SWR Kultur lesenswert - Literatur

SWR
undefined
Sep 8, 2024 • 13min

Ansteckend: Daniel Kehlmanns Begeisterung „Über Leo Perutz“ | Gespräch

Die Begeisterung sei bis heute geblieben, betont Kehlmann im lesenswert Magazin, der sich in seinem neuen Buch „Über Leo Perutz“ mit einigen ausgewählten Werken des heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Autors beschäftigt. „Einer der großen deutschen Romanautoren" In seiner Auseinandersetzung mit Leo Perutz verzichtet Daniel Kehlmann ganz bewusst auf eine biografische Annäherung. Selbst anhand der Lebensäußerungen und Briefe des Schriftstellers entstehe kein scharfes Bild. Er wollte als Person nicht in Betracht kommen, meint Kehlmann. Ein Grund, weshalb Perutz, „einer der großen deutschen Romanautoren“, in Vergessenheit geraten sei. Als jüdischer Autor von den Nationalsozialisten verfolgt, ging Leo Perutz 1938 mit seiner Familie ins Exil nach Palästina, konnte dort an seinen literarischen Erfolg jedoch nicht mehr anknüpfen. „Wenn es ein Schicksal gibt, dann läuft das ungefähr so wie in den Romanen von Leo Perutz" Hochexperimentell, originell, faszinierend – Daniel Kehlmann gerät ins Schwärmen über die verwegene Erzählkunst des Wiener Schriftstellers, der in seinen Werken immer wieder die Frage nach Schicksal und Zufall stellt. Vor allem begeistert ihn „Nachts unter der steinernen Brücke“, das Hauptwerk von Leo Perutz. Darin sei alles, was einen an Literatur faszinieren könne. Wer sich von Daniel Kehlmanns aufschlussreichem Bekenntnis nicht anstecken lässt, dem ist nicht zu helfen.
undefined
Sep 8, 2024 • 5min

Katja Lange-Müller „Unser Ole“: Vom Los ungeliebter Töchter | Buchkritik

Die Geschichte beginnt – nachdem die Autorin uns versichert hat, sie sei wahr, auch wenn sie die handelnden Personen unkenntlich gemacht habe – mit einem populären Lied aus frühen DDR-Zeiten: 'Kleines Haus am Wald/Morgen komm ich bald…' diesen Herbert-Roth-Schlager aus der Zeit ihrer Jugend hatte Ida vor sich hin gesummt, während sie ihren Koffer packte, um am nächsten Tag bei Elvira einzuziehen. Quelle: Katja Lange-Müller – Unser Ole Eine Zweck-WG gezeichneter Figuren Ida und Elvira: Zwei höchst verschiedene alte Frauen, die eint, dass sie von ihren Müttern nicht geliebt wurden. Ida war eine besonders schöne Frau, die ihr Leben an der Seite ebenso wohlhabender wie egoistischer Männer verbracht hat. Irgendwann waren die Herren jedoch stets von ihr gelangweilt und nach der letzten Trennung ist sie ziemlich weit unten angekommen. Im wahren Sinn des Wortes: in einer dunklen Ein-Zimmer-Erdgeschoss-Wohnung. Sie hat eine miese Rente, die sie mit gelegentlichen Auftritten bei Seniorinnen-Modeschauen aufbessert. Auf einer solchen Veranstaltung trifft sie die lange schon verwitwete Elvira, die bis zur Pensionierung mit Leidenschaft berufstätig war. Ihr gehört ein kleines Haus und dort gibt es ein Zimmer für die Freundin. Elviras ‚Eigenheim‘, ein rauputzgrauer Würfel mit Eternitdach, befindet sich auf einem Eckgrundstück am Rande eines Dorfes nahe der Hauptstadt, von der aus es per Auto gut, per Regionalbahn und Bus aber nur bis neun Uhr abends zu erreichen ist. Elvira nannte ihre abgelegene Gegend einmal „das letzte Loch im Berliner Speckgürtel“. Quelle: Katja Lange-Müller – Unser Ole Es ist also nicht direkt das schlagersehnsüchtige „kleine Haus am Wald“, in das die stets perfekt geschminkte, auf Kleidung wertlegende Ida zieht. Sie muss keine Miete zahlen. Als Ausgleich soll sie der Freundin im Haushalt zur Hand gehen und bei der Betreuung des halbwüchsigen, titelgebenden Enkel Ole helfen. Familiengeschichten zwischen Grauen und Humor Zwei alte Frauen, ein hässliches Haus und ein gestörter 15-Jähriger, der sich nur rudimentär verständlich machen kann, der viel und immer das Gleiche isst und am liebsten im Bett liegt. Das ist die Ausgangskonstellation in dem neuen Roman der Berliner Autorin Katja Lange-Müller. Und dann passiert ein Unglück. Ein Sturz. Hat Ole nachgeholfen oder ist die Großmutter gestolpert? Das wird nicht aufgeklärt, auch nicht von den freundlichen Kommissaren, die für kurze Zeit eine wichtige Rolle spielen und nicht wenig Humor in die nicht gerade komische Lage bringen. Entscheidender als die Polizei ist jedoch Oles Mutter, die rechtmäßige Erbin, die jetzt das Spielfeld betritt. Womit das Trio im hässlichen Haus wieder komplett wäre. Nur sind es jetzt eine alte und eine mittelalte Frau, die am Küchentisch sitzen und nicht wissen, wie sie mit dem behinderten Ole zurechtkommen sollen. Sein Intelligenzquotient soll etwa bei vierzig liegen, zudem gilt er als autistisch. Von der allgemeinen Schulpflicht ist er jedenfalls befreit und in die Sonderschule geht er auch nicht. Seine Oma Elvira hat ihn unterrichtet, so gut es ging. Lesen, schreiben, rechnen kann er nicht, dafür hantiert er gern mit Buntstiften und Elvira gefielen seine Bilder… Quelle: Katja Lange-Müller – Unser Ole Oma Elvira war wohl nicht unschuldig an der Behinderung des Neugeborenen. Jedenfalls erzählt Katja Lange-Müller eine ziemlich schreckliche Mutter-Tochter-Geschichte, in deren Folgen ein hirngestörter Säugling auf die Welt kommt. Überhaupt gelingt es ihr, die Lebensgeschichten dieser drei Frauen in Rückschauen lebendig werden zu lassen. Ein leichthändiges Prosadrama mit mysteriösem Ende In der Gegenwart entwickelt sich ein spannendes weibliches Herr-und-Knecht-Verhältnis, das geprägt ist von sozialer Einsamkeit und emotionaler Unfähigkeit. Die Autorin entwirft in diesem Roman traurige Figuren und Konstellationen, zeichnet verlorene Leben, die trotzdem von Widerstand geprägt sind. Und deren Erinnerungen immer wieder Anlass für ziemlich komische Episoden geben. In der Musik wäre es wohl ein Capriccio, „frei in der Form und von lebhaftem Charakter“. Und dann gibt es ja noch Ole, der wie ein Elefant im Erzählraum steht und der für ein mysteriöses Ende sorgt in diesem leichthändigen – wie die Autorin es nennt – Prosadrama. Gerne hätte man eine Auflösung, aber da es eine wahre Geschichte ist, die erzählt wird, müssen wir ohne auskommen. Im Leben geht es eben nicht zu wie im Roman. Und alle Spuren verlaufen sich hier sowieso im märkischen Sand.
undefined
Sep 5, 2024 • 4min

Mia Raben – Unter Dojczen

Hand aufs Herz: Was wäre unsere alternde Gesellschaft ohne all die Haushaltshilfen aus Osteuropa? So manch wacklige Familienkonstruktion mit hilfsbedürftigen Großeltern würde ohne sie zusammenbrechen. So gesehen ist es also sehr zu begrüßen, dass all den Pflegerinnen und Pflegern aus Polen oder Tschechien endlich ein literarisches Denkmal gesetzt wird. Auch wenn man dem Debütroman der 47-jährigen Autorin und Journalistin Mia Raben mit dem Titel „Unter Dojczen“ ein wenig mehr spannungsförderndes Konfliktpotenzial wünschen würde, von seinem fast schon märchenhaften Happy End ganz zu schweigen.  Aufopferung bis zum Burn-out  Die Protagonistin heißt Jola. Sie ist Polin Anfang fünfzig, Mutter einer erwachsenen Tochter und pendelt seit zwölf Jahren zwischen Łódź und Deutschland. Um ihre Schulden bei Kredithaien abzuzahlen, arbeitet sie als sogenannte „Live-in“, als fest in einem Haushalt lebende Betreuerin. Den Löwenanteil ihres Gehalts kassiert eine dubiose Agentur; dafür muss sie das Mädchen für alles spielen, rund um die Uhr, an sieben Tagen die Woche. Und wenn etwas schiefgeht, darf sie sich von ihren „seniorki“ auch noch antipolnische Vorurteile anhören. Wie beim Ehepaar Weiß, wo die aufopferungsvolle Jola einen Burn-out erleidet.  Die Ruhe kam mit den Wochen. Das Ausbleiben ewiger Forderungen war eine Tatsache. Kein schmerzerfülltes Stöhnen von Herrn Weiß, keine gehässige Stimme von Frau Weiß. (…) Kein ‚Schrubb!‘. Kein ‚Saug!‘. Kein ‚Kriech!‘. Kein ‚Trag!‘. Kein ‚Joooohhhlaaa!‘.   Quelle: Mia Raben – Unter Dojczen Dass Deutsche Jolas Vornamen partout falsch, nämlich mit einem langen O, aussprechen, wird im Roman zum Zeichen für die fehlende Empathie auf der Gegenseite. Zu Romanbeginn wagt Jola trotzdem einen Neuanfang, bei einer gut situierten Familie in Hamburg, mit Arbeitsbedingungen, die fast zu schön klingen, um wahr zu sein. Weshalb man bei der Lektüre, quasi gemeinsam mit der Protagonistin, immer wieder auf den unvermeidlichen Haken wartet.   An der Grenze zur Übergriffigkeit  Doch es kommt keiner. Sicher, auch bei den von Klewens gibt es so manche kulturellen Missverständnisse. Die Szene etwa, als die hippe Schwiegertochter Jola zum gemeinsamen Saunieren mit ihren nicht minder hippen Freundinnen drängt, ist hart an der Grenze zur Übergriffigkeit – führt aber dennoch dazu, dass Jola sich und ihren Körper neu entdeckt. Und dann ist da noch Uschi, die zu betreuende Matriarchin, eine Vertriebene aus dem ehemaligen Ostpreußen, die ein rechtes Biest sein kann.  ‚Theo … wir fahr’n nach Lodsch!‘, sang Uschi und lachte. Jola hasste es, wenn Deutsche dieses bescheuerte Lied von Vicky Leandros anstimmten, sobald es um ihre Heimatstadt ging. Ihre Lehrerin hatte ihnen damals erzählt, dass Überlebende des Ghetto Litzmannstadt berichtet hatten, dieses Lied sei von SS-Männern an der Rampe gesungen worden, aber Jola fehlte jetzt die Kraft, Uschi darauf hinzuweisen. Quelle: Mia Raben – Unter Dojczen Wie sich trotz aller Unterschiede eine Art Freundschaft zwischen den beiden Frauen entwickelt, ist durchaus anrührend zu lesen und erinnert ein wenig an den Kinohit „Ziemlich beste Freunde“. Zumal die Zeit bei den von Klewens Jola erlaubt, wieder zu sich zu kommen und endlich wieder zu träumen. Etwa davon, eine eigene Vermittlungsagentur zu gründen, mit fairen Arbeitsbedingungen für ihre Kolleginnen. Die Unterstützung der von Klewens macht es am Ende möglich.   Geschichte einer weiblichen Selbstermächtigung  Jola findet sogar die Kraft, nach jahrelangem schamvollem Schweigen wieder den Kontakt zu ihrer Tochter zu suchen. Gerade rechtzeitig, wie sich zeigt, ist diese doch kurz davor, in eine spanische Großfamilie einzuheiraten. Spätestens hier freilich wechselt Mia Rabens überwiegend flüssig zu lesender Roman einer weiblichen Selbstermächtigung das Genre: Aus einem psychologisch-realistischen Sozialroman wird quasi ein modernes Märchen mit Happy End. Mit einem solchen Ende wird die Autorin ihrem Thema leider nicht gerecht.
undefined
Sep 4, 2024 • 4min

Ines Geipel – Fabelland | Buchkritik

Was ist das nur für eine Familiengeschichte: beide Großväter waren bei der SS, der Vater spionierte jahrelang „unter acht verschiedenen Namen“ für die DDR-Staatssicherheit im Westen Deutschlands, die Mutter war von vornherein eingeweiht, aber sagte ihren Kindern nichts – und Ines Geipel erfuhr davon erst im Jahr 2003 durch die Akte ihres Vaters, also 14 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer. Welche Nachwirkungen hat eine solche Familiengeschichte? Ines Geipel, die im August 1989 über Ungarn nach Westdeutschland geflohen war, hat die DDR-Diktatur am eigenen Leib erfahren: als Sprinterin war sie in das Drogenprogramm des DDR-Leistungssports eingebunden. Heute ist sie zu einer Schriftstellerin und Hochschullehrerin geworden, die sich aus eigener Erfahrung, aus der Erfahrung mit ihrer Familie, zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den beiden deutschen Diktaturen gezwungen sieht.   Verknüpfung von persönlicher Biographie und zeitdiagnostischem Essay  Aber Bewältigung der NS-Vergangenheit, Auseinandersetzung mit der DDR-Diktatur, so mag manche Leserin und mancher Leser einwenden, hatte Ines Geipel darüber nicht schon vor fünf Jahren in ihrem sehr guten Buch „Umkämpfte Zone“ geschrieben? Was also ist neu in ihrem aktuellen Buch?  Die Kluft zwischen Ost und West ist größer geworden  Mehr als noch vor fünf Jahren wird heute klar: Man kann Glück verspielen, das Glück ist dem Zorn gewichen. Klar ist auch: die Kluft zwischen Ost und West ist größer geworden. Wie keine andere hat die bundesdeutsche 68er-Generation die politischen Debatten im Land geprägt. Die Intervention der Jungen hatte Wirkung und war ein Katalysator für die Liberalisierung der westdeutschen Gesellschaft. Und im Osten? Dort hatte der korrumpierte Buchenwald-Komplex die Gesellschaft ins gedächtnispolitische Nirwana geschickt. Quelle: Ines Geipel – Fabelland Die Opfer des Holocaust kamen in der Legende von den kommunistischen Buchenwald-Kämpfern nicht vor. Der instrumentalisierte, rote Antifaschismus kreiste – schreibt die Autorin - „um die 72 deutschen Kommunisten, die in Buchenwald ums Leben gekommen waren. 72 von insgesamt 56.000“.  Ines Geipel dagegen geht ganz anders vor: Sie berichtet von ihrer eigenen Familie: von Täterfamilien, von einem doppelten Schweigen, das zu einem doppelten Trauma führte.   Anders als der Generation im Westen war es im Osten nicht möglich, sich auf die Siegerseite der Geschichte hinüberzuerzählen. Quelle: Ines Geipel – Fabelland Die Schuldverdrängung macht anfällig für die Rechtsradikalen  Seit über 20 Jahren schon, so diagnostiziert Ines Geipel, kommt „etwas Altes“ zurück: „Der Hass, das Nationale, die Identitätsfrage.“ Das „DDR-Schlafdelirium“, das „antifaschistische Entlastungsprogramm“, wie Geipel es nennt, führte zu einem „brachialen Gesellschaftsloch“. Das sogenannte „neue ostdeutsche Selbstbewusstsein“ wurde, so ihre These, von den Rechtsradikalen gekapert. Die erinnerungspolitische Entlastungserzählung, die versucht, den Westen zum Buhmann zu machen, macht ihrer Ansicht nach deutlich, wie sehr die älteren, diktaturbelasteten Ost-Generationen immer noch zusammenhalten. Am Ende, im Gespräch mit der neuen Generation an der Schauspielschule Ernst Busch, stimmt Geipel – wider Erwarten – hoffnungsvolle Töne an:   Sie wollen es anders machen. Sie wollen auf der Bühne gemeinsam über Sehnsucht nachdenken. Die Sehnsucht nach Aufarbeitung. Das sagen sie wirklich. Quelle: Ines Geipel – Fabelland Es ist eine aufregende Reise durch das verminte Gelände der Schuldverdrängung, die die Autorin unternimmt. Auf jeden Fall lesenswert.
undefined
Sep 3, 2024 • 4min

Frank Klötgen und Anton G. Leitner (Hg.) – Das Gedicht, Band 31: Laut & Leise

Wer sich in der deutschsprachigen Lyrikszene bewegt, kommt an Anton G. Leitner nicht vorbei. Der Dichter, Übersetzer und Herausgeber wurde 1961 geboren. Seit Beginn der Neunzigerjahre schickt er ausdauernd, schier unermüdlich beinahe lückenlos Jahr um Jahr eine neue Ausgabe der Zeitschrift „Das Gedicht“ auf eine der Umlaufbahnen dieses Kosmos. Kraft der Poesie gegen die Ökonomisierung der Welt Die Kraft der Poesie will er stärken, gegen die totale Ökonomisierung der Welt. Auch er, der schier Unermüdliche, ist aber unter den Zeichen der Zeit, unter dem Druck von Krieg und Krisen vor Zweifeln nicht sicher. Im Vorwort zur 31. Ausgabe schreibt er:  In solch finsteren Momenten kommt es mir dann fast verrückt vor, zig Stunden, Tage, Wochen, ja schon etliche Monate lang meine ganze Energie darauf gerichtet zu haben, im 31. Jahr in Folge, unter immer schwierigeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und unter dem wachsenden Druck der ausufernden Bürokratie, eine neue GEDICHT-Ausgabe auf die Beine zu stellen. Aber dann werde ich schnell wieder ganz ruhig und entspannt, wenn ich mich hochkonzentriert und mit allen Sinnen hineingebe in die lyrische Welt meiner Mitpoetinnen und Mitpoeten. Quelle: Frank Klötgen und Anton G. Leitner (Hg.) – Das Gedicht, Band 31: Laut & Leise Klares und deutliches Bekenntnis zur Poesie Mag Leitner auch manchmal zweifeln, seine Arbeit ist ein klares und deutliches Bekenntnis zur Poesie, und sie ist im wahrsten Sinn des Wortes Arbeit an der Basis der Lyrik. Immer enthält sie einen Schwerpunkt mit Gedichten für Kinder, immer ist sie offen für Einreichungen, die dann zwar kuratiert, aber stets mit viel Wohlwollen angeschaut werden. Um die 1000 Einreichungen waren es für die vorliegende Ausgabe von „Das Gedicht“. Neben flüchtigen und manchmal etwas banaleren Versen finden sich in jeder Ausgabe auch immer poetische Perlen:   die Stille dort wie der Wind im Glas/ob es damit zusammenhängt, weiß ich nicht/im Zimmer meiner Mutter gibt es ein Sofa/auf dem seit fünfzig Jahren nur eine Puppe sitzt/ehe ich jedenfalls zu Ende abwäge/ob die Stille dort wie der Wind im Glas oder/doch eher wie eine Gegenwartsschleppe ist/verschwindet der laut dröhnende/Mittagsflieger über mir und/Nimmt seinen ganzen Schall mit […]  Quelle: Frank Klötgen und Anton G. Leitner (Hg.) – Das Gedicht, Band 31: Laut & Leise Die Verse aus diesem eindrucksvollen Gedicht des 1962 geborenen, noch viel zu wenig bekannten Heinz Peter Geißler herauszugreifen, mag angesichts der Breite dieser 31. Ausgabe von „Das Gedicht“ zwar ungerecht erscheinen.  Ohne Basis keine Spitze Andererseits beweisen diese Verse eben, was Leitner in seinem Vorwort schreibt: „Ohne Basis keine Spitze“. Man muss vergleichen, um die Unterschiede zu erkennen. Und es braucht die Geduld von geschulten Lesern von Gedichten, die in manchen weniger gelungenen Texten doch vielleicht schon die Anlagen eines Autors oder einer Autorin ausmachen. Es braucht die Erfahrung eines Lyrikviellesers wie Leitner aber eben auch, um die Qualität von Versen wie die Geißlers zu erkennen.   Und es braucht auch besonders die feste Rubrik mit den Kindergedichten, die in dieser Ausgabe „remmi demmi“ heißt. Die Kindergedichte setzen ganz auf die spielerische, rhythmische und frei bewegliche Seite der Sprache, die durch Verse eine so lebendige und gedankenvolle Stille nachhallen lassen kann, wie durch dieses witzige Gedicht von Heike Nieder:  Endlich still/ich ess so gern ein Ei,/Das ist mein großes Glück/So beiß ich vom GESCHREI/Grad ab das letzte Stück. Hab ich mein Ei zerkaut/Klau ich noch R und GE/Dann bleibt als letzter Laut/Ein leises SCHschsch... wie Schnee. Man wünscht Anton G. Leitners Projekt alles Gute und weiterhin Zähigkeit und Leidenschaft.
undefined
Sep 2, 2024 • 4min

Achim Bubenzer – Opa, du hast es doch gewusst!

Achim Bubenzer, Jahrgang 1949, appelliert mit seinem Buch an die Verantwortung seiner Generation. Im Hinblick auf die existenziell bedrohliche Klimakrise teilt er sie in verschiedene Kategorien ein: Leugner, Relativierer, Engagierte und Resignierte. Erkenntnisse im Umgang mit diesen Typen – und das macht sein Buch unterhaltsam – zieht er dabei häufig aus seinen Alltagsbegegnungen.  Mein berufliches Engagement für die Themen Solarenergie und Nachhaltigkeit ließ bei mir gar nicht erst den Gedanken aufkommen, die Menschheit könnte den Wettlauf gegen die Erderhitzung verlieren. Bis mich auf einer Strategietagung bei einer hitzigen Debatte über Klimaschutz einer meiner engsten Kollegen abends beim Bier mitleidig ansah und meinte: „Du bist doch verrückt. Sei mal realistisch: Der Klimawandel ist nicht mehr aufzuhalten. Genieß Dein Leben und gib Ruh!“  Quelle: Achim Bubenzer – Opa, du hast es doch gewusst! Relativierung statt Klimaleugnung  Es sollte nicht der einzige Bekannte bleiben, der so sein Buchprojekt mit inspirierte. Auch wenn sich Achim Bubenzer noch auf einigen Seiten an Klimaleugnern abarbeitet, gesteht er: Klimaleugner haben heute wegen der wissenschaftlichen Sachlage einen schweren Stand. Vielmehr nehme die Anzahl der Resignierten und Relativierer zu, die meinen: Ja, es gibt die Klimakrise. Aber wir müssen pragmatisch bleiben, und deswegen können wir notwendige Maßnahmen zum Klimaschutz nicht im nötigen Umfang umsetzen. Eine Haltung, die auch für viele Politiker und Konzernlenker gelte, meint Bubenzer.   Dieses Handlungsmuster des Wegschauens und Augenverschließens ist natürlich zutiefst menschlich und sogar verständlich. Es entspricht den ersten Reaktionen auf eine schlimme Nachricht, die uns überfordert, sei es eine lebensbedrohliche medizinische Diagnose, [..] die Aussicht auf einen ruinösen Rechtsstreit oder eben die Prognose der Klimawissenschaften.   Quelle: Achim Bubenzer – Opa, du hast es doch gewusst! Mit gut nachvollziehbaren Zusammenfassungen und Vergleichen appelliert Bubenzer an das Verständnis seiner Leserinnen und Leser, vergleicht die Atmosphäre mit einer Allmende, deren Nutzung ebenso wie zum Beispiel die des Wassers gemeinsamer Regeln bedürfe. Und Eile sei geboten.  Es besteht die konkrete und akute Gefahr, dass in 50 bis 100 Jahren weite Teile unserer Erde nicht mehr bewohnbar und Millionen von Menschen auf der Flucht vor Hitze, Überflutung, Hunger und Krieg sein werden.   Quelle: Achim Bubenzer – Opa, du hast es doch gewusst! Weder Atomenergie noch CO²-Speicherung  Bubenzer benennt auch, was unumgänglich ist: den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern. Atomenergie als Ersatz lehnt er gut begründet und kenntnisreich ab. Mit Solar, Wind und Investitionen in die Entwicklung von Energiespeichern hingegen könnte eine Versorgungssicherheit hergestellt werden, die der heutigen um nichts nachsteht. Um das Ziel zu erreichen, setzt Bubenzer auf staatlich regulierte Marktmechanismen und den Gang durch die rechtlichen Instanzen. Aktionen von Gruppen wie der Letzen Generation hält er für verständlich, aber kontraproduktiv, weil sie die Gräben zwischen Aktivisten und konservativen Kreisen vertieften. Dennoch ist er wie die Letzte Generation auch davon überzeugt, dass Kompromisse nicht zum Ziel führen werden.   Mit dem Klima [..] kann man keine Deals aushandeln. Die Natur ist der Boss. Und der ist völlig leidenschaftslos, weder gut noch böse. Aber: er ist fair und berechenbar. Denn er hat seine Regeln, die Naturgesetze, ihre Zusammenhänge und komplexen Wechselwirkungen, unseren Naturwissenschaftlern zur Erforschung offengelegt.  Quelle: Achim Bubenzer – Opa, du hast es doch gewusst! Achim Bubenzer setzt auf einen grünen Kapitalismus im Kampf gegen die Klimakrise. Andere bedeutende Ansätze der internationalen Debatte, die den kapitalistischen Markt und seinen Wachstumszwang als Grundproblem betrachten, spielen bei seinen strategischen Erwägungen keine Rolle. Und, anders als es der Titel nahelegt, enthält sein Buch überhaupt keine Dialoge mit der Enkelgeneration. Achim Bubenzer hat das Buch offensichtlich für ein konservativ eingestelltes, älteres Lesepublikum geschrieben, dem es sicher einige Denkanstöße geben kann.
undefined
Sep 1, 2024 • 6min

Tommy Orange – Verlorene Sterne

Unser Wissen über Native Americans in den USA wird oft überlagert von Klischees aus Karl-May-Romanen, US-Western und Winnetou-Filmen der 1960er Jahre. Wir haben ein nostalgisches Bild der Indianer: Sie lebten ein nachhaltiges, naturnahes Leben in weiten Landschaften. Aber das sind romantisierte Bilder aus der Vergangenheit. Der amerikanische Autor Tommy Orange, Mitglied des Cheyenne und Arapaho Tribe, führt uns in seinem zweiten Roman „Verlorene Sterne“ in eine ganz andere Welt ein. Eine Welt jenseits romantischer Klischées „Verlorene Sterne“ erzählt die Vorgeschichte zu seinem ersten Roman „Dort, dort“ und ist zugleich die Fortsetzung. Der Autor entwirft über sieben Generationen hinweg eine Familiengeschichte, die durch Erfahrungen von Unterdrückung, Landraub und Sucht geprägt ist. Dieser Erzählung stellt der Autor einen Prolog voran, der den schockierenden politischen Slogan zur Lösung des sogenannten „Indianerproblems“ auf den Punkt bringt: „Den Indianer töten, um den Menschen zu retten.“ Historischer Ausgangspunkt: das Massaker von Sand Creek Historischer Ausgangspunkt von Tommy Oranges Roman ist das Massaker von Sand Creek in Colorado, wo im November 1864 Milizen 180 Cheyenne und Arapaho-Indianer in ihrem Winterlager niedermetzelten, die meisten davon Frauen und Kinder. Einer der wenigen Überlebenden ist Jude Star, der gemeinsam mit einem jungen Stammesbruder vor der US-Kavallerie in ihren blauen Uniformen fliehen kann. Ich meinte Vögel zu hören, kurz bevor es hell wurde, nachdem ich aufgeschreckt war voller Angst vor Männern so weiß, dass sie blau wirkten. Ich hatte oft Träume von blauen Männern mit blauem Atem, das Vogelgezwitscher wurde zum Quietschen träger Räder, als im Morgengrauen Gebirgsgeschütze auf unser Lager zurollten.  Quelle: Tommy Orange – Verlorene Sterne Die Erfahrung des brutalen Massakers schreibt sich in Körper und Psyche der Kinder, Enkel und Urenkel ein. Tommy Orange schreibt über Indianer im Hier und Jetzt . Mit seinem Erstlingserfolg „Dort, dort“ hat Orange ein Thema gefunden, das bisher kaum literarisch bearbeitet wurde: Das Leben der indigenen Amerikaner in den Städten. Von den etwa fünf Millionen Native Americans leben heute circa siebzig Prozent in Städten, nicht in Reservaten. Identitässuche über Generationen hinweg Wie sie dort leben und warum sich die immer gleichen Probleme von Identitätssuche, Sucht und familiärer Instabilität über Generationen fortsetzen, ist das Thema von Oranges zweitem Roman. Aber bevor er in seinem aktuellen Roman in der Gegenwart ankommt, blättert er an den Beispielen von Jude Stars Sohn und der Tochter eines Stammesbruders die deprimierende Geschichte ihrer Nachkommen über die folgenden 150 Jahre auf. Wesentliche Wegmarken sind die Internierung einer Gruppe von Indianern in einer Gefängnisfestung in Florida und die Einrichtung der später berüchtigten Indianerinternate. Jude Stars Sohn gehört zu den Schülern des ersten Internats, das 1879 in Pennsylvania gegründet wurde. Er hegt den Verdacht, dass sich noch etwas Schlimmeres unter seinen schlimmsten Erinnerungen an die Schule verbirgt, unter den Haarschnitten und dem Abbürsten, den Märschen, den Prügeln, dem Hunger und dem Arrest und den zahllosen Bloßstellungen, weil er Indianer blieb, während sie sich fortwährend bemühten, ihn zu bilden, zu christianisieren, zu zivilisieren. (…) Selbst manche der anderen Indianerkinder hänselten ihn, weil er halb weiß war. Quelle: Tommy Orange – Verlorene Sterne Dass die Kinder aus Verbindungen zwischen Indianern und weißen Amerikanern besonderen Anfeindungen ausgesetzt sind, zieht sich als Thema durch den Roman, bleibt aber im Vagen. Verfehlte US-Politik gegenüber der Indigenen Tommy Orange führt Beispiele der verfehlten US-Politik gegenüber der indigenen Bevölkerung im ersten Teil des Romans auf 115 Seiten quasi im Schnelldurchlauf mit verschiedenen Protagonist*innen an, die aber so rasch durch die Jahrzehnte wechseln, dass man den Überblick verliert. Als Personen sind sie kaum ausgearbeitet, weil sie zu bloßen Bedeutungsträgern schrumpfen. Der Autor streift viele wichtige Themen, bleibt aber durch die zeitliche Straffung an der Oberfläche. Erneute Begegnung mit Orvil Red Feather Im zweiten Teil des Romans mit dem Titel „Nach 2018“ wird die Geschichte des jungen Orvil Red Feather weitererzählt, der am Ende von „Dort, dort“ auf einem Powwow-Festival angeschossen wurde. Nachdem bereits Orvils Vorfahren Laudanum, Mescalin und Alkohol konsumierten, wird auch er als Teenager abhängig von Schmerzmitteln. Jung und frei sein klingt wie eine gute Option. Obdachlos sein klingt schon anders und so könnte man Lonys Leben auch beschreiben. Zugang zu gut dotierten Jobs gibt es für die indigene Familie kaum. In einem Nebenstrang der Geschichte driftet der Schüler zeitweise in die Dealer-Szene ab, weil der Vater eines Schulfreundes illegal Drogen im heimischen Labor herstellt, die Orvil dann verkauft. Orvils jüngster Bruder Lony hält zwar durch bis zum Highschool-Abschluss, aber den Schritt ins bürgerliche amerikanische Leben macht er nicht. Jahrelang bleibt der Junge verschwunden, ohne Kontakt zur Familie. Im letzten Kapitel „Unzustellbar“ lesen wir seinen sechsseitigen Brief als erstes Lebenszeichen:             Ich habe gelebt, wie die Indigenen damals, als unsere Welt das erste Mal untergegangen ist. Frei sein und umherziehen und es alles verstehen, (…) nur das wollte ich. (…) Ich war kein guter Mensch, habe nichts zur Gesellschaft beigetragen, aber andererseits auch nichts zu den Arschlochkonzernen und der US-Regierung, die mehr Leben zerstören, als man zählen kann, (…) .    Quelle: Tommy Orange – Verlorene Sterne Auch wenn der Roman bisweilen unter inhaltlicher Überfrachtung leidet, wird er seinem aufklärerischen Anspruch gerecht. Durch seine historischen Bezüge regt er dazu an, sich die oft vergessenen Grausamkeiten bewusst zu machen, die mit der Vertreibung der Indigenen verbunden waren. Allein das ist Grund genug, um „Verlorene Sterne“ zu empfehlen.
undefined
Sep 1, 2024 • 16min

100 Jahre Büchergilde Gutenberg – „Vorwärts mit heiteren Augen“

Das Markenzeichen: Leinenbindung und Illustrationen Er schaue mit großer Ehrfurcht auf das Jubiläum, sagt der Büchergilde-Geschäftsführer Alexander Elspas. Dass es sie so lange gibt, hätten sie sicher auch einem Quäntchen Glück zu verdanken. Aber auch ihrer Leidenschaft für schöne Bücher: „Die Buchdrucker hatten von Anfang an ein Auge für schöne Bücher.“ Das erste Buch, das bei der Büchergilde erschien, ist der Erzählband „Mit heiteren Augen“ von Mark Twain. Im Vorwort beschreibt darin Cheflektor Ernst Preczang die Idee hinter der Buchgemeinschaft: „Bücher geben, die Freude machen, Bücher voll guten Geistes und von schöner Gestalt.“ Das Ziel: Bildungsferne Leser:innen erreichen Schöne Form und schöner Inhalt – das klingt bildungsbürgerlich. Dabei wollte die Büchergilde damals vor allem die sogenannte Arbeiterschaft erreichen, „die sich durch die Büchergilde diese schönen Bücher auch leisten konnten. Mit dem Ziel, Bildung in Schichten zu tragen, wo sie damals vielleicht nicht ganz so selbstverständlich angesiedelt war“, sagt Elspas. Kein Mitgliedsbeitrag Die Mitgliedschaft gestaltet sich dabei so: Es gibt keinen Mitgliedsbeitrag, sondern die Pflicht, sich in jedem Quartal aus etwa 20 bis 25 ausgewählten Büchern einen Titel auszusuchen. Sollte man nicht fündig werden, wird ein Vorschlagstitel zugesendet. Dieses Modell hält sich seit hundert Jahren und hatte früher sogar einen speziellen Lieferservice, erinnert sich Alexander Elspas: „Das war historisch tatsächlich so, dass die Büchergilde Leute hatte, die teilweise mit dem Fahrrad in die Betriebe gefahren sind, um den Menschen am Arbeitsplatz ihr Quartalsbuch vorbeizubringen.“ Genau das, vier Bücher im Jahr zu bestellen, sei bis heute ein großer Anreiz, Mitglied der Büchergilde Gutenberg zu werden, sagt Elspas. Lesenachwuchs präsentiert Bücher auf Social Media Dabei sei die Mitgliederzahl mit rund 60.000 Mitgliedern sehr stabil, freut sich der Geschäftsführer. In Zukunft wolle man mit Kinder- und Jugendbüchern und englischsprachigen Titeln den Fokus vermehrt auf ein jüngeres Publikum setzen. Dabei kommt eines der Büchergilde zugute: Ihre aufwendig gestalteten Bücher, die junge Leser:innen auf Social Media gern vor der Kamera präsentieren. Zahlreiche Jubiläumsveranstaltungen Zum Jubiläum zeigt das Museum für Druckkunst in Leipzig eine Ausstellung. Zudem gibt es zahlreiche Feste und Veranstaltungen in den Partner-Buchhandlungen wie zum Beispiel in der Buchhandlung „Erlesenes und Büchergilde“ in Mainz. Außerdem erscheint eine Festschrift mit dem Titel „Vorwärts mit heiteren Augen“.
undefined
Sep 1, 2024 • 6min

Katja Oskamp – Die vorletzte Frau

Dem passionierten Leser begegnen ja ständig Menschen, die sagen, sie kämen in ihrem Leben gar nicht zum Lesen. Aber dieses Leben sei ja eh so spannend und voller Abenteuer, dass man es auch als Roman bezeichnen könnte, den sie mit Leichtigkeit schreiben könnten, wozu sie jedoch nicht kämen. Das stimmt natürlich überhaupt nicht, denn erst einmal muss jemand in der Lage sein, aus so einer Lebensmasse einen Roman zu schnitzen oder eine Schneise durch diesen Lebensdschungel zu schlagen, eine Perspektive zu finden, hinzuweisen, auf erzählenswerte Details am Wegrand. Und genau darin ist die ostdeutsche Schriftstellerin Katja Oskamp eine echte Meisterin. In ihrem neuen Buch „Die vorletzte Frau“ schlägt sie eine beeindruckende Schneise durchs eigene Leben, und ein bisschen ist es die berühmte Schneise der Verwüstung. Die Erzählung einer Dichterliebe Katja Oskamp erzählt von einer Dichterliebe. Eine ostdeutsche Frau verliebt sich im Studium in den 19 Jahre älteren Dozenten, einen berühmten Schweizer Schriftsteller mit einem Hang zur Hochliteratur wie zu den besseren Kreisen. Er ist unglücklich mit einer hysterischen Schauspielerin liiert, sie hat ein Kind mit einem Generalmusikdirektor, der zur Selbstinszenierung neigt – die Szene, in der er auf einem Arm das gemeinsame Kind und in der anderen eine flammenschlagende Pfanne hält, ist ikonisch.  Und auch der Beginn der Liebe zum Schriftsteller ist, sagen wir mal, recht drastisch: Als wir die Kneipe verließen, griff ich Tosch zwischen die Beine. Das war neu. Tosch legte mich vor dem Joseph Pub mit Krawumm auf die Motorhaube eines parkenden Autos. Quelle: Katja Oskamp – Die vorletzte Frau Robert Musils aphrodisierende Wirkung Katja Oskamp schreibt flüssig, sehr leicht, mit einem sicheren Gespür für Komik, Drastik, Peinlichkeit und Spannung. Die literaturhistorische Institution Robert Musil, ja genau, der vom „Mann ohne Eigenschaften“, hat selten in seiner Wirkungsgeschichte aphrodisierende Wirkung gezeigt– aber zwischen der Heldin und Tosch funkt es ausgerechnet über die Erzählung „Tonka“. Sie schneidet eine Kopie der Geschichte zu Papierschnipseln, wirft sie auf den Boden und fischt daraus Schnipsel, um sie zu einer neuen Erzählung zu kompilieren. Sie bückt sich, er sieht ihren Hintern, als er ihr das sagt, erwidert sie: Du verarschst mich. Und damit sind wir beim zentralen Thema: Die Heldin schreibt, nach einem Gespräch mit der Psychotherapeutin: Ich war gern unten. Dr. T tippte das Thema an; verstanden habe ich es erst mit Tosch. Quelle: Katja Oskamp – Die vorletzte Frau Ein Buch ganz nah an Oskamps Leben Die Unterwerfung der Frau, teils gewollt, teils sozialisiert, ist eins der großen Themen im Buch. Sie rutscht vor den Männern herum, bückt sich, will die untere Hälfte vom Brötchen, saugt lieber den Boden, als den Staub von der Lampe zu wischen. Dem Mann dagegen, Tosch bereitete es Freude ganz oben mitzuspielen. … Der Sohn eines Politikers kannte sich aus mit den ungeschriebenen Gesetzen der höheren Kreise. Quelle: Katja Oskamp – Die vorletzte Frau „Die vorletzte Frau“ wirkt beeindruckend ungestelzt und würde als reine Geschichte einer Mesalliance gut funktionieren, aber es gibt noch eine weitere Ebene. Denn gleichzeitig ist das Buch ja nun mal nah am Leben Katja Oskamps. Der Held, der Tosch genannt wird, ähnelt schon sehr Thomas Hürlimann, dem Schweizer Großschriftsteller, der z. B. durch „Fräulein Stark“ bekannt wurde und von dem man weiß, dass er sehr lange mit Katja Oskamp zusammen war. Das Buch erzählt von seiner schweren, mehrfach lebensgefährlichen Krebserkrankung. Biografie, Erzählung oder Autofiktion? Die Erzählung schmiegt sich so eng an die bekannten Fakten ihrer Biografie, dass man beim Rezensieren immer wieder zögert, ob man hier ein Buch oder ein Leben bespricht. Aber das ist natürlich Unsinn. Zu besprechen gibt es nur das Buch. Das destilliert aus dem ganzen Leben eine Geschichte der Liebe, aber auch eine der Krankheit und der fortgesetzten Kränkungen. Das Lesen wird manchmal geradezu zur Zumutung: Will man wirklich wissen, was bei einer Prostata-Erkrankung im Bett passiert – und an welcher Stelle der Werkbiographie ein Blasenverschluss steht? Es ist ein wenig so, wie in einer Backstage-Geschichte aus dem Theater: Vorne läuft die Geschichte, ihre Erzähler aber führen ein von dieser Geschichte getrenntes, in diesem Fall, schwieriges Leben. Die Krankheit tobt, die Heldin wird zur Pflegerin, das oben und unten gilt weiterhin, sie opfert sich, er kämpft heroisch ums Leben. Eine Beziehung zwischen Oben und Unten, Ost und West In dieser Phase fängt sie, zunächst auch aus wirtschaftlichen Gründen und wegen einer Schreibblockade, an, als Fußpflegerin zu arbeiten. Die Geschichten, die sie hört, schreibt sie natürlich auf. Es sind viele, während sie die Füße ihrer Klienten mitten im Plattenbau-Ghetto Marzahn pflegte, daraus wird eine Zeitungskolumne, danach ein veritabler Bestseller: „Marzahn, mon amour“. Aber da ist die Beziehung zwischen Oben und Unten, zwischen Ost und West, der Oskamp-Figur und der Hürlimann-Figur, kurz zwischen Mann und Frau nach 12 Jahren endlich zu Ende und man erfährt, warum der Roman „Die vorletzte Frau“ heißt. Später, wenn man dieses Buch gelesen hat und anschließend über Katja Oskamps Bestseller stolpert, werden diese Bücher einen Hauch dunkler.  Die Erzählung von der Literatenmesalliance verändert die Erinnerung an ihre Bücher, wenn man sie gelesen hat. Manches bleibt sehr lange im Kopf So, und damit kommt noch eine Ebene dazu: Es ist halt auch, muss man in diesen in Ost-West-Dingen aufgeladenen Zeiten noch einmal sagen, so, dass die Erzählung von Oben und Unten auch eine von Ost und West ist, von westlicher Arroganz und östlicher Selbstverkleinerung. Und auf einmal blitzt die Idee auf, dass der Osten evtl. in seinen Ego-Problemen etwas geradezu Weibliches hat, der Westen dagegen hier als untergehendes, altes weißes Männersystem geschildert wird, die kapitalistischen Krisen also solche des Unterleibs sind, aber da gerät das Buch in eine wohl besser literaturwissenschaftlich weiterzuverfolgende Sphäre. Es sind 200 Seiten, über die man auch länger nachdenken könnte – Autofiktion und hochliterarische Verdichtung des gegenwärtigen Deutschlands – beides steckt in Katja Oskamps neuem Buch. Und auch noch ein gutes Stück Liebeskomödie. Man liest es gerne, und manches bleibt sehr lange im Kopf.
undefined
Sep 1, 2024 • 18min

Dana von Suffrin (Hg.) – Wir schon wieder. 16 jüdische Erzählungen

Alle 16 Autoren und Autorinnen sind sie jüdisch sozialisiert. Mit dabei sind unter anderem Elfriede Jelinek, Dana Vowinckel, Eva Menasse und Maxim Biller. Einer der Schreibenden ist Journalist und Autor Dmitrij Kapitelman. In seinen Romanen „Eine Formalie in Kiew“ oder „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ setzt er sich mit seiner jüdisch-ukrainisch-ostdeutschen Herkunft auseinander. In der Anthologie „Wir schon wieder“ schreibt er über 13 tote Nachbarinnen, denen er sich langsam angenähert hat. 13 tote Nachbarinnen im Berliner Scheunenviertel In seinem Text begegnet Kapitelman dem Mahnmal mit einem Witz. Symbolisch als eine jüdische Überlebensstrategie, meint der Autor im Gespräch. Außerdem spricht der Schriftsteller mit Kristine Harthauer über den Krieg in Israel und Gaza, über Dana von Suffrins Text im Band, Kaffeesahne, die Aiwanger-Affäre, Ostdeutschland, die Ukraine und sein nächstes Buch, das im Februar erscheint.

The AI-powered Podcast Player

Save insights by tapping your headphones, chat with episodes, discover the best highlights - and more!
App store bannerPlay store banner
Get the app