

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Mentioned books

Jun 23, 2024 • 11min
Marion Löhndorf – Leben im Hotel | Gespräch
Was macht Hotels zu so besonderen Orten? Und was inspiriert Künstler immer wieder, sich mit ihnen zu befassen oder für immer einzuchecken? Dem spürt Marion Löhndorf in ihrem klugen Essay über das „Leben im Hotel“ nach.

Jun 23, 2024 • 6min
Judith Poznan – Aufrappeln | Buchkritik
Dieses Buch hat seinen Höhepunkt gleich am Anfang, und er kommt als Ratte daher. Die guckt eines Tages aus Judiths Kloschüssel.
Da war eine Ratte in meinem Klo. Ihr Kopf war ganz schmal, die Nase spitz, und ihr Fellhaar schwamm im Klowasser. Und noch bevor ich irgendwie hysterisch werden konnte, zog sich ihr Kopf wieder zurück.
Quelle: Judith Poznan – Aufrappeln
Was Judith, die Ich-Erzählerin in „Aufrappeln“, die zufällig genauso heißt wie Judith Poznan, die Autorin des Buches, was Judith also dann tut, ist sehr, sehr lustig. Sie schnappt sich eine Rolle Gaffa-Klebeband, das ist dieses ganz feste, klebrige mit dem man fast alles irgendwo anpappen kann, und dann „verbarrikadiert“ sie die Rattentoilette mit dem Dichtungsband.
Fünf silberne Streifen verschlossen das Tor zur Hölle. Und ich packte einen hohen Stapel alter Bildbände und Graphic novels drauf. Ratten, las ich, sind stark. Sie konnten ohne Weiteres das Dreifache ihres Körpergewichts stemmen und sich nahezu überall hindurchquetschen. Die hier würde aber keine Chance haben, rauszukommen.
Quelle: Judith Poznan – Aufrappeln
Eine Ratte im Klo als Omen
Die Rattengeschichte gleich auf den ersten Seiten, ist stark. Charmant und unterhaltsam erzählt Judith Poznan sie und deutet das Nagetier im Klosett als eine Art Omen, ein schlechtes Zeichen für das, was da auf sie zukommt. Und tatsächlich, ein paar Tage später – ist die Katastrophe da, ihr Freund Bruno teilt ihr mit, dass er sich von ihr trennen will. Für Judith bricht eine Welt zusammen, mit Bruno hatte sie sich eine Zukunft vorgestellt, Mann, Frau, Kind in einer Berliner Altbauwohnung - mit allem, was dazugehört zu so einer heilen kleinen Familie, also mit allem, was Judith dachte, dass es dazugehört:
Ich wollte aus unserer Wohnung ein Zuhause machen, mit Schnittblumen und zu vielen Bilderrahmen. Ich wollte Kinder, die es eklig finden, wenn wir uns küssen. Ich wollte den Markt, auf den wir jeden Samstag Händchen haltend rübergehen. Ich wollte die Hochzeit, die trotz des Regens eine schöne war. (...) Ich wollte das ganze Leben, die Höhen und die Tiefen, den Tag und die Nacht, ich wollte die große Liebe und im wenigen das Glück.
Quelle: Judith Poznan – Aufrappeln
Der Kampf um Haltung in der Paar-Krise
Und jetzt plötzlich das Kontrastprogramm – quasi über Nacht ist Judith alleinerziehend, zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus, und bemüht sich, trotz allem, um eine gute Beziehung zu ihrem Ex-Freund, dem kleinen Sohn zuliebe. Denn obwohl die Trennung „das Ende von uns Dreien“ bedeutet, wollen Judith und Bruno doch weiter Eltern, gute Eltern sein.
An sich ist das alles kein unspannendes Setting, der Kampf um Haltung in der Krise, die Frage, wie man als Eltern zusammenbleiben kann, wenn die Paarbeziehung endet. Doch leider verpasst Judith Poznan regelmäßig die Momente, in denen das Buch mehr Tiefe und Reflexion über diese wichtigen Fragen gebraucht hätte. Stattdessen verlässt sie sich ganz auf ihr Erzähltalent, sie pickt sich kleine Alltagsepisoden heraus und kombiniert diese mit Rückblicken auf ihre eigene Kindheit und Jugend in Berlin Moabit. Die war „typisch 90er“, zwar hatte Judith schlechte Noten und der Vater war mal arbeitslos, aber ansonsten: alles normal.
In dieser Zeit war ich das, was man von einer Jugendlichen erwarten konnte. Trockene Haut, fettige Haare, besessen von Leonardo di Caprios müdem Blick und ohne meine beste Freundin kein ganzer Mensch. Meine Emailadresse lautete crazynoodle@gmx.de. Wie sich ein Zungenkuss anfühlen könnte, war die alles beherrschende Frage.
Quelle: Judith Poznan – Aufrappeln
Was hat diese Mitt-Dreißigerin zu sagen?
Auch in den ernsten Teilen des Buches, in denen es zum Beispiel um die Abtreibung bei ihrer besten Freundin mit 16 geht, bleibt Judith Poznan an der Oberfläche. Ihre Kämpfe gehen nie aufs Ganze, ob nun als Heranwachsende oder in der Zeit nach der Trennung. Judith und Bruno sind für ihren Sohn, der seltsamerweise immer nur „der Junge“ genannt wird, weiterhin da, das gelingt ihnen sehr gut. Fertig.
Nur leider, so scheint es, hatte Judith Poznan eben noch knapp 150 Seiten zu füllen. Also lässt sie es plätschern, sorgt hier und da für kleine Schmunzler, durch ihre Berliner Schnauze – sie geht „pullern“ und liebt ihren Sohn „ganz dolle“ – es geht um ihre erste Teenagerverliebtheit und darum, wie sie das Tagebuchschreiben für sich entdeckt hat, aber das reicht eben nicht für ein Buch, das auf dem Klappentext ankündigt „unsere Vorstellung von Liebe zu ergründen.“ Es wird einfach nicht klar: was hat diese Mitte Dreißigjährige eigentlich zu sagen? Für wen sind ihre kleinen Alltagsbeobachtungen spannend, außer für sie selbst? Und selbst die Stellen, die eigentlich emotional sein sollen, klingen seltsam distanziert.
Am nächsten Morgen stehe ich erst spät auf. Die Freude über den Umzug in die Wohnung, der Schmerz über die Trennung von Bruno, beides hat meinen Kopf zu einem Geschwür aus Verwirrung anschwellen lassen. Anstatt nach draußen zu gehen, die Sorgen abzulegen, gammle ich allein vor mich hin. Ich warte einfach nur darauf, dass alles besser wird.
Quelle: Judith Poznan – Aufrappeln
Judith Poznans zweiter Roman „Aufrappeln“ hat kein Stilproblem. Wer ihren schnodderigen Berliner-Schnauze Ton mag, der kann sich an vielen unterhaltsamen Passagen erfreuen. Und dass ihr der Schreibprozess selbst wichtig, dass er heilsam für sie ist, wird auch klar. Was dem Buch fehlt, ist Relevanz oder Gewicht. Kleine Anekdötchen, witzige Wortspiele hier und da reichen vielleicht für Posts in den sozialen Netzwerken, sind aber nichts für die Langstrecke.

Jun 20, 2024 • 4min
B. Traven – Die weiße Rose
Die Hacienda Rosa Blanca, von der B. Travens sozialkritischer Roman „Die weiße Rose“ den Titel hat, ist ein irdisches Paradies. Hier, in der mexikanischen Provinz Vera Cruz, leben die indigenen Bewohner in Harmonie und wollen diese einfache, aber glückliche Lebensform auch für ihre Nachkommen bewahren. Darum denkt Jacinto Yañez, der sich mehr als Treuhänder denn als Besitzer versteht, auch keine Sekunde daran, die Hacienda zu verkaufen, obwohl eine US-amerikanische Erdöl-Company ihm riesige Summen anbietet.
Die Vertreibung aus dem Paradies
Mit Grausen stellt sich Jacinto vor, was geschehen würde, wenn er das Angebot annehmen und dadurch alle Gemeindemitglieder heimatlos machen würde.
Wo einst die Orangen- und Zitronenbäumchen standen, wo einst die grünen Maisfelder waren, da stöhnten und ratterten jetzt fauchende Lastautos. Der Boden war schlammig und sumpfig von Öl, das entsetzlich stank und die Luft verpestete.
Quelle: B. Traven – Die weiße Rose
In seinem früheren deutschen Leben war B. Traven links und Anarchist, doch in keiner ideologischen Richtung linientreu. 1924 gelangte er nach etlichen Stationen auf abenteuerlichen Wegen nach Mexiko und wurde aus dem Stand zum literarischen Chronisten der regionalen Ausbeutungsverhältnisse im Schatten der übermächtigen USA.
Ein Erdölmagnat sorgt für Profit und Luxus
Denn es ist Mr. Collins, der Präsident der Condor Oil Company in San Francisco, der sich Jacintos Hacienda unter den Nagel reißen will. Was für die Mexikaner die Zerstörung der Natur und ihrer Gemeinschaft bedeutet, verspricht für ihn die Steigerung der Profite, mit denen er das Luxusleben für sich, seine Familie und seine Mätressen finanziert.
Betty, du sollst die eleganteste Jacht haben, und wenn du die Jacht des Königs von England außerdem noch haben willst, ich mache ihn bankrott und kaufe alle seine Jachten, Pferde und Schlösser auf der Auktion.
Quelle: B. Traven – Die weiße Rose
Traven liefert böse schillernde Ansichten vom Auftrumpfen der Superreichen. Natürlich ist das holzschnittartig. Doch genauso stellte sich die Realität der damals so genannten „Räuberbarone“ des amerikanischen Kapitalismus dar. Ganz abgesehen davon, dass weibliche Schönheit, Yachten und alles Hochpreisige nach wie vor zu den beliebtesten Statusobjekten von Milliardären gehören.
Kurt Tucholsky feierte Traven kurz nach Erscheinen von „Die weiße Rose“ im Jahr 1929 für das treffende Porträt des Ölmagnaten Mr. Collins. Die scharfsichtige Schilderung von dessen ebenso gewinnbringendem wie skrupellosem Handeln erreichte in seinen Augen das Niveau von Balzac.
Urszenen des Kapitalismus
Mr. Collins sah einen Menschen, und wusste, wie er ihn zu gewinnen hatte. Die einen brüllte er nieder, die andern redete er nieder, und wieder andere streichelte er nieder. Und wenn nichts half, schlug er sie zu Boden.
Quelle: B. Traven – Die weiße Rose
Natürlich ist die Hacienda vor dem Zugriff der Ausbeuter, die schließlich Gangstermethoden anwenden, nicht zu retten. Die ökonomische Logik und das gerade anbrechende Zeitalter ölhungriger Motoren lassen keinen Ausweg.
Travens ebenso farbig wie präzise ausgemalte Urszenen eines ungezähmten Kapitalismus sind nach wie vor ein fesselndes Lehrstück über Macht und Unterwerfung. Und gerade im Licht der postkolonialen Debatten von heute gewinnen sie eine ganz neue Brisanz.

Jun 19, 2024 • 4min
Eric Pfeil – Ciao Amore, ciao
Mit dem Schlager „Abbronzatissima“ – „stark gebräunt“ – von Edoardo Vianello beginnt Eric Pfeils zweite musikalische Italienrundreise. Dass dieser Sommerhit aus dem Jahr 1963 den Auftakt bildet, ist zwar schlicht der alphabetischen Aufzählung nach Liedtiteln geschuldet. Aber auch inhaltlich ergibt es Sinn.
Der Großteil dessen, was wir heute als „typisch italienisch“ wahrnehmen – Esskultur, Aperitivo-Tradition, Caffé-Rituale, Mode, Kino, Musik – ist ein Produkt der Nachkriegszeit und des „Boom economico“, des wirtschaftlichen Aufschwungs. „Abbronzatissima“ ist in diesem Sommer 1963 mithin der Soundtrack zur Erschaffung der italienischen Leichtigkeit.
Quelle: Eric Pfeil – Ciao Amore, ciao
Ein Buch wie eine riesige gemischte Antipasti-Platte
100 Lieder in 100 Kapiteln – wie schon das erste Italien-Buch von Eric Pfeil ist auch dieser Band wie eine riesige gemischte Antipasti-Platte: bunt, abwechslungsreich, überraschend, aber auch tiefgründig.
So erklärt der Autor beispielsweise anhand von Ivano Fossatis „La mia banda suona il rock“ das Verhältnis des Einzelnen zur Nation. Der Genueser Fossati nahm das Album 1979 in den USA auf, um der provinziellen Kleinteiligkeit seiner Heimat zu entfliehen.
Man denkt weniger national als regional – als piemontese, napoletano oder pugliese. Sich kollektiv unter dem Banner Italia zu versammeln, fällt den Bewohnern des Bel Paese bis heute schwer. In Italien spricht man vom Campanilisimo, der extremen Bezogenheit auf den örtlichen Glockenturm.
Quelle: Eric Pfeil – Ciao Amore, ciao
Leidenschaftlicher Italien-Forscher
Pfeil, das scheint auf jeder Seite durch, ist nicht einfach nur Tourist. Er ist ein leidenschaftlicher Italien-Forscher, der das Land in all seiner kulturell und regional fragmentierten Gesamtheit erfassen will. Dieses Wissen vermittelt er uns anhand der ausgesuchten Lieder.
Eric Pfeil: Irgendwann läuft man dann natürlich vor sehr viele Wände. Dann stehen die Widersprüche im Raum herum. Der Katholizismus, die Frauen, die Männer, die Mütter, die Mafia…. Die Musik, die für mich immer parallel lief, die ich auch immer faszinierend fand, weil sie so ein anderes Flirren hatte als anglo-amerikanische Musik, hat sich für mich irgendwann als das Mittel herausgestellt, mit dem man das Land wirklich verstehen kann.
Große Themenvielfalt der italienischen Popmusik
Weil, so Pfeil, in der Musica leggera, wie sie in Italien heißt, wirklich jedes Thema abgehandelt werde. Die Anni di piombo, die bleiernen Jahre des Links-Rechts-Terrors in den 70ern, haben genauso ihre musikalische Entsprechung wie die LGBTQ-Bewegung oder die Rückkehr des Rechtspopulismus. Wir erfahren zudem, welche Künstler politisch wo zu verorten zu sind, und Pfeil erinnert daran, dass die wahren Superstars des italienischen Lieds nicht die sind, die wir in Deutschland dafür halten – statt Ramazotti, Zuccero und Cutogno nämlich: De Andre, di Gregorio, Mina und immer wieder Lucio Battisti.
Manchmal versteigt sich Pfeil etwas in seinen Formulierungen: da wird mächtig aufs Pedal gedrückt, direkt durch den Käse geschnitten und Themen werden adressiert, statt sie – nun ja – eben einfach an- oder auszusprechen. Das jedoch sind lässliche Verfehlungen dieses Reiseführers der anderen Art. Eric Pfeil trifft darin nämlich genau den Ton, den er am Gegenstand seiner Betrachtung so liebt: glitzernd und flirrend.

Jun 18, 2024 • 4min
Alana S. Portero – Die schlechte Gewohnheit
Das Kind Alex lebt in einem ärmlichen Stadtteil von Madrid. Schon früh weiß es, dass es ein Mädchen ist, obwohl es im Körper eines Jungen geboren wurde. Heimlich schminkt sich Alex im Badezimmer oder tanzt zur Musik von Madonna, wenn die Eltern nicht zuhause sind. Der Vater ist Fabrikarbeiter, die Mutter Putzfrau. Als Alex älter wird, spielt sie tagsüber den ganzen Kerl, den das Umfeld in ihr sieht. Sie versteckt ihre wahre Geschlechtsidentität – aus Angst und aus Scham.
Ich fürchtete das Urteil eines unsichtbaren Gottes, das in jedem Blick anderer lauerte. Eine Art jagender Heiliger Geist, der von Körper zu Körper sprang und mich umkreiste wie ein Geier, der auf die endgültige Kapitulation eines verwundeten Tiers wartete. (…) Ich war zutiefst davon überzeugt, dass jeder Versuch, mich als das Mädchen, die Jugendliche oder die Frau, die ich war, zu behaupten, irgendeine unerträgliche Art der Korrektur nach sich ziehen würde.
Quelle: Alana S. Portero – Die schlechte Gewohnheit
Selbstverleugnung und Nachtleben
So schildert die spanische Autorin Alana S. Portero Alex‘ inneren Konflikt. Die junge Transsexuelle leidet zutiefst unter der Selbstverleugnung. Die schlechte Gewohnheit, die dem Roman seinen Namen gegeben hat, ist, dass Alex viel weint. Lebendig und wahrhaftig fühlt sie sich erst nach Einbruch der Dunkelheit, wenn sie für einige Stunden in das Madrider Nachtleben eintaucht und in Frauenkleidern ihre weibliche Identität und ihre Sexualität erkundet.
Die 46-jährige Autorin Alana S. Portero ist selbst transsexuell. Früher war sie ein Junge. Jetzt ist sie eine Frau.
Alana S. Portero:El barrio. ... Y evidentemente la experiencia trans – aunque mi experiencia es diferente de la de la protagonista de la novela. Yo necesitaba esas dos o tres ayudas personales para poder crear una buena ficción encima, para usarlas como suelo para construir un buen texto. La novela tiene mucho menos que ver conmigo de lo que parece.
Voiceover:Das Viertel San Blas, in dem die Protagonistin aufwächst – da komme ich auch her. Und natürlich die Tatsache, dass sie wie ich eine Trans-Frau ist, obwohl meine Erfahrung anders ist als ihre. Diese paar Bezugspunkte brauchte ich als Grundlage für eine gute Fiktion. Aber der Roman hat viel weniger mit mir persönlich zu tun als es scheint.
Das Kind als Chronistin
Im heruntergekommenen San Blas müssen die Bewohner in den 1980er Jahren hart als Fabrikarbeiter oder Bedienstete schuften. Nachbarinnen werden von ihren Männern verprügelt, Jugendliche betäuben sich mit Heroin. Durch die Augen und die Stimme von Alex erleben wir das Viertel. Das sensible und scharf beobachtende Kind ist eine Chronistin der rauen Wirklichkeit. Zugleich ist sein Blick auf die Menschen von San Blas freundlich und mitfühlend. Alex selbst wird in einer liebevollen Familie groß, aber (eben) auch in einer Umgebung, in der queere Menschen verspottet werden oder sogar Gewalt erfahren.
Vor ihrer Angst und Einsamkeit flüchtet sich Alex oft in Traumwelten, die von Fabelwesen bevölkert werden. Und wenn sie sich als Jugendliche in der Madrider Nacht Männern hingibt, beschreibt sie sie diese als Drachen und sich selbst als geflügelte Nymphe.
Der Raum füllte sich schnell, und wir kamen alle zusammen – Gehörnte mit Geflügelten, Stachelrücken mit Paarhufern, Feuerhäute mit Moosumhängen. Als die bucklige Mondkönigin hervorkam und ihr Licht in unsere Münder ergoss, boten wir ihr, wie es sich gehörte, unsere unsterbliche Seele dar, um den Tanz einzuläuten.
Quelle: Alana S. Portero – Die schlechte Gewohnheit
Der Mut, sich so zu zeigen, wie man wirklich ist
Ein Roman voller phantastischer Abschweifungen, die etwas mit der Leidenschaft der Autorin für Mythen und Märchen zu tun haben, wie sie selbst erzählt.
Alana S. Portero schildert den schwierigen Prozess von Alex‘ Transition berührend, passagenweise aber auch leicht und humorvoll. Die harten, schmerzhaften Erfahrungen der Protagonistin bricht sie durch die poetischen Einschübe und auch durch die warmherzige Beschreibung einer Reihe von Menschen, die Alex Weg kreuzen und ihr letztendlich Hoffnung geben. Porteros Debüt ist mehr als ein Trans-Roman. Es ist eine universelle Geschichte über die schwierige Suche nach sich selbst und über den Mut, den es braucht, um sich so zu zeigen, wie man wirklich ist.

Jun 17, 2024 • 4min
Susan Sontag – Über Frauen
In einem Beitrag für die Frauenzeitschrift Libre schreibt Susan Sontag, die Befreiung der Frauen sei eine notwendige Voraussetzung für den Aufbau einer gerechten Gesellschaft. Der Aufsatz ist Teil des Essaybands „Über Frauen“, den Susan Sontags Sohn, David Rieff, jüngst publizierte. Er enthält die wichtigsten Aufsätze von Susan Sontag zum Thema Frausein. Die US-amerikanische Autorin widmet sich darin politischen, ästhetischen und ökonomischen Aspekten und macht deutlich, wie sich unsere Vorstellungen von Geschlecht auf die Lebenswirklichkeit von Frauen auswirken.
Eine kritische Beobachterin, die ihrer Zeit voraus war
Sontag erweist sich dabei als kluge und aufmerksame Beobachterin der Gesellschaft. Wie ihre Bücher „Das Leiden anderer betrachten“ oder „Über Fotografie“ sind auch die Texte in diesem Band anspruchsvoll und doch gut verständlich. Sontag findet eine Sprache, die ihr eine präzise und wissenschaftlich fundierte Argumentation erlaubt und sich doch flüssig liest. Die Philosophin beweist ein weiteres Mal, dass sie ihrer Zeit weit voraus war. Die Denkmuster und Machtstrukturen, die sie in den USA der Siebzigerjahre offenlegte, lassen sich auch in der heutigen westlichen Gesellschaft beobachten.
Keine Frage, Schönheit ist eine Form von Macht. [...] Beklagenswert ist jedoch die Tatsache, dass es die einzige Form von Macht ist, nach der zu streben Frauen ermuntert werden. Diese Macht definiert sich immer im Verhältnis zu den Männern: Es ist nicht die Macht, zu tun, sondern die Macht, Anziehung auszuüben. Es ist eine Macht, die sich selbst negiert.
Quelle: Susan Sontag – Über Frauen
Auch unbequeme Wahrheiten kommen ans Licht
Susan Sontag scheut nicht davor zurück, die Dinge beim Namen zu nennen. Auch solche, die vielleicht nicht gern gehört werden, etwa, dass die Befreiung der Frau unmittelbar an den Verlust männlicher Privilegien geknüpft ist. Oder dass Frauen zum Teil selbst an der Aufrechterhaltung repressiver Strukturen mitwirken.
Manche Passagen sind durchaus brisant, etwa wenn die Autorin die Geschlechterdiskriminierung mit der Rassentrennung oder Kolonialzeit vergleicht.
Alle Frauen leben in einer »imperialistischen« Situation, in der die Männer die Kolonialherren und die Frauen die Kolonialisierten sind.
Quelle: Susan Sontag – Über Frauen
Hier erweist sich eine Anmerkung der Autorin als hilfreich: Sie erläutert, dass der Beitrag in der sozialistischen Frauenzeitschrift Libre erschienen ist, was die revolutionär-sozialistische Rhetorik erklärt. Eine Kontextualisierung wäre auch bei dem Beitrag über die umstrittene Regisseurin Leni Riefenstahl hilfreich gewesen. Dieser weicht nämlich inhaltlich von den vorigen Texten etwas ab und befasst sich vor allem mit Ästhetik und Faschismus.
Diskursfreude statt Dogmatismus
Ein Briefwechsel mit der Dichterin Adrienne Rich zeigt, dass Sontag in der feministischen Szene umstritten war. Sie distanziert sich auch selbst von Teilen der Frauenbewegung und betont, dass sie ihre „Texte nicht von A bis Z in den Dienst der feministischen Sache gestellt“ habe.
Sontag ist engagiert in der Debatte, schlagkräftig und selbstbewusst. Sie greift verschiedene Perspektiven auf, entkräftigt gekonnt gängige Klischees und benennt deutlich, was sich ändern müsste, um eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen:
Die Demokratisierung der Familienarbeit ist einer der erforderlichen Schritte, um die repressive Definition der Rollen von Ehemann und Ehefrau, Mutter und Vater zu verändern.
Quelle: Susan Sontag – Über Frauen
Der Band knüpft also eng an heutige Diskurse an und ist beinahe erschreckend aktuell. Darüber hinaus können wir von der Philosophin einiges lernen, was den Umgang mit kontroversen Themen und festgefahrenen Debatten betrifft.
Meiner Ansicht nach verdient nur eine kritische, dialektische, skeptische, jeder Vereinfachung entgegenwirkende Intelligenz, verteidigt zu werden.
Quelle: Susan Sontag – Über Frauen
Wer entlang von Parteilinien denkt, so Susan Sontag weiter, produziere nichts als „intellektuelle Monotonie und schlechte Prosa“.

Jun 16, 2024 • 11min
Isabel Waidner – Vielleicht ging es immer darum, dass wir Feuer spucken
Die im Schwarzwald geborene Isabel Waidner definiert sich selbst als non-binär, lebt und arbeitet seit langem in London und hat schon in ihrem Debütroman „Geile Deko“ von 2020 bewiesen, dass sie für queeres Dasein und Erleben eine neue, andere Sprache entwickeln kann.
Auch in „Vielleicht ging es immer darum, dass wir Feuer spucken“, der mit zweijähriger Verspätung nun auf Deutsch erscheint, steht die Freundschaft zweier queerer Menschen im Zentrum des oft surrealen Geschehens: Sterling Beckenbauer ist Kind des hier homosexuellen Franz Beckenbauer, der an AIDS verstorben ist.
Sterling und Chachki Smok haben zusammen eine Performance-Gruppe, die „Cataclysmic Foibles“, mit der sie, in Drachenkostüme aus Schaumstoff gekleidet, eine Art „Anti-Theater“ in Chachkis Wohnzimmer betreiben.
Rettung durch Freundschaft und Science-Fiction
Als Sterling Opfer eines queerfeindlichen Gewaltangriffs wird, finden sich die Charaktere in einer alptraumartigen Situation wieder, in der Sterling angeklagt und verhaftet wird und befreundete Mitstreiter:innen spurlos verschwinden. Rettung kommt durch eine Zeitreisefunktion in einem Raumschiff, das die Geschehnisse zurückdrehen kann. Die Geschichte wird neu geschrieben.
Neuerfindung von Sprache für queeres Erleben
Isabel Waidner hat einen bewegenden und widerständigen Roman über queeres Dasein geschrieben, sagt SWR Kultur Literaturkritikerin Eva Marburg.
Der Roman erfinde und verwende eine kreative, assoziative und formsprengende Sprache, die sich außerhalb der binären Denkweisen und Zuweisungen bewege. Der Roman nehme viele Bezüge aus dem Reservoir der Literatur- und Kunstgeschichte, etwa wenn die Gerichtsszene in ihrer Surrealität an Franz Kafkas „Prozess“ angelehnt ist und in der Tierfiguren aus Hieronymus Boschs Bildern agieren.
Starke Revolte
Mit diesen künstlerischen Strategien setze das Buch der realen Gewalt der binären und normkonformen Welt - die nicht nur unterdrückerisch, sondern in vielen Fällen auch tödlich ist - eine queere Lebendigkeit als Widerstand entgegen. „Vielleicht ging es immer darum, dass wir Feuer spucken“ sei ein bewegendes Buch über queere Revolte – ein Buch über Freundschaft, Solidarität, Allianzen und Rache. Besonders lesenswert!

Jun 16, 2024 • 55min
lesenswert Magazin: Neue Bücher für die Halbzeit
Fußball EM und Pride Month prägen diesen Juni. Und es gibt auch Verbindungen zu neuen Büchern von Isabel Waidner, Paula Irmschler und Hiroko Oyamada.
Surreale Welten
Traumhaft und surreal ist das Leben in Hiroko Oyamadas Roman „Das Loch“. Eine junge Frau folgt einem schwarzen Tier und fällt in ein Loch – Alice im Wunderland lässt grüßen!
Ebenfalls surreal und dazu queer ist der Roman „Vielleicht ging es immer darum, dass wir Feuer spucken“ von Isabel Waidner. Im Mittelpunkt: Sterling Beckenbauer, dessen Vater ein homosexueller Franz Beckenbauer ist. In London wird Sterling Opfer von queerfeindlichen Stierkämpfern. Ein Angriff, der alptraumhafte Folgen hat.
Acht Jahre lang arbeitete der Illustrator Tobi Dahmen an seiner Graphic Novel „Columbusstraße“. Darin erzählt er sehr persönlich die Geschichte seiner Familie in der Zeit des Nationalsozialismus. Herausgekommen ist eine vielschichtige und bestürzend aktuelle Graphic Novel.
„Ostfrauen-Mythos“ liebevoll entlarvt
„Meine Figuren sind keine Stellvertreterinnen für ihre Biographie“, sagt Satirikerin und Autorin Paula Irmschler über ihren Roman „Alles immer wegen damals“. Wir sprechen mit ihr über die komplizierte Mutter-Tochter-Geschichte und entlarven den Mythos „Ostfrau“.
Es gibt wieder eine Neuübersetzung von Annie Ernaux: „Eine Leidenschaft“ ist ein schmales Büchlein, das von einer schmerzlichen Affäre erzählt.
Musik: Billie Eilish – Hit me hard and soft, Label: UNIVERSALThe Cranberries – No need to argue, Label: Island RecordsFrançoise Hardy – Salut les idoles, Label: MUSIDISC

Jun 16, 2024 • 5min
Annie Ernaux – Eine Leidenschaft
Die Geschichte, die Annie Ernaux in „Eine Leidenschaft“ erzählt, meint man schon unzählige Male gelesen zu haben: eine Frau hat eine Affäre mit einem Mann und gerät in Abhängigkeit von ihm. Die beiden haben Sex, sie wartet sehnsüchtig auf ihn, er benutzt sie. Aus lauter Angst, seine Anrufe zu überhören, wagt sie nicht, staubzusaugen oder die Haare zu föhnen, ja, sie traut sich kaum aus dem Haus. Nur die Zeit, die sie mit A. – so heißt er – verbringt, zählt.
Ich schreibe keinen Bericht über eine Affäre, ich schreibe keine Geschichte mit einer präzisen Chronologie … Für mich gab es so etwas in dieser Beziehung nicht, ich kannte nur An- oder Abwesenheit.
Quelle: Annie Ernaux – Eine Leidenschaft
Die Ich-Erzählerin der knapp achtzig Seiten kurzen Geschichte ist unschwer als alter Ego der Autorin zu erkennen. Sie ist geschieden, Mutter zweier Söhne, ungefähr Mitte vierzig, beruftstätig. Wie sie A., - Zitat - „einen Ausländer“ kennengelernt hat, erfahren wir nicht. Er kommt aus Ost-Europa, ist etwas jünger als sie, verheiratet und erinnert, so heißt es im Text, an Alain Delon. Die Affäre erstreckt sich über ein gutes Jahr.
„Ich habe das gelebt. Ich habe alles komplett akzeptiert, was so eine Leidenschaft bedeutet: Der Mann ist verheiratet, ist also nicht mehr frei und unterliegt Zwängen. Das habe ich akzeptiert und diese Leidenschaft als eine wunderbare Erfahrung wahrgenommen und nicht als Entfremdung. Ich würde sagen, letztendlich ist es ein Luxus, wenn man eine Leidenschaft leben kann.“
Annie Ernaux, hier in einem Interview im französischen Fernsehen aus dem Jahr 1992, hat fast alle Phasen ihres Lebens – die Eltern, die verstorbene Schwester, die Abtreibung, die soziale Herkunft – in Literatur verwandelt. Auch „Eine Leidenschaft“ ist ein autofiktionaler Text, in dem die „Ethnologin ihrer selbst“, wie sie sich bezeichnet, in ihrer schnörkellosen Sprache, ohne Pathos und Larmoyanz, das Private mit dem Gesellschaftlichen verknüpft.
Eines der Hauptthemen ihres Werkes, das Zerrissensein zwischen den gesellschaftlichen Klassen, streift sie in diesem Roman nur ganz kurz. Wie in all ihren Büchern skizziert sie mit knappen Strichen die Zeit, in der die Geschichte spielt, die ausgehenden 1980er Jahre: sie erwähnt den Fall der Berliner Mauer, die Unruhen in Algerien und hört Sylvie Vartans Chanson „C’est fatal, animal“ das – passenderweise - von einer wilden, leidenschaftlichen Liebe erzählt.
„Ich habe mich zuweilen gefragt: ist das jetzt eine Art Geständnis, wie man sie in manchen Frauenzeitschriften findet? Das Protokoll einer Passion? Ein Manifest der Leidenschaft? Das ist es ja in gewisser Weise. Aber wie dem auch sei - ich hatte das Bedürfnis, alles zu erzählen. Denn zweifelsohne gibt es diesen heimlichen Wunsch: wenn man etwas sehr Schönes erlebt hat, liegt die wahre Vollendung vielleicht darin, darüber zu schreiben.“
In Frankreich hat Annie Ernaux ihren kleinen Roman 1991 veröffentlicht und für Aufsehen gesorgt. Gut dreißig Jahre später hat die Geschichte allerdings nicht mehr die gleiche Brisanz wie damals. Eine Frau schreibt über ihre Affäre, über Sex und ihre Abhängigkeit von einem eigentlich Unbekannten - das ist nichts Neues mehr.
Aber Annie Ernaux wäre nicht Annie Ernaux, wenn ihr dabei nicht etwas Anderes am Herzen läge: das Schreiben als Frau über ein Thema, das meist Männern vorbehalten ist. In ihrer Rede zur Verleihung des Literaturnobelpreises hatte Annie Ernaux gesagt, es gehe ihr darum, den Zorn auf den diskriminierenden Umgang mit Frauen und die Wertschätzung des eigenen Körpers auszudrücken.
Dafür ist „Eine Leidenschaft“ ein gutes Beispiel. Wie auch der im letzten Jahr auf Deutsch erschienene Kurztext „Der junge Mann“, in dem sie eine Affäre mit einem dreißig Jahre jüngeren Studenten beschreibt. In beiden Geschichten erinnert sich Annie Ernaux an das traumatische Erlebnis einer illegalen Abtreibung. In „Eine Leidenschaft“ kehrt sie - nachdem A. in sein Land zurückgekehrt ist, - in das Haus zurück, in dem sie damals, als junge Studentin, eine sogenannte Engelmacherin aufgesucht hat. Ihr Fazit:
Ich ging zurück zur Station Malsherbes und nahm die Metro. Dieser Schritt hat nichts geändert, aber ich war froh, ihn gegangen zu sein, noch einmal mit dem Gefühl absoluter Verlorenheit in Kontakt getreten zu sein, deren Ursache auch damals ein Mann gewesen war.
Quelle: Annie Ernaux – Eine Leidenschaft
2004 gab es bereits eine Übersetzung, die Annie Ernaux‘ Roman in der Ecke erotischer Frauenliteratur platzierte: „Eine vollkommene Leidenschaft. Die Geschichte einer erotischen Faszination.“ Diese Ecke, in die sie ja nie gehört hat, hat die Autorin längst verlassen. Die Neuübersetzung von Sonja Finck hat dazu beigetragen.

Jun 16, 2024 • 7min
Tobi Dahmen – Columbusstraße
Columbusstraße 7 in Düsseldorf. In der hohen, schlanken Villa mit Erker und Fachwerkgiebel lebt Rechtsanwalt Karl Dahmen mit seiner Familie. Im imposanten Eckhaus schräg gegenüber: die Parteizentrale der NSDAP. Sehr zum Missfallen des Rechtsanwalts, einem überzeugten Katholiken und ehemaligen Mitglied der Zentrumspartei.
Es ist das Jahr 1935, vier Jahre später wird Karl Damen die unliebsamen Nachbarn aufsuchen, um seine Mitgliedschaft bei der Partei zu beantragen. Woher dieser Gesinnungswandel, mit welchen Parolen, welchen Versprechungen konnten die Nazis die Menschen erreichen?
Es sind gerade solche Fragen, die viele Jahrzehnte später den Enkel und Comiczeichner Tobi Dahmen bei der Erforschung seiner Familiengeschichte angetrieben haben:
Das ist keine Geschichte einer strammen Nazifamilie. Das glaube ich schon behaupten zu können. Aber eben eine Familie, die wie so viele so langsam immer weiter in diese Zahnräder dieses Regimes hineingezogen werden, weil alles andere mit großer großer Gefahr verbunden gewesen wäre.
Quelle: Tobi Dahmen
Ein wertvoller Fund: Fotos und Briefe im Nachlass des Vaters
Tatsächlich hat der Druck auf den Großvater, der anfangs noch Regimegegner vertreten hat, stetig zugenommen. Als der Rechtsanwalt eine obdachlose Familie lautstark in der Öffentlichkeit verteidigt, wird er zur Gestapo vorgeladen. Man macht ihm klar, dass er auf der Liste und unter Beobachtung steht.
Als er schließlich seine Zulassung verliert, sieht er sein Heil darin, unter die Fittiche der Partei zu kriechen. Es ist eine Mischung aus Verzweiflung, Demütigung und Scham, die Tobi Dahmen seinem Großvater ins Gesicht gezeichnet hat.
Den Anstoß für diese eindrucksvolle Graphic Novel gab ein Verlust: der Tod seines Vaters, eines letzten Zeitzeugen. Auf einer längeren Zugfahrt habe dieser von seinen Erinnerungen an die NS-Zeit erzählt, meint Tobi Dahmen. Im Nachlass des Vaters entdeckte er dann eine große Schachtel, die ursprünglich für Unterwäsche gedacht war:
Da waren Briefe aus dem ersten Weltkrieg drin von meinem Großvater. Und da war so ein kleinerer Stoß mit Briefen meiner Onkels von der Ostfront. Dann dass da noch Fotoalben auftauchten. Da hat man wirklich gesehen, wie so ein Leben von fröhlichen Urlauben am Timmendorfer Strand und Kinderbildern bis zum Abitur schließlich in so einer Soldatenkarriere mündet, was seit 33 vorgegeben war. Das hat einen dann sehr betrübt, wie vorgegeben so ein Leben war und dann auch sein Ende gefunden hat.
Quelle: Tobi Dahmen
Das „Mini-Universium“ Familie in der großen Weltgeschichte
Diese sehr persönlichen Momentaufnahmen hat Autor Tobi Dahmen zum Ausgangspunkt einer fundierten historischen Recherche gemacht, geht es ihm doch darum, „in einem Mini-Universum die große Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu erzählen“.
Und er macht das, indem er Wert selbst auf das kleinste Detail legt. Ein Beispiel: Der jüngste Sohn in der Columbusstraße, Karl-Leo, 1932 geboren und Vater des Comiczeichners, wird 1943 wegen der heftigen Bombenangriffe auf Düsseldorf nach Villingen aufs Land geschickt.
Er darf unbeschwerte Tage in der Natur erleben. In einem Brief an die Eltern berichtet er, dass er Heilkräuter sammeln war. Kein schlichter Zeitvertreib, denn ab 1938 musste jedes Schulkind pro Jahr zwei Kilo getrocknete Heilpflanzen abliefern für Wehrmacht und Sanitätswesen. Ein Erlass, der zeigt, wie das System alle Bereiche der Gesellschaft selbst auf unterster Ebene für sich zu nutzen wusste.
Ein umfangreiches Glossar am Ende der Graphic Novel klärt über all diese Zusammenhänge und viele andere Personen auf. Der Abgleich der Familienerzählungen mit der Realität war für Tobi Dahmen mit sehr ernüchternden Erkenntnissen verbunden:
Mein Großvater war sehr katholisch, sehr streng. Gleichzeitig war er Patriot, wie die meisten Leute, glaube ich. Und leider finden sich in einem Brief auch antisemitische Denkweisen, die ich dann auch wieder aus dem Alltagsrassismus wiedererkenne, der uns heute so begegnet. Ich glaube nicht, dass das so ein rassischer Antisemitismus war, sondern eher aus einem gläubigen Hintergrund. Aber natürlich findet man so was nicht schön. Aber ich wollte das auch nicht unter den Teppich kehren wie so viele das getan haben. Ich habe das dann in einen Dialog mit seinem Sohn eingebaut.
Quelle: Tobi Dahmen
Die Konfrontation mit Flecken in der eigenen Familiengeschichte
Die Graphic Novel war schon auf dem Weg in den Druck, als Tobi Dahmen vom Stadtarchiv noch auf einen weiteren dunklen Fleck in der Familiengeschichte aufmerksam gemacht wurde. Der Großonkel in Wesel, ein Arzt, hatte offensichtlich davon profitiert, dass er seine Praxis von einem jüdischen Kollegen übernehmen konnte.
Der Großvater wiederum hatte ein ähnliches Angebot ausgeschlagen. Judenverfolgung und Holocaust hat der Comic-Zeichner so in Szene gesetzt, wie sie für die Zeitgenossen damals sichtbar wurden. Und das war nicht zu übersehen, betont Tobi Dahmen:
Darüber hinaus waren die Pogrome in Düsseldorf so massiv. Das hat jeder mitbekommen. Und so habe ich halt die Reflektion eines zerstörten Spielzeugladens in einer Straßenbahnscheibe gezeichnet, die mein Großvater dann bemerkt. Das ist aber tatsächlich was, was jeder mitbekommen hat. Das Foto stand sogar in der Zeitung. Das Mantra nach dem Krieg war ja, wir haben von nichts gewusst. Aber wenn man sich das Maß der Zerstörung anschaut in Düsseldorf, dann kann man das nicht behaupten.
Quelle: Tobi Dahmen
Tiefenschärfe auch in den Zeichnungen
Der Genauigkeit und der Tiefenschärfe bei den Fakten entspricht die zeichnerische Umsetzung in sehr detaillierten Bildern. Reale Dokumente – wie Briefe oder Einberufungsbescheide – sind wie Fotos in die Szenen integriert.
Viel Wert legt Tobi Dahmen auf die exakte Architektur der Städte und Plätze, die er als „Zeitzeugen aus Stein“ betrachtet. Alte Fotos und Straßenpläne wurden dabei zur Grundlage seiner Zeichnungen, die aus holzkohleartigen, grauen Strichen bestehen.
Nicht schwarz-weiß, aber mit ganz vielen Grautönen. Wir versuchen uns das immer so ganz eindeutig vorzustellen. Das waren die Nazis und die Mitläufer und das die Gruppe der Widerstandskämpfer. Aber es ist natürlich ein sehr viel diffuseres Bild.
Quelle: Tobi Dahmen
Differenziert, packend – eine sehr bewegende Erinnerungsarbeit
Und genau das macht diese Graphic Novel so wertvoll: sie eröffnet viele Schauplätze, wechselnde Perspektiven und lässt Raum für eigene Schlussfolgerungen und Bewertungen. Immer wieder leuchtet Tobi Dahmen über die Briefe seiner Onkel auch die Geschehnisse an der Front und in den Lagern – in Russland, in Italien, in Nordafrika – aus.
Sein damals 11jähriger Vater wird im süddeutschen Villingen bei der Familie des Organisten Ewald Huth untergebracht, der das Unterdrückungssystem der Nazis öffentlich anprangert.
Allerheiligen 1944 wird er wegen Wehrkraftzersetzung auf der Stuttgarter Dornhalde erschossen. „Columbusstraße“ ist ein starker Beweis dafür, dass gerade (auch) ein Comic Erinnerungskultur sein kann – differenziert, packend und sehr berührend.


