

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Sep 15, 2024 • 4min
Mithu Sanyal – Antichristie | Buchkritik
Was sagt Ihnen Vinayak Savarkar, was Madan Lal Dhingra? Mohandas Gandhi? Moment, das war doch der mit dem gewaltfreien Widerstand? Schon richtig. Aber was diese Drei verbindet ist: Sie haben um das Jahr 1906 im Londoner „India House“, einem Studierenden-Wohnheim, gelebt oder sich dort getroffen.
Haben konspiriert oder sogar Bomben gebaut. Mitten in Highgate, im Herzen des Britischen Empires, wurde die Unabhängigkeit Indiens von genau diesem Empire geplant.
Ein Roman wie ein Mikadospiel
Der Roman reist buchstäblich in die Zeit zurück, ins Jahr 1906. Er ist sinnlich und fantastisch, voller Bezüge und Verweise: Wie kommt etwa Sherlock Holmes ins Spiel, und was hat das Ganze mit der Kultserie „Doctor Who“ oder dem Tod der Queen im September 2022 zu tun?
Mithu Sanyal baut einen Roman wie das Gewirr von Mikado-Stäbchen, das eine innere Logik zusammenhält. Ein Ziehen bringt alles in Bewegung.
Wenn Zeitreisen möglich sind, wird es sie geben. Wenn es sie geben wird, gibt es sie bereits. Aber glaubt ihr im Ernst, dass die Menschen, die die Macht haben, durch die Zeit zu reisen, das verraten würden? Natürlich nicht!
Quelle: Mithu Sanyal – Antichristie
Es beginnt mit einer Panne, die etwas Tragikomisches hat: Die fünfzigjährige Durga will die Asche ihrer Mutter verstreuen, aber ein Windstoß weht sie ihr und den Trauergästen ins Gesicht, zwischen die Zähne. Durga aus Köln ist Drehbuchautorin. Das Verhältnis zu ihrer deutschen Mutter war schwierig, ihr Vater ist aus Indien. Und die Mutter lässt sie nicht los, die lineare Zeit wird löchrig.
Ein schwarzer Detektiv Poirot?
Durga reist kurz danach nach London, mit anderen Autorinnen und Autoren soll sie den Plot für einen neuen Film nach einem Roman von Agatha Christie entwickeln, allerdings anti-rassistisch, feministisch.
Detektiv Hercule Poirot, ein Schwarzer? Dagegen regt sich Widerstand: Vor dem Gebäude der Filmfirma wird gegen das vermeintliche Auslöschen der britischen Kultur demonstriert. Doch dann -
stirbt die Queen. Aus dem Jenseits erreicht Durga eine Nachricht ihrer Mutter. Und völlig unerwartet rutscht sie durch die Zeit, findet sich im Jahr 1906 wieder. Und nicht als Frau, sondern als junger indischer Mann. Ein ekstatischer Moment.
Mein Bauch war nicht nur so flach wie seit Jahren nicht mehr, er kurvte auch nach innen zu seidigen Schamhaaren, und darunter … schaute … ein … Penis hervor. Gebannt streckte ich meine Hand aus und tippte vorsichtig mit dem Mittelfinger dagegen.
Quelle: Mithu Sanyal – Antichristie
Die Lektüre ist kein Spaziergang
Der Titel „Antichristie“ bezieht sich auf das Umschreiben von Agatha Christies weißen Figuren, aber auch auf den „Anti-Christ“: Gemeint ist hier der fast dämonische Freiheitskämpfer Savarkar. Ausgerechnet in ihn verliebt sich Sanjeev, so heißt Durga in ihrem neuen Ich. Savarkar, der Jahre später zum Vordenker des radikalen Hindu-Nationalismus wird.
Der Roman flimmert vor historischen Bezügen, vor Pop-Zitaten und postkolonialer Debatte, das macht das Lesen nicht zum Spaziergang. Mithu Sanyal legt den Finger in die Wunde der kollektiven Ignoranz des Westens, macht es aber mit Humor.
Zusammen mit Sherlock Holmes will Sanjeev ein Attentat im „India House“ aufklären, und immer wieder bricht die Gegenwart in die Vergangenheit. Es wird klar, dass „Antichristie“ selbst ein Kriminalroman à la Agatha Christie ist.
Literatur ist ein wildes, neugieriges Gespräch über die Generationen hinweg. Und die Funktion von Krimis ist dabei, Verborgenes sichtbar zu machen. In unserem Fall die unsichtbare Kolonialgeschichte in der Popkultur. Durga war von sich selbst beeindruckt.
Quelle: Mithu Sanyal – Antichristie
Wie Mithu Sanyal Gandhi hier als gar nicht so sympathische Figur zeichnet, wie sie an die Wurzel von Freiheitskampf und Terrorismus geht, ist elektrisierend. Durgas Zeitreise im Körper eines Mannes ist erotisch, witzig und gleichzeitig von Trauer durchsetzt: Die Asche fliegt uns als Lesenden zurück in den Mund. Als die Geschichte, die wir ignorieren, unterdrücken, nicht sehen wollen. Brillant.

Sep 15, 2024 • 6min
Wie gut lebt es sich vom Schreiben: „Für die Villa reicht es nicht" | Gespräch
Im Lesenswert-Gespräch erklärt er, warum Lesungen immer wichtiger werden und warum Neulinge kaum noch eine Chance haben ohne Agentur auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen.

Sep 15, 2024 • 6min
Clemens J. Setz zum Schreiben: Ohne Nebenjobs geht es nicht!
„Ich brauche immer mehrere kleine Nebenjobs wie Übersetzungen oder Artikel“, erzählt er im Lesenswert-Gespräch. Über das Thema Geld wird unter Autorinnen und Autoren kaum gesprochen, sagt er, das sollte sich ändern.

Sep 12, 2024 • 4min
Patrick Modiano – Memory Lane | Buchkritik
Leben heiße, beharrlich einer Erinnerung nachzuspüren, schrieb Patrick Modiano einmal. Das gilt auch für das Schreiben, zumal für das des französischen Nobelpreisträgers. Die Erinnerungen sind meist leicht vergilbt wie die Seiten eines alten Notizbuches, verblasst wie zu lange dem Licht ausgesetzte Fotografien. Und manchmal sogar ein wenig pathetisch wie das Lied “Memory Lane”, das Patrick Modiano zum Titel eines Buches gemacht hat. Der Refrain geht übersetzt ungefähr so:
Memory Lane / Nur einmal traben Pferde die Memory Lane hinunter, / die Spuren ihrer Hufe jedoch bleiben für immer …
Quelle: Patrick Modiano – Memory Lane
In diesen schlagerhaften Zeilen verbirgt sich das Geheimnis des Erinnerns und die Poetologie Modianos: Die Spuren von Begegnungen und Ereignissen mögen verwischen, aber da sind sie gleichwohl. Manchmal genügt eine unscheinbare Gefühlsregung, um das Verlangen zu wecken, ihnen nachzugehen, ihnen zurück in eine andere Zeit zu folgen, zurück in die Jugend.
Das hat etwas Detektivisches, und auch wieder nicht. Denn bei Modiano werden keine Fälle gelöst. Im Gegenteil: Das Mysterium des Verschwundenen, der Toten oder eines längst nicht mehr existierenden Paris wird nur immer größer, niemals jedoch zu den Akten gelegt.
Der Nebel der Zeit
„Memory Lane“ also. Das Lied wird im Buch zur gemeinsamen Hymne einer Gruppe von mehr oder weniger zufällig zusammengewürfelten Menschen. Patrick Modianos Erzählung wurde 1979 geschrieben und kam 1981 erstmals zusammen mit realistischen schwarz-weiß Illustrationen des seinerzeit sehr bekannten Zeichners und Grafikers Pierre Le-Tan heraus.
Die kongeniale Übersetzerin Elisabeth Edl hat sie nun das erste Mal ins Deutsche gebracht. Modianos Erzähler erinnert sich 15 Jahre nach einem intensiven Sommer an das „Grüppchen“, das sich um das mondäne, längst aber am Abgrund des Ruins stehende Paar Paul und Maddy Contour schart:
Paul Contour: sein Leichtsinn, aber auch sein Gesicht, das mir zerfurcht schien in der Sonne von Antibes. Maddy: sie hielt besser stand, dank ihrer schön geschwungenen Brauen, ihrer Augen, in denen Fjorde aufblitzten, und ihres Lächelns. Bourdon: er trug oft eine Seglermütze, hatte seine Pfeife im Mund, und es ging einem zu Herzen, dass er aussehen wollte wie ein Südseekapitän.
Quelle: Patrick Modiano – Memory Lane
Dazu kommt Bourdons Kindheitsfreund Winegrain mit seinem leeren Blick und dessen Freundin Françoise, schüchtern und ihrem Liebhaber hoffnungslos ergeben. Da ist der alte Antiquitätenhändler Claude Delval. Und der Amerikaner Doug „mit dem roten, pockennarbigen Gesicht“, immerzu „Memory Lane“ vor sich hin singend. Der Krieg ist noch nicht lange vorbei, das Leben muss in vollen Zügen genossen werden, aber es ist ein Vergnügen auf Kredit – hinter der Fassade entdeckt man eine Müdigkeit und Melancholie.
Das Alter nagt an den Figuren
Das Alter nagt an diesen Überlebenden und sich überlebt Habenden. Der Erzähler, jung und neugierig, ist unversehens in das Grüppchen hineingeraten, und er wird – wie auch Françoise – weiterziehen. Aber doch bleibt etwas aus dieser Zeit bewahrt, ein elegisches Sentiment, auch eine ungelebte Liebe zu Maddy. Erinnerung ist ohne Wehmut nicht zu haben.
Ich, der so oft bei den anderen das Älterwerden beobachtete, musste mich nun meinerseits an die Vorstellung gewöhnen, dass meine Jugend zu Ende ging.
Quelle: Patrick Modiano – Memory Lane
Mit welcher unaufdringlich simplen Eleganz und in welch schwebend-dämmriger Stimmung das erzählt wird, ist wie immer bei Patrick Modiano betörend und schmerzhaft zugleich. Je stärker das Vergangene sich in die Gegenwart schiebt, desto deutlicher spürbar wird die Vergänglichkeit.
Pierre Le-Tans Zeichnungen sind realistische Illustrationen von Interieurs und vage bleibender Figuren, versehen mit Unterzeilen, die nicht dem Text entnommen sind, sondern ihn weiterführen. „Memory Lane“ ist zweifelsohne ein Nebenwerk Modianos, schmaler noch als seine üblicherweise schmalen Romane. Aber kondensiert ist auch hier das Besondere dieses Autors zu spüren.

Sep 11, 2024 • 4min
Thilo Wydra – Alma & Alfred Hitchcock | Buchkritik
Was zunächst nach romantischer Liebesgeschichte klingt, entpuppt sich schnell als gut recherchierte und anschaulich erzählte Biografie eines außergewöhnlichen Künstlerehepaars. Thilo Wydra bietet Einblicke in die Entstehungsgeschichte von Filmen wie „Psycho“ oder „Der Mann, der zu viel wusste“.
Er zeigt, vor welchen Herausforderungen Alfred Hitchcock, oder „Hitch“, wie er oft genannt wird, dabei stand. Viele dieser Filme sind, so der Biograf, „längst in das kollektive Gedächtnis der Menschen eingegangen“. Allerdings stieß nicht jeder Film sofort auf Begeisterung: Von heute hochgelobten Filmen wie „Marnie“ oder „Topaz“ waren Presse und Publikum zunächst enttäuscht.
Ehefrau Alma war Hitchcocks wichtigste Kritikerin
Weit wichtiger für Alfred war aber das Feedback seiner Frau Alma. Der hochbegabten Cutterin standen zahlreiche Karrierewege offen. Doch sie widmete sich voll und ganz ihrer großen Leidenschaft: Dem Schnitt. Die Tätigkeit im Hintergrund entsprach wohl auch ihrer scheuen und bescheidenen Art. Zugleich erwies sie sich als selbstbewusste Kritikerin, deren aufmerksamem Blick kein Detail entging.
Die Hitchcocks beeinflussen die Filmkultur bis heute: Einige von Hitchs dramaturgischen Mitteln sind heute fest etabliert. Etwa der Suspense, den der Meister selbst einmal so erklärt hat:
You see mystery is an intellectual process, like in a „Who-done-it“. But suspense is essentially an emotional process. Therefore you can only get the suspense element going by giving the audience information.Das Geheimnisvolle ist ein intellektueller Prozess, wie in einem Who-done-it. Aber „Suspense“ ist ganz wesentlich ein emotionaler Prozess. Und den bringt man nur in Gang, wenn man dem Publikum Informationen gibt.
Im Buch macht Hitchcock seine Idee von „Suspense“ noch deutlicher:
Die Bombe ist unterm Tisch, und das Publikum weiß es. Es weiß, dass die Bombe um ein Uhr explodieren wird, und jetzt ist es 12 Uhr 55. Die unverfängliche Unterhaltung wird plötzlich interessant, weil das Publikum an der Szene teilnimmt. Es möchte den Leuten auf der Leinwand zurufen: ‚Reden Sie nicht über so banale Dinge, unter dem Tisch ist eine Bombe und gleich wird sie explodieren!‘.
Quelle: Thilo Wydra – Alma & Alfred Hitchcock
Lebendige Collage aus Anekdoten, Filmwissen und Bildmaterial
Thilo Wydra lässt nicht nur die Hitchcocks zu Wort kommen. Er zitiert auch Familienmitglieder, Presseberichte, Freundinnen und Kollegen. Tippi Hedrens Äußerungen bieten zum Beispiel Einblick in die Arbeit hinter den Kulissen des Klassikers „Die Vögel“ und Tochter Pat erzählt vom Familienurlaub in St. Moritz. Dabei entsteht eine wunderbare, lebendige Collage aus Anekdoten, Filmwissen und Bildmaterial.
Doch das Berufs- und Privatleben der Hitchcocks war nicht nur von Erfolg gekrönt: Krankheit und Verlust kennen Hitch und Alma ebenso. Am Ende seiner Karriere betritt der mittlerweile schwer herzkranke und von Depressionen geplagte Meisterregisseur ein letztes Mal die Bühne: Für sein Lebenswerk erhält er den AFI Live Achievement Award.
Unter großen Mühen erhebt er sich vom Stuhl, fällt einmal in diesen zurück, erhebt sich erneut und hält seine Dankesrede. Es ist eine Liebeserklärung vor einem Millionenpublikum. Es hat etwas sehr Ergreifendes, wenn diese pragmatische, selbst so schwerkranke Frau, Alma Reville, kurz ihr Gesicht hinter den Händen verbirgt und die Tränen zu sehen sind, die ihr in den Augen stehen.
Quelle: Thilo Wydra – Alma & Alfred Hitchcock
Leidenschaftlich erzählte Biographie eines außergewöhnlichen Filmgenies
Thilo Wydra erweist sich als leidenschaftlicher Erzähler. Eindrückliche Momente schildert er mit viel Liebe zum Detail, Cliffhanger sorgen für Spannung und skurrile Szenen für Humor - ganz wie in Hitchcocks Filmen. Die informative und zugleich unterhaltende Biografie bringt uns Alfred und Alma näher und macht Lust, sich Hitchcocks Filme erneut anzusehen: Mit neuem Hintergrundwissen und voller Respekt für die leidenschaftliche und präzise Arbeit eines außergewöhnlichen Filmgenies.

Sep 10, 2024 • 4min
Millay Hyatt – Nachtzugtage
Auf dem Cover strahlen verschlungene Linien in Blau und Orange, darauf der Schriftzug „Nachtzugtage“. Auch auf dem Vorsatzpapier und nach dem letzten Kapitel hat die Gestalterin diese Linien verwendet.
Sie mögen wohl symbolisch stehen für die verschlungenen Wege, auf die uns die Philosophin Millay Hyatt mitnehmen will. Sie hat ein Buch geschrieben, das sich ganz dem Zugreisen bei Nacht und manchmal auch bei Tag widmet.
Am Abend auf Reisen zu gehen hat etwas unabweisbar Beglückendes, man kann es sich eigentlich nicht recht erklären, aber da es anhält, vertraut man irgendwann darauf.
Quelle: Steffen Kopetzky
Zitiert sie den Autor Steffen Kopetzky, der im Buch immer wieder auftaucht. Bevor es aber losgehen kann, gibt es oft jede Menge Hürden zu überwinden: Da gibt es Verbindungen, die im Internet nicht angezeigt, Fahrkarten, die online nicht gebucht werden können, Fahrkartenschalter, die kaum zu finden sind und deren Personal teilweise nicht in der Lage ist, sagen wir, ein Ticket von Berlin nach Istanbul zu buchen.
Ungepolsterte Begegnung mit der Welt
Dennoch ist die 1973 in Dallas/Texas geborene und in Deutschland aufgewachsene Millay Hyatt eine leidenschaftliche Zugreisende: Es ist der Reiz der „ungepolsterten Begegnung mit der Welt“, wie sie schreibt, der dazu führt, dass sie, wo immer sie kann, der Reise auf der Schiene den Vorrang gibt, vor dem Auto und vor allem dem Flugzeug.
Erstens: Die Bewegung des Zuges und mein Ruhezustand innerhalb dieser Bewegung schärfen die Aufmerksamkeit. Zweitens, weil ich hier die Muße habe, meiner Ausdruckslust freien Lauf zu lassen.
Quelle: Millay Hyatt – Nachtzugtage
In dreizehn Kapiteln, denen jeweils eine Karte der betreffenden Fahrtstrecke vorangestellt ist, umkreist Hyatt verschiedene Aspekte ihrer Nachtzugreisen, die sie unter anderem nach Edinburgh, Valencia, Athen oder sogar ins georgische Tbilissi führen.
Eingeschlossensein mit Fremden
Mal geht es um die Faszination für Modellbahnen, mal um das Eingeschlossensein mit Fremden in der Kapsel des Abteils, stets in Form anschaulicher kleiner Geschichten: Da ist der Kampf mit dem renitenten deutschen Nachtzugbegleiter, der erst behauptet, in dem Zug seien keine Betten mehr frei, nur um ihr dann nach zäher Diskussion doch ein Schlafabteil aufzuschließen, in dem die Autorin sogar allein nächtigen kann.
Da ist die Begegnung mit einer jungen Frau in einem türkischen Nachtzug, mit der sich Hyatt nicht einmal verständigen kann und die dennoch ihr Essen mit ihr teilt. Da ist die Schönheit Belgrads und anderer Städte, die Hyatt beim Umsteigen unverhofft entdeckt.
Da ist die improvisierte Fahrt mit einem Nachtbus ins bulgarische Nirgendwo, die ihr den Anschlusszug nach Budapest sichert. Und nicht zuletzt sind da die unzähligen Beobachtungen auf den Bahnhöfen, aus dem Zugfenster, im Abteil, hinter die Hyatt sogar selbst zurücktritt:
Ich löse mich auf, werde unsichtbar, es bleibt nichts von mir übrig als mein Beobachtungsvermögen.
Quelle: Millay Hyatt – Nachtzugtage
Wenn sie dem Streit fremder Paare lauscht oder beobachtet, wie sich eine Frau auf einem Bahnhofsklo verstohlen den Schritt wäscht, ist Millay Hyatt immer auch Voyeurin, aber eine, die stets versucht, sich dies bewusst zu machen und das Bewusstsein für den eigenen Blick zu schärfen.
Hyatt gibt darüber hinaus oft Einblick in ihr Leben, etwa wenn sie über ihre Trennung schreibt oder an der Pariser Gare de l’Est einer vor kurzem wieder aufgeflammten Liebe nachspürt.
Unüberwindbare Grenzen
All diesen Wegen folgt man ihr äußerst gerne, denn das Buch ist locker geschrieben in einem feinen literarischen Ton.
Sehr selten stockt die Lektüre in reflektierenden Passagen, wo die Philosophin Millay Hyatt durchscheint und ihr Formulierungen etwas verkopft geraten. Aber das schmälert das Lesevergnügen in keiner Weise.
Gleichzeitig ist „Nachtzugtage“ auch ein politisches Buch: Ihrer Sehnsucht, nach Russland zu reisen kann die Autorin aufgrund des Krieges in der Ukraine nicht mehr so nachgehen wie gedacht, in Ankara wird sie an den Putsch von 2016 erinnert und in Griechenland wird sie auf einer Fähre zur Zeugin von Pushbacks der dortigen Polizei gegen Flüchtlinge. Das Überwinden von Grenzen ist eben nicht für alle so mühelos wie für eine weiße Mitteleuropäerin.
Das und die zahlreichen literarischen Anspielungen auf berühmte Zugreisen, sei es bei Proust, Schwarzenbach oder Nabokov machen „Nachtzugtage“ zu einer vielschichtigen Lektüre, die Lust macht, sich trotz aller Widrigkeiten selbst auch einmal wieder auf das Abenteuer Nachtzugreise einzulassen.

Sep 9, 2024 • 4min
Ulrike Edschmid – Die letzte Patientin
Es ist eine gespenstische Szene, mit der Ulrike Edschmid ihren Roman eröffnet: Die Ich-Erzählerin hat erfahren, dass eine alte Freundin von ihr in Barcelona im Sterben liegt und wird per Telefon in deren Krankenhaus-Zimmer durchgestellt. Das letzte, was sie von der Freundin hört, ist eine flüsternde, ersterbende Stimme.
Nach diesem verstörenden Auftakt erfolgt ein Zeitsprung. Wer war diese Frau, die man als Leser in dieser intimen Situation belauscht hat? Im Jahr 1973, so die Erzählerin, die ebenso wie ihre Freundin namenlos bleibt, sei jene Frau in ihre Frankfurter Wohngemeinschaft eingezogen.
Drei Jahre verbringen die beiden in einer Wohnung; die aus Luxemburg stammende Frau sei vor ihrem Elternhaus geflohen, so erzählte sie, und absolviert in Frankfurt erfolgreich ein Studium.
Lange Jahre der Unrast
Doch trotz dieser räumlichen Nähe, die die beiden Frauen verbindet, bleibt immer eine Distanz, eine unsichtbare Wand zwischen ihnen. Schließlich bricht die Luxemburgerin auf in ihre langen Jahre der Unrast, der Heimatlosigkeit.
Sie lässt sich durch die Welt treiben oder reist Männern hinterher; Männern, vor denen sie dann aber flieht, wenn eine Bindung zu eng zu werden droht. Das Alleinsein hält sie ebenso wenig aus wie sie zu einer verlässlichen Partnerschaft im Stande ist. Die Ich-Erzählerin zitiert aus einem Brief, den die Freundin ihr aus Mexiko City geschrieben hat:
Liebe sei eine Kunst, die sie nicht beherrsche. Jeder ihrer Versuche sei gescheitert. Sie taumele von Affäre zu Affäre. Es sei eine Sucht. Sie sehe keinen Ausweg aus der Grundmelodie ihres Lebens, der Klage, dem Lamento. Für sie gebe es nirgendwo einen Platz, nicht in einer Familie, nicht in einer Gruppe, nicht innerhalb der Gesellschaft oder einer anderen sozialen Ordnung.
Quelle: Ulrike Edschmid – Die letzte Patientin
Gerade einmal 110 Seiten umfasst „Die letzte Patientin“. Das ist selbst für Ulrike Edschmid ein kurzes Buch. Ein Buch allerdings, in dem die Stärken der mittlerweile 84 Jahre alten Schriftstellerin voll zum Tragen kommen.
Auf den ersten Blick erscheint die Ich-Erzählerin nur als Medium, das aus Briefen Telefonaten und Tonbandaufzeichnungen ein Leben rekonstruiert. Doch das, was den Roman ausmacht, seine Kälte und seine ungeheure Verdichtung, ist das Werk derjenigen, die all diese Informationen ordnet und versprachlicht.
Kälte und Verdichtung
Und die im ersten Teil des Romans die Flucht und die Sinnsuche ihrer Freundin protokolliert: Guatemala, Bolivien, Paraguay, Uruguay oder Argentinien sind nur einige wenige Stationen, die auch den politisch-historischen Kontext der Figur umreißen.
Der zweite Teil von „Die letzte Patientin“ ist eine Spiegelung: Nach einer Krebsdiagnose lässt die Freundin sich in Barcelona nieder, absolviert spät ein Studium der Psychologie und praktiziert auch als Therapeutin. Ihre letzte Patientin, die dem Roman den Titel gibt, ist ein Mädchen aus Deutschland:
Sie nahm Drogen und war mit vierzehn Jahren von zu Hause zum Sozialamt geflohen und hatte Hilfe gesucht. Die Eltern getrennt. Zur Mutter kein Kontakt. Vater Geschäftsmann mit Unternehmen im Ausland. Sie war sechzehn. Schwer traumatisiert, hatte die Leiterin der Anlaufstelle gesagt, sei ihr Inneres angefüllt mit Schreckensbildern.
Quelle: Ulrike Edschmid – Die letzte Patientin
Die junge Ausreißerin wird in den letzten Jahren der Luxemburgerin zu deren Lebensthema: N., so wird das Mädchen genannt, spricht nicht. Über zehn Jahre hinweg sitzt N. in der Praxis ihrer Therapeutin und schweigt, unwillig oder unfähig, die eigenen Verletzungen in Worte zu fassen.
Eine unheilbar erkrankte Therapeutin
Ob das realistisch ist oder nicht, hat keine Bedeutung für den Roman. Viel wichtiger ist, dass sich in diesem Prozess des Schweigens zwei Menschen ineinander erkennen, bis es zu einer Art von kathartischem Ausbruch und zu jenem Moment kommt, in dem die nun unheilbar erkrankte Therapeutin erstmals so etwas wie Geborgenheit spürt.
Man darf sich von Ulrike Edschmids kühlem, vermeintlich protokollarischen Tonfall nicht täuschen lassen – dieser Roman ist ein kurzes und scharfes Kunststück.

Sep 8, 2024 • 55min
Neue Bücher von Katja Lange-Müller, Daniel Kehlmann, Eric Bergkraut und Anna Katharina Hahn
Neue Bücher von Katja Lange-Müller, Daniel Kehlmann, Eric Bergkraut und Anna Katharina Hahn.

Sep 8, 2024 • 13min
Anna Katharina Hahn – Der Chor | Autorinnen-Gespräch
Auf die Zwischentöne kommt es an
Für Anna Katharina Hahn ist der Chor ein spannender Handlungsort: „Da kann es Reibungen geben, es kann ungeheure Erwartungen erzeugen“. Manche Frauenfreundschaften entwickelten sich fast wie eine Liebesbeziehung, die in der Geschichte zu starken emotionalen Abhängigkeiten führen.
„Der Chor“ ist dabei alles andere als Frauenliteratur, geht es doch vielmehr um die Qualität von Beziehungen, darum, was sie tragfähig oder brüchig macht.
Stuttgart als Ort unerschöpflicher Geschichten
Wieder einmal ist die baden-württembergische Landeshauptstadt Schauplatz eines Romans von Anna Katharina Hahn, die sich ihre Geschichten mit langen Märschen durch den Talkessel und versteckte Stadtwinkel erlaufen hat.
„Der Chor“ zeichnet daher nicht nur ein gruppen- sondern auch ein stadtsoziologisches Porträt, das sehr präzise und vielschichtig ausfällt. Stuttgart gelte vielen Menschen im Land als „hässlich“ und „unsympathisch“, so die Feststellung der Autorin. Für Anna Katharina Hahn war es daher eine besondere Herausforderung, die Stadt als „einen verwunschenen Ort“ darzustellen.

Sep 8, 2024 • 6min
Eric Bergkraut – 100 Tage im Frühling | Buchkritik
Im März 2023 ereignete sich das, was Ruth Schweikert die „Explosion in ihrem Körper" nannte. Dabei handelte es sich um den erneuten Ausbruch ihrer Krebserkrankung, die sieben Jahre zuvor erstmals diagnostiziert wurde. Von da an verwandelte sich ihr Leben in ein Dasein zum Ende hin.
Nun übernahm es ihr Ehemann Eric Bergkraut den unaufhaltsamen Lauf der Dinge festzuhalten. Entstanden ist daraus ein Bericht über extreme Erfahrungen, wie sie auch viele andere machen müssen, über die aber nur wenige öffentlich Zeugnis ablegen. „Hundert Tage im Frühling. Geschichte eines Abschieds" hat der Filmer und Schriftsteller seine Chronik genannt.
Grenzerfahrung des Lebens und Schreibens
In einer Vorbemerkung beschreibt Bergkraut seine schwierige, oft herzzerreißende Aufgabe folgendermaßen:
Meine Aufzeichnungen handeln zunächst von Deinem Willen zum Leben, ich werde nicht einmal die Bezeichnung der Krankheit benutzen, die Dich getroffen hat. Die Aufrichtigkeit rufe ich auf als Begleiterin meiner Reise. Es kann nicht anders sein, als dass ich dabei an Grenzen gehe. Genau wie Du es getan hast.
Quelle: Eric Bergkraut – 100 Tage im Frühling
So wie hier spricht der Autor seine Gefährtin oft direkt an, er schreibt nicht über sie, sondern gleichsam im Dialog mit ihr. Begründet ist das durch die emotionale Nähe, zugleich ist es aber auch ein Kunstmittel, das diesen Aufzeichnungen ihre lebendige, ergreifende Form verleiht.
Die Sinnfrage wird nicht gestellt
Wenn ein Mensch den Tod vor Augen hat, führt der Weg dorthin, entlang der Grenze zu jenen ungeheuren Räumen, die uns schaudern machen, um mit dem französischen Philosophen Blaise Pascal zu sprechen. Auf Deutungen jedoch, die ins Transzendente zielen, haben Schweikert und Bergkraut verzichtet.
Niemals habe ich erlebt, dass Du versucht hättest, Deiner Erkrankung eine Sinnhaftigkeit abzugewinnen. Oder Dich und andere zu fragen, weshalb sie Dich getroffen hat, warum in dieser Form. Sie war einfach da und es galt, daraus das Beste zu machen. Für Dich und für uns.
Quelle: Eric Bergkraut – 100 Tage im Frühling
Ruth Schweikert war eine Schriftstellerin der harten Lebensprobleme, der unglücklichen Herkunft, der jugendlichen Nöte, der fortwährenden Konflikte zwischen Rückschlägen und Freiheitslust. Auf ein vergeleichbares Konfliktfeld des nervenaufreibenden Auf und Ab wurde sie durch die Krankheit gezwungen. Über das Werk seiner Gefährtin sagt Bergkraut:
Was Du schreibst ist nicht Bekenntnis, es ist Literatur. Deine Erlebnisse flossen in Dein Werk, auch die schlimmen.
Quelle: Eric Bergkraut – 100 Tage im Frühling
Ähnliches lässt sich über Bergkrauts Buch sagen. In der Konfrontation mit dem Tod verwandelte sich die Intimität der Paarbeziehung in einen schwierigen Balanceakt, von dem der Autor mit Offenheit und sicherem literarischem Feingefühl Zeugnis ablegt.
Der lange Abschied - ein letztes Abenteuer
In dem SWR Kultur lesenswert Feature „Man stirbt ja nicht so zackbumm“ – Vom Schreiben über die Krankheit Krebs" hat Ruth Schweikert kurz vor ihrem Tod umrissen, welche Besonderheiten solch ein langer Abschied vom Leben mit sich bringt.
Sie sagte: „Das hat mir mal ein Schweizer Arzt gesagt: Weißt du, wenn es darum geht, Menschen in dieser manchmal langen Phase des Sterbens zu begleiten, da sind wir nicht sehr gut. Weil wenn jemand nicht als vollwertige Arbeitskraft zurückkehrt, ja, dann ist er oder sie eben nicht mehr so viel wert. Aber sie haben vielleicht Großkinder, sie tun vieles. Und auch ihre Erinnerungen sind durchaus etwas wert, weil sie eben ein bestimmtes Licht werfen auf eine bestimmte Zeit und Lebensgeschichte und so weiter."
In diesem Sinn hat auch Bergkraut die letzten hundert Tage von Ruth Schweikert festgehalten. Einmal erwähnt er den Maler Ferdinand Hodler, der Krankheit und Sterben seiner Geliebten Valentine Godé-Darel mit Stift und Pinsel festhielt. Doch in Bergkrauts eigenen Aufzeichnungen bilden solche Porträtmomente die Ausnahme. Für ihn bleibt auch der letzte gemeinsame Weg ein Stück Lebensprozess, „Abschiednehmen ist unser letztes Abenteuer", heißt es einmal.
Dazu gehören alle Lebensfacetten, die Stimmungsschwankungen, die Augenblicke der Innigkeit, das Aufbäumen gegen den Tod, Gedanken, Hoffnungen, Ängste und auch die unvermeidlich aufwallenden Affekte. Und dazu gehört natürlich genauso der mühselige Alltag, die Krankenhausbesuche, die Pflegearbeit. Ereignisse, Reisen, Familiengeheimnisse werden in Erinnerung gerufen, die Szenen einer Ehe. Im Wechselbad von Realismus und Zuversicht wird sogar einmal eine „intensive neue Verliebtheit" verzeichnet.
Verstehen, was uns widerfährt
Manchmal klappe ich auf dem Sofa sitzend den Laptop auf und notiere etwas, mein Gedächtnis lässt nach. Meine Notizen sind auch dazu da, besser zu verstehen, was Dir - und damit auch mir und uns - widerfährt.
Quelle: Eric Bergkraut – 100 Tage im Frühling
Das Verstehen einer solchen Extremsituation ist das, was Bergkraut auch seiner Leserschaft ermöglicht. Und obwohl er völlig freimütig Einblick gewährt, wird niemand durch die Lektüre in eine voyeuristische Position gedrängt.
Mit dieser Geschichte eines Abschieds hat Eric Bergkraut ein leidenschaftliches, klarsichtiges Stück Literatur geschrieben. Es atmet den Geist von Liebe, Empathie und Vernunft. Und zugleich weitet sich dieser Abschied zu einem sehr lebendigen Porträt der Schriftstellerin und des Menschen Ruth Schweikert. Ein schöneres Epitaph lässt sich kaum denken.


