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Feb 21, 2024 • 23min
Kriegsenkel - Das besondere Erbe dieser Generation
Transgenerationale Weitergabe nennen Psychologen das Phänomen der emotionalen Weitergabe von Kriegserlebnissen während des Zweiten Weltkriegs, von dem wohl rund ein Drittel der Kriegsenkel betroffen ist. (BR 2017)
Autorin: Daniela RemusCredits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Christiane Roßbach, Johannes Hitzelberger, Carsten Fabian, Rahel Comtesse, Peter Veit Technik: Gerhard Wicho Redaktion: Susanne Poelchau
Im Interview:Sabine Bode, Journalistin, Köln;Christina Kanese, Finanzberaterin, Hamburg;Matthias Lohre, Journalist, Berlin;Prof. Hartmut Radebold, Altersforscher, Kassel;Prof. Luise Reddemann, Psychoanalytikerin, Köln
Linktipps:
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Musik „Lethargia (more red)“, Matthias Deger/Andreas Suttner
Take 1 (O-Ton Lohre)
„Es war immer eine bleierne Atmosphäre bei uns zu Hause, weil unser Vater doch die Ruhe haben wollte und weil unsere Mutter doch letztlich auch Ruhe haben wollte und immer Angst hatte, dass unser Vater noch wütend wird.“
Musik kurz freistehend
Take 2 (O-Ton Kanese)
„Warum hatte ich so eine Angst davor, als junges Mädchen ver¬ge¬waltigt zu werden? Natürlich klar, ist das so in der Gesellschaft, pass auf und so, aber es ist eine ganz reale Angst, obwohl nie in irgendeiner Form irgendwas mal ge¬we¬sen ist, ich habe wirklich keine Angst haben müssen, wo man dann auch irgendwie denkt, wo kommt das her?“
Musik endet / Musik „Torture chamber“, Andreas Suttner/Anselm C. Kreuzer
Erzählerin:
Die Finanzexpertin Christina Kanese und der Journalist Matthias Lohre wurden 1973 und 1976 geboren. Ihre Eltern haben den Zweiten Weltkrieg als Kinder erlebt. Mit Nächten im Bombenkeller, Todesangst und Panik. In bren¬nen¬den Städten, bei eisiger Kälte, auf der Flucht oder als Flakhelfer.
Erzähler:
Millionen Menschen waren damals diesen Kriegs¬er¬eig¬nissen aus¬ge¬setzt, darunter auch etwa 16,5 Millionen Kinder. Diese Kriegs¬kinder starteten nach 1945 in das Nachkriegsleben.
Musik endet
Werbe-Trailer-Collage, 99233330 Z00 – endet unter dem nachfolgenden Text
Musik „Prophecies“, Anton Batagov, beginnt unter dem nachfolgenden Text
Erzählerin:
Auch wenn Wirtschaftswunder, Vollbeschäftigung, Wohlstand, Fleiß und funktionierende Demo¬kra¬tie eine große Erfolgsgeschichte zu sein schienen, sind doch viele dieser Kriegs¬kinder die Schrecken und Traumata, die sie als passiv Beteiligte des Krieges erfuhren, nie ganz losgeworden. Sie haben sie in sich vergraben, abgekapselt und verdrängt. Und oft un¬be¬wusst an ihre Kinder übertragen.
Erzähler:
Trans¬ge¬ne¬ra¬tio¬nale Weitergabe nennen die Psychologen und Psychotherapeuten dieses Phänomen, das aus der Trauma¬for¬schung bekannt ist. Hierzulande hat es jahrzehntelang nie¬man¬den interessiert. Erst seit wenigen Jahren ändert sich das: Die Generation der Kriegs¬¬en-kel erforscht nun, wie die Kriegser¬leb¬nisse ihrer Eltern das Fa-milienleben geprägt haben:
Musik endet
Take 3 (O-Ton Bode)
„Es gibt Sätze die immer wieder auftauchten: Nummer Eins, ich kann meine Eltern emotional nicht erreichen. Das Zweite ist: Ich habe Ängste, die sich durch meine Biographie nicht erklären lassen, ich bin ganz normal aufgewachsen. Das sind Ängste, die ich schlecht steuern kann, ich weiß nicht, wo sie her¬kom¬men. Das Dritte ist, nicht so recht Boden unter den Füßen zu haben, das Vier¬te ist, nicht im eigenen Leben angekommen zu sein, gar nicht zu wis¬sen, wo man wirklich zu Hause ist.“
Erzählerin:
So schildert Sabine Bode, was Kriegsenkel an sich wahrnehmen. Die 1947 geborene Journalistin war eine der ersten, die sich gefragt hat, welche Spuren der Zweite Weltkrieg bei den Kriegs¬kindern und deren Kindern hinterlassen hat.
Erzähler:
Dass viele Kin¬der und Jugendliche durch den Zweiten Welt¬krieg seelisch schwer be¬¬schä¬digt und belastet worden seien, wird jetzt sichtbar. Z. B. durch die gehäuften Depressionen und Suizide in der Gene¬ra¬tion der Kriegs¬kinder. Dass viele von ihnen, selbst im hohen Alter, die Kriegs¬er-in¬¬nerungen aber noch immer zu verdrängen versuchen, ist für die Traumaforscherin und Psychoanalytikerin
Luise Reddemann aus Köln durchaus nachvollziehbar. Denn diese Menschen waren damals in jungen Jahren passiv Beteiligte eines Krieges, für den ihre
Eltern¬ge¬ne¬ration politisch verantwortlich war. Das hat in der damaligen Zeit viele von ihnen in psychische Konflikte gestürzt.
Take 5 (O-Ton Reddemann)
„Das andere ist aber auch, dass wir aus der Traumatherapie wissen, dass die Menschen eine Zeit brauchen, vor allem erstmal äußerlich wieder zur Ruhe zu kommen, d.h. wieder in Sicherheit zu sein, nach schlimmen traumatischen Erfahrungen, und dass man sich da dann häufig nicht auseinandersetzen kann mit dem Schlimmen.“
Musik „Prophecies“, Anton Batagov
Erzählerin:
Und genau das tun auch immer mehr Kinder der Kriegskinder. Zu diesen sogenannten Kriegsenkeln gehören etwa 20 Millionen Menschen, die zwischen 1955 und 1975 geboren wurden. Viele von ihnen fühlen sich als unfreiwillige Erben des Zweiten Weltkriegs.
Erzähler:
Manche schrei¬ben auto¬biographische Bücher, wie der Journalist Matthias Lohre, andere arbeiten ihre Familiengeschichte in Thera¬pien auf, wieder andere, wie die Finanzexpertin Christina Kanese, treffen sich in Ge¬sprächsgruppen oder grün¬den Vereine, tauschen sich in Internet-Foren aus oder veranstalten Ta¬gungen zum Thema. Denn viele der sogenannten Baby¬boomer, heute ungefähr zwischen 40 und 60 Jahre alt, blicken zwar auf eine Kind¬heit in Wohlstand und Frieden zurück, beklagen aber gleichzeitig eine emotionale Kälte, Gewalt, Schweigen, Familien¬geheimnisse und diffuse Ängste.
Erzählerin:
Dass das nicht auf die übersteigerte Selbstbeschau einer verwöhnten Generation zurückzuführen ist, bestätigen die wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen, die es dazu gibt. Auch Berichte von Psycho¬the¬rapeu¬ten, Psychoanalytikern und Traumaforschern, die mit diesen Menschen arbeiten, bezeugen das.
Musik endet unter dem nachfolgenden O-Ton
Take 6 (O-Ton Bode)
„Das Interessante ist, dass diese Gruppe sich den Namen selbst ge¬ge-ben hat. Das gibt es ja normalerweise nicht, dass plötzlich aus der Gesellschaft Menschen sich zusammentun, und sich ge¬ne¬ra¬tions¬bezogen dann auch noch einen recht originellen Namen geben, nämlich Kriegs¬-enkel. Ich habe den nicht erfunden! Das heißt, es gibt da ganz of¬fen¬-sichtlich Bedarf, sich um etwas zu kümmern, was bislang im Schat¬ten gelegen hat.“
Musik „Angst 1“ und „Angst 3“, László Dobos/Michi Koerner sowie
Atmo Zweiter Weltkrieg beginnen unter dem nachfolgenden Text
Erzählerin:
Die eigene Familiengeschichte nämlich, im Schatten des Zweiten Weltkriegs:
Zitatoren:
– Fast tausend Städte und Orte werden bombardiert, fast die Hälfte aller Häuser dabei zerstört
– 2,5 Millionen Kinder werden ab 1940 im Rahmen der Kinder-landverschickung aus den städtischen Ruinen aufs Land geschickt
– Mindestens 10 Millionen Menschen, vor allem Frauen und Kinder, sind 1945 aus den sogenannten Ostgebieten auf der Flucht
– Mindestens 1,9 Millionen Frauen und Mädchen werden vergewaltigt, so die Schätzungen der Historiker
– 500.000 Kinder sind nach dem Krieg Vollwaisen
– 20 Millionen Kinder und Jugendliche leben nach dem Krieg als Halbwaisen
Musik und Atmo enden / Musik „Time suspension“, Dru Masters
Erzählerin:
All das hinterlässt Spuren: Wissenschaftler gehen davon aus, dass mindestens ein Drittel der Kriegskinder psychisch schwer belastet und sogar jeder Zehnte regelrecht traumatisiert ist. Für deren Kinder mitunter eine schwere Belastung, die die ganze Kindheit überschattet.
Musik endet
Erzähler:
Auch die Eltern von Matthias Lohre sind Kriegskinder. Der Journalist, 1976 in einem Dorf im Münsterland geboren, hatte schon als kleines Kind das Gefühl, seine Eltern emo¬tional nicht zu erreichen. Deshalb wollte er einfach nur weg und zog nach der Schule so schnell wie möglich fort. Heute lebt er in Berlin.
Take 7 (O-Ton Lohre)
„Meine Eltern waren zwar komisch, seltsam, ich habe sie nicht verstanden, und sie waren wortkarg und eine ganz andere Welt, aber das habe ich darauf geschoben, dass meine Eltern vergleichsweise alt waren. Ich bin das jüngste von fünf Kindern, meine Mutter war 38 als ich zur Welt kam, mein Vater 44.“
Erzählerin:
Doch was auch immer Matthias Lohre in der Folgezeit unternahm, wie sehr er sich anstrengte, ob er Bücher schrieb oder Reportagen, ob er viel Geld verdiente oder eine anspruchsvolle Stelle bekam, er fühlte sich innerlich getrieben und hatte das Gefühl, seine Anstrengungen wären nichts wert:
Take 8 (O-Ton Lohre)
„Das Komische war: Immer wenn ich irgendetwas erreicht hatte, von dem ich vorher gedacht hatte, das wird mich glücklich machen, dann ist das plötzlich zu einem grauen Nichts zerflossen.“
Erzählerin:
Je älter er wurde, desto unglücklicher wurde Matthias Lohre mit dieser Situation. Obwohl er gleichzeitig das dringende Gefühl hatte, er dürfe nicht jammern, ihm ginge es doch gut! Ein Gefühl, das viele Kriegs¬enkel an sich beobachten:
Un¬bewusst ver¬gleichen sie ihr Leben mit dem ihrer Eltern und verbieten sich zu
kla¬gen, weil sie ja keiner exis¬ten¬tiellen Not aus¬ge¬setzt waren und sind.
Erzähler:
Erst als der Vater von Matthias Lohre 2012 bei einem Auto¬unfall ums Leben kommt, fragt sich der Journalist, ob die per¬¬ma¬nente Unzufriedenheit, die Angst, nicht genug zu leisten, etwas mit seinen Eltern zu tun haben könnten. Und erkennt plötzlich Pa¬ral¬lelen:
Take 9 (O-Ton Lohre)
„Kriegskinder wie Kriegsenkel halten ihre Leben aus. Sie versuchen durchzuhalten, wie das die Kriegskinder im Krieg ausgehalten haben und die Kriegsenkel tun das in gewisser Weise auch. Was meine ich mit aushalten? Damit meine ich, dass sie versuchen, Leistung zu bringen, weil sie gemerkt haben, dass Leistung gegenüber den Eltern oder auch in der Schule oder im Job, dass das ihnen die soziale Anerkennung bringt.“
Erzähler:
Heile Welt, Sicherheit, Geborgenheit und Ruhe, danach haben sich viele Kriegskinder gesehnt. Denn genau das haben sie in ihrer Kind¬heit häufig schmerzlich vermisst. Von ihren Eltern und Familien gab es wenig Trost, sie sollten tapfer sein. Diese Eltern hatten mit sich selbst genug zu tun, und auch die NS-Ideologie war noch höchst lebendig, wie die Kölner Psychotherapeutin
Luise Reddemann erklärt, die selbst 1943 geboren wurde:
Take 10 (O-Ton Reddemann)
„Die ganze Nazi-Erziehung, würde ich sagen, die hat ja auf sehr viele Menschen eingewirkt und dieses Härte-Denken, also, dass man keine Gefühle zeigen durfte, dass man auch als Individuum nix galt, ‚Du bist nichts, dein Volk ist alles‘ und ‚hart wie Kruppstahl sein‘, alle diese Sachen, die spielen meines Erachtens eine ganz große Rolle für die Kriegskindergeneration.“
Erzählerin:
Raum für ihre Ängste und Sorgen bekommen die Kriegskinder von der Elterngeneration in der Regel nicht.
Take 11 (O-Ton Radebold)
„Wenn man sich die Situation dieser Kinder während und kurz nach dem Krieg anguckt, so sind sie ja zu einem großen Teil erst einmal verstört, sie sind abgemagert, sie sind hungrig, sie sind schlecht versorgt mit allem.“
Erzähler:
Viele dieser Kinder waren direkt nach dem Kriegsende voller Ängste, sie schreckten nachts auf und konnten sich schlecht konzentrieren, sagt der Psychoanalytiker Hartmut Radebold. Aber schon wenige Jahre später, 1949, haben diese Kriegs¬kinder nichts Auffälliges mehr an sich, das zeigen die Berichte aus einem Kinder¬heim auf der Insel Langeoog. Radebold erklärt das mit psychischen Ab¬wehr¬me¬chanismen:
Take 12 (O-Ton Radebold)
„Sie haben generalisiert: Das haben doch alle erlebt. Sie haben bagatellisiert: Das war doch nicht so schlimm. Sie haben Verkehrung ins Gegenteil, d.h. sie haben die abenteuerlichen Geschichten erzählt, aber nicht Angst, Panik und Kummer, sie haben aufgespalten in Inhalt und Affekt.“
Erzählerin:
Deshalb ist es den Kriegskindern zum überwiegenden Teil gelungen, sich – äußerlich be¬trach¬tet – völlig „normal” im Sinne von unauffällig, weiter zu entwickeln.
Take 13 (O-Ton Radebold)
„Und sie haben sich identifiziert mit den Ansichten der Familie, d. h. was die ideologisch, zum Teil auch noch aus dem Dritten Reich, was die Familie vermittelt hat, das war sozusagen ein Halt, der nicht kritisch hinter¬fragt werden konnte. Mit diesen Abwehrmechanismen haben sie das, was sie erlebt haben, unter einer stabilen seelischen Betondecke ver¬gra¬ben, haben funktioniert. Aber das war natürlich eine Pseudo-, oder eine pathologische Normalität, die sie hatten.“
Erzählerin:
Die Pseudo-Normalität funktionierte, weil der Schrecken abgespalten, beschwiegen und verdrängt wurde. Und weil der emotionale Bezug dazu fehlte, erlaubten es sich die Kriegskinder nicht, über ihre Verluste und Erlebnisse zu trauern, sich ihre Ängste einzugestehen oder ihre Wut. Selbst dann nicht, als sie schon längst erwachsen waren, berufstätig und mit einer eigenen Familie.
Musik “Lethargia (more red)“, Matthias Deger/Andreas Suttner
Erzähler:
All das unausgesprochen Erlebte aber ist es, was die Kriegsenkel in ihren Familien gespürt haben und zum Teil bis heute noch spüren: beklemmende Familienfeste, freudlos und ver¬¬krampft, übertriebenes Spar- und Sicher¬heits¬bedürfnis oder emotionale Kälte beispielsweise. Das alles hat die Kriegsenkel-Generation ver¬unsichert und verursacht gleichzeitig Schuldgefühle. Denn die Kriegsenkel sind sich sehr bewusst, dass sie im Vergleich zu ihren Eltern, äußerlich betrachtet, ein sehr privilegiertes, friedliches Leben führen, ohne Hunger, Angst und Schrecken:
Musik unter dem nachfolgenden O-Ton ausgeblendet
Geräusch Klimaanlage
Take 14 (O-Ton Kanese)
„Auch wenn ich meinen Vater frage, das ist halt ein typisches Kriegskind, wie hast Du denn das erlebt: ‚Ach ja, da kann ich mich gar nicht mehr erinnern‘, also da kommt einfach nicht viel…“
Erzähler:
…erzählt Christina Kanese. Die 1973 geborene Volkswirtin arbeitet heute als selbstständiger Finanz-Coach in Hamburg:
Take 15 (O-Ton Kanese)
„…ansonsten hab ich ein sehr gutes Verhältnis zu meinem Vater, aber ich hab früher immer gedacht, das hängt damit zusammen, dass meine Mutter so früh gestorben ist, und dass er natürlich auch über dieses Thema nicht gerne redet, aber dann hab ich gemerkt, das ist speziell dieses Thema, Krieg…“
Geräusch endet
Erzählerin:
Christina Kanese hatte den Eindruck, sie solle irgendetwas nicht er-fahren. Trotz zahlreicher Gespräche be¬kam sie zur Fa¬milien¬geschichte nicht mehr als ein paar dürre Fakten zusammen: Die Mutter habe als Vier¬¬jährige aus Schlesien fliehen müssen, der Vater sei den üblichen Bom¬¬benangriffen ausgesetzt gewesen. Bei der Finanzexpertin ver¬fes-tigte sich das Gefühl, von ihrer Familiengeschichte ab¬geschnitten zu sein.
Erzähler:
Gleichzeitig litt sie aber unter massiven Ängsten, die sich keiner er¬klä-ren konnte und die ihr Lebensgefühl deutlich beeinträchtigten. Erst als sie von einer Freundin ein Buch zum Thema Kriegsenkel geschenkt bekam, begriff sie beim Lesen, dass auch sie von den Spät¬folgen der elterlichen Kriegserlebnisse betroffen ist:
Geräusch Klimaanlage
Take 16 (O-Ton Kanese)
„Je mehr ich da Licht reingebracht habe, ich für mich mehr erklären konnte, aha, da haben die, meine Mutter, meine Oma, wahrscheinlich richtig schlimme Dinge erlebt, und das für mich auch so eine Erklärung war, warum ich bestimmte Ängste habe, so, die rein objektiv überhaupt nicht erklärbar sind. Warum hatte ich so eine Angst davor, als junges Mädchen ver¬ge¬waltigt zu werden?“
Erzähler:
Eine emotionale Achterbahnfahrt sei die Auseinandersetzung mit dem Thema gewesen, so beschreibt Christina Kanese es heute, aber auch extrem erhellend:
Take 17 (O-Ton Kanese)
„Das war für mich dann so richtig eine Erkenntnis, dass ich dachte, ah, jetzt konnte ich es mir erklären, und dadurch konnte ich es auch ein Stück¬weit so ein bisschen beiseite packen, aha, das kommt da her, und dadurch hab ich auch so ein bisschen Frieden damit auch geschlossen.“
Geräusch endet
Erzählerin:
Heute versteht sie ihre Ängste, hat sie im Griff und tauscht sich mit anderen Kriegs¬enkeln in einer Gesprächsgruppe aus. Und stellt dabei immer wieder fest: Sie ist nicht allein, die familiären Erfahrungen der Kriegskinder-Generation sind sich auf ganz frappierende Weise ähnlich.
Zitatoren-Collage (mit Hall):
Ihr sollt es doch einmal besser haben!
Wir meinen es doch nur gut mit euch!
Sei doch nicht so undankbar!
Was sollen die Nachbarn denken?
Geh bloß kein Risiko ein!
Musik „Prophecies“, Anton Batagov
Erzählerin:
Nachkriegsfamilien¬ge¬schichten ähneln sich. Vieles, was als Eigenart der eigenen Eltern wahr¬¬genommen wurde, ist offenbar keine in¬dividu¬elle Besonderheit, sondern eine der Generation Kriegskinder, so die Erfahrungen der Kriegsenkel Matthias Lohre und Christina Kanese:
Geräusch Klimaanlage
Take 18 (O-Ton Kanese)
„Das ist schon auch ein Tabuthema, da spricht man einfach nicht gerne drüber und auch so ein bisschen so, nee, das lassen wir jetzt hinter uns und wir gucken nach vorne!“
Geräusch endet
Erzähler:
Auch der Journalist Matthias Lohre, Jahrgang 1976, brauchte einige Jahre, um zu begreifen, was das Verhältnis in seiner Familie so beschwert hat und an welchen Punkten er trotzdem die Verhaltensweisen und Ängste seiner Eltern übernommen hat.
Erzählerin:
Kalt, abweisend, unpersönlich und verschlossen, so erlebte Matthias Lohre seinen Vater. Seine Mutter dagegen war in einer dauerhaften und überbordenden Traurigkeit gefangen:
Musik endet unter dem nachfolgenden O-Ton
Take 20 (O-Ton Lohre)
„Ein kleines Beispiel: Als kleines Kind geh ich zum Zahnarzt, meine Mutter kommt mit, und wer am meisten zu leiden scheint, ist meine Mutter. Sie findet es doch ganz schrecklich, dass ich da jetzt auf diesem Zahnarztstuhl bin und leide, und ich als Kind fühle dann den Auftrag, meine Mutter zu trösten.“
Erzähler:
Dass Kriegsenkel bisweilen für die labilen Seelen ihrer Eltern zu¬ständig sind, wie bei Matthias Lohre, ist kein Einzelfall. Aber, dass dieses Gefühl viele Menschen einer ganzen Generation beherrscht, ist schon auffällig. Die Jour¬nalistin
Sabine Bode ist bei ihren Recherchen häufig auf diese Beschreibung gestoßen:
Musik „Time suspension“, Dru Masters
Take 21 (O-Ton Bode)
„Ich habe das Gefühl, und das schon von Anfang an meiner Kindheit, dass ich sozusagen meine Kraft den Eltern geben muss. Ich bin auf der Welt, damit meine Eltern glücklich sind, ich hab dafür zu sorgen.“
Musik endet
Erzählerin:
Die wissenschaftlichen Untersuchungen, die es zur trans¬gene¬ra¬tio¬na¬len Weitergabe von Traumata gibt, zeichnen ein düsteres Bild: Trau¬¬-matisierte Menschen, ob Vietnam-Veteranen oder Holocaust-Über¬le-bende, lei¬den auch noch Jahr¬zehnte später unter sogenannten post-trau¬ma¬ti¬schen Be¬lastungs¬störungen: mit Alb¬träumen, Kon¬zen¬trations-pro¬ble¬men, Panikattacken oder Depres¬sionen.
Erzähler:
Traumata und schwere emo¬tionale Verunsicherungen bleiben ein Teil der Persönlichkeit, wenn sie nicht aufgearbeitet werden und können deshalb an die eigenen Kinder weitergegeben werden. Und das ist es, was die Kriegsenkel beschre¬i¬ben: psychosomatische Störungen, Depressionen, Be¬zie¬hungs¬pro¬ble¬me und Ängste. Der Altersf¬orscher und Psychoanalytiker Hartmut Rade¬bold, selbst ein Kriegs¬kind, hat Kriegsenkel wissenschaftlich befragt:
Take 22 (O-Ton Radebold)
„Jetzt sagen die Befragten: Ihr habt uns erzogen nach Normen und Vorgaben, die ihr uns nicht erklärt habt. Warum müssen wir alles aufessen, was auf dem Teller ist, warum müssen wir sparsam sein, warum, warum, warum…“
Erzählerin:
Die Eltern hätten zwar für finanzielle Sicherheit gesorgt, hätten sie an¬-gehalten etwas zu leisten, fleißig zu sein und diszipliniert, aber emo-tional fühlten sich viele Kriegsenkel von ihren Eltern ab¬ge¬schnitten, so die Ergebnisse von Radebolds Untersuchungen. Er zitiert typische Aussagen:
Take 23 (O-Ton Radebold)
„Wir spüren in euch einen Bereich, wo ihr abgekapselt seid, wo wir euch gefühlsmäßig nicht erreichen können. Da ist irgendwo etwas in euch drin, wir können es noch gar nicht schildern, wo ihr unzugänglich seid, euch abkapselt usw. Es gibt weiterhin keine körperliche Nähe, ihr seid nicht in der Lage uns in den Arm zu nehmen…“
Erzähler:
In der Hälfte der Nachkriegsfamilien, so eine Studie der Universität Kas-sel, wurde nie über die Schrecken des Krieges gesprochen. Offene Gespräche fanden nur in einem Viertel aller Haus¬halte statt. Dabei haben die Kriegskinder ja enorm unterschiedl¬iche Er¬fahrungen gemacht. Manche erlebten Todesangst und Vergewalt¬i¬gung, Flucht und Nächte im Bombenkeller, andere dagegen haben kaum etwas mitgekriegt.
Erzählerin:
So unterschiedlich die Erlebnisse der Kriegs¬kinder, so unterschiedlich ist auch ihr Umgang damit. Manche forderten einen fast schon symbiotischen Zu¬sammenhalt von ihrem Nachwuchs, andere reagierten auf kleinste Abweichungen von dem, was sie für richtig hielten, hysterisch oder gewalttätig und wieder andere übertrugen ihre eigenes Misstrauen, ihre Lebens¬angst auf die Kinder.
Take 24 (O-Ton Radebold)
„Wir haben von euch Verhaltensweisen übernommen, die etwas mit dem Krieg zu tun haben…“
Musik „Prophecies“, Anton Batagov
Erzähler:
So haben es viele Kriegsenkel Hartmut Radebold zu Protokoll ge¬ge¬ben. Dass diese Generation jetzt entdeckt, wie sehr die Kriegs¬er¬lebnisse ihrer Eltern nachwirken, begrüßt der Psychoanalytiker. Denn nur so könnten die psychischen In¬stabilitäten in der Kriegsenkel-Ge¬neration aufgearbeitet werden. Und die seien nicht ausgedacht, sondern tatsächlich existent: Depressionen, Beziehungs-probleme, psychosomatische Beschwerden, Zwänge und Ängste, unter denen auffällig viele Babyboomer leiden.
Erzählerin:
Auch die Journalistin Sabine Bode ist davon überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit dem psychischen Erbe der Kriegskinder und der Kriegsenkel ein ent¬schei¬den¬der Baustein ist, um die NS-Zeit nicht nur historisch-akademisch, son¬dern auch emotional aufzuarbeiten:
Take 25 (O-Ton Bode)
„Die meisten Kriegsenkel haben ja zunächst das Leid ihrer Eltern im Blick, und das kann man haben, wenn es um diese Kriegsschrecken geht in der Kindheit. Wenn Sie anfangen eine Generation weiterzugucken, in die Großeltern¬ge¬ne¬ration, dann entdecken Sie womöglich noch was anderes, nämlich Ver¬strickung und Profitieren vom NS-Regime. Das ist genauso wichtig, denn bestimmte Sachen lösen sich einfach nicht auf, wenn man nur auf die Elterngeneration und deren Kindheitsleid guckt, sondern sie lösen sich wirklich erst auf, wenn man sieht, was da an Familien¬geheimnissen und Familienlegenden war. Und danach ist das Leben bei sehr vielen sehr viel einfacher.“
Musik hoch und endet

Feb 21, 2024 • 23min
Überleben im Eis - Die Geschichte der Ada Blackjack
Zwei Jahre in eisiger Ödnis: Weil sie das Geld für ihren kranken Sohn benötigt, lässt sich eine indigene Näherin aus Alaska auf eine halsbrecherische Arktis-Expedition mit vier jungen Männern ein. Sie wird zurückgelassen und muss alleine im Eis zurechtkommen. Am Ende ist Ada Blackjack die einzige, die die Expedition auf Wrangel Island überlebt. Autorin: Karin Becker (BR 2022)CreditsAutorin dieser Folge: Karin BeckerRegie: Rainer SchallerEs sprachen: Christian Jungwirth, Rahel Comtesse, Christian Schuler, Karin SchumacherTechnik: Christiane Gerheuser-KampRedaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview:Diane Glancy (Sachbuchautorin und Schriftstellerin) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren:
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Linktipp:
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Literaturtipps:
H.G. Jones: Ada Blackjack and the Wrangel Island Tragedy, 1921-1923. In: Terrae Incognitae, 31:1, S. 91-102, Routledge 1999;
Diane Glancy: A line of driftwood. The Ada Blackjack Story. Turtle Point Press 2021;
Peggy Caravantes: Marooned in the Arctic. The True Story Of Ada Blackjack, The “Female Robinson Crusoe”. Chicago Review Press 2016;
Jennifer Niven: A True Story of Survival In The Arctic. Hachette Books 2004;
Ada Blackjacks Tagebuch liegt in der Dartmouth Library (Vilhjalmur Stefansson Papers). Ein Bericht, den sie für U.S. Marshal E.R. Jordan 1923 verfasst hat, ist hier zu finden: Inglis Fletcher Papers (#21), East Carolina Manuscript Collection, East Carolina University.
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
SPRECHER
Die Insel ‚Wrangel Island‘ in der Arktis, 140 Kilometer bis zur sibirischen Küste. Ein Ort - umgeben von Nebel und gefrorenem Meer, bedeckt mit Eis.
Eine Tierfalle im Schnee, darin: ein magerer Fuchs in seinen letzten Atemzügen. Ein paar hundert Meter weiter: Zelte. In einem davon liegt die gefrorene Leiche eines weißen Mannes – in einem anderen sitzt eine 25 Jahre alte Iñupiaq, eine Ureinwohnerin Alaskas, und schreibt auf einer Schreibmaschine.
ZITATOR ADA
“I finished my knitted gloves today and I open last biscuit box. The ice is over little below horizon. I thank the lord Jesus and his father.”
OVERVOICE ADA
“Ich habe heute meine Handschuhe fertiggestrickt und die letzte Plätzchendose aufgemacht. Das Eis reicht bis kurz unter den Horizont. Ich danke dem Herrn Jesus und seinem Vater.“
SPRECHER
Ada Blackjack heißt die schmale Person, die da im August 1923 auf ein Rettungsschiff wartet. Die dicken Schollen um die Insel müssen schmelzen, nur dann hat ein Schiff die Chance durchzukommen. Eine waghalsige Expedition hat sie an diesen Ort gebracht. Vier Männer sind bereits tot – Ada Blackjack ist die einzige Überlebende.
MUSIK m03 (SAGA DOCUMENTARY, CHRONICLES, JACQUELIN, Christophe, FRENCH TRADE, 1:22)
SPRECHER
Gut zwei Jahre zuvor: Vilhjálmur Stefánsson, ein draufgängerischer Polarforscher und Ernährungswissenschaftler, geboren in Kanada, sucht sich die Mannschaft für eine Expedition auf Wrangel Island zusammen. Offizielles Ziel ist es, die Insel mindestens ein Jahr zu bewohnen und sie damit zu kanadischem Staatsgebiet erklären zu können.
Stefánsson ist charismatisch und ehrgeizig, er will mit der Expedition auch seinen Ruhm weiter ausbauen. ((Der Entdecker pflegt die Theorie der ‚freundlichen Arktis‘, die alles zum Leben bietet, wenn man es nur richtig anstellt. )) Lockend mit Abenteuer und dem Versprechen, es gäbe auf der Insel reichlich jagbares Wildfleisch, hat er bald eine junge und reichlich unerfahrene Crew zusammengestellt. Er selbst bleibt zu Hause.
Allan R. Crawford wird zum Leiter erkoren. Der Kanadier ist zwanzig Jahre alt, Geologiestudent und hat keinerlei Vorerfahrung mit Expeditionen. Mit ihm kommen drei Amerikaner: Errol Lorne Knight und Frederick W. Maurer, beide 28, und Milton Galle, der 20 Jahre alte Sekretär von Stefánsson.
OTON 1
“These four explorers needed somebody to cook and so for them. And Ada was a seamstress. She knew how to sew, to repair Mukluks, that the men wore, those heavy boots, and (…) she could speak English and she was available.”
OVERVOICE OTON 1
“Diese vier Entdecker brauchten jemanden zum Kochen. Und Ada war eine Näherin. Sie konnte nähen und Mukluks reparieren, die die Männer trugen, diese schweren Stiefel. Und sie konnte Englisch und stand zur Verfügung.“
SPRECHER
Diane Glancy, Literatin und Sachbuchautorin, hat sich für ein Buchprojekt lange mit der fast vergessenen Geschichte der Ada Blackjack auseinandergesetzt. Geboren wird sie 1898 an der Westküste Alaskas, in einer abgelegenen Siedlung nahe der Goldgräberstadt Nome. Sie ist Tochter einer indigenen Familie von Iñupiat, Ureinwohnern Alaskas. Ihr Vater stirbt früh. Aus Geldnot wächst Ada in einer von Methodisten betriebenen Missionsschule auf. Dort lernt sie Englisch, lernt schreiben und nähen – alles Dinge, die sie als 23-Jährige für die Expedition interessant machen. Ada Blackjack hat freilich eigene Gründe, die Expedition zuzusagen.
OTON 2
“It was poverty and need and maybe a little longing for escape. Because she lived in poverty in Nome, Alaska, probably sleeping sometimes on the street. She had a husband who deserted her. She had two sons who died and another one lived, but she put him in a mission school (…). It was expedient for her to have money (…).”
OVERVOICE OTON 2
„Armut spielte eine große Rolle und vielleicht auch ein wenig die Sehnsucht, zu entkommen. Denn sie lebte in bitterer Not in Nome, Alaska, vermutlich übernachtete sie manchmal auf der Straße. Sie hatte einen Ehemann, der sie verließ. Sie hatte zwei Söhne, die starben. Ein weiterer lebte, doch sie musste ihn in eine Missionsschule geben. Geld war für sie wichtig.“
MUSIK m04 (Son Of The Blacksmith, Viking Adventure, Oberg, Gabriel, 1:38)
SPRECHER
Für Ada Blackjack eröffnet das Expeditions-Honorar von 50 Dollar pro Monat die Chance, ihren Sohn Bennett nach ihrer Heimkehr zu sich zurückzuholen. Aus Geldnot ist er in einem Heim untergebracht. Außerdem hofft sie, mit dem Honorar seine schwere Tuberkulose behandeln lassen zu können.
Und so besteigt sie am 9. September 1921 die ‚Silver Wave‘: das Schiff, das die fünf Leute der Expedition nach Wrangel Island bringt. Weitere Iñupiat, die ihr als Teilnehmer angekündigt waren, springen im letzten Moment ab. Vermutlich ist den Native Americans, erfahren was das Überleben im Eis betrifft, die schlechte Vorbereitung der Expedition nicht entgangen.
Ada Blackjack, selbst nicht bei ihrem eigenen Volk aufgewachsen, ist also mit den vier jungen Männern alleine. Die Crew hat Verpflegung für ein halbes Jahr dabei – dazukommen soll das Fleisch selbst erlegter Tiere. Ein Schiff, das für das Jahr darauf angekündigt ist, soll sie entweder mit Nachschub versorgen oder aber evakuieren.
Kaum am Zielort angelangt, hisst der Expeditionsleiter Allan Crawford den Union Jack und beansprucht die Insel für Kanada. Die Katze der Expedition, Victoria, und die vier Männer beginnen, die Insel in Besitz zu nehmen und ihr Lager aufzuschlagen. Ada hingegen erfasst bei Ankunft ein klammes Gefühl, das sie rückblickend in ihrem Tagebuch beschreibt:
ZITATOR ADA
„When we got to Wrangel Island, the main land looked very large to me, but they said that it was only a small Island. I thought at first that I would turn back, I decided it wouldn’t be fair to the boys so I felt I had to stay.”
OVERVOICE ADA
“Als wir auf Wrangel Island ankamen, sah das Festland für mich sehr groß aus, aber sie sagten es sei nur eine kleine Insel. Ich dachte zuerst, ich würde wieder umdrehen. Ich beschloss, dass das den Jungs gegenüber nicht fair wäre, daher hatte ich das Gefühl, dass ich bleiben musste.“
SPRECHER
Die ‚Silver Wave‘ legt also ohne Ada Blackjack ab und verschwindet am Horizont. In den bald etablierten Inselalltag und ihre Rolle darin findet die junge Frau nur schwer, aus verschiedenen Gründen:
OTON 3
“There's something called Arctic hysteria that some explorers face. When you’re out there in the great nothingness your whole being can sort of collapse on you and you don't know where you are and you are senseless sometimes and she pouted. (…) And sometimes she wouldn't work. She wouldn't sew or wouldn't cook and Lorne Knight told her once (…) if she didn't work, she would not eat. So there was a lot of animosity between them. (…) and they exiled her to her own little tent. (…) and when she was lazy, they said: no wonder your children died. and they would say very hateful things (…). And that didn’t help her attitude, her mind. (…) Another thing is that in native community women are your company and she had no women around her. (…) I think she was trying to treat the men like a community of women. (…) She finally came around and did the work. But she was very temperamental in the beginning and I think they expected her to be like one of the men. And of course she was not, being native and a woman … and young and not used to all of this. And they had camraderie and she was left out of it.”
OVERVOICE OTON 3
“Es gibt ein Phänomen unter Entdeckern, das sich „Arktische Hysterie“ nennt. Wenn Du da draußen im großen Nichts bist kann dir dein ganzes Sein in sich zusammenfallen und du weißt nicht mehr, wo du bist und du wirst unvernünftig. Ada schmollte. Und manchmal verweigerte sie die Arbeit. Sie nähte nicht, kochte nicht, und Lorne Knight drohte ihr einmal, dass wenn sie nicht arbeitete sie auch nichts zu essen bekäme. Zudem leben indigene Frauen eng mit anderen Frauen zusammen, aber es gab keine andere Frau. Ich denke, dass sie versuchte, die Männer wie ihre Gemeinschaft von Frauen zu behandeln. Irgendwann kriegte sie die Kurve und machte ihre Arbeit. Aber sie war anfangs sehr launisch und ich glaube, die Männer hatten erwartet, dass sie sich wie einer von ihnen verhielt. Natürlich tat sie das nicht, als Indigene und als Frau… sie war jung und die Situation für sie völlig neu. Und die Männer hatten Kameradschaft und sie war außen vor.“
MUSIK m05 (The Time That's Left, Viking Adventure, Oberg, Gabriel, 2:00)
SPRECHER
Die Männer verbringen ihre Tage mit Jagen, Holzsammeln, Reparaturen. Außerdem haben sie eine Fotokamera dabei und schreiben Tagebuch – Milton Galle hat sich hierfür sogar eine Schreibmaschine mitgebracht. Ada hat mit all dem zunächst nichts zu tun, sie kocht und näht. Anfangs erlegen die Männer und ihre Jagdhunde ausreichend Fleisch für alle – die ‚Friendly Arctic‘ scheint auf Wrangel Island ihr Gesicht zu zeigen. Die ersten zwölf Monate vergehen ohne größere Ereignisse, so wirkt es jedenfalls im erhaltenen Teil der Expeditionstagebücher. Dann erwarten die fünf das Schiff mit Nachschub.
Doch das Jahr 1922 bringt Wrangel Island einen kalten Sommer, die Insel bleibt von dicken Eisschollen umgeben. Der von Steffánson losgeschickte Schoner namens „Teddy Bear“ bleibt im Eis stecken und muss unverrichteter Dinge umkehren. Vergeblich warten die fünf auf der Insel, während es wieder Winter wird.
ZITATOR ADA
“Around about November they knew the boat wouldn’t come. About the middle of November we moved up to the west of our present camp, about four miles I think, so they wouldn’t have to haul the wood so far. After we arrived in our new camp I started to sewing skins for the two boys, Knight and Crawford, who were going to take a trip to Siberia.”
OVERVOICE ADA
“Ungefähr im November wussten sie, dass das Boot nicht kommen würde. Irgendwann Mitte November verlegten wir unser Lager weiter Richtung Westen, um circa vier Meilen denke ich, so dass sie das Holz nicht so weit schleppen mussten. Nachdem wir in unserem neuen Lager angekommen waren, begann ich mit Fellen zu nähen, weil die zwei Jungs, Knight und Crawford, vorhatten, nach Sibirien zu gehen.“
SPRECHER
Die beiden Männer wollen sich übers Eis bis nach Sibirien durchschlagen und dort per Telegramm Kontakt mit Stefánsson aufnehmen. Vorher feiern die fünf Festsitzenden auf Wrangel Island noch ein wenig ausgelassenes Weihnachtsfest.
ZITATOR ADA
“At Christmas time we had some Salt seal meat and some hard bread and tea for our Christmas dinner. That time when we had dinner I wondered where I would be if I lived until Next Christmas.”
OVERVOICE ADA
“An Weihnachten hatten wir gesalzenes Seehundfleisch und etwas hartes Brot und Tee als Weihnachtsessen. Als wir beim Abendessen saßen fragte ich mich, wo ich sein würde, wenn ich das nächste Weihnachten erleben würde.“
SPRECHER
Die beiden Männer müssen ihre Reise durchs Eis bald abbrechen: Lorne Knight ist den massiven Anstrengungen körperlich nicht mehr gewachsen. Er zeigt Anzeichen von Skorbut, wirkt zusehends angeschlagen. Die Vorräte im Camp werden knapper und knapper – und die jagbaren Tiere auf der Insel rarer. Und so entschließen sich die drei gesunden Männer der Expedition, Wrangel Island gemeinsam zu verlassen und Hilfe zu holen. Zurück bleiben der kranke Lorne Knight, der bald nur noch liegen kann, und Ada Blackjack.
Die junge Iñupiaq ist mit der neuen Situation schlicht überfordert. Nicht nur muss sie sich nun um einen Kranken kümmern und weiter kochen und nähen. Sie ist jetzt auch für den überlebenswichtigen Fleischnachschub verantwortlich.
OTON 4
“When it came time that she had to hunt, the men were looking at her because she was a native woman. She should have known how to hunt. But she said: I was raised in a mission school. I had to depart from my Inuit ways, I didn't know how to hunt. I didn't know how to trap.”
OVERVOICE OTON 4
„Als es soweit war, dass sie jagen sollte, sahen die Männer sie an: sie war indigen, sie erwarteten also, dass sie jagen konnte. Aber sie sagte: Ich bin in einer Missionsschule erzogen worden. Ich musste meine Inuit Kultur verlassen. Ich weiß nicht, wie man jagt. Ich weiß nicht, wie man Fallen aufstellt.“
SPRECHER
Die Männer lassen sie Ende Januar 1923 dennoch zurück und Ada Blackjack, die eine Riesenangst vor Polarbären hat, muss mitten im Eis so schnell wie möglich den Umgang mit Waffen und das Stellen von Tierfallen lernen. Ergiebige Beute wie Bären oder Walrosse macht sie nicht. Zum Überleben bleiben für sie und ihren Patienten vornehmlich ab und an getroffene Enten, Fischöl und das - gerade für einen Kranken - schwer verdauliche Fleisch von Füchsen. In ihrem Tagebuch berichtet Ada Blackjack von ihren ersten Versuchen, einen Fuchs zu fangen. Sie versteckt eine Falle im Schnee - und wartet dann tagelang vergeblich auf Beute, während ihr Patient zusehends hungriger und schwächer wird.
ZITATOR ADA
“I guess I covered them to much and that is the reason why I didn’t get any fox, then I baited it again end just left it on top of the snow didn’t cover it up at all. The next morning I got up and looked out and I saw a fox (….). That was the first one I had caught , and that was on the 22nd of February, 1923. (…) (( In killing them I would take a stick and hit them on the head until I stunned them then I would bend their heads back until I brocke there heck. Then I would take them home and skin them.)) Later in the spring, around April the fox got very scarce, and I couldn’t trap and more at all. After I couldn’t get any more fox, Knight became worse he got very faint every time he moved.”
OVERVOICE ADA
“Ich glaube, ich habe sie zu stark abgedeckt und das ist der Grund warum ich keine Füchse gefangen habe, dann habe ich nochmal einen Köder hineingelegt und ließ die Falle oben auf dem Schnee, ohne sie überhaupt abzudecken. Am nächsten Morgen stand ich auf und sah hinaus und ich sah einen Fuchs. Das war der erste, den ich gefangen habe, und das war am 22. Februar 1923. Später im Frühjahr, ungefähr im April, wurden die Füchse knapp, und ich konnte keine mehr fangen. Als ich keine mehr fangen konnte, ging es Knight schlechter, jede kleinste Bewegung schwächte ihn.“
MUSIK m06 (Hel's Bard, Viking Adventure, Oberg, Gabriel, 0:26)
SPRECHER
Im späten Frühjahr 1923 gibt es auf der Insel kaum mehr jagbare Tiere.
Der kranke Lorne Knight kommt mit seiner wachsenden Todesangst und seiner Abhängigkeit von der jungen Frau schlecht zurecht. Immer wieder, so beschreibt Ada Blackjack es in ihrem Tagebuch, beschimpft er sie wüst und macht ihr ungerechte Vorwürfe.
SPRECHER
Auch Ada Blackjack selbst beginnt die Folgen der Mangelernährung zu spüren. Am 2. April 1923 schreibt sie:
ZITATOR ADA
“(…) Knight wants me to go out to the traps but my eye is very ach so I cannot go out when my eye is that way because in evening I could barly stand the ache of my eye and one side of head. If anything happens to me and my death is known (…) I wish if you please take everything to Bennett that is belong to me. I don’t know how mach I would be glad to get home to folks.”
OVERVOICE ADA
“Knight will, dass ich zu den Fallen gehe, aber mein Auge tut sehr weh. Ich kann nicht rausgehen, wenn mein Auge so ist, am Abend konnte ich kaum mehr stehen, weil mein Auge und eine Seite von meinem Kopf so wehgetan haben. Wenn mir etwas zustößt und mein Tod bekannt wird, dann wünsche ich, dass bitte alles, was mir gehört, zu Bennett gebracht wird. Ich wäre so sehr froh, wenn ich zu meinen Leuten nach Hause kommen könnte.“
SPRECHER
Dass wir ihre damaligen Gedanken in dieser verzweifelten Lage heute erfahren und Ada Blackjacks einzigartige Geschichte dadurch ein Stück weit nacherleben können, ist ihrem Tagebuch zu verdanken. Mit dem Schreiben beginnt sie erst, nachdem die drei Männer das Camp verlassen haben – und die Schreibmaschine von Milton Galle, die sie schon länger fasziniert zu haben scheint, unbenutzt herumsteht. Was bringt sie dazu, ein Tagebuch zu führen?
OTON 5
“After those three men left I just think she wanted the presence of herself. (…) And she had a typewriter before her and she had tried to peck on it once. And (…) he wouldn't let her use it. So once he was gone to Siberia, she went to that typewriter and started pecking, to see how these different letters could make the words that she wanted to make. (…) So that was very difficult when you've never typed on a typewriter before and you have this language that is not really yours - English language - and you have to put it on paper.”
OVERVOICE OTON 5
“Nachdem die drei Männer fort waren, denke ich, wollte sie ihre eigene Gegenwart spüren. Und sie hatte da eine Schreibmaschine vor sich stehen. Sie hatte darauf schon einmal versucht, einen Buchstaben zu tippen und er hatte sie nicht gelassen. Also ging sie jetzt, als er auf dem Weg nach Sibirien war, hin und begann zu tippen, um zu sehen, wie diese verschiedenen Buchstaben zu den Worten wurden, die sie schreiben wollte. Das ist sehr schwierig, wenn Du zuvor noch nie auf einer Schreibmaschine geschrieben hast und dann noch in einer Sprache, die nicht wirklich deine ist – englisch – schreibst.“
SPRECHER
Ada Blackjacks Tagebücher sind teils schwer zu lesen, wegen vieler Tipp- und Schreibfehler – englisch war schließlich nicht ihre Muttersprache, sondern Iñupiaq. Großteils beschreibt sie in knappen, fast teilnahmslos wirkenden Sätzen die erledigten Tätigkeiten und Vorfälle des Tages. Was sie gegessen, genäht, gejagt hat. Wie es dem kranken Lorne Knight ergeht. Ihre fatalistische Sachlichkeit ist für sie wohl auch eine Überlebensstrategie.
Das Tagebuch gibt noch weitere Hinweise, wie sie die Einsamkeit und das Ausgeliefertsein im Eis überstehen konnte. Je bedrohlicher die Situation für sie, desto häufiger erwähnt sie ihren Sohn Bennett. Ihn will sie retten, für ihn lohnt es sich, durchzuhalten. Zudem drückt sie im Tagebuch gerade in besonders aussichtslosen Situationen ihren Glauben an Gott aus.
Die rückblickend hoch problematische Christianisierung indigener Kinder in den Missionsschulen Nordamerikas zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist auch Ada Blackjack widerfahren. Auf Wrangel Island bietet ihr ihr Glauben an Gott jedoch Rückhalt – so sieht es Diane Glancy, die selbst indigene Cherokee-Wurzeln und über Blackjacks Überleben viel nachgedacht hat.
OTON 6
“I think her faith helped her quite a bit (…) and she was native (…). There's something.. survival through hardship is sort of built in to the native, I think, and especially in the north, where the conditions are so harsh, there is a built in survival mode, or a will to survive through hardship. That maybe the men who had had more comfort in their lives, could not tolerate the suffering of the end (…) It was just the strength of Ada. (…) She was a survivor.”
OVERVOICE OTON 6
“Ich denke, dass ihr Glauben ihr ziemlich viel geholfen hat…. und sie war indigen. Da gibt es sowas…. Extreme Lagen überstehen zu können ist den Ureinwohnern besonders zueigen, gerade im Norden, wo die Bedingungen so hart sind. Es ist wie ein Überlebensmodus, oder ein Wille, große Bedrängnis zu überstehen. Ich denke, vielleicht konnten die Männer, die mehr Komfort in ihrem Leben gewohnt waren, das Leiden am Ende nicht ertragen. Es lag einfach an Adas Stärke. Sie war eine Überlebenskünsterlin.“
MUSIK m05 (The Time That's Left, Viking Adventure, Oberg, Gabriel, 0:57)
SPRECHER
Die drei Männer, die sich nach Sibirien hatten retten wollen, bleiben auf immer spurlos im Eis verschwunden. Wir wissen nicht, wie weit sie gekommen und woran sie gestorben sind. Es gibt bis heute keinen eindeutigen Hinweis zu ihrem Verbleib.
Der skorbutkranke Lorne Knight verbringt über vier Monate, ohne sich auch nur aus seinem Schlafsack bewegen zu können. Zuletzt verliert er seine Zähne und die Fähigkeit zu schlucken. Er stirbt, nur noch Haut und Knochen, am 22.Juni 1923. Auch Ada Blackjack ist zu diesem Zeitpunkt stark geschwächt. Sie vermag es nicht, den bald gefrorenen Leichnam zu bewegen. Die sterblichen Überreste des Lorne Knigth bleiben im Schlafsack liegen, sie selbst zieht in ein anderes Zelt um.
Jetzt ist sie ganz alleine.
SPRECHER
Drei Tage später erlegt sie mit glücklicher Hand einen Seehund – es ist das erste frische Fleisch, das sie in Wochen zu essen bekommt. Es rettet ihr vermutlich das Leben. Langsam bricht der Sommer an, jetzt steigt auch die Zahl der jagbaren Tiere auf der Insel, Ada Blackjack kommt wieder zu Kräften. Mit großer Geschicklichkeit findet sie sich im einsamen Alltag zurecht, baut sich etwa eine Plattform, von der aus sie die gefürchteten Polarbären früh erkennen kann.
Und auch nach einem Rettungsschiff späht sie von dort aus. Denn der Sommer ist die Zeit, in der ein Schiff kommen kann – wenn es denn kommt. Genau beobachtet Ada Blackjack den Stand der Eisschollen um die Insel und notiert ihn mehrmals in ihr Tagebuch. Im August 1923 lebt sie beinahe schon zwei Monate lang völlig alleine auf der Insel, da fällt ihr etwas auf, was sie zuerst gar nicht ernst nehmen kann:
ZITATOR ADA
„I heard a funny noise like a boat whistle but thought it was a duck or something. It was foggy and I couldn’t see so I didn’t think any more about it until the next morning. I took my book after supper, (…) then I went to sleep. The next morning about six o’clock I heard that same noise again and it sounded more like a boat whistle this time so I grabbed my field glasses and went out on top of my raft, and sure enough there was a boat (…).”
OVERVOICE ADA
“Ich hörte ein seltsames Geräusch, wie das Signal von einem Schiff, aber ich dachte, es sei eine Ente oder sonstwas. Es war neblig und ich konnte nichts sehen, daher dachte ich nicht mehr daran. Am nächsten Morgen um circa sechs Uhr hörte ich das gleiche Geräusch wieder und jetzt klang es mehr nach einem Schiffssignal, also griff ich zu meinem Feldstecher und stieg auf mein Floß und tatsächlich, da war ein Schiff.“
MUSIK m03 (SAGA DOCUMENTARY, CHRONICLES, JACQUELIN, Christophe, FRENCH TRADE, 1:38)
SPRECHER
Am 20. August 1923, nach zwei Jahren in menschenfeindlicher, eisiger Ödnis wird Ada Blackjack gerettet. Sie hat den Kampf ums Überleben gewonnen. Die kleine Frau umarmt ihre Retter, die nach eigener Aussage überrascht darüber sind, in welch gutem Zustand sie Ada Blackjack antreffen. An Bord des Schiffes nimmt sie das erste Bad seit langer Zeit. Mit ihr zurück nach Nome in Alaska reisen Fotos der Expedition, die noch vorhandenen Tagebücher, einige Fuchsfelle und die offensichtlich außergewöhnlich zähe Expeditionskatze Victoria.
Zu Hause angekommen, veröffentlicht der Kapitän des Rettungsschiffes, Harold Noice, einen Zeitungsartikel über Ada Blackjack, der einer Lobeshymne gleichkommt. Als „weiblicher Robinson Crusoe“ wird die Iñupiaq von der Öffentlichkeit bald gefeiert. Sie selbst schweigt dazu, der Rummel liegt ihr nicht. Mit ihrem Expeditions-Honorar jedoch kann sie ihren Sohn, wie geplant, zu sich holen und seine Krankheit behandeln lassen. Es mag wie ein ‚Happy End‘ klingen, doch die Geschichte der Ada Blackjack muss ganz erzählt werden. Denn nach dem Ruhm folgen in Zeitungen Anklage und Verachtung.
ZITATOR SCHLAGZEILE 1
“Spurned Eskimo Woman Is Blamed For Arctic Death”
OVERVOICE SCHLAGZEILE 1
„Zurückgewiesene Eskimo Frau wird für Tod in der Arktis schuldig erklärt“
ZITATOR SCHLAGZEILE 2 (andere Stimme)
„Though Man’s Body Was Wasted by Starvation, Ada Blackjack Was Healthy”
OVERVOICE SCHLAGZEILE 2 (andere Stimme)
“Während Männerleiche von Hunger verzehrt war, war Ada Blackjack gesund“
SPRECHER
Kapitän Noice hat bemerkt, dass Adas Geschichte Aufmerksamkeit und Geld bringt - und veröffentlicht im Februar 1924 noch einmal einen Artikel über sie, der eine Reihe sensationslüsterner Zeitungsberichte nach sich zieht. Noice hat sämtliche Tagebücher für sich behalten, und wirft ihr nun vor, der Tod des skorbutkranken Lorne Knight sei ihre
ihre Schuld. Das ließe sich angeblich dessen Tagebüchern entnehmen. Sie habe ihn verhungern lassen, nachdem er sie nicht habe heiraten wollen. Sie selbst hingegen habe ihre Retter ja wohlgenährt empfangen.
MUSIK m07 (Z8030731110, Everywhere forgotten, Jon Mattox, Mattox, Jon, 0:52)
Diese öffentliche Anklage bringt Ada Blackjack schließlich dazu, zu sprechen. Noice‘ Behauptungen will sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie fährt zur Los Angeles Times und bietet von sich aus ein Interview an. Sie schildert darin ihre Erinnerungen und erklärt auch die übers Jahr variierenden Ernährungszustände der Inselbewohner durch die Zu- und Abnahme des Jagdwildes.
Als Harold Noice schließlich dazu gezwungen wird, die Tagebücher herauszugeben, fehlen in Knights Tagebuch Seiten, manche Stellen sind geschwärzt. Noice hat offenbar versucht, alles zu tilgen, was seine Anschuldigungen als Diffamierung offensichtlich macht. Die Eltern des Verstorbenen hatten ohnehin nie an Ada Blackjacks Schuld geglaubt.
AKZENT
SPRECHER
Nach diesem Vorfall verfällt Ada Blackjack wieder in Schweigen. Sie führt ein Leben in bitterer Armut, reiht Gelegenheitsjob an Gelegenheitsjob. In hohem Alter wird sie von einer Zeitung noch einmal zu ihren Erinnerungen befragt. Kein Tag vergehe, antwortet sie, ohne dass sie von ihren schlimmen Erlebnissen auf Wrangel Island verfolgt würde.
OTON 7
“She lived to be 85 years old and the last parts of her life were very grim. She washed dishes in Nome, Alaska. She did whatever she could to survive. She did not have a happy life. But you don't pay attention to happiness, when you're in Alaska and a native, you just keep going.”
OVERVOICE OTON 7
“Sie wurde 85 Jahre alt und die letzten Jahrzehnte ihres Lebens waren sehr düster. Sie wusch Teller in Nome, Alaska… Sie tat was auch immer, um zu überleben. Sie hatte kein glückliches Leben. Aber Glück ist keine Kategorie, wenn du als Indigene in Alaska lebst. Du machst einfach weiter.“
MUSIK m09 (Z8037260108, In the shadows, Alan Jay Reed, Tony Delmonte, Dark business, Reed, Alan Jay; Delmonte, Tony, 0:30)
SPRECHER
Andere schlagen aus Ada Blackjacks Erlebnissen hingegen Profit. Ihre Geschichte wird mehrfach erzählt und verkauft. Manch einer verdient daran, Ada nicht. Sie erhält lediglich 500 Dollar für ihr Tagebuch – das bald in den Archiven verschwindet

Feb 20, 2024 • 23min
Raffael - Kunststar der Renaissance
Er ist so bekannt, dass er nicht einmal einen Nachnamen braucht: der italienische Maler Raffael (1483 -1520). Bereits seinen Zeitgenossen galt er als "Gott der Malerei". Doch warum wurde gerade er so vergöttert? Autorin: Julie Metzdorf (BR 2020)Credits Autorin dieser Folge: Julie Metzdorf Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Irina Wanka, René Dumont Technik: Christian Schimmöller Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Andreas Henning (Kunsthistoriker und Renaissance-Experte, ehem. Kurator Staatsgemäldesammlungen Dresden)
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
(Musikeinsatz)
ERZÄHLERIN:
Am 6. April 1520 stirbt in Rom der Maler Raffael Sanzio auch Santi genannt. Er ist gerade 37 Jahre alt, unverheiratet und ohne Kinder. Die Zeitgenossen sind erschüttert. Im Grabspruch heißt es, im Moment seines Todes hätte die Erde vor Trauer gebebt und weil sie fürchtete, über den Verlust selbst zu sterben. Beigesetzt wird Raffael im altehrwürdigen Pantheon.
OT 1 Andreas Henning
Dass Raffael im Pantheon begraben wurde auf eigenen Wunsch, das zeigt die Ausnahmestellung, die er in Rom innehatte und die Zeitgenossen, die seinen Tod beschreiben, bzw. die Begleiterscheinungen seines Todes, das ist auffällig, dass es da schon auch immer um noch eine andere Dimension geht.
ERZÄHLERIN:
Dr. Andreas Henning, Experte für italienische Malerei:
OT 2 Andreas Henning
unglaubliche Es wird ja unmittelbar in den zeitgenössischen Berichten, Tagebucheinträgen, Briefen, Christus-Referenzen deutlich, also es wird verglichen, dass es ein Erdbeben gab, dass der Papst seine Gemächer verlassen musste, weil sich Risse im Bauwerk gezeigt haben, also dass die Erde erschüttert war. Also Überhöhungen, die aber eben auch einen Grund haben müssen, dass Raffael auf seine Zeitgenossen so gewirkt hat.
ERZÄHLERIN:
Die genaue Todesursache ist unklar. Manche Quellen vermuten, er habe sich bei Ausgrabungen des antiken Roms das Sumpffieber zugezogen und interpretieren seinen Tod als Rache des Hades, weil Raffael die alte Stadt dem Vergessen entreißen wollte. Der Kunsthistoriker Giorgio Vasari verbreitet in seiner Biographie des Malers aus dem 16. Jahrhundert das Gerücht, Raffael sei an einer Geschlechtskrankheit gestorben, die er sich bei einer seiner zahlreichen Affären zugezogen haben soll. Doch Vasari kannte Raffael nicht mehr persönlich, hatte aber immerhin mit zahlreichen seiner Kollegen gesprochen. Allerdings weisen andere Quellen explizit auf den sehr sittlichen Lebenswandel Raffaels hin.
Bereits zu Lebzeiten galt er als Gott der Malerei, und diese Verehrung setzt sich über viele Jahrhunderte hindurch fort – anders als etwa Michelangelo und Leonardo, die von der Nachwelt erst im 19. und 20. Jahrhundert in den Malerolymp erhoben wurden.
OT 3 Andreas Henning
(Raffael) (Es) ist dieser Ausnahmekünstler der Themen so formuliert, dass offenkundig jede Generation neu hinschauen kann und für sich darin neue Dinge und Werte und Anregungen entdeckt. Zugleich ist Raffael der Künstler, der in seiner Biografie gezeigt hat, dass man einen Teil der Kunst auch lernen kann. ((Dass man also nicht nur als Genie aus dem Nichts auf den Markt kommt, sondern dass man sich eben durch Perugino durch die Auseinandersetzung mit Leonardo, Michelangelo auch entwickeln kann. … und insofern ist er ein vorbildlicher Künstler auch dafür, wie man Künstler werden kann.))
ERZÄHLERIN:
Geboren wurde Raffael im Jahr 1483, das genaue Datum ist nicht bekannt. Seine Heimatstadt Urbino ist eine kleine Stadt, in der Kunst und Literatur großgeschrieben wurden. Sie liegt in den italienischen Marken etwa auf der Höhe von Florenz. Raffaels Vater arbeitete zunächst als Goldschmied, später als Maler. Doch er starb früh, Raffael soll gerade einmal 11 Jahre alt gewesen sein, seine Mutter hatte er bereits mit 8 Jahren verloren. In der Werkstatt des Malers Perugino machte Raffael eine Ausbildung. Sein Ausnahmetalent zeigte sich früh. Bereits nach wenigen Jahren soll er seinen Meister überflügelt haben.
ERZÄHLERIN:
Mit Anfang 20 ging Raffael nach Florenz, um dort Michelangelo und Leonardo zu studieren und ihnen nachzueifern. Eines seiner frühen Meisterwerke dieser Zeit ist die sogenannte „Pala Baglioni“. Das Bild zeigt die Grablegung Christi:
SPRECHER:
Zwei Männer tragen den Leichnam des Heilands auf einem weißen Leintuch, im Hintergrund ist der Berg Golgatha mit den drei leeren Kreuzen zu sehen, links das Ziel ihres Wegs, die dunkle Grabkammer. Die zahlreichen Figuren um das Geschehen herum sind zutiefst bewegt – körperlich und emotional: Maria Magdalena hat die Hand Christi ergriffen, scheint ihm noch etwas zuzurufen; einer der Jünger hat grollend die Augen zum Himmel erhoben; und seine Mutter Maria ist ohnmächtig zusammengebrochen.
ERZÄHLERIN:
Aus einem eigentlich eher statischen Bildmotiv macht Raffael hier eine dramatische Bilderzählung.
OT 4 Andreas Henning
Raffael ist ja ein Künstler, der unglaublich aufgesogen hat, was in seiner Zeit existierte, um daraus etwas eigenes zu machen und die Grablegung ist ein unglaublich erzählerisches Altarbild geworden, wo man beispielsweise die Schwere des Körpers Christi, der da zu Grabe getragen wird, ganz unmittelbar spüren kann, das sind wirkliche Individuen, Persönlichkeiten, die da diesen Christus tragen und auch eine Last spüren.
SPRECHER
Außerdem gelingt es Raffael hier, zwei Geschichten auf einmal zu erzählen: In dem Bild zeigt er einerseits den Tod Christi als historisches Geschehen. Zugleich zieht er das konkrete Ereignis auf eine allgemeine Ebene: Wir sehen einen von vielen geliebten jungen Verstorbenen; das Unverständnis seiner Zeitgenossen über diesen viel zu frühen Tod und die Qualen seiner Mutter.
ERZÄHLERIN:
In dieser allgemeinen Version kann wohl jeder das Drama des Geschehens nachempfinden. Und zwar nicht nur mit Jesu Mutter mitfühlen, sondern auch mit der Auftraggeberin, Atlanta Baglioni: Ihr eigener Sohn war jung im Kampf umgekommen. Indem er die Gefühle der Umstehenden betont, holt Raffael das Bibelgeschehen in seine eigene Zeit.
OT 5 Andreas Henning
Raffael versucht, christliche Themen, theologische Themen für seine Zeit, für die Menschen verständlich zu machen, also er ringt darum eine Ausdruckskraft zu finden, die nicht nur rein symbolisch ist, die sich nicht nur in Attributen erschöpft, die man lesen kann, wo man ein Wissen heranträgt… sondern sein Ansatz ist, etwas sinnenfällig machen zu wollen.
ERZÄHLERIN:
Sinnfällig im Sinne von: spürbar, für den Betrachter leicht nachvollziehbar. Die Zeitgenossen sind überwältigt von dem Gemälde, von nun an stehen dem jungen Maler Tür und Tor der mächtigsten Häuser offen. Schon bald wird er an den Hof von Papst Julius II. nach Rom berufen. Dort lassen sich die berühmtesten Männer der Zeit von ihm porträtieren, Grafen, Bankiers, Kardinäle, der Papst höchstpersönlich. Sie schätzen ihn nicht nur als Maler, sondern auch als Mensch und Gesprächspartner.
OT 6 Andreas Henning
Ich denke, dass Raffael eine Persönlichkeit war, die sehr interessiert an seiner Zeit an den Neuentwicklungen seiner Zeit war, der auch sehr, sehr viel begriffen hat offenkundig auch mit vielen Beratern, Theologen diskutiert hat… und zugleich muss er aber auch eine extrem soziale Person gewesen sein. Es gibt Berichte, dass wenn er aus seiner Werkstatt zum Papst gegangen ist ein großes Ehrengeleit ihm gegeben wurde, einfach, weil man ihn als Mensch auch so sehr geschätzt und verehrt hat.
ERZÄHLERIN:
Raffael ist gerade einmal Mitte 20, da bekommt er den Auftrag seines Lebens: er soll die sogenannten „Stanzen“, die Privatgemächer des Papstes im Apostolischen Palast ausmalen. Es handelt sich um große, halbkreisförmige Wandfresken, fast 8 Meter breit und 5 Meter hoch. Er beginnt in der Bibliothek des Papstes und malt dort „Die Schule von Athen“:
SPRECHER:
Das Gemälde zeigt einen monumentalen Innenraum mit hohem Tonnengewölbe und Marmorfußboden. Im Zentrum stehen die Philosophen Platon und Aristoteles miteinander ins Gespräch vertieft. Neben ihnen und auf den Stufen zu ihren Füßen stehen, sitzen und liegen die wichtigsten Denker, Wissenschaftler, Mathematiker und Künstler von der Antike bis zur Renaissance: Pythagoras etwa, vor einer Schiefertafel mit einem musiktheoretischen Diagramm darauf; Diogenes, barfuß und in einfacher Kleidung; Heraklit, den Kopf nachdenklich auf die Hand gestützt, mit der anderen Hand schreibend. Insgesamt befinden sich auf dem Bild mehr als 60 Personen.
OT 7 Andreas Henning
Er stellt diese Figuren in den Gruppen so lebendig und im Gespräch, in der Diskussion, im gegenseitigen diskutieren, zeichnen zum Teil so lebendig miteinander in Bezug, dass man als Betrachter unmittelbar daran teilhaben kann. Das ist glaube ich, das Entscheidende, die Teilhabe des Betrachters. Man kann sich hineinversetzen und mitdenken, miterleben. Man ist im Grunde mit Teil dieser Szene, die da dargestellt ist.
ERZÄHLERIN:
Zusammengenommen stehen all die berühmten Denker für die Wahrheit bzw. die Vernunft als eines der höchsten Prinzipien des menschlichen Geistes.
Die ersten Arbeiten gefallen dem Papst so gut, dass er die von anderen Malern gerade erst fertig gestellten Fresken wieder abschlagen lässt, damit Raffael alles ausmalen kann. Eine enorme Aufgabe, die er allein gar nicht hätte stemmen können.
OT 8 Andreas Henning
Raffael … war hochgradig gut organisiert, zumindest ist er einer der ersten Künstler die eine große Werkstatt führen und da auch Arbeitsschritte delegieren, um überhaupt dieses enorme Oeuvre in nur 37 Jahren schaffen zu können; und er ist ein Künstler, der auch sehr wach ist für neue Techniken, neue Medien, denken Sie an den Kupferstich, die Möglichkeit eigene Bildfindungen mit dem Kupferstich zu verbreiten, anders als das Gemälde oder das Fresko, was ja immer nur ein einem Ort ist, aber mit dem Kupferstich, den ich in vielen, vielen Abzügen verbreiten kann das ist ein Medium, das er sofort begriffen hat und seit 1512 Kupferstecher in seinem Atelier beschäftigt hat, um seine Ideen noch weiter zu streuen, also natürlich ein Geschäftsmann, ein guter Organisator, ein Sozialgenie, interessiert an seiner Zeit, fähig zu denken, zu begreifen und natürlich souverän im Umgang mit den künstlerischen Mitteln.
ERZÄHLERIN:
Zusätzlich zur Ausmalung seiner Gemächer ernennt der Papst Raffael auch noch zum leitenden Architekten des Neubaus von Sankt Peter, dem prestigeträchtigsten Bauwerk der damaligen Zeit.
(Musik)
ERZÄHLERIN:
Doch wer war dieser überaus begabte junge Mann wirklich? Was wissen wir über den Menschen Raffael? Eine frühe Gönnerin nennt ihn „rücksichtvoll und liebenswürdig“. Tatsächlich hatte er am Hof von Urbino eine gute Erziehung genossen, verfügte über gewandte Umgangsformen, und wusste sich auch im schwierigen Ambiente des päpstlichen Hofes sicher zu bewegen.
SPRECHER:
Zwei Selbstporträts sind überliefert. Sie zeigen einen jungen Mann mit feinen Gesichtszügen, das Haar halblang, die Augen braun. Er wirkt ruhig, selbstsicher und neugierig.
ERZÄHLERIN:
Über sein Privatleben ist relativ wenig bekannt. Raffael blieb kinderlos. Er war lange mit der Nichte eines Kardinals verlobt, allerdings starb die ihm Zugedachte noch vor der Hochzeit. Spätere Quellen wollen wissen, dass er einen ausufernden Lebensstil pflegte. Eines seiner bevorzugten Modelle – Margherita Luti – soll auch seine Geliebte gewesen sein. Indizien dafür liefert eines seiner schönsten Gemälde:
SPRECHER:
Mit entblößtem Oberkörper sitzt „La Fornarina“ – wie die Bäckerstochter nach dem Beruf ihres Vaters genannt wurde – vor einem Busch. Die Umgebung ist dunkel, das Weiß ihrer Haut scheint vom Mond beleuchtet. Ihre Haare hat die junge Frau mit einem Tuch hochgebunden, vor dem Bauch liegt ein durchsichtiges Stück Stoff. Spannend ist der goldene Reif, den sie am Oberarm trägt: Auf diesen Reif hat Raffael seine Signatur gesetzt. Ein Indiz dafür, dass sie seine Geliebte war – einer völlig Unbeteiligten hätte er kaum seinen Namen auf ihren Schmuck geschrieben.
ERZÄHLERIN:
Andreas Henning hält es zumindest für nicht ganz abwegig, dass Raffael durchaus mehr Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht gemacht hatte als seine langjährige Verlobung und Kinderlosigkeit vielleicht vermuten lassen.
OT 9 Andreas Henning
Logisch, er ist ein Renaissancemensch und er entdeckt die Welt. Und da gehört natürlich nicht nur die Natur, nicht nur die Architektur, die Theologie, sondern gehört natürlich auch der menschliche Körper dazu, auch die Frau. Und insofern finde ich jetzt überhaupt keinen Widerspruch, Raffael auf der einen Seite mit den hochtheologischen Themen auch als Sinnenmensch mir vorzustellen. Das ist im Grunde zwingend sogar - ((sonst hätte er den Menschen in all seiner Persönlichkeit, in seiner Individualität, wie wir ja ihn in seinen Bildern sehen können, in den Porträts, in den Historiendarstellungen oder Altarbildern, das sind ja Mensch, da sind ja fast moderne Menschen haben, die wir sehen. Das geht nur, wenn man in Interesse hat für das Duo, für das Gegenüber, für seine Mitmenschen. … Und dazu gehört der Körper, das ganze Innenleben, die Seele, der Geist, die Persönlichkeit gehört auch dazu. Und insofern, glaube ich, war Raffael sicherlich auch dem Leben zugetan.))
ERZÄHLERIN:
Tatsache ist, dass viele von Raffaels Madonnen so aussehen wie jene römische Bäckerstochter. So auch die Sixtinische Madonna, die Raffael parallel zu den Arbeiten in den Stanzen des Papstes ab 1512 malte. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Altarbild von dem sächsischen Kurfürsten gekauft und befindet sich heute in Dresden.
SPRECHER:
Maria schreitet aufrecht über der mittleren Achse des Bildes über die Wolken, das Jesuskind im Arm, ihr Schleier bauscht sich im Wind und umrundet ihren Kopf, sie schreitet auf den Betrachter zu, in Richtung irdische Welt. Bei aller Schönheit strahlt ihr Gesicht einen tiefen Ernst aus. Zu Füßen der Madonna knien Papst Sixtus II – daher der Name „sixtinische Madonna“ – und die heilige Barbara. Das gesamte Gemälde ist von Gegensätzen durchwirkt: männlich und weiblich, jung und alt, die aktive Geste des Papstes und eine völlig in sich versunkene Barbara.
OT 10 Andreas Henning
Es ist ja nicht nur das klassische … Bildthema Maria mit Heiligen, das ist ein Bild-Thema, was seit 100 Jahren durchläuft und wofür es eine ganz normale Bildlösung gibt, nämlich Maria in der Mitte auf einem Thron, und Raffael hätte es genauso machen können, aber nein, er entscheidet sich für ein Ereignisbild, er entscheidet sich Maria schreiten zu lassen und das Jesuskind zur Erde also zur Inkarnation tragen zu lassen, wenn wir so wollen, haben wir hier ein Weihnachtsbild, nämlich die Geburt Christi und in ihrer Ernsthaftigkeit liegt schon das Wissen, was am Ende dieser Inkarnation passieren wird, nämlich am Lebensende Tod und Passion, Auferstehung Christi.
SPRECHER
Eine in den Wolken schwebende Maria übergibt ihr Kind der Welt, wo es am Kreuz sterben wird. Raffael hat hier die überirdische und die weltliche Sphäre miteinander verbunden – und so einmal mehr einen völlig neuen Bildtypus geschaffen.
ERZÄHLERIN:
Eine ganz eigene Karriere haben die beiden Engelchen unten auf der Brüstung gemacht. Auf Kaffeetassen, Regenschirmen und Kissenbezügen gedruckt sind sie zu den Stars eines jeden Museumsshops geworden.
SPRECHER
Auf dem originalen Gemälde lümmeln sie am unteren Bildrand herum und erinnern eher an irdische Kinder als an himmlische Engel. Einer der beiden stützt gelangweilt sein Kinn in die Hand, der andere hat den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt. Sie warten. Einerseits darauf, dass Maria den Menschen das Jesuskind übergibt, andererseits aber auch auf den Beginn der Messfeier, während der sich die Hostie in das Fleisch Christi verwandelt.
OT 11 Andreas Henning
Diese Engel sind extrem ungewöhnlich, die gibt es vor Raffael nicht, normalerweise spielen und musizieren die Engel, spielen mit dem Jesuskind. Und hier warten sie und ich glaube, dass das dazu geführt hat, dass sie so offen sind für jegliche Art von Deutung, also hier kann seine Empfindungen reinprojizieren und folglich können diese Engel auch für die verschiedensten Produkte verwendet werden.
ERZÄHLERIN:
Auch nach dem Tod Julius II. bleibt Raffael unter Leo X. päpstlicher Hofkünstler und fertigt beispielsweise die Vorlagen für den Teppichzyklus der Sixtinischen Kapelle.
Leo der X. überträgt ihm außerdem die Oberaufsicht über alle antiken Denkmäler Roms. Fortan leitet Raffael die Ausgrabungen in der Stadt und wirkt so auch als Archäologe. Am wichtigsten aber bleibt die Malerei. Etwa ab 1516 arbeitet er an der Transfiguration.
SPRECHER:
Das fast vier Meter hohe Gemälde zeigt im oberen Teil Christus in weißen Gewändern. In einer mandelförmigen Wolke schwebt er dem Himmel entgegen. Die ausgebreiteten Arme lassen seinen Körper dabei wie ein Kreuz wirken. Flankiert wird er von zwei Propheten mit den Gesetzestafeln in ihren Armen. Unter ihm haben sich drei Apostel zu Boden geworfen, geblendet von der hellen Erscheinung halten sie sich die Augen zu.
Im unteren Teil des Bildes ist die Heilung eines besessenen Knaben zu sehen. Im Gegensatz zu dem streng symmetrisch angeordneten oberen Bildhälfte mit Christus geht es hier chaotisch und ungestüm zu: Die Apostel starren auf einen Knaben, der, von seinen Eltern gehalten, offenbar gerade einen Anfall erleidet. Zwei von ihnen sind in Rot gekleidet und dadurch besonders hervorgehoben, sie deuten mit ihren Händen auf Christus: er ist es, der diesen Knaben heilen wird.
OT 12 Andreas Henning
Ich würde sagen, dass Raffael ein hochinnovativer Künstler ist … Er hat zeitlebens versucht die Bildthemen, die ja oft über Jahrhunderte schon tradiert waren, neu zu begreifen, sinnfällig zu greifen für seine Zeit verständlich zu machen, insbesondere die theologischen Themen, da gehört auch die Transfiguration dazu … wo er die Doppelnatur Christi als Gott und Mensch zugleich sinnfällig macht.
ERZÄHLERIN:
Neben der meisterlichen Ausführung ist Raffaels Stärke vor allem die „idea“, die „invenzione“, wie es in der Renaissance heißt, also die „Bilderfindung“.
SPRECHER:
Ein Porträt, das nur in einem Stich überliefert ist, zeigt Raffael in einen Umhang gewickelt in seinem Atelier auf einer Stufe lagernd. Links neben ihm lieg eine Palette und drei Gefäße, rechts eine noch unberührte Leinwand. Seine Hände – und das ist absolut untypisch für Malerporträts – sind nicht zu sehen, sie sind in den Umhang gewickelt. Gezeigt wird hier nicht die praktische Ausübung der Malerei, sondern die geistige Tätigkeit als wesentliches Element des Schaffensprozesses. Raffael verkörpert hier das Credo der Renaissance: Idee und Erfindung sind Voraussetzung für das künstlerische Schaffen, ja sie sind sogar wichtiger als die handwerkliche Ausführung.))
ERZÄHLERIN:
Die Transfiguration ist Raffaels letztes Bild. Am 6. April 1520 stirbt er mit nur 37 Jahren. Bevor er im Pantheon beigesetzt wird, wird er unter der Transfiguration aufgebahrt, also unter seinem eigenen Bild des gen Himmel aufsteigenden Christus. Die Zeitgenossen interpretieren die Parallelen zwischen Raffaels und dem Leben Christi als Beweis für seine Göttlichkeit. Wie Christus ist auch Raffael an einem Karfreitag gestorben, beide waren etwa im gleichen Alter, kinderlos und unverheiratet. Seither ist sein Ruhm ungebrochen. Hin und wieder trifft man Menschen, die ihn für einen kitschigen Madonnenmaler halten. Aber das liegt nicht an Raffael.
OT 13 Andreas Henning
Also wer bei Raffael nur das Süßliche sieht, der hat nicht hingeschaut. Denn Raffaels Bilder sind vielschichtig, Raffaels Figuren sind Individuen, genauso wie wir uns heute als Ich-Begabte Wesen begreifen, das können wir in diesen Bildern 500 Jahre zurück schon verfolgen, da beginnt das. … Und insofern würde ich sagen, … lasst uns alle zu Raffaels Bildern reisen und die Sachen im Original anschauen, denn man muss sich davorstellen. Man muss da vorgehen, vor- und zurücktreten, um wirklich eine sinnliche Erfahrung dieser Werke zu kommen. Sie sind fürs Auge gemalt. Das ist das Besondere und das großartige bei Raffael. Insofern müssen wir einfach unsere Augen öffnen und sie wahrnehmen.

Feb 19, 2024 • 22min
Glockenbecher - Archäologie und Genetik der Jungsteinzeit
In der Spätsteinzeit entstand in Europa die Glockenbecherkultur. Genetiker und Archäologen sind gemeinsam der Frage auf der Spur, wie diese weitläufige Kultur entstanden ist. Autor: Matthias Hennies (BR 2019)
Credits Autor dieser Folge: Matthias Hennies Regie: Martin Trauner Es sprachen: Johannes Hitzelberger, Constanze Fennel Technik: Andreas Lucke Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview:Elisabeth Reuter, Töpferin, Friedland;Prof. Philipp Stockhammer, LMU München;Dr. Wolfgang Haak, MPI für Menschheitsgeschichte, Jena;Dr. Guido Brandt, MPI für Menschheitsgeschichte, Jena;Prof. Harald Meller, Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, Halle
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Atmo 1 Werkstatt 43:35
Schmirgeln, Klopfen, Wasser rauscht
Sprecher
Elisabeth Reuter, Töpferin, sitzt in ihrer Werkstatt an einem alten Tisch und knetet eine Rolle Ton. Trennt ein Stück ab und formt ein Gefäß.
1. O-Ton Reuter 13:20
Geräusche. Ich drehe es auf der Unterlage immer und bearbeite es auf der einen Seite mit den Daumen und auf der anderen Seite mit den restlichen Fingern, also mit beiden Händen gleichzeitig -
Atmo 2 Werkstatt 39:27 unterlegen
MUSIK
Sprecherin / Titel
Glockenbecher – Archäologie und Genetik der Jungsteinzeit. Eine Sendung von Matthias Hennies („Hénnjes“).
Sprecher
Elisabeth Reuter töpfert einen Becher, der in der Jungsteinzeit, im 3. Jahrtausend vor Christus, in ganz Europa verbreitet war. Damals kannten die Menschen die Töpferscheibe noch nicht, auf der sich Tongeschirr viel schneller produzieren lässt. Die Töpferin aus Friedland in Hessen ist Spezialistin für Gefäße aus frühen Jahrtausenden. Im Handumdrehen formt sie ein rundes Schälchen, Basis für einen „Glockenbecher“, der mit jeder neuen Rolle Ton, die sie auf den Rand aufsetzt, größer wird.
2. O-Ton Reuter 17:45
Und damit das Gefäß breiter wird, setze ich das nicht in die Mitte, sondern eher zum Rand hin und drücke es auch noch nach außen. Wir brauchen die Glockenform.
MUSIK
Sprecher
Der „Glockenbecher“ ist ein gutes, gründlich erforschtes Beispiel für eine große Frage der Geschichtswissenschaften: Wie haben sich in der Vergangenheit neue Ideen verbreitet? In einer Epoche, als es noch keine Schrift gab, als die Menschen nicht in großen, gut organisierten Staaten, nicht in dicht bevölkerten Städten lebten: Haben Einwanderer in jenen Zeiten neues Gedankengut eingeführt? Oder verbreitete es sich von Mund zu Mund, durch Reisende oder Händler, als Ideen-Transfer?
Atmo 3, 35:25 (50:50)
Schaben
3. O-Ton Reuter 45:59
Ich bearbeite es noch mal nach, um es zu glätten und oben auseinanderzuziehen-
Sprecher
Das Gefäß erinnert an eine Glocke, die auf dem Kopf steht: Ein voluminöser Bauch, dann ein schmaler Hals, der sich wieder zu einer weiten Mündung öffnet. Es war mit regelmäßigen Linien und Mustern verziert. Die Töpferin demonstriert, wie man sie herstellt: Sie legt behutsam eine Schnur um das weiche, ungebrannte Gefäß.
4. O-Ton Reuter 53:08
Das sind so Kordeln, gedrehte, die kann ich in den Ton eindrücken, muss ich mit gutem Augenmaß arbeiten, ich habe jetzt eine Linie rund um mein Gefäß eingedrückt, das sieht man als leichte schräge Spuren in dieser Linie.
MUSIK
Sprecher
Linie wird unter Linie gesetzt, danach ist der Becher fertig zum Brennen. Etwa acht Stunden später kommt ein fein verziertes, stabiles Gefäß aus dem Feuer. Wozu mag man es im dritten Jahrtausend vor Christus verwendet haben?
4 ½. O-Ton Stockhammer 2’20 neu
Wir wüssten natürlich sehr gern, was es mit denen auf sich hat, gerade mit dieser einheitlichen Form: Es gibt Nahrungsrückstands-Analysen an einigen wenigen dieser Becher, in denen man „Mädesüß“ gefunden hat. Ein mir vorher auch unbekanntes Kraut, aus dem man eine alkoholische Substanz ziehen konnte, vielleicht war der Glockenbecher einfach ein spezifisches Gefäß zum Konsum alkoholischer Getränke, so wie wir in Bayern einen Maßkrug haben.
Sprecher
Für die Archäologie ist etwas Anderes wichtiger, stellt Philipp Stockhammer klar, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München: Dass Glockenbecher gegen Ende der Jungsteinzeit massenhaft als repräsentative Grabbeigaben dienten. Unzählige Exemplare haben sich bis heute erhalten, quer durch Europa, und die Gräber hatten – mit kleinen Abweichungen – immer dieselbe Ausstattung, immer dieselben Beigaben.
5. O-Ton Stockhammer 1‘37
In Mitteleuropa würde das Glockenbechergrab eine Körperbestattung sein, mit angezogenen Beinen, es ist eine so genannte Hockerbestattung, wobei alle Skelette Nord/Süd orientiert waren und die typischen Beigaben waren bei den Männern neben einem Keramikbecher oft ein Kupferdolch und eine so genannte Armschutzplatte, das ist etwas, was man am Arm trägt, damit die Sehne des Bogens, wenn man schießt, nicht den Unterarm verletzt.
MUSIK
Sprecher
Viel weiß man nicht über die Gemeinschaften, die diese Bestattungssitte praktizierten. Die Krieger kämpften offensichtlich mit Pfeil und Bogen, sie nutzten vermutlich schon Pferde als Reittiere. Lebensgrundlage war die Landwirtschaft, die Menschen bearbeiteten Äcker und züchteten Vieh. Siedlungen sind in Mitteleuropa bisher nur selten zu Tage gekommen. Die auf dem gesamten Kontinent verbreiteten, einheitlichen Gräber deuten aber auf ein weit gespanntes Kommunikationsnetzwerk hin, das Bevölkerungsgruppen über große Entfernungen verband. Zugleich lassen sie auf eine ziemlich egalitäre Sozialstruktur schließen, doch mancherorts gab es auch eine wohlhabendere Schicht.
MUSIK aus
5 ½. O-Ton Stockhammer 4:55 neu
Es gibt Gräber auch in Süddeutschland, mit Gold, mit Bernstein – und wir haben auch ein Grab in Süddeutschland, das mit spanischem Silber ausgestattet ist, also Objekte, die klar zeigen, ja, es gab Menschen, die in diesem Netzwerk offensichtlich eine herausragende Position innehatten und denen es möglich war, über dieses Netzwerk aus fremden Regionen Objekte und natürlich auch Wissen zu beziehen.
Sprecher
Entscheidend für die Entwicklung der „Glockenbecher-Kulturen“ war der Einfluss von Steppenhirten, die aus Osteuropa kamen.
6. O-Ton Stockhammer 6:01
Im frühen dritten Jahrtausend wanderten aus der heutigen Ukraine, kann man vielleicht sagen, Steppenhirten nach Mitteleuropa ein, ja, sie kamen bis nach Spanien und wir sehen genetisch bei diesen Einwanderern, dass es vor allem Männer waren. Es ist sehr spannend – wir sehen es am Y-Chromosom, das wird ja auf der männlichen Linie weitergegeben – dass sich das in ganz Europa ausbreitet und auch quasi durchsetzt. Wir wissen nicht, wie friedlich das abgelaufen ist, vor allem, weil zur selben Zeit die männlichen lokalen Linien alle enden.
MUSIK
Sprecher
Friedlich kann es wohl kaum abgegangen sein. Archäologische Belege dafür sind allerdings noch nicht zutage gekommen. Am Erbgut von Skeletten aus Glockenbecher-Gräbern lässt sich nur nachweisen, dass die Steppenhirten einheimische Frauen nahmen und sich mit der mitteleuropäischen Bauernbevölkerung vermischten.
MUSIK aus
7. O-Ton Stockhammer 7:22
Und aus dieser Vermischung ist eben nicht nur genetisch was passiert, sondern auch kulturell was passiert: Und dieses Glockenbecher-Phänomen ist quasi eine kulturelle Bewältigung dieser Einwanderer aus dem Osten.
Sprecher
Mit der Expansion der Männer aus der Steppe verbreiteten sich die Glockenbecher-Kulturen rasant, quasi parallel zum Weg der Einwanderer. Quer durch Europa, von Osten nach Westen zunehmend, gaben die neuen Gemeinschaften ihren Toten die unverwechselbaren Tongefäße mit ins Grab. Offen war bisher jedoch, ob allein die Migranten aus dem Osten die neue Sitte weitergetragen haben oder ob sie auch unabhängig von den Steppenhirten praktiziert wurde.
Ein internationales Forscherteam hat nun Knochen und Zähne von 400 Menschen aus Glockenbecher-Gräbern auf Erbgut der Steppenhirten untersucht, in einer der bisher umfangreichsten Untersuchungen prähistorischer DNA. Archäologen aus ganz Europa holten dafür Skelettreste aus früheren Ausgrabungen aus den Magazinen.
8. O-Ton Haak 8:23
Wir sprechen von Proben aus Portugal, Spanien, Frankreich, den britischen Inseln, dann über Benelux und Mitteleuropa bis hin nach Tschechien, Italien und Ungarn hinein.
Sprecher
Das Projekt eröffnete neue Einblicke in die Veränderungen im Genom der Europäer und illustriert zugleich die großen Fortschritte der Genforschung, erläutert Dr. Wolfgang Haak vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, der als Genetiker daran mitgearbeitet hat.
8 ½. O-Ton Haak 1:32 neu
Ich komme ja noch aus einer Generation, wo man das ganz mühselig aus diesen alten Knochenfunden herausarbeiten musste, das waren ganz langwierige Prozesse, und man hat da mit großem Aufwand ganz wenig Informationen herausbekommen, also nur noch wenige Bruchstücke aus dem Genom, die man dann zusammengestückelt hat, und damals hat man noch alles allein gemacht, man hat alles von A-Z, der Probennahme bis letztlich zur Publikation machen können, das ist heute nicht mehr der Fall.
Sprecher
In den großen Projekten der Paläogenetik arbeiten jetzt Spezialisten in Dutzenden Labors von Harvard über Kopenhagen bis Jena zusammen. Das ist möglich – und oft auch nötig –, weil Millionen von Erbgut-Proben nun parallel, in Massen-Analysen, untersucht werden können.
9. O-Ton Haak 4:09
Da musste man auch sich auf den Hosenboden setzen, schön Hausaufgaben machen, das war ne steile Lernkurve für uns alle, das hat natürlich die gesamte Molekulargenetik betroffen, also nicht nur die alte DNA, sondern die Biologie insgesamt, und da ist es egal, was man sequenziert, ob das jetzt die Hefe ist oder der Löwe aus dem Zoo oder eben prähistorische Menschen, wir sind jetzt in der Lage, mit höchster Auflösung die Dinge anzugehen.
Atmo 4 Labor Brandt 1, 58:50 und MUSIK
Roboter gurgelt, rasselt, brummt
Sprecher
Ein Roboter fährt auf einer Laborbank des Jenaer Forschungsinstituts hin und her. Er pipettiert minimale Mengen Erbgut und Chemikalien in winzige Kanäle in einem blauen Kunststoffklotz. Damit beginnt das erste der drei entscheidenden neuen Verfahren: die „Library Preparation“, der Aufbau einer DNA-Bibliothek. Laborleiter Dr. Guido Brandt erläutert die Hintergründe.
10. O-Ton Brandt 3:38
Ich habe ein DNA-Fragment aus einer Probe und damit ich dieses DNA-Fragment analysieren kann, muss ich es manipulieren. Und das machen wir, indem wir an die beiden Enden dieses DNA-Fragments bekannte DNA-Sequenzen herankleben. Das sind selbst designte Sequenz-Schnipsel, die Sie bei Firmen in Auftrag geben und die synthetisieren synthetische DNA. In diesen „Adaptern“, wie wir sie nennen, sind bestimmte Bereiche enthalten, die dafür verantwortlich sind, dass ich die DNA vervielfältigen kann, dass ich sie später aber auch von Fragmenten einer anderen Probe unterscheiden kann. Man muss sich das so vorstellen wie einen Barcode, wie an der Supermarktkasse einen Strichcode.
Sprecher
Dank dieses “Strichcodes” sind die Proben aus dem Erbgut eines Menschen identifizierbar – und können im nächsten Arbeitsschritt zusammen mit der DNA mehrerer hundert anderer Individuen sequenziert werden. Die „Massive Parallele Sequenzierung“, der zweite große Fortschritt, beruht einer dramatischen Verbesserung der Sequenziermaschinen.
11. O-Ton Brandt 7:30
Die Technik von vor 15 Jahren, die wurde letzten Ende verwendet, um das erste humane Genom zu erzeugen, man hat da zwei Jahrzehnte dran gearbeitet und es hat Millionen von Dollar verschlungen, heute ist es möglich, ein humanes Genom für unter 1000 Dollar in 24 Stunden zu erzeugen. Der große Vorteil ist einfach diese massive parallele Sequenzierung, die es mir erlaubt, viele hundert Individuen auf einmal zu bearbeiten und eben Millionen von DNA-Sequenzen in einem Sequenzierlauf zu erzeugen.
Sprecher
Früher mussten Forscher für die Sequenzierung einen Abschnitt aus einer DNA-Probe auswählen. Dass beim „Next Generation Sequencing“, wie es auch genannt wird, nun Millionen DNA-Sequenzen gleichzeitig bearbeitet werden, vereinfacht insbesondere die Erforschung Alten Erbguts: Nun fällt eine solche Fülle von Daten an, dass es keine Bedeutung mehr hat, wenn einige DNA-Sequenzen nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden nicht mehr intakt sind. Die Paläogenetik erlebt daher einen mächtigen Boom.
MUSIK
Sprecher
Die neue Technik wäre nicht komplett ohne den Entwicklungssprung in der Bioinformatik. Um die gigantischen Datenmengen aus der Parallelen Sequenzierung auswerten zu können, mussten neue Computerprogramme geschrieben und leistungsstarke Rechner angeschafft werden.
12. O-Ton Brandt 22:18 (O-Ton vorn gekürzt!)
Durch das Library Prep werden einfach alle Moleküle, die in meiner Probe drin sind, in eine Library transferiert und damit ist es möglich, alle sofort zu sequenzieren. Und später dann eben am Computer der richtigen Position im Genom zuzuordnen. Es wird dann über bestimmte bio-informatische Algorithmen errechnet, wo ein Sequenzschnipsel im Genom am besten hinpasst.
MUSIK
Sprecher
Den Wissenschaftlern eröffnen sich damit neue Erkenntnis-Möglichkeiten:
Statt vor der Analyse auf gut‘ Glück einen DNA-Abschnitt auszuwählen, können sie jetzt das komplette Erbgut mehrerer Individuen rekonstruieren und danach entscheiden, wo die vielversprechenden Abschnitte liegen: Die Y-Chromosomen für die männlichen Linien etwa, die mitochondriale DNA für die Vererbung auf mütterliche Seite oder Mutationen im Erbgut, wenn es um die Charakterisierung von Bevölkerungsgruppen geht.
MUSIK aus
Sprecher
Im Glockenbecher-Projekt fanden die Genetiker das Erbgut der Steppenhirten in fast allen Skelettresten aus Mittel- und Westeuropa. Nur in den ältesten Proben, die auf etwa 2800 vor Christus datiert werden und aus Spanien stammen, ließ sich keine DNA der Einwanderer feststellen. Für den Archäologen Stockhammer ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung: Glockenbecher waren auf der iberischen Halbinsel schon vor Ankunft der Einwanderer bekannt. Die neue Bestattungssitte hat sich also nicht nur durch Migration in Europa verbreitet, sondern ist unter iberischen Bevölkerungsgruppen schon vorher weitergetragen worden: als Ideentransfer, sozusagen von Mund zu Mund.
13. O-Ton Stockhammer 11:11& 23:17
Der Impetus kam durch Einwanderer, aber das Glockenbecher-Phänomen an sich ist dann nicht durch großräumige Wanderungen entstanden, sondern durch Kontakt zwischen den Beteiligten. Es war sicher das erste großräumige Phänomen, von dem man zeigen konnte, dass es nicht vor allem durch Migration entstanden ist.
Sprecher
Ausnahme: Die britischen Inseln, die die Einwanderer ab Mitte des dritten Jahrtausends vor Christus eroberten. Sie löschten die Einheimischen, deren Vorfahren einst Stonehenge erbaut hatten, fast vollständig aus. Und sie brachten die Glockenbecher mit: Auf den britischen Inseln verlaufen Einwanderung und Verbreitung von Glockenbechern eindeutig parallel.
Insgesamt gesehen, liefert die Studie neuen Stoff für einen alten Streit. Lange meinten Altertumswissenschaftler, wo einheitliche Fundensembles zu Tage kamen, hätte auch eine einheitliche Menschengruppe gelebt. So sprach man von einem „Glockenbecher-Volk“.
Oder man meinte, überall, wo eiserne Bratspieße und so genannte „Antennendolche“ ausgegraben wurden, hätten Kelten gewohnt. In den sechziger Jahren kamen Zweifel auf: Kann man tatsächlich aus ähnlichen Objekten schließen, dass ein Volk sie hervorgebracht hat, mit einer übereinstimmenden Signatur des Erbguts? Die Glockenbecher-Untersuchung spricht dagegen.
14. O-Ton Stockhammer 7‘57
Wir haben ja die Gräber der Einwanderer, bevor sie nach Mitteleuropa kamen. Die hatten eben auch Becher, aber die waren keine Glockenbecher, die waren eben ein bisschen anders, die waren schnurverziert. Die hatten keine Kupferdolche, die hatten Steinäxte, die hatten auch Hockerbestattungen, aber nicht Nord-Süd, sondern Ost-West. Und das Spannende ist, das Glockenbecher-Phänomen dreht quasi alle kulturellen Aspekte dieser Steppenhirten in ihr Gegenteil, aber es bleibt ein Dialog, wie eine Dialektik, zwischen dem, was da aus dem Osten in den Westen gekommen ist und dem, was vorher schon im Westen da war.
Sprecher
Die Glockenbecher-Sitte und die Kultur der Einwanderer gehen nicht auf denselben Ursprung zurück, betont Stockhammer, haben sich im Umbruch der massiven, blutigen Einwanderungswelle aber gegenseitig beeinflusst.
Doch die alte Streitfrage ist noch nicht entschieden. Gerade am entscheidenden Resultat der Studie, das den Ideentransfer belegen soll, hat der Genetiker Wolfgang Haak Zweifel. Er hebt hervor: Die Verbreitung von Glockenbechern fällt räumlich und zeitlich zum allergrößten Teil mit der massiven Expansion der Steppenhirten zusammen. Nur die ältesten, auf 2800 vor Christus datierten Glockenbecher aus Spanien passen nicht ins Bild.
15. O-Ton Haak 18:28 (vorn gekürzt!)
Das sind nur diese ersten 300 Jahre, wo das nicht zusammengeht, dann später geht es wirklich 1:1 zusammen, was wir im Rest des Genoms sehen und auch die archäologische Sachkultur, das geht Hand in Hand.
MUSIK
Sprecher
Ist die Datierung der spanischen Funde wirklich zuverlässig? Die Jahreszahl 2800 vor Christus wurde nicht aktuell im Rahmen der Studie ermittelt, sondern lag bereits aus der Ausgrabung vor. Und, so Haak weiter, lassen sich diese Gräber eindeutig der Glockenbecher-Kultur zuordnen? Der Genetiker, der in mehreren internationalen Großprojekten aktiv ist, will das europaweite Phänomen nun noch detaillierter erforschen: mit neuen archäologischen Daten und Erbgut-Analysen von mehreren tausend Individuen.
MUSIK aus
Sprecher
Weitere Untersuchungen bieten sich auch an, weil hinter der neuen Bestattungssitte mehr steht als nur eine andere Grabbeigabe: Die Menschen begannen eines Tages, ihren Toten Glockenbecher ins Grab zu legen, weil sie für sie eine konkrete Bedeutung hatten. Sie waren Ausdruck einer bestimmten Überzeugung, eines Glaubens. Welche Wünsche und Hoffnungen damit verbunden waren, lässt sich nicht rekonstruieren, doch es war eine neue Religion oder eine neue Ideologie. Und sie hatte erstaunlichen Erfolg, verbreitete sich von Ungarn bis Portugal, von Italien bis auf die britischen Inseln. Die Menschen standen trotz der Entfernung miteinander in Verbindung, sie bildeten ein Netzwerk, sagen die Forscher.
16. O-Ton Haak 25:30
Warum hat es immer wieder funktioniert? Da muss es ja ein kulturelles oder soziologisches Konzept gegeben haben, vielleicht auch eine Ideologie, die dann attraktiv war, das war möglicherweise einfach das Wirtschaftsmodell, das gezogen hat, das Gelobte Land, das neue Ding, es ging aufwärts, vorwärts, das ist ein Modell, das man mal prüfen müsste.
Sprecher
Dieses Netzwerk bereitete wahrscheinlich der Innovation den Boden, die eine neue Epoche einläutete: der Herstellung der Bronze, des ersten praktischen Metalls. Mancherorts in Europa hatten Menschen schon vorher Kupfer bearbeitet, aber kupferne Waffen und Werkzeuge sind relativ weich.
Legiert man Kupfer jedoch mit etwas Zinn, wird das Material härter, lässt sich gut bearbeiten und glänzt obendrein wie Gold: Das sind die Vorzüge der Bronze. Bronze ist aber nicht leicht herzustellen, weil Zinnvorkommen in Europa rar sind: Größere Lagerstätten finden sich nur im äußersten Westen Englands, im heutigen Cornwall. Dort ließen sich Menschen der Glockenbecher-Kulturen ab 2450 vor Christus nieder. Viele Archäologen vermuten, dass sie die Kenntnis von der Zinnbronze über den Kontinent verteilten. Philipp Stockhammer:
MUSIK
17. O-Ton Stockhammer 37:22
Gerade das Glockenbecher-Netzwerk war einer der entscheidenden Momente, Wissen auszutauschen: Oh, hier haben wir die Zinnlagerstätten, oh, hier haben wir Kupfer, oh, hier haben wir die neuen metallurgischen Techniken aus dem Orient. Und deshalb war das Glockenbecher-Phänomen eigentlich die entscheidende Triebfeder für die Herausbildung der Bronzezeit in Mitteleuropa, und ich sehe in meinen Forschungen, dass sich in Mitteleuropa eigentlich nur dort die frühe Bronzezeit entwickeln konnte, wo wir vorher auch das Glockenbecher-Phänomen fassen.
MUSIK aus
Atmo 5 XII 56-807, 0:09
Besucher im Museum
Sprecher
Etwa ab 2400 vor Christus entwickelte sich ein Zentrum der frühen Bronze-Herstellung im östlichen Mitteldeutschland. Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle kann eine Fülle einschlägiger archäologischer Funde präsentieren.
18. O-Ton Meller 5:38
Die frühesten Bronze-Objekte, die wir hier haben, kann ich Ihnen zeigen, das sind Dolche…
Atmo 6 Museum XI 57-799, 7:50
Schritte
Sprecher
Professor Harald Meller, Museumsdirektor und Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, ist an mehreren Forschungsprojekten zum Anfang der Bronzezeit in Europa beteiligt. Auch er zieht eine Verbindung zwischen der Glockenbecher-Kultur und der Metallverarbeitung.
19. O-Ton Meller 13:27
Die Fähigkeit, Bronze herzustellen, gibt es schon ganz alt im Vorderen Orient und am Balkan, aber bei uns in Mitteleuropa ist die Bronzeherstellung noch mal erfunden worden, zumindest ist das die Hypothese, durch die Eroberung von Südengland, Glockenbecherleute erobern Südengland, und die entdecken dann in Cornwall das Zusammentreffen von reichen Zinnquellen in den Flüssen und dieses Zinn ermöglicht es natürlich, Bronze herzustellen.
Atmo 6 Museum XI 57-799, 7:50
Schritte
Sprecher
Vor einer Wand-hohen Vitrine, in der auf dunklem Stoff mehrere Reihen bronzener Beilklingen aufgehängt sind, eine wie die andere, wird deutlich, welche Revolution die Entdeckung dieses Materials bedeutete: Sie veränderte die Gesellschaft grundlegend.
20. O-Ton Meller 18:39
Der Bronzeguss ist für uns so wahnsinnig wichtig, weil damit die Menschen zum ersten Mal selbstgeschaffen identische Dinge herstellen. Vorher hast du ein Steinbeil, jedes Beil ist anders, abhängig von der Quelle. Das heißt, ein Fürst lässt 100, 200, 300 Beile gießen, und die sind völlig identisch, die kann er jetzt an die Bauernsöhne verleihen, kann er eine Armee aufstellen.
MUSIK
Sprecher
Ab Ende des dritten Jahrtausends vor Christus herrschten erstmals mächtige Fürsten in einigen Gegenden Mitteleuropas. Aus den Glockenbecher-Kulturen, die kaum Hierarchien kannten, hatte sich eine neue Gesellschaftsstruktur gebildet. Meller spricht dabei übrigens von „Glockenbecherleuten“ – als ob sich die bauchigen Tongefäße doch mit einer genetisch einheitlichen Bevölkerung identifizieren ließen. Über die Frage, ob die Bestattungssitte mit Glockenbechern, die erfolgreiche neue Religion, von Einwanderern verbreitet wurde oder als Idee von Mund zu Mund wanderte, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Feb 19, 2024 • 24min
Europas erste moderne Menschen - Leben in der Eiszeit
Es ist bitterkalte Eiszeit. 30.000 Jahre zurück in Europa. Was wissen wir über unsere genetischen Vorfahren? Archäologinnen und Archäologen durchleuchten das Genom und stoßen auf überraschende Erkenntnisse zum Leben der Eiszeit-Menschen, der ersten anatomisch modernen Menschen in Europa. Autorin: Katharina Hübel
Credits Autorin dieser Folge: Katharina Hübel Regie: Irene Schuck Es sprachen: Jennifer Güzel Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview:Dr. George McGlynn, Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München;Prof. Dr. Cosimo Posth, Urgeschichte und naturwissenschaftliche Archäologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen;Prof. Dr. Wilfried Rosendahl, Generaldirektor der Reiss-Engelhorn-Museen und wissenschaftlicher Vorstand des Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie GmbH;Prof. Dr. Thorsten Uthmeier, Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
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Steinzeit in Bayern. Das Handbuch in zwei Bänden. Hg. Von Thorsten Uthmeier und Doris Mischka. Wbg Theiss. 2023.
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MUSIK 1a
"Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'09
01 OT McGlynn
(Atmo Knistern) Wie Sie sehen: sehr gut verpackt, um den Schutz zu gewähren… In diesem Fall haben wir hier einen Oberschenkel und sehr schön intakt…
Sprecherin:
In drei unspektakulär grauen Pappkartons – Spezialanfertigung, säurefrei – lagert er: der älteste Homo Sapiens, den Wissenschaftler bislang in Deutschland gefunden haben, der Menschentyp, der dem Neandertaler den Rang ablaufen wird. Rund 34.000 Jahre alt, aus der Eiszeit. Ein „Bayer“, wenn man so will. Der so genannte „Mann von Neu-Essing“. In den Kisten der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München lagert sein Schädel, mit deutlichen Löchern zwar, aber dennoch gut erkennbar als menschlich, die beiden Kiefer mit Zähnen, Rückenwirbel, Arm- und Fingerknochen, Rippenbögen, Bruchstücke des Beckens, Schenkelknochen…
02 OT McGylnn
Knochenoberflächengelenk hier… und Muskelansätze auf der anderen Seite sehr gut zu erkennen…
MUSIK 1
"Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'20
Musik 2
In the High Valleys - Album: Nanga Parbat (Original Soundtrack) - Komponist: Stephan Micus - Album: Länge: 0'34
Sprecherin:
Der „Mann von Neu-Essing“ ist einer der ersten anatomisch modernen Menschen, die in Europa überhaupt gelebt haben. Menschen, die uns mitgeprägt haben. Können deren Skelette Antworten geben auf die Fragen: Woher stammen wir? Wer sind unsere Vorfahren?
03 OT McGlynn
Funde aus dieser Zeit sind absolute Raritäten.
Sprecherin
Sagt der Wissenschaftler Dr. George McGlynn. Das heutige Nordspanien, Frankreich oder Belgien, beispielsweise, sind Regionen, die vor 34.000 Jahren ebenfalls eisfrei waren und bewohnt von homo sapiens. Zudem waren Teile des heutigen Tschechiens und Österreichs von einzelnen Menschengruppen bewohnt. Jäger und Sammler, die mobil waren und den Tieren hinterher zogen.
04 OT McGlynn
Wir sprechen von einem Zeitpunkt, wo doch viel Vergletscherung war und eine sehr harsche Umgebung. Der Neuessinger Mann ist ein fast vollständig intakter Skelettfund, manche von den anderen Funden sind lediglich einzelne Knochenfunde, ein Kiefer, ein Schädelstück, deshalb ist der Neuessinger Fund auch etwas ganz Besonderes wegen seiner Intaktheit. Man kann schon sagen, die Fundzahl von fünf, sechs Fundplätzen beträgt so um die 35 bis 40 Funde. Das ist ein absoluter Glücksfall, wenn man etwas findet, ganz selten findet man mehrere Teile eines einzelnen Individuums. Und anhand dieser fragmentierten Funde ist man praktisch als Wissenschaftler gezwungen, sehr viel reinzulesen. Aber es ist auch eine Riesenherausforderung.
Sprecherin
Die George McGlynn nicht alleine angeht.
Musik 3
"Baud" - Album: Stator - Länge: 0'5
Sprecherin
Die Archäologie hat im letzten Jahrzehnt durch naturwissenschaftliche Methoden einen Modernisierungsschub bekommen. Archäologen kooperieren mit Chemikern, Genetikern, Informatikern. Denn manchmal trügt der Anschein und erst das Labor verrät die korrekten Daten. Wie beim „Mann von Neu-Essing“, der über viele Jahrzehnte falsch datiert, nämlich viel jünger geschätzt, in den Archiven verschwunden war. Sein Fall ist nun wieder aufgerollt und liefert neue Erkenntnisse über die Menschen in der Eiszeit.
Wind und Schritte
Sprecherin
Wobei mit „Eiszeit“ die letzte Kaltzeit in der Geschichte unseres Planeten gemeint ist.
Durchgängig kalt und eisig war es dabei gar nicht immer, erklärt Prof. Thorsten Uthmeier, der am Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg arbeitet und den Fundort des Mannes von Neu-Essing mit untersucht hat.
OT05 Uthmeier
Im Schnitt ist es so, dass die Jahresmitteltemperaturen bestimmt so zwischen sechs und acht Grad niedriger waren als die heutigen Jahresmittelwerte, mit auch während der Eiszeiten relativ milden Sommern, aber eine kurze Vegetationsperiode und sehr, sehr kalte Winter. Also im Schnitt Temperaturen von minus zwanzig bis minus zehn Grad.
ATMO Schritte auf Schnee / Wintersturm
Sprecherin
Die Temperaturen konnten aber auch auf Minus vierzig Grad fallen, Dauerfrost war angesagt. Und oft gab es Winterstürme. Klima-Archäologen rekonstruieren die Temperaturen der Vergangenheit über Eisbohrkerne, aus Grönland oder der Antarktis. Gigantische Bohrkerne von über 3 Kilometern Länge.
Musik 4
"Baud" - Album: Stator - Länge: 0'55
Sprecherin
Im Eis ist Staub eingeschlossen, außerdem Luft. Noch wichtiger: Sauerstoff, der im gefrorenen Eiszeitwasser konserviert ist. Er kann Chemikern etwas über die damalige Temperatur verraten. Je nachdem, wie viele Neutronen sich in den Sauerstoffatomen befinden. Ihre Anzahl schwankt je nach Außentemperatur. Außerdem geben Knochen-Funde Aufschluss über die eiszeitlichen Lebensbedingungen. Wissenschaftler nennen sie: „Umwelt-Archive“. Über die Knochen bestimmen die Archäologen die Tierarten und wann sie gelebt haben. Damit wissen sie, wovon sich die Menschen damals ernährt haben und bekommen auch eine Vorstellung von den Temperaturen.
07 OT Uthmeier
Hier sind es in der Regel Rentiere, zum Teil auch Pferde, die haben eine große Temperaturtoleranz, die weichen dann vielleicht auf andere Weidegebiete aus. Die können auch niedrigeren Temperaturen widerstehen.
Sprecherin
Kleinere Tiere wie bestimmte Maus- oder Nagerarten hingegen halten extreme Kälte nicht so gut aus. Auch Pflanzen verraten mehr über das Klima und über die Möglichkeiten der Menschen.
OT08 Uthmeier
Wir dürfen uns das nicht so vorstellen, dass das Wälder gewesen sind, sondern in aller Regel sind das so kleine buschartige Gewächse von Nadelgehölzen. Wir wissen, dass die Beschaffung von Brennholz wahrscheinlich eine relativ schwierige Aufgabe gewesen ist. Weil es durchaus Konstruktionen gibt, um mit dem Brennholz besonders ökonomisch umzugehen. Regelrechte Herdkonstruktionen, eine Steinsetzung, die man dann mit einer Steinplatte abgedeckt hat. Und auf diese Art und Weise hatte man eigentlich einen kleinen Ofen und konnte auf diese Weise mit der Erhitzung der Steine ganz ökonomisch mit dem Brennholz umgehen, und das waren meistens nur kleine Zweige.
Sprecherin
Das Eis der kilometerhohen Gletscher bedeckte vor 34.000 Jahren ganz Nordeuropa, aber auch das heutige Nord- und Ostdeutschland, sowie den untersten Zipfel Süddeutschlands. Bayern hingegen – der Lebensraum des Mannes von Neu-Essing - war größtenteils eisfrei. Die Gebiete des heutigen Bodensees, Ammersees, Starnberger Sees und Chiemsees lagen allerdings unter einer über ein Kilometer dicken Eisschicht. Die Landschaft weiter nördlich bestand aus üppigen Steppen, die im Sommer auch schnee- und eisfrei waren und in denen Jäger und Sammler ein gutes Nahrungsangebot finden konnten. Da viel Wasser in den Gletschern gespeichert war, war der Himmel recht wolkenfrei und hell, mit viel Sonnenschein.
OT09 Rosendahl
Damals waren die Tiergruppen, die in großen Herden vorhanden waren, das wichtige Lebenspotenzial.
Sprecherin
Professor Wilfried Rosendahl ist wissenschaftlicher Vorstand des „Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie“, das den „Mann von Neu-Essing“ neu durchleuchtet hat.
Musik 5
"In to the void" - Komponist: Bill Laswell - Album: Filmtracks 2000 - Länge: 0'37
Sprecherin
Weitläufige Gras-Steppen voller Kräuter und Blumen sind der Lebensraum für zahlreiche Herden von Wollhaar-Mammuts, Wild-Pferden, Riesenhirschen oder Moschusochsen. Aber auch für gefährlichere Tiere, die sich heute in Mitteleuropa nicht mehr wohl fühlen würden wie Flusspferde und Wollhaarnashörner; zottelige Höhlenbären, -Löwen, -Hyänen und Säbelzahntiger. Die Menschen zur letzten Kaltzeit hatten – trotz aller Gefahren – also einen reich gedeckten Tisch:
OT10 Rosendahl
Die können Wurzeln essen. Sie können im Herbst Nüsse essen, im Frühjahr Beeren. Sie können frische Blätter essen, aber das limitiert sich natürlich mit dem Vorhandensein von Vegetation. Aber im Frühjahr gibt es eben Pflanzensprösslinge, die sie essen können.
Sprecherin
Löwenzahnblätter, junge Fichtenspitzen. Heilende Kräuter wie Thymian oder Spitzwegerich, Birkenblätter. Als besondere Delikatesse gab es manchmal sogar Honig – und fischen konnten die Menschen vor 34.000 Jahren natürlich auch schon.
Atmo Eiszeit: peitschender Wind
Sprecherin
Der Winter konnte mit Stürmen recht ungemütlich und kalt werden, aber die Jäger und Sammler wussten sich zu helfen – mit Zeltkonstruktionen, Rückzug in Höhlen und natürlich: Feuer.
11 OT Rosendahl
Die Menschen konnten Leder gerben, sie konnten Kleidung herstellen, sie konnten nähen, sie haben Knochenwerkzeuge hergestellt, Steinwerkzeuge hergestellt. Sie haben aus Elfenbein Kunstwerke geschnitzt. Sie haben aus Knochen Flöten gemacht, sie haben sich wahrscheinlich geschminkt. Also sie hatten ein ganz, ganz buntes Leben. Um das tägliche Überleben zu sichern, mussten sie nicht acht Stunden am Tag arbeiten. Man muss sich bewusst machen: Es gibt Eiszeit-Kunstwerke in Südwestfrankreich, da sind in die Felswand hineingepickelt mit Steinwerkzeugen Pferde, die galoppieren über einen Meter Länge, drei, vier Pferde hintereinander. Das machen Sie nicht, wenn Sie täglich jede Sekunde irgendwie am Lebenslimit nagen und gucken müssen, dass Sie überleben, da ist auch Zeit für Muße, für Schönes und für Kreativität.
Sprecherin
Für die Jäger und Sammler vor zehntausenden von Jahren gab es mehr im Leben als nur das Überleben. Das Neu-Essing-Skelett wurde in einer Höhle gefunden, gut vier, fünf Meter unter der Erdoberfläche begraben. Eingefärbt mit Rötel.
12 OT Rosendahl
Also mit einem roten, pulverartigen Ton, das kann rituelle Bedeutung haben. Und wenn ich eine Bestattung habe, dann verrät mir das schon was, dann muss das mit einer Glaubensvorstellung verbunden sein. Dass es nach dem Tod noch was gibt, das zeigt schon mal wie intensiv auch das Gruppenleben war und wie die Gedankenwelt dieser Menschen war.
Sprecherin
Beim Fund von Neu-Essing handelt es sich um die älteste menschliche Bestattung, die Archäologen in Deutschland bislang finden konnten.
MUSIK 6
"Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'28
Sprecherin
Es ist deshalb ein so wichtiger Fund, weil er ein entscheidendes Puzzle-Teil mehr für die Forscher darstellt. 1913 wurde er von Archäologen ausgegraben – an einem vielschichtigen Fundort in der Nähe von Kelheim in Niederbayern, den inzwischen auch Thorsten Uthmeier mit seinem Team untersucht hat.
13 OT Uthmeier
Wenn man auf dem Kirchplatz in Neu-Essing steht, dann links sieht man den Felsen, wo die Sesselfelsgrotte ist. Da gibt es Fundschichten aus der Zeit der Neandertaler. Da gibt es zehntausende von Steinwerkzeugen. Es gibt die ganze Jagdbeute, es gibt Umweltdaten. Und dann gibt es aber auch Daten aus der Zeit der späteiszeitlichen Jäger und Sammler…
Sprecherin
Ein ganzer Höhlenkomplex. In der so genannten „Mittleren Klause“ war der „Mann von Neu-Essing“ bestattet.
Auch wenn der „Mann von Neu-Essing“ schon 1913 eine Sensation war, als er ausgegraben wurde – die wirkliche Dimension des Fundes ist erst in den letzten Jahren deutlich geworden.
Musik 6
"Baud" - Album: Stator - Länge: 0'28
Sprecherin
Ein großes, interdisziplinäres Archäologenteam beginnt, den Fund nach modernsten Standards zu untersuchen. George McGlynn von der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München schaut sich zunächst die Knochen an, vermisst sie und prüft ihren Zustand. Da gibt es die nächste Überraschung für die Forscher – die eine bis dahin gültige Annahme über die Eiszeit widerlegt:
15 OT McGlynn
Der Neu-Essinger ist interessanterweise kein großer, robuster, kräftiger Kerl, wie man es vielleicht erwarten würde bei solch widrigen Lebensumständen, allein die Kälte und die Wildtiere. Wir wissen, dass der frühere Mensch, der Homo Sapiens, in Europa und auch in Afrika, wo er herkommt, in Gruppen gelebt hat – er muss in Gruppen gelebt haben...
Sprecherin
Als Gruppe zu funktionieren war der entscheidende Vorteil des Homo sapiens in der Kältezeit.
16 OT McGlynn
Vielleicht 30 Personen, ist jetzt rein spekulativ, aber damit eine kleine Gruppe von Jägern und Sammlern überleben kann, muss es diese Anzahl betragen. Sie haben ganz sicher miteinander gejagt, miteinander gesammelt, einander verteidigt, füreinander gesorgt. Und genau diese Gruppendynamik muss existiert haben, um die Überlebenschancen zu sichern. Ein Einzelkämpfer in so einer Umgebung, das gab es einfach nicht.
Sprecherin
So konnte er auch mit gerade mal ein Meter sechzig und nicht besonders muskulös gesund alt werden. Wie ausgeprägt die Muskeln waren, kann George McGlynn an Veränderungen und Verfärbungen auf der Knochenoberfläche erkennen.
17 OT McGlynn
Unser Neu-Essinger Mann ist eigentlich ein kleiner, grazil gebauter Mann, er hat auch kaum irgendeine nennenswerte Knochenveränderung, was auf Gewalt oder Verletzungen hindeuten würde. Und ist aber trotzdem fast 50 Jahre alt geworden.
Sprecherin
George McGlynn schätzt sein Sterbealter, indem er sich anschaut, wie sehr die Backenzähne und Beckengelenke abgenutzt sind. Demnach ist der Mann von Neu-Essing mit zirka 50 Jahren deutlicher älter geworden als Forscher das bislang für Menschen aus der Eiszeit angenommen haben – mit einem Durchschnittsalter von 30 bis 35 Jahren. Knochen und Zähne des Neu-Essingers sehen mustergültig aus, stellt Archäologe George McGlynn fest.
18 OT McGlynn
Er hatte auch keine so genannten physiologischen Stressmarker. Zum Beispiel, wenn im Kindesalter, wenn sich der Zahnschmelz vom Dauergebiss entwickelt, lang anhaltende Fieber oder Unterernährung oder schwere physiologische Stresse leiden, unterbricht der Körper den Entwicklungsprozess. Und das führt zu einer Verzögerung von dieser Bildung von Zahnschmelz. Diese Verzögerung führt dazu, dass man wellenartige Linien an den Zähnen sieht. Das ist ein Beispiel.
MUSIK 7
"Baud" - Album: Stator - Länge: 0'40
Sprecherin
George McGlynn konnte noch mehr herausfinden: Wo der Mann von Neu-Essing unterwegs war. Mit der so genannten Stronziumanalyse. In Knochen ist unter anderem auch Stronzium enthalten. Je nachdem, welche Nahrung ein Mensch zu sich nimmt, auf welchem Boden die Pflanzen gewachsen sind, die er isst, oder welche Luft er atmet, welche Temperaturen ihn umgeben haben, lagern sich andere Varianten der Elemente im menschlichen Körper ab – auch in Knochen und Zähnen, die Archäologen zehntausende Jahre später noch finden können. Diese chemische Varianz macht sich die Archäologie zu nutze.
19 OT McGlynn
Ich stamme persönlich aus den USA, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Das hat sich in meinen Knochen und meinen Zähnen verfestigt als Baustein und in den Zähnen, was Zahnschmelz wird. Diese werden nicht abgebaut, sie verändern sich nicht, sie sind praktisch amerikanische Zähne. Aber meine Knochen, die bauen sich ständig um. Jeden Tag, jede Minute. Binnen zehn Jahren sind alle Baustoffe in einem Knochen komplett ausgetauscht. Ich habe keine Spur von amerikanischen Knochen in mir. Wenn man meine Zähne und Knochen vergleichen würde auf chemischer Ebene, würde man sofort sehen: Dieser Mensch ist woanders geboren und aufgewachsen als wo er jetzt ist.
Sprecherin:
Archäologen können feststellen, in welcher Gegend ein Mensch gelebt haben muss, indem sie die chemischen Signaturen seiner Zähne und Knochen vergleichen mit Funden aus verschiedenen Regionen. Und wenn die chemische Signatur von Zähnen und Knochen gleich ist, wie beim Mann von Neu-Essing, wissen sie: Er ist zeitlebens in einer ähnlichen Gegend geblieben.
20 OT McGlynn
Allerdings heißt es nicht, dass er sich nicht bewegt hat. Jäger und Sammler haben sich mit den Saisonen sehr stark bewegt, an die Kältezeit, Wärmezeit, sie haben sich auch an die Herden angepasst, an die Bewegung von Tieren.
Sprecherin
Auch wissen die Forscherinnen und Forscher mehr über seinen Speiseplan. Durch die Isotopen-Analyse. Dabei werden erneut chemische Elemente in den Knochen untersucht. Wie zum Beispiel Wasserstoff, Sauerstoff und Kohlenstoff. Sie unterscheiden sich voneinander durch die Anzahl der Neutronen. Diese Varianten eines Elements heißen Isotope.
21 OT McGlynn
Für Ernährung ist es wichtig, eine Isotopie-Karte von der Gegend zu machen. Das heißt, wir nehmen Pflanzen, Tiere, Erdproben, Knochenfunde aus der Zeit. Und wir untersuchen diese zuerst und kriegen für Kohlenstoff eine gewisse so genannte Signatur, was für Wollnashorn, für Mammut, für alle Rothirsche, für Gräser oder Baumrinde spezifisch ist.
Sprecherin
Die Isotopenwerte haben beim Mann von Neu-Essing ergeben, dass er eine Allround-Ernährung hatte: Er nahm Großwild wie Mammuts und Riesenhirsche genauso zu sich wie Hasen oder Eichhörnchen. Auch Schnecken, Raupen, Frösche, Beeren, Gräser, Kräuter und Fisch.
Musik 8
"Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 1'15
Sprecherin
Doch wer war der „Mann von Neu-Essing“? Darauf gibt die Genetik Antwort.
22 OT McGlynn
Die übliche Darstellung von Jägern und Sammlern aus dieser Zeit weicht sehr stark ab phänotypisch, wie er ausgesehen hat, von dem, was wir gefunden haben durch die molekulargenetischen Untersuchungen, die in Mainz von meinem Kollegen Burger und Team durchgeführt wurden. Diese Methoden gibt es erst seit vielleicht einem Jahrzehnt. Sein Aussehen ist mit bis zu 98, 99 Prozent dunkelhaarig, mit dunklen Augen, aber auch dunkler Hautfarbe, und die übliche Darstellung von den nordisch ausschauenden Menschen stimmt einfach nicht. Wir sehen, dass diese Wanderung aus der so genannten out of Africa-Theorie mit hundertprozentiger Sicherheit auch zutrifft. Diese Homo-Sapiens-Gruppen sind vor etwa 50.000 Jahren aus Afrika in zwei Wellen nach Europa ausgebreitet.
Sprecherin:
Auch die Vorstellung, davon, wie „Ötzi“ ausgesehen hat, ist übrigens erst 2023 durch die Gen-Analyse korrigiert worden: Auch die berühmte Gletschermumie aus den Südtiroler Alpen hatte dunkle Haut, dunkle Augen, dunkle Haare. Und Ötzi ist rund 30.000 Jahre jünger als der „Mann von Neu-Essing“. Die dunkle Hautfarbe der ersten Menschen in Europa hat sich also viel länger gehalten als bislang angenommen. Auch die Darstellung des Ötzi im Museum muss jetzt korrigiert werden. Dort steht immer noch eine Gestalt mit heller Haut. Die ersten Europäer – sie waren auf jeden Fall dunkelhäutig.
MUSIK 9
"Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'10
Sprecherin:
Und auf die Archäologinnen und Archäologen warten noch weitere Überraschungen.
Jetzt hat ein Forscherteam von 125 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die bislang umfangreichste Genom-Analyse eiszeitlicher Jäger und Sammler in Europa begonnen: 116 Individuen, die eine Zeitspanne von rund 30.000 Jahren abdecken. Professor Cosimo Posth ist Paläogenetiker an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und leitet das Projekt. Ihn hat erstaunt, dass die eiszeitlichen Homo Sapiens genetisch längst nicht so einheitlich waren wie bislang angenommen. Es gab ihn nicht: DEN Eiszeit-Menschen. Besonders drastisch zeigt sich das an einem Beispiel. Lange haben sich Archäologen gefragt: Was ist eigentlich mit den ersten Menschen in Europa passiert, als sich die Eispanzer von Norden her weiter ausgebreitet haben, vor 25.000 bis 19.000 Jahren? Als viele Gebiete, auch im heutigen Bayern, unbewohnbar wurden? Eine Theorie war: Sie gingen ins heutige Italien. Das hat sich zwar bewahrheitet. Doch was dann geschehen ist, damit hatte Cosimo Posth nicht gerechnet: Die komplette Bevölkerung starb aus. Die Menschen, die danach im heutigen Italien lebten und nachweisbar zu unseren Vorfahren gehören, haben genetisch nichts mit den aus dem Norden zugewanderten Eiszeitmenschen zu tun.
24 OT Cosimo Posth
Wo ist der Ursprung der Population, die uns mehr als zehn Prozent der DNA gegeben hat?
MUSIK 10
"Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'28
Sprecherin:
Die Spurensuche geht weiter für die Archäologinnen und Archäologen. Sicher ist: Eiszeitmenschen gehören zu unseren Vorfahren, doch wie sich das genetisch darstellt, stellt sich heute komplexer dar, als jemals zuvor.

Feb 15, 2024 • 23min
Die Maus - Anpassungskünstler und gefürchteter Schädling
Sie sind possierlich, flink und unglaublich fruchtbar. Das müssen sie auch, bedenkt man, wer ihnen alles nachstellt - und: Sie sind nicht überall gern gesehen. Über 40 Mäusearten gibt es weltweit. Autorin: Renate Kiesewetter (BR 2014)Credits Autorin dieser Folge: Renate Kiesewetter Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Hemma Michel, Andreas Neumann, Stefan Wilkening Technik: Fabian Zweck Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:Dr. Walter Bäumler, Zoologe, Mäuseforscher, Ludwig-Maximilians-Universität München.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK: C1432360 007 (00‘30‘‘)
Zitator:
"Ach", sagte die Maus, "die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe." – "Du mußt nur die Laufrichtung ändern", sagte die Katze und fraß sie.
MUSIK ENDE
Sprecherin:
Die Kleine Fabel von Franz Kafka. Der Schriftsteller hatte zeit seines Lebens Angst vor Mäusen. Und damit war und ist er nicht alleine. Denn Mäuse und Menschen haben seit jeher ein gespaltenes Verhältnis. So beschreibt Francesco Santoianni in seinem Buch "Von Menschen und Mäusen" den Jahrhunderte währenden Kampf gegen die Nagetiere als eindeutige Niederlage des Menschen. Zahlreiche Bekämpfungsarten hat sich der Mensch einfallen lassen, doch es gibt sie immer noch, trotz Katzen, Mausefallen, Gift oder ausräuchern. Und die menschliche Fantasie bringt nach Francesco Santoianni immer wieder neue Horrorszenarien hervor:
MUSIK: M0024267 000 (00‘45‘‘)
Zitator:
Überernährt von den Abfällen einer auf Verschwendung gegründeten Gesellschaft, geschützt in relativ warmen und endlosen Kanalisationssystemen, haben sich Mäuse und Ratten im Herzen sämtlicher Metropolen breitgemacht. Fünfzehn Millionen in Rom, fünfundzwanzig Millionen in New York, zehn Millionen in Neapel ... diese Zahlen tauchen regelmäßig in den Massenmedien auf und nähren atavistische Ängste und Vorstellungen von einem dunklen, bedrohlichen Heer, das nur darauf wartet, alles zu verschlingen und zu zerstören.
MUSIK ENDE
Sprecherin:
'Mus musculus', die Hausmaus … 'so ein kleines putziges Tier', möchte man fast sagen. Der "schlimmste Freund des Menschen", wie Francesco Santoianni die Maus nennt, hatte zumindest in dem berühmten Tierforscher Alfred Edmund Brehm einen Fürsprecher. Seine Beobachtungen aus dem 19. Jahrhundert über die verschiedenen Mäusearten sind anregend und wohlwollend. Aber auch er weiß um die schwierige Beziehung zwischen "heißhungrigen" Mäusen und Menschen:
Zitator:
Die anmutigen und zierlichen Mause sind trotz ihrer schmucken Gestalt und ihres heiteren und guten Wesens arge Feinde des Menschen und werden von ihm mit Ingrimm verfolgt (…) Man kann sich schwerlich ein naschhafteres Geschöpf denken als eine Hausmaus, welche über eine gut gespickte Speisekammer verfügen kann. Sie beweist auf das schlagendste, daß der Sinn des Geschmackes bei ihr vortrefflich entwickelt ist.
Sprecher:
Den ungebetenen nagenden Gästen in Speisekammern, Dachböden und Kellern sei nur das Beste gut genug. Kein Hindernis sei zu groß, kein Winkel zu abgelegen, kein Material zu hart, so Alfred Brehm:
Zitator:
Wo sie etwas Genießbares wittert, weiß sie sich einen Zugang zu verschaffen, und es kommt ihr nicht eben darauf an, mehrere Nächte angestrengt zu arbeiten und selbst feste, starke Türen zu durchnagen. Findet sie viel Nahrung, welche ihr besonders mundet, so trägt sie sich auch noch einen Vorrat davon in ihre Schlupfwinkel und sammelt mit der Hast eines Geizigen an der Vermehrung ihrer Schätze.
MUSIK: Z9383695 016 (00‘55‘‘)
Sprecherin:
Die Hausmaus - bis zu 11 Zentimeter lang mit einem schuppenartigen Schwanz so lang wie der ganze Körper, gerade 20-30 Gramm schwer. "Maus"-grauer oder braungrauer, gedrungener Körper, große Knopfaugen. Spitzes Gesicht. Besonders gut sehen können Hausmäuse und auch andere Mäuse nicht. Viele Arten leben unterirdisch in selbst gebuddelten Höhlengängen, sind nachtaktiv. Ihr Gehör ist deutlich besser ausgestattet, vor allem auch im Ultraschallbereich. Dabei können die Tiere noch Töne von 40.000 Hertz wahrnehmen. Am besten entwickelt aber ist ihr Geruchssinn. In Experimenten fanden Mäuseforscher heraus: Sogar die Geschlechtsreife kann durch Duftstoffe beschleunigt oder verlangsamt werden.
MUSIK ENDE
Sprecher:
Am Geruch erkennen die Tiere auch, ob eine andere Maus zur eigenen Gruppe gehört. Bis zu sechs Stunden lang speichern sie diesen Geruch, danach sind sie einander fremd. Betritt eine fremde Maus das Territorium und fällt bei der Geruchskontrolle durch, gehört sie also nicht zum eigenen Clan, gibt’s Randale und nicht selten einen erbitterten Kampf auf Leben und Tod. Wie aggressiv gerade Feldmäuse dabei vorgehen, veranschaulicht der Münchner Zoologe und Mäuseforscher Dr. Walter Bäumler:
O-Ton Walter Bäumler:
Da gibt es also ein Männchen, und es hat so einen Harem, wenn die Wiesen abgemäht sind im Herbst, sieht man, da ist immer wieder eine Kolonie, also alle 30 Meter sind viele Mauselöcher, da leben mehrere Weibchen, und ein Boss. Der markiert die ganze Kolonie als sein Territorium, und wenn da ein fremdes Männchen kommt, wird es sofort angegriffen. In so einer Wiese fängt man jede Menge schwer verwundete Männchen, die also fürchterliche Narben haben.
Sprecher:
Auch dafür kommen die Nagezähne zum Einsatz. Überhaupt: das Gebiss von Mäusen. … Alle Mäuse, egal ob Hausmaus, Ährenmaus, Schermaus, Feldmaus oder Rötelmaus … haben ein hoch spezialisiertes Gebiss:
O-Ton Walter Bäumler:
Also die zwei namengebenden Nagezähne, mit der starken Schmelzauflage, auf der Vorderseite, die des ermöglichen, dass die Mäuse auch sehr hartes Material, zerlegen können, Aluminium ist kein Problem, dass die sich da durchnagen. Sie können sich durch Stahldrähte, die 2, 3 Millimeter dick ist, können Sie durchnagen. Man kann sie praktisch nur in Glasbehältern halten, sonst büchsen sie aus, nagen sie sich durch.
MUSIK: C1506550 010 (01‘30‘‘)
Sprecherin:
Mäuse bevölkern die Erde seit dem Aussterben der Dinosaurier vor ca. 60 Millionen Jahren. Doch wann und wo wurden sie zum Kulturfolger des Menschen? Das datieren Forscher auf einen Zeitpunkt vor 23 Millionen Jahren, rund ums Kaspische Meer, heutiges russisches Westasien. Ursprünglich folgten die kleinen Nagetiere den Nomaden auf der Suche nach Nahrungsresten. Francesco Santoianni beschreibt in seinem Buch "Von Menschen und Mäusen" die Herkunft und die frühen Wanderrouten der Hausmaus:
Zitator:
Ein Gebiet, das das heutige Kasachstan, Turkmenistan und den Iran umfasst, wurde als die Heimat von Mus musculus identifiziert, von der aus ihr Triumphmarsch begann, der in zwei deutlich erkennbaren Richtungen verlief: eine kontinental (zentraleuropäisch) verlaufende und eine auf die Mittelmeerregionen zielende.
Sprecherin:
Andere Quellen nennen Indien als Ursprungsland. Zumindest sollen Knochenfunde beweisen, dass 4.000 vor Christus die ersten Mäuse in Mitteleuropa ankamen. Als blinde Passagiere folgten sie den Menschen. Auf allen Handelswegen, auf der Seidenstraße, auf den Seefahrten nach Indien, nach Amerika. In den letzten 1.000 Jahren besiedelten sie auf diese Weise dann auch Afrika, Amerika und Australien.
MUSIK: CD701250 003 (00‘50‘‘)
Sprecher:
Die enge Bindung an den Menschen wurde immer wieder in Mythologie, Literatur, Religion und Kunst abgebildet: Dabei findet man Mäuse sowohl als verehrungswürdiges als auch verabscheuungswürdiges Sinnbild. Verehrt hat man sie besonders in fernöstlichen Mythologien. Als Begleiter von Daikoku, dem japanischen Gott des Reichtums, wird eine Maus "prächtig geschmückt" dargestellt. Auch in Sibirien gilt sie als Symbol des Wohlstands. Und in der indischen Provinz Rajasthan werden - wohl einzigartig in der Welt - noch heute Mäuse und Ratten verehrt und geschützt: Im Tempel von Deshnoke, geweiht der Göttin der Sänger und der Mäuse, werden sie reichlich gefüttert.
MUSIK ENDE
Sprecherin:
Auch in den griechischen Tempeln von Apollo Smintheus, dem Gott der Mäuse, hat man die kleinen Nagetiere jahrhundertlang verehrt und sogar gezüchtet. Gingen daraus weiße Mäuse hervor, galt das als Zeichen für kommenden Wohlstand. Über solchen unsinnigen Mäuseaberglauben war der römische Politiker und Schriftsteller Cicero entsetzt: Nähme man das ernst, müsse man um die "Sicherheit der römischen Republik" fürchten, wetterte er. Schließlich hätten Mäuse bei ihm zuhause seine Schrift über den Staat angeknabbert - ebenso wie Epikurs Buch Über die Lebensfreude. Nicht nur Ciceros Ausgabe des griechischen Philosophen fiel der Nagelust zum Opfer, auch alle anderen Schriften waren nicht sicher vor den unermüdlichen Schneidezähnen der Mäuse. Der französische Autor Michel Dansel erkundete in seinem Buch "Nos frères, les rats" ("Unsere Brüder, die Ratten") die Symbolik der Nagetiere und schreibt über ihr Werden und Vergehen:
Zitator:
Die Geschichte der Mäuse ist so eng mit der der Menschheit verbunden, dass sie vielleicht sogar all deren Facetten abdecken kann, die dunklen und die hellen Seiten. Sie kann uns zur Erkenntnis erhabener Wahrheiten inspirieren, uns aber gleichzeitig unser traurigstes und demütigendstes Spiegelbild entgegenhalten: das eines Tieres, das dazu bestimmt ist, zu verschwinden und sich vergeblich durch Dinge und Aufzeichnungen verewigen will, die jedoch selbst vom Zahn der Zeit zernagt werden wie Buchseiten von den Zähnen der Mäuse.
Sprecher:
Sigmund Freud brachte noch eine andere Sicht ins Spiel. Er betont das Schützenswerte eines kleinen Wesens, einer geliebten Person, eines Kindes. Und bedenken wir nicht oft unsere Lieben mit Kosenamen wie "Maus, Mausi, Mäuschen"? (MUSIK: E0007900 104 [00‘15‘‘]) Klein aber schlau wappnet sich auch Micky Mouse, die berühmteste Comic-Maus, gegen ihre riesigen Feinde.
MUSIK ENDE
Sprecherin:
In der biblischen und christlichen Symbolik stehen die Mäuse für die Seele, den Teufel, die Zerstörung, für Sünde und ungezügelte Sexualität. Sie wurden etwa von der katholischen Kirche gerne als Sinnbild für alles Heidnische verwendet, das in Form der Mäuse die christlichen Hostien annagt. Arme verfolgte Nager – ein katholischer Bischof hat sie sogar exkommuniziert. Und es wurden Heilige gegen Mäuseplagen angerufen – wie die Heilige Gertrud. Sie hatte schließlich als Spinnerin die Mäuse von ihrem Spinnrocken vertrieben. Möglicherweise diente diese Geschichte als Vorlage zur Redensart:
Zitator:
Da beißt die Maus kein` Faden ab. …
MUSIK: G0030590 006 (00‘20‘‘)
Sprecher:
Schon im Mittelalter gab es professionelle Mäusefänger. Daran erinnert die Sage vom Rattenfänger in Hameln, der mit seiner Flöte alle Mäuse und Ratten aus ihren Löchern hervorlockte und sie so aus der Stadt hinauslotste.
MUSIK ENDE
Sprecherin:
Schließlich konnten die Nager sich so zahlreich vermehren, dass sie durch die Vernichtung der Ernten oder der Lebensmittel-Vorräte existenzbedrohend wurden. Nur: Wie sollte man ihrer Herr werden? Nachts mit dem Dreschflegel auf die Jagd gehen? Eine antike griechische Anweisung für Bauern riet:
Zitator:
Nimm ein Stück Papier und schreib darauf folgendes: "Ich beschwöre euch, ihr Mäuse, die ihr hier anwesend seid, daß ihr weder mir schadet noch duldet, daß eine andere Maus dies tut. (…) Stecke das Papier auf einen unbehauenen Stein auf dem Felde vor Sonnenaufgang. Sieh zu, daß die beschriebene Seite nach oben zu liegen kommt.
Sprecher:
Eher unwahrscheinlich, dass diese Maßnahme erfolgreich war! … Mäuse ernähren sich als nachtaktive Allesfresser von Wurzeln, Blättern, Samen, Pflanzenstängeln, Obst, Gemüse und Gräsern. Mäuse sind flinke Läufer, manche können auch hervorragend klettern. Andere, wie die Hausmaus, können sehr gut schwimmen. Mäuse kommen also in der Regel überall hin. Dabei sind die kleinen Kulturfolger bei ihren Nahrungsraubzügen auch noch wählerisch, sie bevorzugen eindeutig die kulinarische Vielfalt und Abwechslung. Walter Bäumler:
O-Ton Walter Bäumler:
Früher hat man zum Beispiel Marmelade eingemacht, und hat nur so Zellophanpapier drüber geklebt, wenn da eine Hausmaus drin war, dann hat die das erste Marmeladeglas aufgenagt oben, des Zellophanpapier, bisschen Marmelade herausgenommen, dann ans zweite, dann ans dritte, bis alle geöffnet waren, und dann hat sie wieder beim ersten weitergemacht, so dass man alle Marmeladegläser, obwohl die noch voll waren, ja, vergessen konnte, das konnte man wegwerfen.
Sprecherin:
Denn die Mäuse fressen nicht nur Lebensmittel, sie verunreinigen diese zusätzlich mit ihren Ausscheidungen. Dabei können sie gar nicht anders als möglichst viel zu fressen: Erstaunlicherweise ist der Nahrungsbedarf der Mäuse so groß, weil sie so klein sind:
O-Ton Walter Bäumler:
Da gibt es eine allgemeine bioenergetische Grundregel: Je kleiner ein Tier ist, desto mehr Nahrung benötigt es im Verhältnis zu seinem Gewicht. Eine Maus braucht pro 100 Gramm Mäusegewicht, braucht sieben Mal mehr Kalorien – oder Joule sagt man – wie ein Tier in der Größe eines Menschen.
MUSIK: C1560350 W01 (00‘30‘‘)
Sprecher:
Mäuse vermehren sich rasant: Die Hausmaus zum Beispiel ist das ganze Jahr über fortpflanzungsfähig. Ein Wurf hat zwischen drei und acht Junge, bei bis zu acht Würfen im Jahr macht das die stattliche Zahl von 64 Jungtieren - wohlgemerkt in einem Jahr! Nach nur sechs Wochen sind diese selbst wieder geschlechtsreif, mit einer Tragezeit von drei Wochen.
MUSIK ENDE
Zitator:
Die Mutter schlägt ihr Wochenbett in jedem Winkel auf, welcher ihr eine weiche Unterlage bietet und einigermaßen Sicherheit gewährt. Nicht selten findet man das Nest in ausgehöhltem Brode, in Kohlrüben, Taschen, Todtenköpfen, ja selbst in Mausefallen. Gewöhnlich ist es aus Stroh, Heu, Papier, Federn und anderen weichen Stoffen sorgfältig zusammengeschleppt.
Sprecherin:
Aus Brehm's Thierleben.
Sprecher:
Äußerst geschickt und kunstvoll bastelt zum Beispiel die Ährenmaus das Nest für ihren Nachwuchs. Fast als häkele, stricke und flicke sie unentwegt mit den Grashalmen. Bei uns heimisch in den Getreidefeldern und Forstkulturen des Donauraums bietet sie dem Betrachter ein interessantes Schauspiel. Walter Bäumler:
O-Ton Walter Bäumler:
Die turnt also sehr geschickt und – ja – fast artistisch durch die Grashalme, die hat dort also die Grashalme oben, und hat so einen Greifschwanz, den wickelt sie um die Grashalme durch, lässt sich dann oft auch – ja – hängen, oder wie als Anker, und hangelt sich dann von einem Grashalm zum nächsten. Und das ist eigentlich sehr interessant, das zu sehen, ja, manchmal richtig lustig, wenn die da kopfüber an denGrashalmen hängt.
Sprecherin:
Das kunstvolle Nest der Ährenmaus ist in der Welt der Mäuse eine besondere Kinderstube. Wie bei den Hausmäusen kommen die Jungen blind, taub und nackt zur Welt, bei ihrer Geburt wiegen sie weniger als ein Gramm. Nun werden sie 21 Tage von der Mäusemutter mit Milch gesäugt, stets zärtlich und fürsorglich gepflegt. Bei einigen Arten übernimmt sogar eine andere Muttermaus die Pflege, falls die eigene ums Leben kommt. Alfred Brehm beschrieb den sorgsamen Umgang einer Mäusemutter mit ihren Jungen so:
Zitator:
Bei jeder Bewegung der Mutter ließen sie ein feines, durchdringendes Piepen oder Quietschen hören. (…) Am 18. abends kamen sie zum ersten Male zum Vorschein; als aber die Mutter bemerkte, daß sie beobachtet wurden, nahm sie eine nach der anderen ins Maul und schleppte sie in das Nest. Einzelne kamen jedoch wieder aus einem anderen Loche hervor. Allerliebste Tierchen von der Größe der Zwergmäuse mit ungefähr 3 Zoll langen Schwänzen! (…) Sie saugten noch dann und wann (…), spielten miteinander, jagten und balgten sich auf die gewandteste und unterhaltendste Weise, setzten sich auch wohl zur Abwechslung auf den Rücken der Mutter und ließen sich von derselben herumtragen.
Sprecher:
Der Spieltrieb ist den Mäusen angeboren. Im Spiel werden die Mäusekinder für die Anpassung an die Umwelt trainiert. Und noch etwas - und das haben sie mit den Menschen gemein - zeichnet die kleinen Nager aus: die Neugier. Sie erobern sich nagend ihre Umgebung, nichts bleibt vor ihren Zähnen sicher. Und sie lernen dabei.
MUSIK: C1352870 113 (00‘25‘‘)
Sprecherin:
Dieses Neugier-Verhalten der Maus könnte, neben ihrem possierlichen Aussehen, der Grund dafür sein, warum sie zur Vorlage für die beliebte ARD-Fernsehmaus wurde. Seit Jahrzehnten begeistert die sonntags Kinder und Erwachsene mit ihren "Lach- und Sachgeschichten".
MUSIK: NC015960 036 (01‘10‘‘)
Sprecher:
Seit die echten, biologischen Mäuse dem Homo sapiens folgen, übertragen sie auch immer wieder Krankheiten auf den Menschen. Über Jahrhunderte hinweg gefürchtet war der "Schwarze Tod", die Pest, die unzählige Menschen dahinraffte. Doch auch die Überträger selbst, vor allem Ratten aber auch Mäuse, verendeten in Scharen bei Ausbruch von Seuchen, wie Albert Camus in seinem Roman "Die Pest" dramatisch beschrieb:
Zitator:
Aus den Verschlägen, den Untergeschossen, den Kellern, den Kloaken stiegen sie in langen, wankenden Reihen hervor, taumelten im Licht, drehten sich um sich selber und verendeten in der Nähe der Menschen. Nachts hörte man in den Gängen und den engen Gassen deutlich ihren leisen Todesschrei. Am Morgen fand man sie in den Straßengräben der Vorstädte ausgestreckt, ein bißchen Blut auf der spitzen Schnauze, die einen aufgedunsen und faulig, die anderen steif, mit gesträubten Schnauzhaaren.
MUSIK ENDE
Sprecherin:
Seit Ende des 19. Jahrhunderts weiß man: Die Pest ist eine Infektionskrankheit, verursacht durch das Bakterium Yersinia pestis. Überträger des gefürchteten Erregers sind nicht die Nager direkt, sondern deren Flöhe, die den Bazillus von infizierten Tieren durch Stiche in die Haut auch auf den Menschen übertragen.
Sprecher:
Katastrophen wie die mittelalterlichen Pestepidemien konnten moderne Naturwissenschaft und Medizin eindämmen. Aber auch heute noch können Mäuse und Ratten mit ihrem Urin und Kot Salmonellen oder Virus- und Bakterienerkrankungen beim Menschen auslösen – etwa die Weil‘sche Krankheit, eine Leberkrankheit. Behandelt wird sie mit hochdosierten Antibiotika. In unseren Breiten überträgt die Rötelmaus so genannte 'Hantaviren'. Diese Viren werden auch durch die Ausscheidungen der Maus übertragen. Walter Bäumler:
O-Ton Walter Bäumler:
Typischer Fall ist, jemand räumt sein Gartenhaus auf, da waren Mäuse drin, da ist‘s natürlich recht schmutzig drin, da hat sich einiges angesammelt, man kehrt oder fegt es aus und atmet den Staub ein und infiziert sich damit.
Sprecher:
Die ersten Symptome sind hohes Fieber und heftige Nierenschmerzen. Die Erkrankung ist meldepflichtig und kann durch Labortests nachgewiesen werden. Selten verläuft sie tödlich. Ein Impfstoff ist in der Entwicklung.
MUSIK: M0010586 004 (00‘15‘‘)
Sprecherin:
Mäuse fressen viel, weil sie klein sind. Und sie vermehren sich so zahlreich, weil sie keine lange Lebensdauer haben. Der Zoologe Walter Bäumler:
MUSIK ENDE
O-Ton Walter Bäumler:
Die Lebenszeit der kleinen Säugetiere ist allgemein sehr kurz, erstaunlich kurz. Eine Maus hier, eine einheimische, die erreicht hier kaum das zweite Lebensjahr.
Sprecherin:
Ein Grund für diese kurze Lebensdauer sind der beschleunigte Stoffwechsel und die erhöhte Atemfrequenz der kleinen Nager. Dadurch altern die Tiere auffallend schneller.
Sprecher:
Die meisten Mäuse aber sterben nicht eines natürlichen Todes, sie fallen ihren zahlreichen natürlichen Feinden zum Opfer:
Sprecherin:
Mäusebussard
Sprecher:
Raubfußbussard
Sprecherin:
Schlangen
Sprecher:
Waldeule
Sprecherin:
Schleiereule
Sprecher:
Füchse
Sprecherin:
Steinmarder
Sprecher:
Wiesel
Sprecherin:
Katzen
Sprecher:
Und schließlich der Mensch mit seinen zahlreichen Methoden der Mäusebekämpfung. Aus den Häusern ist die Hausmaus weitgehend vertrieben: Altbauten werden saniert, Neubauten sind weitgehend mäusesicher, Schlupflöcher und Ritzen sind rar geworden. Auch an Kühlschränke und fest geschlossene Dosen in Speisekammern kommen die kleinen Feinschmecker nicht mehr so leicht heran.
Sprecherin:
Wenn spätabends eine Maus über die Gartenterrasse huscht und schnell wieder im Beet verschwindet, dann ist es wohl eher die Feldmaus. Sie ist größer, an die Umwelt besser angepasst und deswegen durchsetzungsfähiger. Hausmäuse sind eher selten geworden, meint Walter Bäumler:
O-Ton Walter Bäumler:
Allerdings einige Refugien hat sie noch behalten, wie die U-Bahn Schächte in München, da ist sie wieder aufgetaucht, aber ansonsten ist sie in den Räumen, in den Wohnungen und Gebäuden also kaum noch anzutreffen. Ich vermute ja, dass die alten Kellergewölbe mit Erdkontakt nicht mehr vorhanden sind, aber in so einem U-Bahn Schacht, da ist der Kontakt zur Erde noch da, und dass dast vielleicht der Grund ist, warum die sich das so zäh halten drin - sehr schwer zu beseitigen sind.

Feb 15, 2024 • 24min
Die Schleiereule - Unheilsbotin und Mäuseschreck
Die Schleiereule ist ein Zivilisationsfolger, der weltweit verbreitet ist und beim Menschen viele, auch widersprüchliche Assoziationen auslöst: Sie gilt als Todesbotin ebenso wie als Schutztier. Ihr lautloser Flug und ihre ausgetüftelte Technik machen sie zu einer sehr erfolgreichen Jägerin. Im Israel-Gaza-Konflikt wurde sie zudem von Schweizer Wissenschaftlern bislang als Friedensbotin eingesetzt: Autorin: Brigitte KramerCredits Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Katja Schild, Stefan Merki Technik: Susanne Harasim Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview: Werner Hellwig, ehrenamtlicher Eulenbeauftragter beim Landesbund für Vogel-und Naturschutz, Coburg; Bernd-Ulrich Rudolph, Leiter der Vogelschutzwarte, Bayerisches Landesamt für Umwelt, Augsburg; Alexandre Roulin, Schleiereulenexperte Universität Lausanne; Carmen Pöhl, Freiwillige beim Verein Landschaftsschützer Oberschwaben-Allgäu, Bad Wurzach Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren:
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Weiterführende Literatur:Webseite von Alexandre Roulin mit Forschungsergebnissen und Informationen zum Projekt Owls for Peace im Nahen Osten:EXTERNER LINK | https://barnowl-research.ch/en
Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ATMO 1 Eulen Ruf
SPRECHERIN darüber
So klingt eine verärgerte Schleiereule, die sich bedroht fühlt, wenn jemand den Nistkasten aufmacht - zum Beispiel, um den Nachwuchs zu zählen.
ATMO 1 Eulen Ruf kurz hoch, dann weg
O TON 1 Werner Hellwig, Eulenbeauftragter Landesbund für Vogel- und Naturschutz, Coburg
man merkt schon, sobald man die Scheune betritt, fliegt oftmals die Alteule ab, was nicht weiter tragisch ist, denn sie kommt dann wieder zurück zu ihren jungen Tieren. Die Jungvögel sitzen meist noch irgendwo…So drei, vier, fünf Jungvögel und wie sie dann von denen angeschaut werden – ist schon faszinierend.
ATMO 1 Eulen Ruf kurz hoch, dann weg
SPRECHERIN
Der pensionierte Maschinenbauingenieur Werner Hellwig hat viele Stunden seines Lebens im Büro verbracht. Jetzt ist er ehrenamtlicher Eulenbeauftragter des Landesbundes für Vogel- und Naturschutz im Landkreis Coburg und ist viel draußen. Er wollte „etwas für die Natur“ tun und helfen, damit auch seine zehn Enkel später noch Schleiereulen-Küken in die Augen schauen können.
MUSIK Left behind Z8037642108 (Länge: 1´22´´) unter:
SPRECHERIN darüber
Schleiereulen faszinieren viele Menschen. Sie sind schön. Sie sind still. Sie leben in unserer Nähe. Und sie sind ungewöhnlich – denn wer kennt sonst noch ein nachtaktives Tier, das mehrheitlich weiß ist? Nein, das ist kein Fehler der Natur, das ist Raffinesse. Mehr dazu später.
ATMO 1 Eulen Ruf kurz hoch, dann weg
SPRECHERIN darüber
Schleiereulen – Tyto alba und Tyto guttata, je nach Gefiederfarbe – leben fast überall auf der Erde, außer in kalten, schneebedeckten Regionen, in Gebirgen und ausgedehnten Waldgebieten. Es gibt rund 30 Unterarten: Mediterrane Schleiereule, Madagaskar-Schleiereule, Australien-Schleiereule, Galapagos-Schleiereule, Guinea-Schleiereule … Sie alle haben eine recht große Spannweite von rund einem Meter und brauchen deshalb weite, offene Flächen zum Jagen, idealerweise mit Hecken, Gräben oder Zäunen. Das Besondere an ihnen ist das herzförmig eingerahmte, helle Gesicht mit dunklen, für Eulen recht kleinen Augen.
M Missing fragments (Länge: 2´00´´) Z8035579110
SPRECHERIN
Sie haben keine Federohren wir ihre Verwandten, die Waldohreule oder der Uhu. Diese Federohren sind auch keine Ohren, sondern nur aufgestellte Federn, die vermutlich der Kommunikation dienen. Ohren hat die Schleiereule natürlich schon. Die liegen unsichtbar seitlich am Kopf und helfen neben den Augen bei der Nahrungssuche. Der Gesichts-“Schleier“, also die dichten, kurzen Federn, verstärkt den ankommenden Schall für das Gehör und schirmen zugleich andere Geräusche ab. Er wirkt wie eine Parabolantenne und ist eines der Erfolgsgeheimnisse der Schleiereule. Beim Beuteflug nimmt sie so auch das geringste Geraschel und das leiseste Getrappel wahr.
Atmo Schleiereule
Ihre Nahrung besteht fast ausschließlich aus Mäusen: Feld-, Wühl-, Hausmäuse … aber auch mal aus Spitzmäusen, Maulwürfen oder Fledermäusen. Davon vertilgen die Eulen – sie sind rund 35 Zentimeter groß und wiegen weniger als ein Pfund – eine Menge: drei bis vier Mäuse pro Tag. Deshalb sind Schleiereulen bei den meisten Menschen auch beliebt. Sie sind Kulturfolger: Sie halten den Bauern die Mäuse vom Leib, idealerweise sogar direkt in den Scheunen: Tagsüber ruhen sie im Stehen auf einem Balken und lehnen sich dabei gerne an. In der Dämmerung werden sie aktiv, putzen sich und beginnen dann, nach Beute Ausschau zu halten. In einer Scheune sondieren sie von oben die Lage und lassen sich dann zum Jagen auf den Boden nieder.
In Deutschland ist mit diversen Strukturreformen der Landwirtschaft die gute alte Scheune vielerorts verschwunden – und mit ihr die Mäuse und die Schleiereulen. Deshalb stehen sie auf der Roten Liste der bedrohten Arten.
O TON 2 Werner Hellwig
das Thema ist mit dem Bauernsterben bei uns hier sicherlich genauso wie in anderen Regionen, dass Scheunen gar nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden und auch kein Stroh mehr haben. Ich komme zum Teil in Scheunen rein, die sind ziemlich leergefegt. Da hat die Eule keine Chance, irgendwo auf dem nackten Betonboden zu brüten.
SPRECHERIN
Doch wie kann man ihnen helfen? Indem man zum Beispiel Nistkästen in vor der Witterung geschützten Räumen für sie aufstellt.
O TON 2 Werner Hellwig
Was wir festgestellt haben, ist, wenn Tiere im Umkreis sind, also Schafe, Rinder, dann haben wir eine große Chance, dass die Eule kommt, weil da sind auch die Mäuse dann da, in der Regel. Wenn es irgendwo am Waldrandgebiet ist, das mag die Eule nicht so gerne, dann haben wir eher geringe Chancen, dass die Eule reingeht.
SPRECHERIN
Deutsche Scheunen: zu sauber, zu ordentlich. Trotzdem haben Werner Hellwig und seine Helfer Erfolg. In den 1980er Jahren zählte Hellwigs Vorgänger ganze drei Brutpaare im Landkreis Coburg in Oberfranken, derzeit gibt es im Mittel 20 Brutpaare pro Jahr. Wobei die Zahlen zwischen den Jahren stark schwanken, je nach Größe der Mäusepopulation: 2022 wurden 36 Jungvögel gezählt, 2023 waren es 86. 80 Prozent der Fläche im Landkreis Coburg werden land- und forstwirtschaftlich genutzt, davon 20 Prozent als Dauergrünland: Das ist das Nahrungsgebiet, das die Schleiereule eigentlich braucht.
Doch auch hier: Deutsche Wiesen und Weiden: zu ordentlich, zu eintönig.
O TON 3 Werner Hellwig
Was uns fehlt, sind so ein bisschen die zusammenhängenden Ödland Streifen, wo die Kleinsäuger dann ausreichend Lebensraum haben. Wir haben da Maßnahmen ergriffen vom Landesbund für Vogelschutz, auch in der Richtung, dass wir Flächen aufkaufen oder Flächen anpachten, dass wir da Nahrungsangebot schaffen.
Eulengeräusch
SPRECHERIN darüber
Bernd-Ulrich Rudolph von der Vogelschutzwarte des Bayerischen Landesamts für Umwelt kennt die Problematik. Er ist zuständig für Schutzprogramme und die Dokumentation der Bestände:
O TON 4 Bernd-Ulrich Rudolph
Wir haben ja diesen Flächenverbrauch, den Zuwachs, auf der landwirtschaftlichen Flur vor allem spielt der sich ab. Große Gewerbegebiete und so weiter entstehen um die Siedlungen. Der Verkehr nimmt zu und die Straßendichte nimmt zu. Und das führt dazu, dass zum einen natürlich auch Nahrungsflächen weniger werden und zum anderen die Zahl der Kollisionsopfer steigt.
SPRECHERIN
Kollisionsopfer, weil Eulen gegen Autos, LKWs oder Züge fliegen:
O TON 5 Bernd-Ulrich Rudolph
Eulen fliegen ja niedrig, Die jagen in unter zwei Metern Höhe über dem Boden. Die müssen ja die Mäuse hören und dann schnell zugreifen, wenn sie die orten. Und dabei überqueren sie natürlich vielfach die Straßen, auch Eisenbahnlinien, sodass die Zahl der Eulen unter den Verkehrsopfern oder Kollisionsopfern schon überdurchschnittlich hoch ist.
SPRECHERIN
Die Datenlage der Schleiereule ist in Bayern etwas unklar. Zwischen 1996 und 2016 hat sich die Zahl der Brutpaare schätzungsweise halbiert, es ist aber nicht bekannt, wie viele Paare es Mitte der 90er Jahre gab. Andere Daten aus einer Erhebung zwischen den Jahren 2005 bis 2009 sprechen von rund 1.500 Brutpaaren in Bayern. In den letzten Jahren gehen die Zahlen wieder nach oben, so Rudolph.
SPRECHERIN darüber
Schleiereulen kommen in Franken, in der Donauniederung und in Schwaben vor. Das Alpenvorland oder gar die Alpen sind kein Lebensraum für sie:
O TON 6
Man kann sich die Linie der südlichsten Brutvorkommen in Bayern vorstellen zwischen Augsburg und Landsberg, also die Region Schwabmünchen. Im Unterallgäu gibt es noch Brutpaare. Nördlich von München, im Erdinger und Freisinger Moos, gibt es Brutpaare, aber recht viel weiter nach Süden kommt sie nicht vor, weil eben im Alpenvorland die Winter im Durchschnitt deutlich härter sind mit längeren Schneelagen. Und da die Schleiereule nicht dem Winter ausweicht, also sie bleibt im Brutgebiet, kommt es dann dazu, dass bei längerem Schnee die Vögel verhungern.
SPRECHERIN darüber
Sie verhungern, weil sich die Mäuse unterhalb der Schneedecke bewegen und so für die Eulen unauffindbar sind.
Musik After bombing raid (Länge: 1´37´´) Z8037642103 unter:
SPRECHERIN darüber
Im Nahen Osten gibt es für Schleiereulen genug Fressen, aber sie sterben oft, weil die Bauern systematisch Giftköder gegen Ratten und Mäuse auslegen. Sie vergiften damit auch deren Jäger: Die häufen das Gift im Körper an und sterben nach einer Zeit.
MUSIK 2 hoch
SPRECHERIN darüber
Der Schweizer Biologe Alexandre Roulin [sprich: Rulää] betreibt seit 15 Jahren das Projekt „Owls for Peace“, Eulen für den Frieden – im fruchtbaren Grenzgebiet rund um den Fluss Jordan – im Norden Israels, im Norden Jordaniens und im Westjordanland, das zu den Palästinensischen Gebieten gehört. Es geht um Ökologie, um Frieden und um Schleiereulen.
MUSIK 2 hoch
SPRECHERIN darüber
Einige Eulen nisten in Israel und jagen ihre Beute hauptsächlich in den palästinensischen Autonomiegebieten, wobei sie täglich die Grenzen überfliegen. Es gibt auch „binationale“ Paare. Schleiereulen bleiben ein Leben lang zusammen. Außerhalb der Balz- und Brutzeit gehen sie allerdings ihre eigenen Wege. Landwirte und Schulkinder aus verschiedenen Gemeinden sind an dem Owls for Peace-Projekt beteiligt, lernen sich gegenseitig kennen und sehen die Bedeutung ihres gemeinsamen Naturerbes.
O TON 7 Alexandre Roulin
OVERVOICE
Wir benutzen Schleiereulen, um die Bauern zu motivieren, weniger Gift auf ihren Feldern auszubringen, um Nagetiere zu töten. Wir sagen ihnen, dass die Schleiereulen den Job erledigen können. Sie machen alle das Gleiche: israelische Bauern, palästinensische und jordanischen Bauern.
SPRECHERIN
Die Nagetierpopulationen steigen in der Region rasant an, sie können ganze Ernten zerstören.
O TON 8 Alexandre Roulin
OVERVOICE
Wir haben Erfolg, weil wir weder über Politik noch über Religion sprechen. Wir bringen die Menschen aus diesen drei Gemeinschaften an einen Tisch, um über einen gemeinsamen Feind zu sprechen. Und der gemeinsame Feind sind die Nagetiere.
SPRECHERIN
Umweltschutz wurde zu Wissenschaftsdiplomatie.
O TON 9 Alexandre Roulin
OVERVOICE
Und was mir in all den Jahren aufgefallen ist, ist, dass die Juden und die Araber Freunde sein können. Die Leute, mit denen wir arbeiten, sind Freunde! Und das ist eine Inspiration, von unten, von den Bauern, nach oben, zu den Anführern
M Somber secrets (Länge: 0´44´´) Z8035579107 unter:
SPRECHERIN
In Israel kauften und montierten die Bauern die Nistkästen selbst, bislang rund 5.000. In Jordanien stehen drei bis vierhundert Kästen, in den Palästinensischen Gebieten rund 200. Die hat die Stiftung von Roulin gekauft und Menschen dafür bezahlt, sie anzubringen – mit israelischem und internationalem Geld. Jetzt hat Israel die Unterstützung eingestellt, wegen des Krieges. Die Situation ist schwierig. Momentan denken alle an die Menschen, nicht an die Eulen:
O TON 10 Alexandre Roulin
OVERVOICE
In der Vergangenheit hat das Projekt immer überlebt, auch wenn sich die politische Situation wirklich von einem Tag auf den anderen geändert hat. Wir denken, dass das Projekt mehr denn je gebraucht wird.
SPRECHERIN
Auch mit den Palästinensern steht Roulin in Kontakt:
O TON 11 Alexandre Roulin
OVERVOICE
Das Leben im Westjordanland wird zum Albtraum. Deshalb suche ich jetzt nach Geld, Geld aus der Schweiz, einem neutralen Land. Mir ist klar: Sie brauchen Hoffnung.
SPRECHERIN
In den Palästinensischen Gebieten und in Jordanien hatten es Schleiereulen noch nie leicht:
O TON 12 Alexandre Roulin
OVERVOICE
Es gibt noch ein anderes Problem in der arabischen Welt. Dort haben sie Angst vor Schleiereulen. Sie sind ein schlechtes Omen für sie. Wir müssen den Menschen beibringen, dass die Schleiereulen nicht die Feinde, sondern die Verbündeten sind. Sie haben einen sehr starken Aberglauben, wie wir übrigens früher in Europa auch, genau dasselbe.
Cumulonimbus (b) C1601420103 (Länge: 0´25´´) unter:
SPRECHERIN
In Spanien dachte man lange, Schleiereulen flögen in die Kirchen, um dort das Öl aus den Kerzen zu trinken. Deshalb wurden sie verjagt. In Deutschland dachte man, eine tote, an die Scheunenwand genagelte Schleiereule schütze vor Blitz und Feuer.
M Morgentau Z8015897125 (Länge: 0´53´´) unter:
Dabei sind Schleiereulen friedfertige Wesen, zumindest im eigenen Nest: Alexandre Roulin hat herausgefunden, dass Küken komplexe Verhaltensmuster haben: Während der Wartezeit auf die Eltern klären die Küken untereinander, welches die nächste Beute bekommen soll. Roulin sagt, sie streiten nicht, sie verhandeln. Das beweist die absolute Ruhe im Nest, wenn die Eltern eine Maus bringen: Die Küken haben schon vorher entschieden, wer gefüttert wird. Roulin ist wohl einer der erfahrensten Schleiereulen-Experten der Welt. Seit mehr als 40 Jahren untersucht er sie. Das hat etwas mit Faszination für dieses außergewöhnliche Tier zu tun:
O TON 13 Alexandre Roulin
OVERVOICE
Es gibt diese Variation in den Farben rot-weiß, eine sehr deutliche Variation.
MUSIK Left behind Z8037642108 (Länge: 0´50´´) unter:
SPRECHERIN
Tyto alba ist mehrheitlich hell, Tyto guttata ist eher gelblich-rostfarben. Die hellen Schleiereulen leben auf der iberischen Halbinsel und auf den britischen Inseln. Dort haben sie die letzte Eiszeit überlebt. Dann, nach der Schmelze, haben sie den Rest Europas wieder besiedelt, vor rund 100.000 Jahren. Bei dieser Wanderung nach Norden und Osten ist ihr Gefieder mutiert und hat rötliche Töne angenommen. … Es gibt also erst seit der Eiszeit zwei Farbvarianten. Derzeit kann man in Bayern beobachten, wie sich die beiden vermischen. Es kommt zu neuen Farbabstufungen.
O TON 14 Alexandre Roulin
OVERVOICE
Dieser Vogel ist kosmopolitisch. Wir finden ihn nahezu überall auf dem Planeten. Wenn Sie beispielsweise die Farbe untersuchen, sagen wir in Deutschland, in Spanien, in der Schweiz, dann kann man versuchen zu prüfen, ob das, was man hier findet, auch in den USA, in Südamerika oder in Afrika zu finden ist. Man kann die Studien an einem anderen Ort machen, sie einfach wiederholen.
SPRECHERIN:
Zudem gibt das Brutverhalten Auskunft über Umwelteinflüsse:
O TON 15 Alexandre Roulin
OVERVOICE
Die Populationsgröße schwankt sehr stark. Die Gelegegröße, also die Anzahl der Küken, die sie produzieren, schwankt von Jahr zu Jahr. Das ist interessant, denn man kann die Auswirkungen von Schwankungen im Lebensraum, in der Umwelt, im Klima und so weiter auf die Brutparameter sehr gut untersuchen. Bei einer Art, die immer stabil ist und immer fünf Eier legt, weiß man nicht, welchen Einfluss die Natur hat. Liegt viel Schnee, gibt es eine hohe Sterblichkeit. Gibt es viele Mäuse, gibt es viele Schleiereulen.
SPRECHERIN
Ein Gelege besteht normalerweise aus vier bis sieben Eiern. Die Eltern legen sie nicht in schwer zugängliche, hohle Bäume, sondern bevorzugt in Kästen, und die Küken bleiben zwei Monate lang im Nest: Viel Zeit zum Forschen. Und viel Stress für die Eltern. Bei großen Gelegen müssen die schon mal ein Dutzend Mäuse pro Tag ins Nest bringen. Dabei hilft ihnen ihre ausgetüftelte Jagd-Technik … beziehungsweise ihre Jagd-Techniken:
M Shimmering night C1568800108 (Länge: 1´08´´) unter:
SPRECHERIN darüber
Schleiereulen praktizieren einerseits die so genannte Ansitzjagd: Sie warten und lauschen auf einem Ast oder Pfosten, bis sich eine Maus bemerkbar macht. Dann greifen sie sie im steilen Sturzflug. Das ist energiesparend, aber zeitraubend.
MUSIK 3 hoch
SPRECHERIN darüber
Dann gibt es auch den Pirschflug, bei dem sie in geringer Höhe die Landschaft abfliegen und Beute orten. Das ist meist ergiebiger, verbraucht aber mehr Energie.
MUSIK 3 hoch
SPRECHERIN darüber
Zudem beherrschen sie noch den sogenannten Rüttelflug, wie ihn auch andere Raubvögel wie der Falke anwenden: Die Schleiereule verharrt dabei in der Luft wie ein Helikopter und sondiert das Gelände unter ihr. Dabei kann sie den Standort einer Maus genau festlegen und diese dann treffsicher erbeuten.
MUSIK 3 hoch, etwas stehen lassen
SPRECHERIN darüber
Und warum flitzt die Maus nicht weg, wenn sie in der dunklen Nacht ein weißes Ungetüm über sich sieht?
MUSIK 3 weg
O TON 16 Alexandre Roulin
OVERVOICE
Wir haben entdeckt, dass das weiße Gefieder das Licht des Mondes reflektiert. Wenn die Beutetiere dann dieses Licht sehen, wirkt es wie eine Taschenlampe, oder ein Scheinwerfer. Sie geraten in Panik und erstarren. Und je länger sie unbeweglich bleiben, desto mehr Zeit haben die Jäger, um ihre Beute zu fangen.
O TON 17 Alexandre Roulin
OVERVOICE
Und mit dem GPS haben wir herausgefunden, dass die weißen Vögel, nicht die roten, das absichtlich bei Vollmond tun. Die weißen Schleiereulen positionieren sich dem Mond gegenüber. Und bei Neumond, also mit wenig Licht, jagen sie nicht mit dem Mond vor ihnen.
M Year of famine NC015960037 (Länge: 0´35´´) unter:
SPRECHERIN
Zu diesem Schreckgespenst-Effekt kommt noch die absolute Lautlosigkeit der Schleiereulen. Die dichten, kammartig gezähnten Ränder der vordersten Schwinge und der dichte, weiche Flaum an der Oberseite der Schwingen schlucken jegliche Strömungsgeräusche während des Fliegens.
TRENNER/MUSIK 1 hoch, etwas stehen lassen
SPRECHERIN darüber
Faszinierend! Das findet auch Carmen Pöhl, die sich wie Werner Hellwig als Freiwilige im Eulenschutz engagiert. Nicht in Coburg, sondern im nördlichen Allgäu, in Oberschwaben:
MUSIK Left behind Z8037642108 (Länge: 0´48´´) unter:
Eine „strukturreiche, kleinteilige“ Landschaft nennt die Ärztin ihre Heimat, mit Wiesen, Hecken, Bächen und mehreren geschützten Feuchtgebieten, in denen verschiedene Eulenarten leben.
Vor etwa drei Jahren fand Carmen Pöhl bei einer Radtour eine tote Sumpfohreule auf dem Weg, „ein wunderschönes, perfektes Tier“, wie sie sagt. Sumpfohreulen sind nicht sesshafte Vögel, sie brüten am Boden und sind in Deutschland sehr selten und stark bedroht. Ihnen zu helfen ist für Laien schwierig. Bei Schleiereulen, den sesshaften Kulturfolgern, ist das leichter:
O TON 18 Carmen Pöhl
Dieser Kontakt dann auch zu dieser toten Sumpfohreule, und auch der Fakt, dass bei uns immer wieder Gewölle am Boden lagen, haben mir dann doch klar gemacht, dass es hier Eulen gibt. Und ich kam dann auf die Idee, dass ich die unterstützen sollte.
Ich habe dann zuerst begonnen, bei den Nachbarn zu fragen, die Scheunen haben, ob sie vielleicht nicht einen Kasten aufhängen wollen. Leider habe ich dann erleben müssen, dass die Nachbarn die Idee nicht gut fanden. Die hatten sich tatsächlich Sorge gemacht, dass so eine Eule dann auch Dreck machen könnte.
SPRECHERIN darüber
Carmen Pöhl konnte tatsächlich etwas bewegen. Dank eines Artikels in der Schwäbischen Zeitung bekam sie Anrufe von sechs Lesern und Leserinnen, die auch gerne einen Schleiereulenkasten aufhängen wollen.
G Schleiereule
SPRECHERIN darüber
Schleiereulen sind weit verbreitete Wildtiere, die die Nähe des Menschen suchen und in unserem Kollektivgedächtnis ihren Platz haben. Deshalb kann man sie als Botschafter ihrer Artgenossen bezeichnen, der anderen rund 200 Eulenarten, die es gibt.
O TON 20 Carmen Pöhl
Ich finde an allen Eulen besonders, dass sie so stille Jäger sind, dass man ihnen nachsagt, dass sie besonders weise sind. Sie sind ja auch in unserer Geschichte und auch in unseren Märchen immer wieder aufgetaucht. Ja, es sind wunderbare Tiere. Kunstwerke der Natur.
M Missing fragments (Länge: 1´00´´) Z8035579110 unter:
SPRECHERIN
Ja, das sind Eulen, Kunstwerke der Natur. Wegen ihrer Effizienz bei der grenzübergreifenden Mäusejagd erleben sie im Nahen Osten gerade einen Imagewandel: weg von der Unheilsbotin, hin zur Friedenstaube. In Mitteleuropa nagelt sie zum Schutz vor Blitz und Feuer wohl niemand mehr an das Scheunentor, aber unsere intensive Landnutzung macht ihnen zu schaffen. Wenn wir sie weiterhin um uns haben wollen, müssen wir unseren Lebensraum mit ihnen teilen. Wir müssen dafür sorgen, dass es weite offene Flächen gibt, auf denen sie Nagetiere und kleine Säugetiere finden. Und sie brauchen geschützte Nistplätze, wo sie ihre Brut ungestört aufziehen können. Eigentlich nicht viel.

Feb 14, 2024 • 23min
Hoffnung - Die Stille Kraft
Wenn nichts mehr geht, dann bleibt die Hoffnung. Sie stirbt bekanntlich zuletzt. Hoffnung gibt Kraft und hält am Leben. Doch die Hoffnung hat auch eine Kehrseite: dann nämlich, wenn sie träge und faul macht. Autorin: Karin Lamsfuß (BR 2020)CreditsAutorin dieser Folge: Karin LamsfußRegie: Christiane KlenzEs sprachen: Xenia Tiling und Stefan MerkiTechnik: Susanne HarasimRedaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:Prof. Giovanni Maio, Medizinethiker Uni Freiburg;Dr. Claus Eurich, Philosoph und emeritierter Ethik-Professor;Wolfgang Jacobs, Theologe und Krankenhausseelsorger
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK 1 (Z8000712 117 Carrie Newcomer: A Whole Lot Of Hope 0’40)
O-Ton 1 Maio:
Der hoffende Mensch ist derjenige, der weiß, dass die Zukunft offen ist.
O-Ton 2 Jacobs:
Hoffnung ist etwas, was die Leute brauchen, um sich am Leben zu halten.
O-Ton 3 Maio:
Der hoffende Mensch ist zugleich auch der, der im Hoffen immer zugleich auch bangt.
O-Ton 4 Eurich:
Hoffnung ist die Erwartung auf eine Zukunft, die möglicherweise besser ist als die Gegenwart und als die Vergangenheit.
O-Ton 5 Jacobs:
Die Erwartung, dass etwas Wünschenswertes eintritt, ohne die Gewissheit zu haben, dass es eintreten wird.
Sprecherin:
Die Hoffnung ist ein seltsames Ding: Kaum ein Tag vergeht, oft kaum eine Stunde, ohne dass Menschen nicht irgendetwas Zukünftiges erhoffen: Banales wie etwa, dass sie den Zug noch erwischen, die Kinder gute Noten bekommen, sich Oma über den Kuchen freut, die Aktienkurse steigen. Und Bedeutsames wie etwa, dass sie ihren Job behalten, die Ehe lange hält oder ein geliebter Mensch wieder gesund wird.
Der Mensch schreibt ständig Geschichten mit offenem Ausgang weiter – natürlich in der Hoffnung, dass diese glücken bzw. gelingen. Doch, das wird der Hoffnung im Kern nicht gerecht. Und so spielt das Leben auch nicht.
MUSIK 2 (Z8028426 102 Tindersticks: The Amputees 0’27)
Sprecherin:
Er war ein Sonnyboy. Kitesurfer. Sonnengebleichte, blonde Haare, braun gebrannt. Verena verliebte sich sofort in ihn. Nach dem Studium heirateten beide. Und hofften auf ein tolles, aktives, gemeinsames Leben.
O-Ton 7 Verena:
Und dann irgendwann dieser Dienstag-Abend war, wo wir zu dritt bei dem Arzt saßen, also mein Mann, sein Vater und ich, und der Arzt dann sagte: „Ich muss Ihnen die Mitteilung machen: Ja, Sie haben Multiple Sklerose“!
Und dann steht man da auf einmal und denkt: Das Leben ist jetzt erst mal zu Ende. Ich war 33 und er war 29.
MUSIK 3 (Z8028007 110 Max Richter: Hope strings eternal 0’27)
Sprecherin:
Es gab keine Hoffnung auf Heilung, maximal darauf, dass die Krankheit einen milden Verlauf nehmen würde. Zwei Jahre lang sah es so aus, als würde sich diese Hoffnung erfüllen. Kaum Symptome. Beide lernten mit der Krankheit zu leben.
O-Ton 8 Verena:
Und dann kam wirklich der totale Hammerschub, weil es ihn dann nicht nur am linken Bein getroffen hatte, sondern an der ganzen rechten Körperhälfte, die war dann quasi wie gelähmt. - So! Und das war wirklich der Punkt, wo unser Leben auf den Nullpunkt gesetzt worden ist. Es ist die Frage: wird er sich überhaupt irgendwie rühren können? Oder ist er jetzt irgendwie so’ n Schwerstpflegefall?
Sprecherin:
Alle Hoffnung war zerstört. Und nun?
MUSIK 4 (C1637800 101 Martin Tingvall: Hope 0’42)
Sprecherin:
Die Philosophie gibt hier nur wenige Antworten. Nur ganz wenige philosophische Werke - wie etwa „das Prinzip Hoffnung“ des deutschen Philosophen Ernst Bloch - beschäftigen sich mit der Hoffnung.
Dabei geht es bei diesem Thema eigentlich um eine ganz grundlegende philosophische Frage: Wie kann Leben gelingen – mit all seinen Wünschen und Sehnsüchten auf der einen Seite und der Möglichkeit des Scheiterns dieser Wünsche auf der anderen Seite?
O-Ton 9 Eurich:
Da schwingt dann natürlich auch immer Hoffnung mit. Und da handelt es sich dann aber um eine andere Dimension von Leben und Lebensorientierung, die nicht nur mit Haus und Partnerschaft und so was zu tun hat. Sondern da betreten wir wirklich den tiefen Boden des Seins.
Sprecherin:
Dr. Claus Eurich, Philosoph und emeritierter Professor für Ethik.
Zitator:
Hoffnung ist der Regenbogen über dem herabstürzenden Bach des Lebens. …
Sprecherin:
Meinte Friedrich Nietzsche.
Hoffnung ist vor allem dort wichtig, wo der Mensch nicht mehr handeln kann. Weil es nicht in seiner Macht liegt. Oder weil alles getan ist. Dann hilft nur noch die Hoffnung. Oder das Gebet. Hoffnung im tieferen Sinne ist also keine Gier nach kurzfristiger Wunscherfüllung, sondern eine Grundhaltung zum Leben mit all seinen Widrigkeiten und Unwägbarkeiten.
O-Ton 10 Maio:
Wenn man sich fixiert auf eine ganz bestimmte Form der Zukunft, dann hoffe ich nicht. Dann erwarte ich etwas. Wenn diese Erwartung nicht eintritt, dann verzweifle ich.
Sprecherin:
Giovanni Maio, (sprich: Ma-jo) Professor für Medizinethik an der Uni Freiburg. Er hat ein Buch geschrieben über die „Kunst des Hoffens“ bei schwerer Krankheit.
Er sagt: Wirkliche Hoffnung entspringt einer Haltung jenseits von vordergründigem Optimismus, von „alles wird gut“. Sie ist eher verortet im den inneren Sphären der Zuversicht, des Vertrauens:
O-Ton 11 Maio:
Am Anfang hofft man auf etwas ganz Bestimmtes. Und das ist ganz natürlich, dass man hofft, dass man nicht krank ist. Und hofft, dass es heilbar sein wird. Das ist ganz normal und nachvollziehbar. Aber wir haben zwei verschiedene Formen von Hoffnung: die eine Hoffnung, die sagt „Ich hoffe, dass …“ und die andere Hoffnung, die da sagt: „Ich bleibe dennoch hoffend“.
Zitator:
Trotzdem! Dennoch! Jetzt erst recht!
Sprecherin:
Das ist die wahre Sprache der Hoffnung. Diese Hoffnung ist nicht auf ein bestimmtes Ziel fixiert. Sie geht tiefer.
Zitator:
Die Hoffnung hilft uns leben …
Sprecherin:
Sagte schon Johann Wolfgang von Goethe
MUSIK 5 (C1594660 107 Hadar Noiberg: Hope 0’25)
Sprecherin:
Verena und ihr Mann wussten: Der letzte Krankheitsschub hatte alles verändert. Seine Beine funktionierten nicht mehr. Also musste eine barrierefreie Wohnung her. Denn Treppensteigen war unmöglich geworden. Autofahren auch. Wie ihr Alltag künftig aussehen könnte, das wussten beide nicht.
O-Ton 12 Verena:
Als er im Krankenhaus war und es wirklich gerade so schlimm war, dann saß er da im Rollstuhl und sagte: „Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr“. Und wir beide dann geheult haben wie die Schlosshunde und nicht mehr weiterwussten, und alles war schwarz.
MUSIK 6 (C1594660 107 Hadar Noiberg: Hope 0’22)
Sprecherin:
In Grenzsituationen wie einer schweren Erkrankung zeigt sich der Charakter der stärkenden Seite der Hoffnung besonders. Weil es hier um das kostbarste Gut geht: um die Unversehrtheit des Körpers. Um das Leben. Natürlich hofft jeder zunächst auf Heilung. Doch was ist, wenn das nicht klappt? Bleibt die Heilung aus, ist alles hoffnungslos.
O-Ton 13 Maio:
Wenn man am Anfang die Hoffnung reduziert auf ‚Ich will unbedingt Heilung, wenn nicht, dann ist alles sinnlos‘. Das ist Ausdruck nicht nur von Hoffnungslosigkeit, sondern es ist Ausdruck von Ungeduld, es ist auch Ausdruck von fehlender Klarsichtigkeit. Der Hoffende sieht ganz klar. Und er glaubt daran, dass er innere Ressourcen hat, um auch das Vergebliche so anzugehen, dass keine Sinnlosigkeit eintritt.
Sprecherin:
Die Hoffnung hat unzählige Gesichter. Mal ist sie zaghaft, mal ist sie stark. Sie keimt auf, sie wird wieder zerstört. Sie verändert sich stetig. Immer aber ist sie im Fluss.
O-Ton 14 Maio
Hoffnung hat drei Elemente: Sie ist einerseits Erkenntnis: zu erkennen, wie bedrohlich die Zukunft ist; zugleich ist sie aber auch ein Gestimmtsein, im Sinne des Offenbleibens bezogen auf die Zukunft. Und sie ist drittens Phantasie. Die Bereitschaft, die Zukunft wirklich als offen anzuerkennen und daran zu glauben, dass sich Dinge ereignen, die einem doch Kraft geben können.
MUSIK 7 (MR036260 104 Edmar Castaneda & Gregoire Maret: Hope 0’41)
Sprecherin:
Hoffen ist also: wissen, dass nichts sicher ist. Und trotzdem vertrauen, dass genügend Ressourcen da sind, um Herausforderungen zu meistern.
So bewegt sich die konkrete Hoffnung weg von der Fixierung auf ein bestimmtes Ziel hin zu einem grundsätzlichen Vertrauen. Also nicht:
Zitator:
Alles wird gut!
Sprecherin:
Sondern:
Zitator:
Auch wenn es nicht gut wird, wird es einen Weg geben, damit umzugehen.
O-Ton 15 Verena:
Also ich habe gemerkt: Natürlich kommen dann manchmal so Ängste hoch: Ach, wenn’s doch so bleibt, was machen wir denn dann? Und dann habe ich gedacht: Damit setzt du dich auseinander, wenn’s so ist, und in dem Moment, wo noch die Hoffnung besteht, dass es wieder besser wird, hältst du dran fest.
Zitator:
Die Hoffnung mag eintreffen oder nicht, so hat sie doch das Gute, dass sie die Furcht verdrängt.
Sprecherin:
Meinte der deutsche Schriftsteller Jean Paul im 18. Jahrhundert.
MUSIK 8 (Z8028982 103 Ed Hogston: Memories 0’30)
Sprecherin:
Wolfgang Jacobs ist Theologe, ehemaliger Pfarrer und hat lange als Krankenhausseelsorger gearbeitet. 14 Jahre lang hat er täglich Gespräche geführt mit Menschen, die hofften und die bangten. Aber niemand, so erinnert er sich, hatte die naive Hoffnung, dass alles wieder gut werden möge.
O-Ton 16 Jacobs:
Bei Menschen, die einen Bezug zur Religion oder Spiritualität haben, war das die Hoffnung darauf, dass eine Gottheit oder eine Macht oder eine Kraft ihnen so etwas gibt wie die Zuversicht, dass das, was ihnen da widerfährt, sowohl ne Form von Sinn hat, als auch etwas ist, das nicht ganz aussichtslos ist.
Zitator:
Durch ein unerklärliches Phänomen haben viele Leute Hoffnungen, ohne Glauben zu besitzen.
Sprecherin:
… sagte der französische Philosoph Honoré de Balzac. Und weiter heißt es in dem Zitat:
Zitator:
Die Hoffnung stellt die Blüte des Wunsches dar, der Glaube ist die Frucht der Gewissheit.
Sprecherin:
Gläubige Menschen tun sich manchmal leichter mit der Hoffnung. Sie legen ihr Leben in Gottes Hand und fühlen sich auch in schwierigen Lebenslagen beschützt und getragen. Als würde eine höhere Macht gut für sie sorgen – so beschreiben viele ihr Gefühl. Die Hoffnung trägt und stärkt also.
Aber ihre Kraft wird auch manchmal missbraucht. Etwa, um aussichtslose Therapien durchzusetzen. Oder um die eigene Hilflosigkeit nicht zugeben zu müssen, so Medizinethiker Giovanni Maio:
O-Ton 17 Maio:
Wenn die Medizin glaubt, sie kann nur dann Hoffnung vermitteln, wenn sie Heilung verspricht, dann ist sie oft sehr vollmundig. Und dann macht sie oft auch Therapien, die im Grunde nicht immer sinnvoll sind. Weil sie meint, nur so Hoffnung vermitteln zu können, stattdessen müsste man sich wirklich intensiv mit dem Patienten beschäftigen und über sein Bangen reden und auf diese Weise tiefer zu denken und zu erkennen, woran einem wirklich liegt. Und inwiefern man das, woran einem liegt, immer noch verwirklichen kann. Auch im Zustand der Unheilbarkeit.
Zitator:
Die Hoffnung stirbt zuletzt!
Sprecherin:
Lautet eins der vielleicht meistzitierten deutschen Sprichwörter …
MUSIK 9 (Z8025975 102 Christopher Dierks: Hope 1’00)
Sprecherin:
Der Mensch braucht Hoffnung zum Leben. Zum Überleben. Gerade in schwierigsten Zeiten. Die Frage ist jedoch: Worauf genau bezieht sich die Hoffnung?
O-Ton 18 Jacobs:
Ich glaube, Hoffnung braucht als Basis das Gefühl von Geborgenheit. Gut im Leben zu sein sozusagen. Sich aufgehoben fühlen. Worin auch immer. Das kann religiös, das kann spirituell sein, das kann auch Philosophisches sein. Aber eine Basis zu haben, worin ich mich aufgehoben und geborgen fühle. Das ist, glaube ich, das Zentrale für Hoffnung.
Sprecherin:
Hoffnung kann aber auch zur Zumutung werden. Nämlich dann, wenn sie zur Verpflichtung wird. Wenn Angst, Verzweiflung und Mutlosigkeit keinen Platz finden und stattdessen immer nur Hoffnung verbreitet werden soll.
O-Ton 19 Verena:
Das Allerschlimmste war, alleine auf weiter Flur die Optimismus-Frau zu spielen. Das heißt, diese Zuversicht auszustrahlen: für mich, für ihn und dann auch noch für seine ganze Familie. Ich sag mal so: Es war ein bisschen so, als wenn ich alleine wie Jeanne d’Arc vor so nem Heer von Leuten stehe, die mich alle attackieren mit diesen Ängsten – es gab gar keine Alternative, außer: Ich muss jetzt diese Zuversicht ausstrahlen – auch für mich selber.
Sprecherin:
Der Theologe und Krankenhausseelsorger hält diesen „Zwang zur Hoffnung“ für fatal:
O-Ton 20 Jacobs:
Weil die Angehörigen dann meinen: indem sie so was wie Zuversicht und Hoffnung verbreiten, „du schaffst das schon“, würde dem Patienten auch noch mal geholfen. Das Fatale ist: Ich habe dann häufig erlebt, dass Patienten, wenn ich mit ihnen gesprochen habe – ohne die Angehörigen – gesagt haben: „Ja, die meinen immer noch, es würde gehen. Aber ich weiß ja, dass es nicht mehr geht. Aber ich will denen auch nicht die Hoffnung nehmen. Also es ist etwas, wo ganz paradoxe Geschichten ablaufen.
Sprecherin:
„Ein Spiel mit der Hoffnung“ nennt Wolfgang Jacobs das. Ein Spiel, indem sich alle Beteiligten etwas vormachen. Ein Spiel, das das vielleicht Wichtigste in dem Augenblick verhindert: nämlich sich mit dem auseinanderzusetzen, was ist.
MUSIK 10 (Z8026958 125 Glimmer of hope c 0’55)
Sprecherin:
Tiefe Hoffnung wirkt kraftspendend und falsche Hoffnung zerstörerisch. Der Nährboden wahrer Hoffnung ist Geborgenheit oder spirituelle Verortung – ganz gleich, wie sie aussieht.
Hoffnung kann aber auch fadenscheiniges Mittel zum Zweck sein: Um eine Fassade aufrecht zu halten. Oder um sich selbst zu beruhigen. Oder vor der Realität zu fliehen.
Zitator:
Wer sich von der Hoffnung nährt, ist stets in der Schwebe und lebt nicht.
Sprecherin:
Das meinte schon vor fast 500 Jahren der niederländische Theologe und Humanist Erasmus von Rotterdam. Friedrich Nietzsche formuliert es noch zugespitzter:
Zitator:
Sie ist in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert.
Sprecherin:
Hoffnung, die quält, Hoffnung, die wirkliches Leben verhindert: Diese Hoffnung kann wie ein Kleber sein. Ein Kleber, der Menschen an etwas festhalten lässt, das ihnen nicht guttut: Sie hoffen:
Zitator:
… dass der schreckliche Nachbar endlich freundlich wird …
Sprecherin:
… dass der Verflossene endlich zurückkehrt …
Zitator:
… dass der selbstherrliche Chef endlich mal ein Lob ausspricht …
Sprecherin:
Falsche Hoffnungen: Diese Hoffnungen sind toxisch. Sie halten gefangen in einer Phantasie, die wahrscheinlich niemals Wirklichkeit wird.
Zitator:
Nichts ist leichter als Selbstbetrug. Denn was ein Mensch wahrhaben möchte, hält er auch für wahr.
Sprecherin:
Fand der griechische Redner Demosthenes schon 300 Jahre vor Christus.
Hoffnung als Illusion. Als Flucht vor der Realität. Und als willkommene Ausrede, die Hände in den Schoß zu legen.
Hoffnung wird in dem Moment missbraucht, wenn sie an die Stelle der Handlung tritt. Und unbedingt notwendige Schritte verhindert.
MUSIK 11 (Z8028982 105 Ed Hogston: Wandering 0’40 / im Hintergrund gleichzeitig MUSIK 12 Z9507313 208 Plan B: Hope in hell 0‘25)
Sprecherin:
Spätsommer 2019: 11.000 internationale Wissenschaftler erklären den „Klima-Notfall“. Und warnen:
Zitator:
Sollten die Menschen ihr Verhalten nicht radikal ändern, wird unermessliches Leid auf sie zukommen!
Sprecherin:
Am gleichen Tag verkündet der Tagesschau-Sprecher:
Zitator:
Die Deutschen sind nach einer aktuellen großen Studie, dem „Glücksatlas“ zufrieden wie noch nie.
Sprecherin:
Wie geht das zusammen? Die Menschheit fährt - lapidar ausgedrückt - ihren Planeten gerade vor die Wand - und die Deutschen sind glücklich und zuversichtlich wie noch nie? Hat ihnen die vermeintliche Hoffnung, dass doch noch alles gut werden möge, vielleicht einen bösen Streich gespielt?
Der Philosoph Claus Eurich nennt dies in Anlehnung an den Theologen Karl Barth:
Zitator:
Billige Hoffnung
O-Ton 21 Eurich:
Billige Hoffnung, das wäre die, die nicht wirklich in die Analyse von Situationen hineingeht. Die auch nicht in das Nachspüren in sich selbst reingeht, also die Selbstreflektion in der Tiefe wirklich fehlt. Und die dann in so Sprüchen mündet wie „Es wird schon alles gut werden“. Und: „Die Dinge werden sich schon fügen“. Das ist eine Hoffnung, wo man auch sagen könnte: Die gründet auch schlicht in fehlender Erkenntnis! Oder in fehlender Information.
Sprecherin:
Billige Hoffnung beschwichtigt kurzfristig. Und sie lähmt langfristig. Sie verhindert, die wirklich wichtigen Schritte zu tun.
Zitator:
Hoffnung statt Handeln.
Sprecherin:
Die billige Hoffnung ist die destruktive Seite der Hoffnung. Die dunkle Schwester der …
Zitator:
Tätigen Hoffnung
Sprecherin:
Tätige Hoffnung schaut hin, analysiert klar und handelt.
O-Ton 22 Maio:
Deswegen ist der hoffende Mensch immer ein Mensch, der sich engagiert für seine Zukunft. Der hoffende Mensch ist eben nicht der Fatalist, der dann schicksalsergeben die Zukunft einfach abwartet, sondern es ist derjenige, der an die Zukunft glaubt und deswegen sie gestalten möchte!
Sprecherin:
Sagt Medizinethiker Giovanni Maio.
Billige Hoffnung ist fatal, und tätige Hoffnung dringend nötig. Wahrscheinlich war es in der Menschheitsgeschichte noch nie nötiger, dringender und wichtiger, als in der tätigen Hoffnung zu leben, findet Claus Eurich:
O-Ton 23 Eurich:
Tätige Hoffnung hat auch keine Gewissheit, dass sich etwas so ereignen wird, wie wir es brauchen oder wir es ersehnen, aber sie spürt, dass sie einen Beitrag leisten muss. Das heißt, das ist dann ein partnerschaftliches Verhältnis, in dem wir selber eine tragende Rolle haben.
Und in einem partnerschaftlichen Verhältnis gibt es nie nur das Nehmen. Da gibt es immer auch die Notwendigkeit des Gebens.
Zitator:
Es ist besser ein einziges kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen.
Sprecherin:
Dieses Zitat ist mehr als 2.000 Jahre alt und stammt von Konfuzius.
Tätige Hoffnung als Aufwachen aus der Lethargie, der Saturiertheit, der Selbstbezogenheit.
O-Ton 24 Eurich:
Es geht hier um die Menschheit, und es geht hier um die Schöpfung. Wir haben diese Erde erhalten, auf der wir uns entwickeln konnten, entwickeln durften, haben sie halt gnadenlos ausgebeutet, getreten, misshandelt und sind jetzt kurz davor, selber im Staub zu liegen. Wenn wir überhaupt noch eine Möglichkeit haben wollen, eine Chance haben wollen, dann stehen wir jetzt in einer Bringschuld. Dann sind wir jetzt einfach dran zu geben, zurückzugeben.
MUSIK 13 (Z8028982 104 Ed Hogston: Free forever 0’53)
Sprecherin:
Menschen gehen wieder auf die Straße, vor allem junge Menschen. Schüler protestieren Seite an Seite mit Eltern, Großeltern und Wissenschaftlern.
Claus Eurich befürchtet: Ohne radikale Umkehr wird es nicht gelingen.
O-Ton 26 Eurich:
Umkehr bedeutet, unseren Bezug zum Leben auf vollkommen neue Füße zu stellen. Und uns neu in der Lebenseinheit zu erkennen, zu sehen, und uns entsprechend zu verhalten. Nach meiner Auffassung ist dies nicht nur eine Aufgabe, sondern es wäre ein evolutionärer Schritt. Der mit dem gegenwärtigen Bewusstsein und dem gegenwärtigen Ich-Bezug auf allen Ebenen – vom Egozentrismus bis zum Anthropozentrismus – in keiner Weise angegangen werden kann.
Sprecherin:
Gier, Machtstreben, Lethargie – all das steht dem radikalen Wandel im Weg. Ein wenig Kosmetik hier, ein kleines Schräubchen dort, an dem gedreht wird. Vielleicht heißt Hoffnung in Anbetracht dieses übermächtigen Gegenwindes auch Hoffnung auf ein Wunder?
O-Ton 27 Eurich:
Und damit ist auch klar, dass wir ohne ein Entgegenkommen dessen, was wir das ‚Schicksal‘ nennen, wohl keine wirkliche Zukunft haben. Ein älterer priesterlicher Freund, den ich mal besucht habe - wir saßen abends zusammen, und er konnte immer ganz genau spüren, wo ich mental bin. Und dann merkte er mir auch ein bisschen die Niedergeschlagenheit an. Und er sagte: „Claus, ich glaube, du glaubst gar nicht mehr an Wunder! Wunder sind nämlich sicher“. Und dann kam noch der Satz hinterher: „Wunder aber wollen angestoßen werden!“
Sprecherin:
Immer wieder gab es Kippeffekte in der Menschheitsgeschichte. Wo einzelne Menschen etwas angestoßen haben, das zu einem ganzen Systemwechsel führte. Es lohnt sich also immer zu hoffen. Tätig zu hoffen.
MUSIK 14 (Z8028007 110 Max Richter: Hope strings eternal 0’30)
Sprecherin:
Verena und ihr MS-kranker Mann haben den Umzug in eine neue, barrierefreie Wohnung nun hinter sich. Er ist noch immer sehr eingeschränkt, geht am Rollator oder fährt im Rollstuhl. Die Hoffnung auf Heilung haben beide aufgegeben. Die Krankheit wird unaufhaltsam voranschreiten:
O-Ton 29 Verena
Aufgeben gilt nicht! Das ist wahrscheinlich tatsächlich das Erfolgsgeheimnis unserer Beziehung. Dass wir beide uns nicht unterkriegen lassen und beide festhalten an diesem „Es wird irgendwie weitergehen, wir schaffen das zusammen!“
MUSIK 15 (Z8000712 117 Carrie Newcomer: A Whole Lot Of Hope 0’40)
Sprecherin:
Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit. Beides kann gleichzeitig nebeneinander existieren. Das kleine helle Fünkchen im großen dunklen Meer.
Das hat auch Krankenhausseelsorger Wolfgang Jacobs ganz oft erlebt. Es erfordert aber: nicht an falschen Hoffnungen und Pseudo-Optimismus festzuhalten, sondern sich dem Unausweichlichen zu stellen.
O-Ton 30 Jacobs:
Das ist Wahrhaftigkeit. Und ich glaube, dass in dieser Wahrhaftigkeit auch ne Menge Kraft steckt.
O-Ton 31 Eurich:
Ich glaube, das ist der Punkt, um den es geht: Tue, was du kannst - und nicht nur aus einer geistigen Überzeugung, sondern aus einer Herzensenergie heraus! Und dann auch einfach hoffend im Leben stehen, dass uns etwas entgegenkommt, mit dem wir im Moment noch nicht rechnen und das wir auch noch nicht sehen können. Was immer das sei!

Feb 13, 2024 • 23min
Die Gründung des modernen Griechenlands - Die erträumte Nation
Kurztext:Am Anfang stand eine "große Idee", der Traum einer modernen griechischen Nation von gleicher Bedeutung wie das antike Byzanz. Vom ersehnten Großgriechenland blieb das bekannte Land mit der Hauptstadt Athen. Autor: Martin Trauner (BR 2016)Credits Autor dieser Folge: Martin Trauner Regie: Martin Trauner Es sprachen: Hemma Michel, Sven Hussok Technik: Christiane Schmidbauer Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: Prof. Dr. Ioannis Zelepos, Byzantinist, LMU München
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK: C118397 006 (00‘07‘‘)
ZITATOR:
Provisorische Verfassung Griechenlands ...
MUSIK: C112782 016 (00‘19‘‘)
ERZÄHLERIN:
Epidauros auf der Peloponnes. Heute bekannt durch das bestens erhaltene antike Theater, in das 14.000 Zuschauer passen. Vor gut 200 Jahren Schauplatz für ein anderes Spektakel.
O-TON Ioannis Zelepos:
Am 1. Januar 1822 - der Krieg war noch nicht ein Jahr - da ist schon eine Verfassung erlassen worden.
MUSIK: C118397 006 (00‘07‘‘)
ZITATOR:
Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit ...
MUSIK: C112782 016 (00‘19‘‘)
ERZÄHLERIN:
67 griechische Revolutionäre sind nach Epidauros gekommen, um gemeinsam an einer Verfassung zu arbeiten. Mit im Gepäck haben sie eine Idee: ein freies, unabhängiges Griechenland.
MUSIK: C118397 015 (00‘27‘‘)
ZITATOR:
... Da die griechische Nation unter der schaudervollen osmanischen Herrschaft das höchst drückende und beispiellose Joch der Tyrannei nicht zu ertragen vermochte und es mit großer Aufopferung abgeschüttelt hat, so verkündigt sie heute durch ihre legitimen, in einer Nationalversammlung zusammengetretenen Repräsentanten vor dem Angesicht Gottes und der Menschheit ihre politische Existenz und Unabhängigkeit.
MUSIK: C112782 016 (00‘19‘‘)
O-TON Ioannis Zelepos:
Das ist die erste Revolutionsverfassung - davor gab's so Lokalverfassungen -, aber die erste, die wirklich den Vertretungsanspruch der Nation, also für den gesamten Aufstand auch erhebt -
MUSIK: C156186 001 (00‘32‘‘)
ERZÄHLERIN:
Sagt Ioannis Zelepos. Professor für Byzantinistik. Der Münchner Künstler Ludwig Schwanthaler verewigt Jahre später den heroischen Augenblick in einem Gemälde: Männer in griechischer Volkstracht mit Krummschwertern präsentieren feierlich ihren Verfassungsentwurf. Einziges Manko: Schwanthaler war nicht dabei. Aber die Szenerie passt halt so gut: Die Wiedergeburt Griechenlands in den antiken Überresten von Epidauros, vor dorischer Säulenkulisse ...
MUSIK ENDE
O-TON Ioannis Zelepos:
Die Örtlichkeit eignet sich gut für eine – also parlamentsartige Versammlung. Das ist ein Punkt. Und der zweite Punkt ist, dass die Argolis, wo das liegt, eigentlich dann das das Zentrum der Aufständischen schon relativ früh war. Also das heißt: Da kontrollierten Sie halt das Gebiet, und das Verwaltungszentrum – es gab noch keine – in diesem ersten Jahr – keine Hauptstadt – es war dann da auch schon.
ERZÄHLERIN:
Noch war Griechenland im Jahr 1822 weit entfernt davon, ein eigener, unabhängiger Staat zu sein. Die Aufständischen hatten zwar große Teile der Peloponnes und Mittelgriechenland unter ihre Kontrolle gebracht. Aber: Die europäischen Großmächte verweigerten einem neuen Staat ihre Anerkennung, und auch die Osmanen gaben sich noch lange nicht geschlagen.
MUSIK: C118397 015 (00‘07‘‘)
ZITATOR:
Alle Griechen sind gleich vor dem Gesetze, ohne irgend eine Ausnahme, oder Stufe, oder Klasse, oder Ansehen.
MUSIK: C112782 016 (00‘33‘‘)
ERZÄHLERIN:
Die Aufständischen präsentieren in Epidauros einen fortschrittlichen Verfassungsentwurf, ganz im Sinne der Aufklärung und der französischen Revolution. Einerseits, weil sie dadurch auf schnelle Akzeptanz durch europäische Intellektuelle hoffen, andererseits ist man sich der antiken Tradition bewusst und wählt als künftige Staatsform die Demokratie. Zwar legen sie von Anfang an fest, dass die herrschende Religion im griechischem Staate die der morgenländischen orthodoxen Kirche Christi sei, aber:
MUSIK: C118397 015 (00‘56‘‘)
ZITATOR:
Es duldet jedoch die Regierung von Griechenland jede andere Religion und die heiligen Gebräuche einer jeden derselben werden ungehindert ausgeübt.
ERZÄHLERIN:
Und man legt, nach Jahrhunderte langer Fremdherrschaft unter dem Halbmond auf rotem Tuch, die neuen Farben des Staates fest:
ZITATOR:
Die Farben der Nationalkokarde, der Flaggen des Meeres und der Fahnen des festen Landes werden so bestimmt: weiß und blau.
ERZÄHLERIN:
Das erste Dokument, in dem die griechischen Farben weiß und blau bestimmt werden. Und: Obwohl sich das Gerücht hartnäckig hält – es ist keine bayerische Erfindung ...
O-TON Ioannis Zelepos:
Und übrigens auch dadurch das erste offizielle Dokument dieser Art, wo sich die Aufständischen auch als Hellenen bezeichnen.
MUSIK ENDE
ERZÄHLERIN:
Hellenen. Oder Griechen. Das Volk an der Ägäis nannte sich seit Jahrhunderten nicht mehr so. Seit den Zeiten des byzantinischen Reiches bezeichneten sie sich als "Rhomäer", als "Römer".
O-TON Ioannis Zelepos:
Das bezog sich auch auf das christliche Bekenntnis vor allem, was ein wichtiges Identitätsmerkmal war, dass man also Christ war, orthodoxer Christ vor allen Dingen. Während in diesem alten Sprachgebrauch Hellene eigentlich ein Synonym war für einen Heiden, also Nichtchristen. Aber das änderte sich dann im 18. Jahrhundert und wurde zu einer Selbstbezeichnung.
ERZÄHLERIN:
In der Verfassung von Epidauros nennt man sich nun Hellene. Und freier Hellene ist man nur, wenn man an den orthodoxen Christus glaubt und in Griechenland geboren wurde. Nur: Wo liegt eigentlich dieses Land der Hellenen, wo liegt Griechenland?
MUSIK: C112782 016 (00‘20‘‘)
ZITATOR:
Und an dem Ufer steh ich lange Tage
Das Land der Griechen mit der Seele suchend.
Und gegen meine Seufzer bringt die Welle
Nur dumpfe Töne brausend mir herüber ...
MUSIK ENDE
ERZÄHLERIN:
Johann Wolfgang von Goethe lässt seine Iphigenie auf der Insel Tauris sehnsuchtsvoll nach Griechenland blicken. Wo ihr gelobtes Land ist, weiß sie nicht. Das antike Tauris, so vermutete man früher, könne die Halbinsel Krim im schwarzen Meer gewesen sein. Und wie der Iphigenie in ihrem Exil ging es im 19. Jahrhundert vielen Griechen: Sie lebten als Kaufleute oder Gelehrte über halb Europa verteilt: als sogenannte Diaspora-Griechen ...
O-TON Ioannis Zelepos:
Im weiteren Raum des östlichen Mittelmeers, aber auch am Schwarzen Meer; im Nordosten Anatoliens, im Kaukasusraum, auf der Krim. Natürlich gab es auch ganz bedeutende Diaspora-Händlerkolonien in Mitteleuropa. Also das verteilt sich einigermaßen schon so dieses Siedlungsgebiet.
ERZÄHLERIN:
Aber auch im griechischen Kernland um die Ägäis lebten nicht nur christlich orthodoxe Griechen, sondern auch Katholiken, Juden und Muslime. Heute würde man sagen, das Land war multiethnisch und multikonfessionell. Und in diesem heterogenen Umfeld soll ein griechischer Staat entstehen? Ioannis Zelepos von der Universität München:
O-TON Ioannis Zelepos:
Also einen griechischen Staat in dem Sinne gab es ja eigentlich vor dem 19. Jahrhundert gar nicht. Und als der Unabhängigkeitskrieg begann, war der größte Teil dieses Gebietes eigentlich unter – gehörte zum Osmanischen Reich unter osmanischer Kontrolle. Ein ganz kleiner Teil gehörte zu Venedig noch. Das sind die Inseln ganz im Westen da im Ionischen Meer , fast am Eingang zur Adria. Aber eigentlich gehörte das zum Osmanischen Reich und zwar schon sehr viele Jahrhunderte auch: Denn die Osmanen hatten das Byzantinische Reich erobert im 15. Jahrhundert.
ERZÄHLERIN:
1453 fiel Konstantinopel in die Hände der Osmanen. Das war das Ende von Byzanz, vom Oströmischen Reich. Doch es kam nicht zu einem massenhaften Exodus der griechischsprachigen Bevölkerung. Schnell arrangierte sich die Orthodoxe Kirche mit den neuen Machthabern und beließ ihren Sitz in Konstantinopel. Der Patriarch war nach islamischem Recht nun nicht nur geistliches Oberhaupt, sondern auch der weltliche Führer des Millet-i-Rum, der "römischen Religionsgemeinschaft". Nochmals zur Erinnerung: Die Griechen hießen ja damals Römer.
MUSIK: C112782 004 (00‘52‘‘)
ZITATOR (Geografia Neoteriki):
Unter den Türken könnten die heutigen Griechen sehr glücklich leben, wegen vieler guter Dinge, die sie anderswo entbehren müssen.
ERZÄHLERIN:
1791, also nach über 300 Jahren osmanischer Herrschaft, beschreibt ein griechischer Geograph die Zustände im Land:
ZITATOR (Geografia Neoteriki):
Die Griechen könnten sehr glücklich leben, wenn zwei Dinge fehlen würden: das eine ist beiden gemein, das andere aber ist nur den Herrschenden zu eigen: Wenn der religiöse Hass fehlen würde, den die Griechen gegen die Türken und die Türken gegen diese hegen. Das andere ist die despotische Regierung ...
ERZÄHLERIN:
Über Jahrhunderte hatte das Millet-i-Rum-System ganz gut funktioniert. Und viele Griechen hatten sich trotz fremder Besatzung mit dem Sultan arrangiert ...
MUSIK ENDE
O-TON Ioannis Zelepos:
Das kann man eigentlich tatsächlich auch sagen. Es gab ja Eliten, die sich im Osmanischen Reich dann nicht nur finanziell sozusagen gut behaupten konnten, sondern auch in hohe Staatsämter gekommen waren. Auch die Amtskirche, also der hohe Klerus, der war bestens vernetzt eigentlich mit der Sultansherrschaft. Und eigentlich kann man tatsächlich sagen, dass auch in dem Gebiet, wo der Aufstand stattfand, in den Jahrzehnten vorher eigentlich ein Wirtschaftsaufschwung stattfand. Denen ging es sogar eher besser als hundert Jahre zuvor. Aber ...
ERZÄHLERIN:
Aber trotzdem wächst die Unzufriedenheit. Das untergehende Osmanische Reich lässt immer höhere Steuern eintreiben und auch die Glaubenskonflikte zwischen Muslimen und Christen nehmen zu. Die einfache Bevölkerung auf dem Land bekommt von dem Wirtschaftsaufschwung wenig mit.
O-TON Ioannis Zelepos:
Die Idee, dass man doch jetzt mit einem eigenen Staat weiter kommt, besser vorankommt, die griff dann um sich.
ERZÄHLERIN:
Sagt Ioannis Zelepos, Verfasser einer "Kleinen Geschichte Griechenlands".
O-TON Ioannis Zelepos:
Ganz starke Impulse für diese Bewegung kommen eigentlich aus dem Bereich dieser Diaspora-Gemeinden: namentlich aus Paris, aus Wien, aus Odessa. Da bildeten sich so die ersten Zentren. Da gibt es dann ein intellektuelles Milieu sozusagen von Griechen, die diese Idee aufgreifen, dass man sich organisiert, dass man einen Aufstand organisiert.
MUSIK: priv. CD „Tin Ora Pou Axionomai“ aus „I Ellada Tou Riga“ (01‘22‘‘)
ZITATOR (Ioannis Makrygiannis):
Die Gegend, wo ich geboren bin, ist bei Lidoriki, ein Dorf in der Gegend von Lidoriki, genannt Avoriti, fünf Hütten.
ERZÄHLERIN:
Ioannis Makrygiannis, geboren 1797 in einem kleinen Ort in Mittelgriechenland, beginnt mit 32 Jahren, seine Erinnerungen aufzuschreiben.
ZITATOR (Ioannis Makrygiannis):
Ich kann ein wenig schreiben, obwohl ich niemals in die Schule gegangen bin, da ich nie die Gelegenheit dazu hatte.
ERZÄHLERIN:
Makrygiannis durchläuft den griechischen Unabhängigkeitskrieg von Anfang bis zum Ende in allerlei Posten. Als Guerillero, als General und als Politiker. Er kommt aus einfachsten Verhältnissen.
ZITATOR (Ioannis Makrygiannis):
Meine Eltern waren sehr arm; an ihrer Armut war die Raubgier der ortsansässigen Türken schuld ...
ERZÄHLERIN:
Schon als Jugendlicher gelangt er mit einem selbst aufgezogenen Getreidehandel zu Geld. Er kauft sich ein silberbeschlagenes Gewehr und andere Waffen. Und er kommt in Kontakt mit neuen, geheimnisvollen Kreisen …
ZITATOR: (Ioannis Makrygiannis)
Ich hatte einen Freund, einen Priester. Und ich war eng mit ihm befreundet, und er war besser zu mir als zu seinen eigenen Kindern. Er wollte mich in das Geheimnis der Hetaireia einweihen
ERZÄHLERIN:
Das Geheimnis der Hetaireia?
O-TON Ioannis Zelepos:
Die Gesellschaft der Freunde oder auf Griechisch: Filiki Hetaireia.
MUSIK: C112782 016 (00‘58‘‘)
ERZÄHLERIN:
Die Gesellschaft der Freunde wurde weit weg von Griechenland 1814 im russischen Odessa gegründet. Von einigen Diaspora-Griechen. Ein Geheimbund in Anlehnung an die Freimaurerlogen. Einziges Ziel der Filiki Hetaireia: Befreiung des Vaterlands. Viele Mitglieder hatten die verschwörerischen Freunde wohl nicht, aber:
O-TON Ioannis Zelepos:
Sie konnten doch den Eindruck vermitteln an ihre Adressaten, dass da eine große Organisation ist. Und dann verbreiteten sie auch das Gerücht, dass dahinter eigentlich der Zar von Russland sogar steht. Das heißt, wer da angeworben wurde, der hatte dann das Gefühl, aha, wir haben hier so eine Organisation. Das mochte gar nicht stimmen n Wahrheit, aber das führte dazu, dass dann doch die Bereitschaft, so einen Aufstand zu machen, anstieg.
+ MUSIK: C112782 015 (00‘12‘‘)
ZITATOR: (Ioannis Makrygiannis)
Ich überlegte mir alles und hielt mir alles vor Augen: Tod, Gefahren und Kämpfe, die ich alle für die Freiheit meines Vaterlandes und meiner Religion erdulden werde.
MUSIK: priv. CD „O Thourios Tou Riga“ aus „I Ellada Tou Riga“ (00‘51‘‘)
ZITATOR (Rigas Thourios):
Wie lange, meine Helden, sollen wir in Fesseln leben, allein wie Löwen auf Kämmen und Gipfeln ...
ERZÄHLERIN:
Das Revolutionslied "Thourios" von Rigas Velestinlis. Er war einer der Vordenker des griechischen Aufstandes.
ZITATOR (Rigas Thourios):
… Lieber eine Stunde in Freiheit leben als 40 Jahre in Sklaverei!
ERZÄHLERIN:
Den Beginn des Aufstandes auf der Peloponnes am 25. März 1821 erlebt Rigas Velestinlis nicht mehr. 1797 wurde er von den Osmanen wegen seiner revolutionären Schriften hingerichtet.
ZITATOR (Rigas Thourios):
Allein nur mein Leichnam wird sterben, mein Geist wird mich überleben, denn er hat schon alle Herzen der Griechen durchdrungen.
MUSIK ENDE
ERZÄHLERIN:
Ob der griechische Aufstand wirklich genau am 25. März 1821 begonnen hat, mag bezweifelt werden. Aber es ist der christliche Feiertag "Mariä Verkündigung" und so hat das Datum durchaus symbolischen Charakter. Es war ein Aufstand der Christen gegen ihre muslimischen Besatzer.
O-TON Ioannis Zelepos:
Man dachte eigentlich sogar an einen allgemeinen Aufstand gegen den Sultan, zumindest in dem von orthodoxen Christen bewohnten Teil des osmanischen Reiches, slso sogar im heutigen Bulgarien, Serbien, Rumänien. Man dachte, dass das also eine viel, viel größere Angelegenheit werden würde. Und so hat ja auch der erste Anbeginn dieses Aufstandes nicht in Griechenland stattgefunden, sondern im heutigen Rumänien.
ERZÄHLERIN:
Die Unruhen in Rumänien werden vom Sultan schnell niedergeschlagen. Aber in Griechenland entbrennt ein mehrjähriger Krieg, mit Massakern auf osmanischer und griechischer Seite. Zwar gelingt es den Griechen relativ schnell, die Osmanen zu vertreiben. Aber nun geraten die griechischen Aufständischen in einen Bürgerkrieg: Uneins, wie die Machtverteilung im neuen Staat aussehen soll, kämpfen alte Eliten gegen neue Machthaber, kämpfen Insulaner gegen Festland-Griechen. Und kein Frieden in Sicht. Weder im Inneren noch im Äußeren.
O-TON Ioannis Zelepos:
Dann kam zwei, drei Jahre später dieses Expeditionskorps aus Ägypten. Ägypten gehörte noch nominell zum Osmanischen Reich, war aber formal unabhängig, und die Ägypter die schickten da also wirklich eine modern ausgerüstete Armee. Das war die Absprache: Der Sultan versprach den Khediven in Ägypten: Wenn ihr uns helft, bekommt ihr die Insel Kreta und die Peloponnes. Und – also gegen die konnten die schon nicht mehr sehr viel ausrichten die Aufständischen.
ERZÄHLERIN:
Im Februar 1825 landet das ägyptische Heer auf der Peloponnes. Ein Jahr später stehen sie vor Athen und belagern die Akropolis. Die Griechische Revolution scheint am Ende.
MUSIK: C112782 012 (00‘55‘‘)
ZITATOR (Aufruf der Philhellenen):
Noch steht die griechische Nation aufrecht! Noch kämpft sie tapfer und unermüdet für Dinge, die dem Menschen überhaupt das Heiligste und Teuerste sind, und ewig bleiben werden!
ERZÄHLERIN:
Münchner Philhellenen rufen zu Spenden für den griechischen Unabhängigkeitskrieg auf. Schon von Anfang an begleiten Philhellenen aus ganz Europa die Revolutionäre mit wohlwollenden Publikationen und Geldgaben.
ZITATOR (Aufruf der Philhellenen):
Trotz aller erlittenen Drangsale, trotz all dem glänzen die Unglücklichen dennoch durch Taten, die dem Heroismus des alten Hellas in nichts nachstehen! Hoffen wir getrost, dass die neuen Hellenen, mit der Hilfe Gottes, sich vom Joch der Türken befreien werden, wie ihre großen Vorfahren sich vom Druck der Perser befreit haben.
ERZÄHLERIN:
Eigentlich saßen die Philhellenen einem Missverständnis auf (MUSIK ENDE): Die europäischen Griechenfreunde hofften auf die Wiedergeburt des antiken Griechenlands mit einem glänzenden Athen als Hauptstadt, die Revolutionäre allerdings dachten wohl mehr an einen christlich-orthodoxen Staat mit dem Zentrum Konstantinopel: Doch davon ist man weit entfernt: Athen ist noch ein kleines Bauerndorf mit einer alten Akropolis. Und Konstantinopel heißt Istanbul. Aber den Philhellenen gelingt es, den griechischen Aufstand einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen und sie zu mobilisieren. Viele junge Männer aus Deutschland und England melden sich als Freiwillige für den Krieg gegen die Türken.
O-TON Ioannis Zelepos:
Ja, und das führte letztlich dazu auch – oder hing damit zusammen, dass dann wirklich die europäischen Großmächte eingriffen. Und zwar nicht nur diplomatisch, sondern auch militärisch. Und das ist eigentlich dann der Schlüssel dafür gewesen, dass dieser eigentlich militärisch schon gescheiterte Aufstand dann letztlich politisch zum Erfolg wurde. Also konkret: England, Frankreich und Russland.
ERZÄHLERIN:
Eigentlich hegen Engländer, Franzosen und Russen völlig unterschiedliche Interessen in Griechenland. Jeder von ihnen will sich seinen Einfluss im künftigen Staate Griechenland sichern. Doch gegen die ägyptische Invasionsflotte schließen sie sich zusammen. Mit einem gemeinsamen Geschwader vernichten sie die Flotte von Ibrahim Pascha. Am 20. Oktober 1827 in Navarino. Es war die letzte Seeschlacht des Segelschiffzeitalters. David Urquhart, schottischer Reisender und natürlich Philhellene, wird Augenzeuge:
MUSIK: C118397 003 (00‘44‘‘)
ZITATOR (David Urquhart):
Man hörte noch bis Sonnenuntergang ein unregelmäßiges Kanonenfeuer mit geringen Unterbrechungen. Der Wind hatte sich gelegt und ein Vorhang von Rauch verhüllte den Schauplatz, auf den alle Aufmerksamkeit gewendet war. Aber als die Sonne sank, als die Nacht ihren dunklen Mantel ausbreitete, da glänzte hell die Flamme von elf brennenden Schiffen durch das Leichentuch der Wolken und spiegelte sich in den Wellen. Das war ein denkwürdiger Tag für Griechenland, ja für Europa.
ERZÄHLERIN:
Griechenland ist von den Osmanen befreit, aber immer noch nicht einig und immer noch kein von den Großmächten anerkannter Staat (MUSIK ENDE). Während England, Frankreich und Russland in Hinterzimmern über das Schicksal Griechenlands verhandeln, wählt eine hellenische Nationalversammlung den ersten Regenten: Ioannis Kapodistrias. Ein erfahrener Diplomat und ehemaliger Staatssekretär in russischen Diensten. Der stand Anfangs der griechischen Unabhängigkeitsbewegung skeptisch gegenüber, doch nun beginnt er mit großem Elan, Griechenland zu modernisieren.
O-TON Ioannis Zelepos:
Ein bekanntes Beispiel ist der Kartoffelanbau: Die Kartoffel, die war völlig unbekannt in Griechenland, die wurde von Kapodistrias eingeführt. Das ist wichtig. Überhaupt hat er die Landwirtschaft gefördert, er hat sogar eine Landwirtschaftsschule gegründet, eine eigene Währung, Grundlagen eigentlich der staatlichen Verwaltung.
ERZÄHLERIN:
Doch Kapodistrias scheitert an seinen Landsleuten. Als Modernisierungsdiktator wird er empfunden, als Tyrann. Nach vier Jahren Regentschaft kommt es im äußersten Süden der Peloponnes, auf der Mani, zu einer Revolte gegen Kapodistrias. Er lässt den Aufstand niederschlagen und verhaftet den Anführer. Aus Rache wird Kapodistrias von dessen Familie ermordet.
O-TON Ioannis Zelepos:
Aber trotz allem kann man schon sagen, dass Kapodistrias in vieler Hinsicht wirklich Grundlagen gelegt hat. Vieles davon wurde dann ein paar Jahre später umgesetzt auch, als die Unabhängigkeit beschlossen wurde, von den Bayern.
MUSIK: C112782 004 (01‘10‘‘)
ZITATOR (Ioannis Makrogyannis):
Heute wird das Vaterland neu geboren, es steht von den Toten auf, da es so lange verloren und ausgelöscht war.
ERZÄHLERIN:
Während Griechenland nach dem Tod von Kapodistrias wieder in Anarchie und Bürgerkrieg verfallen war, einigten sich Russland, Frankreich und England darauf, eine Erbmonarchie einzurichten.
ZITATOR: (Ioannis Makrogyannis)
Heute werden die Kämpfer wieder zum Leben erweckt, die Politiker, der Klerus, die Soldaten, weil unser König eingetroffen ist, den wir mit Gottes Hilfe bekommen haben.
ERZÄHLERIN:
Der König, der am 6. Februar 1833 in der griechischen Hauptstadt Nafplio eintrifft: Er ist ein Wittelsbacher. Es kommt der noch minderjährige Otto, Sohn vom bayerischen König Ludwig I. Ioannis Makrygiannis, Freiheitskämpfer der ersten Stunde, begrüßt ihn:
ZITATOR (Ioannis Makrogyannis):
Und ich sagte zum König: "Wir haben die Pflicht, Dich zu hören und dich mit unserem Leben zu beschützen und Deine Majestät soll Deine Gerechtigkeit über unser Unglück breiten. Es lebe der König und unsere Wohltäter, die Mächte." Dann ging ich.
MUSIK ENDE
ERZÄHLERIN:
Otto will - ganz im Sinne seines Vaters - aus dem neu entstandenen Griechenland ein Musterkönigreich bauen. Immer das antike Griechenland im Blick, aber natürlich mit einem Herrscher von Gottes Gnaden. Er bestimmt Athen als Hauptstadt, lässt sie von seinen Architekten neu errichten. Er lässt die von Kapodistrias initiierten Reformen durchführen, gründet eine Universität und führt sogar das bayerische Reinheitsgebot für Bier ein. - Und trotzdem: Auch er scheitert nach immerhin 30-jähriger Regentschaft am griechischen Freiheitswillen (MUSIK: priv. CD „Greek Folk Tune” aus „Greek Enlightenment“ [00‘40’‘]). - Philhellene blieb er.
O-TON Ioannis Zelepos:
Ich hab gelesen, dass der, als der nachher ins Exil geschickt wurde, dass er also nicht nur immer in griechischer Tracht auch alltäglich sich bewegt hat, sondern auch Griechisch gesprochen hat. Also der war ganz ohne Zweifel auch ein griechischer Patriot.
ERZÄHLERIN:
Das war also die Gründung des modernen Griechenlands. Zur Ruhe gekommen sind die Griechen in ihrem neuen Staat damit zwar noch lange nicht …
ZITATOR:
… aber das ist ein anderes Drama.

Feb 13, 2024 • 21min
Anfänge des Rundfunks in Deutschland - Die ersten Klänge des Radios
1923 ging in Deutschland die erste Radiosendung über den Äther - ohne einen einzigen journalistischen Wortbeitrag, ohne Kommentar oder Reportage, aber schon mit einem "Werbeblock". (BR 2020)
Autor: Michael Marek
Credits Autor/in dieser Folge: Michael Marek Regie: Martin Trauner Es sprachen: Beate Himmelstoß, Andreas Neumann, Chrostopher Mann Technik: Peter Preuss Redaktion: Nicole Ruchlak
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