SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Sep 1, 2024 • 55min

Alte Wunden und neue Erkenntnisse: Bücher, die aus der Vergangenheit lernen. Neue Bücher von Tommy Orange, Katja Oskamp und Roman Ehrlich

Diesmal im „lesenswert Magazin“: Literarische Reisen in die USA zum Ende des Vietnamkrieges und zu indigenen Stämmen, in eine bayerische Videothek in den 90ern und mit Gesprächen zu jüdischen Erzählungen und 100 Jahre Büchergilde Gutenberg.
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Sep 1, 2024 • 6min

Joan Didion – Demokratie

Es ist eine Szene, die sich ins Gedächtnis einbrennt: „Da spricht ein Waffenhändler und erzählt seiner Geliebten von ganz romantischen Inseln im Pazifik und er beschreibt so ein Bild vom rosa Himmel und Sonnenaufgängen und nach ein paar Zeilen begreift man, dass er eigentlich Atolle beschreibt, auf denen Atomtests stattfanden." So beginnt Didions „Demokratie“. Die Anfangsszene, die die Übersetzerin Antje Rávik Strubel hier beschreibt, ist dabei emblematisch für den ganzen Roman: Hinter dem, was oberflächlich glatt und schön scheint, verbergen sich dunkle Realitäten und moralische Abgründe, gesellschaftlich und – ganz besonders – politisch. „Demokratie“: Darum geht es im Roman Antje Rávik Strubel übersetzte schon viele Joan Didion Werke ins Deutsche, zum Roman „Demokratie“ hat die Übersetzerin, Autorin und Deutsche Buchpreisträgerin, ein ganz besonders Verhältnis: „Demokratie war der Roman, mit dem ich Joan Didion eigentlich entdeckt hab.“ Besonders auch die Form: Es ist kein klassischer „von vorne nach hinten“ erzählter Roman: „Es ist eigentlich die Recherche einer Journalistin und im Mittelpunkt dieser Recherche steht Inez Victor, die Frau eines Senators, der dann auch für die Präsidentschaft in den USA kandidiert. Diese Recherche ist aber natürlich eine fiktive Recherche, also Joan Didion ist die Erzählerin, die Journalistin, die den Fall quasi recherchiert, und es geht um Inez Victor und ihre Beziehung zu Jack Lovett, dem Waffenhändler, also sie hat eine Affäre mit ihm, die dauert, aber schon seit sie 17 Jahre alt ist.“ Eigentlich sind es intensive Figurenporträts, über die mir etwas über die amerikanische Gesellschaft erzählt wird. Quelle: Antje Rávik Strubel über Joan Didion: Demokratie Der Roman erzählt von Familientragödien, Drogen, Skandale, sogar Mord. All das entspinnt sich vor einem hochpolitischen Hintergrund. Inez Victor ist der Angelpunkt des Geschehens, die Gattin des Präsidentschaftskandidaten. Es ist 1975. „Demokratie“ spielt vor der Kulisse des endenden Vietnamkriegs, auf Hawaii, in New York, in Jakarta. Opulenter Titel und Kampfbegriff „Demokratie“ – was für ein opulenter Titel für einen Roman!  Mit Blick auf den laufenden US-Wahlkampf ist dieses große Wort ein Schlüssel- ja vielleicht sogar – ein Kampfbegriff? 1984 erschien Didions Roman erstmals, nun in Neuübersetzung, im Ullstein Verlag. Sehr passend zum Zeitgeschehen, findet Strubel. „Der Titel „Demokratie“ ist ja auch ironisch letztendlich gemeint. Sie beschreibt ja eine Gesellschaft, sie beschreibt die Schattenräume der amerikanischen Politik, wenn man so will. Diese Machenschaften, die im Hintergrund abliefen zum Ende des Vietnamkriegs, die durch diesen Waffenhändler deutlich werden. Man sieht einen ganz desillusionierten Standpunkt und sie blickt nicht besonders optimistisch auf diese Gesellschaftsform. Gleichzeitig, aber das ist bei Didion auch immer der Fall, sagt sie, dass es eine Verpflichtung gibt über diese Schwachstellen und Schattenräume unbedingt zu reden, wenn man denn in einer Demokratie leben will und daran erinnert auch dieser Roman wieder. Quelle: Antje Rávik Strubel über Joan Didion: Demokratie Gekonnte Neuübersetzung von Antje Rávik Strubel Didions sehr präzise Sprache, die Reduktion und den Rhythmus übertrug Strubel gekonnt ins Deutsche. Das sei nicht ganz einfach, meint die Übersetzerin, ohne, dass es eckig oder holprig wirke. „Das ist das eine, das andere ist, dass Didion ihre Figuren hauptsächlich dadurch charakterisiert, wie sie sprechen“, meint Strubel. „Also eins der wesentlichen Gegenstände von Didion ist die Sprache und die Frage, wie wir sprechen. Ihre Dialoge sind so gestaltet, dass man im Sprechen der Figuren den Kern der Figuren versteht.“ Besondere Bedeutung im US-Wahlkampf Die Sprache: Sie ist Didions und Strubels Arbeitswerkzeug. Und Didions Überlegungen zur Sprache sind es, die mit Blick auf den US-Wahlkampf zwischen Trump und Harris nochmal besonders an Bedeutung gewinnen. Denn die politische Rhetorik und ihre Verrohung war ein Thema, das Didion schon zu Lebzeiten thematisierte. So Strubel: „Sie war eine der ersten, die diese Verrohung der politischen Sprache, eigentlich auch mit Newt Gingrich, beobachtet hat und vor der zunehmenden Popularisierung in den 80ern schon gewarnt hat.“ „Das war einfach Didions Methode. Sich selbst zum Seismografen zu machen“ Wie die 2021 in New York verstorbene Didion den aktuellen Wahlkampf und die politische Lage in den USA wohl gerade bewertet hätte? Darauf gibt es keine klare Antwort – ganz Didion-typisch. In ihrem Vorwort zum Roman schreibt Strubel, Didion zu lesen bedeute, sich einer Sache nicht mehr so sicher zu sein. Sie war eine Autorin mit skeptischem Blick. Didions Texte geben keine klaren Antworten, sondern stellen die richtigen Fragen, sagt ihre Übersetzerin: „Das war einfach Didions Methode. Sich selbst zum Seismografen zu machen, für etwas, das sie beobachtet, und das dann in Frage zu stellen. Also an sich ein Gefühl zu bemerken, was sie dann ins Gesellschaftliche hinein überträgt und das dann in Frage zu stellen. Und ich glaube, sie war grundsätzlich ein total desillusionierter Mensch, aber sie hat gesagt, es gibt sowieso keinen Fortschritt in dem Sinne, dass irgendwann alles viel besser ist. Aber gerade aus dieser Sicht hat sie eben diese Verpflichtung abgeleitet, sich das eigene Denken anzugucken und auch die eigenen Vorurteile und alles was damit zusammenhängt anzugucken. Also ganz krass: Sie hat gesagt, jede Gesellschaft ist fehlerhaft, jede Form von Gesellschaft, weil das Herz der Finsternis den Menschen im Blut liegt. Also, alles, was Menschen tun, dort gibt es immer Fehler und deswegen müssen wir sie genau angucken. Quelle: Antje Rávik Strubel über Joan Didion: Demokratie Eine Botschaft von ungebrochener Relevanz Didion fordert ihre Leser und Leserinnen auf, kritisch zu bleiben und sich nicht mit den einfachen Antworten zufrieden zu geben. Oder wie Antje Rávik Strubel in ihrem Vorwort schreibt: „Didion geht nicht davon aus, dass etwas ist, wie es scheint.“ Es ist eine Botschaft von ungebrochener Relevanz. „Demokratie“ erinnert daran, sich mit den unbequemen Wahrheiten auseinanderzusetzen – eine Aufgabe die 40 Jahre nach Ersterscheinen des Romans, genauso ungebrochen wichtig bleibt - damals wie heute.
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Sep 1, 2024 • 6min

Roman Ehrlich – Videotime

Es beginnt auf einem Parkplatz vor einer Blechbaracke, in der einst die Träume des Ich-Erzählers von Roman Ehrlichs neuem Roman gelagert waren: „Videotime“, so hieß die Videothek in der bayerischen Kleinstadt, in der der Erzähler aufgewachsen ist. Dorthin fuhr der Vater in den 1990er-Jahren mit seinen Kindern regelmäßig, um Videokassetten auszuleihen. Mit einem für damalige Verhältnisse großen technischen Aufwand kopierte der Vater die Filme auf Leerkassetten und baute sich im Keller des Mehrfamilienhauses, in dem die Familie lebte, ein illegales Raubkopienarchiv auf, gesichert durch ein Zahlenschloss, dessen Kombination der Erzähler und sein älterer Bruder selbstverständlich herausgefunden hatten. Parallel zu den Filmen legte der Vater dicke Ordner mit Klarsichthüllen darin an, in denen er schreibmaschinengetippte Beschreibungen der Filme und dazu passende Zeitungsausschnitte sammelte. Ein geheimes Raubkopienarchiv Willkommen im prädigitalen Zeitalter, in dem die Videothek mit ihren neonbeleuchteten Gängen als Ort ebenso eine Aura entwickelte wie die Filme selbst in ihrer nicht selbstverständlichen Dauerverfügbarkeit. Roman Ehrlich beschreibt die Bedeutung, die das Medium Video für seinen jungen Erzähler hat, folgendermaßen: Jede neue Kassette aus der Videothek ist für den Jungen eine Versprechung, dass da noch viel mehr ist auf der weiten Welt als die eine Wirklichkeit, die ihn umgibt. Und dann geht von diesem aufregenden Leben aus dem Filmen auch noch der Reiz des Verbotenen aus. Er schaut ja vor allem Filme, die nicht für sein Alter freigegeben sind, und meint, dass man als einer, der die Prüfung dieses Schauens besteht, mit einer besonderen Macht ausgestattet und dem Leben in der Kleinstadt begegnen kann. Quelle: Roman Ehrlich Ein brillanter und überraschender Roman „Videotime“ ist ein brillanter, überraschender und vor allem unter der Oberfläche einer bundesdeutschen Kleinstadtkindheit und -jugend höchst unheimlicher Roman. Das Buch hat drei Erzählebenen: In der Gegenwart kehrt der erwachsene Ich-Erzähler in seine Heimatstadt zurück, um nach seinem kranken Vater zu sehen, der die Mutter fortgeschickt hat und eine prekäre Außenseiterexistenz führt. Der erwachsene Mann streift durch die Straßen, und jeder Ort, den er passiert – ein Spielplatz, ein Wohnblock, eine Turnhalle oder eben auch der nun leerstehende „Videotime“-Blechcontainer – lösen bei ihm Erinnerungsschübe aus. Zudem scheint es, als würde sich sein Bewusstsein im Lauf des sehr heißen Tages nach und nach trüben. Die dritte Erzählebene ist die präzise und auch ausführliche Beschreibung von Filmen, die der Junge einst gesehen hat. Heimlich zumeist, mit Freunden oder auch mit seinem älteren Bruder. Die Bandbreite reicht von „Die Unendliche Geschichte“ über „Total Recall“ bis hin zu „The Devil in Miss Jones“, einem 1973 gedrehten Arthouse-Porno, der heute ikonisch ist. Das Staunenswerte an diesem Buch ist die Raffinesse, mit der Roman Ehrlich diese drei Ebenen schlüssig und bis zur Unkenntlichkeit miteinander verschwimmen lässt; so lange, bis das eigentlich unscheinbare Setting eines Aufwachsens in der klassischen bundesrepublikanischen Vater-Mutter-zwei Kinder-Sicherheit in ein diffuses Licht des Dämonischen getaucht ist. Endloses Tennistraining Zu dieser Dämonie des Alltags tragen der Vater, ein Kind der Kriegsgeneration, und sein Gebaren in der Familie wesentlich bei: Als Ausbilder bei der Bundeswehr ist er unehrenhaft entlassen worden; nun arbeitet er als Aufseher im Gefängnis. Seinen älteren Sohn drillt er in endlosen Tennis-Trainingseinheiten so lange, bis er sich verletzt. Seine übergewichtige Frau demütigt er gewohnheitsmäßig; seinen jüngsten Sohn, den übergewichtigen und unsportlichen Ich-Erzähler, straft er mit Missachtung. Seine Wertmaßstäbe sind unverrückbar; seine Härte ist undurchdringlich. Roman Ehrlich sagt über die Figur des Vaters: „Diese Unbarmherzigkeit ist ein Erbe der vorangegangenen Vätergeneration. Im Buch wird es auch an einer Stelle explizit gemacht, dass der Vater sozusagen in direkter Linie von der Gewalt abstammt. Er hat eben keinen anderen Zugang als den Militärischen, selbst zu seiner eigenen Familie. Dem Erzähler dämmert irgendwann, dass all die Filme aus der Bibliothek sehr gut zu diesem Zugang gepasst haben; also, dass sie vor allem für Jungs und Männer gemacht waren und dass in ihnen auch ständig ein patriarchales Kräfte- und Machtverhältnis mit aller Gewalt aufrecht erhalten wird." Ein Roman voller Geheimfächer Es gibt großartige Szenen in „Videotime“, die man so tatsächlich noch nicht gelesen haben dürfte. Nur ein Beispiel: Als der Ich-Erzähler sein Schulpraktikum bei einem Fernsehtechniker – wo sonst? – absolviert, besteht seine erste Aufgabe darin, eine riesige Menge an Fernbedienungen aufzuschrauben und mit Methylalkohol und Wattestäbchen von dem Schmutz zu befreien, der die Geräte funktionsunfähig gemacht hat: Popel, Nikotin, Hundespeichel, Pfefferminzlikör. Dieser Roman ist voll von Geheimfächern, verschlossenen Räumen und glatten Oberflächen, unter denen das Unappetitliche lauert. Zugleich ist „Videotime“ auch der Abgesang auf ein Medium, die Hommage an die Gestaltungsmacht kindlicher Fantasie und eine Reflexion über den Entstehungsprozess von Erinnerungen. Roman Ehrlich sagt darüber: Im Kern des Buches steht die Erkenntnis, dass wir Fiktionen erschaffen, wenn wir uns erinnern, und dass Erinnern deshalb immer auch eine Frage des Glaubens an die fantastischen Gestalten und Ereignisse dieser Fiktion ist. Quelle: Roman Ehrlich „Videotime“ gehört zu den Höhepunkten der deutschsprachigen Literatur der vergangenen Jahre. Ein Roman, der auf vielen Ebenen zeigt, welchen Einfluss Prägungen unterschiedlicher Art durch die Jahrzehnte hindurch auf Menschen haben. Ein indirektes und dennoch scharf gezeichnetes Epochenbild. Und ein Buch, das die Kunst und ihre Wirkmacht ernstnimmt. Im Klappentext steht zu lesen, dass die Familie des Autors nicht mit den Figuren im Roman verwandt sei. Das ist eine beruhigende Nachricht.
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Aug 29, 2024 • 4min

Mikael Ross – Der verkehrte Himmel

Dieses Berlin hat man im Comic noch nicht gesehen. Straße um Straße nur Plattenbauten, ab und zu ein Gewerbegelände oder Supermarkt, dazwischen Schrebergärten: Lichtenberg, im Nordosten der Stadt. Und obwohl alles in schwarzweiß gezeichnet ist, wird sofort die drückende Hitze des Sommers spürbar. Aber die Graphic Novel „Der verkehrte Himmel“ lässt keine Zeit für Bildbetrachtungen. Zeichner Mikael Ross setzt auf Tempo und sage und schreibe ein Dutzend Figuren, um eine Geschichte über Freundschaft und Verantwortung zu erzählen. Dafür strickt er einen raffinierten Krimi-Plot.   Zum Auftakt lässt er das Mädchen Tâm auf seinen neuen Inline-Skates in ein parkendes Auto knallen. Einfach abhauen geht nicht – also hinterlassen Tâm und ihr Bruder Dennis einen Zettel mit ihrer Adresse. Dabei entdecken sie im Wagen eine schöne, junge Frau. Vietnamesin wie sie selbst. Sofort wird klar: Mit ihr stimmt etwas nicht. Weder weiß sie, wo sie sich befindet, noch kann sie die Autotür öffnen.   Eine junge Vietnamesin auf der Flucht vor ihrem Schleuser   Knapp 100 Seiten später sehen die drei sich wieder. Da ist die junge Frau namens Hoa Binh schon ein paar Tage auf der Flucht. Der Fahrer des Autos ist hinter ihr her. Denn sie ist illegal in Europa und der Fahrer ihr Schleuser.  Hoa Binh: Er hat mich gezwungen, einen Schuldschein zu unterschreiben: 25.000 Dollar! Das sollte ich dann abarbeiten. (...) Tâm: Aber warum bist du dann nicht einfach abgehauen? Hoa Binh: Ich hab's versucht. Das erste Mal vor zwei Wochen. Aber er hat mich wieder gekriegt. Er war schrecklich wütend, weil er dachte, ich wäre zur Polizei gegangen. Dann steckte er mich in den Van. Wir fuhren zwei Tage lang bis zu dem Parkplatz, wo ihr mich gesehen habt.  Quelle: Mikael Ross –Der verkehrte Himmel Hoa Binhs Flucht ist an sich dramatisch genug. Der Comiczeichner verknüpft sie zusätzlich mit der Geschichte von Alex, einem Mitschüler von Tâm. Der verfolgt seinerseits den Schleuser, aus ganz persönlichen Gründen. Doch als er dabei zusammen mit Tâm einen abgetrennten Finger findet, will er nicht die Polizei einschalten.   Viel Stoff für einen Krimi. Und das sind nicht die einzigen losen Enden, die Mikael Ross auf über 300 Seiten immer neu verknüpft. Seine komplexe Dramaturgie hält auch Leserinnen und Leser jenseits der Teenagerjahre in der Spur.   Manga, Krimi und Sozialstudie in einem  Viel Handlung verlangt nach schnellen Dialogen und einer Bildkomposition wie im Actionfilm. Der Manga, bei dessen Ästhetik Ross sich bedient, eignet sich dafür ideal. Allein wie gekonnt Ross das Tempo bei Verfolgungsjagden durch Bewegungslinien steigert, ist ein optischer Genuss. Und die überzeichnete Mimik der Figuren, auch typisch für den Manga, nutzt er, um komische Akzente zu setzen. Allerdings: viel Action und Komik bergen die Gefahr, dass die Geschichte ihre Glaubwürdigkeit verliert. Aber in „Der verkehrte Himmel“ finden sich auch Momente von Traurigkeit und unverhoffter Nähe. Dann durchbricht Ross das harte Schwarzweiß mit zarten Lichtstimmungen – ein paarmal sogar in Rosa-Rot. Hinzu kommt: Gute Krimis sind auch Sozialstudien. Da Mikael Ross als Hilfslehrer in Berlin-Lichtenberg gearbeitet hat, liefert sein Comic ein ziemlich genaues Porträt des Kiezes. Diskussionen über Herkunft spielen hier keine Rolle, Tâm und Dennis sind als viet-deutsches Geschwisterpaar der Normalfall. In diese Normalität lässt Ross das Verbrechen Menschenhandel einziehen. Was alle Figuren zwingt, sich damit auseinanderzusetzen. Das sorgt für Konflikte, vor allem zwischen dem zurückhaltenden Dennis und der energischen Tâm.   Dennis: Damit muss sie zur Polizei! Tâm: Nein! Die würden sie sofort abschieben! Sie ist illegal hier. Dennis: Illegal? Tâm, das ist kein Kinderspiel! Tâm: Sie hat keinen Ort, an den sie gehen kann, okay? Und wir können ihr helfen. Was ist dein Problem damit? Dennis: Dass es uns nichts angeht! (...) Tâm: Aber mich geht es an.  Quelle: Mikael Ross –Der verkehrte Himmel Weder Tâm noch den anderen Figuren bietet Mikael Ross ein Happy End. Trostlos lässt einen die Lektüre von „Der verkehrte Himmel“ trotzdem nicht zurück. Selten vereint ein Comic so gelungen Action mit Nachdenklichkeit, Komik und Abwechslung fürs Auge. Auch beim zweiten oder dritten Lesen.
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Aug 28, 2024 • 4min

Dror Mishani – Fenster ohne Aussicht

Der Krimischriftsteller und Literaturwissenschaftler Dror Mishani ist am 7. Oktober 2023 nicht zu Hause bei seiner Familie in Tel Aviv, sondern auf einem Literaturfestival in Toulouse. Er kann die Dimension des Hamas-Angriffs auf Israel zunächst nicht einschätzen, aber mit jedem Blick auf die Nachrichten- und Social-Media-Seiten wird ihm das Ausmaß der Katastrophe deutlicher. Er reist kurzfristig ab, zurück nach Israel. Er ahnt, dass ein Krieg um „unsere nackte Existenz“ beginnen wird, er sorgt sich um seine Frau und Kinder.  Ich versuche zu verstehen, warum ich jetzt Angst habe wie noch nie zuvor. Warum ich das Gefühl habe, durch die Straßen einer zerstörten Stadt zu fahren. Schließlich hat jeder, der lange genug hier lebt, schon Katastrophentage erlebt. Quelle: Dror Mishani – Fenster ohne Aussicht Tagebuch statt Kriminalroman Mishani beschließt, ein Tagebuch zu schreiben – zu notieren, was um ihn herum geschieht, die durcheinanderwirbelnden Eindrücke und Emotionen zu ordnen und dabei nicht selbst von Irrationalem mitgerissen zu werden. Der bezeichnende Titel: „Fenster ohne Aussicht“. An normale Arbeit ist nicht zu denken; der begonnene Kriminalroman bleibt erst einmal liegen.  Mishani beobachtet, wie die tiefe Trauer des Landes sich auf politischer Ebene rasch in einen Rachefeldzug verwandelt, wie die Situation eskaliert. Er versucht, Trost in der Literatur zu finden, auch so etwas wie Orientierung. Mit Homers „Ilias“ blickt er auf den aktuellen Krieg, der etwas Apokalyptisches hat. In sechs Tagebuch-Teilen und einem Epilog versucht er, mit seiner Rat- und Rastlosigkeit umzugehen, die Geschehnisse auch für sich selbst in Phasen einzuteilen – „Verwirrung und Furcht“ oder „Atempause“ oder „Flucht und Fantasien“ nennt er diese. Immer wieder sinnt er darüber nach, politische Artikel über die aufgeladene Stimmung zu schreiben, auch über sein Entsetzen, dass zur Bedächtigkeit aufrufende Stimmen herabgewürdigt werden.   Die Zahl der Kriegsopfer steigt minütlich, so wie die der Ermordeten am 7. Oktober in Israel. Unter den Hunderten von Toten sind viele Kinder. Eltern tragen ihre Kinder auf dem Arm zu den Krankenhäusern. Auf unseren Nachrichtenkanälen dagegen bekommt man Gaza so gut wie nicht zu sehen, wird nicht einmal darüber berichtet, dass die Bodenoffensive bereits begonnen hat. Quelle: Dror Mishani – Fenster ohne Aussicht Spaltung von Gesellschaft und von Familien Mishani gehört zu jenen Israelis, die an ein Miteinander geglaubt haben, an ein Miteinander weiterhin glauben wollen. Sein beeindruckendes Tagebuch spricht von den sich vermischenden Gefühlen von Angst, Trauer und Wut. Der Spalt, der durch Individuen geht, geht auch durch die Gesellschaft und die Familien. Mishanis Bruder, der bei einer Kampfeinheit gedient hat, prophezeit einen Krieg mit dem Libanon; die Mutter streitet sich mit ihm über Politik, provoziert ihn mit der Aussage, die Hamas-Kämpfer seien schlimmer als Nazis.  Aus Sicht meiner Mutter ist die Teilhabe am Krieg durch das Anschauen von Videoaufnahmen des Massakers und den fortlaufenden Nachrichtenkonsum so etwas wie ein Initiationsritus in Israelisch-Sein für unbeschwerte Jungen und Mädchen, die gedacht haben, das Leben bestehe nur aus Katzenvideos auf TikTok oder Taylor-Swift-Songs. So eine Art Bund der Beschneidung, eine nationale Brit-Mila. Quelle: Dror Mishani – Fenster ohne Aussicht Eine Stimme der Vernunft inmitten des Krieges Nicht allein an solchen Sätzen merkt man, welch tiefe Wunden dieser Angriff gerissen hat, wie das Selbstverständnis der Israelis herausgefordert wurde. Mishani aber bleibt in seinem fragenden, vom eigenen Unbehagen erschütterten Tagebuch eine Stimme der Vernunft. Er erkennt hellsichtig, welche Auswirkungen der Krieg haben wird: Nichts, schreibt er, rechtfertige das furchtbare Morden am 7. Oktober. Aber was Israel zum Unfrieden beigetragen hat und beiträgt, müsse mitbedacht werden. Niemand ist ganz unschuldig, Rache kein Fortschritt: Das sagt dieses Tagebuch. Lösungen liefert es keine. Mishani ist so ohnmächtig wie wir alle. Aber die Ohnmacht überhaupt auszusprechen ist der erste Schritt, wieder durch ein „Fenster mit Aussicht“ zu blicken.
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Aug 27, 2024 • 4min

Peter Probst – Was ist afrikanische Kunst?

„Afrika“ – das meint Länder wie Senegal, Nigeria, Angola oder Südafrika. Mit „Kunst aus Afrika“ ist zudem die langjährige und düstere Geschichte des Kolonialismus mitgemeint. Der Ethnologe und Kunsthistoriker Peter Probst liefert in seinem Buch „Was ist afrikanische Kunst? Eine kurze Geschichte“ einen Überblick. Und das Wort „kurz“ ist relativ zu bewerten. Denn immerhin hat sein Buch 337 Seiten mit 92 Abbildungen.   Ich schlage vor, (Kunst-)Objekte nicht primär als ästhetische, sondern als soziale Objekte zu verstehen. (…) Vielmehr bin ich daran interessiert, auf welche Weise die als ›afrikanische Kunst‹ bezeichneten Werke in jenen historischen Prozessen und sozialen Interaktionen erscheinen, die das Feld der afrikanischen Kunstgeschichte konstituieren.  Quelle: Peter Probst – Was ist afrikanische Kunst? Eine Gesamtschau von späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart  Das, was Peter Probst mit seinem Buch liefern will, ist eine in die Tiefe gehende Gesamtschau: Der erste Teil dieses Buches behandelt die Periode vom späten neunzehnten Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg, in der die afrikanische Kunst sowohl von ethnologischem Interesse war als auch zum musealen Sammlerobjekt avancierte. Teil zwei beschreibt die Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre, wobei die zeitgenössische Kunst aus Afrika – zögernd, aber doch – ins Blickfeld rückt. Der dritte und letzte Teil untersucht das Aufkommen der postmodernen und postkolonialen Theorien, die zu einem eigenständigen Bewusstsein afrikanischer Künstlerinnen und Künstler hinsichtlich ihrer Kreativität, Produktion und Tradition geführt haben.  Afrikanische Kunst und Kolonialismus  Die Ausbeutung Afrikas durch den Kolonialismus ist die eine, tragische Seite. Die andere ist das ethnologische und kunsthistorische Interesse an afrikanischer Kunst durch die Europäer. Ein schönes Beispiel, das Probst anführt, ist das Königliche Museum in Berlin: Im Gründungsjahr 1873 bestand die Afrika-Sammlung aus 875 Objekten. Und bis 1914 umfasste die Sammlung über 55.000 Objekte. Dieses Interesse zeigte sich auch bei zeitgenössischen Künstlern: Pablo Picasso hatte eine eigene Sammlung und in vielen seinen Bildern kann man Motive afrikanischer Kunst aufspüren. Nur eines macht Peter Probst auch klar: Das Interesse galt der Tradition afrikanischer Kunst, also dem Kunsthandwerk als Kultobjekt.   Afrikanische zeitgenössische Kunst als selbstbewusste Manifestation  Erst in den 1970er Jahren stieg in Europa und den USA das ernsthafte Interesse an „neoafrikanischen“, also zeitgenössischen Kunstformen. Damit stärkte sich auch das Selbstbewusstsein afrikanischer Künstlerinnen und Künstler. Yinka Shonibare, nigerianisch-britischer Abstammung und in den Bereichen Skulptur, Fotografie, Malerei und Installation tätig, hat es in einem ironisch-provokativen Statement auf den Punkt gebracht:  Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Primitiver, und zwar ein echter Primitiver. Ein Primitiver, der jenseits der Zivilisation lebt, ein Primitiver im Zustand eines immerwährenden Genusses, ein Primitiver des Exzesses. Ich glaube, mir würde das wirklich Spaß machen.  Quelle: Peter Probst – Was ist afrikanische Kunst? Mit seinem Buch „Was ist afrikanische Kunst?“ leistet Peter Probst einen kaum zu unterschätzenden Beitrag. Auf der einen Seite hat er stets den geschichtlich-sozialen Raum im Blick, in dem afrikanische Kunst sichtbar wird. Andererseits liefert er eine detaillierte Übersicht zu zeitgenössischen Kunstmanifestationen, die in immer stärkerem Maße von kreativer Eigenständigkeit zeugen. Wer über Kunst aus Afrika mehr wissen möchte, wird an Peter Probsts „Was ist afrikanische Kunst?“ nicht vorbeikommen.
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Aug 26, 2024 • 4min

Hua Hsu – Stay True

Manche Freunde ergänzen uns, heißt es in Hua Hsus eindringlichem Erinnerungsbuch. Andere dagegen verkomplizieren uns. Die kurze, allzu kurze Freundschaft zwischen dem damals 18-jährigen Autor und einem Kommilitonen namens Ken im Kalifornien der Neunziger gehörte eindeutig zur zweiten Gruppe.   Schonungsloses Selbstporträt  Zum Glück für den Autor, muss man sagen. Denn sein schonungsloses Selbstporträt als Student in Berkeley ist das eines verklemmten, egozentrischen Nerds, der um jeden Preis anders sein wollte als der verachtete „Mainstream“. Seine Hemmungen habe er hinter aufgesetzter Coolness und fragwürdigen Prinzipien versteckt. Schon eine schlechte CD-Sammlung galt ihm damals als eine „moralische Schwäche“. Erst sein Freund Ken, der so ganz anders tickte als er, brachte ihn dazu, seine selbstgesteckten Grenzen infrage zu stellen.  Er stichelte oft gegen die Persona, die ich mir aufgebaut hatte. Warum bestand ich darauf, so seltsam zu sein? Was veranlasste mich, immer das ungewöhnlichste Gericht auf der Speisekarte zu bestellen? War das nicht alles ein Trick, um andere auf mich aufmerksam zu machen? Insbesondere, sagte er, ‚künstlerisch veranlagte, alternative‘ Mädchen?  Quelle: Hua Hsu – Stay True Wie werden wir zu denen, die wir sind?  „Stay true“, bleib dir treu, habe unter jeder von Kens E-Mails gestanden, erinnert sich der Ich-Erzähler. Der liebevoll spöttische Insiderwitz dient nun auch als Titel dieses eindrucksvollen Memoirs über die Geschichte einer Freundschaft und die Vielschichtigkeit unserer Identität. Hua Hsus von Anette Grube vorzüglich übersetzte Prosa ist luzide und von einer ganz eigenen Mischung aus Verzweiflung und Humor geprägt. In ihr stellt der Autor Fragen wie: Wie werden wir zu denen, die wir sind? Welchen Einfluss haben Freunde und Herkunft auf unsere Persönlichkeit? Wie sähe unser Leben aus, hätte das Schicksal eine Freundschaft nicht vorzeitig beendet? Und wie lässt sich die Erinnerung an einen Menschen schreibend bewahren?   Hua Hsu ist Sohn taiwanischer Einwanderer und wurde 1977 in den USA geboren. Heute schreibt er für den „New Yorker“ und lehrt Englische Literatur. Sein Memoir führt zurück in die Zeit von Nirvana, Bill Clinton und AOL-Chatrooms. Als der Ich-Erzähler Ken erstmals im Wohnheim begegnet, ist sein Urteil über den selbstbewussten Kommilitonen schnell gefällt: Er kann ihn mit seiner Lebensfreude und seiner weißen Freundin „nicht ausstehen“. Dennoch freunden sich die beiden allmählich an, in nächtelangen Debatten auf dem Balkon über Derrida und die Subtexte in Kung-fu-Filmen. Bald schon fahren die beiden, Songs grölend, durch die San Francisco Bay oder machen sich in Internetforen über konservative Vertreter der weißen Mehrheitsgesellschaft lustig.   Als Asiate zu wenig „Persönlichkeit“ fürs Fernsehen  Denn Ken und der Ich-Erzähler haben einen ähnlichen Hintergrund, sie sind beide asiatischer Herkunft. Es ist nicht zuletzt Kens Suche nach Vorbildern für junge „Asian-Americans“, die beim Ich-Erzähler zu einem erwachenden politischen Bewusstsein führt. Als Ken mit seinem Talent als Komiker eine Castingagentin kontaktiert, lässt die ihn abblitzen; asiatische Amerikaner hätten einfach zu wenig „Persönlichkeit“ fürs Fernsehen.  Ich dachte nie daran, meinesgleichen im Kino oder im Fernsehen zu sehen. Wir waren viel zu cool für diesen Mist. Es geht ums Prinzip, sagte er. Unsere Generation ist aufgeklärter und toleranter und bunter als je eine zuvor. Wir hatten Mauern fallen sehen. Und doch gab es in der Version der Realität dieser mächtigen Casting-Agentin keinen Platz für Leute wie uns? Quelle: Hua Hsu – Stay True Zufallstat oder Hassverbrechen?  Am Ende sind dieser Freundschaft keine drei Jahre beschieden; eines Nachts wird Ken das Opfer eines Raubmordes. Gleich nach der Tat versucht der Ich-Erzähler, seinen Freund im Schreiben wieder auferstehen zu lassen. Er sammelt Erinnerungsstücke, stellt sich quälende Fragen wie die, ob die Tat wirklich nur Zufall oder doch ein Hassverbrechen war. Oder ob er sie hätte verhindern können, hätte er sich nicht vorzeitig verabschiedet, um früher bei seiner Freundin zu sein. Keine Frage: Mit seinem Memoir „Stay true“ hat Hua Hsu ein Buch von langsam glühender Intensität vorgelegt, dessen Lektüre noch lange nachhallt.
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Aug 25, 2024 • 8min

Eckhart Nickel – Punk | Buchkritik

Eine Welt ohne lärmende Gitarren und rotzigen Gesang muss für Eckhart Nickel ein Horrorszenario sein. In seinem neuen Roman „Punk“ erzählt er nämlich von einer seltsamen Kraft, die alles, was die Menschen „jemals unter Musik verstanden haben“, durch ein akustisches Nichts ersetzt. Anfangs wissen die Leute nicht, wie sie die Veränderungen einschätzen sollen. Die Ausbreitung des merkwürdigen „Phänomens“ macht zunächst „den Eindruck einer Reihe zufälliger Ereignisse, die gar nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben mussten“.  Dann kamen die Einschläge näher. Für eine Stunde fielen die Frequenzen aller beliebten Radiostationen zur Hauptsendezeit aus. Wir konnten nur Informationssender und Dauernachrichtenprogramme anwählen, und mein Vater erzählte uns, wie seine Fahrt im Feierabendverkehr sich wie eine einzige ausgedehnte Gesprächsstunde ohne irgendeine musikalische Untermalung anfühlte. Quelle: Eckhart Nickel – Punk Der weiße Lärm Bald ist ein Name für die globale Klangvernichtung gefunden: „Der weiße Lärm“ wird der akustische Terror genannt, der auch politische Veränderungen zur Folge hat. Kleinste Hinweise auf Musik werden verboten. Im Mittelpunkt der dystopischen Rahmengeschichte, die in naher Zukunft angesiedelt ist, steht die Studentin und Ich-Erzählerin Karen, die gerade auf der Suche nach einer neuen Bleibe ist. Denn abgesehen vom „weißen Lärm“ geht das Leben einigermaßen normal weiter. Wobei die Normalität in diesem Roman grundsätzlich zur Disposition steht. Tatsächlich geschieht in der anspielungsreichen Prosa nichts zufällig, sodass selbst die verrücktesten Wendungen einigermaßen plausibel erscheinen. Karen jedenfalls besichtigt ein Zimmer in der Wohnung der bizarren Brüder Ezra und Lambert. Nachdem die beiden ihre potenzielle Mitbewohnerin schon an der Wohnungstür penibel geprüft haben, betritt Karen ein Reich des Verbotenen.    Lambert öffnet feierlich die Tür, winkt uns durch und endlich kann ich einen Blick in den Rest der Wohnung werfen: Der Flur ist an der Wand mit quadratischen Klarsichthüllen gekachelt, in denen Plattencover stecken, und führt am anderen Ende in eine lichtdurchflutete Küche. Er beeilt sich, die Tür hinter uns zu schließen und malt ein Viereck in die Luft. Quelle: Eckhart Nickel – Punk Nur eine Band ist genial genug Das ist leider auch schon die einzige Form von Dekoration, die wir erlauben. Aber Pssst! Derartig verbotenes Zeug zeigen wir sonst niemandem. Es gibt auch nur eine Band, die wir für genial genug halten, um für sie Kopf und Kragen zu riskieren: The Smiths! Quelle: Eckhart Nickel – Punk Karen ist nicht nur ein Fan der britischen Band, die 1982 von dem Gitarristen Johnny Marr und dem Sänger Morrissey in Manchester gegründet wurde. Sie kennt sich auch gut aus in der Geschichte von Punk, Post-Punk, Rock und Independent. Und doch kann sie hier noch etwas lernen, beispielsweise über ein Lied, das ihren Namen trägt. In einem schalldichten Extraraum lagern die wahren Plattenschätze, die hier ohne Angst vorm weißen Lärm und den Kontrolleuren der musikfeindlichen Behörden bewundert werden können. Ezra reicht mir die Hülle, die gar nicht so aussieht wie das, was ich höre. Giftgrüne Äste vor tiefblauem Himmel, in dessen Mitte wie ein blasslila Ufo der Name steht: «The Go-Betweens 1978–1990». Quelle: Eckhart Nickel – Punk Nerdtalk, der zum Nachhören animiert Karen war die erste Single. Schau nur, eine total seltene Tape-Compilation auf Beggars Banquet, wahrscheinlich neben Rough Trade das legendärste Independent Label aus England. Quelle: Eckhart Nickel – Punk Nickels Roman lebt auf vielen Seiten von einem Nerdtalk, der zum Nachhören animiert. Fast erstaunlich, dass es kein Verzeichnis aller erwähnten Titel und eine passende Playlist auf Spotify gibt. Ezra und Lambert suchen aber nicht nur eine Partnerin fürs gemeinsame Plattenauflegen. Sie wollen mit Karen, gewissermaßen als Protest gegen die musikarmen Zeiten, eine Punk-Band gründen. Und sie soll die Sängerin sein! Karens Sorge, sie treffe keinen Ton, entkräftet Ezra mit der nötigen Punk-Expertise.    Alison Statton, die Sängerin der Young Marble Giants, hat auch keine Gesangsausbildung gehabt und als Zahnarzthelferin gejobbt, als sie die Band gegründet haben. Und sie ist unser absolutes IDOL. Das einzige Album heißt Colossal Youth und sie haben es im Rekordtempo von nur fünf Tagen in einem idyllischen Studio auf dem Land aufgenommen. Quelle: Eckhart Nickel – Punk Das Publikum hat keine Ahnung! Aus der selbstbewusst-dilettantischen Haltung der Young Marble Giants haben Ezra und Lambert sogar ein Manifest mit den zehn Punk-Gesetzen entwickelt. 1. Das Wort ist draußen. 2. Wer sprechen kann, der kann auch singen. 3. Es gibt keinen Soundcheck. 4. Wer ein Instrument richtig spielt, ist selber schuld. 5. Jeder Auftritt ist eine Katastrophe. 6. Was am Ende aus den Boxen kommt, ist egal. 7. Das Publikum hat keine Ahnung. 8. Ihr könnt das alle genauso. 9. Wir ziehen eine Linie, die Tinte ist Angst. 10. Ausdruck ist nichts, Haltung alles. Quelle: Eckhart Nickel – Punk Lässig, lustig, elaboriert Tatsächlich beginnt das neu gründete Punk-Trio mit der Arbeit an ersten Stücken, nimmt in der Badewanne auch Fotos fürs Cover des entstehenden Albums auf. Wer das Werk jemals kaufen oder gar hören soll, ist völlig unklar. Doch derlei Erwägungen spielen ohnehin keine Rolle. Im geheimen Studio haust auch ein weißer Hase, der wie andere Merkwürdigkeiten dieser Story an „Alice im Wunderland“ erinnert, den Klassiker der Nonsens-Literatur. Die drei Widerstandsmusiker glauben sogar an einen Auftritt bei einem geheimnisvollen „Bewerb“, der angeblich vom „Ministerium für Unterhaltung“ ausgerichtet wird. „Punk“ ist ein musikalisch-satirischer Lesespaß, in dem Logiklücken zum Stilprinzip gehören. In gewisser Weise folgt Eckhart Nickel damit den eigenen Punk-Kriterien. Nur dass am Schluss eben doch nicht egal ist, was auf den Buchseiten steht. Der Roman ist, wie alle Nickel-Texte, auf lässige und lustige Weise elaboriert. „Punk“ ist Eckhart Nickels dritter Roman. Die dystopische Geschichte im Debüt „Hysteria“ – nämlich die genetische Manipulation von Lebensmitteln – ist im Vergleich zu „Punk“ deutlich unheimlicher. Wer das Buch gelesen hat, wird beim sommerlichen Marktbesuch immer an den Einstiegssatz denken: „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.“ Mit dem Folgeroman „Spitzweg“ hat Nickel einen rätselhaften und betont artifiziellen Künstlerroman vorgelegt. „Punk“ liest sich nun wie die Mischung aus beiden Büchern, nur dass jetzt die Musik im Mittelpunkt steht und die Tonlage eher heiter-überdreht ist. Unter der amüsanten Textoberfläche aber lässt sich auch in „Punk“ ein ernstes Thema finden, nämlich die Verteidigung einer renitenten Geisteshaltung, die Neues nur hervorbringen kann, wenn die Tradition der kulturellen Rebellion lebendig bleibt und sich nicht im weißen Rauschen auflöst.
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Aug 25, 2024 • 10min

Marie Aubert – Eigentlich bin ich nicht so | Gespräch

Marie Aubert erzählt eindrucksvoll und mit großer Sogkraft von der Kompliziertheit der Liebe in allen ihren Konstellationen - und von misslingender Kommunikation.
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Aug 25, 2024 • 5min

Natasha Trethewey – Memorial Drive. Erinnerungen einer Tochter | Buchkritik

„Erinnerungen einer Tochter“ ist der Untertitel von Natasha Tretheweys autobiografischem Buch „Memorial Drive“, das sie zum Gedenken an ihre Mutter Gwendolyn geschrieben hat. Zwei Grundfragen versucht sie hier zu beantworten: Wie verlässlich sind Erinnerungen? Und: Wer bin ich, wo gehöre ich hin? Natasha Trethewey wird 1966 in eine sogenannte gemischtrassische Ehe geboren: Ihre Mutter ist eine Schwarze Amerikanerin, ihr Vater ein weißer Kanadier. Was war ich? „Du hast das Beste von beiden Welten“, erklärten sie mir (…) Draußen in der Welt, mit nur einem von ihnen, begann ich ein tiefes Gefühl der Entwurzelung zu verspüren. Wenn ich mit meinem Vater unterwegs war, registrierte ich die höflichen Reaktionen von Weißen, die Art, wie sie ihn mit „Sir“ oder „Mister“ ansprachen. Meine Mutter dagegen nannten sie „Gal“, nie „Miss“ oder „Ma’am,“ wie es sich doch angeblich gehörte. Quelle: Natasha Trethewey – Memorial Drive. Erinnerungen einer Tochter Eine Spurensuche nach der Schwarzen Mutter Wer ist Natashas Mutter Gwendolyn? Auf dem Titelfoto des Buches lächelt eine attraktive Schwarze junge Frau mit einem hellhäutigen Baby im Arm über die Schulter in die Kamera. Die junge Mutter und Ehefrau hat gerade ihr Bachelor-Studium abgeschlossen. Ihre Tochter Natasha wächst zunächst behütet in der Schwarzen Großfamilie der Mutter im ländlichen Mississippi auf. Natashas Vater setzt sich bald von der Familie ab und beginnt ein Promotionsstudium in New Orleans. Die Ehe der Eltern wird geschieden, als Natasha sechs Jahre alt ist.     Spannend sind die Spuren, die die Autorin mit dem Quellenmaterial legt, das sie ihren Erinnerungen zur Seite stellt. Dabei folgt sie keiner strengen Chronologie. Fotos, Schallplatten, Telefonmitschnitte, Gerichtsakten und Aufzeichnungen der Mutter geben Raum für Vermutungen, die sich nicht immer mit den Bildern decken, die Trethewey auf 250 Seiten entwirft. Aufbruch nach Atlanta Anfang der 1970er Jahre, kurz nach der Scheidung, zieht die 28-jährige Gwendolyn mit ihrer Tochter in die Großstadt Atlanta. Tagsüber studiert sie Sozialarbeit, abends kellnert sie – inzwischen mit modischem Afro-Look - im unterirdischen Vergnügungsviertel der Stadt. Ein hautenger schwarzer Body und schwarze Jeans mit schwerem Patronengürtel gehören zur Dienstkleidung. Gwendolyn ist ehrgeizig, taff und gut organisiert. Die guten Schulnoten ihrer Tochter belohnt sie mit Geschenken. Als sie wieder schwanger ist, heiratet sie den Schwarzen kriegstraumatisierten Vietnam-Veteranen Joel. Nach vielen Umzügen und Gwendolyns beruflichem Aufstieg wird der amerikanische Traum endlich wahr: Ein Haus am Stadtrand mit Swimmingpool. Aber das scheinbar intakte Familienleben hat Risse. Tochter Natasha geht auf Distanz zu ihrer Schwarzen Familie. Ihre väterlich geprägte bürgerliche Bildungswelt mit den Sagen des klassischen Altertums steht in scharfem Kontrast zur Musik der Blaxploitation-Filme im Drogenmilieu, die ihren Stiefvater Joel begeistert. Joel ist Hausmeister, ihr leiblicher Vater inzwischen Universitätsprofessor. Die Frage, wo sie hingehört, begleitet Trethewey bis heute.   Mein Leben lang haben sich Leute gefragt, „was“ ich bin, welcher ethnischen Zugehörigkeit oder Nationalität. (…) Einmal, in einem Kaufhaus, war der weiße Verkäufer (…) zu ängstlich oder zu höflich, um zu fragen - (…) Ich beobachtete sein Gesicht, als er nach einem (…) Blick auf (…) mein glattes, feines Haar, meine Hautfarbe und meine Kleidung mit sich zurate ging. Er bezog wohl auch ein, wie ich sprach und ob irgendwelche dieser Faktoren seiner Vorstellung von bestimmten Menschen entsprachen – Schwarzen Menschen. Quelle: Natasha Trethewey – Memorial Drive. Erinnerungen einer Tochter Gewalt in der Ehe Natasha will früh Schriftstellerin werden. Sprache und Schreiben sind ihre Zuflucht vor den gewaltsamen Übergriffen ihres Stiefvaters gegen  ihre Mutter und sie selbst. Und auch die Mutter findet ein Ventil im Schreiben: „Letzte Worte“ betitelt die Autorin Gwendolyns Aufzeichnungen über ihre Ehe. Ich wusste immer, dass ich aus meiner Ehe rauswollte. Sie gehörte zu den Dingen, zu denen es nie hätte kommen dürfen.  (…  ) Ich habe meinen Mann nie geliebt und hatte deswegen Schuldgefühle, darum stürzte ich mich in das Bemühen, die beste Hausfrau/Mutter und Arbeitskraft weit und breit zu sein. Er wusste, dass ich ihn nicht liebte … Quelle: Natasha Trethewey – Memorial Drive. Erinnerungen einer Tochter Als Gwendolyn sich nach zehn qualvollen Ehejahren von Joel scheiden lässt, fühlt sich der kontrollsüchtige Kriegsveteran als betrogenes Opfer.  Am 5.Juni 1985 erschießt er seine Ex-Frau Gwendolyn. Nach heutiger Definition ein „Intim-Femizid“. In kunstvollen erzählerischen Schleifen, Metaphern und Montagen von Erinnerungen und Aufzeichnungen kommt Natasha Trethewey zur Kernfrage: War der Tod der Mutter unausweichlich? Wie weit hat ihr eigenes Schweigen dazu beigetragen? „Sie hätten sie retten können“, schreibt Trethewey an die Polizei gerichtet. Aber so einfach ist es nicht, weil die Geschichte viel komplexer ist. Und genau deshalb ist dieses Buch über Rassismus, Klassenzugehörigkeit und die Folgen männlich-toxischerGewalt unbedingt empfehlenswert.

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