SWR Kultur lesenswert - Literatur

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Dec 7, 2025 • 18min

Sidonie-Gabrielle Colette: Chéri | Lesung und Diskussion

Der bekannteste Roman der 1873 im Burgund geborenen Autorin in neuer Übersetzung. 1920 war der Roman im konservativen Frankreich eine Provokation: Ältere Frau begehrt jungen Mann. Quel scandale!
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Dec 7, 2025 • 1h 10min

SWR Bestenliste Dezember bei den Stuttgarter Buchwochen im Haus der Wirtschaft

Eine Feier der Übersetzungen, aber Kritik am Lektorat – Shirin Sojitrawalla, Helmut Böttiger und Klaus Nüchtern diskutieren auf den Stuttgarter Buchwochen vier auf der SWR Bestenliste im Dezember verzeichnete Werke: Peter Schneiders Roman „Die Frau an der Bushaltestelle“, Sabrina Orah Marks eigenwilliges Memoir „Happily“ in der kongenialen Übersetzung von Esther Kinsky und Hanif Kureishis sehr persönliches Krankentagebuch „Als meine Welt zerbrach“ in der deutschen Fassung von Cornelius Reiber. Hinzu kommt die Wiederentdeckung eines skandalösen Klassikers: Sidonie-Gabrielle Colettes „Chéri“, angemessen modern übersetzt von Renate Haen und Patricia Klobusiczky und mit einem Nachwort von Dana Grigorcea. Schon beim ersten Roman des Abends ist sich die Jury uneins: Helmut Böttiger (Literaturkritiker u.a. für den „Deutschlandfunk“) und Shirin Sojitrawalla (Literaturkritikerin u.a. für die „taz“) lobten insbesondere die deutsch-deutschen Szenen in „Die Frau an der Bushaltestelle“ (Platz 5 der Dezember-Bestenliste). Dahingegen hält Klaus Nüchtern (Literaturkritiker für den „Falter“ aus Wien) den Text sowohl in sprachlicher als auch in inhaltlicher Hinsicht für misslungen. Insbesondere die vielen historischen Fehler stoßen ihm übel auf. „Wo war denn hier das Lektorat?“, beschwert er sich. Durchweg positiv besprochen wird Sabrina Orah Marks Familienaufstellung mit Märchen, was zum einen an ihrem kunstfertigen Umgang mit Märchen in „Happily“ (Platz 3) und laut der Jury nicht zuletzt an Übersetzerin Esther Kinsky liegt. Bei Hanif Kureishis Versuch, in „Als meine Welt zerbrach“ (Platz 2) die fatalen Folgen eines schweren Unfalls sprachlich zu fixieren, wird die humoristische Tonlage des nunmehr gelähmten Schriftstellers und Drehbuchautors gelobt. Eine Wiederentdeckung zum Schluss: Colettes 1920 erstmals veröffentlichter Roman „Chéri“ (Platz 1), der die damals skandalöse Geschichte einer alternden Kurtisane mit ihrem deutlich jüngeren Liebhaber erzählt, begeistert die Jury durchweg. Die höflich-galligen Dialoge der Figuren, eine turbulente Anti-Ehe-Liebesgeschichte, aber auch der Einblick in die nahezu aristokratische Halbwelt machen die Lektüre lohnend. Aus den vier Büchern lesen Isabelle Demey und Dominik Eisele. Durch den Abend führt Carsten Otte.
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Dec 7, 2025 • 18min

Peter Schneider: Die Frau an der Bushaltestelle | Lesung und Diskussion

Im April ist Peter Schneider 85 Jahre alt geworden. Er gilt als eine der intellektuellen Symbolfiguren der 1968er-Bewegung. In seinem neuen Buch kehrt er noch einmal zurück in die wilden, politisch aufgepeitschten 1960er.
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Dec 7, 2025 • 4min

Short-Story-Sammlung von Joyce Carol Oates: „Nullsumme“

Joyce Carol Oates ist eine Meisterin des psychologischen Realismus und der Dystopien. Sechs von zwölf Kurzgeschichten im aktuellen Sammelband „Nullsumme“ sind in einer Gegenwart angesiedelt, die fast unmerklich ins Surreale kippt. In der Titelgeschichte „Nullsumme“ bedrängt eine ehrgeizige Philosophie-Studentin ihren bewunderten Professor mit ihrem Wunsch nach einer engen Verbindung. Der bizarre Bewusstseinsstrom der Protagonistin macht die Geschichte durch die Perspektive der unzuverlässigen Erzählerin spannend.   Die Studentin hat ihre Zukunft an der Seite des Professors klar durchkalkuliert wie in einem Nullsummenspiel, bei dem in der Spieltheorie alles an den Gewinner geht. Den harten Konkurrenzkampf unter den Doktoranden glaubt die junge Frau, für sich entscheiden zu können.  Simpelste Ökonomie. Darwin’sche Auswahl. Die Schwachen bleiben auf der Strecke, die Starken führen ihren Wagen über die Gebeine der Toten. … die Tyrannei der Macht schafft das Recht. Übliche amerikanische Denkweise: Alles für den Gewinner! Quelle: Joyce Carol Oates ‒ Nullsumme  Joyce Carol Oates erweist sich als bestens vertraut mit den internen Riten des Universitätsmilieus. Alles in dieser Geschichte ist stimmig: Das genau beobachtete Intrigenspiel im abgeschotteten Universitätskosmos, der grausam-berechnende Umgang der Protagonistin mit der jungen Professorentochter sowie der überraschende Ausgang der Erzählung.  Grenzerfahrungen  Ebenso überzeugend ist in der Short Story „Die Kälte“ auch das Psychogramm einer schlaflos umherirrenden Mutter, die von rätselhaften Kälteattacken heimgesucht wird. Oates‘ virtuose Bildsprache macht die quälende Schlaflosigkeit der Protagonistin beinahe körperlich spürbar:  Der Schlaf kommt in Fetzen. Der Schlaf kommt in Schlieren. Dünner breiiger Schlaf, der einige flüchtige Sekunden über dich hinwegzieht, den Rückzug antritt und dich beraubt zurücklässt. Schlaf wie eine spöttische/peinigende Liebkosung Schlaf, der klebrig suppt: Porridge-Schlaf. Schlaf, der flaumig ist, luftig, zu dünn, um nahrhaft zu sein: Feder-Schlaf.   Quelle: Joyce Carol Oates ‒ Nullsumme Die seit Jahrzehnten pausenlos publizierende Autorin beherrscht ihr schriftstellerisches Handwerk so sicher, dass sie Gefahr läuft, sich in mechanischen Variationen ohne Erkenntnisgewinn zu verlieren.   Über siebzig lange Seiten schmiedet in der zentralen Geschichte „Der Selbstmörder“ ein hoch begabter, psychisch kranker Schriftsteller unablässig Pläne für den perfekten Abschiedsbrief und die sicherste Suizidmethode. In Anlehnung an die Biografie des depressiven Kultautors David Foster Wallace lässt uns Joyce Carol Oates im Bewusstseinsstrom des Erzählers teilhaben an dessen entmutigenden Klinikaufenthalten und den vergeblichen Versuchen seiner Ehefrau, das Leiden ihres Mannes zu lindern.    Dystopische Weltsicht  Die Ausweglosigkeit in einer immer bedrohlicher empfundenen Welt gehörte schon in den 1970er und 80er Jahren zu den bevorzugten Themen in Oates‘ Short storys. Im letzten Teil der aktuellen Sammlung treibt die Autorin ihre beklemmenden Fantasien weiter voran. Eine verkrüppelte „Monsterschwester“ sprengt in der gleichnamigen Geschichte ein ganzes Familiensystem, in dem die ausgestoßene Tochter und Erzählerin einsam zurückbleibt. Diese düsteren, grausamen Geschichten stehen in der Tradition der „Gothic fiction“, auf Deutsch „Schauerliteratur“, bei der der Schrecken zur ästhetischen Ware wird.   In einem Interview erklärte Oates, es gehe in all diesen Geschichten um Menschen, die versuchten, Spiele mit anderen zu gewinnen und die glaubten, man könne dabei verhandeln, berechnen und kalibrieren. Wie schnell uns aber die vermeintliche Kontrolle über unser Leben entgleiten kann, gehört zu den bittersten Erkenntnissen, die Oates‘ Short Storys vermitteln. Nicht in allen Geschichten gelingt ihr das überzeugend, aber wer Lust auf literarische Experimente und dystopische Fantasien mitbringt, kann sich auf sprachlich ausgefeilte Lesefrüchte freuen.
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Dec 3, 2025 • 4min

Willi Winkler – Hannah Arendt. Ein Leben

Die politische Philosophin Hannah Arendt fasziniert – eine Frau im Männerclub der großen Denker, zudem eine Überlebende des Holocaust, Emigrantin erst in Frankreich, dann den Vereinigten Staaten, wo sie zur Star-Intellektuellen avancierte. Heimliches Liebesverhältnis mit Heidegger Sie studierte Philosophie bei Martin Heidegger, mit dem sie ein heimliches Liebesverhältnis hatte. Die beiden kamen zeitlebens nicht los voneinander, obwohl Arendt eine verfolgte Jüdin war und Heidegger sich für den Nationalsozialismus begeisterte. Auch nach 1945 wollte er von Schuld und Reue wenig wissen. Seine Lieblingsschülerin hielt ihm dennoch die Treue. Willi Winkler schreibt: Nicht Heidegger hatte sich also geirrt, zum Beispiel, als er sich in die schönen Hände Hitlers vergaffte, sondern sie, die vorübergehend an ihm gezweifelt hatte. Heidegger ist ein Genie und deshalb unantastbar. Quelle: Willi Winkler – Hannah Arendt. Ein Leben Das Auf und Ab dieser philosophischen Liebesfreundschaft bildet die erzählerische Achse von Winklers Biographie – heikler, befremdlicher, aber immer wieder fesselnder Stoff. Eine Kontrastfigur ist Arendts zweiter Ehemann, der Berliner Ex-Revolutionär und gelernte Antikommunist Heinrich Blücher. Er wirkt im Hintergrund, gibt ihr Bodenhaftung, ist ein ergiebiger Gesprächspartner und Zuarbeiter: Vom Nimbus des Revolutionärs ist nur geblieben, dass er als wissenschaftliche Hilfskraft der schreibenden Frau in der Bibliothek hockt und Bücher exzerpiert, die sie für ihre Arbeit braucht. Quelle: Willi Winkler – Hannah Arendt. Ein Leben Hasserfüllter Streit mit Adorno Winklers Biographie überrascht nicht mit neuen Forschungsdetails, überzeugt aber durch die reichhaltigen politischen und kulturellen Kontexte. Winkler zeigt Arendt als unerhört kommunikationsfreudigen Menschen im Spannungsfeld der Theorien und Diskurse. Sie pflegte Freundes-Bündnisse ebenso wie intellektuelle Feindschaften, etwa gegenüber Adorno, mit dem sie sich einen hasserfüllten Streit über das Vermächtnis Walter Benjamins lieferte. Lau war Hannah Arendt nie, nicht im Verhältnis zu Menschen, nicht als passionierte und polemische Denkerin. Ihre Texte atmen keine Seminarluft, sondern warten auf mit Ironie und Sarkasmus. Davon hat sich Winkler einiges abgeschaut. Das gilt vor allem für die Kapitel über Arendts berühmtesten, meistskandalisierten Text: die Reportage „Eichmann in Jerusalem“. Der Organisator des Holocaust steht vor Gericht. Sie erwartet in Jerusalem den Menschheitsfeind und trifft dann auf Eichmann, ein Eichmännchen nur, ein ‚Hanswurst‘, einer, dessen ‚Dummheit‘ sie empört. Quelle: Willi Winkler – Hannah Arendt. Ein Leben Arendts Formel von der „Banalität des Bösen“ wurde sprichwörtlich. Solche Bezeichnungen empfanden viele Menschen angesichts von Millionen Toten jedoch empörend unangemessen. Zum Teil hatte sich Arendt von der Selbstinszenierung des fanatischen Antisemiten als mediokrem Beamten und „Schräubchen in der Maschinerie“ des Verwaltungsmassenmords täuschen lassen; Winkler schreibt, dass sie überhaupt nur an einem Viertel der Prozesstage im Gericht war. Viele Juden waren zudem verärgert darüber, dass sie nicht nur den Täter zu verharmlosen schien, sondern den Opfern in Gestalt der Judenräte eine komplizenhafte Mitschuld gab. In Israel wurde Arendt zur „Persona non grata“. Umso gefragter aber war sie fortan bei den Podien und Redaktionen, sie wurde zur bekanntesten Medienintellektuellen ihrer Zeit. Hannah Arendt und ihre vielfältigen Kontexten: eine spannende Lektüre Glänzend legt Winkler die Facetten der kontroversen Rezeption des Jahrhundertessays dar. Er entfaltete nicht zuletzt Wirkung als Polemik gegen den immer brüchiger werdenden Zeitgeist der Restauration und Vertuschung im Adenauer-Deutschland, mit dem Arendt es, mehr als sie wissen konnte, sogar in ihrem eigenen Verlag Piper zu tun bekam. Ihr Lektor und Chef dort war ein ehemaliger SS-Mann. Winklers Biographie bewährt sich als ebenso kenntnisreiche wie süffisante Darstellung der intellektuellen Szenen, Netzwerke und Haifischbecken, in denen sich Arendt zunehmend souverän bewegte, in New York ebenso wie im Nachkriegsdeutschland. Hannah Arendt und ihre vielfältigen Kontexte – eine kluge, spannende Lektüre.
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Dec 2, 2025 • 4min

Der elfte Finger der Hand

Bedingt echtes Schreibgerät Auch Schreibgeräte haben unterschiedliche Temperamente, verfügen über besondere Charaktereigenschaften, ausgewählte Fähigkeiten und eigensinnige Nutzer. Sie können auftrumpfen oder sich zurücknehmen. Das vielleicht unterschätzteste, aber vielseitigste aller Schreibutensilien gibt es seit Mitte des 16. Jahrhunderts. Und es ist – in seiner Einfachheit – einfach zeitlos.  Der Bleistift bleibt (und tut) bescheiden, anders als die spratzende Tinte, der krakeelende Kugelschreiber und der wichtigtuerische Filzstift. Er ist aus unserem Alltag nicht wegzudenken, und gerade weil er nur bedingt echt, d.h. zeitfest, dokumentenecht und autoritativ ist, bleibt er doch immer auf Linie: für den Einfall, den Abstrich eines Gedankens, ein verräterisches Zeichen, eine Randnotiz, eine Korrektur, eine Durchstreichung, eine Überschreibung; er ist ein universelles Medium, weich und hart, spitz und stumpf, immer zu gebrauchen, sich selbst genügend und verzehrend, billig und nützlich.  Quelle: Hanns Zischler – Der Bleistift Der Schauspieler, Schriftsteller, Übersetzer und bibliophile Privatgelehrte Hanns Zischler, der über Orangenpapier ebenso bezaubernd schreibt wie über Kafkas Kinoleidenschaft, skizziert in seinem neuen, schmalen Essay prägnant die Geschichte des Bleistifts. Selbstverständlich in feinen Strichen. Von der Entdeckung reinen Graphits in den Hügeln des cumbrischen Borrowdale geht es über den Schreiner Kaspar Faber, der 1761 Holzschäfte herstellte, mit denen die Graphitminen ummantelt wurden, bis in unsere nicht mehr ganz so analoge Gegenwart.  Bruchfest und zurechtgespitzt  Zischler zeichnet geradezu schwärmerisch nach, was der Bleistift alles kann, wie er sich mit der Hand verschwistert und fast zum „elften Finger“ wird, wie er für verschiedenste Zwecke gefertigt und zurechtgespitzt in unterschiedlichen Härtegraden bruchfest seine Aufgaben erfüllt. In welcher Vollendetheit dieses Gerät entwickelt wurde …  … das sich aufbraucht und veräußert und seine Schale in bittersüß duftenden, bunten Holzkringeln abwirft …   Quelle: Hanns Zischler – Der Bleistift … sei geradezu staunenswert. Ja, es verdiene …  … ein kleines Wunderwerk genannt zu werden. Quelle: Hanns Zischler – Der Bleistift Diese Autoren schrieben mit Bleistift  Dieser poetische Ton ist durchaus angemessen, und er führt hin zu einem anderen Aspekt des Bändchens: Zischler lässt nämlich Autorinnen und Autoren zu Wort kommen, die selbst mit Bleistift schrieben und ihrem Produktionsmittel in Texten Denkmäler setzten. Vladimir Nabokov und Hans Christian Andersen haben ihre Auftritte, Franz Kafka und Warlam Schalamow, Goethe und Beethoven. Natürlich werden auch Robert Walsers Mikrogramme im wahrsten Sinne des Wortes unter die Lupe genommen: 526 Blätter, die 4500 Seiten Drucktext entsprechen, hatte Walser mit dem Bleistift mit Millimeter kleiner Schrift gefüllt. Unlesbar dieses „Bleistiftgebiet“, bis Bernhard Echte und Werner Morlang in 17 Jahre währender Arbeit es doch Wort für Wort entzifferten. Kein Füller und kein Kugelschreiber könnte solch zarte Zeichen setzen.  Abnutzungen und Verletzungen  Aber der Bleistift ist nicht nur sanft. Zischler schildert eindrücklich, was eigentlich passiert, wenn er auf Papier trifft.  Die Berührung von Bleistift und Papier – in Schrift und Zeichnung – führt auf beiden Seiten zu Abnutzungen, Verletzungen, die durch den Radiergummi nicht nur nicht wettgemacht, sondern tendenziell vergrößert werden: Das Papier zerreibt und schmirgelt die Bleistiftspitze, so wie umgekehrt der Stift die intakte Oberfläche, die Haut des Papiers, ritzt und tätowiert.  Quelle: Hanns Zischler – Der Bleistift Ob es auch ein nostalgischer Blick ist, den Zischler auf den Bleistift wirft? Gewiss. Wird er sich gegen elektronische Alltagsgeräte, in die sich eilig alles mögliche einschreiben lässt, behaupten können? Die Frage ist noch nicht entschieden. Bekanntlich können Neues und Altes auch koexistieren. Ein simpleres, unaufwändigeres, praktischeres Schreibwerkzeug, das weder Strom braucht noch viel Platz, lässt sich ja schwerlich noch einmal erfinden.
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Dec 1, 2025 • 4min

Requiem für Harlem

Harlem, 1961. Der Drogendealer Clyde „Viper“ Morton hat zum dritten Mal in seinem Leben einen Menschen ermordet. Er ist überzeugt: Dieses Mal kommt er nicht damit davon. Also wartet er in einer privaten Jazz-Bar auf die Polizei. Dort stellt ihm die Besitzerin Nika eine Frage:  ‚Also, Viper‘, sagte die Baroness, ‚was sind deine drei Wünsche?‘   Quelle: Jake Lamar – Viper’s Dream Vom Marihuana zum Heroin  Schon mit diesem Einstieg ist klar: Jake Lamars „Viper’s Dream“ ist in der Noir-Tradition verankert. Ein erfolgreicher Gangster, kurz vor dem Fall, erinnert sich an seinen Aufstieg, seine Träume. Wie viele Schwarzen Menschen macht sich Viper 1936 inmitten der Großen Depression auf den Weg von Alabama nach New York City. Er hofft auf eine Karriere als Trompeter. Doch sein Talent liegt woanders: Er ist ein begnadeter Verkäufer. Für Marihuana.  „Jazz ist 1936 von den Big Bands bestimmt – Swing Orchester von Duke Ellington und Count Basie. In dieser Zeit war Marihuana bei Schwarzen Jazz-Musiker vor allem als harmlose Freizeitdroge oder kreatives Mittel bekannt,“ erzählt Jake Lamar. Doch der Bebop veränderte die Musik – und die Szene.   „Jazz wurde dann von einer Musik, zu der man tanzen kann, zu einer Musik, die man wirklich hören muss. Fortan wurde Jazz als Kunstform ernst genommen. Aber zur selben Zeit verbreitet sich Heroin. Insbesondere mit Charlie Parker. Er war süchtig nach Heroin. Viele der Beboper dachten, Heroin würde sie inspirieren. Aber natürlich ist Heroin tödlich. Und viele Musiker liebten die Droge mehr als die Musik.“ Schwarze Lebensrealitäten im 20. Jahrhundert  Jazz und Drogen, dazu eine Jazz-Diva als prototypische Femme fatale - „Viper’s Dream“ erzählt gelegentlich etwas zu melancholisch-nostalgisch von prägenden Jahrzehnten in Harlem. Dazu gibt es in diesem Roman viele gut gesetzte Verweise auf Schwarze Geschichte. Alleine, dass Vipers Bruder – eine Nebenfigur – als Pullman Porter arbeitet, referenziert eine andere Schwarze Lebensrealität jener Jahre und schafft einen reizvollen Gegensatz zum Gangsterleben.  „Viele von ihnen waren wirklich gebildet, aber sie verbrachten ihr Leben damit, sich um die Bedürfnisse von weißen Zugpassagieren zu kümmern. Aber es war ein sicherer, ein respektabler Job.“ Griechische Tragödie – made in Harlem  Jake Lamar spielt zudem nicht nur mit Elementen des Noir. Zwar sind die drei Wünsche am Anfang historisch belegt. Die legendäre Jazzmäzenin Pannonica de Koenigswarter hat Musiker nach ihren Wünschen gefragt, deren Antworten wurden erst lange nach ihrem Tod in einem Buch publiziert. Aber im Zusammenspiel mit dem überdramatischen Schlusspunkt des Romans und den gottgleichen Cameos von Miles Davis, Thelonius Monk oder auch Dizzy Gillespie liest sich „Viper’s Dream“ dadurch wie die Harlem-Version einer griechischen Tragödie.  „Griechische Mythologie hat mich hier wirklich inspiriert. Griechische Tragödie – aufgelöst wie in einem Roman. In griechischen Tragödien gibt es Mars und Apollo. Ich habe Miles und Monk. Und wie in einer griechischen Tragödie sind die Schicksale der Figuren von den Göttern vorherbestimmt.“  Dadurch sind der Zorn und die Galligkeit, die Lamars früheren Roman „Das schwarze Chamäleon“ prägten, heruntergedimmt. Vielmehr erzählt er auf knapp 200 Seiten von der Great Migration, der Aufbruchsstimmung in Harlem in den 1930er Jahren, den Wandel durch Rassismus, Heroin und organisiertem Verbrechen. „Viper’s Dream“ ist Kultur- und Stadtgeschichte, heruntergebrochen auf das Leben eines Gangsters. Lesenswert.
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Nov 30, 2025 • 4min

Fluch und Segen – die Geschichte des World Wide Web

Tim Berners-Lee, Erfinder des World Wide Web und ehemaligen Forscher am CERN, teilt seine faszinierende Geschichte über die Entstehung des Internets. Er kritisiert die heutige Kommerzialisierung durch Big Tech und warnt vor den Risiken von Überwachung und Missbrauch der Technologien. Besonders brisant sind die Gefahren von KI und Deepfakes für demokratische Prozesse. Trotz seiner Frustration bleibt Berners-Lee optimistisch und glaubt an Lösungen für die Herausforderungen des Webs. Seine Erzählung ist geprägt von Anekdoten und einer tiefen Sehnsucht nach Offenheit.
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Nov 27, 2025 • 60min

50 Jahre SWR Bestenliste – Was sagen die Autorinnen und Autoren?

50 Jahre Bestenliste – Autorinnen und Autoren feiern die Literaturkritik
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Nov 26, 2025 • 4min

Pistolenschüsse, Petticoats und Philosophie – Alessandro Baricco hat einen metaphysischen Wild-West-Roman verfasst

Der neue Roman „Abel“ von Alessandro Baricco trägt den Untertitel: „Ein metaphysischer Western“. Baricco verbindet das klassische Wild-West-Genre mit philosophischen, aber auch mythischen Elementen. Sein Held heißt Abel Crow. Mit dem biblischen Abel hat er an sich wenig zu tun. Abel Crow ist nämlich von Beruf „Pistolero“, Revolverheld und Sheriff in Personalunion.   Die Philosophie des Pistoleros  Wenn du beide Pistolen ziehst, um zwei Ziele gleichzeitig zu treffen, dann heißt dieser Schuss der Mystiker. Ich weiß nicht warum, aber ich liebe den Mystiker. Ich führe ihn als überkreuzten Schuss aus. Quelle: Alessandro Baricco – Abel Diese Form von schusstechnischer Mystik führt Abel allerdings in den Bereich der Mathematik.  Im Übrigen war Gott, so behauptete Kepler, Geometrie in Reinform, bevor die Dinge zu Dingen wurden. Quelle: Alessandro Baricco – Abel Der Naturwissenschaftler und Naturphilosoph Johannes Kepler wird auch als pythagoreischer Mystiker bezeichnet. Dies deswegen, weil er mathematische Beziehungen als Grundlage für das Verständnis von Schöpfergott und Schöpfung ansah. Abel Crow hat auch einen „Meister“, der ihm nicht nur Schusstechnik, sondern Existentielles beibringt. Beide studieren gemeinsam Platons „Symposion“ – ein Muss für jeden denkenden Pistolero. Eines Tages fragt der Meister Abel Crow, ob er bei Pistolenduellen Angst verspüre. Da Abel zögert, lässt ihn der Meister wissen.  Wer schießt, ohne Angst zu haben, ist entweder dumm, oder er konnte seine Angst von der Oberfläche seiner Welt verscheuchen, um sie in einem Verließ zu begraben, wo sie auf unsichtbare und grausame Weise wachsen wird. Darum gibt es in Wirklichkeit niemanden, der die Angst so kennt wie die Pistoleros, die keine Angst haben. Quelle: Alessandro Baricco – Abel Das ist eine entwaffnende Existenzphilosophie. Denn „Angst“ ist für den Philosophen Martin Heidegger eine Grundkonstante des menschlichen Seins. Wer sich die eigene Angst bewusst macht, ob im Pistolenduell oder sonst wo, der hat eben keine Angst mehr – vor der Angst.   Der Pistolero und die Bibel  Abel Crow ist Pistolero und damit von biblischen Gestalten weit entfernt. Doch die Menschen, die ihn umgeben, haben Namen, die genau in diese Richtung weisen: Abels Schwester heißt „Lilith“. Lilith galt in vorhebräischer Zeit als Dämonin und bei späteren Mystikern als Adams erste Frau. Abel Crows Schwester hingegen ist wenig dämonisch, dafür klug und verbrecherisch veranlagt. Abels Brüder heißen wiederum David, Isaac, Joshua und Samuel. Alles biblisch gewichtige Namen!   Der Pistolero und die Liebe   Und noch jemand zählt zu dieser illustren Runde: Abel Crows Geliebte. Sie trägt einen unwiderstehlichen Namen: „Hallelujah Wood“. Hallelujah ist halb Indianerin. Deshalb ist sie wild wie der Wilde Westen, schön, aber stachelig wie eine Kaktusblüte und schlau wie eine Präriefüchsin. Hallelujah liebt ihren Abel Crow und er sie. Und doch geht er zuzeiten fremd. Hallelujah schüttelt nur den Kopf: Ihr geliebter Pistolero muss halt nach gewonnenem Schießduell irgendwo seine Angst abladen – und sie ist nicht immer gleich zur Stelle.   Alessandro Baricco ist nicht der Erste, der hinter Western-Sterotypen Tiefsinn festmacht. Doch vielleicht ist er der Erste, der einen metaphysischen Wild-West-Roman verfasst hat. Pistolenschüsse, Petticoats und feiste Flüche verflüchtigen sich nicht einfach in aneinandergereihten Bildfolgen, sondern werden durch biblische, philosophische und mythische Elemente auf eine andere, höhere, zum Teil auch witzige Ebene gebracht. Mit seinem Roman „Abel“ liefert Baricco ein Meiserstück unangepasster Wild-West-Romantik. Abel Crows „Schuss der Mystiker“ ist ebenso erdverbunden wie gen Himmel gerichtet.

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