Radiowissen

Bayerischer Rundfunk
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Feb 13, 2024 • 24min

Kleine Wesen, große Wanderer - Alles Natur

Dass Fische, Vögel oder Säugetiere zum Teil erstaunliche Wanderungen vollziehen, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass auch Kleinstlebewesen wie Schleimpilze und einige Insekten wie Treiberameisen, Monarchfalter oder Schwebefliegen unglaubliche Distanzen auf ihren Wanderungen überwinden. Bernhard Kastner im Gespräch mit dem Biologen Dr. Thassilo Franke (BR 2023) Credits Es sprachen: Bernhard Kastner im Gespräch mit dem Biologen Dr. Thassilo Franke Technik: Mars13 / Peter Riegel Redaktion: Iska Schreglmann Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Dr. Thassilo Franke, BIOTOPIA Lab, München Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Wale - Faszinierende Wanderer der OzeaneJETZT ANHÖREN Tierwanderungen - Das geheimnisvolle NaturschauspielJETZT ANHÖREN Auf Wanderschaft - Wie Zugvögel ihren Weg findenJETZT ANHÖREN Aufwind für den Waldrapp - Wiederansiedlung eines ZugvogelsJETZT ANHÖREN "Alles Natur" entsteht im Austausch mit dem BIOTOPIA Naturkundemuseum Bayern.Bei BIOTOPIA – Naturkundemuseum Bayern, dem neu entstehenden Museum und Zukunftsforum für Lebens- und Umweltwissenschaften in München, bringen wir topaktuelle Forschung und die Öffentlichkeit zusammen.EXTERNER LINK | https://www.biotopia.net/de/ Linktipp: ARD Audiothek | Anna und die wilden Tiere - der PodcastReporterin Anna reist um die Welt und kommt Tieren ganz nah: Vom Ameisenbär über Kängurus bis zu Zebras. JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
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Feb 13, 2024 • 23min

Warum wandern Tiere? Alles Natur

Tierwanderungen geben der Wissenschaft bis heute Rätsel auf. Wieso begeben sich jedes Jahr Millionen Gazellen, Störche, Kröten oder Wale auf Wanderschaft? Woher wissen sie, dass es Zeit ist, und wie finden sie ihren Weg? (BR 2020) Autorin: Claudia HeissenbergCreditsAutor/in dieser Folge: Claudia HeissenbergRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Ruth GeiersbergerTechnik: Regina StaerkeRedaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen:Manfred Niekisch (Dr.; Professor; Experte für Tierschutz und ehemaliger Direktor des Frankfurter Zoos);Andrea Flack (Dr.; Biologin am Max-Planck-Institut für Verhaltensforschung in Radolfzell);Michael Quetting (Projektleiter Animal Tracker App am MPI);Uschi Müller (Projektkoordinatorin ICARUS) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Auf Wanderschaft - Wie Zugvögel ihren Weg findenJETZT ANHÖREN Wale - Faszinierende Wanderer der OzeaneJETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN
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Feb 12, 2024 • 23min

Deutsche im türkischen Exil - Wissenschaftsmigration 1933-1945

In der Zeit des Nationalsozialismus gingen viele Wissenschaftler ins Exil in die Türkei. Die türkische Regierung hatte Reformen angestoßen, das Land brauchte westliches Know-how. Ausgebürgerten Wissenschaftlern wurde in ihren Pass "heimatlos" gestempelt. 'Haymatloz' wurde später ein Synonym für Exilanten im Türkischen. Autorin: Claudia Steiner (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Christian Baumann, Peter Veit Technik: Roland Böhm Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview:Elisabeth Weber-Belling, Tochter des Bildhauers Rudolf Belling;Burcu Dogramaci, Professorin für Kunstgeschichte an der LMU München;Sabine Mangold-Will, apl.-Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal;Sabine Hillebrecht, Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin  Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT  Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1: „Sarilsam“ - C1438820106 – 23 Sek O-TON 1 (Belling, 25.05)  Für mich – ich bin da geboren worden. Und ich bin da aufgewachsen. Für mich war es Heimat, und für meine Mutter war es auch Heimat, und für meinen Vater wurde es zur Heimat. SPRECHER 1 …sagt Elisabeth Weber-Belling. Sie wurde 1943 in Istanbul geboren und verbrachte ihre gesamte Kindheit und Jugend am Bosporus.  MUSIK 2: „Dialoge“ von Heinrich Hartl – M0009164 000 – 51 Sek SPRECHER 1 Ihr Vater, der Berliner Bildhauer Rudolf Belling, verließ das nationalsozialistische Deutschland und emigrierte am 6. Januar 1937 in die Türkei – wie viele andere kritische und verfolgte Künstler, Wissenschaftler und Intellektuelle. Rudolf Belling, der für seine abstrakte Skulptur „Dreiklang“ bekannt ist, hatte viel für Gewerkschaften gearbeitet. Einige seiner Arbeiten wurden von den Nazis gepriesen, andere diffamiert.  So wurde seine Bronze-Skulptur des Boxers Max Schmeling 1937 in der Großen Deutschen Kunstausstellung im Münchner Haus der Kunst gezeigt – einer von Adolf Hitler kuratierten Schau. Gleichzeitig aber fanden sich Bellings Arbeiten in der Ausstellung „Entartete Kunst“. Elisabeth Weber-Belling:  O-TON 2 (Belling, 3.11)  Die Aufträge fielen weg, freies Arbeiten war nicht mehr möglich, seine Arbeiten wurden diffamiert. (…) Also, wenn sie ihn gekannt hätten, mit seinem Temperament und (…) mit seinem kühlen Überlegen. Er zog den Hut und sagte: ‚Dann war es dann erst Mal‘. Erstmal vielleicht für zwei Jahre, denn er hatte ja erst mal einen Zweijahresvertrag.  SPRECHER 1 Die meisten Experten blieben nur für einige Jahre in der Türkei, Belling aber lebte und arbeitete viele Jahre in Istanbul. Er war neugierig auf das Land und die Menschen, sagt seine Tochter.  O-TON 3 (Belling, 0.35)  Als das Angebot aus der Türkei kam (…) da hat er sofort zugesagt. Er bekam ja das Angebot, mit einer blutjungen Generation zusammenzuarbeiten. Die Chance hatte er bis dahin in der Heimat nicht gehabt.  MUSIK 3: „Rast Peşrev“ - C1575380305 – 1:13 Min O-TON 4 (gesprochen von Dr. Ergün Özsoy)  Dünyada her şey için, medeniyet için, hayat için, başarı için, en hakiki mürşit bilimdir, fendir." SPRECHER 2  "Für alles auf der Welt - für die Zivilisation, das Leben, den Erfolg - ist Wissen und Wissenschaft der wahre Leitfaden." SPRECHER 1 Ein Zitat des Gründers der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk. Die 1923 gegründete Türkei befand sich damals im Umbruch. Atatürk, erster Präsident der Türkei, brach mit der osmanischen Vergangenheit und wollte einen modernen Staat aufbauen. So wurden zum Beispiel 1926 das Schweizer Zivilgesetzbuch und das italienische Strafgesetzbuch übernommen. 1928 wurde der Islam als Staatsreligion aus der Verfassung gestrichen. Im selben Jahr wurde die arabische Schrift durch das lateinische Alphabet ersetzt. Atatürk wollte westliches Know-how ins Land holen, sagt Burcu Dogramaci. Sie ist Professorin für Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. O-TON 5 (Dogramaci, 5.45)  Hintergrund war, dass nach der Gründung der türkischen Republik 1923 sehr schnell klar war, dass es einen Cut zum Osmanischen Reich geben soll. Das heißt: Wissenschaft, Bildung, Kultur sollte ganz neu formiert, aufgebaut werden. Und dafür entledigten sich dann auch die Ministerien teils sehr rasch und rüde dem (…) wissenschaftlichen Personal, was bis dato beschäftigt war, zum Beispiel Architekten, die gelehrt hatten, die aber schon in der Zeit des Osmanischen Reiches lehrten.  SPRECHER 1 Die Regierung suchte deshalb bereits seit Mitte der 1920er-Jahre Hilfe bei der Modernisierung des Landes. Einige Experten kamen schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 in die Türkei, andere erst, als es in Deutschland für sie unerträglich, schwierig oder gefährlich wurde, sagt die Historikerin Sabine Mangold-Will. Sie ist außerplanmäßige Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der der Bergischen Universität Wuppertal.  O-TON 6 (Mangold, 8.40)  Dann hat man angefangen zu sagen: Ja, also, um auf den modernsten Stand der Wissenschaft zu kommen, wollen wir, (…) Berater aus dem Ausland haben. Das war auch umstritten, weil (…) es gab so eine Erinnerung an (…) semi-koloniale Situationen aus dem Osmanischen Reich, also heißt: (…) Hat man zu viele ausländische Berater, gibt man sich ja auch in deren Hand. Und deswegen schafft man dann ein (…) System, das sagt: Wir (…) wollen die einladen. Wo die herkommen, ist uns völlig egal. Wir brauchen (…) die besten Leute, und wir machen ein Vertragssystem, das vorsieht: A: dass sie innerhalb kürzester Zeit Türkisch lernen müssen. Und B: dass sie nur begrenzt da sind. Das heißt, es werden ohnehin nur Fünf-Jahres-Verträge ausgeschrieben, oder man macht von vornherein klar, dass diese Berater nur vorübergehend kommen sollen. SPRECHER 1 So kamen zwischen 1933 und 1945 neben dem Bildhauer Belling unter anderem der Stadtplaner Gustav Oelsner, der Architekt Bruno Taut, der Mediziner Albert Eckstein, der Botaniker Leo Brauner und der Sozialdemokrat und spätere Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter in die Türkei. Insgesamt lebten zeitweise etwa 1.000 Deutsche in der Türkei – Professoren aus verschiedenen Fachbereichen, wissenschaftliche Mitarbeiter, Experten und Künstler mit ihren Familien. Nicht alle waren Juden. Manche waren Sozialdemokraten, andere Kommunisten, oder sie hatten sich wie Belling für Gewerkschaften engagiert. Sabine Mangold-Will: O-TON 7 (Mangold, 10.54)  Die stehen auf der Straße und sind einfach zufällig da, weil sie eben entlassen worden sind. Und das heißt, bei denen besteht auch eine große Bereitschaft zu gehen. Denn die Türkei fragt vorher zum Beispiel auch … in Frankreich an. Und da lehnen viele Wissenschaftler es einfach ab zu kommen, weil das nicht attraktiv ist. Also um das einfach mal zugespitzt und krass zu sagen. (…) Wer wollte 1933 schon in die Türkei? Ankara war ein Nest, das noch gar nicht gebaut war. Und Istanbul, ja, kann man machen. Muss man aber halt eine besondere Affinität irgendwie auch dafür haben. Warum sollte man dort hingehen? (…) Also da brauchte es einfach mehr, um zu sagen, das nehme ich jetzt auf mich, das mach ich. Ich ziehe auch mit Kind und Kegel um (...) das sind einfach Dinge, wo man sieht, dass das gar nicht so einfach war, Leute aus Europa zu bekommen. Und deswegen war es der Türkei, um das klar zu sagen, völlig egal, was für eine politische oder konfessionelle Ausrichtung die Menschen hatten. Und außerdem war es so, dass diese jüdischen Wissenschaftler von den Türken zunächst einmal nicht als Juden wahrgenommen worden sind, sondern als deutsche Wissenschaftler. Und das ist der entscheidende Punkt. MUSIK 4: „Anne ermittelt“ - Z8022370117 – 1:25 Min SPRECHER 1 Grundlage für die Arbeit in der Türkei war der 1927 geschlossene deutsch-türkische Niederlassungsvertrag. Allerdings waren eben nur etablierte Experten und Wissenschaftler erwünscht. Deutsche aus anderen Berufsgruppen bekamen in der Regel keine Arbeits- und damit auch keine Aufenthaltserlaubnis. Bereits seit 1932 galten in dem Land Berufsbeschränkungen zum Beispiel für Handwerker.  Forscher und Wissenschaftler dagegen waren gefragt. Oft lief die Anwerbung über Empfehlungen zum Beispiel über den Pathologen Philipp Schwartz. Schwartz wurde als jüdischer Professor aufgrund des am 7. April 1933 erlassenen „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ entlassen und ging zunächst nach Zürich. Dort gründete er die Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland und nahm Kontakt mit der Türkei auf. Er vermittelte zahlreiche Wissenschaftler und arbeitete selbst viele Jahre als Pathologe an der Universität Istanbul. Auch der Schweizer Pädagoge Albert Malche beriet die türkische Regierung – er schlug vor allem jüdische und politisch verfolgte deutsche Gelehrte zur Berufung an den Universitäten vor. Aber es gab auch zahlreiche andere Kontakte und Empfehlungen, sagt die Kunsthistorikerin Burcu Dogramaci.  O-TON 8 (Dogramaci, 3.33)  Das Unterrichtsministerium in Ankara war auf der Suche nach Experten aus dem Ausland, die eben auch teils Professuren übernehmen sollten. Und es gab einen Ministerialbeamten im Unterrichtsministerium, der hieß Cevat Dursunoğlu, der selbst in Berlin studiert hatte, also auch Deutsch sprechen konnte, sich sehr gut auskannte und tatsächlich sowohl Personen empfohlen hat als auch die Verhandlungen übernommen hat. Und dann war es eben so, dass auch schon Personen, die in der Türkei tätig waren oder gute Kontakte hatten, empfohlen haben.  MUSIK 5: „Eviç Taksim“ - M0039046108 – 39 Sek SPRECHER 1 Gejagt von den Nationalsozialisten, gefragt in der Türkei: Für viele Deutsche bedeutete ein Vertrag in der Türkei zunächst einmal Sicherheit für sich und ihre Familien. Oft empfandendie Exil-Familien deshalb auch lange nach ihrem Aufenthalt eine tiefe Verbundenheit mit der Türkei und eine große Dankbarkeit, sagt Sabine Hillebrecht.  Sie arbeitet am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin und hatte im Jahr 2000 an einer Ausstellung des Vereins Aktives Museum in Berlin mit dem Namen „Haymatloz“ mitgewirkt:  O-TON 9 (Hillebrecht, 7.05)  Wenn man jetzt mal guckt, was in Deutschland passierte, war das ja eine unglaublich privilegierte Situation. Der Status einer türkischen Universität war natürlich im wissenschaftlichen Bereich nicht so groß wie zuvor der Status an einer deutschen Universität wissenschaftlich tätig zu sein. Aber ganz abgesehen davon: Sie hatten feste Arbeitsverträge. Sie hatten Umzugskosten, die ihnen erstattet wurden. Sie wurden sehr, sehr gastfreundlich aufgenommen. Sie (…) konnten zum Teil auch Bedingungen stellen, was Übersetzung anging, was Mitarbeiterstab anging. Also, da gab es eigentlich gar keine Frage. Das war ein unglaubliches Glück, dort tätig zu werden.  MUSIK 6: „Rast Peşrev“ - C1575380305 – 53 Sek SPRECHER 1 Der Architekt und Stadtplaner Martin Wagner schrieb zum Beispiel in einem Brief, er empfinde die Zeit in der Türkei wie in einem „Wartesaal erster Klasse“. Viele Wissenschaftler brachten Mitarbeiter, Hausangestellte sowie ihre Frauen und Kinder mit in die Türkei. Je nach Familie, nach Hintergrund, nach Wohnort war das Leben der Exil-Kinder sehr unterschiedlich. Elisabeth Weber-Belling wuchs zum Beispiel mit fünf Sprachen auf: Deutsch und Französisch, ihr Vater hatte eine belgische Mutter, Italienisch, ihre Mutter war eine in Istanbul geborene Italienerin, Griechisch, die Sprache des Hauspersonals der Familie Belling, und Türkisch, das sie im Alltag und beim Spielen auf der Straße lernte. Istanbul war damals zwar schon eine große Stadt, dennoch hatte sie als Kind viele Freiheiten.  O-TON 10 (Belling, 26.54)  Also von (…) der Möglichkeit her, mich zu bewegen, vieles zu erleben als Kind, sei es die Insel, sei es das Schwarze Meer, sei es den Bosporus, sei es Ferien in dem alten Polonezköy, das damals noch wirklich ein verwunschenes Dorf war. (…) Großzügig vom Elternhaus her, (…) frei, sehr selbständig. Also, ich denke schon so an meine ersten Schritte am Taksim Platz, in dem Taksim-Park. Mit drei, mit vier Jahren konnte man alleine mit Freunden dort spielen. Und wenn es fünf Uhr wurde oder halb sechs, dann rief unsere Aphrodite oben vom vierten Stock: ‚Kommt ihr jetzt nach Hause‘ - und dann gingen wir – ja, ist ja heute nicht mehr vorzustellen, Istanbul war ja auch weniger bevölkert damals. SPRECHER 1 Viele Kinder gingen auf die deutsche oder österreichische Schule, andere besuchten türkische Schulen oder hatten Privatlehrer und -Lehrerinnen. In Ankara gab es zum Beispiel auch eine Botschaftsschule. Sabine Hillebrecht.   O-TON 11 (Hillebrecht, 20.22)  Das war ja die deutsche Schule, wo eben die Botschaftsangehörigen der Reichsdeutschen ihre Kinder hinschickten. Das wollte man ja jetzt auch nicht so gerne, sich dem da anschließen. (…) Und es hat sich dann relativ schnell so herausgestellt, dass man eine Privatlehrerin gefunden hat, die eine Zeit lang in Deutschland auch studiert hatte, in Augsburg - alle möglichen Dinge: Mathematik, Physik und so ein unglaubliches Wissen hatte. Die Frau Kudrit. Und die wurde engagiert und dorthin wurden die Kinder geschickt. Und das eben über die ganze Zeit bis 1945. Also es gibt Kinder, die eigentlich ihr ganzes Schulleben dort verbracht haben.  MUSIK 7: „Anne ermittelt“ – Z8022370117  - 1 Min.  SPRECHER 1 Zwischen 1933 und 1945 lebten in der Türkei aber nicht nur entlassene und verfolgte Wissenschaftler, sondern auch Diplomaten und Nationalsozialisten. In türkischen Städten bildeten sich unterschiedliche Gruppen heraus. Reichsdeutsche und Nationalsozialisten wurden die Kolonie A genannt, kritische, verfolgte oder unliebsame Wissenschaftler und Künstler nannten sich Kolonie B. Es kam vor, dass jüdische Emigranten mit nationalsozialistischen Wissenschaftlern zusammenarbeiten mussten. 1939 wollte das Reichserziehungsministerium einen Überblick darüber bekommen, wie viele Juden und Nicht-Nationalsozialisten an türkischen Universitäten lehrten, zur Erfassung wurde ein Vertreter entsandt. Zwischen den beiden Gruppen gab es Kontakte, aber auch Berührungsängste, sagt Sabine Hillebrecht:  O-TON 12 (Hillebrecht, 5.36)  Aus gutem Grund. Also die Verfolgten wollten auch nicht ausgespitzelt werden. Es gab ja schließlich auch eine Auslandsorganisation der NSDAP, die auch als langer Arm des Deutschen Reiches dort hineinregierte in die Situation und man womöglich aufgefordert wurde, seinen deutschen Pass an der deutschen Botschaft abzugeben oder dort einbestellt wurde. Also das war ja nicht ungefährlich.  SPRECHER 1 Verfolgte Wissenschaftler, die ausgebürgert wurden, bekamen von den türkischen Behörden in ihren Pass den Begriff "heimatloz" gestempelt. Der Begriff 'haymatloz' – geschrieben mit y und z - ging in die türkische Sprache ein. Im türkischen Wörterbuch wird der Begriff mit „heimatlos“, „unstet umherziehend“ und „staatenlos“ übersetzt. Die Historikerin Sabine Mangold-Will.  O-TON 13 (Mangold, 29.13)  Und das wird dann richtig dramatisch, weil der türkische Staat formal eigentlich einen Staatenlosen nicht in seinem Staat akzeptiert. (…) Da gibt es dann auch wirklich Situationen, wo die Leute entscheiden müssen: Trete ich jetzt zum Islam über? Lass‘ ich mich naturalisieren? Wandere ich weiter? Oder: Wird mein Vertrag trotz alledem, weil ich eben ein hohes Renommee habe, also weiterhin anerkannt und verlängert. Und ich kann bleiben, trotz dieses Eintrages im Pass.  MUSIK 8: „Taksim & Mahur Pesrev“ – NC078310117  - 32 Sek  SPRECHER 1 Das Exil in der Türkei veränderte nicht nur das Wissen, die Methoden, die Verwaltungs- und Universitätslandschaft in der Türkei, sondern prägte umgekehrt auch die deutschen Wissenschaftler. So baute der Architekt Bruno Taut, der in Istanbul an der Akademie der Schönen Künste lehrte, 1938 in den Hügeln des europäischen Bosporus-Viertels Ortaköy ein ganz besonderes Haus. Burcu Dogramci:  O-TON 14 (Dogramaci, 16.29)  Und da ist sehr schön zu sehen, dass diese Erfahrung Istanbul sich wirklich eingeschrieben hat in seinen Entwurf. Also, wir sehen da eine Synthese aus seiner Zeit in Japan, Berliner Referenzen, aber auch ist sehr gut ablesbar das Studium osmanischer Wohnhäuser. Er hat sich sehr viel Architektur angesehen und hat dann einen tatsächlich eher so fantastisch-utopischen Bau geschaffen, der jetzt keiner einzelnen, nationalen Stil-Richtung zuzuordnen ist, aber wo eben dieses exiliert sein Ausdruck findet, ja, in einem eher Miteinander von verschiedenen Erinnerungsmomenten. Und da würde ich sagen: Gäbe es das Türkei-Erlebnis nicht. wäre wahrscheinlich dieser Bau, auch gerade mit Blick auf den Bosporus, auf die asiatische Seite, nie so entstanden.  SPRECHER 1 Auch wenn viele Experten große Freiheiten in Bezug auf ihre Arbeit hatten, gab es doch auch klare Erwartungen an sie. Sie sollten schnell Türkisch lernen, Lehrbücher schreiben und türkische Wissenschaftler und Künstler ausbilden. Das veränderte nach Meinung der Kunsthistorikerin Burcu Dogramaci auch ihre eigene Arbeit.  O-TON 15 (Dogramaci, 11.32)  Zum Beispiel Rudolf Belling - der ja vor allem bekannt ist für seine abstrakten Arbeiten der späten 10er, frühen 20er Jahre, für seinen ‚Dreiklang‘ zum Beispiel, eine Skulptur - hat in der Türkei vor allem Staatsbildhauer ausgebildet, das heißt figurativ arbeitend und selbst auch teilweise sogar arbeitet. Aber es gab später dann auch wieder freie Arbeiten. Aber da ist ein ziemlicher Wandel zu beobachten in der eigenen Kunstauffassung. Und das hängt sicherlich auch mit der Erwartung zusammen, die an ihn herangetragen wurde. SPRECHER 1 Staatspräsident Ismet Inönü, der nach dem Tod von Atatürk das Land führte, ließ sich von Belling ein repräsentatives Standbild anfertigen. Belling lebte und lehrte lange in Istanbul und kehrte erst 1966, im Alter von 80 Jahren nach Deutschland zurück. Ein Grund war sicher, dass Istanbul die Heimat seiner zweiten Frau war. Ein anderer, dass er in Istanbul von Anfang an gut vernetzt, anerkannt und beliebt war. Elisabeth Weber-Belling sagt, ihr Vater habe das Leben in der Türkei einfach geliebt O-TON 16 (Belling, 52.29)  Er fühlte sich von seiner Tätigkeit her, von seiner Arbeit, sei es an der Akademie oder auch an der Technischen Universität, von der türkischen Gesellschaft viel mehr aufgenommen als von der deutschen Kolonie. Da kamen kaum Fragen, Interessen (…) Die Türken ja, die haben ihn bei der Arbeit beobachtet. Die interessierten sich für sein Leben und für seine Arbeit und für seine Entwicklung und für (…) dieses Kardinalthema raumhaltige Kunst. Ja, das war für die ein Denkanstoß par excellence, für die Deutschen kaum. Das ist, finde ich, auch sehr interessant, (…) dass die türkische Gesellschaft da viel engagierter war. MUSIK 9:  „Nocturne“ von Marco Dreckkötter – M0077716Z00 - 44 Sek SPRECHER 1 1944 brauch die Türkei die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland ab und forderte deutsche Staatsangehörige zum Verlassen des Landes auf. Wer nicht abreisen konnte oder wollte, wurde - mit wenigen Ausnahmen – in Zentralanatolien interniert. Die Deutsche Schule in Istanbul wurde geschlossen. Erst im Februar 1945 trat die Türkei auf Seiten der Alliierten in den Krieg ein. Viele Deutsche lebten bis Ende 1945 in den Internierungslagern Kirșehir, Yozgat und Çorum. Die Familie Belling konnte in Istanbul bleiben:  O-TON 17 (Belling, 21.02)  Es kam ein Telegramm aus Ankara vom Kultusministerium an den Statthalter von Istanbul, Lütfi Kırdar hieß der. Und meine Mutter wurde zu ihm gerufen und als sie kam, schwenkt er ihr also ein Telegramm entgegen. Er sagte: „Ihr müsst euch keine Sorgen machen“. Ihr könnt frei in der Türkei, also in Istanbul natürlich vor allem, euch bewegen. Meinen Eltern wurden die Pässe nicht entzogen, es drohte keine Rückschickung und mein Vater konnte also bei vollem Gehalt weiterarbeiten. Das war natürlich ja, die Ausnahme. Ich habe (…) einen Brief von meiner Mutter an mich entdeckt, wo sie schreibt. Dieses Glück hatten nur eine Handvoll Familien. (…) Ja, und so blieben wir also frei, und mein Vater konnte (…) seine letzte Arbeit für den Ismet Inönü zu Ende führen. (…) Der Ismat Pasa muss ihn sehr gemocht haben. (…) Vielleicht hat er auch so ein kleines bisschen die Flügel über ihn gehalten.  MUSIK 10:  „Traurigkeit“ von W.A. Mozart - C5123770106 - 1:10 Min SPRECHER 1 Für viele war die Türkei nur eine Zwischenstation – nach dem Krieg wanderten die meisten Wissenschaftler weiter in die USA oder nach England, einige kehrten nach Deutschland zurück. Das Wirken der deutschen Wissenschaftler in der Türkei aber wirkte lange nach, sie bildeten Generationen von Medizinern, Stadtplanern und Bildhauern aus. Und auch wenn nur wenige Forscher nach 1945 in der Türkei blieben, die Verbundenheit mit dem Land war groß. 1986 wurde in Anwesenheit des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am Eingang der Universität von Istanbul eine Gedenktafel für die deutschen Emigranten enthüllt. Darauf steht:  SPRECHER 2 „In Dankbarkeit dem türkischen Volk, das von 1933 bis 1945 unter der Führung von Staatspräsident Atatürk und seinen akademischen Institutionen deutschen Hochschullehrern Zuflucht gewährte.“  
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Feb 12, 2024 • 24min

Abaelard und Heloise - Weisheit, Liebe, Absturz

Die schönste und traurigste Liebesgeschichte der Welt - zwischen einem charismatischen Gelehrten und einer klugen, hübschen jungen Frau. Ihre Briefe sind Weltliteratur, ihre tragische Liebe rührt bis heute. Autorin: Katalin Fischer (BR 2018) Credits Autorin dieser Folge: Katalin Fischer Regie: Petra Hermann-Boeck Es sprachen: Katja Amberger, Martin Umbach, Hemma Michel, Christoph Jablonka Technik: Birgit Vetter Redaktion: Petra Hermann-Boeck, Andrea Bräu Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Am Anfang war der Kuss. Aber was für einer! Er gab den Auftakt zu einer legendären großen Liebe. Nun ist es leider die Art von großen Lieben, dass sie unglücklich enden. Zumindest werden sie nur dann berühmt - Unglück ist nun mal poetischer als Glück.  SPRECHER: Die Protagonisten: außergewöhnlicher, kluger, schöner Mann, außergewöhnliche, kluge, schöne Frau, ein böser Onkel, drei grausame Mordgesellen. Und obwohl sie fast tausend Jahre alt ist, ist diese Geschichte heute noch so lebendig und anrührend, wie nur die Wahrheit sein kann.  SPRECHERIN: Pierre Abaelard ist 38, der schönste Mann von Paris, charismatisch, erfolgreich, berühmt. Er ist Philosoph und Theologe, doch seine Haltung zu Ethik und Religion ist ganz anders, als vorgeschrieben - denn er appelliert an die Vernunft SPRECHER Der Glaubenssatz des Hl. Augustinus schrieb vor: „Credo ut intelligam“, „Ich glaube, um zu verstehen“. Abaelard kehrt den Spruch um: „Nihil credendum, nisi prius intellectum“, nichts sei zu glauben, was man nicht zuvor verstanden habe. Eine ungeheuerliche, eine ketzerische Anmaßung! Anstatt bedingungslosen Gehorsams fordert Abaelard zu eigenständigem Denken auf.  SPRECHER: Abaelard wird zum Anführer der jungen Rebellen des Denkens – und zum Staatsfeind Nummer eins der Konservativen. Bereits nach kurzer Lehrzeit unterrichtet er selbst und hat an der Domschule von Paris bald den größten Zustrom an Studenten.  SPRECHERIN: Was zur Folge hat, dass auch das Maß des Hasses gegen ihn wächst. Immer wieder kehrt im Leben des Pierre Abaelard dasselbe Muster wieder: er besiegt seine Lehrer und Widersacher durch Scharfsinn, wird dafür verteufelt, angeklagt, verurteilt. Und zieht die Studenten magisch an, begeistert sie - und das Spiel beginnt von neuem.   1. O-Ton: Peter Adamson „Was man mindestens über Abaelard wissen muss, ist, dass er wirklich einen Höhepunkt in der mittelalterlichen Philosophie repräsentiert. Er übernimmt Ideen aus der Antike, zum Beispiel von Aristoteles, aus der aristotelischen Logik, und setzt sie ein, damit er den christlichen Glauben dann verteidigen kann und erklären kann.“ SPRECHER: sagt Peter Adamson, Professor für spätantike Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.  SPRECHERIN: Großer Wirbel um Abaelard. Ganz Paris ist entzückt. Bald ist er der berühmteste Magister des Abendlandes. Doch das allein hätte ihn vielleicht noch nicht für alle Zeiten ins kollektive Weltbewußtsein eingeschrieben, wäre da nicht die Geschichte mit Heloise gewesen.  SPRECHER: Trotz seiner 38 Jahre ist der smarte Gelehrte noch jungfräulich. Prostituierte mag er nicht, für Damen der Gesellschaft hat er keine Zeit und mit bürgerlichen Frauen keine gemeinsame Sprache. Begierde, Leidenschaft, Liebe sind ihm unbekannte Größen, sie schlummern in den Tiefen seiner Seele. Bis sie eines Tages erweckt werden. Mit eben jenem ersten Kuss. SPRECHERIN: 1117. Täglich pilgert ein riesiger Strom von Studenten in Abaleards Vorlesungen. Heloise ist 16 oder 17, sie wohnt gleich nebenan und bekommt den ganzen Aufruhr mit. Sie ist eine Waise, erzogen im Kloster und seit kurzem bei ihrem Onkel Fulbert, dem Subdiakon von Notre Dame. Schon früh fiel sie wegen ihrer außergewöhnlichen Gelehrigkeit auf – Latein, Griechisch, Hebräisch, Philosophie und Theologie –, alles sog sie in sich auf. Sie ist hübsch und geistreich, wie Abaelard, und wie er, eine starke Persönlichkeit.  Insgesamt also - sexy! Die beiden sind füreinander geschaffen. Onkel Fulbert, der das nicht ahnen kann, will den Gelehrten als Hauslehrer für Heloise engagieren - und Abaelard findet das ziemlich gut!    ZITATOR: „Die Liebe zu Heloise durchglühte mich. So vereinbarte ich mit Fulbert, dass er mich in seinem Hause aufnehme. Fulbert kam ans Ziel seiner Wünsche: mein Geld für sich und meine Gelehrsamkeit für seine Nichte. Ich kann es wohl kurz machen: der Hausgemeinschaft folgte die Herzensgemeinschaft! Während der Unterrichtsstunden hatten wir vollauf Zeit für unsere Liebe, und der Küsse waren mehr als der Sprüche. Meine Hand hatte oft mehr an ihrem Busen zu suchen als im Buch, und statt in den wissenschaftlichen Textbüchern zu lesen, lasen wir sehnsuchtsvoll eins in des anderen Auge. Es war eine innige Liebe, süßer als der feinste Balsam!“  SPRECHERIN: Für Abaelard erschließt sich eine neue Welt. Er lernt noch größeren Genuss kennen, als die Philosophie!    ZITATOR: „In unserer Gier genossen wir alle Stufen der Liebe, und was die Liebe sich Ausgefallenes denken konnte, trieben wir. Je weniger wir solche Freuden bisher genossen hatten, um so glühender gaben wir uns ihnen hin – und kein Überdruss kam uns an.“  SPRECHERIN: Heloise liebt ihn mit der ganzen Innigkeit ihres Herzens. Sie schreibt ihm im Laufe ihres Lebens mehrere wundervolle Briefe. Peter Adamson: 2. O-Ton: Adamson „Es gibt nicht so viele Denkerinnen im Mittelalter wie Heloise. Es gibt schon mehr weibliche Denkerinnen, als man vielleicht meint, aber selten ist es, dass wir eine Autorin haben, wo wir so einen starken Eindruck haben, wie ihre Persönlichkeit war, und da erfahren wir sogar viel über ihr Leben.“ SPRECHERIN: Viele Liebende idealisierten den Geliebten - schreibt sie in einem ihrer Briefe - und müssten eines Tages ihren Irrtum erkennen.  ZITATORIN: „Was aber Anderen der Irrtum, verschaffte mir die offenkundige Wahrheit. Was die anderen von ihrem Mann nur meinen, das wußte ich, das wußte die Welt. Die Wahrheit meiner Liebe zu dir gründete in ihrer Irrtumslosigkeit. Welcher König oder Philosoph hätte sich mit dir vergleichen können? Welche Stadt, welches Dorf wollte dich nicht haben? Alle Frauen, verheiratet oder nicht, wollten dich sehen, wenn du öffentlich auftratst, und sie reckten den Hals, wenn du abtratest.  Alle verzehrten sich nach dir in leidenschaftlicher Gier, wenn du fern warst, und ihr Blut ging schneller, warst du zugegen. Welche Königin oder Fürstin neidete mir nicht meine Wonne und mein Bett?“ SPRECHERIN: Und die Straßen hallen wider von Liedern mit Heloises Namen - Liebende im Liebesrausch. SPRECHER: Onkel Fulbert glaubt lange Zeit nicht an das Gerede über eine Affäre der beiden. Da stellt Heloise eines Tages – voller Freude, wie sie schreibt  – fest, dass sie schwanger ist. Abaelard bringt sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu seiner Schwester in die Bretagne, denn Onkel Fulbert tobt, wie erwartet. Beruhigt sich aber, als Abaelard ihm verspricht, Heloise zu heiraten. Nur möge der Onkel die Sache bitte diskret behandeln, seiner Karriere zuliebe. Abaelard ist kein Priester und nicht dem Zölibat verpflichtet, dennoch gilt der Ehestand für eine theologische Laufbahn als hinderlich. Onkel Fulbert verspricht alles.  SPRECHERIN: Doch da kommt Widerstand von unerwarteter Seite: Heloise will nicht! Sie sorgt sich um Abaelards Karriere, will auch eigentlich lieber Geliebte bleiben. In gelehrten Worten erläutert sie die Vorzüge der Ehelosigkeit: Ein Philosoph sollte seine Kraft und Zeit nicht an eine Ehe verschwenden. Was sei schon die Ehe? fragt sie mit rhetorischer Bravour. Nichts, lediglich der „Stand des gesellschaftlich anerkannten Geschlechtsverkehrs!“ Zugleich verteidigt sie auch die Rechte der Frauen auf Eigenständigkeit – die sollte nicht von Vätern oder Männern abhängen. Und das zu Beginn des 12. Jahrhunderts! Bravo Heloise! SPRECHER: Ihr Sohn kommt zur Welt, Astrolabius, der Sternengreifer. Er bleibt Abaelards Schwester anvertraut, schlägt später selbst eine geistliche Laufbahn ein, kommt aber im Leben der beiden Liebenden nicht mehr vor – im Mittlelalter nichts Außergewöhnliches.   SPRECHERIN: Nach der Entbindung fährt Heloise nach Paris. Sie muss sich letztlich beugen - die Hochzeit findet im kleinsten Familienkreis statt.  SPRECHER. Onkel Fulbert ist befriedigt, die Frischvermählten kehren jeder in seine eigene Behausung zurück.  SPRECHERIN: Happy End? Still und leise?  SPRECHER: Leider nein. Die Katastrophe kommt noch.  Onkel Fulbert hält sich nicht an sein Versprechen und posaunt die Kunde von der Eheschließung aus. Heloise widerspricht ihm öffentlich, streitet die Hochzeit ab, worauf sie von ihrem Onkel gehörig vermöbelt wird. Abaelard will die Geliebte in Sicherheit wissen, er bringt sie in das Kloster, in dem sie aufgewachsen war.  SPRECHERIN: Ein verhängnisvoller Fehler. Denn Fulbert glaubt nun, dass er sich Heloises entledigen will. Er ist erzürnt und plant eine Tat von unendlicher Grausamkeit: er heuert drei Mörder an, die Abaelard nachts in seinem Haus überfallen - und entmannen. Es ist so grauenvoll dass man gar nicht genau hindenken darf. Der Schwerverletzte überlebt mit Mühe.  ZITATOR: Welche Scham ergriff mich! Welcher Kummer über Heloises Pein peinigte mich! Welche verzweifelte Wehmut erfüllte sie über meinen Kummer! Die Trennung unserer Körper verschmolz unsere Seelen, und die Liebe, der die Möglichkeit entzogen war, flammte grenzenlos auf.“  SPRECHERIN: Ganz Paris ist auf den Beinen, alle sind entsetzt. Die gesamte Weiblichkeit ist in Tränen aufgelöst, als hätte jede einzelne von ihnen ihren Mann verloren. Die Empörung unter den Studenten, aber auch in Kreisen der Geistlichkeit ist groß, die Öffentlichkeit steht zu Abaelard. Zwei der Verbrecher werden gestellt, sie werden geblendet und ebenfalls entmannt. Der Bischof enthebt Fulbert seines Amtes und lässt seinen Besitz beschlagnahmen.   SPRECHER: Heloise stürzt in tödliche Verzweiflung.  ZITATORIN:  „Herzliebster, du weißt es, alle, alle wissen es, was ich in dir verloren. Ohne Zaudern brächte ich mein altes Gewand, mein altes Herz zum Opfer, um aller Welt zu zeigen, wie ich dein eigen sei, mit Leib und Seele. Mir war es immer der Inbegriff aller Süße, deine Geliebte zu heißen, ja - bitte zürne nicht! – deine Schlafbuhle, deine Dirne! Herr Gott, sei du mein Zeuge, wenn der Kaiser käme, der Beherrscher der ganzen Welt, mich zu ehelichen, wenn er mir dabei die ganze Erde verschriebe zum ewigen Besitz, ich möchte lieber deine Dirne heißen, als seine Kaiserin!“ 3. O-Ton: Adamson „Offensichtlich, dass sie sehr schlau war, das ist wahrscheinlich, was Abaelards Interesse an ihr geweckt hat. In dem Briefwechsel selbst scheint sie ihre eigenen philosophischen Ideen zu haben, zum Beispiel betont sie sehr, wie paradox es ist, dass man Schlechtes aus guter Absicht machen kann. In dem Fall hat sie alles aus Liebe zu Abaelard gemacht, und das ist alles so schlecht ausgegangen.“ SPRECHERIN: Jahrzehnte später, als Äbtissin, beklagt sie immer noch die verlorene Liebe und Leidenschaft: ZITATORIN: „Die Liebesfreuden, die wir zusammen genossen, sie brachten uns so viel Süße! Ich kann sie nicht verurteilen, ich kann sie kaum aus meinen Gedanken verdrängen. Ich kann gehen, wohin ich will, immer tanzen die lockenden Bilder vor meinen Augen. Nicht einmal im Schlaf komme ich von diesen Bildern los, sogar mitten im Hochamt drängen sich die wollüstigen Fantasiegebilde vor und fangen meine arme arme Seele so ganz und gar ein! Aus reinem Herzen sollte ich beten, stattdessen verspüre ich immer und immer die Verlockungen der Sinnlichkeit.“  SPRECHER: Der Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise gehört zu den schönsten Schätzen der Liebesliteratur. SPRECHERIN: Ihr ganzes Leben lang bedrängt die leidenschaftliche Heloise den Geliebten mit glühenden Worten.  SPRECHER: Er kann dem nichts Entsprechendes entgegensetzen, seine Briefe versuchen, geistigen Trost, geistliche Anleitung zu spenden. Und dennoch – unverkennbar schimmert auch in ihnen der Glanz der Liebe durch - auch Abaelard liebt Heloise auf dem Grund seines gebrochenen Herzens, bis zu seinem Lebensende.  SPRECHERIN: Beide gehen ins Kloster. Beide machen weiterhin Karriere. Heloise in stiller Geradlinigkeit, Abaleard auf einer Achterbahnfahrt aus Erfolgen und Abstürzen.  Heloise wird Äbtissin und durch ihre Schriften berühmt, Abaelard bleibt, was er war, ein glühender Verfechter der kritischen Vernunft, mittels derer althergebrachte religiöse Vorstellungen angezweifelt werden dürften. Womit er - fünfhundert Jahre früher - bereits den Geist der Aufklärung vorwegnimmt. Und sich weiterhin unendlicher Liebe und unendlichem Hass aussetzt.  SPRECHER: Eine seiner Schriften behandelt die göttliche Dreieinigkeit. Seine Gegner werfen ihm vor, drei Göttern zu huldigen.  SPRECHERIN: Was ausgemachter Blödsinn ist. Abaelard definiert lediglich die Dreieinigkeit als drei Aspekte Gottes: Macht, Weisheit und Gnade plus Liebe.  SPRECHER: Seine Fürsprecher und seine Feinde geraten sich darüber in die Haare, zuletzt siegt die Missgunst: 1121 wird Abaelard wegen Gotteslästerung vor ein Konzil in Soissons zitiert. Seine Fans fordern, er solle sich selbst verteidigen dürfen - die Gegner lehnen das ab. Wenn Abaelard redet - so ihr Argument -, sei er unwiderstehlich, seine Überzeugungskraft unschlagbar.  Was also tun? Ganz einfach: das Konzil verurteilt ihn, ohne ihn anzuhören. Mit eigenen Händen muss er seine Schrift ins Feuer werfen, anschließend wird er in ein abgelegenes Kloster gesperrt.  Bald jedoch tritt dort ein neuer Abt die Führung an und erlaubt Abaelard, sich eine eigene Klause zu errichten. Nur von einem Burschen begleitet zieht er in die Einöde und baut sich eine Laubhütte.  SPRECHERIN: Und es passiert wieder: als Studenten hören, dass Abaelard wieder unterrichten darf, strömen sie in Scharen zu ihm.  SPRECHER: Als Dank für seine Vorlesungen bebauen die Studenten Äcker, bauen ihm ein Gebetshaus, das er nach dem Heiligen Geist Paraklete benennt. Drei Jahre währt das stille Glück.  SPRECHERIN: Abaleard schätzt alle Weisheit, so auch die der Philosophen der  Antike oder des Judentums.  ZITATOR: „Gott schenkt seine Liebe allen Völkern, auch Juden und Heiden!“  SPRECHERIN: sagt er und leitet damit als erster den Dialog der Religionen ein – auch ein früher Bezug zur Aufklärung. Andersgläubige sollten nicht durch Gewalt, sondern allenfalls durch Argumente bekehrt werden. Also wieder einmal: man soll doch bitte die Theologie mit Vernunft angehen.  SPRECHERIN: Gott, wie ketzerisch!  Die Kirchenväter drohen wieder mit Anklage, und Abaelard wird – vielleicht als Strafe, vielleicht auch zu seiner Rettung – von seinem Vorgesetzten in ein abgelegenes Kloster geschickt. Es ist schlimmer als ein Gefängnis. Die Mönche dort versuchen mindestens zweimal, Abaelard zu ermorden: einmal füllen sie seinen Becher mit vergiftetem Messwein, ein anderes Mal mischen sie Gift in sein Essen. Purer Zufall, dass ein Anderer aus seinem Teller ißt - und stirbt. Elf Jahre lang leidet Abaelard in dieser Hölle.  SPRECHER: Nach zwei Jahren allerdings - ein kurzes Intermezzo des Glücks. Das Nonnenkloster in Argenteuil, dessen Priorin Heloise mittlerweile ist, wird aufgelöst, die Schwestern stehen heimatlos da. Als er das hört, macht sich Abaelard unverzüglich auf den Weg. Es sind über 500 Kilometer, die er zu Pferde zurücklegt - die Reise dauert gute vier Wochen -, um seiner ehemaligen Geliebten zu helfen. Er schenkt den Nonnen die Paraklete, seinen einzigen Besitz. Das Wiedersehen mit Heloise ist schmerzlich-schön. SPRECHERIN: In seinen Memoiren vermerkt er: ZITATOR: „Die Klatschmäuler sagten, dass ich immer noch in den Fesseln der Sinneslust liege, darum könnte ich das Fernsein von meiner einstigen Geliebten nur schwer verschmerzen - wenn überhaupt.“  SPRECHER:  Und Heloise, in einem ihrer herzzerreißenden Briefe: ZITATORIN: „Dich verlieren heißt mein eigenes Leben verlieren. Ich wäre weiß Gott ohne Zaudern auf dein Geheiß in die Hölle dir vorausgeeilt oder doch nachgestürzt. Ich war doch nicht mehr Herr meines Selbst! In dir, nur noch in dir war es - und ist es! Ist es jetzt mehr als je! Ist mein Selbst nicht bei dir, so ist es nirgends, und ohne dich hat es keinen Sinn und kein Wesen.“ SPRECHERIN: Der nächste Absturz des Pierre Abaelard folgt schon bald. Sein Postulat, alle Dogmen der Religion müssten einer vernunftmäßigen Erklärung zugänglich sein, bringt ihm wieder eine Anklage ein. Sein Widersacher, der eifrige Wachhund des Klerus, Bernhard von Clairvaux, nimmt die Jagd auf den Rebellen auf.  Religion und kritische Vernunft? Hah! Ketzerei! Gottlosigkeit!  SPRECHER: Abaelard bittet diesmal selbst um ein Konzil, um sich zu verteidigen. Der Erzbischof von Sens ist dazu bereit und lädt auch Bernhard zur Disputation ein. Doch der lehnt ab, er wagt es nicht. Gegen Abaelard fühle er sich wie „ein reines Kind“, sagt er. Stattdessen stachelt er andere Kirchenfürsten an, Abaelard zu vernichten.  SPRECHERIN: 1140 wird das Konzil von Sens einberufen. Eine Riesenshow! Der König rückt mit dem gesamten Hofstaat heran, alle Größen der Geistlichkeit kommen, Prunk, Aufruhr. Abaelard, mutig und kämpferisch wie eh und je, geißelt den Klerus: (die Unmoral der Priester, den Ablasshandel, die Lügen um falsche Wunder.) SPRECHER: Da er weiß, dass er keine Chance hat, verkündet er sogleich, dass er sich nur dem Richtspruch des Papstes unterwerfen werde - und verlässt die Stadt. Die verblüffte Geistlichkeit bleibt ratlos zurück. Doch da der scharfsinnige Angeklagte nicht mehr da ist, wagt es Bernhard nun, gegen ihn zu sprechen - und erreicht die Verurteilung. SPRECHERIN: Abaleard schafft es nicht mehr zum Papst. Gebrochen, krank und verarmt muss er in Cluny einkehren, um sich zu erholen. Und während er dort ist, bestätigt Papst Innozenz II. das Urteil von Sens. Abaleard wird verbannt und zu ewigem Schweigen verdammt. Endlich! Der Rebell, der Freidenker, der Revolutionär ist erledigt! SPRECHER: Als der Abt von Cluny, der freundliche Petrus Venerabilis, sieht, wie sich Abaleards Zustand verschlechtert, schickt er ihn zur Erholung nach Chalons. Dort schreibt er noch einige Hymnen von unsterblicher Schönheit für Heloise. Und stirbt, 63 jährig. Seine letzten Worte: „Ich weiß es nicht.“ SPRECHERIN: Heloise überlebte den Geliebten um 22 Jahre und bat darum, mit ihm in der Paraklete begraben zu werden. SPRECHER: Die Echtheit einiger ihrer Briefe zieht man in Zweifel. Dennoch - sie sind ein literarischer Schatz. Und erzählen so viel über sie, zum Beispiel,  5. O-Ton: Adamson „dass sie es bereut, dass sie nicht mehr zusammen mit Abaelard sein kann. Dass sie Nonne geworden ist, also das ist nicht wirklich, was sie wollte. Und dass eine Frau über die Jahrhunderte hinweg mit uns so reden kann über ihre Gefühle und über ihre eigene Einstellungen, das ist wirklich einmalig. Ich bin eigentlich schon überzeugt, dass der Briefwechsel authentisch ist.“ SPRECHERIN: Während der französischen Revolution wurde das Grab in der Paraklete aufgebrochen und geplündert, doch brachte man 1817 die - vermuteten - Überreste von Abaelad und Heloise nach Paris. Dort liegen sie nun, endlich wieder vereint, auf dem Friedhof Père Lachaise. Viele Jahre lang pilgerten Liebende aus aller Welt dorthin, um Blumen auf ihr Grab zu legen. 
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Feb 10, 2024 • 22min

Mikroplastik - Ein aussichtsloser Kampf?

Mikroplastik ist winzig und überall: Durch Wind und Wasser verteilen sich die kleinen Teile schnell und können auch an entlegene Orte der Erde gelangen. Die Langzeitwirkungen sind bisher kaum erforscht. Autorin: Claudia Steiner (BR 2020)CreditsAutorin dieser Folge: Claudia SteinerRegie: Frank HalbachEs sprachen: Katja Amberger, Florian SchwarzTechnik: Fabian ZweckRedaktion: Matthias Eggert Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview:Christian Laforsch (Professor; Tierökologe von der Universität Bayreuth);Julia Schwaiger (Dr.; Leiterin des Referats Aquatische Ökotoxikologie und mikrobielle Ökologie am Bayerischen Landesamt für Umwelt im oberbayerischen Wielenbach);Katharina Istel (Referentin für nachhaltigen Konsum beim Naturschutzbund Deutschland, NABU) Linktipps: Mehr Wissenswertes zum Thema Mikroplastik finden Sie auf BR 24:BR 24 | WAS MIKROPLASTIK MIT UNSERER GESUNDHEIT MACHT Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
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Feb 8, 2024 • 23min

Photosynthese - Das wundersame Pflanzenkraftwerk

Ohne Photosynthese gäbe es weder Pflanzen oder Algen noch Sauerstoff - entscheidende Grundlagen irdischen Lebens. Dieses faszinierende pflanzliche Solarkraftwerk ist so komplex, dass es technisch noch nicht komplett nachgebaut werden konnte. Autorin: Renate Ell (BR 2021) Credits Autor/in dieser Folge: Renate Ell Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Ruth Geiersberger, Peter Weiß Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Matthias Eggert Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen:Hans-Henning Kunz (Professor, Dr.; Lehrstuhl für Biochemie und Physiologie der Pflanzen, Ludwig-Maximilians-Universität München);Thorsten Grams (Professor, Dr.; Lehrstuhl Ökophysiologie der Pflanzen, TU München);Thomas Hannappel (Professor, Dr.; Fachgebiet Grundlagen von Energiematerialien, TU Ilmenau) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Pflanzen-Nährstoffe - Vom Mangel bis zum ÜberflussJETZT ANHÖREN Nachtaktive Pflanzen - Was uns im Dunkeln blühtJETZT ANHÖREN Denkende Pflanzen - Natur neu entdecktJETZT ANHÖREN Die Taktgeber der Natur - Im Einklang mit Sonne und MondJETZT ANHÖREN Linktipp: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
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Feb 7, 2024 • 23min

Intuition - Gefühltes Wissen aus dem Unbewussten

"Intuition ist Vernunft, die es eilig hat", sagt ein Sprichwort. Welche Prozesse ablaufen, wenn wir unserem Bauchgefühl vertrauen, versuchen Wissenschaftler zu enträtseln. Ein Schlüssel ist das Erfahrungswissen. Autorin: Dorit Kreissl (BR 2017) Credits Autorin dieser Folge: Dorit Kreissl Regie: Dorit Kreissl Es sprachen: Detlef Kügow, Anne Isabelle Zils, Heinz Peter Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview:Dr. Regina Obermayr-Breitfuß, Psychologin, Intuitionsforscherin, Coaching;Prof. Gerd Gigerenzer, Psychologe, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin Literaturtipps: Gerd Gigerenzer: "Bauchentscheidungen", C. Bertelsmann Verlag München in der Verlagsgruppe Random House GmbH, 2007. Daniel Kahnemann: "Schnelles Denken, langsames Denken", Siedler-Verlag München 2012 in der Verlagsgruppe Random House GmbH. Übersetzer: Thorsten Schmidt. Regina Obermayr-Breitfuß: "Intuition, Theorie und praktische Anwendung", Verlag: Books on Demand; Auflage: 1. Aufl. (Februar 2005). Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO Brand MUSIK Wach   89243140 Z00 ZITATORIN: Feuerwehrmänner dringen in ein Haus ein, in dem die Küche brennt. Kaum haben sie mit den Löscharbeiten begonnen, schreit der Zugführer "Raus hier", ohne zu wissen, warum. In dem Moment, als der letzte Feuerwehrmann den Raum verlassen hat, stürzt die Decke ein. Erst später wird dem Zugführer bewusst, dass das Feuer ungewöhnlich leise und seine Ohren ungewöhnlich heiß gewesen waren. Er hatte keine Ahnung, was nicht stimmte, aber er wusste, dass etwas nicht stimmte, und tat intuitiv das Richtige. O-Ton 1 Gigerenzer Intuition ist gefühltes Wissen, was folgende Eigenschaften hat:  Man spürt sehr schnell was man tun sollte, kann es aber nicht erklären: und dennoch leiten intuitive Entscheidungen vieles in unserem beruflichen, aber auch privaten Leben. ERZÄHLER: Professor Gerd Gigerenzer, Psychologe und Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. O-Ton 2                 Breitfuß Intuition definiere ich als ein geistiges Wissen, das auf ganz natürliche Weise im Menschen da ist und wo der Mensch, wenn er möchte, selbst einen Zugang dazu findet. Es ist kein psychisches Wissen, sondern ein geistiges Wissen. ..Jedes Baby bringt das mit auf die Erde, das ist auf ganz natürliche Weise vorhanden. Musik aus ERZÄHLER: Die österreichische Psychologin Regina Obermayr-Breitfuß. Sie forscht seit rund 30 Jahren zum Thema Intuition: O-Ton 3 Breitfuß Intuition vermag einen erweiterten Erkenntnisprozess in einem Menschen. Diese vertieften Aha-Erlebnisse, wo ich größere Komplexitäten in einem wesentlichen Punkt erfassen kann; worum es wirklich geht, zu sagen, ich treffe damit den Nagel auf den Kopf oder ich erfasse den Kern in einem Augenblick.  ERZÄHLER: Intuition ist lebensnotwendig, sie trifft den "Nagel auf den Kopf". Aber warum kann man intuitive Entscheidungen kaum erklären. Gerd Gigerenzer: O-Ton 4 Gigerenzer Viele Bereiche unseres Gehirns sind der Sprache nicht mächtig, dennoch findet sich dort sehr viel Information, die dort gespeichert ist. Wenn wir also nur dem Recht geben, was wir sprachlich begründen können, dann würden wir sehr viel verlieren. ERZÄHLER: Aber auch Sprache funktioniert intuitiv: ein vierjähriges Kind befolgt mühelos grammatikalische Regeln, obwohl es sie noch gar nicht kennt. Und im Baby-Alter spielt  non-verbale Kommunikation eine große Rolle.  O-Ton 5 Breitfuß Das Baby ist direkt mit der Intuition verbunden. Ich sag dann den Müttern immer: das Baby spürt bis ins Schlafzimmer, das spürt alles in der Familie, im gesamten Umfeld, kann das natürlich nicht in Worten ausdrücken und gibt entsprechende Signale. Die sind verschieden, und eine Mutter braucht eine gute Intuition um herauszufinden – das ist auch so ein Aha-Erlebnis, also das und das meint jetzt das Baby. Aber die Mutter kann davon ausgehen, dass sie, wenn sie das Baby anschaut, auch direkt verbunden ist mit dem intuitiven Wissen. MUSIK   Intuition  Z9338823 215 ERZÄHLER: Intuition kommt vom lateinischen Wort "intueri" - das heißt "ansehen", "erkennen", "betrachten", wobei es viele unterschiedliche Interpretationen dieses "Betrachtens" gibt. Es gibt keine einheitliche Definition von Intuition,  Musik aus sondern viele verschiedene Theorien dazu. Um zwei davon soll es im Folgenden gehen:    O-Ton 6 Gigerenzer Intuition ist Erfahrungswissen, das man aber nicht begründen kann, das heißt man erlernt gute Intuition in einem Bereich.  ERZÄHLER: so definiert es Professor Gigerenzer. Er hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben - eines davon: "Bauchentscheidungen - Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition" wurde zum viel zitierten Standardwerk. In ihm analysiert der Forscher, wie Intuition funktioniert und macht das an folgendem Beispiel deutlich: O-Ton 7 Gigerenzer Ich habe in den USA mit Drogenfahndern gearbeitet, deren Aufgabe es ist, an einem großen internationalen Flughafen Drogenkuriere zu erkennen. …Wie kann man aus einer Menge von hunderttausenden Menschen  den einen Drogenkurier entdecken? …Ich habe einmal einen gefragt, warum hast Du diese Frau hier herausgeholt und nicht irgendeinen anderen, und er sagte: Ich kann es selbst nicht erklären. Ich spür nur, das da was nicht stimmt. Wie hat dieser Drogenfahnder gelernt hinzusehen? Nun, er ist zehn Jahre mit einem erfahrenen Kollegen mitgelaufen. Der erfahrene Kollege hat ihm am Anfang gesagt: Schau mal, siehst Du den Mann da hinten. Und der junge Kollege hat 50 Männer gesehen und erst langsam hat er gelernt zu sehen. Es war aber nie in Sprache. Er konnte es nie erklären.  ERZÄHLER: Der Drogenfahnder hat auf gespeichertes Wissen zurückgegriffen und seine Schlüsse aus sogenannten "Faustregeln" gezogen. Gigerenzer verwendet den Begriff synonym mit dem wissenschaftlichen Ausdruck "Heuristik". Eine Faustregel ist eine einfache Denkstrategie für effiziente Problemlösungen, die auf die wichtigsten Informationen zurückgreift, und so schnelles Handeln ermöglicht.  O-Ton 8 Gigerenzer Sie können, wie die meisten Menschen, zwischen einem echten Lächeln und einem aufgesetzten Lächeln wahrscheinlich unterscheiden. .. Das kann man wissenschaftlich herausfinden, nämlich: bei einem aufgesetzten Lächeln, da bewegen sich die Muskeln im Mundbereich, beim echten Lächeln gehen die Augenbrauen nach oben. Und das verstehen Menschen; diese Regel aber, sie ist intuitiv... das ist sozusagen die Kunst, auf das Wesentliche zu achten und das schnell herauszufiltern und den ganzen Rest zu ignorieren. Vieles in unserem Leben sind Faustregeln, die können bewusst sein, aber auch unbewusst. Wenn sie unbewusst sind, dann spricht man von Intuition. ERZÄHLER: Die Faustregeln sind in der Umwelt und im evolvierten Gehirn verankert. Es stellt uns Fähigkeiten zur Verfügung, so der Psychologe, die sich im Lauf von Jahrtausenden entwickelt haben.  Zu den evolvierten Fähigkeiten gehören Sprache, Wiedererkennung, Gedächtnis, Nachahmung, Emotionen oder etwa die simple Fähigkeit, ein Objekt mit den Augen zu verfolgen, wie beim Fangen eines Balls. Bei der Blickheuristik fixiert der Läufer den Ball und passt seine Laufgeschwindigkeit so an, dass der Blickwinkel konstant bleibt. Das alles läuft automatisch, intuitiv ab. Würde er stattdessen die Wurfgeschwindigkeit des Balls berechnen, würde er ihn wohl nie fangen. Auch die Problemlösung im nächsten Beispiel, erfolgt buchstäblich in der Luft. O-Ton 9 Gigerenzer Ich hatte einen Freund, der hatte zwei Freundinnen, eine zu viel. Dann hat er eine Checklist gemacht, eine Rechnung, hat alles aufgeschrieben, was dafür und dagegen spricht, und als er das Ergebnis sah, spürte er, das ist falsch und er hat sich für die andere entschieden. Das können Sie viel schneller und einfacher haben, als lange Pro- und Kontra-Listen zu schreiben. Wenn Sie in einer solchen Situation sind, dann nehmen sie eine Münze und werfen Sie sie in die Luft. Und während sie noch dreht, werden Sie wahrscheinlich spüren, was nicht aufkommen darf.  MUSIK Wach   89243140Z00 ERZÄHLER: Im Hintergrund hören Sie Karlheinz Stockhausen mit dem Titel "Wach" aus "17 Texte intuitiver Musik für kommende Zeiten". Der Komponist prägte in den 60er-Jahren den Begriff "intuitive Musik". Eine Musik, die aus dem Augenblick heraus entsteht.   MUSIK hoch ERZÄHLER: Wie wichtig sind Augenblicks-Entscheidungen in unserem Leben? Liegt man mit ihnen immer richtig? Musik aus ZITATOR KAHNEMAN: "Das Vertrauen, das wir in unsere intuitiven Überzeugungen und Präferenzen setzen, ist in der Regel gerechtfertigt. Aber nicht immer. Wir sind oft selbst dann von ihrer Richtigkeit überzeugt, wenn wir irren." ERZÄHLER: analysiert der israelisch-amerikanische Nobelpreisträger und Psychologe Daniel Kahneman.  In seinem Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" beschreibt er, wie Bauchentscheidungen zu verzerrtem Denken, voreiligen Schlüssen, falschen Ergebnissen und Vorurteilen führen können. Faustregeln vereinfachen, so Kahneman, sie lassen relevante Fakten oft außen vor, wie bei diesem Aufgabe, das er Versuchsteilnehmern stellte: MUSIK Taschenrechner  Z9369244 003 ZITATORIN: Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen 1 Euro 10.  Der Schläger kostet einen Euro mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball? Musik aus ERZÄHLER: Die schnelle intuitive Antwort: der Ball kostet zehn Cent. Das ist falsch. Die richtige Antwort erfordert ein längeres Nachdenken: Der Ball kostet 5 Cent. Und der Schläger einen Euro fünf Cent.  Kahneman geht von zwei Systemen aus: Das bewusste System unseres Verstandes stellt komplizierte Berechnungen an, wägt ab, es ist mühsam und zeitaufwendig. Das unbewusste System arbeitet automatisch, es ist schnell und mühelos.  Dieses mühelose, intuitive System spielt dem Gedächtnis manchmal einen Streich, es gaukelt ihm etwas vor, schreibt Kahneman … ZITATOR KAHNEMAN: …"David Stenbill, Monica Bigoutski, Shana Tirana. Ich habe diese Namen gerade erfunden. Wenn Sie irgendeinem davon in den nächsten Minuten begegnen, werden Sie sich wahrscheinlich daran erinnern, wo Sie die Namen zum ersten Mal gesehen haben." ERZÄHLER: Den Versuchsteilnehmern begegnen die erfundenen Namen einige Zeit später in einer Liste wieder, auf der Prominente und Unbekannte aufgeführt sind. Die Probanden erhalten die Aufgabe, die Prominenten auf der Liste herauszufiltern.  ZITATOR KAHNEMAN: "Es besteht eine erhebliche Wahrscheinlichkeit, dass Sie David Stenbill als einen Prominenten identifi zieren werden, auch wenn Sie nicht wissen werden, ob Ihnen dieser Name in Zusammenhang mit Kinofilmen, Sport oder Politik begegnet ist. Der Psychologe Larry Jacobs, der diese Gedächtnistäuschung als Erster im Labor nachgewiesen hat, gab ihr den Titel "Über Nacht berühmt werden."  ERZÄHLER: David Stenbill wird über Nacht berühmt, weil uns sein Name vertraut ist. Hier führt die Faustregel: "Halte Dich an das, was Du kennst" in die Irre. Misstraue dem Vertrauten, es kann in die Manipulation führen, warnt Daniel Kahneman: ZITATOR KAHNEMAN: "Eine zuverlässige Methode, Menschen dazu zu bringen, falschen Aussagen zu glauben, ist häufiges Wiederholen, weil Vertrautheit sich nicht leicht von Wahrheit unterscheiden lässt. Auch autoritäre Institutionen und Marketing-Spezialisten wissen das seit jeher." ERZÄHLER: Intuition kann ebenso zu Vorurteilen führen, wir fallen auf Stereotype herein. Kahneman, der 2002 als bislang einziger Psychologe den Wirtschafts-Nobelpreis für seine "Neue Erwartungstheorie" erhielt, hat dafür dieses Beispiel parat: MUSIK Taschenrechner  Z9369244 003 ZITATORIN: "Eine Person wurde von einem Nachbarn wie folgt beschrieben: 'Steve ist sehr scheu und verschlossen, immer hilfsbereit, aber kaum an anderen oder an der Wirklichkeit interessiert. Als sanftmütiger und ordentlicher Mensch hat er ein Bedürfnis nach Ordnung und Struktur und eine Passion für Details'. Ist Steve eher Bibliothekar oder Landwirt?". Musik aus ERZÄHLER: Steve ist das Stereotyp eines Bibliothekars, also tippen die meisten auf diesen Beruf. Kahneman kontert mit Statistik und verweist darauf, dass in den USA auf jeden männlichen Bibliothekar zwanzig Landwirte kommen, folglich dürfte es mehr sanftmütige und ordentliche Landwirte geben. Vertrauen wir unserem Bauchgefühl, kann es passieren, dass wir nach Sympathie und Antipathie urteilen. Zugeben würden wir das freilich nicht, im Gegenteil, sagt Kahneman, wir rationalisieren die intuitive Entscheidung im Nachhinein:  ZITAT KAHNEMAN: "Sie mögen nicht wissen, dass Sie ein Projekt optimistisch einschätzen, weil etwas an dessen Leiterin Sie an ihre geliebte Schwester erinnert, oder dass Sie eine Person unsympathisch finden, die entfernt Ihrem Zahnarzt ähnlich sieht. Doch wenn man Sie nach einer Erklärung fragt, werden Sie Ihr Gedächtnis nach plausiblen Gründen durchforsten und mit Sicherheit einige finden. Außerdem werden Sie die Geschichte glauben, die Sie erfunden haben." MUSIK  Sanzhi Pod city   Z8005259 106 ERZÄHLER: Einen vollkommen anderen Erklärungs-Ansatz vertritt die Linzer Psychologin Regina Obermayr-Breitfuß. Intuition orientiert sich ihrer Meinung nach nicht an Sympathie und Antipathie. Sie führt den Begriff "Instinkt" in die Debatte ein: O-Ton 10 Breitfuß Intuition und Instinkt ist so verschieden wie Apfelstrudel und Wiener Schnitzel.  Der Instinkt orientiert sich nach dem Lust- und Unlustprinzip, nach Sympathie und nach Antipathie. Wenn man das vom Körperbild her sehen kann, ist es sozusagen die ganze Region   Musik aus des unteren Menschen, die Bauchregion. Die Intuition orientiert sich überhaupt nicht nach Lust oder Unlust-Prinzip, ob mir ein Mensch sympathisch ist oder nicht, sondern die Intuition ist eine Erkenntnis, wo es um das tiefe innere Wissen geht und nicht nur um Sympathie und Antipathie. Sie ist auch frei von jeder soziokulturellen Prägung. ERZÄHLER: Die Autorin des Buches "Intuition: Theorie und praktische Anwendung", forscht seit Jahrzehnten auch interkulturell über Intuition, unter anderem in Österreich, Kalifornien, Hawaii, England und West Samoa: O-Ton 11 Breitfuß Es gibt Kulturen, die haben so ein absolutes Grundvertrauen zum intuitiven Wissen. Wenn eine Person von innen her etwas spürt, dass sie das überhaupt nicht in Zweifel zieht. In unserer Kultur, also in der westlichen Kultur ist das überhaupt nicht selbstverständlich, weil wir ja durch ganz andere Entwicklungs-stadien gegangen sind….Zum Beispiel in Western Samoa, da habe ich einige Monate gelebt und ich durfte da bei einer Art Gemeinderats-Sitzung dabei sein, ist es selbstverständlich, dass zwei, drei Personen einfach das, was sie intuitiv wahrnehmen an Wissen in die Runde bringen. Das würde niemand  in Zweifel ziehen oder komisch finden. Das ist ganz klar neben allen anderen Wahrnehmungen, die im Raum sind, wird das hinzugezogen. ERZÄHLER: Wir brauchen Intuition, sie garantiert unser Überleben, schützt uns vor Gefahren, sagt die Psychologin. Und wir können den Zugang zu unserer inneren Stimme regelrecht üben:  O-Ton 12 Breitfuß Wie kann man den Zugang lernen? …Die Intuition antwortet nicht auf Fragen "warum ist das so, woher kenn ich das, wieso ist das so" - also da antwortet immer die Logik. Die Intuition antwortet aber auf Fragen, die offen gestellt werden, wie zum Beispiel "was weiß ich über diesen Sachverhalt" oder "Was weiß ich über meine Verantwortung". Dann bekomm ich Antwort. MUSIK  Thames town  Z8005259 103 ERZÄHLER: Die Intuition spielt bei Unternehmens-Entscheidungen eine wesentliche größere Rolle als bekannt ist, sagt Gerd Gigerenzer, Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.  Das liege zum einen daran, dass die Intuition im westlichen Kulturkreis nicht die Wertschätzung bekommt, die sie verdient.  Es werde viel mehr Wert darauf gelegt, dass Entscheidungen zähl- und messbar sind,  Musik aus auf Fakten und nicht auf einer unerklärlichen Weisheit beruhen. Zum anderen hätten viele Unternehmen und Behörden Angst zuzugeben, sich aus dem Bauch heraus entschieden zu haben. O-Ton 14 Gigerenzer Ich habe mit großen Unternehmen gearbeitet und die Entscheider vom Abteilungs-leiter bis in den Vorstand hinein gefragt, wie häufig ist eine wichtige berufliche Entscheidung am Ende eine Bauchentscheidung. Nach Aussagen der Führungskräfte etwa 50 Prozent, also jede zweite. Die gleichen Führungskräfte würden das in der Öffentlichkeit nie zugeben, denn man hat Angst. Bei einer Bauchentscheidung muss man die Verantwortung selbst tragen und wir leben in einer Gesellschaft, wo immer weniger Menschen Verantwortung tragen möchten und sie immer mehr delegiert wird.  ERZÄHLER: Intuition hat nichts Mystisches an sich. Sie ist weder eine hellseherische Gabe noch eine göttliche Eingebung, kein sechster Sinn, auch keine Willkür und…  O-Ton 15 Gigerenzer Und es ist auch nichts, was nur Frauen haben. Wir Männer haben auch Intuitionen. Nur Frauen sind oft ehrlicher und trauen sich mehr, das zuzugeben.  ERZÄHLER: Das Stereotyp, Frauen seien intuitiver als Männer, speist sich auch aus dem jahrhundertealten Denken: Männer sind logisch, Frauen gefühlsbetont,  also intuitiv. Wie es wirklich um die männliche Intuition bestellt ist, erfragte 2005 eine wissenschaftliche Studie: MUSIK   Working on it  CD976560 002 ZITATORIN: Über 15.000 Männer und Frauen nahmen am Experiment des britischen Psychologen Richard Wiseman teil. Er legte ihnen Fotos von Paaren vor, auf denen sie echtes von falschem Lächeln unterscheiden mussten. Vor dem Test mussten sie ihre eigene Intuitionsfähigkeit einschätzen: 77 Prozent der Frauen werteten sie als sehr hoch, bei den Männern waren es nur 58 Prozent. Das Testergebnis fiel knapp zugunsten der Männer aus: 72 Prozent erkannten das echte Lächeln, bei den Frauen waren es 71 Prozent.   Musik  aus ERZÄHLER: Der Mensch wird pro Sekunde von Millionen Sinneseindrücken überflutet. Mehr als 40 Eindrücke auf einmal, sagen Experten, kann er gar nicht bewältigen. Ein Grund für eine weitere intuitive Strategie, die nach dem Prinzip funktioniert: "Weniger ist mehr".  Menschen verlassen sich bei ihren Urteilen oft auf einen einzigen guten Grund, ignorieren alle anderen Fakten, nach dem Motto: "Take the best, ignore the rest". Kann das funktionieren? Gerd Gigerenzer: O-Ton 16 Gigerenzer Eine Bauchentscheidung kann natürlich eine sehr gute oder auch eine sehr schlechte Entscheidung sein. Das ist genau so, wenn Sie sich etwas ausrechnen, können sie damit gut oder auch richtig daneben liegen... Also wenn Sie ins Kasino gehen und Roulette spielen, dann können Sie sich ausrechnen, wieviel Sie verlieren werden auf lange Sicht hin. Da brauchen Sie keine Intuition. Aber wenn es darum geht, den richtigen Partner fürs Leben zu finden, oder andere Dinge mit hochgradiger Ungewissheit, wo Überraschungen passieren, da reichen Berechnungen nicht aus und es ist eine Illusion daran zu glauben.  ERZÄHLER: Die Linzer Psychologin Regina Obermayr-Breitfuß meint hingegen: Intuition versagt nie. O-Ton 17 Breitfuß Nie! Sie versagt nie. Sie ist Tag und Nacht gegenwärtig. Ich kann auch einen intuitiven Traum bekommen, das heißt ein ganz klares Wissen: Ich steh in der Früh auf und weiß die Lösung. Große Erfindungen sind oft über intuitive Träume gekommen, weil wir in der Nacht auch mit dem Geistigen verbunden sind, wenn wir das zulassen. Und wenn mir die Intuition etwas mitteilt, dann kann ich mich hundert Prozent darauf verlassen. Sie täuscht mich nie. Sie versagt nie. O-Ton 18 Gigerenzer  Wenn Sie in einem Gebiet wenig Erfahrung haben, dann sollten Sie sich nicht auf ihre Intuition verlassen. Wenn Sie viel Erfahrung haben, dann eher schon. O-Ton 19 Breitfuß Wir können Dinge wissen, die wir nie gelernt haben, niemals. Ganz große Erfindungen, ganz große Pioniere bestätigen das immer, dass sie das nicht irgendwo vorher gelernt, gehört, gelesen oder gesehen haben. Also das ganz Neue, das wirklich ganz Neue kommt über die Intuition auf die Erde. MUSIK   Intuition  Z9338823 215 ERZÄHLER: Vernunft und Bauchgefühl erscheinen als Gegensätze. Dabei werden alle Entscheidungen im Gehirn getroffen, die einen bewusst, analytisch, die anderen unbewusst. Beide sind wichtig. In unserer Gesellschaft wird die rationale Entscheidung allerdings höher bewertet,  Musik aus O-Ton 20 Gigerenzer Einstein hat einmal gesagt: "der intuitive Geist ist ein Geschenk und der rationale Geist ist sein Diener. Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, in der der Diener zum Herrn geworden ist und man das Geschenk vergessen hat".
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Feb 7, 2024 • 21min

Die türkischen „Gastarbeiter“ - Das Anwerbe-Abkommen von 1961

Eigentlich sollten sie höchstens zwei Jahre dableiben, arbeiten und wieder gehen - "Gastarbeiter" eben. Dass sie "Türkentum und Nationalgefühl hochhalten" war das Erste, was im umfangreichen Verfahren getestet wurde, das die deutsche und die türkische Regierung im Jahr 1961 mit dem "Anwerbeabkommen" beschlossen hatten. Aber wie bemerkte der Schriftsteller Max Frisch einmal: "Wir riefen Arbeiter, und es kamen Menschen". Bettina Weiz erzählt die Geschichte von dieser "Menschwerdung". (BR 2011) Credits Autorin dieser Folge: Bettina Weiz Regie: Bettina Weiz Es sprachen: Ruth Geiersberger Redaktion: Brigitte Reimer Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT  Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO (Nähen) darauf ERZÄHLERIN:  Anzüge, Westen, Herrenhemden auf Maß: All das näht der Schneider Ethem Kocer bis in die 60er Jahre hinein in seinem Heimatdorf mitten in der Türkei. Musik: C127867/007 ERZÄHLERIN:  Sein Geschäft läuft auf Pump: Er borgt sich Stoffe und Nähseide von Großhändlern, gibt wiederum seinen Kunden Kredit. 1. Zsp. / Ethem Kocer „Im Jahr zweimal zahlen die dann. Die Bauern, wann Getreide verkauft ist.“ Nochmal ATMO (Nähmaschine). Darauf 2. Zsp. / Ethem Kocer „64 es hat nicht geregnet. Leider kein Getreide geworden. Wir haben dann Zuckerrübenernte gewartet. Hat auch nicht geworden: wenn es nicht regnet, dann wird der net. Dann hab ich pleite gemacht.“ ERZÄHLERIN:  Da beschließt er, nach Deutschland zu reisen. Musik aus 3. Zsp. / Ethem Kocer „Ja ohne zu denken! Ohne zu denken. Einfach kommen und arbeiten, etwas Geld machen, wieder zurückgehen.“ Musik: CD54790/006 ERZÄHLERIN:  400 Kilometer weiter östlich in der Türkei lebt zur gleichen Zeit Makbule Kurnaz in einem Bauernhaus mit Garten, zwei Kühen, Katzen, Hunden und Hühnern. Ihr Vater fährt jeden Morgen mit dem Motorrad in eine Zuckerfabrik und arbeitet dort als Aufseher. Musik aus 4. Zsp. / Makbule Kurnaz „Eine Diktatore. Wie Pascha. Wie Harem Pascha.. ERZÄHLERIN:  Er hat nacheinander drei Frauen und fünf Kinder, das älteste ist ein Sohn, der einzige Junge in der Familie. 5. Zsp. / Makbule Kurnaz „Deswegen meine Vater wollte, der ist nach Deutschland zum Studieren gehen. Er ist Jahre 70 nach Deutschland gekommen, hat dort gearbeitet. Hat gleich deutsche Frau gefunden, Auto gekauft, ganz elegant angezogen, „aha„, hab ich mir gedacht, „Deutschland ist gut wie hier“. Lacht. ERZÄHLERIN:  Als er so hübsche Fotos aus München schickt, ist Makbule 21 - und verliebt. 6. Zsp. / Makbule Kurnaz „Jemand wollte mit mir heiraten, Vater hat nicht erlaubt. Bei uns Anatolien solche Geschichte viele. Ich darf nicht in meine Herz wer ist, Vater hat entschieden, dass ich mit jemande unbedingt heiraten müssen. Ich wollte nicht, hat Vater gesagt, „ja, meine Tochter, du kannst auch gehen. Entweder heiraten oder Deutschland gehen“. Ich hab gesagt „dann gehe ich Deutschland. Bitte, bitte, bitte schick mich nach Deutschland“. Musik: C127867/13 ERZÄHLERIN:  Geldnot, der Wunsch nach Qualifikation, das Streben nach Freiheit von strikten Familienoberhäuptern, vielleicht Abenteuerlust: Die persönlichen Gründe, weshalb sich seit den 60er Jahren weit über eine Millionen Menschen aus der Türkei auf den Weg nach Deutschland gemacht haben, sind vielfältig. Alle hoffen auf ein besseres Leben.  Kreuzblende zu: 6108376 7. Zsp. / Ethem Kocer „Vor uns von Italiener, Griechen, Spanier sind gekommen.“ ERZÄHLERIN:  … um Berge abzuschürfen, Elektroschalter zu montieren oder Autos zusammenzuschrauben. Seit Mitte der 50er Jahre hatten deren Regierungen mit der Bundesrepublik sogenannte Anwerbeverträge geschlossen. Ein bewährtes Vorgehen, erklärt der Historiker Christoph Rass von der Universität Osnabrück. Musik aus 8. Zsp. / Christoph Rass „Die Anwerbeverträge sind als Institution entstanden schon nach dem I. Weltkrieg, mit einem Anwerbevertrag, den Frankreich und Polen im Jahr 1919 geschlossen haben, und seitdem entwickelt sich diese Institution auf der internationalen Bühne, wird vor allem in Westeuropa genutzt, auch Deutschland ist Ende der 30er Jahre schon über einen solchen Vertrag beispielsweise mit Italien verbunden.“ ERZÄHLERIN:  Die Anwerbeverträge regeln, dass und wie das deutsche Arbeitsamt in einem fremden Staat Leute rekrutiert. Auch die türkische Regierung möchte einen solchen Vertrag abschließen. 9. Zsp. / Christoph Rass „Die Türkei selbst hat im Rahmen ihrer Wirtschaftsentwicklungspläne begonnen, sehr stark auf den Export von Arbeitskraft zu setzen.“ Musik: CD54790/006 ERZÄHLERIN:  Denn die Wirtschaft kriselt. Die Regierung ist schwach. 1960 putscht das Militär. Die anderen NATO-Staaten schauen besorgt auf das Mitglied am strategisch wichtigen Südost-Ende des „Eisernen Vorhangs“. Es herrscht Kalter Krieg. Seit 1959 stationieren die USA in der Türkei Mittelstreckenraketen. Atomwaffen. MUSIK AUS ERZÄHLERIN:  Es trifft sich, dass viele bundesdeutsche Firmen Arbeitskräfte suchen - wegen der neu eingeführten Fünftagewoche, weil die Ausbildungen länger werden, weil die geburtenschwachen Kriegsjahrgänge ins Berufsleben einsteigen. Wegen der Mauer ist der Strom von Übersiedlern aus der DDR abgeebbt. 10. Zsp. / Christoph Rass  „Zugleich hat aber Deutschland, als auf diplomatischem Wege angetragen wurde, ob die Anwerbung von Arbeitskräften in der Türkei in Frage käme, zunächst reserviert reagiert. Denn man hat einen internen Grundsatz verfolgt: keine Arbeitskräfte aus sogenannten „nichteuropäischen Staaten„ anzuwerben, und hier wertete man die Türkei als einen nicht-europäischen Staat. Man hat sich auf deutscher Seite immer überlegt, was man der deutschen Gesellschaft zumuten kann an fremdländischen ArbeitnehmerInnen. Und das zählte zu den Motiven, die Deutschland dazu bewogen hat, keinen Anwerbevertrag abzuschließen, sondern auf dem diplomatisch niedriger angesiedelten Wege des Notenwechsels eine Anwerbevereinbarung abzuschließen.“ ERZÄHLERIN:  Viele Regelungen der Vereinbarung vom 30.  Oktober 1961 sind anders als in den Verträgen etwa mit Italien, Griechenland oder Spanien. 11. Zsp. / Christoph Rass „Während es also in der Regel bei Anwerbeverträgen so war, dass die Arbeitsverträge im Prinzip immer wieder verlängert werden konnten, war es so, dass bei der 1. Fassung des deutsch-türkischen Abkommens eine Höchstverweildauer von 2 Jahren eingeplant war. Dass kein Familiennachzug vorgesehen war.“ ERZÄHLERIN:  Das Folge-Abkommen von 1964 hebt diese Einschränkungen teilweise auf. Aber das Ziel bleibt: 12. Zsp. / Christoph Rass „Man wollte auf jeden Fall sicherstellen, dass es nicht zu einer Niederlassung türkischer ArbeitnehmerInnen in Deutschland kommt.“ ATMO (Nähen). Darauf ERZÄHLERIN:  Anfang der 60er Jahre sitzt der türkische Schneider Ethem Kocer im Zug, erst nach Istanbul, dann quer durch Bulgarien, Jugoslawien und Österreich bis München. Im Sechserabteil, zwei Nächte und drei Tage lang. 13. Zsp. / Ethem Kocer „Natürlich! Sitzend schlafen. Der Zug ist angekommen. Gleis 11.  15. Zsp. / Ethem Kocer „Mich dann mein Freund abgeholt. Er war schon Deutschland, hier Jura studiert, und die wollten dann Export aufmachen.“ ERZÄHLERIN:  Statt als Gastarbeiter nach der Anwerbevereinbarung ist Ethem Kocer mit eigenen Kontakten eingereist.  16. Zsp. / Ethem Kocer „Ich war so eilig, ich wollte da unbedingt hingehen! Als Tourist bin ich gekommen, als Tourist hab ich dann normal Pass bekommen. Mit 800 Mark durfte man ausreisen. Hab ich dann von Bank 800 Mark Devisen gekauft in der Türkei, als Tourist darfst du dann 3 Monate bleiben mit das Geld damals.“ ERZÄHLERIN:  Aus dem Export-Geschäft des Freundes wird nichts. Einen Arbeitsvertrag darf er als Tourist auch nicht unterschreiben. (Da meldet er sich - das geht - als landwirtschaftlicher Helfer in Niederbayern.  17. Zsp. / Ethem Kocer „Ich hab mein Chancen versucht, irgendwie hier. Und dann von Ergolding, also 3 Monat später wollte Anmeldung machen in München. Haben sie mir dann net erlaubt, also mein Pass haben sie dann zurück stempelt,) ich musste wieder nach Türkei.“ MUSIK: C54790/006 ERZÄHLERIN:  Wäre er nicht auf eigene Faust gekommen, sondern mit Hilfe der Anwerbevereinbarung, hätte er mehr Sicherheit gehabt. Christoph Rass. 18. Zsp. / Christoph Rass „Anwerbeverträge minimieren die Risiken und die Kosten der Migration für alle Beteiligten. Die beteiligten Staaten erhalten Zugriff auf Migrationsströme und können versuchen, diese in gewissen Grenzen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Und die MigrantInnen selbst erhalten vielfältige Hilfestellungen und vor allen Dingen verbriefte Bedingungen in den Arbeitsverträgen, dass ausländische Arbeitnehmerinnen und Arbeiter, die im Rahmen einer solchen Anwerbung auf den Arbeitsmarkt kommen, gleich behandelt werden wie inländische Arbeitnehmer.“ Musik aus ERZÄHLERIN:  Makbule Kurnaz geht 1971 den offiziellen Weg. Sie bewirbt sich erst in der Hauptstadt ihrer Provinz, bekommt dann einen Termin im fernen Istanbul. Ihre erste große Reise. Der Vater und sie logieren bei Bekannten und im Hotel und besuchen immer wieder die Außenstelle des deutschen Arbeitsamtes. 19. Zsp. / Makbule Kurnaz „Eine Woche lang Untersuchung gemacht, von Kopf bis Fuß, alles, alles. Blut, Urin, alles. Viele Menschen, allererste mal war ich alleine, Vater war draußen, ich war drin, kontrollieren, eines immer hat mich gestört, dass ich ganz nackig müssen.“ 20. Zsp. / Christoph Rass „Grade diese Gesundheitsuntersuchungen, die auch sehr intime Bereiche berührt haben, die sind als ganz massive Eingriffe in die Intimsphäre der ArbeiterInnen empfunden worden vielfach, und das hat die Wahrnehmung und die Geschichte dieser Anwerbung sehr geprägt.“ ERZÄHLERIN:  Augen, Gebiss, Geschlechtsorgane: Makbule Kurnaz wird durch und durch getestet - und für zu leicht befunden. 21. Zsp. / Makbule Kurnaz „Hat gesagt, „gesundheitlich haben Sie Probleme„. - „Was denn?„ - „Blutarm. Wenig Blut im Körper, und Sie sind schlank wie 50„. Ich muss unbedingt 50 sein, ich war 48, ganz dünn, junge Mädchen.“ ERZÄHLERIN:  Sie reisen wieder zurück in ihre Provinz - und der Vater sucht zwischen Istanbul, Ankara und dem Schwarzen Meer nach frischem Blut. 22. Zsp. / Makbule Kurnaz „In Samsun Blutspende gefunden, von eine Militär habe ich eine Blut bekommen. Mehr wie Pfund, Kilo hat gesagt, Vater hat das gezahlt, Blut gegeben, hat mit der Ernährung bisschen besser: Honig, Butter, Milchprodukte, Joghurt und so.“ ERZÄHLERIN:  Ein Jahr vergeht. Makbule Kurnaz, die keinen Schulabschluss hat, macht einen Schneiderkurs:  23. Zsp. / Makbule Kurnaz „Nochmal nach Istanbul gefahren, „Oh, hat gesagt, ok, gesundheitlich ok, die Zeugnis hilft was, aber wir haben eine Angebot, dass Sie vielleicht mal, wenn Sie gescheit sind, nach eine elektrische Firma, egal, Grundig, Saba, irgendwo, Siemens braucht dringend mehr Leute, junge Frauen unter 25.„ Da hab ich Glück. Da hab ich gesagt „Vati, ich kann das machen“. In eine Zimmer, 20 Mädchen, wie Universität Prüfung, haben wir Prüfung gemacht. Irgendwelche Farbe, Linie, mit die Figuren, jetzt wie Kinder, Puzzle und so was, habe ich alles perfekt gemacht, null Fehler und geschafft. Ok, hab ich gleich von der Siemens die Einladung bekommen, in 2 Tage, hat er uns noch 10 Wörter gegeben: „ja, nein, ok, falsch, richtig“ - so was, die muss mer auswendig wissen, dann hat alles geklappt, hat gesagt „ok, Sie sind die Erste für Siemens, Mitarbeitervertrag wird 1 Jahre.“ MUSIK: Z9382937/010 ERZÄHLERIN: Wie viele angeworbene Türkinnen in den 70er Jahren kommt Makbule Kurnaz mit dem Flugzeug nach Deutschland. Eine freundliche Dolmetscherin und ein Bus stehen schon bereit, und im Bunker unter dem Münchner Hauptbahnhof, dem Ersten, was frisch Angeworbene nach ihrer Ankunft zu sehen bekommen, gibt es Brote, Wurst und Käse. 24. Zsp. / Makbule Kurnaz „Mit Vertrag ich bin garantiert, holte mich jemand, gibt immer mit Programm, geführt. Ok. Angekommen, dort abgeholt, mit Liste, so wie Tourist-Organisation.“ Musik aus ERZÄHLERIN:  Sie kommt in ein Wohnheim direkt gegenüber vom Werkstor, teilt das Zimmer mit den Stockbetten und die Küche mit drei anderen Frauen. „Mädchen“, sagt sie. 25. Zsp. / Makbule Kurnaz „Mädchenwohnheim. Unter Kontrolle gekommen. Haben wir Vertrag, auch Heim-Vertrag, durften wir nicht irgendwann von Wohnheim weggehen, 4 Jahre alleine dort gewohnt. Bis 10 Uhr muss man zurückkommen. Pförtner sitzt da.“ ERZÄHLERIN:  Mit der Arbeit kommt sie klar. Ihre Vorarbeiterin ist selbst Türkin.  Der Bruder, der auch in München lebt, nimmt sie in die Disco mit und Weihnachten mit zum Urlaub ins Heimatdorf. Seine Verlobte – eine Deutsche - ist auch dabei. Das gefällt dem Vater nicht. Er verstößt seinen Sohn. MUSIKAKZENT: C54780/006 ERZÄHLERIN:  Makbule Kurnaz fasst den Entschluss ihres Lebens: sie bleibt in Deutschland. 26. Zsp. / Makbule Kurnaz „Ich wollte nur ein Jahr, aber doch: Mein Bruder da, mir alles gefallen, ich bleibe. Dann hab ich Vertragverlängerung unbefristet bekommen. Von Siemens. Natürlich von der Kreisverwaltung wird auch verlängert, alles hab ich, längere Jahre bekommen. Dann bin ich geblieben. Voll zufrieden.“ Musik aus 27. Zsp. / Christoph Rass „Tatsächlich zeigen alle Beispiele, die wir kennen, dass Anwerbeprozesse nie rein temporär bleiben. Der größte Teil der ArbeitnehmerInnen, die während der Anwerbephase, also zwischen 1955 und 73, nach Deutschland gekommen sind, haben Deutschland wieder verlassen. Aber es sind eben auch etwa 4 Millionen ArbeitnehmerInnen und ihre Familien in Deutschland zurückgeblieben und haben sich für einen längerfristigen Verbleib, gar für die Niederlassung, für eine Einwanderung, entschlossen.“ ATMO (Nähen). Darauf ERZÄHLERIN:  Auch Ethem Kocer, der türkische Schneider, kommt wieder - und bleibt. Er hat in Deutschland sofort seine Liebe gefunden. 28. Zsp. / Ethem Kocer „Sonntag bin ich gekommen, Montag hab ich dann mein deutsche Frau kennengelernt. Deutsche. Wir haben da Kaffee gemacht, Kaffee und Kuchen, dort habe ich sie kennengelernt.“ ERZÄHLERIN:  Vier Monate nach seiner Rückkehr in die Türkei findet sein Münchner Freund eine Arbeit für ihn als Trambahnschienenputzer. Ethem Kocer erhält eine Aufenthaltsgenehmigung und setzt sich ein zweites Mal in den Zug nach Deutschland. 29. Zsp. / Ethem Kocer „So weitergegangen, also Freundschaft, und dann - 71 geheiratet wir sind dann.“ ERZÄHLERIN:  Sie bauen sich ein Haus im Vorort Gröbenzell. Er gründet sein eigenes Schneider-Unternehmen. MUSIK: Z9382937/010 ERZÄHLERIN:  Viele Arbeitskräfte aus der Türkei kommen und gehen. Manche arbeiten ein Jahr in Deutschland, um das Geld für ein Moped zusammenzubekommen und gehen dann zurück, kehren später aber wieder, etwa um auf ein neues Hausdach hinzuarbeiten, retour in die Türkei und so fort. Im Herbst 1973 ist es damit aus. Die Ölkrise macht den Westeuropäern Angst. Und rechtfertigt die Anwerbestopps, die die Regierungen der klassischen Zielländer für ausländische Arbeitskräfte erlassen: Frankreich, Schweiz, Großbritannien, Schweden, auch die Bundesrepublik. Die Folgen der Stopps sind unerwartet: Es kommen mehr Menschen. Musik aus 30. Zsp. / Christoph Rass „Als die Anwerbung ausgesetzt wird, da entscheiden sich ganz viele MigrantInnen, zunächst mal in Deutschland zu bleiben. Denn sie wissen: wenn sie jetzt das Land verlassen, ihre Arbeitsstellen aufgeben, dann können sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr zurückkehren. Und dann beginnen sie, sehr massiv ihre Familie nachzuholen, und das ist dieser Peak in den Statistiken, der sich nach dem Anwerbestopp zeigt, das ist das Nachwandern der Familienangehörigen, der Kinder, nach Deutschland.“ MUSIK: CD54790/006 ERZÄHLERIN:  Vier Jahre lebt Makbule Kurnaz im Mädchenwohnheim ihrer Firma. 1976 zieht sie in ihre eigene Wohnung. Sie könnte frei und unabhängig leben – doch … 31. Zsp. / Makbule Kurnaz „Hat die Familie Angst bekommen, dass ich mit einem deutschen Mann heirate. Weil Bruder mit deutscher Frau, ich bin in Türkei gegangen, natürlich mit der Familie Entscheidung, jemanden kennengelernt, ich wollte nicht. Ja, nein. In diese Urlaub bin ich weggegangen. Nächste Urlaub wieder: derselbe Mann. Hab ich entschiede, dass ich doch mit ihm heirate. Alleine geht nicht.“ ERZÄHLERIN: Im folgenden Urlaub heiratet sie ihn und lädt ihn nach Deutschland ein: Familienzusammenführung. Zweieinhalb Jahre lang darf er nicht arbeiten. Weil gleich ein Kind kommt, kümmert er sich, und sie verdient das Geld. Musik aus 32. Zsp. / Makbule Kurnaz „Wir haben 2 Kind bekommen, natürlich... Aber war NICHT wie ich mir vorstellen, solche Familie. Leider.“ ERZÄHLERIN:  Hauptgrund für das Scheitern der Ehe: das Leben im fremden Land. Ihr gefällt es, ihm nicht. 33. Zsp. / Makbule Kurnaz „Wollte nicht, vom 1. Tag hat gesagt „ich will Deutschland nicht, ich bleibe nicht, ich mage nicht“, habe ich gekämpft, mit Arbeit, mit Kinder, mit Mann, mit Leben, mit Haushalt.... Er ist wieder zurückgegangen.“ 34. Zsp. / Makbule Kurnaz) „Ich bleibe hier! Vom 1. Jahr habe ich entschieden, dass ich bis Lebenende da bleibe.“ ERZÄHLERIN:  Die Klarheit und Eindeutigkeit dieser Entscheidung hat ihr geholfen, sich zu integrieren. 35. Zsp. / Makbule Kurnaz „Hab ich mir gedacht, „ah, muss ich hier mich konzentrieren, muss ich alles machen, für mich Zukunft, mehr gute Sachen machen“. Ich konnte nicht viel Deutsch in 1 Jahre, ja, 73, dann Kurs hab ich gemacht 3 Monate, Sprachkurs.“ Atmo (Nähen) Darauf ERZÄHLERIN:  Auch der Schneider Ethem Kocer bemüht sich um gesellschaftliche Anerkennung, sobald er sicher ist, dass er in Deutschland bleiben wird.  r macht einen Schneiderkurs, denn wie bei vielen Zuwanderern wird sein türkisches Diplom nicht anerkannt. Er legt die Meisterprüfung ab. Er nimmt die deutsche Staatsbürgerschaft an.  MUSIK: M0021386/003 ERZÄHLERIN:  Ethem Kocer und Makbule Kurnaz kämpfen am Lebensabend, mit Spätfolgen ihrer Einwanderung. Die Erwerbsbiographie des Schneiders passt schlecht ins Schema der deutschen Sozialversicherung: Er kam erst mit über 30 nach Deutschland und war 17 Jahre lang selbständig, zahlte nur 10 Jahre als Angestellter in die Rentenkasse ein.  36. Zsp. / Ethem Kocer „Mein eigenen Rente 660 Euro. Kann man net leben. Witwengeld bekomme ich. Mit dem kann ich dann leben.“ ERZÄHLERIN:  Der Einschnitt in Makbule Kurnaz’ Erwerbsbiographie ist, dass sie ihren Job kündigt, als ihr Mann in die Türkei geht. Musik aus 37. Zsp. / Makbule Kurnaz „Den Fehler hab ich gemacht, aber hab ich neue Beruf gelernt, in eine Geschäft Kasse gemacht, erstemal Schlecker, dann verbessert bissle bei Plus, dann Kaufhof eingestellt.“ ERZÄHLERIN:  Viel verdient sie nicht und bringt davon auch noch ihre Kinder durch. Wegen des Stress’ an der Kasse geht sie in Frührente. Auch Ethem Kocer hat sich mit 63 die Hände beim Nähen verschlissen. Zugewanderte Türken bekommen mehr als doppelt so häufig wie alteingesessene Deutsche Erwerbsunfähigkeitsrente –  sie haben meist die anstrengenden Jobs übernommen, die die anderen nicht wollten. Nun verbreitet sich Altersarmut.  Dass arme Alte zurückkehren, widerspricht den ursprünglichen Hoffnungen, die Länder wie die Türkei in die Anwerbeverträge gesetzt hatten, nämlich Devisen, Qualifikation und Entlastung des Arbeitsmarktes.  Wobei sich die Hoffnungen in gewissen Grenzen schon immer auch erfüllen, erklärt der Historiker Christoph Rass. 39. Zsp. / Christoph Rass „Gerade der Rückfluss von Devisen aus Lohnersparnissen ist für viele Länder ein wichtiger Aspekt in ihrer Handels- und vor allem Leistungsbilanz gewesen, die Qualifikation hat sich in geringerem Maß erfüllt, denn es zeigt bei den Rückwanderern, dass gerade die besonders gut Qualifizierten vielfach im Ausland verbleiben. Und natürlich die Entlastung des Arbeitsmarktes: das leidet unter einem Interessenkonflikt, denn die Abwanderungsländer wollen in der Regel die am schlechtesten Qualifizierten, die tendenziell arbeitslos sind, ins Ausland entsenden, während die Anwerbestaaten die am besten Qualifizierten für ihre Arbeitsmärkte haben wollen.“ ERZÄHLERIN:  Anwerbeverträge gibt es bis heute, besonders außerhalb Europas. Aber auch in Deutschland sind sie wieder salonfähig, seit Ingenieure und Facharbeiter fehlen. 40. Zsp. / Christoph Rass „Die Verführung eines Anwerbevertrages ist immer, dass die Möglichkeit gegeben zu sein scheint, Arbeitskräfte temporär und bedarfsgerecht auf einen Arbeitsmarkt zu holen. Als Konjunkturpuffer. „Ich nehm’ mir jetzt aus dem Ausland Arbeitskräfte herein, und wenn wir sie nicht mehr brauchen, dann werden sie alle wieder verschwinden“, für einen großen Teil wird das immer so verlaufen, aber für einen kleineren Teil wird immer aus der temporären Präsenz immer der Wunsch nach Einwanderung, nach Niederlassung, und auch der Integration resultieren. Das muss man von Anfang an berücksichtigen. Und genau das hat die Bundesrepublik - wie manch anderes europäische Land im übrigen auch - nicht getan.“ MUSIK: M0021386/003 ERZÄHLERIN:  Kleine Rente und kaputte Gesundheit hin, zerrüttete Familien und Witwerschaft her: Makbule Kurnaz und Ethem Kocer machen das Beste aus ihrem Leben. In einem städtischen Alten- und Service-Zentrum treffen sie Gleichgesinnte zum Deutschlernen, Malen und Tanzen, fahren mit der Nostalgiebahn nach Bayerischzell. 41. Zsp. / Ethem Kocer „So geht das Leben.“ lacht nett, aber kurz. Musik aus ATMO (Nähmaschine). Darauf ERZÄHLERIN:  Seine Nähmaschine - Industrie-Nähmaschine! - hütet Ethem Kocer gut. 42. Zsp. / Ethem Kocer „Zuletzt hab ich geschneidert - ja, meine Bekannten Kleid gemacht z.B..... er geht im Flur ...die Kleider sind glaub ich hier.“... Rascheln:  ERZÄHLERIN:  Seide knistert, Pailletten funkeln. 43. Zsp. /Ethem Kocer „Ihre Sohn heiraten, deswegen haben wir dann da vorbereitet.“ ERZÄHLERIN:  Das Kleid ist für Makbule Kurnaz. Im Alter haben die beiden zueinandergefunden. Die Fotos ihrer Kinder stehen auch auf seiner Kommode. 45. Zsp. / Makbule Kurnaz „Hier geboren, hier aufgewachsen, gut studiert, älterer Sohn Computer-Fachmann, seine Frau Sekretärin, junge Sohn beim Amt Sicherheit, alles ok. Ihre Leben auch gut, jetzt junge Sohn will mit Deutsche - halbe deutsche, halbe türkische - Mädchen heiraten, wir sind voll glücklich. Hammer deutsche Kultur mehr wie türkische Kultur.“ MUSIK: M0021386/003
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Feb 6, 2024 • 24min

Die Lyrikerin Marie Luise Kaschnitz - Auf der Suche nach dem Ich

Marie Luise Kaschnitz ist eine der bedeutendsten Dichterinnen der Nachkriegsjahre. Sie beschreibt die Trümmer des Zweiten Weltkrieges, beschäftigt sich immer wieder mit dem eigenen Ich, ist eng befreundet mit Ingeborg Bachmann und Theodor W. Adorno. Als sie 1974 stirbt, hinterlässt sie ein vielschichtiges Werk. Doch heute scheint sie fast vergessen. Autorin: Juliane Ziegler (BR 2022) CreditsAutorin dieser Folge: Juliane ZieglerRegie: Irene SchuckEs sprachen: Stefan Wilkening, Katja BürkleTechnik: Regina StaerkeRedaktion: Andrea Bräu Im Interview:Brigitte Raitz, Germanistin und Kuratorin zweier Ausstellungen über Marie Luise Kaschnitz Literaturhinweise: Kaschnitz, Marie Luise: Gesammelte Werke in 7 Bänden. Hrsg.: Christian Büttrich. Frankfurt am Main: Insel-Verlag, 1981-1989. Kaschnitz, Marie Luise: Das dicke Kind und andere Erzählungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002. Kaschnitz, Marie Luise: Liebe beginnt. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1984. Kaschnitz, Marie Luise: Das dicke Kind. Prosa, Gedichte und Gespräche. Ausgewählt von Christian Büttrich. der Hörverlag, 2001. (CD) Raitz, Brigitte: „Ein Wörterbuch anlegen". Marie Luise Kaschnitz zum 100. Geburtstag. Marbacher Magazin 95/2001: Marbach am Neckar, 2001. von Gersdorff, Dagmar: Marie Luise Kaschnitz. Eine Biographie. Frankfurt am Main und Leipzig: Suhrkamp, 1992. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN: KASCHNITZ/DAS DICKE KIND Wie es dasaß in seinem haarigen Lodenmantel, glich es einer fetten Raupe, und wie eine Raupe hatte es auch gegessen, und wie eine Raupe witterte es jetzt wieder herum. Jetzt bekommst du nichts mehr, dachte ich, von einer sonderbaren Rachsucht erfüllt. Aber dann ging ich doch hinaus und holte Brot und Wurst, und das Kind starrte darauf mit seinem dumpfen Gesicht, und dann fing es an zu essen, wie eine Raupe frisst, langsam und stetig, wie aus einem inneren Zwang heraus, und ich betrachtete es feindlich und stumm. SPRECHER Dann geht das träge Raupen-Mädchen hinaus, zum zugefrorenen See, wo die ältere Schwester Pirouetten dreht. Anmutig und schön. Das dicke Kind jedoch bricht im Eis ein. Alles beobachtet von der Erzählerin - auf sie übt das Kind eine seltsame Anziehung aus. Dieser Text von 1952 gilt als eine der bekanntesten Kurzgeschichten von Marie Luise Kaschnitz. Die Ludwigsburger Germanistin Brigitte Raitz sagt: O-TON (1) RAITZ Das Besondere ist - dass Kaschnitz praktisch sich selbst als Kind und auch ihre damalige große Eifersucht auf die ältere Schwester Lonja thematisiert. Also es ist so’ne Verwandlung, also am Übergang vom Kind zum Jugendlichen. Und das hat sie öfters thematisiert. O-TON (2)  Interview: Marie Luise Kaschnitz mit Horst Bienek, 1961, Hessischer Rundfunk Ja, das dicke Kind bin ich selbst. Die Schwester ist meine Schwester Lonja, der See ist der Jungfernsee bei Potsdam. Wir haben dort in der Nähe gewohnt. Wir sind viel Schlittschuh gelaufen und ich bin auch einmal eingebrochen, aber - wie das dicke Kind - nur einen Meter tief. Ich war auch ein braves, schläfriges, viel essendes Kind, aber eben eines mit vielen Ängsten und eines, das bei jeder Gelegenheit zu heulen anfing. SPRECHER … erklärt Marie Luise Kaschnitz in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk 1961. In vielen ihrer Texte verarbeitet sie selbst Erlebtes, die teils auch bitteren Erfahrungen aus der Kindheit. Immer wieder beschäftigt sich mit ihrem früheren Ich. Sie, die Schriftstellerin, sagt, sie könne gar nichts neu erfinden, sie sei eine ewige Autobiografin. Geboren wird Marie Luise Freiin von Holzing-Berstett am 31. Januar 1901 in Karlsruhe. Als sie ein Jahr alt ist, ziehen sie - die Eltern entstammen beide adeligen Familien - nach Potsdam, später nach Berlin, wo der Vater Flügeladjutant unter Wilhelm II. wird. Nach zwei Mädchen hatte die Mutter bei der Geburt von Marie Luise auf einen Jungen gehofft. Sie verbirgt ihre Enttäuschung nicht. Erst drei Jahre später kommt der ersehnte Sohn auf die Welt. O-TON (3) RAITZ Es war eine große Distanz zwischen den Kindern und den Eltern und sie hat darunter doch sehr gelitten und hat vor allem die Zuwendung der Mutter vermisst.  SPRECHER … sagt Brigitte Raitz. Die Germanistin hat zwei Ausstellungen über Marie Luise Kaschnitz kuratiert. O-TON (4) RAITZ Sie hat aber auf die Dauer gesehen viel profitiert von diesem Elternhaus, denn beide Eltern waren musisch sehr interessiert. Die Mutter war sogar ausgebildete Sängerin und hat offensichtlich hervorragend Klavier gespielt, hat auch den Kindern ein Puppentheater eingerichtet und ist mit den Kindern ganz früh in Berlin in Konzerte, in Theateraufführungen, in die Oper gegangen.   SPRECHER Marie Luise und ihre Geschwister wachsen behütet, streng erzogen und großbürgerlich auf. Gespielt wird mit der Tochter des Kaisers. Bis 1917 bleiben die Holzing-Berstetts in Berlin. Dann ziehen sie nach Bollschweil bei Freiburg. Dorthin wird Marie Luise Kaschnitz ihr gesamtes Leben über zurückkehren, der Ort wird immer wieder in ihrer Arbeit auftauchen. 1922 beginnt sie eine Lehre als Buchhändlerin in Weimar. Ihr Interesse an Kultur ist groß. Es zieht sie aber eher zum Bauhaus als ins Goethehaus, lieber Szene als Hochkultur.  1924 geht Marie Luise für ihre erste Stelle nach München. Hier lernt sie Guido (Aussprache: Gu-ido) Kaschnitz von Weinberg kennen, einen Archäologen aus Wien. Kurz darauf treffen sie sich in Rom wieder - sie arbeitet in einem Antiquariat, er am Deutschen Archäologischen Institut. Sie heiraten bald und bleiben in Rom. Von da an trägt Marie Luise die einst hüftlangen dunklen Haare kurz, Guido gefällt es so besser. Auf Fotografien blickt sie freundlich und interessiert, aber meist ernst in die Kamera. Die Augen groß, die Brauen markant. Später trägt sie oft Perlen um den Hals. 1928 kommt Tochter Iris Costanza (italienische Schreibweise, ohne vorderes „n“) auf die Welt. Für ihr Kind schreibt sie eines ihrer bekanntesten Gedichte, Am Strande: ZITATORIN Heute sah ich wieder dich am Strand Schaum der Wellen dir zu Füßen trieb Mit dem Finger grubst du in den Sand  Zeichen ein, von denen keines blieb.  Ganz versunken warst du in dein Spiel Mit der ewigen Vergänglichkeit Welle kam und Stern und Kreis zerfiel Welle ging und du warst neu bereit.  Lachend hast du dich zu mir gewandt Ahntest nicht den Schmerz, den ich erfuhr  Denn die schönste Welle zog zum Strand  Und sie löschte deiner Füße Spur.  SPRECHER Schon als Jugendliche schreibt Kaschnitz kurze Texte, von nun an veröffentlicht sie Prosa und Gedichte, arbeitet an Romanen - aus der jungen Buchhändlerin wird eine Autorin. Rückblickend wird Marie Luise Kaschnitz diese Zeit in Rom als das Glück schlechthin bezeichnen. Das zeigt sich auch in ihrer Arbeit: Die Ewige Stadt und Italien sind immer wieder Gegenstand ihrer Texte. Einen weiteren Schwerpunkt legt sie auf menschliche Beziehungen und persönliche Konflikte - etwa schwierige Verhältnisse unter Geschwistern, Verrat oder Schuld. Die Natur und die Antike sind weitere Motive in ihren Erzählungen und Gedichten zu jener Zeit. Angeregt durch das Umfeld in Italien und den Beruf ihres Mannes interessiert sich Kaschnitz jetzt sehr für griechische und römische Mythologie. Sie geht mit Guido auf viele Studienreisen: nach Griechenland, Sizilien, Nordafrika. Doch die Rollen zwischen ihnen sind klar verteilt: O-TON (5) Kaschnitz/Interview Bienek, 1961 Ich musste dafür sorgen, dass mein Mann möglichst gut arbeiten konnte und dass er und unser Kind möglichst glücklich waren. Trotzdem habe ich auch damals immer gearbeitet und meine eigene Gedanken- und Ideenwelt gehabt. Ich glaube, dass mein Mann eher froh darüber war. Eine Frau, die am Diwan sitzt und auf den Mann wartet, hätte ihn verrückt gemacht. SPRECHER Die Priorität liegt auf Familie und Haushalt, geschrieben wird nebenbei:  O-TON (6) RAITZ Das hätte sie eher als ein Laster betrachtet und als völlig unwichtig, und sie hat auch viel, schreibt sie, heimlich geschrieben. Und wenn sie unterwegs war, ist sie ins Café und hat dort geschrieben, oder auf Zugreisen auf den Knien - also sie hat es sehr heruntergespielt. SPRECHER … so Brigitte Raitz.  Die Ehe mit Guido bezeichnet Marie Luise Kaschnitz als harmonisch, liebevoll, eng. So eng, dass sie später von großen Schuldgefühlen ihrem Kind gegenüber berichtet, Tochter Iris sei als Dritte im Bunde zu kurz gekommen.  Doch: Die große Leidenschaft Guidos für seinen Beruf, sein Ehrgeiz und Arbeitspensum führen zeitweise auch zu Missstimmung. Marie Luise kämpft mit Unsicherheiten. O-TON (7) RAITZ  An ihn kann sie nicht heranreichen, an ihn, an seine Intelligenz, an sein Wissen, an seine Fähigkeiten auf wissenschaftlichem Gebiet. SPRECHER Kaschnitz arbeitet an einem Roman: Liebe beginnt erscheint 1933. Im Fokus steht ein junges Paar, das eine Reise nach Süditalien unternimmt. Die Parallelen zu den Eheleuten Kaschnitz sind klar zu erkennen. Feste Rollenmuster, Unterlegenheitsgefühle, Neid und letztlich der Umgang damit innerhalb ihrer Beziehung - das sind die Themen des Buchs. In der Öffentlichkeit wird der Roman jedoch kaum beachtet. Anfang der Dreißiger Jahre geht die Familie nach Deutschland, lebt in Bollschweil, Königsberg, Marburg. Durch die Arbeit als Archäologe gibt Guido stets den jeweiligen Wohnort vor, Marie Luise und Tochter Iris ziehen mit. Ihr Mann ist es aber auch, der sie immer wieder zum Schreiben animiert, an ihr Talent glaubt, erklärt Kaschnitz-Expertin Raitz: O-TON (8) RAITZ Dass sie überhaupt geschrieben hat und so weit gekommen ist, das hatte er eigentlich in Gang gesetzt, er hat sie sehr bestärkt und hat sie immer unterstützt, dass sie, wenn sie enttäuscht war oder so, dass sie net die Flügel hängen lässt. SPRECHER Doch Motivation und Bestätigung kommen dann auch von außen: 1934 gewinnt Marie Luise Kaschnitz einen Lyrik-Wettbewerb der renommierten Zeitschrift Die Dame. Vom Preisgeld kauft sie sich ihr erstes eigenes Auto, einen Opel.  Anfang der Vierziger Jahre arbeitet Kaschnitz an einer Biographie des Malers Gustave Courbet und bezeichnet dieses Buch als einen Übergang zu einer neuen Epoche. Motive aus Natur und Antike verschwinden aus ihren Texten, sie beschäftigt sich jetzt stärker mit der Gegenwart. Die Gegenwart: das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg. Das gesellschaftliche Klima und die Bedrohung, die von den Nationalsozialisten ausgeht, nimmt Kaschnitz aufmerksam wahr. Im November 1938 notiert Kaschnitz in ihrem Tagebuch:  ZITATORIN  In Bollschweil. Tage der tiefsten Niedergeschlagenheit, Scham und Trauer. SPRECHER Die Kriegsjahre verbringt die Familie teils in Frankfurt am Main, teils im nahe gelegenen Kronberg. Neben Bollschweil und Rom wird Frankfurt der dritte Ort von zentraler Bedeutung in Kaschnitz’ Leben und Werk. Dort lebt die Familie ab 1941. Noch heute prangt am Hauseingang im Frankfurter Westend eine kleine Gedenktafel zu Ehren der prominenten Bewohnerin - bis zum Tod von Marie Luise Kaschnitz bleibt dies ihr Wohnsitz. Aber wie haben sie und Guido sich in jener Zeit positioniert? ZITATORIN  Ja, danach fragen jetzt alle, nach dem Engagement, aber ich kann diese Frage in einem Sie befriedigenden Sinn kaum beantworten. In der Nazizeit war ich zwar ‚dagegen‘ und habe ein paar Unannehmlichkeiten gehabt, aber ich war doch viel zu feig, um wirklich etwas zu tun. Mich als ‚engagiert‘ zu bezeichnen wäre nichts als Angeberei.  SPRECHER … äußert sich Marie Luise Kaschnitz 1971 in einer Befragung von Schüler*innen. Sie schreibt weiter, arbeitet an der Courbet-Biographie. Unauffällig, unverfänglich. Politische Aussagen macht sie keine. Dem Begriff der Inneren Emigration begegnet Marie Luise Kaschnitz jedoch kritisch, wie hier in dem 1973 erschienenen Text ihres Buches Orte:  ZITATORIN Und worin soll sie denn bestanden haben, unsere sogenannte innere Emigration? Darin, dass wir ausländische Sender abhörten, zusammensaßen und auf die Regierung schalten, ab und zu einem Juden auf der Straße die Hand gaben, auch dann, wenn es jemand sah? Nicht heimlich im Keller Flugblätter gedruckt, nicht nachts verteilt, nicht widerständlerischen Bünden angehört, von denen man wusste, dass es sie gab, es so genau aber nicht wissen wollte. Lieber überleben, lieber noch da sein, weiterarbeiten, wenn erst der Spuk vorüber war. Wir sind keine Politiker, wir sind keine Helden, wir taten etwas Anderes.  SPRECHER Guido geht seiner wissenschaftlichen Arbeit als Archäologe nach, soweit möglich, sie ihrem Beruf als Schriftstellerin: Marie Luise Kaschnitz fängt die Stimmungen nach dem Krieg in ihrer Lyrik ein, fasst ihr Entsetzen in Worte. Sie beschreibt Ruinen und Zerstörung, Wohnungsnot, Leid. Ihr Gedicht-Band Totentanz bringt ihr die Bezeichnung Trümmerdichterin ein. O-TON (9) RAITZ Berühmt wurde sie nach ’45 in der deutschen Literatur zunächst für diese großen Zyklen, die das unmittelbare Kriegsende und die unmittelbare Nachkriegszeit thematisieren: Rückkehr nach Frankfurt ist vielleicht das berühmteste. Oder dann Die große Wanderschaft, die großen Flüchtlingszüge, der Hunger, das Elend, auch das grausame Verhalten zum Teil. SPRECHER Nach dem Krieg arbeitet sie in der Redaktion der neuen Zeitschrift Die Wandlung mit, übernimmt das Literatur-Ressort und empfiehlt Dichter*innen wie Paul Celan oder Gabriele Wohmann. Kaschnitz ist Mitglied des PEN-Clubs, tauscht sich mit Autor*innen der Gruppe 47 aus, schreibt viel, Gedichte und Essays. Das Papier ist knapp, mit Guido streitet sie um jedes Blatt, berichtet sie einem Freund. Sie pflegt einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Theodor W. Adorno und seine Frau sind enge Freunde, sie wohnen in der Frankfurter Nachbarschaft. Und dann, 1952, geht es wieder nach Rom! Guido wird Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts. Insgesamt verbringt Marie Luise Kaschnitz über zehn Jahre ihres Lebens in Rom, als ihre Herzlandschaft bezeichnet sie die Stadt. Es sind wohl die Gegensätze, die Kaschnitz so faszinieren: hier die sichtbare Vergangenheit, dort die lärmende Metropole; Schwermut neben Vitalität, unfassbare Schönheit neben sozialer Armut. Briefe aus dieser Zeit zeigen, wie gut es ihr in Italien geht. Später blickt sie zurück: O-TON (10) Kaschnitz/Interview Bienek, 1961 Rom hat mich gewiss auch künstlerisch beeinflusst. Man lernt dort Geschichte und lernt, sich gegen die Geschichte zu wehren. Ich glaube, dass man vor allem sehen lernt. Man hat viele Impulse durch Augenfreuden, und weil das Leben sich zum großen Teil draußen, nicht in den Häusern abspielt, erfährt man auch viel von den Menschen, viel mehr als hier. ((SPRECHER In Rom ist Kaschnitz Teil eines deutschsprachigen Autoren- und Intellektuellen-Kreises und genießt das Leben in Italien. Sie lernt Ingeborg Bachmann kennen, mit der sie zeitlebens eng befreundet bleibt. Daneben trifft sie sich mit Kollegen wie Gustav René Hocke, Hermann Kesten, später auch mit Max Frisch und Luise Rinser. Als sensibel wird sie beschrieben, mit einem Gespür für besondere Situationen und Stimmungen. Eine Menschenfischerin sei sie, so Kaschnitz über sich selbst.)) O-TON (11) RAITZ Sie war eine ungeheuer gute Beobachterin und Zuhörerin und sie hat vieles aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz vor allem in die Erzählungen übernommen. Und sie beschreibt sehr genau, psychologisch korrekt, sehr psychologisch oft. Aber nie irgendwie verschwommen oder verrätselt, sie hat einen sehr direkten Stil, wenn man das sagen kann. Sie lässt oft die Handelnden erzählen, aber sehr oft, sicher Dreiviertel davon sind in der Ich-Form. SPRECHER So auch die Kurzgeschichte Das dicke Kind, mit der Marie Luise Kaschnitz viel Aufmerksamkeit erlangt. Die Erzählerin, voller Abscheu diesem trägen Kind gegenüber, folgt ihm dennoch neugierig nach draußen:  ZITATORIN Ich muß doch sehen, wie diese Raupe Schlittschuh läuft, dachte ich. Ich muß doch sehen, wie sich dieser Fettkloß auf dem Eise bewegt. Und ich beschleunigte meine Schritte, um das Kind nicht aus den Augen zu verlieren. SPRECHER Dann, der Schreck: Das Kind bricht im Eis ein. Doch es gelingt ihm, sich selbst zu retten. Alles beobachtet von der Ich-Erzählerin: ZITATORIN Und das war ein langer Kampf, ein schreckliches Ringen um Befreiung und Verwandlung, wie das Aufbrechen einer Schale oder eines Gespinstes, dem ich zusah, und jetzt hatte ich dem Kinde wohl helfen mögen, aber ich wusste, ich brauche ihm nicht mehr zu helfen - ich hatte es erkannt . . . SPRECHER Denn die Erzählerin ist selbst das Kind. Marie Luise Kaschnitz hält sich einen Spiegel vor und verarbeitet ihre eigenen Erfahrungen aus der Kindheit. Dabei bewegt sich der Text zwischen Realität und Fiktion. 1961 bekennt sie: O-TON (12) Kaschnitz/Interview Bienek, 1961 Ich halte die Geschichte Das dicke Kind für meine stärkste Erzählung, weil sie am kühnsten und am grausamsten ist. So grausam zu sein, konnte mir nur gelingen, weil das Objekt dieser Grausamkeit ich selber war. SPRECHER Hart und schonungslos gegenüber dem eigenen Ich, der eigenen Vergangenheit.  Anderen Menschen hingegen begegnet sie aufgeschlossen und wohlwollend. Sie pflegt ihr großes Netzwerk von unterschiedlichen Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wissenschaft. Immer wieder fördert sie junge Talente, etwa die Schriftstellerin Ingrid Bachér.  1952 wird ihr erstes Hörspiel gesendet, bis in die Siebziger Jahre folgen rund zwanzig weitere. Kaschnitz sagt, großes Vergnügen bereite ihr dabei die Arbeit am Dialog, der freie Umgang mit Ort und Zeit. Drei Jahre später, 1955, der Höhepunkt ihres Schaffens: Sie erhält den Georg-Büchner-Preis, viele weitere Auszeichnungen folgen. Spätestens jetzt hat Marie Luise Kaschnitz einen festen Platz in der literarischen Szene im Nachkriegsdeutschland. Dann ein großer Schicksalsschlag für sie: 1958 stirbt Guido. Zwei Jahre zuvor wurde bei ihm ein Hirntumor entdeckt, die Zeit bis zu seinem Tod ist zermürbend.  ZITATORIN: KASCHNITZ/Dein Schweigen, meine Stimme Du entfernst dich so schnell Dein Schweigen Meine Stimme Dein Ruhen Mein Gehen Dein Allesvorüber Mein Immernochda SPRECHER Das Ende dieser glücklichen Beziehung stürzt sie in eine Krise, die auch in ihrem Werk als Zäsur zu erkennen ist. Viele Gedichte aus dieser Zeit haben den Tod, Trauer, Vergänglichkeit und Verlust zum Thema. Halt findet sie in der Familie, bei ihren Freunden, im Austausch mit Kolleg*innen. Langsam tastet sie sich ins Leben zurück. Ihr Interesse am Zeitgeschehen und an jüngster Geschichte wächst. Früher habe sie sich oft Guidos Meinung angeschlossen, berichtet Germanistin Brigitte Raitz: O-TON (13) RAITZ Sie hat sich erst nach seinem Tod politisch geäußert. Und dazu sagt sie: Der Liebe - das war so ihr Name für ihn - der Liebe hätte jetzt sicher den Kopf geschüttelt oder die Stirn gerunzelt. SPRECHER Zwischen Aufarbeitung der Nazi-Zeit, Wirtschaftswunder und Mauerbau taucht nun häufiger Gesellschaftskritik in ihren Texten auf. Sie hofft auf Veränderung und Aufbruch, wird politisch: O-TON (14) RAITZ Nicht nach außen, also sie tritt nicht mit Reden auf oder politischen Äußerungen wie vielleicht Walser oder Grass oder so Leute. Sie besucht zum Beispiel 1964 als eine der ganz wenigen Schriftsteller und Schriftstellerinnen den Auschwitzprozess in Frankfurt und macht Notizen darüber. Und sie hat in Frankfurt (lacht) mit großer Sympathie den Häuserkampf der Studenten verfolgt. Ist wohl auch bei manchen Demonstrationen mitgelaufen und sie hat auch später immer vor ihrem Angst vor Atomschlag, vor der Umweltzerstörung gesprochen. SPRECHER Viele ihrer Texte sind zeitlos. Und doch sind die Romane und Essays, Kurzgeschichten und Gedichte jüngeren Leser*innen heute kaum noch bekannt.  Gefragt, in welcher literarischen Form sie sich selbst am deutlichsten verwirklichen könne, antwortet Marie Luise Kaschnitz: O-TON (15) Kaschnitz/Interview Bienek, 1961 Ich glaube, im Gedicht. Ich will aber noch mehr und anderes sagen, als sich im Gedicht ausdrücken lässt. Die Kritik hat mich die längste Zeit nur als Lyrikerin gesehen. Tatsächlich setze ich mich mit Vorliebe zwischen alle Stühle insofern, als man meine Gedichte episch, meine Prosa lyrisch und meine dramatischen Versuche sowohl episch wie lyrisch nennt.  SPRECHER Im Herbst 1974 soll Marie Luise Kaschnitz die Frankfurter Buchmesse mit einem Vortrag eröffnen. Der Titel: Rettung durch Phantasie, ein Plädoyer für die Lyrik. Dazu kommt es nicht mehr. Sie stirbt nach einem Badeunfall am 10. Oktober in Rom ((- in ihren Notizheften noch viele unverarbeitete Ideen)).
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Feb 6, 2024 • 22min

Sind Erdbebenkatastrophen vermeidbar? - Der Tag davor...

Viele Erdbebenkatastrophen würden weniger dramatisch ausfallen, wenn der Baubestand besser wäre. Wissenschaftler und Experten arbeiten an neuen Strategien für die gefährdeten Megacities der Welt. Autorin: Dagmar Röhrlich (BR 2016) Credits Autorin dieser Folge: Dagmar Röhrlich Regie: Dagmar Röhrlich Es sprachen: Dagmar Röhrlich, Lars Schmidtke Technik: Lewlin Rektenwald Redaktion: Sabine Straßer, Bernhard Kastner Im Interview:Tom Heaton (California Institute of Technology in Pasadena, CA);Martin Voss (Freie Universität Berlin);Jonathan Stewart (Universität von Kalifornien, Los Angeles, CA);Lothar Stempniewski (Karlsruher Institut für Technologie KIT);Hans Joachim Blass (Karlsruher Institut für Technologie, KIT);Carmen Sandhaas (Karlsruher Institut für Technologie KIT);Leonardo Seeber (Lamont-Doherty Earth Observatory in Palisades, NY);Werner Trieselmann (Center for Disaster Management and Risk - Reduction Technology in Potsdam) Linktipp: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

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