischen Onsen, Sponsoren in meinem Gesicht, Sponsoren auf meiner Haut, Sponsoren unter meinen Füßen, die Wände um mich herum zeigen weitere Sponsoren.
Quelle: Elias Hirschl – Content
Während die Doppelgänger-Inszenierung durchgezogen wird bis zum bitteren Ende, wird die reale Stadt da draußen, die ganze Staublunge, mitsamt den gefluteten Wohngebieten, den einstürzenden Industriebauten und Logistikzentren von sich häufenden Erdbeben erschüttert.
Aus der Entsprechung von inneren und äußeren Implosionen gewinnt Elias Hirschl tatsächlich eine Menge fesselnden Content. Immer neue Einfälle zieht er aus dem Fundus seiner Gegenwartsbeobachtung heraus wie ein Zauberer die Kaninchen aus dem Zylinder.
Es gibt einen Journalisten, der hinter der Content-Schmiede Smile Smile Inc. die Chinesen, die Russen oder noch viel Schlimmeres vermutet, einen jungen Gründer, der unverzichtbare öffentliche Institutionen bis hin zur Feuerwehr reihenweise in dysfunktionale Start-ups verwandelt, streikende Fahrradkuriere, die flugs gefeuert und durch Drohnen ersetzt werden.
Zwischen Amüsement und innerem Haareraufen
Vieles davon mag zunächst völlig übertrieben scheinen – bis man sich den Umgang von Streaming-Plattformen mit Urhebern oder die Geschäftsmodelle von Lieferdiensten in Erinnerung ruft. So schwankt man lesend zwischen Amüsement und innerem Haareraufen angesichts der rasenden digitalen Verblödung, deren Folgen hier sichtbar werden: Je mehr Bildschirmzeit mit Stuss verbracht wird, desto besser für diejenigen, die ungestört ihren Geschäften nachgehen wollen.
Elias Hirschls Roman liefert weder eine tiefgründige Handlung noch stilistische Höhenflüge. Im Gegenteil, auf weite Strecken bedient er sich genau der Normcore-Sprache seiner Generation der Millennials. „Content“ ist ein Spiel mit den Klischees unserer durchdigitalisierten Welt – keine große Literatur, aber eine immer wieder witzig auf den Punkt gebrachte Kapitalismuskritik 2.0.

Jun 9, 2024 • 6min
Hari Kunzru – Blue Ruin
Ein Gesellschaftsroman in der Pandemie
Vor 20 Jahren hatte Jay in London eine große Künstlerkarriere vor sich, jetzt wohnt er in den USA, ist desilluioniert, ein Wrack, Treibgut des Lebens, von seelischen Narben gezeichnet und von Covid geschwächt. Ohne Wohnung, lebt er in seinem Auto, verdient ein paar Dollar und liefert Lebensmittel in ein hochgesichertes Anwesen im Wald Upstate New York. Plötzlich steht Alice vor ihm, seine große Liebe, die ihn damals mit seinem besten Freund Rob verließ und nun in der Luxusvilla wohnt. Die Reiche und der Lieferant, ein unangenehmes Zufallstreffen.
Ich ging zurück zum Auto und versuchte, mir im Klaren darüber zu werden, was los war, wie diese Frau sich plötzlich wie eine Jalousie vor meine Erinnerung legen konnte. Zwanzig Jahre später war aus der dürren Kettenraucherin von früher die Herrin eines Märchenreichs geworden. - Jay? Ich wollte nur noch, dass der Moment vorbeiging. Einfach wegfahren und nicht mehr an sie denken.
Quelle: Hari Kunzru – Blue Ruin
Mit seinem filmischen Erzählen, versetzt Hari Kunzru im Nu in die klaustrophobische dunkle Szenerie im Wald, fern von New York, wo Pandemie und Panik herrschen und Polizeihub-schrauber die Demonstranten überwachen, wie es Hari Kunzru selbst im Lockdown erlebte.
New York mit all den Protesten in der Nachbarschaft fühlte sich an wie eine belagerte Stadt, das Land wurde zum Überwachungsstaat. Das Leben in den Wäldern von Up State New York, ohne Masken, schien dagegen wie unwirklich.
Quelle: Hari Kunzru – Blue Ruin
Käuflichkeit als Symptom der Zeit
Alice, Rob und zwei Künstlerfreunde begegnen sich wie in Shakespeares Zauberwald; eine geschlossene Gesellschaft, die sich den Sommernachtstraum in der Natur leisten kann; Reiche, die in ihrer Blase leben und nicht sehen, was draußen geschieht. Kontrovers diskutieren sie nun mit Jay: Was ist ein Kunstwerk? Wem gehört eine Idee? Wer oder was ist käuflich?
„Er selbst habe sich für eine leicht zugängliches Schreibweise entschieden, nicht für Avantgarde, sondern für eine große Leserschaft“, sagt Hari Kunzru. Als ehemaliger Londoner Kunstkritiker skizziert er mit leichter Hand die Kunstszene der 90er Jahre. Politische Zeitzeugenschaft ist ihm wichtig. Er erzähle Geschichten, um die Welt zu verstehen, sagt Hari Kunzru. „Jeder sei zu sehr mit sich, seinen romantischen oder finanziellen Nöten beschäftigt, sagt Kunzru, auch dieses Buch handle von Leuten, die die Welt ignorierten“.
Der Autor als Zeitzeuge
„Blue Ruin“ ist vor allem die Geschichte der zerstörerischen Liebe von Jay und Alice und die Rückschau auf ein Künstlerleben. Aber hinter Jay‘s persönlicher Krise liegen die Probleme von heute: Rassismus, Migration und Polizeigewalt, die Kluft zwischen Arm und Reich, Kontrollwahn, Verschwörungstheorien und eine Demokratie in Gefahr.
Kunzru, der Brite in New York, ist ein scharfer Beobachter, und „Blue Ruin“ Teil 3 und Abschluß einer Trilogie. „White Tears“ handelte vom Musikgeschäft, „Red Pill“ von einem Schriftsteller, „Blue Ruin“ nun spielt in der Welt der Kunst, und nicht zufällig sind Weiß, Rot, Blau die Farben der US-Flagge, ist die Trilogie ein Spiegel der gespaltenen US-amerikanischen Gesellschaft mit der Tendenz zum Überwachungsstaat. Während Trump sein Comeback plant, akzeptiert die liberale Elite ein Zwei-Klassen-Denken, demokratische Werte gelten nur für Privilegierte, und studentische Israel-Proteste dieser Tage werden niedergeprügelt.
Die Demokratie in Gefahr
Die USA seien in vielerlei Hinsicht zum Polizeistaat geworden. Die Demokratie sei ein Chaos mit häßlichen Auswüchsen, aber die Alternative umso schrecklicher.
Quelle: Hari Kunzru
Seine Romanfiguren im Wald, Vertreter der Reichen in der Pandemie, ficht das alles nicht an. Sie sind egoman verstrickt in ihrem Kokon bis zum westernähnlichen, parodistischen Showdown. „Blue Ruin“, blue wie der Gin und ruinös wie die Gesellschaft, ist keine Apokalypse wie „Red Pill“, eher ein Beziehungsdrama von psychologischer Tiefe und grotesker Komik, mit versöhnlichem Ende; das szenisch erzählte, ungemein facettenreiche und fesselnde Psychogramm eines Mannes und einer gefährdeten Demokratie wie den USA, die der Roman schemenhaft spiegelt. „Was, wenn der Überwachungsapparat in die Hände von Diktatoren fällt“, fragt Hari Kunzru besorgt. „Wir, die Demokratie weltweit, befinden uns in einem gefährlichen politischen Moment“.

Jun 9, 2024 • 8min
Piazza und Protest – Italien ist Buchmessen-Gastland 2024
Ein Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse ohne Skandale und Streitereien? Das gibt es wahrscheinlich nicht. Auch das diesjährige Gastland Italien macht da keine Ausnahme. Dort hat man sich augenblicklich in den Haaren, weil Starautor Roberto Saviano nicht Teil der offiziellen Autorendelegation sein wird. Wurde er wegen seiner Bücher, in denen er die mafiösen Strukturen Italiens aufdeckt, links liegengelassen? Wie auch immer: Sein deutscher Verlag – der Hanser-Verlag – lädt ihn nun selbst ein.
Und was erwartet uns noch? Die Italianistin Anna Voller berichtet im Gespräch auf SWR Kultur von den Querelen, aber auch von der Frankfurter Gastlandhalle, die aussehen wird wie eine traditionelle Piazza. Sie freut sich ganz besonders auf die Bücher von der italienischsprachigen Autorin Fleur Jaeggy (*1940), die gerade frisch ins Deutsche übersetzt und wiederentdeckt werden.


