

SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Nov 25, 2025 • 4min
Runter vom Sofa! Demokratie-Training mit Satirikerin Sarah Bosetti
Ausgangspunkt von Sarah Bosettis Essay ist die Feststellung, dass viele mittlerweile so frustriert sind, dass sie „die Serie, die sich ‚Weltgeschehen‘ nennt“ nur noch kopfschüttelnd beobachten. Aber, so Bosetti:
Die Endgegnerin im Kampf für eine bessere Welt ist die Gewöhnung an das gruselige Jetzt.
Quelle: Sarah Bosetti – Make Democracy Great Again
Kreative Formate machen auch frustrierende Debatten erträglich
Ihr Buch ist deshalb ein Weckruf an alle: An ‚die da oben‘, aber auch an uns ‚hier unten‘ – denn in Demokratien ist die Beteiligung aller gefragt.
An verschiedenen Beispielen zeigt die Autorin, was schiefläuft und wer an welcher Stelle etwas ändern sollte: Sie kommentiert den Ampelbruch, die Debatten um das AfD-Verbotsverfahren, Taurus-Lieferungen und Grenzkontrollen.
Es geht um Mediendiskurse zu sexualisierter Gewalt und Wokeness, aber auch um Bayerns ‚Bierzelt-Monarchie‘. Der Essay ist also thematisch dicht – und oft ziemlich sprunghaft.
Es mag an Struktur fehlen, nicht aber an kreativen Erzählformaten. Bosetti bastelt Fantasie-Dialoge zwischen Politikern, schaltet einen aberwitzigen Nachrichtenblock mit skurrilen – leider nur ausgedachten – Kurzmeldungen und versucht sich als Dolmetscherin.
Wenn Friedrich Merz etwa sage „Was in der Sache richtig ist, wird nicht dadurch falsch, dass die Falschen zustimmen“, meine er eigentlich:
Das Tolle daran, dass die Falschen zugestimmt haben, ist, dass jetzt niemand mehr darüber redet, dass es auch in der Sache falsch war.
Quelle: Sarah Bosetti – Make Democracy Great Again
Die Satirikerin bringt uns damit trotz der oft frustrierenden und ernsten Bestandsaufnahmen oft zum Lachen. Und immer wieder gibt es auch Seitenhiebe der derberen Art:
Eine [Partei] hatte ein sehr seltsames Verständnis davon, wie eine Firewall funktioniert (CDU), eine hatte eine Programmiersprache, die nur aus Metaphern bestand (Grüne), auf einer lief noch das Betriebssystem Windows 33 (AfD), und alle, wirklich alle hielten ihre eigene Prozessorleistung für größer, als sie war.
Quelle: Sarah Bosetti – Make Democracy Great Again
Auf den Punkt gebracht: Grundsatzfragen statt parteipolitischer Befindlichkeiten
Bei Grundsatzfragen positioniert sich Bosetti deutlich: Häusliche Gewalt, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit werden klar verurteilt. Auch zu Parteien nimmt sie teilweise Stellung, etwa wenn sie die AfD kategorisch als faschistisch und rechtsextrem bezeichnet.
Der Autorin geht es aber weniger um parteipolitische Fragen, sondern um demokratische Grundsätze: Kritik ist ebenso legitim wie Zustimmung, wenn sie begründet ist. Und man darf Vorschläge ablehnen – aber nur, wenn man eigene, konstruktive Ideen zur Problemlösung einbringt. Denn weg-reden lassen sich Probleme nicht. Und:
Es ist nicht unsere Aufgabe, uns zu überlegen, welche Erzählung uns am besten gefällt, und die durchzuboxen, bis sie als Wahrheit gilt. Es ist unsere Aufgabe, Realitäten anzuerkennen und mit ihnen umzugehen.
Quelle: Sarah Bosetti – Make Democracy Great Again
Die meisten Debatten, die Bosetti aufgreift, sind altbekannt und die Argumente nicht wirklich neu. Aber sie bringt absurde Zustände satirisch zugespitzt auf den Punkt und legt so die eigentlichen Probleme in Gesellschaft und Politik offen.
Demokratietraining statt Bequemlichkeit
Pflichten von Politikerinnen und Politikern werden ebenso klar benannt, wie die von Wählerinnen und Wählern. Doch Dank der gewitzten Formulierungen, Metaphern und Gedankenspiele lässt man sich auf den Dialog mit der Autorin gerne ein. Zumal sie mit mancher Feststellung wohl vielen aus der Seele spricht.
Es ist das 21. Jahrhundert, und der Satz «Die Ausländer sind schuld!» bringt immer noch mehr Wählerstimmen als jeder konstruktive Lösungsansatz für politische Probleme.
Quelle: Sarah Bosetti – Make Democracy Great Again
Drei Mal setzt Bosetti mit einem Schlusskapitel an, bevor sie tatsächlich zum Ende kommt – und nach vielen frustrierenden Erkenntnissen doch noch motivierende Worte für uns bereithält:
Und wenn das Schicksal schon will, dass ich zum Abschluss klinge wie eine übermotivierte Fitnesstrainerin, dann auch richtig: If you don’t use it, you’ll lose it! Wir müssen unsere Demokratiemuskeln benutzen. Also streichelt euer Sofa noch mal kurz, sagt ihm, dass ihr gleich wiederkommt und dann geht raus, redet mit Menschen, die ihr seltsam findet, gründet Vereine, geht wählen, guckt Nachrichten und vor allem: Streitet euch gut.
Quelle: Sarah Bosetti – Make Democracy Great Again

Nov 24, 2025 • 4min
Martin Oesch – Fleischeslust
Fleisch ist im Comic „Fleischeslust" allgegenwärtig. In den Dialogen, auf Werbetafeln und der Menükarte im Lokal. Erst recht in den Bildern. Das strahlende Rosa der Mortadella und das Dunkelrot von Rindersteak und Kalbsleber ziehen sich durch die ganze Graphic Novel.
Sie dominieren die Metzgereitheke und leuchten im Rot der Äpfel, in Häuserfassaden oder dem Karo einer Tischdecke. Nicht zuletzt ist die Haut der Figuren schweinchenrosa – der Mensch ist schließlich auch ein Tier – und den pinken Einband des Comics kann man selbst in einem Bücherstapel sofort finden.
Sogar überzeugte Fleischesser dürften sich nach dieser Lektüre erstmal für ein Gemüsegericht entscheiden.
Jede Menge Fleisch und Aufschnitt in Rot- und Rosatönen
Dabei setzt Zeichner Martin Oesch nicht auf Ekeleffekte. Er zeigt nur in aller Deutlichkeit und in kräftigen Farben, was es heißt, mit Fleisch zu arbeiten.
Seiner Hauptfigur Erwin Merz, einem Metzger in einer fiktiven Schweizer Stadt, folgt er durch dessen Alltag: Aufstehen um sechs, umziehen und sofort in den Laden, um das Fleisch hinter der Theke zu drapieren. Und dann die nervende Kundschaft!
Erwin: Da lesen sie etwas in der Zeitung und denken, sie wissen Bescheid. Die wissen nichts über das Handwerk und die Konservierungsmethoden.(...) Die Leute haben Angst vor dem Pökelsalz, vor dem Rauchharz und dem Fett. Aber ohne das alles kannst du eine schöne Charcuterievitrine vergessen! Das Zeug wäre blass, grau und schmecken würde es auch nicht.
Quelle: Martin Oesch – Fleischeslust
So weit, so vertraut die Argumente von Metzger Erwin. In seinem Nein zu jeder Veränderung könnte er leicht zum Unsympathen werden. Zumal er äußerlich dem Klischee eines Metzgers entspricht: um die 60, grobschlächtig, Glatze, Schnurrbart. Doch Erwin verbirgt hinter seinem Poltern ein empfindsames Gemüt.
Sein Schöpfer Martin Oesch treibt ihn seitenlang durch kunstvoll komponierte Alpträume, getaucht in kühles Blau und Rot. In ihnen offenbaren sich Erwins wachsende Skrupel gegenüber den Tieren, was ihn schleichend, aber deutlich sein Leben in Frage stellen lässt. Erst recht, als er einen Bekannten trifft, der seinen Hof auf Ökolandbau umgestellt hat.
Hier die Bilder von glücklichen Kühen – dort die Realität des Schlachthofs
Leider wirkt das Pro und Contra zum Fleischkonsum an vielen Stellen arg didaktisch. Zu oft lässt Oesch den Metzger in Denkblasen und Monologen Dinge erklären, die für ihn selbstverständlich sein müssen.
Besser gelingt dem Zeichner das Ins-Bild-setzen von Stadtleben und Landwirtschaft: hier kühle Fassaden mit Werbetafeln von glücklichen Kühen - dort die Tierkörpersammelstelle inmitten strahlend gelber Felder.
Überhaupt wirkt der Comic dort am originellsten, wo die Künstlichkeit der grellen Farben, der eher grobe Strich und die Umgangssprache der deutsch-schweizerischen Figuren aufeinandertreffen.
Beziehungsprobleme mal anders
Seine größte Stärke beweist Martin Oesch, wenn er das Zwischenmenschliche in den Blick nimmt. Und damit die zweite Ebene der titelgebenden Fleischeslust. Erwins Frau Margrit lässt er in einem Nebenstrang ebenfalls in eine Sinnkrise abgleiten. Ihr Alltag langweilt sie.
Margrit: In vierzig Jahren Ehe geht halt einiges vergessen... schade eigentlich. (...) Der Erwin hat immer nur die Arbeit im Kopf. Da is er voller Leidenschaft. Manchmal wünsch ich mir...er würde mich mit derselben Leidenschaft wieder einmal anfassen. Er dürfte ruhig mal zupacken.
Quelle: Martin Oesch – Fleischeslust
Margrits Tagträumerei hält Martin Oesch auf einer hinreißend komischen Seite fest: Er zeichnet sie dabei als Rollbraten in Erwins Händen. Was leicht zu Klamauk hätte werden können, ist nur eine Nuance in einer Beziehung, in der wortlose Vertrautheit, Mangel an Empathie und eine Spur Eifersucht einander die Waage halten.
Dass am Ende Hoffnung über der Metzgerei liegt, obwohl offen bleibt, wie es weitergeht – das spricht für die Feinfühligkeit des Comic-Debütanten Martin Oesch. Bei allem Pro und Contra ums Fleisch verliert er seine Figuren nie aus den Augen.

Nov 21, 2025 • 56min
Mit neuen Büchern von Helga Schubert, András Visky und Tom Hillenbrand. Mit einem Gespräch über die Aktualität von Jane Austens Romanen und mit einer Hommage an Martin Walser.
Helga Schubert zieht die Bilanz ihres Lebens, András Visky hat ein gewaltiges Buch über die stalinistischen Lager in Rumänien geschrieben, und die Autorin Eva Pramschüfer erzählt von ihrer Leidenschaft für Jane Austen.

Nov 21, 2025 • 7min
Vom Leben in einem Erdloch
Auch Rumänien hatte seinen Gulag. Fast fünf Jahre verbrachte András Visky mit seiner Mutter Julia und den sechs Geschwistern in Lagern in der am südöstlichen Rand des Landes gelegenen Bărăgan-Steppe.
Er war als jüngstes der Kinder gerade einmal zwei Jahre alt, als die zur ungarischen Minderheit gehörende Familie 1959 deportiert wurde. Zuvor hatte die Securitate den Vater, einen dissidentischen Pfarrer, gefoltert und ins Gefängnis gesteckt.
22 Jahre lautete das Urteil für den aufmüpfigen Mann, zu dessen Predigten die Leute strömten, anstatt dem Werben der kommunistischen Partei nachzugeben. Jetzt hat András Visky – mit 68 Jahren – einen Roman über die Geschehnisse aus kindlicher Ich-Perspektive geschrieben, die in einen Dialog mit anderen Stimmen tritt.
Im Zentrum steht die Zeit in verschiedenen Lagern, gerahmt von der Verhaftung und schließlich der Wiederbegegnung mit dem vorzeitig entlassenen Vater.
„Ich wusste immer, dass dies das Buch ist, das ich schreiben muss. Ich bin wegen dieses Buches Schriftsteller geworden“, erzählt András. „Aber ich hatte große Schwierigkeiten mit der Form und der Art und Weise, mich als siebtes Kind meiner Familie auszudrücken.“
Als Julia mit ihren Kindern im Arbeitslager ankommt, gibt es keine freie Baracke. Die Familie solle sich stattdessen ein Erdloch suchen, erklärt der Lagerkommandant.
Als ein anderer Grubenbewohner, der passenderweise Grüber heißt, Julia vorschlägt, sie könne mit ihren Kindern in seine Erdhöhle ziehen, es sei die geräumigste im ganzen Lager, lehnt sie ab, denn sie liebe ihren Mann. Doch das ist für Grüber kein Hinderungsgrund, schließlich liebe auch er seine Frau.
Kälte und Hunger
Genau das, ihre ungebrochene Liebe zu ihren Ehepartnern, sei der Beweis, dass sie füreinander bestimmt seien, ja, auch seine Kinder liebe er unsterblich, genauso wie unsere Mutter, er könne sie ihr zeigen, falls sie sie sehen möchte, ihre Knochen seien alle in der Grube, die seiner Frau und die seiner Kinder, und dort würden sie auch bleiben, bis zum Tag des Jüngsten Gerichts, zusammen mit den anderen Skeletten.
Quelle: András Visky – Die Aussiedlung
Knochen kommen immer wieder zum Vorschein. Die Deportierten sterben an Kälte und Hunger. Wer es nicht mehr aushält, der geht in die Donau. Die anderen versuchen sich irgendwie einzurichten.
Julia solle ihren Ehemann vergessen, denn den werde sie ohnehin nicht wiedersehen, wird ihr geraten. Aber sie ist nicht bereit, ihren Mann aufzugeben.
Nein, sagte Mutter in ihrem Herzen, ich werde nicht auf ihn verzichten und werde ihn nicht freilassen, ich soll ihn im Gefängnis freilassen, der Satz allein klingt wie ein Scherz, das werde ich weder auf Aufforderung eines Menschen noch auf Gottes Aufforderung tun, ich werde um ihn kämpfen, und auch um meine Kinder werde ich kämpfen, solange mich die Seele trägt.
Quelle: András Visky – Die Aussiedlung
Realität und Fiktion
In einer Vorbemerkung hat András Visky „Die Aussiedlung“ als „eine Fiktion“ charakterisiert. Das Buch sei „der Phantasie eines irgendwie erwachsen gewordenen Kindes entsprungen, das seine mehrjährige Gulag-Erfahrung einfach nicht von seinen Phantasmen zu trennen vermag“.
Das ist eine deutliche Warnung davor, den Roman als Tatsachenbericht zu lesen. Der Hinweis ist schon deshalb angebracht, da Visky zur Lagerzeit noch im Vorschulalter war.
Andererseits hat der Autor ausgiebige Recherchen betrieben, wie in den Text eingefügte Dokumente zeigen. Und er kann sich nicht zuletzt auch auf andere Erfahrungen stützen.
„Die Erinnerung des siebten und jüngsten Kindes ist eine Mischung aus den Erinnerungen der Familienmitglieder. Für mich ist die Realität grundsätzlich nicht von der Fiktion zu trennen. Es ist eine natürliche Art, die Realität zu verstehen, die uns umgibt“, so der Autor.
In 822 durchnummerierten Prosaminiaturen, die oft nicht länger als eine halbe Seite sind, entsteht ein komplexes Mosaik des Lagerlebens. Manche Sequenzen sind schärfer herausgearbeitet, andere bleiben dunkler – ganz so, wie die Erinnerung manches klarer und anderes verschwommener hervortreten lässt.
Als Spiegel eines Rückbesinnungsprozesses ist das schlüssig. Aber Visky hat mit der losen Aneinanderreihung unterschiedlicher Erinnerungssplitter, die von einem eigentümlichen Gleichmut und einem beinah unerschütterlichen Weltvertrauen geprägt sind, noch mehr im Sinn.
„Ich wollte meinen Lesern die Freiheit geben, kein dickes Buch in den Händen zu halten, sondern eines, das sie selbst kreieren können. Wenn man das Buch aufschlägt, liest man zunächst einen kleinen Ausschnitt, und wenn ich als Autor Glück habe, lädt dieser Ausschnitt dazu ein, die große Geschichte, die ganze Geschichte, zu entwickeln.“
Vater – der Erlöser
Die Struktur der Bibel habe ihn inspiriert, sagt der Autor. Gott ist in der tiefgläubigen Familie Visky immer präsent. Der Ich-Erzähler sieht in den biblischen Geschichten das eigene Schicksal gespiegelt. Als Erlöser werde der Vater kommen und die Familie retten, ist sich das Kind gewiss.
Aber wo ist Gott? Wo ist er, als die Mutter vergewaltigt wird? Wo ist er, als das älteste Kind erblindet? Je länger die Lagerhaft dauert und je verzweifelter die Lage der Insassen ist, umso herausfordernder und respektloser werden die Zwiegespräche mit dem himmlischen Vater.
Nun ja, sie müsste sich jetzt auf Gott stützen, denkt Mutter am Grabenrand, doch dazu müsste Gott existieren, das wäre die Lösung, wenn er hier im Lager wäre und sie sich auf ihn stützen könnte, eine wirklich ernstzunehmende Ausrede ist es wohl nicht, dass er deshalb nicht da ist, weil er überall ist, überall ist nicht identisch mit nirgends.
Quelle: András Visky – Die Aussiedlung
Es gibt neben der Bibel noch andere wichtige literarische Bezugspunkte. An einer Stelle seines Romans, der die Tradition großer Lagerliteratur fortschreibt, spricht András Visky von der Schicksalslosigkeit der Deportierten. Es ist eine Hommage an den ehemaligen KZ-Häftling Imre Kertész.
Dass die Mitglieder der Familie Visky das Lager als den für sie richtigen Ort in einem diktatorischen System akzeptieren, ist irritierend, aber auch einleuchtend. Nur hier können sie ihre Identität und ihre innere Freiheit wahren. Davon, vom Widerstehen, erzählt dieser erschütternde und erstaunliche Roman.

Nov 21, 2025 • 9min
Beschleunigung und Alkohol
Martin Walser war eine Jahrhundertgestalt. Geboren 1927 in Wasserburg, hat Walser das literarische Leben der Bundesrepublik ebenso nachhaltig geprägt wie viele öffentliche Debatten.
Polarisiert hat Walser dabei immer wieder, sei es mit seiner Friedenspreisrede im Jahr 1998, sei es mit seinem Roman „Tod eines Kritikers“, einer Abrechnung mit seinem Intimfeind Marcel Reich-Ranicki.
Walsers Appenzeller
In der kleinen Edition Isele sind nun drei neue Bücher rund um Martin Walser erschienen: In „Das Hundemögliche“, bebildert mit Fotografien von Isolde Ohlbaum, sind Texte Walsers über seine Appenzeller Sennenhunde gesammelt, zu denen er eine ganz besondere Beziehung pflegte.
In „Die Stadt der Städte“ erzählt Walser über seine Leipziger Lesungserfahrungen. Jörg Magenau schließlich, SWR-Mitarbeiter und ausgewiesener Walser-Experte, hat in „Die Kunst der Zustimmung“ Essays über Martin Walser zusammengestellt.
Kuriose Augenblicke
SWR Kultur Literaturchef Frank Hertweck, der über viele Jahre hinweg Martin Walser immer wieder begegnet ist, stellt die Bücher im Gespräch vor und erinnert sich auch an kuriose Augenblicke in der Arbeit mit dem Schriftsteller vom Bodensee.

Nov 21, 2025 • 7min
Wenn die KI die Kontrolle übernimmt
Tom Hillenbrand, Autor der Hologrammatica-Reihe, diskutiert die faszinierenden Aspekte superintelligenter KI. Er beschreibt Æther, eine selbstbewusste KI, die eigenständig handelt, um den Klimawandel zu bekämpfen. Hillenbrand warnt vor unvorhersehbaren Folgen dieser Technologie und thematisiert ethische Fragen zu Klonen und Identität. Er verwebt Sci-Fi mit Kriminalelementen und beleuchtet die kulturellen Anker seiner Geschichten. Die Kontrolle über solche Technologien liegt in den Händen weniger – ein beängstigendes Szenario.

Nov 21, 2025 • 11min
„Viel mehr als Liebesgeschichten“: Eva Pramschüfer über Jane Austen
„Verstand und Gefühl“, „Stolz und Vorurteil“, „Emma“, um nur drei Titel zu nennen. Innerhalb von 6 Jahren, zwischen 1811 und 1817, schrieb Jane Austen sechs Romane, allesamt unter dem Pseudonym „by a lady“, das erst nach ihrem frühen Tod im Jahr 1817 gelüftet wurde.
In diesem Jahr, am 16. Dezember, wäre Jane Austen 250 Jahre alt geworden.
Eine Kultfigur auf BookTok
Jane Austens Bücher begeistern bis heute – oder gerade heute – Leserinnen und Leser weltweit. Nicht zuletzt auch dank zahlreicher Adaptionen in Filmen und Fernsehserien. Gerade af BookTok ist Jane Austen eine Kultautorin.
Rund um das Jubiläum erscheinen zahlreiche zum Teil aufwendig gestaltete Neuausgaben, beispielsweise im Reclam Verlag: Eine 2000-seitige Gesamtausgabe mit Farbschnitt und Illustrationen.
Zahlreiche Neuausgaben zum 250. Geburtstag
Das Nachwort zu dieser Ausgabe hat die Journalistin und Autorin Eva Pramschüfer geschrieben. Sie ist Jahrgang 1997, gehört also zur jungen Generation von Austen-Leserinnen. Und Eva Pramschüfer postet auch in den sozialen Netzwerken Videos zu literarischen Klassikern.
Ein weiblicher Blick auf die Klassengesellschaft
Im Gespräch erzählt Eva Pramschüfer, deren literarisches Debüt „Weißer Sommer“ im April 2026 erscheint, wie schwer sie selbst in die Romanwelt der Jane Austen hineingekommen ist, warum die Romane sehr viele unterschiedliche Bedürfnisse von Leserinnen und Lesern bedienen – und vor allem, dass Austens Blick auf die patriarchalisch geprägte Gesellschaft aus weiblicher Sicht bis heute aktuell ist.

Nov 17, 2025 • 4min
Die Schatten der Franco-Vergangenheit in Spanien
Das Gedenken an die Opfer der Franco-Diktatur spaltet bis heute die spanische Gesellschaft: Viele wollen von der Vergangenheit nichts mehr wissen, andere suchen immer weiter nach Massengräbern, so erst vor kurzem in Valencia. Der Schatten der Vergangenheit ist nicht zu tilgen.
Der Diktator zu Pferde
Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass es 2007 erst eines Regierungsdekrets gegen die Verherrlichung Francisco Francos bedurfte, damit die Reiterdenkmäler – der Generalisimo auf einem stolzen Gaul, in Bronze gegossen – aus dem öffentlichen Raum verschwanden. Neun solcher Skulpturen wurden einst im ganzen Land aufgestellt und dienten seiner Glorifizierung als „Retter Spaniens“.
Kein anderer Diktator des 20. Jahrhunderts hat sich so häufig auf dem Rücken eines Pferdes verewigen lassen wie Franco.
Quelle: Julia Schulz-Dornburg – Wohin mit Franco? Das Unbehagen in der spanischen Erinnerungskultur
Schreibt die Autorin und Architektin Julia Schulz-Dornburg in ihrem Buch Wohin mit Franco? Das Unbehagen in der spanischen Erinnerungskultur. Sie lebt in Barcelona und hat es geschafft, diese Denkmäler in diversen Depots aufzuspüren.
Anlass für ihre Nachforschungen und dieses Buch war eine Ausstellung des Born-Museums in Barcelona, bei der sie 2016 eine Statue Francos öffentlich ausgestellt hat. Sie löste heftige Reaktionen bei der Bevölkerung aus, wurde mit Graffitis bemalt und mit Farbe übergossen, so dass sie nach vier Tagen entfernt werden musste.
Eine traumatische Erfahrung
Das war für mich eine so traumatische Erfahrung, dass ich als Gegengift eine Reise durch ganz Spanien unternahm, um herauszufinden, was mit den anderen Reiterdenkmälern des Diktators geschehen war.
Quelle: Julia Schulz-Dornburg – Wohin mit Franco? Das Unbehagen in der spanischen Erinnerungskultur
Bei deren Abtransport wurden einige von ihnen reichlich ramponiert, ein Bein oder ein Arm war abgefallen, der Kopf ging meist verloren. Danach wurden sie in den hintersten Ecken von Depots „entsorgt“, Ross und Reiter getrennt. Doch es gab auch noch intakte Stücke, beispielsweise bei der Armee.
Die riesige Metallkiste beherrscht etwas theatralisch die Szene. Die Zuschauer, viele in Tarnanzug und Kampfstiefeln, mit Barett und Sonnenbrille, unterbrechen ihre Gespräche, als die Arbeiter anfangen, das Material zu entfernen, das den Reiter bedeckt. Von seinem Leichentuch befreit, reitet Franco hinter Gittern. Er wirkt eher eingesperrt als geschützt.
Quelle: Julia Schulz-Dornburg – Wohin mit Franco? Das Unbehagen in der spanischen Erinnerungskultur
Verehrung eines Sockels
Mit ironischem Blick beschreibt Julia Schulz-Dornburg mitunter ihre Besichtigungen beispielsweise auch eines Sockels, von dem der Reiter abgeräumt wurde, und den zeitweise unverbesserliche Franco-Anhänger wie eine Kultstätte verehrten.
Geradezu obsessiv ist die Autorin den einzelnen Spuren nachgegangen und hat sie ausführlich dokumentiert. Dabei war es noch relativ unkompliziert, die Aufenthaltsorte der Franco-Statuen ausfindig zu machen.
Verglichen mit den Formalitäten, die für ihre Besichtigung erforderlich waren. Die Verhandlungen mit den Institutionen, die die Statuen verwahren (nationale Denkmalbehörden, Armee, Stiftungen und Stadtverwaltungen) zogen sich über mehr als ein Jahr.
Quelle: Julia Schulz-Dornburg – Wohin mit Franco? Das Unbehagen in der spanischen Erinnerungskultur
Alle denkbaren öffentlichen Verhaltensweisen hat Julia Schulz-Dornburg dabei erlebt: vom totalen Schweigen, über die schroffe Ablehnung bis zur freundlichen Zusage der Genehmigung.
Ein spannendes Reisetagebuch ist das Ergebnis ihrer Nachforschungen: reich illustriert mit Fotos ihrer heimlichen oder erlaubten Inspektionen der skulpturalen Überbleibsel der Franco-Diktatur.

Nov 16, 2025 • 4min
Auch Nachahmung kann originell sein: Anne Serres Roman „Einer reist mit“
In dieser Ausgabe wird das spannende Spiel der literarischen Nachahmung thematisiert. Anne Serre betrachtet Literatur als eine Art Jonglage mit Referenzen und Leserwartungen. Besonders die Zusammenarbeit mit Enrique Vila-Matas wird hervorgehoben, dessen kreative Tricks mit falschen Fährten begeistern. Serres Roman „Einer reist mit“ bietet eine heitere, anarchische Sicht auf Autorenschaft. Die intime Erzählweise und autofiktionalen Elemente laden zum Nachdenken über Realität und Fiktion ein. Abschließend bleibt festzuhalten: Leicht zu lesen, schwer zu beschreiben!

Nov 14, 2025 • 55min
Mit aktuellen Büchern von Salman Rushdie, John Banville und Sigrid Nunez
Christoph Schröder, Literaturredakteur, beleuchtet Salman Rushdies "Die elfte Stunde" und diskutiert Themen wie Tod und Kolonialismus. Julia Schröder, Rezensionsautorin, analysiert John Banvilles "Schatten der Gondeln" und setzt ihn mit Henry James in Beziehung, während sie dessen Vorhersehbarkeit kritisiert. Ulrich Rüdenauer präsentiert Sigrid Nunez’ "Das Pinseläffchen" und erklärt, wie das Äffchen Mitz als Beobachter von Mensch-Tier-Beziehungen dient und melancholische Untertöne in der Geschichte transportiert.


