SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Jun 30, 2024 • 6min

Kritik der Kritik – Die Jury des Bachmann-Wettbewerbs

Doch der nach Schwens-Harrant das Wort ergreifende Philipp Tingler beklagte Selbstbezüglichkeit und Immanenz des Textes, nannte Brylas Literatur altbacken, „obsolet“, „einen begleitenden Katalogtext.“ Das wiederum wollte Schwens-Harrant nicht auf sich sitzen lassen: „Das ist aber jetzt auch knapp behauptet, ohne einen Beleg.“  Tingler geriet danach argumentativ in die Bredouille - so wie Mara Delius kurz zuvor Schwierigkeiten hatte, das von ihr ausgemachte „Konservative" in Olivia Wenzels Text zu erklären, als die Autorin das noch einmal näher erläutert haben wollte. 48. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt Das Wortgefecht von Schwens-Harrant und Tingler stand bei diesem 48. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb stellvertretend für die Diskussionen innerhalb der Jury, gerade wenn die Einschätzungen der Texte höchst unterschiedlich ausfielen.  Die Juroren stellten dann häufig die Literatur- und Kritikbegriffe der jeweils anderen in Frage. Wenn jemand nur ein Geschmacksurteil abgab, wurden Argumente gefordert, wenn Mithu Sanyal von einem „originellen Text“ sprach, der sie „tief berührt“ habe, fragte der neben ihr sitzende Philipp Tingler sofort: „Warum?“. Er wollte von der gern in Elke-Heidenreich-Manier überschwänglichen, emotionalen, stets mit ihren Händen herumfuchtelnden Mithu Sanyal literaturkritische Argumente hören, vor dem Hintergrund von Form und Sprache Urteile gefällt bekommen.  Und trotzdem: Auch der neue Juryvorsitzende Klaus Kastberger ließ es sich nicht nehmen, einen Text „langweilig“ zu nennen, wie den von Denis Pfabe. Oder er rief einfach mal so ins ORF-Studio: Ich kann Texte, in denen Gegenstände sprechen, nicht ausstehen, ich hasse den Kleinen Prinzen, ich hasse Harry Potter, das geht mir auf den Nerv. Quelle: Klaus Kastberger, Juryvorsitzender Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb Um einen Tag später das von ihm an dieser Stelle beklagte „Kindergartenniveau“ zu widerlegen, als er Henrik Szantos begeistert feierte: Hier erzählen die Wände und Räume eines Hauses in der ersten Person Plural. Quelle: Klaus Kastberger, Juryvorsitzender Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb Was aber wie in den beiden vergangenen Jahren auffiel: Die jeweiligen Literatur- und Kritikbegriffe sind mehr und mehr politisch eingefärbt. Ästhetische Kriterien werden dann schon mal zur Auslegungssache und hängen eng zusammen mit der politischen Haltung. Lebendige Jurydiskussionen Ja, Körperlichkeit, Empathie und Ethik haben Einzug gehalten bei der Bewertung von Texten. Mithu Sanyal ist dafür das herausragende Beispiel, das identifikatorische Lesen ist Teil ihrer Art von Literaturkritik. Was man problematisch finden kann, den Jurydiskussionen in Klagenfurt aber eine zusätzliche Lebendigkeit verleiht, gerade weil sich Philipp Tingler oder auch Mara Delius daran notorisch stoßen.  Offensichtlichste Antipoden deshalb in diesem Jahr: Mithu Sanyal und Philipp Tingler. Sanyal feierte Tijan Silas Text zum Beispiel auch deshalb, weil sie glaubte, dass dieser den deutschen Rassismus anprangert, was Tingler und andere nicht so sahen; und Tingler begegnete Sanyals Schwärmerei für Olivia Wenzels Text sofort damit, dass dieser mit „modischen Begriffen von Identitäten“ arbeite. Um später, als die weibliche Erzählerin in Johanna Sebauers „Gurkerl“-Text sagt, sie sei kein Meinungsschreiber, und sich Sanyal nicht daran störte, ironisch triumphierend ausrief: „Mithu Sanyal hält ein flammendes Plädoyer für das generische Maskulinum.“  Gerade aber auch bei Wenzels Text, der in den sozialen Medien über die Maßen gefeiert wurde, taten sich die auch in der Literaturkritik entstandenen ideologischen Gräben auf. Delius und Tingler wollten einen reinen „Thesentext“ gelesen haben. Mithu Sanyal und Laura de Weck bekamen sich nicht ein vor Begeisterung. Laura de Weck sprach gar von „Stolz“, diesen Text mitgebracht zu haben. Ähnliches passierte nach der Lesung von Miedya Mahmod, da Tingler und Delius versuchten, die Euphorie von Sanyal und Kastberger zu dämpfen und von „ästhetischen Überdehnungsübungen“ sprachen.   De Weck, die für die ausgeschiedene Juryvorsitzende Insa Wilke in die Jury nachrückte, war dann leider auch das blasseste Jurymitglied; in der Regel beurteilte sie die Texte danach, ob diese zeitgemäß seien oder aktuelle Themen aufgriffen. Viel mehr kam von ihr nicht; dass sie immer von „Traumas“ statt Traumata sprach und einer eindeutig psychiatrischen Krankheit wie der Schizophrenie mit dem Psychologen beikommen wollte: geschenkt.  Doch diese Blässe gehört womöglich zu einem Jury-Debüt dazu: Auch Mara Delius und Brigitte Schwens-Harrant wirkten bei ihren ersten Klagenfurter Jury-Auftritten unsicher und nervös. Jetzt sind sie angekommen. Sie ragten dieses Jahr heraus. Sie argumentierten zumeist nahe am Text, ohne sich, wie der stets Textstellen suchende, findende und dann zitierende Literaturwissenschaftler Thomas Strässle, darin zu verlieren. Und Delius und Schwens-Harrant kamen ganz ohne den angeberischen Furor aus, der Klaus Kastberger und den ansonsten häufig richtig liegenden und auf den Punkt kommenden Philipp Tingler auszeichnet. Tingler immerhin gestand ein, auch ein bisschen ein Angeber zu sein.  Kastberger wiederum scheint sich ähnlich wie de Weck noch einfinden zu müssen in seine neue Rolle. Zu oft ging sein von Selbstgefälligkeit nicht ganz freies Temperament mit ihm durch, zu wenig versuchte er sich als Mittler seiner Mitstreiter, zu offensichtlich führte er immer mal wieder die Fußball-Europameisterschaft ins Diskursfeld. Doch mochte man ihn nicht immer witzig finden, wenn er seine Baumarkt-Aversion zum besten gab oder gestand, mittags immer ein Gurkenglas in seinem Büro zu haben: Kastberger weiß am Ende nur zu genau, dass der Bachmann-Wettbewerb vor allem auch ein Fernsehformat ist und darin die unterhaltenden Momente nie fehlen dürfen.
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Jun 30, 2024 • 12min

Gute und schlechte Texte

SWR-Literaturredakteur Carsten Otte im Gespräch mit Dr. Katrin Schumacher (Literaturwissenschaflterin, Literaturchefin MDR Kultur) zu den 48. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt (Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2024).
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Jun 27, 2024 • 4min

Eric de Kuyper – An der See

Die Kindheit, ob sie glücklich verläuft oder desaströs, ist der Urquell des Schreibens. Manche Schriftsteller schöpfen ein Leben lang aus ihr, aus den Gerüchen und Gefühlen, der kindlichen Neugier und der ersten naiven Weltbegegnung. Manche kehren hin und wieder zu ihr zurück, um das Spielerische und den Zauber des Anfangs hervorzukitzeln. Eine gewisse Melancholie mag da immer mitschwingen, denn das ursprüngliche Vertrauen und die unschuldige Gewissheit ins Gelingen nutzen sich im Laufe des Lebens ab. So schleicht sich in den Blick zurück Wehmut ein, eine Sehnsucht nach Heimat, etwas, „das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“, wie es bei Ernst Bloch so schön heißt. Auch Eric de Kuyper kennt diese Sehnsucht und die Fallstricke des Älterwerdens.  Schon als Kind hatte er vermutet, dass er beim Erwachsenwerden vieles von dem vergessen würde, was für das Leben, das glückliche Erleben des Alltags, unverzichtbar war. Wie zutreffend war diese Intuition gewesen, wie begründet seine panische Angst davor, erwachsen zu werden. Er würde vergessen und sich selbst untreu werden, das hatte er befürchtet.  Quelle: Eric de Kuyper – An der See Mit allen „Kinners“ nach Ostende  Vergessen etwa wird das intuitive Wissen um die Beschaffenheit und Verschiedenartigkeit des Sands, das durch ernsthaftes und weltabgeschiedenes Kinderspiel erworben wird. Wie viel in der Erinnerung aber doch bewahrt ist, wie diese Erinnerung auch den Älteren ins Kindheitsglück zurückzuversetzen vermag, das können wir in Eric de Kuypers „An der See“ nachlesen. Darin erzählt er, wunderbar übersetzt von Gerd Busse, wie die ganze Brüsseler Großfamilie de Kuyper die Sommermonate nach 1945 samt einer Schar von „Kinners“ unterschiedlichen Verwandtschaftsgrads in Ostende verbringt. Eine Vorkriegstradition wird so fortgeführt.  In den ersten Jahren nach dem Krieg waren die Häuser am Zeedijk fast alle vernagelt. Manche waren total zerstört, andere standen nur leer und waren unbewohnt. Von Jahr zu Jahr zeigten sie mehr Anzeichen von Leben: Hotels, Restaurants und Café-Terrassen öffneten, und kleine Läden kamen hinzu, in denen Postkarten, Fischernetze, Bälle, Tennisschläger, Badeanzüge, -kappen und Sonnenöl verkauft wurden. Quelle: Eric de Kuyper – An der See Für den jungen Ich-Erzähler stellen die Wochen am Strand das eigentliche Leben dar: Die Sinne sind geschärft, er beobachtet das Treiben um sich herum, die Verhaltensweisen der Erwachsenen, deren Benehmen untereinander, deren Schwärmereien und Genervtsein, den gedankenverlorenen Blick rüber zur englischen Küste. Er erinnert sich an die endlosen Stunden des Spiels und Müßiggangs, an Freundschaften und die ersten erotischen Impulse, ritualisierte Freuden und überraschende Wendungen. Ostende ist Paradies und Schule in einem, eine sich endlos dehnende Zeit des Sammelns von Eindrücken und Empfindungen.    Die Sehnsucht nach dem Meer  …denn sie lebten schließlich einen ganzen Sommer lang am Strand, und zwar jedes Jahr, seit Menschengedenken und für immer und ewig. Quelle: Eric de Kuyper – An der See Für immer und ewig, manchmal sogar in den geruhsamen, merkwürdig ereignislosen Tagen außerhalb der Saison – denn für das kränkliche Kind ist die Luft an der See auch eine Therapie. Dass der ältere Erzähler mit einer gewissen Schwermut zurückschaut, verwundert nicht und ist ihm nicht zu verdenken: Der Kindheit wohnt eine pralle, gedankenlose Gegenwärtigkeit inne, die der Schreibende durch die Sprache zurückbringen muss. Das Wunder des puren Daseins am Meer – es kann heraufbeschworen, aber nicht neuerlich erlebt werden. Eric de Kuyper gelingt die sprachliche Vergegenwärtigung auf betörende Weise. Das liegt an seiner Fähigkeit, das jugendliche Ich in diesen autobiographischen Aufzeichnungen nicht zu sehr durch Erfahrungen des Erwachsenen zu trüben, seine Lust und Angst nicht nachträglich zu verniedlichen; und es gelingt ihm durch einen feinen Humor, der gerade in den Schilderungen von Tanten und Onkeln, Cousinen und Cousins aufblitzt und eine Stimmung erzeugt, die in uns nur einen Wunsch entfacht: sofort ans Meer zu fahren und in Erinnerungen zu baden.
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Jun 26, 2024 • 4min

Michael E. Mann – Moment der Entscheidung | Buchkritik

Was haben Donald Trump und der König des vor mehr als 4000 Jahren untergegangenen akkadischen Reichs gemeinsam? Beide wollten sich mit baulichen Maßnahmen Probleme vom Leib halten, der eine mit einer Mauer zwischen den USA und Mexiko, der andere mit einer hunderte Kilometer langen Mauer zwischen Euphrat und Tigris. Den Niedergang Akkads hat die Mauer nicht verhindert. Eine langanhaltende Dürre ließ Felder und Teiche vertrocknen, um die verbliebenen Ressourcen entbrannte ein mörderisches Gemetzel.   Aus der Erdgeschichte lernen  Solche Blicke in die Vergangenheit sollten uns eine Lehre sein, meint der US-amerikanische Paläoklimatologe Michel E. Mann, der für sein neues Buch 250 Millionen Jahre in die Erdgeschichte zurück schaut. Dabei geraten allerdings auch Konflikte unserer Zeit in seinen Fokus, die im deutschsprachigen Raum im Kontext der Klimadebatte bestenfalls Randnotizen waren: Zum Beispiel der Bürgerkrieg in Syrien, der schon Hunderttausende Leben gefordert und noch viele Menschen mehr in die Flucht geschlagen hat.  Die tieferliegende Ursache war eine jahrzehntelange Dürre in Syrien, die wahrscheinlich die schlimmste seit mindestens einem Jahrtausend ist. Die beispiellose Dürre, die durch den Klimawandel verschärft, wenn nicht gar verursacht wurde, dezimierte die Landwirtschaft in der Region. Sie zwang die Landwirte in die Städte Aleppo und Damaskus, wo sie mit den dort lebenden Menschen um Nahrung, Wasser und Platz konkurrierten. Der daraus resultierende Konflikt, die Unruhen und die Gewalt schufen ein ideales Umfeld für Terrororganisationen.   Quelle: Michael E. Mann – Moment der Entscheidung, S. 56 Konsequenzen einer verfehlten globalen Klimapolitik  Michael E. Mann verfällt leider oft in einen Fachjargon, der die Lektüre für Klimatologie-Laien stellenweise erschwert. Aber es ist gleichzeitig Manns großes Verdienst, dass er die Konsequenzen einer verfehlten globalen Klimapolitik sehr deutlich benennt. Noch sei es nicht zu spät, das Ruder herum zu reißen. Denn die Voraussetzungen dafür seien durchaus vorhanden. Die Politik müsste dies nur erkennen und entsprechend handeln:  Die Hürden, die dem Handeln im Wege stehen, sind nicht physischer oder gar technologischer Natur, sondern – zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt – ausschließlich politischer Natur.  Die Auswirkungen des Klimawandels stellen zweifelsohne eine existenzielle Bedrohung dar, wenn wir nicht aktiv werden. Aber wir können handeln.   Quelle: Michael E. Mann – Moment der Entscheidung, S. 295 Hoffnung auf eine effizientere Klimapolitik  Auch das Zählen von Toten bietet Michael E. Mann Argumentationshilfe. Fünf Millionen Tote durch Hitzestress, vier Millionen durch Luftverschmutzung, jedes Jahr. Das sind wissenschaftliche Prognosen, selbst wenn die Klimaerhitzung auf zwei Grad begrenzt werden kann. Das sind doppelt so viele Tote wie durch Covid 19 während der gesamten Zeit der Pandemie. Von depressiver Untergangsstimmung will Michael  E. Mann jedoch nichts wissen.   Politische Entscheidungsträger, Meinungsführer und Unternehmen müssen in die Verantwortung genommen werden. Denn obwohl die Bevölkerung selbst inzwischen mit überwältigender Mehrheit konzertierte Klimaschutzmaßnahmen befürwortet, kann sie die notwendigen Veränderungen nicht selbst herbeiführen. Wir als Individuen können zwar als Verbraucher klimafreundliche Entscheidungen treffen. Aber wir können nicht die Subventionierung der Erneuerbaren Energien-Branche erzwingen oder gar die Beihilfen für die fossile Brennstoffindustrie abschaffen.   Quelle: Michael E. Mann – Moment der Entscheidung, S. 319 Hoffnung machen ihm Australien und Neuseeland, wo es trotz einer mächtigen Presse rund um den Klimaleugner Rupert Murdoch bei Wahlen Mehrheiten für eine effizientere Klimapolitik gab. Der US-amerikanische Klimawissenschaftler hat ein wichtiges Buch vorgelegt: mit seinem Wissen über die Erdgeschichte rückt er die beschwichtigenden Aussagen von Politikern und Konzernchefs, deren Denken häufig nicht über die nächste Wahl und Aktionärsversammlung hinaus reicht, in ein anderes Licht.
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Jun 25, 2024 • 4min

Pinchas Kahanovitsch (Der Nister) – Von meinen Besitztümern

Ein Autor mit dem jiddischen Pseudonym „Der Nister“, das heißt „Der Verborgene“ – hier ist schon der Name Programm. Der jüdische Schriftsteller Pinchas Kahanovitsch stammte aus dem Gebiet der heutigen Ukraine. Er überlebte die Pogrome in der Folge der Russischen Revolution und den Zweiten Weltkrieg mit der Shoa. 1950 aber fiel er einer antisemitischen Kampagne Stalins zum Opfer. Vor wenigen Jahren wurde sein Grab wiederentdeckt. Auch sein Werk galt lange als Geheimtipp. Daniela Mantovan hat den verborgenen literarischen Schatz nun gehoben: Insgesamt sechs märchenhafte, aber nicht immer ‚schöne’ Erzählungen des Nister liegen jetzt als Neuübersetzung vor. Der Titel: „Von meinen Besitztümern“. Die Grenzen der Tradition Der Nister verstand sich zeitlebens als Symbolist. Die Härten des Lebens schildert er in poetisch verdichteten, zum Teil surrealen Bildern. Dabei stellt er Grundlegendes in Frage – etwa den Wert der überlieferten Schriften oder den Sinn weltabgewandter Gelehrsamkeit. Die Erzählung „Unterm Zaun“ beispielsweise kostet die tragikomische Fallhöhe aus, wenn der hoch angesehene Lehrer einer jüdischen Eremitenschule sich ausgerechnet in eine Zirkusartistin verliebt. Sein Liebeswahn gipfelt in der Vision eines Gerichtsverfahrens in der Manege, für das der Zirkusdirektor auf Plakaten wirbt: Der letzte Eremit wird über seine Vorgänger und Lehrer, über seine Nachfolger und Schüler zu Gericht sitzen. Dann war zu lesen, dass als Beisitzer und stellvertretende Richter die weltbekannten Clowns Jack, Mac und Schlimm-Schlammassel auftreten würden. Und ferner hieß es, das Publikum werde großen Spaß haben, weil sicher alle Angeklagten zum Tod durch Verbrennen verurteilt werden würden. (S. 84) Quelle: Pinchas Kahanovitsch (Der Nister) – Von meinen Besitztümern Es ist ein schwacher Trost, dass sich ein Teil dieser Schrecknisse als Alptraum eines Betrunkenen entpuppt. Denn so oder so ist dem Außenseiter, der die von der Gesellschaft gesetzten Grenzen überschreitet, ein böses Ende beschieden. Eine politische Botschaft Die titelgebende Geschichte „Von meinen Besitztümern“ ist eine Variante des Märchens „Vom Fischer und seiner Frau.“ Der Nister selbst erscheint hier als zweifelhafter Held, der hoch steigt und tief fällt, weil er nicht genug kriegen kann. Nach einer Himmelsreise in ein Land des Drecks wird Schmutz zu Gold, so dass er alles kauft, was man für Gold kaufen kann. Dann bittet er den russischen Bären zum Tanz, der als gottgleiche Instanz im Zeichen des Sowjetsterns regiert und besiegelt damit seinen Untergang. Fortan muss er zehn irdische Bären füttern, bis ihm nur noch seine Finger bleiben, um deren Hunger zu stillen. Ist das der Wahn eines Irren? Oder belegen die blutigen Hände des Nister, dass die Bedrohung durch den „Sternbären“ real ist? Am Ende blieb nur – und es gab keinen anderen Ausweg –, dass der Nister alles dem Doktor des Irrenhauses schreiben solle und sich wegen der ungebetenen Gäste und der häufigen Besuche beklagen solle. Der Vorschlag wurde angenommen und es blieb dabei. Der Nister schrieb alles auf, aber weil er keine Finger mehr hatte, schmierte er dem Doktor die ganze Geschichte mit Blut hin, und seitdem wartet er auf eine Antwort. (S. 131) Quelle: Pinchas Kahanovitsch (Der Nister) – Von meinen Besitztümern Die Kunst des Märchens Der Nister schildert eine zutiefst körperliche, zugleich aber magische Welt: Übergänge zwischen Himmel und Erde sind jederzeit möglich, alternative Realitäten durchdringen sich. Menschen und Tiere, Sterne und Winde treten in Dialog. Seine Geschichten erinnern nicht zufällig an Gemälde von Marc Chagall, an Kafka und das romantische Kunstmärchen. Sie sind ein wichtiger Teil der jiddischen Literatur, deren Wiederentdeckung dringender ist denn je.
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Jun 24, 2024 • 4min

Björn Vedder – Das Befinden auf dem Lande | Buchkritik

Vor einigen Jahren hat der Autor und Publizist Björn Vedder das gemacht, wovon viele Städter träumen. Er ist mit seiner Familie aus München hinaus gezogen in ein Dorf am Ammersee. Seine gar nicht so ausgezeichneten Erfahrungen haben ihn nun dazu gebracht, das erzählende Sachbuch „Das Befinden auf dem Lande“ zu schreiben. Befürchtet Vedder, dass er nach Veröffentlichung des Buches aus seinem Dorf wegziehen muss?  Björn Vedder:„Nee, es haben schon einige gelesen und die finden es alle gut und sagen, das seh ich genauso.“   Das Dorf kommt nicht gut weg  Im Buch kommt das Dorf nicht gut weg. Das Landleben tut eigentlich niemandem wirklich gut, das zeigt Vedder an vielen Beispielen. Unter anderem berichtet er davon, wie es ihm erging, als einem von Zuhause aus arbeitenden Mann, der sich tagsüber um die Kinder kümmert, während seine Frau einer abhängigen Berufstätigkeit außer Haus nachgeht. Nicht gut kam das in seinem Dorf an, wo sich, wie er schreibt, nicht nur das traditionelle Familienbild noch gut hält, sondern es überhaupt ein ausgeprägtes und allgemein gültiges Verständnis gibt, für das, was man tut und das, was man lässt.   „Das Merkmal von Landleben ist, dass es da eine Form von Gemeinschaft gibt, die eine Art von kollektiver Identität ausgebildet hat, die bestimmte Werte, Normen, auch Praktiken etabliert hat und die das mit moralischen Qualitäten versieht, also die glaubt, dass die Art und Weise, wie sie Dinge bewerten, nicht eben zufällig ist, sondern dass es richtig so ist, und die davon ausgeht, dass es im Leben nicht nur richtig und falsch, also gelingend und ungelingend gibt, sondern gut und böse. Und dass das, was sie machen, gut, und was die anderen machen, böse ist“, sagt Vedder.   Gesellschaft gegen Gemeinschaft  Der Autor unterscheidet die Daseinsformen Stadt und Land, und entspinnt daraus eine These, der er über weite Teile des Buches nachgeht. Gesellschaft, das ist die Stadt, in der jeder Mensch die Möglichkeit hat, sich frei zu entfalten. Gemeinschaft ist das, wozu einen das Land erzieht, schreibt Vedder:  Als wir aufs Land zogen, dachten wir, wir zögen von der Stadt an den See, aus den engen Straßenschluchten in die Weite der Natur, aus der stickigen Wohnung in das großzügige Haus mit dem sonnigen Garten. Das war jedoch eine viel zu oberflächliche Sicht der Dinge. Tatsächlich zogen wir aus der Gesellschaft in die Gemeinschaft. Der Umzug aufs Land ist ein Auswandern in eine andere Kultur, eine andere Zeit.   Quelle: Björn Vedder – Das Befinden auf dem Lande In Kapiteln wie Mia san mia, Im dunklen Tale der Gemeinschaft, Scham und Beschämung, Ekel und Macht oder Überkompensation und dicke Hosen arbeitet Vedder die Mechanismen heraus, mit denen das Dorf versucht, anders Denkende, anderes Ausschauende, anders Handelnde nicht nur auf Linie zu bringen, sondern auch Hierarchie innerhalb der dörflichen Gemeinschaft herzustellen. Besitz und ökonomische Verteilung spielen dabei eine bedeutende Rolle.  Urbanisierung der Dörfer als Lösung?  Björn Vedder:„Nach einem Wert zu leben, heißt ja, den Wert zu verteidigen. Werte können aber nur durch andere Werte verteidigt werden und das führt sozusagen zu einer permanenten Abwehrhaltung, die Menschen immun macht gegen Kritik und Veränderung.“   Es ist also ziemlich eng auf dem Land, und von Selbstentfaltung keine Spur. Vedder arbeitet die Mechanismen der Denunziation, Beschämung, Kontrolle heraus. Die Dorf-Bewohner kommen eigentlich nie gut weg. Das ist zuweilen irritierend, und man fragt sich, ob der Autor Menschen überhaupt mag. Irgendwann aber kapiert man, dass Vedder eben gern zugespitzt erzählt. Lösungen sieht er auch und die haben mit der Urbanisierungen der Dörfer zu tun. Je näher wir uns rücken, desto ferner können wir uns werden. Tolle Thesen sind das, und weil Vedder sehr gut schreiben kann, ist es auch ziemlich unterhaltsam zu lesen.
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Jun 23, 2024 • 8min

John Wray – Unter Wölfen

Florida Ende der 80er Jahre: Kip, Kira und Leslie sind drei auf je eigene Art gebeutelte Kids, die sich zufällig in der Kleinstadt Venice begegnen – und feststellen, dass sie etwas verbindet: die Leidenschaft für eine neue und extreme Musik, die zu dieser Zeit direkt in ihrer Nachbarschaft entsteht: Black Metal. Megadeth, Anthrax, Slayer oder Hanoi Rocks heißen die einschlägigen Bands. Dann setzte das Kreischen ein, und es hörte sich an, als versuchte jemand, auf einem brennenden Scheiterhaufen ein Kinderlied zu singen. Der Gesang klang wütend, ekstatisch, als litte jemand höllische Schmerzen – wissen konnte man das nicht, der Text ließ sich unmöglich verstehen. Wie ein Horrorfilm, dachte Kip, und das nicht bloß wegen des auf die Plattenhülle geairbrushten Zombies. Ihm wurde dieselbe reinigende Angst zuteil, dieselbe Katharsis, dieselbe Offenbarung wie durch einen Slasher-Film um Mitternacht: die Einsicht nämlich, dass nichts, aber auch rein gar nichts gut werden würde. Jetzt nicht. Später nicht. Nie. Und das ergab für ihn durchaus einen Sinn. (John Wray – Unter Wölfen) Der interessante Schwebezustand zwischen Jugend und Erwachsensein Diese selbst ziemlich musikalische Beschreibung eigentlich unbeschreiblicher Musik stammt von dem amerikanisch-österreichischen Autor John Wray. Sein neuer Roman heißt „Unter Wölfen“. Wray beschäftigt sich nicht zum ersten Mal mit Charakteren, die in jenem labilen Schwebezustand zwischen Jugend und Erwachsensein ihren Weg finden müssen, angetrieben von Ängsten, Paranoia, Euphorie, Größenwahn und hormonellem Irrwitz. John Wray:„Diese Phase, in der man eigentlich die eigene Identität zu gestalten anfängt, habe ich immer wahnsinnig spannend gefunden.“ Wir treffen John Wray in seinem Haus im Brooklyner Stadtteil Park Slope, gelegen in einer ruhigen Seitenstraße. Hier lebt er mit seiner Familie, umgeben von Büchern, Kinderspielzeug und Gitarren. John Wray:„Für mich waren die letzten Teenagerjahre und Anfang 20 auch eine sehr, sehr glückliche Zeit und eine sehr spannende Zeit. Dieses Gefühl der Selbstbestimmung und der Autonomie Sachen für sich selbst entdecken, ästhetische Fragen (…), ja, dieses Gefühl der Selbstbestimmung und der Autonomie, das war einfach so unglaublich. Das war ein Abenteuer sondersgleichen, das erste echte Abenteuer meines Lebens. (…) Das bleibt nach wie vor spannend und wunderschön für mich. Natürlich ist es auch eine extrem beklemmende Zeit und eine oft sehr traumatische Zeit. Als Rohmaterial für einen Roman könnte man sich kaum etwas Besseres wünschen.“ Das Traumatische und das Abenteuerliche liegen eng beieinander Das Traumatische und Abenteuerliche liegen in „Unter Wölfen“ tatsächlich eng beieinander: Kip ist gerade erst nach Venice zu seiner Großmutter gezogen – nicht freiwillig natürlich. Sein Vater sitzt im Gefängnis, seine Mutter treibt sich irgendwo herum und zeigt kein großes Interesse an ihrem Sohn. Leslie, ein von jüdischen Adoptiveltern innig geliebter schwarzer Junge, bewegt sich als Fremdkörper durch die Welt – mit seinen Glamklamotten, seinem ausgefallenem Musikgeschmack fällt er auf, seine Homosexualität macht ihn angreifbar, sein Drogenkonsum tollkühn. Und Kira, die dritte im Bunde, lebt bei einem Vater, der sie missbraucht. Sie flüchtet sich in immer drastischere Situationen, die Lust am Exzess ist bei ihr mindestens so ausgeprägt wie der Wunsch nach Selbstauslöschung. Alle drei wollen etwas spüren, erleben, etwas Wahres und Echtes und Authentisches. Metal birgt all das in sich. Sie werden zu einer verschworenen Gemeinschaft, ziehen sogar zusammen nach Los Angeles, ins Mekka des Metal, wo sich verschiedene Szenen überschneiden. Nähebedürfnis und Abgrenzungszwang wechseln sich auf unheilvolle Weise ab. Kip und Kira lieben sich, aber diese Liebe hat etwas Zerstörerisches. Das alles erzählt John Wray rasant, in einem lässigen, aber nie anbiedernden Ton, den Bernhard Robben ebenso lässig ins Deutsche gebracht hat. Musik spielt in diesem Roman nicht im Hintergrund. Sie grundiert das Leben, erdet es. Wray versucht nicht, cool über Musik zu sprechen, sondern lässt seinen Figuren den Vortritt. Sie wachsen in die Musik hinein und sinnieren darüber – nie klüger und nie blöder als es Jugendliche eben tun. Wray selbst hat viel gelesen und gehört, mit Heavy-Metal-Anhängern gesprochen und dabei eine gar nicht so verwunderliche Erkenntnis gewonnen: John Wray:„Ich muss ehrlich sagen, die Heavy-Metal-Fans, mit denen ich zu tun gehabt habe, sind weitaus die liebsten, sanftesten, sympathischsten Menschen, die ich infolge meiner Arbeit kennengelernt habe.“ Tatsächlich klaffen äußere Erscheinung und innere Befindlichkeit selten so weit auseinander. Die Heavy-Metal-Kultur sei sehr bunt, sagt Wray. John Wray:„Und für mich war das natürlich faszinierend und eine wirklich große Überraschung.“ Überraschend ist auch, welche Wendung der Roman nimmt. Von Florida über Kalifornien geht es im letzten Teil nämlich nach Norwegen, wo sich zu jener Zeit eine noch heftigere Spielart des Metal entwickelt: Black Metal. Kip und Kira reisen nach Europa, und Kira verschwindet irgendwann spurlos in der berüchtigten norwegischen Szene. Der legendäre Osloer Plattenladen Helvete spielt dabei eine wichtige Rolle – und dessen Gründer Øystein Aarseth alias Euronymus, der zugleich Gitarrist der stilprägenden Band Mayhem war. Uralte Holzkirchen werden zu dieser Zeit angezündet, satanische Rituale sind ebenso beliebt wie Songs über die Pest. Der Tod ist in dieser Kultur allgegenwärtig: Es ist die radikalste Auflehnung, die sich in einer tief christlichen, spaßfeindlichen und restriktiven Gesellschaft denken lässt. John Wray:„Als ich mit Metal-Fans gesprochen habe, also aus Florida stammend und dann aus Norwegen, weil ich war auch eine Zeit lang in Norwegen, habe ich immer wieder das Gleiche gehört: Also, wir haben nicht Heavy Metal gemacht, weil es so finster war im Winter. Oder weil die Wikinger aus Norwegen stammten. Oder weil wir alle Alkoholiker sind. Sondern weil es so extrem langweilig war als junger Mensch. Weil die Gesellschaft nichts für uns getan hat. Und weil alles so extrem homogen war. (…) Und das ist genau gleich gewesen in Norwegen, so wie in Florida, so wie überall. Die extremsten Jugendbewegungen entstehen immer dort, wo es am langweiligsten ist zu leben.“ Die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt Wrays Roman entwickelt sich im Schlussteil zu einem Thriller, einer verzweifelten Suche nach Kira, aber auch nach einem Platz in der Welt. Kip ist vielleicht der Einzige der drei, der sich am Ende wirklich aus der gefährlichen Umklammerung der intensiven Überwältigungskunst in eine andere Sphäre der Kunst- und Weltwahrnehmung retten kann. Er fängt an, über Musik zu schreiben, wird zum Autor, der notgedrungen eine Distanz zu seinem Gegenstand einnehmen muss. Die Musik kann zwar Leben retten, aber manchmal muss man sich auch vor der Musik retten, indem man sie auf andere Weise betrachtet. Vielleicht erzählt John Wray, der Schriftsteller, der selbst als Jugendlicher dem Lauten und Chaotischen zugeneigt war, da auch ein wenig seine eigene Geschichte. John Wray:„Man wird älter. Und so sehr man sich vielleicht dagegen wehren möchte, muss man diese Phase des Lebens irgendwie doch hinter sich lassen. (…) Man empfindet die Welt, die Liebe und auch die Musik nicht mehr mit einer solchen ungeheuren Intensität wie früher. Das ist natürlich einerseits eine leicht melancholische Tatsache, aber andererseits könnte man mit einer solchen Einstellung kaum überleben. (…) Glücklicherweise kann man sich immer noch daran erinnern und vielleicht sogar einen Roman darüber schreiben.“
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Jun 23, 2024 • 55min

lesenswert Magazin: Ab in die Ferien!

Neue Bücher von Judith Poznan, Jörg Später, Marion Löhndorf, John Wray und der Klassiker "Fahrenheit 451“ als Graphic Novel
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Jun 23, 2024 • 5min

Jörg Später – Adornos Erben. Eine Geschichte aus der Bundesrepublik | Buchkritik

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die deutsche Bevölkerung nicht nur mit dem unvorstellbaren Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen konfrontiert, sondern auch an einem moralischen Tiefpunkt angelangt. Wer nicht mit dem Verschweigen und Vertuschen der eigenen Taten beschäftigt war, beteiligte sich an der Verdrängung der Taten anderer. Ein Interesse an einer echten Aufarbeitung der grausamen Vergangenheit hatten nur wenige. Die Rettung aus dem Exil In dieser Situation waren es die exilierten Intellektuellen, die der Bundesrepublik zu einem neuen Gewissen verhalfen. Unter denen, die rechtzeitig fliehen konnten, waren viele Juden, die sich immer noch ihrer Heimat verbunden fühlten. Ihre Rückkehr nach Deutschland wurde keineswegs begrüßt, stellten sie doch eine kritische Stimme dar, die niemand hören wollte. Der berühmteste unter ihnen war Theodor W. Adorno, ein öffentlicher Intellektueller wie kaum ein anderer. Die weitreichenden Folgen dieser Rückkehr hat der Historiker Jörg Später nun in seinem Buch „Adornos Erben. Eine Geschichte aus der Bundesrepublik“ rekonstruiert. Adorno ist erst spät nach der Machtergreifung zunächst nach England, dann endgültig in die USA emigriert. Bei seiner Rückkehr hatte er eine Kritische Theorie im Gepäck, deren Wirkung der Philosoph Manfred Frank wie ein Lebenselixier beschrieben hat: Meiner ganzen Generation war die Existenz der Kritischen Theorie eine geistige Überlebensfrage angesichts von Eltern und Lehrern, die vom Nationalsozialismus entweder kompromittiert waren oder in einer Vermeidungsstrategie die verspäteten Analysen umgingen. Quelle: Jörg Später – Adornos Erben. Eine Geschichte aus der Bundesrepublik Der neue kategorische Imperativ Bereits in seinem amerikanischen Exil hatte sich Adorno einen Namen gemacht, vor allem mit der „Dialektik der Aufklärung“, die er zusammen mit Max Horkheimer geschrieben hatte. Dieses Buch wurde zu einer der wichtigsten intellektuellen Ressourcen der Bundesrepublik und hat ganze Generationen geprägt. Während viele Deutsche die nationalsozialistische Herrschaft am liebsten aus ihrer Erinnerung getilgt hätten, machte Adorno sie zum Ausgangspunkt seines Denkens und formulierte einen neuen kategorischen Imperativ für die Nachkriegszeit: Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts Ähnliches geschehe. Quelle: Jörg Später – Adornos Erben. Eine Geschichte aus der Bundesrepublik Für die Verbreitung dieses Imperativs spielte das Institut für Sozialforschung eine zentrale Rolle. Ohne diese Einrichtung an der Frankfurter Universität wäre die enorme Wirkung der Kritischen Theorie nicht möglich gewesen. Gegründet wurde das Institut 1924, seine Gründer waren enttäuscht von der Novemberrevolution. Ihre Absicht war es, eine Theorie der Gesellschaft zu entwickeln, mit der die Klassenkämpfe der Weimarer Republik besser zu verstehen waren als mit der orthodoxen marxistischen Lehre. Die Auseinandersetzungen von 1968 Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde das Institut geschlossen. Die Belegschaft übersiedelte nach New York, wo ihr von der Columbia University ein Haus zur Neugründung überlassen wurde. Wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte das Institut auf Bitten der Stadt Frankfurt wieder zurück und wurde schnell zu einem der wichtigsten Orte für die Aufarbeitung der Vergangenheit. Nachdem sich Horkheimer zurückgezogen hatte, wurde Adorno alleiniger Direktor des Instituts. Der Höhepunkt seiner Anerkennung als moralische Instanz fiel zusammen mit den Turbulenzen, in die das Institut durch die Studentenbewegung geriet. Dem philosophischen Meister wurde vorgeworfen, einer echten Revolution auszuweichen. Entsetzt musste Adorno zusehen, wie die Studenten unter Berufung auf seine eigene Theorie immer dogmatischer wurden: In Wahrheit habe nicht ich meine Position geändert, sondern jene die ihre, oder vielmehr die meine, da sie ja doch unendlich viele Kategorien von mir, besser: von der Frankfurter Schule überhaupt bezogen haben. So war’s nicht gemeint. Quelle: Jörg Später – Adornos Erben. Eine Geschichte aus der Bundesrepublik Als Adorno 1969 starb, hinterließ er ein weit verzweigtes Netz von treuen Anhängern. Sein wichtigster Schüler Jürgen Habermas begleitet die Bundesrepublik bis heute. In seiner brillant geschriebenen Studie geht Jörg Später diesem Netz mit großer Genauigkeit nach. Vor allem aber macht er deutlich, wie wichtig die jüdische Erfahrung für die Begründer der Kritischen Theorie war, ein Umstand, der heute viele Jahrzehnte später selbst an den deutschen Universitäten in Vergessenheit zu geraten droht.
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Jun 23, 2024 • 6min

Victor Santos – Fahrenheit 451

Homers „Odyssee”, Joseph Conrads „Herz der Finsternis”, „Alice im Wunderland” von Lewis Carroll – Geschichten, die die Welt in Atem gehalten haben. Nun liegen diese und viele andere Bücher auf dem Boden  – ein Scheiterhaufen der Kulturgeschichte zum Abfackeln bereit. Denn die Feuermänner stehen schon da - ihre Kerosinpistolen im Anschlag, um die Ordnung wiederherzustellen, um Schluss zu machen mit aufrührerischen, sehnsüchtigen, unabhängigen Worten. Als Guy Montag wenig später nach getaner Arbeit seine feuerfeste Uniform in den Spind räumt, ist er mit sich und der Welt zufrieden. Eine erfolgreiche Woche liegt hinter ihm. Víctor Santos: „Bradbury ist mehr ein Dichter als ein Science-Fiction-Autor“ Der Comic „Fahrenheit 451“ beginnt mit einer starken Szene, die den Albtraum einer postliterarischen Gesellschaft auf eine dramatische Weise sichtbar macht. Eigentlich sei er kein hardcore Science-Fiction-Leser, meint Víctor Santos, aber Ray Bradbury möge er besonders gern. „Er ist mehr ein Dichter als ein Science-Fiction-Autor“. Víctor Santos: „I am not a hardcore science-fiction reader. But this is one of my favorite books. So for me was a dream to do it. Bradbury - he is more a poet than a sci-fi-author.” Bradburys Klassiker „Fahrenheit 451” in einen Comic umzusetzen, war allerdings nicht ursprünglich Víctor Santos Idee. Der spanische Verlag planeta hatte den Künstler wegen seines besonderen Zeichenstils angefragt, der mit einer reduzierten Optik, mit starken grafischen Kontrasten und noir-Motiven arbeitet. In deutscher Übersetzung liegt bislang nur ein Werk von Víctor Santos vor: „Polar“ – ein actiongeladener Spionagethriller, eigentlich ein Web-Comic, der so erfolgreich war, dass er 2019 von netflix mit Superstar Mads Mikkelsen verfilmt wurde. Die Ästhetik von „Fahrenheit 451“ hat zwar Ähnlichkeiten mit dem „Polar“-Comic, doch Víctor Santos hat für seine Adaption des Klassikers eine ganz eigene, spannende, farbige Bildsprache entwickelt. Eine eigenständige Comic-Version des Klassikers Ray Bradburys Zukunftsszenario entstand 1953. Den Geist dieser Zeit hat der Comic-Künstler immer wieder durch einzelne Referenzen an Mode, Einrichtung und Architektur sichtbar gemacht. So sitzt der Feuermann Guy Montag in einer pastellfarbenen Küche, auf einer Party tragen die Frauen Swingkleider und nippen an ihrem Cocktailglas. Selbst das Cover, das eine sehr stilisierte Feuerbrigade zeigt, versprüht Retro-Charme und die Gebäude sind in der Regel funktional, groß und kantig. Es sei denn die Feuerbrigade steuert auf das Haus einer alten Frau zu, die im Verdacht steht, Bücher zu besitzen. Es ist eine in die Jahre gekommene, verwitterte Villa aus Holz vor dem düsteren Hintergrund steil aufragender Betonklötze. Diesmal ist die Säuberungsaktion unerbittlich. Die alte Frau geht mitsamt ihrer Bibliothek in Flammen auf. Für seine Comic Adaption hat Víctor Santos Bradburys Dystopie nicht einfach nur bebildert. Er hat eine weitgehend eigenständige Version entwickelt: Víctor Santos: „I was more concerned about transmit the feeling and the emotion of the Story than using all the dialogs, all the descriptions of the story. For example, I never use the narration of Bradbury only the dialogues. Because I have this rule: if Bradbury is telling me something, I am going to draw it, to show it. I`m not going to copy and pace the text.” „Mir ging es mehr darum, die Gefühle und Emotionen der Geschichte zu vermitteln, als alle Dialoge und Beschreibungen der Geschichte zu übernehmen. Ich verwende zum Beispiel nie Bradburys Erzählung, sondern nur die Dialoge. Denn ich habe diese Regel: Wenn Bradbury mir etwas erzählt, zeichne ich es, um es zu zeigen. Ich kopiere den Text nicht und füge ihn nicht einfach ein.“ In den 1950er Zeiten futuristisch, heute bereits Realität Es ist nicht nur der grausame Tod der alten Dame, der die geordnete Welt des Feuermannes Guy Montag allmählich ins Wanken bringt. Vor seinem Haus begegnet er dem jungen Mädchen Clarisse, eine Nachbarin, die durch den Regen tanzt, die merkwürdige Gedanken äußert und ihn mit seltsamen Fragen irritiert –ob er glücklich sei, will sie wissen. Anders als die sehr lebendige Clarisse sitzt Guy Montags Frau Mildred wie ein Fernseh-Zombie daheim. Die Zimmerwand besteht aus einem einzigen riesigen Bildschirm und sehr zum Leidwesen Mildreds hat das Gehalt ihres Mannes bislang nur für drei Wände gereicht. Als sie eines Tages eine Überdosis Tabletten nimmt, kommt eine Spezialeinheit zum schnellen Blutwechsel vorbei. Ein Standardeinsatz, Ärzte werden für solche Lappalien nicht mehr belästigt, erfährt Guy, was ihn fassungslos macht und in die Krise stürzt. Er fängt an, Bücher beiseitezuschaffen, zu lesen, die Schönheit der Gedichte zu feiern, was ihn aus der Sicht des Systems verdächtig macht. Víctor Santos hat in seine Bilder immer wieder hoch moderne Technik integriert. Zu Zeiten Ray Bradburys geradezu futuristisch, heute Alltag: Víctor Santos: “I could see all the elements of the social Media, the fake news. A lot of elements I even know when I read the novel seven years ago. But now they are my present. I feel Bradbury was talking about it and I try to add this new interpretation to the graphic novel. I think it fits perfectly.“ „Ich konnte alle Elemente der sozialen Medien und der Fake News erkennen. Viele Elemente kannte ich schon, als ich den Roman vor sieben Jahren las. Aber jetzt sind sie meine Gegenwart. Ich habe das Gefühl, Bradbury hat darüber gesprochen und ich versuche, diese neue Interpretation in den Graphic Novel einzubringen. Ich finde, es passt perfekt.” Mahnung vor einer intellektuellen Gleichschaltung Das Faszinierende an Bradburys Vision ist die Tatsache, dass die Menschen in seiner Geschichte selbst Literatur und kritisches Denken abgeschafft haben, um alle Bürgerinnen und Bürger auf ein gleiches intellektuelles Niveau zu bringen. Nun hat ein totalitärer Staat darüber zu wachen, dass dieser Standard und der allgemeine Seelenfrieden nicht gefährdet werden. Fatal, wie sich in Bradburys Roman aktuelle Trends wiederfinden: die Sehnsucht nach Vereinfachung, nach einer künstlichen Intelligenz, die Lern- und Denkarbeit erleichtert, nach Spaß und Ablenkung, verbunden mit einer zunehmenden inneren Leere. Víctor Santos legt viel Wert auf die emotionalen Momente dieser Geschichte: er zoomt die Gesichter heran, arbeitet sehr gekonnt mit unterschiedlichen grafischen und farblichen Effekten und spielt sehr lebendig mit den Vignetten, den Bildrahmen, um die Charaktere noch stärker hervorzuheben oder zu kommentieren. Bradburys Klassiker „Fahrenheit 451“ auf diese spannende Weise wiederentdecken zu können, ist ein wertvolles Geschenk.

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