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Aug 22, 2024 • 23min
Überfischung - Wenn das Meer leer wird
Es sind hochtechnisierte Fangflotten, die monatelang über die Weltmeere fahren und tonnenweise Speisefische an die Oberfläche ziehen, sie verarbeiten und einfrieren. Was es bedeutet, wenn Speisefische in gigantischen Mengen einfach aus ihrem Ökosystem entnommen werden, wird der Forschung erst langsam klar. Von Yvonne Maier (BR 2022)CreditsAutorin dieser Folge: Yvonne MaierRegie: Kirsten BöttcherTechnik: Wolfgang LöschEs sprachen: Rahel Comtesse, Hemma Michel und Benedikt Schregle.Redaktion: Matthias EggertDas Manuskript zur Folge finden Sie HIER.
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Aug 22, 2024 • 22min
Performance Art - Geschichte, Themen, Perspektiven
Seit den 1960er Jahren machen Künstler der Performance Art ihren Körper zum zentralen Mittel. Das Zusammentreffen der Performer mit den Zuschauern wird zu einem Ereignis das nichts mehr darstellt, sondern Wirklichkeit schafft. Voller Risiko und mit dem Appell, zu handeln. Von Stephanie Metzger (BR 2021)Credits Autorin dieser Folge: Stephanie Metzger Regie: Irene Schuck Es sprachen: Beate Himmelstoß, Andreas Neumann, Jerzy May Technik: Regina Staerke Redaktion: Andrea Bräu
Im Interview: Rosemarie BrucherSophie Becker Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
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Literaturtipps:Broszat, Tilmann/Hattinger, Gottfried: Theater etcetera. Zum Theaterfestival ´97 in München. München (Spielmotor München e.V.), 1997Broszat, Tilmann/Hattinger, Gottfried: Theater etcetera. Zum Theaterfestival Spielart München 2001. München (Spielmotor München e.V.), 2001Fischer-Lichte, Erika/Kreuder, Friedemann/Pflug, Isabel (Hrsg.): Theater seit den 60er Jahren. Grenzgänge der Neo-Avantgarde. Tübingen/Basel (A. Francke Verlag), 1998.Fischer-Lichte, Erika/Kolesch, Doris/Warstat, Matthias: Metzler Lexikon Theatertheorie. Stuttgart/Weimar (Verlag J.B. Metzler), 2005.Goldberg, RoseLee: Die Kunst der Performance – vom Futurismus bis heute. Berlin/München (Deutscher Kunstverlag), 2014.
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Aug 21, 2024 • 24min
David Bowie - das Chamäleon des Pop
David Bowie war eine überragende Gestalt der modernen Popmusik. Er inszenierte sich als artifizielle Kunstfigur. In seinem Musiktheater war er mal Major Tom, mal Ziggy Stardust oder der "Thin White Duke". Autor: Markus Mayer (BR 2019)
Credits Autor dieser Folge: Markus Mähner Regie: Markus Mayer Es sprachen: Katja Amberger, Stefan Merki, Frank Manhold, Jennifer Güzel Technik: Helge Schwarz Redaktion: Nicole Ruchlak
Im Interview: Andrian Kreye, Journalist, Feuilleton-Chef Sueddeutsche Zeitung
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Aug 16, 2024 • 24min
Kinder des 20. Juli - Wie es für die Nachkommen weiterging
Der Staatsstreichversuch vom 20.Juli 1944 gilt heute als Versuch, durch den Tod Hitlers den Zweiten Weltkrieg zu beenden und damit Millionen Zivilisten und Soldaten das Leben zu retten. Doch an dieser Anerkennung hat es lange gefehlt. Die Tat der Verschwörer um Stauffenberg, Tresckow, Beck und andere wurde über Jahrzehnte als Verrat denunziert. Entsprechend schwer hatten es auch Angehörige und Nachkommen, in der deutschen Öffentlichkeit Ansprüche auf Entschädigung geltend zu machen. Von Rainer VolkCredits Autor dieser Folge: Rainer Volk Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Thomas Birnstiel, Jerzy May, Susanne Schroeder Technik: Simon Lobenhofer Redaktion: Thomas Morawetz
Eine besondere Empfehlung der Redaktion:ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN
Omas Tasche und das Hitler-AttentatWar Oma am Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 beteiligt? Der Autor Thies Marsen ist zunächst sehr skeptisch, als ihm seine Großmutter eröffnet: Sie habe die Aktentasche besorgt, in der Graf von Stauffenbergs Bombe platziert war. Dann taucht er in die Familiengeschichte ein. Was er herausfindet, lässt ihn bis heute nicht los. Von Thies Marsen JETZT ENTDECKEN
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
O-Ton 1: (Hitler im Radio, 20.7.1944, Länge: 0’50)
„Deutsche Volksgenossen und -genossinnen. Eine ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissensloser und zugleich unvernünftiger, verbrecherisch-dummer Offiziere hat ein Komplott geschmiedet, um mich zu beseitigen…
(blenden ab „…mich zu beseitigen“ – unter Erzähler verlieren)
Musik: Dark operation red 0‘43
Erzähler:
Die Nachwirkungen des 20.Juli 1944 beginnen schon in der Nacht jenes Tages - als Hitler im Radio spricht. Seine Diffamierung der Akteure des Umsturzversuchs wirkt noch über Jahrzehnte. Die brutale Rache der Nazis vor Kriegsende 1945 mit hunderten Hinrichtungen, Sippenhaft und Verschleppungen von Angehörigen ist dabei nur ein Aspekt. Das wahre Gift der Sätze Hitlers zeigt sich erst nach der Befreiung vom Nationalsozialismus. Axel Smend ist Jahrgang 1944. Sein Vater, der Oberstleutnant Günther Smend, versuchte seinen Vorgesetzten, den Generalstabschef des Heeres, zu bereden, dem Widerstand beizutreten, Sein Sohn Axel erinnert sich:
O-Ton 2: (Smend-Verräter) –
„Meine Mutter war beim Elternsprechtag. Und sie sprachen auch in irgendeiner Weise über meinen Vater. Ich war immer ein schlechter Schüler. Und dann hat der Lehrer in diesem Zusammenhang meiner Mutter gesagt. Na ja, dann ist es ja kein Wunder, dass Ihr Sohn Axel schlecht in der Schule ist - als Sohn eines Verräters.“ Länge: 0‘23
Erzähler:
Smends Erlebnis ist keineswegs ein Einzelfall. Begriffe wie „Vorbilder“ oder „Helden“ für die Männer und Frauen des 20.Juli 1944 blieben lange die Ausnahme. So fand das Allensbacher Institut für Demoskopie 1951 heraus: 30 Prozent der Deutschen verurteilten den versuchten Staatsstreich weiterhin. Noch einmal so viele wussten nichts von den Geschehnissen oder hatten keine Meinung dazu. Irritiert schrieben die Meinungsforscher:
Musik: Dark figures (red.) 0‘16
Zitator:
„Beinahe die Hälfte aller Leute, die über den 20.Juli mitreden können, sagten über die Verschwörer nur Nachteiliges… Weiter wird ihnen Feigheit vorgeworfen, gelegentlich auch Egoismus.“
Erzähler:
Besonders hartnäckig hielten sich die Verleumdungen im militärischen Milieu - in der Bundeswehr. Das Verteidigungsministerium benannte zwar 1961 die erste Kaserne nach einem der Verschwörer – in Sigmaringen, nach Stauffenberg. Doch Jobst Schulze-Büttger, dessen Vater Georg ein Vertrauter von Henning von Tresckow war - neben Stauffenberg der wichtigste Kopf des berühmten „Unternehmen Walküre“ – berichtet von einem Erlebnis als Offizier Anfang der 1980er Jahre:
O-Ton 3: (Schu-Bü. – Verräter) –
„Wir saßen im Kasino zusammen und hatten das Thema Widerstand. Und man landete im Laufe dieses Gesprächs bei dem Thema natürlich auch „20.Juli“. Und da sagte ein Kompaniechef aus meinem Bataillon: „Das waren alles Verräter.“ Länge: 0‘17
Musik: Coming closer red 0‘36
Erzähler:
Kein Wunder, dass Ehefrauen, Mütter, Söhne und Töchter der Offiziere des 20.Juli 1944 sich abkapselten. Die Familien hatten nach dem gescheiterten Staatsstreich Schreckliches erlebt: Etwa 50 Kinder kamen im Herbst 1944 unter falschen Namen in ein Heim bei Bad Sachsa – manche bis zum Kriegsende. Die Gestapo steckte Dutzende Frauen in Sippenhaft, um herauszufinden, was diese über die Umsturzpläne wussten. Die Folge: In vielen Familien wurde wenig erzählt von den Vätern. Jobst Schulte-Büttger:
O-Ton 4: (Schu-Bü – Beschweigen) –
„Ich habe meine Mutter und meinen Bruder nie gefragt. Irgendwie habe ich gespürt, dass da was war. Und ich ihnen im Grunde genommen nicht zumuten wollte, mir auf eine Frage, von der ich das Gefühl hatte, dass es für sie ein Problem ist, zu antworten.
Musik: Strictly confidential 0‘41
Erzähler:
In Gesprächen mit den Kindern der Umstürzler vom 20.Juli 1944 finden sich aber auch Aussagen, die ein anderes Extrem andeuten: Die Verklärung des Vaters. Kurt von Plettenberg war 1944 Generalbevollmächtigter der Hohenzollern-Familie und des Fürstenhauses Schaumburg-Lippe. Er wusste von den Putsch-Plänen und stürzte sich, nachdem er dem Verhör-Beamten der Gestapo einen Boxhieb verpasst hatte, aus dem Fenster des Berliner Gestapo-Gebäudes in den Tod. Seine Tochter Dorothea, Jahrgang 1944 erinnert sich:
O-Ton 5: (Plettenberg – Vater Heiliger) –
„Mein Vater war so der Heilige und wurde ständig überall so gelobt. Das war eine Sache, an die ich gewöhnt war.“ Länge: 0‘14
Erzähler:
Derlei Schilderungen lassen sich nur schwer generalisieren. Felicitas von Aretin, Historikerin und ebenfalls Nachfahrin von Widerstandskämpfern, hat für ihr Buch „Die Enkel des 20.Juli“ Befragungen durchgeführt. Für sie sind die Witwen Dreh- und Angelpunkt in der Familienüberlieferung:
O-Ton 6: (Aretin – Witwen-Rolle) –
Wenn Witwen eben sehr viel über ihre Erlebnisse oder Gefühle sprechen konnten mit ihren Kindern, dann hat sich das meistens auch sehr positiv ausgewirkt, weil eine Verarbeitung stattgefunden hat. Weil hingegen, wenn die Witwen sozusagen gar nichts erzählt haben, dann war das für die Kindergeneration natürlich schon viel schwieriger. Und damit, versetzt, auch für die Enkel-Generation.“ Länge: 0‘25
Musik: Obscure intrigue red. 0‘47
Erzähler:
Teilweise erklärt sich die komplizierte Lage durch die Weltpolitik der Nachkriegszeit. 1947 begann der Kalte Krieg zwischen Amerikanern und Sowjets. Das trieb die deutsche Teilung in West und Ost voran und erschwerte den Alltag der Witwen, Eltern und Kinder weiter. Viele flohen aus der sowjetisch besetzten Zone in den Westen, verloren so ihren Besitz im Osten. Zur Diffamierung kam ein sozialer Abstieg hinzu. Axel Smends Mutter hatten die Nazis noch vor Kriegsende das Wohnrecht in ihrer Offizierswohnung in Lüneburg entzogen. Das provisorische Hausen in zwei oder drei Zimmern sei weniger schlimm gewesen als die finanziellen Schwierigkeiten seiner Mutter, meint Axel Smend im Rückblick.
O-Ton 8: (Smend – Verhältnisse) –
„Es ging eigentlich mehr um Wie kann man sich finanzieren? Sie hat, glaube ich, sehr viele Tauschgeschäfte gemacht. Also: Sachen verkauft, um dafür Geld zu haben – und um dafür dann Lebensmittel zu kaufen.“ Länge: 0‘26
Erzähler:
Unterstützung erhielten Witwen, Mütter, Kinder und Verwandte durch das „Hilfswerk 20.Juli 1944 e.V.“ - das bis heute kaum bekannt ist. Der Freundeskreis gründete sich im Herbst 1945 - vor allem auf Initiative des Juristen Fabian von Schlabrendorff und des Ehepaars Carl-Hans und Renate von Hardenberg. Schlabrendorff und Hardenberg hatten als Offiziere im Umkreis von Henning von Tresckow Attentats-Pläne mit entworfen und nach deren Scheitern diverse Konzentrationslager nur knapp überlebt. Anhand einer Liste der Angehörigen, die Schlabrendorff erstellte, kümmerte sich das Hilfswerk unbürokratisch um die Überlebenden des militärischen Widerstands.
Musik: Ich bin zurückgeblieben 0‘29
Erzähler:
In der Trümmergesellschaft der Halbwaisen, jung Verwitweten und Ausgebombten – hier in einem satirischen Chanson beschrieben – war Unterstützung für die Hinterbliebenen des 20.Juli 1944 besonders dringlich. Die Evangelische Kirche in Deutschland gab mit ihrer Hilfswerks-Organisation, die der Widerständler und spätere Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier leitete, was möglich war. Fundamental aber waren bis Anfang der 1950er Jahre ausländische Gönner – vor allem karikative Organisationen in den USA und Großbritannien. Was er an Spenden erhielt, ist Axel Smend und anderen im Gedächtnis geblieben:
O-Ton 10: (Smend – Pakete) –
„Ich erinnere mich sehr gut, als wir Pakete bekamen. Und zwar von privaten Organisationen, weil mein Bruder sich darauf stürzte: Corned Beef, Rosinen, Milchpulver und ein paar Schuhe. Aus Amerika kam sogar das Angebot, mich zu adoptieren.“
Musik: New beginning 0‘32
Erzähler:
Zu den wenigen Sternstunden der Nachkommen des 20.Juli zählten Aufenthalte in die Schweiz, die ein Arzt aus Bern anbot und mit dem Britischen Roten Kreuz organisierte. Bereits im Januar 1947 konnten so 20 Kinder von ermordeten Widerständlern zum Aufpäppeln ins Berner Oberland fahren – weitere Transporte folgten.
Erzähler:
Geprägt wurde die Arbeit des Hilfswerks durch ein hohes Maß an Improvisation und Empathie mit den Betroffenen. Durch hektografierte „Rundbriefe“, die sie per Post verschickte, gelang es Geschäftsführerin Renate von Hardenberg, innere Solidarität aufzubauen und unkonventionell zu helfen. Manche Unterstützung klingt für heutige Ohren hemdsärmelig:
Musik: prayer wheel (red.) 0‘34
Zitatorin/Zitator (gemischt, im ‚Verkündungston‘):
„Ein bekannter Chemiker macht den Vorschlag, eventuell einen jungen Mann aus dem Kreise der Hilfsbedürftigen auf Kosten seiner Firma eine Ausbildung als Chemiker zukommen zu lassen. // Kindern, die keine Gelegenheit haben, von zu Hause aus eine höhere Schule besuchen zu können, kann evtl. durch die Geschäftsstelle zu Vergünstigungen bei bestimmten Internaten geholfen werden.“
Erzähler:
Unter den Schülern, die ein solches Angebot erhielten, war auch Jobst Schulze-Büttger, der mit seiner Mutter und einem älteren Bruder in Hildesheim aufwuchs. Seine Mutter habe zunächst gezögert, erzählt Schulze-Büttger. Doch die Gräfin Hardenberg habe sie überredet und ihm ein Stipendium in einer Schule bei Bad Hersfeld besorgt:
O-Ton 11: (Schu-Bü Internat) –
„Die Hermann-Lietz-Schulen sind solche Landschulheime, von Hermann Lietz gegründet –Und ich wollte endlich mal unter Männer und nicht alleine aufwachsen.“
Erzähler:
Akten aus der frühen Bundesrepublik zeigen, wie nötig derlei Hilfe war. Denn die Bürokratie ging äußerst unsensibel mit den Hinterbliebenen des 20.Juli um. Viele Frauen mussten lange um ihre Witwen-Pensionen kämpfen. So teilte die Oberfinanzdirektion München der Witwe des Widerstandskämpfers Rudolf von Marogna-Redwitz im Juli 1951 mit, man habe den Versorgungs-Bescheid aufgehoben. Zur Begründung führte der Beamte ein Gesetz aus der Nazi-Zeit an, dass zum Tod verurteilte Hoch- und Landesverräter keine Pensionszahlungen erhalten könnten. Zitat:
Musik: Political efforts red. 0‘25
Zitator:
„Aus zwingenden Gründen muss deshalb die Zahlung des Unterhaltsbetrages ab sofort eingestellt werden. Es wird ihnen anheim gestellt, unverzüglich beim Staatsministerium der Justiz Antrag auf Aufhebung des Urteils und dessen Folgen zu stellen. Nach Vollzug würde die Zahlung wieder aufgenommen.“
Erzähler:
Weder in den Ländern noch in der ersten Bundesregierung fanden sich anfangs Mehrheiten, Renten- und Pensions-Ansprüche der Hinterbliebenen des 20.Juli 1944 ähnlich großzügig zu regeln wie bei ehemaligen Polizisten und Soldaten der Wehrmacht. Im Oktober 1951 – über sechs Jahre nach Kriegsende! – erreichte das Hilfswerk schließlich eine „Spendenregelung“. Die Bundesregierung zahlte von nun an pauschal eine Summe, die das Hilfswerk unter seinen Bedürftigen verteilen konnte. Als „Almosen“ bezeichneten viele im Hilfswerk das Ergebnis in Mark und Pfennig. Renate von Hardenberg schrieb zu ihrer Verteidigung in einem Brief:
Zitatorin:
„Als ich merkte, dass die Sache nicht gesetzlich geregelt werden sollte, habe ich mich mit aller Energie eingeschaltet und habe das kümmerliche Resultat erreicht, was sie kennen. Alle Proteste müssen durch die Parteien an den Bundesrat gerichtet werden und an die verantwortlichen Herren der Regierung. Ich bitte, mich nicht dafür verantwortlich zu machen, aber auch keine unnötigen Lorbeeren an mich zu verschwenden.“
Musik: Undercover investigations red. 0‘29
Erzähler:
Das zuständige Bundesinnenministerium überwies - wie die Akten zeigen – nie mehr als 400-tausend D-Mark pro Jahr an das Hilfswerk. Alleinstehende Frauen erhielten pro Monat 200 Mark, Mütter von Kindern ohne Einkommen 300 Mark, Studenten 150 Mark – und so weiter - was die Lebensverhältnisse mehr schlecht als recht absicherte. Dass die Spenden-Symbolik dürftig war, wusste die Bonner Politik nur zu gut. Auch deshalb ergriff sie in der Folge öffentlich stärker Partei für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. 1954 hielt erstmals ein Bundespräsident die Gedenkrede zum Jahrestag. Frisch für eine zweite Amtszeit gewählt, versuchte Theodor Heuss in der Berliner Freien Universität – mit Kanzler Adenauer im Publikum – eine Ehrenrettung der Männer des 20.Juli 1944:
O-Ton 12: (Heuss – 1954) –
„Die Scham, in die Hitler uns Deutsche gezwungen hatte, wurde durch ihr Blut vom besudelten deutschen Namen wieder weggewischt. Das Vermächtnis ist noch in Wirksamkeit, die Verpflichtung noch nicht eingelöst.“
Erzähler:
Heuss‘ Rede begründete eine Tradition. An den „runden“ Jahrestagen des gescheiterten Putschversuchs von 1944 sprechen seither regelmäßig führende Repräsentanten unserer Demokratie – entweder im Hinrichtungsschuppen des ehemaligen Gefängnisses Plötzensee, oder im so genannten Bendlerblock, wo sich im Allgemeinen Heeresamt der Wehrmacht die historischen Ereignisse zutrugen. Aus der Sicht der Überlebenden und Nachkommen des 20.Juli 1944 eine wichtige Geste, dass die Bonner Demokratie den Putschversuch zunehmend als Teil des politischen Fundaments der Bundesrepublik verstand. Dass der Widerstand gegen den Nationalsozialismus jedoch weiter ein ‚heißes Eisen‘ war, wurde spätestens 1969 klar, als Gustav Heinemann kurz nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten, bei der Feierstunde proklamierte:
O-Ton 13: (Heinemann – 1969) –
„In dieses Gedenken schließen wir alle Widerstandskämpfer ein, die in den Jahren der Diktatur von 1933 bis 1945 in Deutschland und außerhalb Deutschlands, aus welcher Nation und an welchen Orten auch immer das Opfer des Lebens für Recht und Menschenwürde brachten. Wir schließen ebenfalls und ausdrücklich auch alle jene Menschen ein, die im Namen unseres Volkes verfolgt und unter den Taten unseres verführten Volkes gelitten haben.“ Länge: 0‘36
Musik: Secret proofs 0‘42
Erzähler:
Heinemanns versuchter Brückenschlag zu Widerstandsgruppen mit sozialdemokratischem, gewerkschaftlichem oder kommunistischem Hintergrund ging vielen Angehörigen des Hilfswerks jedoch zu weit. Mit den Kindern und Enkeln der Ermordeten führten diejenigen, die den Putschversuch und seine Folgen selbst miterlebt hatten, ab Anfang der 1970er Jahre heftige Debatten zu diesem Thema. Abstand hielt man auch zur DDR, deren stalinistische Ideologen dem 20.Juli 1944 lange nichts abgewinnen konnten – erst 1967 erschien hier eine erste Stauffenberg-Biografie.
Doch für die meisten Nachkommen hat das Datum mit seinen Zeremonien einen ganz anderen Aspekt: Es ist Gelegenheit, den Vätern nahe zu sein. - Axel Smend nahm als 10jähriger erstmals an einer der Veranstaltungen teil. Manche Details der Feier in Plötzensee hat er bis heute vor Augen, vor allem die Predigt von Harald Poelchau, dem ehemaligen Gefängnispfarrer, der viele der Verurteilten in deren letzten Stunden seelsorgerisch betreute:
O-Ton 14: (Smend – Feier 54) –
„Ich hab‘ wahrscheinlich von der Predigt wenig verstanden. Aber ich hab‘ dann doch Poelchau aufgesucht. Und ich habe ihn wahrgenommen als einen ganz bescheidenen, leiste sprechenden Mann. Das Gespräch, das ich mit ihm geführt habe – das hat er mit einem sehr positiven Ausgang abklingen lassen. Das hat mir ungemein gefallen. Länge: 0‘30
Erzähler:
Fester Bestandteil der Gedenkfeiern ist an den „runden“ Jahrestagen auch ein Empfang des Bundespräsidenten in Schloss Bellevue – ein Termin, den nur wenige Angehörige des 20.Juli versäumen. Die Einladung im Jahr 1964 war auch für Jobst Schulze-Büttger, damals junger Offiziersanwärter der Bundeswehr, die erste Gelegenheit, sich für eine Gedenkveranstaltung anzumelden:
O-Ton 15: (Schu-Bü – Bellevue) –
„Und während ich da in der Reihe stand, dreht sich vor mir eine Dame um und sagt: „Ach, Schulze-Büttger - das war die Mutter Meixner. Mein Vater war bei ihm Kompaniechef, bei Meixner in Hameln. Und von da an bin ich dann zu allen 20-ter-Juli-Veranstaltungen gefahren.“
Musik: Absorbed in thought Red. Version 0‘27
Erzähler:
Auch hier: Kein Zufall, sondern ein Muster. Wer einmal in diesem Kreis aufgenommen worden ist, bleibt ihm oft ein Leben lang treu. Dorothea von Plettenberg meint selbstkritisch, ihr Vater habe eigentlich gar nicht zum inneren Kreis der Verschwörer gehört, denn unter deren Anführern waren nicht wenige, die im Herzen der Monarchie nachtrauerten. Trotzdem sagt sie:
O-Ton 16: (Plettenberg – Zusammenhalt und Plötzensee) –
„Wir mögen uns alle, aber die, deren Väter in Plötzensee gehenkt wurden – die sind natürlich für immer verschmolzen als Menschen. Ich kann Plötzensee gar nicht aushalten. Ich war einmal da – ich kann es nicht aushalten – ich – kann – es – nicht.“ Länge: 0‘21
O-Ton 17: (Atmo Bonn) –
Gemurmel/Pause – Königswinterer Tagung Länge: 0‘31
(auf Regiezeichen nach ca. 10 Sekunden langsam blenden, unter Erzähler wegziehen)
Erzähler:
Eine Ahnung von diesem Gemeinschaftsgeist, der an Familientreffen erinnert, spüren Außenstehende alljährlich im Spätwinter. Dann lädt die „Forschungsgemeinschaft 20.Juli 1944“, die Söhne und Töchter in den 1970er Jahren gründeten, zu einer Tagung nach Bonn ein. In den Kaffee-Pausen herrscht ein lautes Hallo wie unter alten Freunden. Längst gehören auch Enkel und Urenkel dazu – eine späte Auswirkung der Ausgrenzung vergangener Jahrzehnte, meint Felicitas von Aretin:
O-Ton 18: (Aretin – Zusammengehörigkeitsgefühl) –
Die Generation der Söhne und Töchter, die hatte ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl und das hat sich in Teilen auf die Enkelgeneration übertragen. Aber ich denke, das ist auch wiederum sehr individuell. Länge: 0‘19
Erzähler:
Die Akten des „Hilfswerks“ zeigen: Der Zusammenhalt der jüngeren Generation wurde von Präsidium und Geschäftsführung aktiv gefördert. Sie organisierten bewusst für die Söhne und Töchter Jugendbegegnungen im In- und Ausland. Sogar nach Israel schaffte es eine Gruppe in den 1960er Jahren. Axel Smend betont als Teilnehmer an einigen dieser Begegnungen:
O-Ton 19: (Smend – Jugendtreffen) –
„Und da war das ein besonderes Erlebnis, zum ersten Mal in Paris zu sein, und auch in Brüssel. Und da lernte ich auch die Älteren unseres Kreises kennen. Und sehe heute noch einige, wie die frisch und frei Französisch und Englisch sprachen – und ich mir damals vorgenommen haben: Toll! Das müsste ich eigentlich auch mal erreichen“ Länge: 0‘27
Musik: Network access 0‘24
Erzähler:
Derlei Erlebnisse haben dafür gesorgt, dass das Hilfswerk als Stiftung unter dem Dach der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin bis heute existiert. Als heilsam erwies sich für die Nachfahren des 20.Juli, dass es 1990 die deutsche Einheit gab. Die Nachfahren der Hardenbergs erhielten so ihr Gut Neuhardenberg östlich von Berlin zurück – es wird heute als Tagungsstätte und Hotel genutzt. Dorothea von Plettenberg konnte damals das Grab ihres Vaters Kurt von Plettenberg in Potsdam würdig gestalten:
O-Ton 20: (Plettenberg – Grab) –
„Und dann durften wir da einen Stein aufbauen. Und zwar direkt an einem Ausgang, der nach Sanssouci führt. Was ich ganz nett finde, weil die Verbindung zu den Hohenzollern ja sehr stark war.
Erzähler:
Dorothea von Plettenberg, Axel Smend und andere aus der Kinder- und Enkelgeneration des 20.Juli 1944 berichten heute in Zeitzeugen-Gesprächen in Schulen und Bildungs-Einrichtungen über ihre Väter und ihr Leben. Ob sie so die Jahrzehnte des Schweigens und der Tabuisierung der Vergangenheit wettmachen wollen? Axel Smend nennt seine Begegnungen „bereichernd“, denn die Jugendlichen seien sehr neugierig. Seine Hoffnung ist, dass das Thema Widerstand gegen den Nationalsozialismus so auf der politischen Tagesordnung bleibt. Zweifel hat er, ob es künftig reicht, dass die wichtigsten Repräsentanten der Politik an runden Jahrestagen Reden halten – und denkt laut nach über mögliche modernere Formen des öffentlichen Gedenkens:
Musik: Precision on demand (red) 0‘43
O-Ton 21: (Smend – Reformen) –
„Es hatte mal jemand vorgeschlagen, am 20.Juli einen Lesetag zu machen. Das heißt, dass in allen Schulen Deutschlands Briefe vorgelesen werden von Personen, die zum Tode verurteilt worden sind wegen ihrer Beteiligung am 20.Juli. Ich habe so etwas mal in Frankreich erlebt - das hat mir sehr gefallen. Und ich kann mir gut vorstellen, wenn so etwas durchsetzbar wäre, dass das ein gutes Instrument werde, um die Sache weiterzutragen.“

Aug 15, 2024 • 20min
Die Religion der Massai - Die Auserwählten von Gott Engai
Die Volksgruppe der Massai lebt in Ostafrika. Die Nomaden betrachten sich als Schützlinge der Himmelsgottheit Engai, die auf einem Vulkan in Tansania ihre irdische Wohnstatt hat. Engai, so die Überzeugung, soll den Massai die Obhut über alle Rinder dieser Welt übertragen haben. Von Margarete Blümel (BR 2022)
Credits:Autorin dieser Folge: Margarete Blümel Regie: Martin Trauner Es sprachen: Irina Wanka, Stefan Merki, Katja SchildTechnik: Wolfgang Lösch Redaktion: Bernhard KastnerDas Manuskript zur Folge gibt es HIER.RadioWissen hat noch weitere spannende Folgen zum Thema:Der Zoroastrismus - Die Religion zwischen Glauben und PhilosophieJETZT ANHÖRENDie Entwicklung des Glaubens - Wie Religion entstandJETZT ANHÖRENDie Baha'i - Religion ohne GlaubensgrenzenJETZT ANHÖRENLiteraturtipps:Wilkens, Katharina: Holy Water and Evil Spirits. Religious Healing in East Africa, Dissertation, Universität Bayreuth, Kulturwissenschaftliche Fakultät, Bayreuth 2007 Fischer, Moritz: Maasai gestalten Christsein, Erlanger Verlag für Mission und Ökumene, Erlangen 2001.Spencer, Paul: Providence and the Cosmology of Misfortune and Loonkidongi Diviners and Prophets, Routledge, London 2003.
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Aug 14, 2024 • 23min
Checkpoint Charlie - Nadelöhr im kalten Krieg
Unmittelbar nach dem Mauerbau im August 1961 errichteten die Westalliierten in der Friedrichstraße eine Grenzübergangsstelle. Der Checkpoint Charlie sollte fast drei Jahrzehnte lang den Ostteil Berlins mit dem Westen verbinden und den Transfer der Alliierten ermöglichen. Er wurde aber auch früh zum Schauplatz einer globalen Systemkonfrontation zwischen Ost und West. Von Thomas Grasberger (BR 2023)
CreditsAutor dieser Folge: Thomas Grasberger Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Christian Jungwirth, Verena Fiebinger, Peter Weiß Technik: Ruth-Maria Ostermann Redaktion: Matthias Eggert
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Aug 14, 2024 • 24min
Das Hitler-Attentat - Der Umsturzversuch vom 20. Juli 1944
Das Deutsche Reich wieder eine Großmacht? Den Versailler Vertrag einfach vom Tisch fegen? Solche Visionen teilten führende Militärs mit dem frisch zur Macht gekommenen NS-Regime. Doch Hitlers riskante Expansionsziele stießen auch auf Zweifel in Teilen der Militär-Elite. Als sich später die Niederlage abzeichnete, versuchte die militärische Opposition das NS-Regime zu stürzen. Eine demokratische Zukunft, die am Weimarer Zeiten angeknüpft hätte, war aber nicht geplant. Von Renate Eichmeier
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Thomas Karlauf: Stauffenberg. Porträt eines Attentäters – detaillierte Biographie und Darstellung von Stauffenbergs Denken und Persönlichkeit (relativ neu von 2019)
Manfred Messerschmidt: Die Wehrmacht im NS-Staat. Zeit der Indoktrination (dickes Standardwerk von 1969 mit vielen Infos, gut um bestimmte Themen nachzulesen oder nachzuschlagen)
Linktipp: Institut für Zeitgeschichte HIER
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O1 HÜTER:
Eigentlich hat sich die Militärelite in sehr weitgehender Form auf den Nationalsozialismus, auf Hitler, auf die Kriegspolitik, auf die Kriegszielpolitik auch eingelassen und später dann sich auch an dem Vernichtungskrieg beteiligt.
ERZÄHLERIN:
Sagt Professor Dr. Johannes Hürter vom Institut für Zeitgeschichte in München. Als dann mit der verlorenen Schlacht um Stalingrad eine deutsche Kriegsniederlage drohte, beschlossen Angehörige der Wehrmachtsführung, das NS-Regime zu stürzen. Am 20. Juli 1944 detonierte um 12 Uhr 42 eine Sprengladung im Führerhauptquartier Wolfschanze im damaligen Ostpreußen. Die Baracke, in der Adolf Hitler gerade eine Lagebesprechung abhielt, wurde zerstört, einige der Anwesenden wurden getötet. Es sollte der Beginn eines Staatsstreiches sein. Am gleichen Tag meldete der Rundfunk.
MUSIK 2 (Fabian itter: Dark Pulse 0‘20)
ZUSPIELUNG O-Ton Radio
(aus: Autor: Uwe Pagels / Archivnummer: W0550945 101 / 00:46 bis 1:00 / geklärt, rechtefrei)
Auf den Führer wurde heute ein Sprengstoffanschlag verübt. Der Führer selbst hat außer leichten Verbrennungen und Prellungen keine Verletzungen erlitten. Er hat unverzüglich seine Arbeit wieder aufgenommen.
MUSIKENDE
ERZÄHLERIN:
30. Januar 1933. Mit einem nächtlichen Fackelzug durch Berlin feierten die paramilitärischen Schlägertrupps der SA die Ernennung des NSDAP-Vorsitzenden Adolf Hitler zum Reichskanzler. Es war das Ende der Weimarer Republik. Bald waren demokratische Grundsätze und Rechtsstaatlichkeit abgeschafft. Politische Gegner und Menschen, die nicht der rassistischen NS-Ideologie entsprachen, wurden brutal verfolgt.
O2 HÜRTER:
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde von sehr vielen Militärs mit einer gewissen Sorge angesichts der radikalen Tendenzen dieser Partei und dieser Bewegung betrachtet, aber auch mit sehr vielen Hoffnungen. Und unter dem Strich haben die Hoffnungen eigentlich überwogen.
ERZÄHLERIN:
Johannes Hürter war unter anderem an einem Forschungsprojekt zur Wehrmacht in der NS-Diktatur beteiligt.
O3 HÜRTER:
Denn es gab zwischen nationalkonservativen Offizieren auf der einen Seite und Nationalsozialisten auf der anderen Seite sehr viele Schnittmengen in dem, was man vorhatte, was man politisch vorhatte, was man in Hinsicht auf die Aufrüstung vorhatte, was man in Hinsicht auf die Überwindung der Versailler Ordnung vorhatte. Man spricht da auch von großen Teilidentitäten zwischen der nationalkonservativen Militärelite und den Nationalsozialisten.
MUSIK 3 (Johnny Klimek: Plan B 0‘32)
ERZÄHLERIN:
Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages musste Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg alle Kriegsschiffe, Flugzeuge, Panzer, sogenanntes schweres Kriegsmaterial an die Siegermächte ausliefern und das Heer auf hunderttausend Soldaten reduzieren. Schon in den Jahren der Weimarer Republik gab es seitens der Reichswehr Versuche, diese Bestimmungen zu unterlaufen. Mit Beginn der NS-Diktatur hoffte man nun, dass die Wiederaufrüstung Fahrt aufnahm.
O4 HÜRTER:
Also die Hoffnung war schon sehr groß, dass sich unter dieser neuen nationalen Regierung etwas verändert in Richtung Revision des Versailler-Vertrags und in Richtung Aufrüstung der Wehrmacht, Wieder-Erstarkung Deutschlands.
ERZÄHLERIN:
Deutschland wieder eine Großmacht? Diese Vision teilten führende Militärs mit dem NS-Regime und versprachen sich von einem Wiederaufstieg Deutschlands auch eine Rückgewinnung ihrer gesellschaftlichen Bedeutung, die sie mit dem Ende des Kaiserreiches 1918 verloren hatten. Die neuen NS-Machthaber kamen diesen Erwartungen entgegen. Adolf Hitler versuchte von Anfang an, die Reichswehr in sein Machtsystem zu integrieren und Vertrauen aufzubauen.
MUSIK 4 (Badonviller Marsch 0‘31)
SPRECHER:
Reichswehrminister Werner von Blomberg zeigte sich von den NS-Machthabern begeistert, interpretierte das neue Kabinett als "Ausdruck breiten nationalen Wollens", äußerte sich bewundernd über den neuen Kanzler Adolf Hitler, der "wie ein ganz großer Arzt" fungiere. Er war bereit, die NSDAP innenpolitisch gewähren zu lassen.
MUSIK 5 (Alan Fillip: Entering Space 0‘33)
SPRECHER:
Auch Blombergs Ministeramtschef im Reichswehrministerium, Generalmajor Walter von Reichenau, äußerte sich begeistert: "Hinein in den neuen Staat, nur so können wir die uns gebührende Position behaupten." Und zu den Gewaltexzessen der neuen Machthaber sagte er: "Morsches muss fallen, das kann mit Terror geschehen."
ERZÄHLERIN:
Die militärische Führungsriege hoffte, in einem autoritären NS-Staatsgefüge in der Hierarchie weit oben ihren Platz zu finden. Beunruhigt waren militärische Führungskreise deshalb nicht durch die Abschaffung demokratischer Grundrechte, sondern durch die paramilitärische Konkurrenz der SA. Ihr Führer Ernst Röhm wollte die SA zu einer Art braunem Massenheer ausbauen, in dem die Reichswehr aufgehen sollte. Als Adolf Hitler im Sommer 1934 Ernst Röhm und andere vermeintliche Gegner durch die SS ermorden ließ, gab es seitens der Reichswehr Unterstützung.
SPRECHER:
"Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid" – so die Soldaten der Reichswehr Anfang August 1934. Sie schworen, dass sie Adolf Hitler, dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, ihrem neuen Oberbefehlshaber, unbedingten Gehorsam leisten und bereit sind, ihr Leben für diesen Eid einzusetzen.
ERZÄHLERIN:
Ursprünglich wurde die Reichswehr auf die Verfassung der Weimarer Republik vereidigt. Als Paul von Hindenburg starb, übernahm Adolf Hitler zusätzlich zu seiner Kanzlerschaft das Amt des Reichspräsidenten und wurde damit Staatsoberhaupt. Noch am gleichen Tag ließ Werner von Blomberg die Soldaten der Reichswehr auf Adolf Hitler persönlich vereidigen.
MUSIK 6 (Johnny Klimek: Plan B 0‘29)
SPRECHER:
Ohne Auftrag Hitlers, wie er behauptete. Auch sonstige Äußerungen zeigen ihn regimekonform. "Das erste Jahr der nationalsozialistischen Staatsführung hat die Grundlagen für den politischen und wirtschaftlichen Neubau der Nation gelegt", ließ er verlauten. Und: "Das zweite Jahr stellt die Notwendigkeit der geistigen Durchdringung der Nation mit den Leitgedanken des nationalsozialistischen Staates in den Vordergrund. "
MUSIK 7 (Cliff Martinez: After The Chase 0‘45)
ERZÄHLERIN:
In militärischen Dienststellen und militärischen Fachschulen wurden weltanschauliche Schulungen eingeführt und nationalsozialistisches Gedankengut vermittelt. So gab es zum Beispiel in den Kriegsschulen für die Offiziersausbildung sogenannten "rassenhygienischen Unterricht". 1935 wurde die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt, damit die Zahl der ausgebildeten Soldaten massiv erhöht, die Reichswehr wurde offiziell in Wehrmacht und der Reichswehrminister in Reichskriegsminister umbenannt. Die militärischen Vorbereitungen für Hitlers Expansionspläne begannen auf Hochtouren zu laufen.
O5 HÜRTER:
Hitler hat die Wehrmachtspitze, sehr früh über seine sehr radikalen außenpolitischen Pläne auch informiert.
ERZÄHLERIN:
So der Historiker Johannes Hürter.
O6 HÜRTER:
Er hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er plant, nach Osten auszugreifen, Lebensraum zu gewinnen. Er hat von Anfang an versucht, die Wehrmachtselite, damals noch die Reichswehrelite, einzubeziehen in sein Programm, in sein außenpolitisches Programm, das letztlich unverkennbar stark auf Krieg ausgerichtet war.
MUSIK 8 (Alan Filip: A Sad One 1’12)
ERZÄHLERIN:
Anfang November 1937 lud Hitler die militärische Führungselite zu einer Besprechung in die Reichskanzlei ein. Anlass waren Streitigkeiten um die Verteilung von Stahlvorräten, die für die Aufrüstung der Streitkräfte gebraucht wurden. Hitler sollte diesbezüglich für eine Klärung sorgen. Neben Reichskriegsminister Blomberg waren unter anderem auch die Oberbefehlshaber von Heer, Luftwaffe und Marine anwesend. In einem mehrstündigen Monolog nutzte Hitler nun die Chance, die versammelte Militärspitze detailliert über seine Expansionspläne zu informieren – und ihre Reaktion zu testen. Er betonte, dass militärische Aktionen bezüglich Österreich und der Tschechei beziehungsweise dem Sudetenland in nächster Zukunft geplant seien. Obwohl es eine prinzipielle Übereinstimmung bezüglich einer deutschen Expansionspolitik gab, äußerten Reichskriegsminister Blomberg und auch der Oberbefehlshaber des Heeres, Werner von Fritsch, starke Bedenken. Sie befürchteten, die Situation könnte eskalieren und zu einem Krieg mit England und Frankreich führen. Johannes Hürter:
O7 HÜRTER:
Es ging der Militärspitze eher um die Zeiträume. Ein Krieg schon Ende der dreißiger Jahre war vielen professionellen Generälen zu riskant, zu gefährlich. Sie haben gedacht, dass die Wehrmacht da noch nicht kriegsfähig ist.
ERZÄHLERIN:
Hitlers Kritiker verschwanden daraufhin Anfang 1938 aus der militärischen Führungsriege. Reichskriegsminister Werner von Blomberg stolperte über seine zweite Heirat mit einer Frau, die in ihrer Jugend wegen Nacktfotos polizeilich aktenkundig geworden war. Und Werner von Fritsch musste gehen, weil Gerüchte über eine angebliche Homosexualität gestreut wurden. Im Laufe der folgenden Monate geriet dann der Generalstabschef des Heeres Ludwig Beck ins Visier Adolf Hitlers, als er versuchte die Generäle des Heeres zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen dessen riskante Kriegsplanungen zu bringen. Auch er musste seinen Posten aufgeben und zog sich ins Privatleben zurück. Er blieb aber nicht untätig, sondern erwies sich als geschickter Netzwerker. Ludwig Beck sammelte gleichgesinnte Militärs um sich und suchte Kontakte zur zivilen Opposition. Dort war sein wichtigster Ansprechpartner der konservative Politiker Carl Friedrich Goerdeler.
MUSIK 9 (Johnny Klimek: Nah 1’01)
Auch Becks Nachfolger als Generalstabschef des Heeres, Franz Halder, hatte lose Kontakte in oppositionelle Kreise. In – wenn auch – sehr kleinen Teilen der militärischen Führungselite wurden Überlegungen angestellt, wie man sich verhalten solle, wenn Hitler 1938 verfrüht in einen Krieg hineinstolpern würde. Doch ihre Bedenken sollten sich nicht bewahrheiten. Sowohl den deutschen Einmarsch in Österreich als auch die Besetzung des Sudetenlandes konnte die NS-Diktatur als außenpolitischen Erfolg verbuchen. Die Westmächte scheuten eine Konfrontation mit dem Deutschen Reich und billigten mit dem Münchner Abkommen die aggressive Expansionspolitik. Einer möglichen Opposition aus militärischen Kreisen war damit die Grundlage entzogen – so jedenfalls das Narrativ nach dem Zweiten Weltkrieg.
O8 HÜRTER:
Man muss ja auch generell sagen, dass die Militärelite nach 1945 bemüht war, sich nachträglich von Hitler und dem Regime zu distanzieren. Und diese Konstruktion, es habe schon 1938 eine Verschwörung gegeben, einen Widerstand, hat da natürlich gut reingepasst, aber stimmte mit der Realität nicht immer so ganz überein. Da hat man ziemlich an der Wahrheit oder an der Vergangenheit herum manipuliert. Im Grunde war das eine Art Vergangenheitspolitik in eigener Sache, um die Militärelite zu entlasten nachträglich, denn eigentlich hat sich die Militärelite in sehr weitgehender Form auf den Nationalsozialismus, auf Hitler, auf die Kriegspolitik, auf die Kriegszielpolitik auch eingelassen und später dann sich auch an dem Vernichtungskrieg beteiligt.
ATMO Kriegsgeräusche /
MUSIK 10 ( Iva Zabkar: Frühstück / einbruch / mord 1’06)
ERZÄHLERIN:
Als sich mit der verlorenen Schlacht um Stalingrad im Winter 1942/43 eine deutsche Kriegsniederlage abzeichnete, kam Bewegung in das oppositionelle Netzwerk, in dem die zivilen und militärischen Akteure zwar miteinander kommunizierten, aber keine konkreten Umsturzplanungen anstellten. Für letzteres waren ohnehin die Militärs zuständig, während sich die zivile Opposition in erster Linie mit Konzepten für ein zukünftiges Deutschland beschäftigte. Die drohende Kriegsniederlage beunruhigte die Militärs.
MUSIK 11 ( Jens Buchert: Pulse 0‘46)
Was würde aus Deutschland werden im Falle einer bedingungslosen Kapitulation? Wer würde zur Verantwortung gezogen für die Massenmorde, all die Verbrechen, die die deutschen Besatzer in den besetzten Ostgebieten begangen hatten? Der Sturz des NS-Regimes sollte politische Handlungsmöglichkeiten schaffen – vor allem in Hinblick auf Friedensverhandlungen.
Führende Köpfe des militärischen Widerstands waren General Friedrich Olbricht und Generalmajor Henning von Tresckow. Sie bildeten den Kern der späteren Attentatsgruppe. Mit den Widerstandsnetzwerken um Ludwig Beck waren sie bereits seit 1938 in Kontakt. Claus Schenk von Stauffenberg, der das Attentat am 20. Juli 1944 letztendlich ausführte, stieß erst relativ spät zu den Verschwörern.
O9 HÜRTER:
Stauffenberg kommt aus einem rechtsnationalistischen Milieu. Aus dem Grund hat er auch 1933 die Machtübernahme Hitlers und der Nationalsozialisten zunächst durchaus begrüßt, und man findet sogar bis 1942 noch viel Zustimmung. Das bestärkt eigentlich die These, dass er erst ab 1942 und vielleicht sogar auch erst im Laufe des Jahres 1943 auch innerlich zum überzeugten Widerstandskämpfer geworden ist, der dann aber wirklich mit einer unvergleichlichen Konsequenz dieses eine Ziel, nämlich Hitler zu beseitigen, verfolgt hat.
Also da war er die treibende Kraft dann neben sehr vielen anderen militärischen und zivilen Akteuren, die diesen letzten Schritt vielleicht irgendwann gehen wollten, aber mit der Konkretisierung immer Probleme haben, gezaudert haben, den richtigen Augenblick, der vielleicht nie kommen würde, abwarten wollten.
MUSIK 12 ( Iva Zabkar: Fahrt zum Kommissariat 0‘35)
ERZÄHLERIN:
Eine zentrale Rolle bei den militärischen Umsturzplänen spielte das sogenannte Ersatzheer. Das waren Soldaten, teils noch in Ausbildung, teils auch in Reserve, die innerhalb des Deutschen Reiches stationiert waren und es im Krisenfall unter dem Decknamen "Operation Walküre" verteidigen sollten. Als stellvertretender Befehlshaber hatte Friedrich Olbricht Zugriff auf das Ersatzheer. Und Henning von Tresckow hatte die Idee, die Walküre-Planungen für einen Staatsstreich umzuarbeiten.
O10 HÜRTER:
Das war eine fantastische Idee, denn dieser Plan Walküre war von Hitler ja an sich bereits genehmigt und sollte eingesetzt werden gegen mögliche Aufstände, innere Unruhen, Meutereien von Zwangsarbeitern, Kommandounternehmen der Alliierten in Deutschland, also war ein Instrument, ein Planungsinstrument, um Deutschland im Inneren, von inneren und äußeren Angriffen zu verteidigen. Und die geniale Idee Tresckows war, das nun gegen Hitler oder besser gesagt, gegen den Nationalsozialismus zu wenden, und das war eng verknüpft mit dem Plan, Hitler in irgendeiner Form zu beseitigen.
ERZÄHLERIN:
Tresckow, Olbricht und auch Stauffenberg waren maßgeblich an der Umarbeitung des Walküre-Plans beteiligt. Friedrich Olbricht sollte von Berlin aus den Staatsstreich leiten. Nach dem Tod Hitlers sollten die Truppen des Einsatzheeres in Marsch gesetzt, NS-Organisationen ausgeschaltet, deren Führer verhaftet und Dienststellen besetzt werden. Wichtige Rundfunk- und Kommunikations-Einrichtungen wie Fernsprech-, Fernschreib- und Funkverbindungen wollte man übernehmen und in Berlin eine neue Regierung installieren. Soweit in groben Zügen der Plan für den Sturz des NS-Regimes.
O11 HÜRTER:
Es war zunächst nicht geplant, dass Stauffenberg der Attentäter ist. Das hat sich erst so entwickelt. Denn Stauffenberg war ja gleichzeitig auch einer der Hauptorganisatoren des Staatsstreiches und sollte eigentlich ursprünglich gar nicht in diese Gefahr gebracht werden, dass er bei dem Versuch eines Attentats vielleicht dann auch selbst getötet werden könnte. Das hat sich nach und nach entwickelt. Es hat sich vor allem entwickelt, weil Stauffenberg dann in diesen Monaten derjenige war, der am leichtesten Zugang zu Hitler hatte.
ERZÄHLERIN:
Bereits vor dem 20. Juli 1944 nahm Stauffenberg einige Male an Besprechungen bei Adolf Hitler teil, das geplante Sprengstoffattentat konnte jedoch aus verschiedenen Gründen nicht ausgeführt werden. Angesichts der aussichtslosen militärischen Lage kam es auch zu Diskussionen, ob Attentat und Staatsstreich überhaupt noch einen Sinn
SPRECHER :
Das Attentat muss erfolgen, bekräftigte Henning von Tresckow. Denn es komme nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat, alles andere ist daneben gleichgültig.
MUSIK 13 (Anselm Kreuzer: Impacts Getting Closer 1‘36)
ERZÄHLERIN:
Am 20. Juli reiste Stauffenberg mit zwei Paketen Sprengstoff im Gepäck ins Führerhauptquartier Wolfschanze im damaligen Ostpreußen, um an einer Lagebesprechung mit Hitler teilzunehmen. Kurz vor Beginn der Besprechung zog sich Stauffenberg unter einem Vorwand zurück. Er wollte die Zeitzünder an beiden Sprengstoffpaketen aktivieren, schaffte das aber nur an einem der Pakete, versteckte es in einer Aktentasche und platzierte diese dann in der Besprechungsbaracke in der Nähe von Hitler. Danach verließ er abermals unter einem Vorwand den Raum und beobachtete aus einer sicheren Entfernung die Detonation, die an der Baracke schwere Zerstörungen anrichtete.
ATMO Detonation
Er nahm an, dass Hitler tot sei, und machte sich auf den Weg zurück nach Berlin. Dort hatte Friedrich Olbricht bereits die Nachricht erhalten, dass Hitler nur leicht verletzt war. Deshalb zögerte er, die Truppen des Ersatzheeres zu mobilisieren. Erst als Stauffenberg Stunden später in Brandenburg landete und versicherte, dass Hitler tot sei, versuchte Olbricht, das Ersatzheer in Marsch zu setzen. Da war es aber schon zu spät: Die Nachricht, dass Adolf Hitler das Attentat überlebt hatte, war bereits durchgesickert. Im folgenden Machtkampf unterlagen die Verschwörer. Der Staatsstreich war gescheitert. Die Hauptgründe dafür, so der Historiker Johannes Hürter waren zum einen, dass Adolf Hitler bei dem Attentat nicht getötet worden war.
O12 HÜRTER:
Der zweite Grund war, dass die Verschwörer innerhalb der Militärelite letztlich nur eine Minderheit waren, dass es zu viele Zauderer gab, die unentschieden waren, und wahrscheinlich noch mehr Offiziere in wirklich allen Bereichen und an allen Standorten, die diese Verschwörung auch abgelehnt haben, die einen Staatsstreich abgelehnt haben aus verschiedenen Gründen.
ERZÄHLERIN:
Die starke preußisch-deutsche Militärtradition mit Pflicht und Gehorsam mag eine Rolle gespielt haben, der Eid auf Adolf Hitler persönlich, die Verbundenheit mit der NS-Ideologie, die Angst vielleicht auch vor den Konsequenzen, wenn der Umsturz scheiterte … Friedrich Olbricht, Claus von Stauffenberg und andere wurden noch in der gleichen Nacht hingerichtet. Ludwig Beck bekam die Möglichkeit zum Selbstmord, als dieser misslang, wurde er erschossen. Unter Führung der SS wurde eine "Sonderkommission 20. Juli" eingerichtet. Um die 500 Kriminalbeamte ermittelten, schätzungsweise 600 bis 800 Personen wurden in Zusammenhang mit dem Attentat verhaftet, etwa 200 von ihnen vom NS-Regime ermordet. Manche begingen Selbstmord, um ihrer Verhaftung zu entgehen wie Henning von Tresckow. Andere wurden in Schauprozessen vor dem Volksgerichtshof zum Tode verurteilt wie etwa Carl Friedrich Goerdeler.
MUSIK 14 Johnny Klimek: Nah 1’01
Was sie für die Zukunft Deutschlands geplant hatten, wäre der Staatsstreich geglückt? Das war unklar.
O13 HÜRTER:
Was relativ klar ist, ist, dass der Plan nicht war, die parlamentarische Demokratie zu erneuern, also die parlamentarische Demokratie nach dem Vorbild der Weimarer Republik. Das ganz bestimmt nicht. Die meisten Pläne gingen so in die Richtung einer Stände-Republik mit demokratischen Elementen, vielleicht sogar eine Stände-Monarchie mit parlamentarischen und demokratischen Versatzstücken. Also, das war alles ziemlich diffus. Es wäre keine Demokratie geworden, wie wir sie uns heute vorstellen, also keine parlamentarische Demokratie so wie die Bundesrepublik. Also das wäre da auf keinen Fall herausgekommen.

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Autorin dieser Folge: Susanne Hofmann Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Shenja Lacher, Jerzy May, Katja Schild Technik: Tim Höfer, Winfried Messmer Redaktion: Nicole Ruchlak
Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
Interviewpartner/innen:Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky, Professorin für Soziologie und Gender Studies an der Ludwig-Maximilians-Universität München;Prof. Dr. Thomas Alkemeyer, Professor für Soziologie und Sportsoziologie, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
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