Radiowissen

Bayerischer Rundfunk
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Oct 15, 2024 • 23min

Der Bergwald - Schutzbedürftiger Schutzwall

Im Gebirge sind Bäume besonderen Lebensbedingungen ausgesetzt und Naturgefahren wie Lawinen, Muren oder Felsstürze setzen dem Wald zu. Zugleich erfüllt er wichtige Funktionen als Schutzwald. Nun verändert die Klimakrise die Höhengrenzen der Baumarten. Das besondere Ökosystem steht vor neuen Herausforderungen. Von Georg Bayerle (BR 2021) Credits Autor dieser Folge: Georg Bayerle Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Beate Himmelstoß Technik: Christiane Gerhäuser-Kamp Redaktion: Matthias Eggert Interviewpartner/innen:Jörg Ewald (Prof. Dr.; Professur für Botanik und Gebirgsökosysteme, Hochschule Weihenstephan-Triesdorf);Thomas Feistl (Dr.; Leiter Lawinenwarndienst Bayern);Philipp Imwinkelried (Bergbauer Obergesteln, Schweiz);Hans-Peter Mannes (Tonholzhändler, Mittenwald);Hans Neubauer (Revierleiter Nationalpark Berchtesgaden);Sabine Rösler (Dr.; Botanikerin, Lehrstuhl für Botanik und Gebirgsökosysteme, Hochschule Weihenstephan-Triesdorf);Roland Wagner (Förster, Stadt Wien) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Wälder für eine wärmere Zukunft - Bäume im KlimatestJETZT ANHÖREN Die Fichte - Immergrün ohne Zukunft?JETZT ANHÖREN Das Auerhuhn - Der vom Aussterben bedrohte UrvogelJETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
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Oct 14, 2024 • 23min

Magie - Der uralte Draht nach drüben

Magie ist ein schillernder Begriff, der sich nicht leicht fassen lässt. Letztlich aber geht es darum, das Schicksal zu beeinflussen mit Praktiken und Ritualen, die modernen Vorstellungen irrational erscheinen. Dennoch zieht sich Magie als kulturgeschichtliches Phänomen wie ein roter Faden bis heute durch alle Epochen und Kulturen der Menschheit. Von Thomas GrasbergerCredits Autor dieser Folge: Thomas Grasberger Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Christian Baumann, Hemma Michel, Carsten Fabian Technik: Robin Auld Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Josefine Biedinger, Kuratorin und Archäologin am Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle an der Saale Diese hörenswerte Folge von Radiowissen könnte Sie auch interessieren: Reliquien - Heilige Knochen HIER Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Die Sonderausstellung „Magie – das Schicksal zwingen“ ist im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) noch bis zum 13. Oktober 2024 zu sehen. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Erzähler Er war die große Liebe ihres Lebens. Eines Tages jedoch verließ er die junge Frau – für eine andere. Und dafür sollte er büßen, der untreue Liebhaber. Schmerzen sollte er erleiden – so lange, bis er zu der Verlassenen zurückkehrte. Erzählerin Doch wie sollte das gehen? Sein Herz hatte ja längst anders entschieden. Das ahnte auch die enttäuschte Frau. Daher wählte sie eine spezielle Methode, einen magischen Liebeszauber. Sie nahm sich einen 30 Zentimeter großen Block aus Pflaumenholz und fing an zu schnitzen. Schon bald waren die Umrisse eines Menschen erkennbar; zwar nur grob, aber um künstlerische Details ging es ja nicht. Kaum war die Puppe fertig, schlug ihr die liebeskranke Frau eiserne Nägel ins Holz. Vier in den Schädel, und einen mitten ins Herz hinein. Der schmerzhafte Liebeszauber konnte nun wirken. Erzähler Glaubt man den Quellen, so hat die Rachepuppe ihr Ziel nicht erreicht. Der Ex kehrte nie wieder zu seiner früheren Geliebten zurück. Dass die Holzpuppe dennoch zu einem wertvollen Objekt für die Wissenschaft wurde, hat mit ihrem Herstellungsdatum und ihrer Herkunft zu tun. Das Nadelpüppchen war nämlich kein Jahrtausende altes Relikt, wie wir es aus Mesopotamien, Ägypten oder dem alten Rom kennen. Es war erst in den 1950er Jahren entstanden, im nördlichen Saarland. Und 2024 landete es auf einem Ausstellungsplakat im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle an der Saale. Der Titel der Schau: „Magie – Das Schicksal zwingen“ Musik:  Mystic tendency (c) 0‘28 Erzählerin Magie ist ein schillernder Begriff, der sich nicht leicht fassen lässt. Um ihn ranken sich zahlreiche Geschichten von übernatürlichen Kräften und rituellen Handlungen, von geheimnisvollen Sprüchen und Gegenständen, mit denen sich angeblich handfeste Wirkungen erzielen lassen. Erzähler So weit, so rätselhaft. Wer sich wissenschaftlich mit dem Thema befasst, um Licht ins Halbdunkel der magischen Welt mit ihren Voodoo-Püppchen, Hexenfläschchen und Nachgeburtstöpfen zu bringen, braucht eine genaue Definition des Begriffs. Die studierte Archäologin Josefine Biedinger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Landesmuseum Halle. In der Sonderausstellung, sagt Biedinger, werde Magie verstanden als eine erlernbare Fähigkeit, ZSP 1 Bied was 0,17 Die von jedem aufgenommen werden kann. Die sich von Religion zum Beispiel insofern unterscheidet, dass man keine Götter braucht, die man auf seine Seite ziehen muss, durch Opfer zum Beispiel oder beten, sondern dass es etwas ist, das man selber ausführen kann, um eben sein Schicksal selbst zu bestimmen. Erzählerin Sein Leben in die eigene Hand nehmen, um die persönliche Zukunft positiv zu gestalten – dieses Anliegen erscheint durchaus plausibel. Die Wahl der Mittel hingegen aus heutiger Sicht eher nicht. Und doch gab es zu allen Zeiten magische Bemühungen, sagt Josefine Biedinger, weil Menschen stets Hoffnungen und Ängste haben. ZSP 2 Bied warum 0,20 Jeder wollte schon immer sein Hab und Gut schützen, sein Haus schützen, seine Familie schützen. Und weil die Menschen eben so viele Sorgen hatten oder Wünsche und die sich nicht immer durch ihre eigenen Taten herbeiführen ließen, hat man eben versucht, sich auf andere Mittel zu berufen, um das dann auch wirklich herbeizuführen. Musik:  Lydian 0‘38 Erzähler Die Mittel der Magie! Sie gehorchen oft eigenen Gesetzen, die von den Naturgesetzen abweichen. Magische Urformen finden wir vermutlich schon in der Steinzeit, sagt die Archäologin Biedinger. Bereits damals trugen Menschen Amulette aus fossilen Muscheln oder nutzten Farben, um Zeichen an die Wände ihrer Höhlen zu malen. Magie als kulturgeschichtliches Phänomen zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Menschheitsgeschichte. ZSP 3 Bied Quellen 0,28 Die ersten schriftführenden Kulturen in Mesopotamien und Ägypten haben alle Belege von Magie. Wir haben diverse griechische Geschichtsschreiber, die eben über Magie in allen Formen reden. Wir haben römische Geschichtsschreiber, die sich teilweise auch lustig drüber machen. Also zum Beispiel bei der Zukunftsschau sagen, ja, das ist natürlich alles Humbug. Also die Kritiker hat es auch immer gegeben. Insofern in jeder Kultur, zu der wir Schrift haben, haben wir auch irgendeine Erwähnung von Magie, in welcher Form auch immer. Musik:  Ancient world 0‘55 Erzählerin Gewisse Grundmuster dieses globalen Phänomens kehren immer wieder. Zum Beispiel die Vorstellung, dass eine Puppe einen bestimmten Menschen repräsentiere. Was ich ihr antue, etwa mit Nadeln, wirke sich dann auch auf den realen Menschen aus. Wie im Kleinen, so im Großen! Dieses Denken in Analogien ist gepaart mit der Vorstellung von Ursache und Wirkung. Denn Mikrokosmos und Makrokosmos, so die Annahme, beeinflussen sich gegenseitig. Erzähler Vor diesem Hintergrund erscheint es auch plausibel, wenn man eine grüne Eidechse blendet und in ein Glas sperrt, in der Hoffnung, die Selbstheilungskräfte des Tieres würden bald auf den Menschen überspringen, der sein Augenleiden kurieren will. Erzählerin Die magische Methode funktioniert immer. Wenn man dran glaubt. Sollte sie tatsächlich mal nicht funktionieren, dann hat eben der Magier beim Ritual was falsch gemacht. Zum Beispiel den Zauberspruch nicht richtig aufgesagt. Das magische System an sich aber wird nicht in Frage gestellt. Allenfalls die angestrebten Ziele. Denn seit jeher werden zwei Formen von Magie unterschieden. ZSP 4 Bied zwei Formen 0,20 Die sogenannte weiße Magie, die eben dazu da ist, anderen Leuten zu helfen, sich selber zu helfen, Krankheiten zu heilen oder sich selber zu schützen. Da fallen eben auch Amulette rein, die Unheil abwenden sollen. Das andere ist die schwarze Magie, die eben dazu da ist, anderen Leuten seinen Willen aufzuzwingen, anderen Leuten zu schaden, Rache zu üben, solche Dinge. Musik:  School of wizards 0‘38 Erzähler Zur schwarzen, also bösen Magie wird übrigens auch der Liebeszauber gerechnet, weil er das Opfer manipulieren und um seinen freien Willen bringen will. Die magische Trennlinie zwischen schwarz und weiß lässt sich freilich nicht immer scharf ziehen. Auch wenn es seit alters versucht wird. Im 18. Jahrhundert vor Christus zum Beispiel, im Codex Hammurabi. Diese berühmten Sammlungen von Rechtssprüchen aus dem antiken Mesopotamien regelten alle möglichen Aspekte des Lebens. Auch Zauberei und magische Praktiken. Erzählerin Wenn etwa jemandem vorgeworfen wurde, er habe sich schwarz-magischer Methoden bedient, um einem anderen zu schaden. Der Beschuldigte wurde vor Gericht gestellt und musste in einen Fluss springen. Ging er unter und ertrank, dann war er schuldig. Das Haus des ertrunkenen Schwarzmagiers bekam sein Kontrahent. Ging aber der Beschuldigte nicht unter, dann galt er als unschuldig. Und sein Ankläger wurde hingerichtet. Erzähler Mit heutigen Rechtsvorstellungen ist dieses Verfahren nicht in Einklang zu bringen. Der Zweck des Verfahrens aber wird deutlich, sagt Josefine Biedinger: Zauberei und verbotene schwarz-magische Praktiken sollten verhindert werden. ZSP 5 Bied alltäglich 0,22 Wo aber auch gleichzeitig klar wird, dass andere Formen von Magie erlaubt sind. Also dass Magie einfach etwas sehr Alltägliches war für den Menschen. Wir kennen aus dem mesopotamischen Raum zum Beispiel auch ein Hexenabwehrritual, das benutzt wurde, um den Fluch einer Hexe von sich abzuwenden. Also auch da wieder der Schutz vor schwarzer Magie. Also diese Angst war sehr reell für die Leute, die zu dem Zeitpunkt gelebt haben. Musik:  Historic secrets 0‘48  Erzählerin Und keineswegs nur damals. Denn Ängste gibt es zu allen Zeiten, in allen Kulturen. Zum Beispiel die Angst vor Wiedergängern, die – auf unnatürliche Weise ums Leben gekommen – weiter als Untote auf der Welt herumspuken. Oder die Angst vorm bösen Blick. Als „Fenster der Seele“, sagt man, sei das menschliche Auge besonders empfänglich für missgünstige, unheilbringende, neidvolle Blicke. Die gelte es abzuwehren, etwa mit vulgären Gesten wie der Ficus-Geste, bei der der Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmt wird. Erzähler Vor bösen Blicken schützen angeblich auch die Darstellungen von Augen. Schon die alten Ägypter malten sie auf den Bug ihrer Schiffe, damit diese wieder heil in den Hafen zurückkehrten. Solche Augen sind heutzutage noch an modernen Kreuzfahrtschiffen zu sehen. Auch „Magie-to-go“ war stets sehr beliebt: Objekte, die man sich um den Hals hängt, damit sie vor bösen Blicken schützen – Augenamulette etwa oder Phallus-Amulette. ZSP 6 Bied Talisman 0,21 Das Amulett schützt mich vor Dingen, der Talisman dagegen soll mir Glück bringen. Also das eine wehrt etwas ab und das andere führt etwas herbei. Die können beide aus allem Möglichen hergestellt sein. Das kann zum Beispiel auch eine Hasenpfote sein. Es muss eine Bedeutung haben für mich als Person. Und diese Bedeutung kann natürlich daher kommen, dass ich denke, dass das Material irgendwie besonders ist. Das muss aber nicht so sein. Erzählerin Manchen Gegenständen wird besondere Schutzkraft nachgesagt. Dem Georgs-Taler zum Beispiel, der bei Soldaten sehr gefragt war. Denn so eine Münze mit dem Abbild des heiligen Georg soll einst im Dreißigjährigen Krieg einem sächsischen Offizier das Leben gerettet haben: die tödliche Gewehrkugel war in der Münze steckengeblieben. Erzähler Der perfekte Glücksbringer fürs Schlachtengetümmel also. Genau in die andere Richtung sollten die Täfelchen aus Blei wirken, die in der römischen Antike gern zum Einsatz kamen. Gegner aller Art, sei es im Sport, vor Gericht oder im Geschäftsleben, wurden mit solchen Täfelchen verflucht. Musik:  Archaic power 0‘40 Erzählerin Zum Beispiel ein gewisser Artemios, der als Wagenlenker der blauen Circus-Partei in Rom um 400 nach Christus lebte. Mit herkömmlichen Methoden war dem erfolgreichen Rennfahrer der Sieg offenbar nicht streitig zu machen. Deshalb rief ein missgünstiger Rivale die Göttinnen und Dämonen gegen Artemios an,   Zitator: „dass er kopflos, fußlos, kraftlos ist mit den Pferden der Blauen.“ Erzähler Auch Bayern kommt in der Magie-Ausstellung von Halle nicht zu kurz. Am Beispiel von Wetterkerzen, wie sie heutzutage noch in den Devotionalien-Läden bayerischer Wallfahrtsorte zum Kauf angeboten werden. Solche geweihten Kerzen sollen vor Sturm, Hagel und Blitzschlag schützen. Obwohl Blitzableiter und Elementarversicherung längst erfunden sind. Musik:  Perchten-Tanz 0‘43 Erzählerin Ebenfalls aus Bayern, nämlich dem oberbayerischen Kirchseeon, stammen Bilder von zeitgenössischen Perchtenmasken. Mit solchen Holzmasken ziehen junge Männer bei traditionellen Perchtenläufen durch die Straßen, um lärmend die bösen Geister des Winters zu vertreiben. Eine Tradition heidnischen Ursprungs, die lange Zeit von der Kirche verboten war. Erzähler Denn solche frei vagabundierenden magischen Praktiken, die potenziell jeder ausüben kann, benötigen keinen festen Glauben an eine Religion. Sie brauchen auch keine Götter und keine Priester. Was Kirchenoberen natürlich nicht gefallen kann. Andererseits sind Magie und Religion immer schon eng miteinander verbunden gewesen, sagt Josefine Biedinger.  ZSP 7 Bied Magiegötter 0,20 Man kann gerade in den alten Kulturen Magie nicht hundertprozentig von Religion trennen, weil es in den frühen Wüstenkulturen, die Magie praktiziert haben, spezifische Götter gab. Also die Hekate bei den Griechen, den Tod bei den Ägyptern, die Mesopotamier hatten gleich mehrere Magiegötter. Also es gab immer jemanden, der irgendwie dafür zuständig war. Musik: Archaic secrets 1‘00 Erzählerin Letztlich kommt keine Religion ohne Magie aus. Die Wunder zum Beispiel, die in der katholischen Kirche als ein Kriterium für Heiligsprechung gelten, haben durchaus magische Qualitäten. Offiziell als Wunder anerkannt werden sie aber erst nach sorgfältiger Prüfung durch höchste kirchliche Stellen. Alles andere gilt als Aberglauben und Zauberei. Erzähler Der „Magus“, der „Wissende“ war einst gleichbedeutend mit einem Priester der zoroastrischen Religion im alten Persien. Das Wort Magie wanderte dann durch die Jahrhunderte und wandelte sich. Auch im Neuen Testament ist von einem Magier namens Simon die Rede, der die Menschen mit Zauberei beeindruckte. Wegen seiner Lehren und Praktiken wird Simon oft als erster Häretiker des Christentums bezeichnet. Erzählerin Auch Kirchenväter wie Tertullian, Hieronymus und Augustinus setzten sich kritisch mit Magie auseinander und verurteilten ihre Praktiken. Weil die sich aber nicht völlig ausmerzen ließen, wurden sie mitunter ins Glaubenssystem integriert. Vor allem in der Volksreligion der einfachen Leute gab es kein strenges „Entweder oder“, sagt Josefine Biedinger. ZSP 8 Bied Religion 0,35 Wir haben zum Beispiel diese schöne Münze in der Ausstellung, die auf der einen Seite eine christliche Darstellung hat, nämlich ein Herz mit durchbohrten Händen und Füßen, also mit den Jesus-Malen und auf der anderen Seite aber das Sator-Arepo-Quadrat, also etwas, was im magischen Kontext benutzt wird, wo offensichtlich sich jemand gedacht hat, okay, er geht auf Nummer Sicher und nimmt einfach beides. Musik:  Historic secrets (b) 0‘37 Zitator „SATOR AREPO TENET OPERA ROTAS“ Erzähler Seine magische Wirkung entfaltet dieser Sator-Arepo-Spruch, weil er ein Satzpalindrom ist. Man kann ihn vorwärts oder rückwärts lesen, von oben nach unten oder umgekehrt – der Satz lautet immer gleich. Schon in der römischen Antike kam das den Menschen magisch vor. Und so wurde Sator-Arepo zur Schutzformel, die vor Übel aller Art bewahren sollte. Erzählerin Dass dieser Satz nicht einfach zu übersetzen ist, macht ihn noch geheimnisvoller. Manche sehen in Arepo einen Eigennamen, andere lesen den Spruch im Sinne von „Der Schöpfer hält die Werke in Gang". Oder sinngemäß  „Man erntet, was man sät“. Erzähler Andere Zauberformeln wie „Hokuspokus“ oder „Abrakadabra“ sind längst sprichwörtlich geworden. Als magisch klingendes Kauderwelsch, das oft auch zur inneren Anwendung gebracht wurde. Nämlich auf sogenannten Schluckzettelchen. Auf die hat man Zaubersprüche geschrieben, danach wurden sie zusammengefaltet und von einem Hilfesuchenden verschluckt. ZSP 9 Bied Schluckzettelchen 0,21 Die Kirche hat das natürlich nicht gerne gesehen, konnte es aber auch nicht einstellen. Und da sieht man die Christianisierung sehr schön, dass es dann eben kein Verbot von Schluckzettelchen gibt, sondern die haben dann einfach ihre eigenen hergestellt mit einem Marienbild drauf. Und dann hat man statt den heidnischen Zaubersprüchen stattdessen die Gottesmutter verschluckt und das hat dann genauso gut verholfen. Also es war dieselbe Tradition, bloß mit neuer Farbe. Musik:  White whereever you look 0‘27 Erzählerin Die Menschen früherer Zeiten waren nicht dümmer als wir heute. Sie hatten nur andere Möglichkeiten, Herangehensweisen und Weltanschauungen, um Lösungen für ihre Probleme zu finden. So waren magische Rituale und Praktiken für sie wichtige und durchaus praktische Mittel im Kampf gegen Krankheiten. ZSP 10 Bied Medizin 0,21 Das ganze Medizinische ist ja an einem bestimmten Zeitpunkt auch immer irgendwie mit Magie behaftet, dass sie sagen, ah, okay, jetzt haben mich eben die Götter geheilt und dabei war es eben irgendeine Salbe. Das ist ja schon bis zu einem gewissen Grad fast schon Wissenschaft gewesen. Man musste wissen, wie man diese Salben zusammen mischt, ohne dass man Leute vergiftet oder eine andere Wirkung erzielt. Es war bloß einfach ein magischer Gedanke dahinter. Erzähler Nicht umsonst wurden Magie und Zauberei seit der Antike als „Kunst“ bezeichnet – Kunst im Sinne von Wissenschaft. Auch wenn die „Wissenschaftlichkeit“ dieser „ars magica“ aus heutiger Perspektive zweifelhaft erscheinen mag. Erzählerin Ein berühmtes Beispiel für einen Gelehrten des frühen 16. Jahrhunderts ist Doktor Johann Georg Faust, der in Deutschland viel Aufsehen erregte als Magier, Alchemist, Astrologe und Heiler. Abenteuerliche Legenden rankten sich um diesen Doktor, der schließlich Eingang fand in die große Literatur. Johann Wolfgang von Goethe schuf zu Beginn des 19. Jahrhunderts in „Faust“ eine Figur, die in ihrem Streben nach Wissen auch einen Pakt mit dem Teufel nicht scheute. Musik:  Deserted and destroyed 0‘40 Zitator: Drum hab ich mich der Magie ergeben, Ob mir durch Geistes Kraft und Mund Nicht manch Geheimnis würde kund. Erzählerin Seit Ende des 15. Jahrhunderts wurden magische Praktiken rigide bekämpft. Bei den sogenannten Hexenverfolgungen, die ihren Höhepunkt zwischen 1570 und 1630 erlebten, wurden in Europa schätzungsweise 40.000 bis 60.000 Menschen hingerichtet. Vor allem Frauen. Es ist ein trauriges Kapitel europäischer Geschichte, sagt Josefine Biedinger. ZSP 11 Bied Hexen 0,28 Dass man eben alles verfolgt hat, was irgendwie anders ist, vor dem man irgendwie Angst haben kann. Zum Beispiel Wissen, was einem sich selber nicht erschlossen hat. Also letzten Endes ist ja ganz viel von dem, was wir heute unter Magie verstehen, nichts anderes gewesen als sehr altes Wissen. Also zum Beispiel Kräutermedizin, das, was wir jetzt als magische Kräuter bezeichnen, das ist im letzten Ende einfach nur in irgendwelchen diversen Salben benutzt worden. Und das hat man dann natürlich alles verfolgt, einfach weil man es nicht verstanden hat und weil man es auch nicht konkurrierend wollte zum eigenen Glauben. Musik:  Ti-Roro drums solo 0‘28 Erzähler Wenn heute von Magie die Rede ist, lässt das Wort Voodoo meist nicht lange auf sich warten. Obwohl man die Voodoo-Religion in Haiti keineswegs auf Magie reduzieren kann, gibt es in ihr Untergruppen, die angeblich heute noch magische Rituale einsetzen. Wie zum Beispiel die Bizango-Geheimgesellschaft. Im großen Eingangsbereich des Landesmuseums von Halle steht eine Installation mit modernen Kunstwerken aus Haiti. Zu sehen sind sieben lebensgroße Bizango-Figuren, eingesperrt in einem Käfig. Jede einzelne hat ihre ganz bestimmte Funktion im magischen Ritual. ZSP 12 Bied Bizango 0,24 Diese Geheimgesellschaft zum Beispiel benutzt angeblich, weil das ist alles nicht belegt, diese Figuren, also die Bizango-Armee wird das genannt, um diverse Geister auf ihre Seite zu ziehen, um eben für Sicherheit auf den Straßen zu sorgen. Das ist eigentlich der Hintergrundgedanke, dass da, wo zum Beispiel die Polizei nicht durchgreift und nicht für Sicherheit sorgt, dass man da Magie benutzt, um das dann selber durchzusetzen. Erzählerin Solche Rituale mögen uns in modernen Industrie-Gesellschaften seltsam vorkommen. Aber sind wir selbst völlig frei von magischem Denken? Musik:  "A Kind of Magic" 0‘25 Erzählerin Nicht nur in Popsongs wie „A Kind of Magic“ von Queen oder in Harry-Potter-Verfilmungen spielt Magie heute eine Rolle. Auch im Alltag bleibt das Phänomen lebendig. Seit Jahrzehnten befragen Meinungsforscher Menschen zum Thema Aberglauben. Die Ergebnisse sind recht konstant. Auch in unserer durch Technik und Wissenschaft geprägten Zeit haben Magie und Aberglaube ihre Anziehungskraft nicht verloren. 2021 gaben immerhin 30 Prozent der Befragten an, hin und wieder abergläubisch zu sein. Frauen mit 39 Prozent deutlich häufiger als Männer, bei denen es nur 21 Prozent waren. Erzähler So sah jede und jeder Zweite in einem vierblättrigen Kleeblatt einen Glücksbringer, klopfte auf Holz oder trug einen Glückspfennig bei sich. Und immerhin 39 Prozent jener, die hin und wieder abergläubisch sind, glauben, dass die Zahl 13 Unglück bringt. Auch der Blick ins Horoskop der Tageszeitung gehört für viele zum morgendlichen Frühstücksritual. Erzählerin Nachfrage gibt es also selbst in unseren Zeiten noch zuhauf. Was dann mitunter kommerzielle Anbieter „magischer“ Dienstleistungen auf den Plan ruft. Vor allem im Internet. ZSP 13 Bied heute 0,23 Es werden Liebeszauber angeboten, es werden Schadenszauber angeboten, es werden Glückszauber angeboten, Geldsegen zum Beispiel. Es gibt diverse Urteile auch, tatsächlich moderne, in denen Geldmacher in Anführungszeichen verurteilt wurden, weil sie eben Leuten das Geld aus der Tasche gezogen haben mit magischen Versprechen. Also es ist schon noch ein aktuelles Thema, dass die Leute weiterhin beschäftigt. Musik:  Cosmetic wonder 0‘39 Erzähler Um einiges billiger als der Internet-Zauber sind vermutlich die Vorhängeschlösser, die manche Paare an Brücken oder Zäunen befestigen, um den geliebten Partner an sich zu binden. Möglichst für immer, weshalb auch der Schlüssel zum Schloss weggeworfen wird. Bleibt zu hoffen, dass diese Art von Magie wirkt. Immerhin würde man sich so eine schmerzhafte Trennung ersparen. Und eine Rachepuppe, die mit Nadeln durchbohrt wird, müsste man dann auch nicht basteln.
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Oct 10, 2024 • 23min

Hisbollah - Schiitische Partei und militante Gruppierung

Die Hisbollah ("Partei Gottes") ist politische Kraft und Miliz im Libanon. Entstanden ist sie aus einer Bewegung von Schiiten, die sich nicht ausreichend vertreten fühlte, doch schon lange hat es die Hisbollah in die libanesische Nationalversammlung geschafft. Sie kämpft politisch, aber auch militärisch gegen Israel. Von manchen Staaten wird sie als Widerstandsbewegung, von anderen als Terrororganisation angesehen. Von Claudia Steiner Credits Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Irene Schuck Es sprachen: Berenike Beschle, Andreas Neumann Technik: Tim Höfer Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dominik Hamm, Politik- und Wirtschaftswissenschaftler,  Fakultät für Politikwissenschaften der Holy Spirit Universität, Beirut. Bente Scheller, Leiterin des Referats Nahost und Nordafrika der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin. Heiko Wimmen, International Crisis Group, Beirut.   Diese hörenswerte Folge von Radiowissen könnte Sie auch interessieren: Die Gründung Israels - Von der Idee zum Staat HIER Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Literatur: Manuel Samir Sakmani, Der Weg der Hisbollah, Klaus Schwarz Verlag  Imad Mustafa, Der politische Islam – Zwischen Muslimbrüdern, Hamas und Hizbollah, ProMedia  Linktipps: https://www.deutschlandfunkkultur.de/israel-libanon-krieg-100.html https://dserver.bundestag.de/btd/19/296/1929678.pdf https://www.kas.de/de/laenderberichte/detail/-/content/parlamentswahlen-im-libanon-lehren-und-entwicklungsszenarien https://embassies.gov.il/berlin/AboutIsrael/the-middle-east/naherostendokumente/DieHisbollah.pdf https://www.rosalux.de/news/id/52178/der-alleingang-der-hisbollah-im-libanon https://taz.de/Reaktionen-aus-dem-Libanon/!5965842/ https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/54644/libanon/#footnote-reference-1 https://www.boell.de/de/2023/11/20/hisbollah-verstolpert-in-der-eigenen-propaganda  https://www.swr.de/swrkultur/wissen/captagon-aus-syrien-wie-das-drogengeschaeft-assad-stuetzt-swr2-wissen-2024-02-05-102.html Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER/SPRECHERIN ABWECHSELND Militärische Miliz, Widerstandsbewegung, politische Partei, Wohlfahrtsorganisation, Unternehmen, kriminelle Vereinigung, Drogenkartell, Terrororganisation.  SPRECHERIN So unterschiedlich die Fremd- und Eigenbezeichnungen auch klingen mögen, sie alle stehen für eine Gruppierung: die libanesische Hisbollah, die „Partei Gottes“.  SPRECHER Wer die Entstehung der Hisbollah im Libanon verstehen möchte, muss sich mit dem Nahost-Konflikt, der Islamischen Revolution im Iran und der demografischen Zusammensetzung des Libanon befassen.  MUSIK 2 Titel: " موسى صام" - Mitwirkende: Lebanese Maronite Order & Antoine Tahan - Album: تراتيل الآلام والقيامة - Komponist: الأب يوسف الخوري & الليتورجيا المارونيّة - Länge: 0'44 SPRECHERIN 18 Religionsgemeinschaften sind im Libanon offiziell anerkannt, darunter Maroniten, griechisch-orthodoxe, griechisch-katholische, protestantische und armenische Christen, Sunniten, Schiiten, Drusen und Aleviten. Diese heterogene Zusammensetzung der Bevölkerung sorgte bereits vor, aber auch nach der Unabhängigkeit 1943 immer wieder für Konflikte und Krieg. Traditionell lebten die verschiedenen Konfessionen in unterschiedlichen Regionen des Landes - Maroniten zum Beispiel in den Bergen, griechisch-orthodoxe Christen an der Küste, Schiiten im südlichen Libanon.  O-TON 1  Die Schiiten waren (…) die Minderheit. Und so waren sie nicht nur politisch benachteiligt, sondern auch ökonomisch, sozial immer diejenigen, die schlechter gestellt sind als die meisten anderen und gegenüber den dominanteren Konfessionen, den christlichen Maroniten und den Sunniten. SPRECHER …sagt Bente Scheller. Die Politikwissenschaftlerin leitet das Referat Nahost und Nordafrika der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Die verschiedenen Religionsgruppen hatten sich darauf geeinigt, Staatsämter nach einem Proporzsystem aufzuteilen. Grundlage dafür war eine Volkszählung aus dem Jahr 1932. Doch dieses System sorgte nicht für einen echten gesellschaftlichen Ausgleich: Tatsächlich waren christliche Clans am reichsten, Schiiten häufig verarmt. Die Schiiten begehrten mehr und mehr auf sagt Heiko Wimmen. Der Nahost-Experte arbeitet für die International Crisis Group, einer Nichtregierungsorganisation, in Beirut:  O-TON 2  Dann gab es eine (…) Mobilisierung der schiitischen Unterschicht, (…) die haben sich politisiert. SPRECHERIN Besonders Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre kamen zahlreiche palästinensische Flüchtlinge in den Libanon, auch immer mehr Kämpfer der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO. Die Zahl der Muslime wuchs und damit auch die Konflikte zwischen den verschiedenen Konfessionen. Ab 1975 tobte ein blutiger Bürgerkrieg in dem Land, das an Israel und Syrien grenzt. Bente Scheller:   O-TON 3  Dann ist auch Israel interveniert, weil aus dem Libanon heraus Israel angegriffen wurde, im Wesentlichen damals durch die PLO. Es ist dann aber dazu gekommen, dass es Israel gelungen ist, die PLO zu vertreiben. Und im Zuge dessen hat sich die Hisbollah gegründet, als eine Widerstandsbewegung gegen die damit einhergehende israelische Besetzung des Südlibanons.   SPRECHER 1978 fand die erste israelische Invasion des Libanon statt, 1982 rückten israelische Truppen bis Beirut vor. Und ab 1982 formierte sich die Hisbollah. Ihr Ziel: Die israelischen Truppen aus dem Libanon zu vertreiben. Drei Jahre später zog sich die israelische Armee aus dem Land zurück. Sie hielt aus Sicherheitsgründen aber das Grenzgebiet im Süden weiter besetzt. Erst im Jahr 2000 dann der komplette Truppenabzug. Der Rückzug des israelischen Militärs, das als Besatzer angesehen wurde, verschaffte der Hisbollah - auch über Konfessionsgrenzen hinweg – Ansehen und Anerkennung.  MUSIK 3 "Yâ Dâèm / O Eternal" - Album: Anthology of Iranian Rhythms - Volume 2 / Daf (mystical Drum), Dayré & Zang-e Saringôshti - Künstler und Komponist: Madjid Khaladj - Länge:  SPRECHERIN Unterstützt in ihrem Kampf gegen Israel wurde die Hisbollah von Anfang an aus Teheran. Im Iran fand 1979 die Iranische Revolution statt. Nach Massendemonstrationen wurde Schah Mohammed Reza Pahlavi gestürzt. Er floh nach Ägypten. Ayatollah Khomeini kehrte aus dem französischen Exil zurück und rief die Islamische Republik aus. Die Mullahs wollten die Revolution auch in andere schiitische Gesellschaften exportieren – mit Erfolg. Befeuert durch die Revolution wuchs auch unter Schiiten im Libanon ein politisch-religiöses Bewusstsein. Bis heute gehört das iranische Regime zur größten Stütze der Hisbollah.  SPRECHER Die Hisbollah kontrolliert im Libanon wichtige Infrastruktur wie den Hafen und Flughafen von Beirut. Dies erleichtert Transaktionen mit Teheran, sagt Dominik Hamm. Der Politik- und Wirtschaftswissenschaftler lehrt an der Fakultät für Politikwissenschaften der Holy Spirit Universität in Beirut und forscht unter anderem zum Thema Terrorfinanzierung.  O-TON 4 neu  Sie verwalten den Flughafen, aber nicht wie eine Flughafengesellschaft, sondern, dass man mal eine Nachricht bekommt, diese und jene Person aus diesem Flugzeug, die wird nicht kontrolliert, wenn die hier ankommen.  SPRECHERIN Experten gehen jedoch davon aus, dass durch die internationalen Sanktionen gegen den Iran und der Wirtschaftskrise die finanziellen Hilfen an die Hisbollah inzwischen zurückgegangen sind, so Heiko Wimmen.  O-TON 5  Aber die Unterstützung ist sicherlich nach wie vor ganz wichtig, ganz substanziell, gerade auch eben was die militärische Ausrüstung angeht. Das heißt, Waffen, die geliefert werden, das heißt militärisches Training im Iran und dergleichen mehr.  SPRECHER Offiziell finanziert sich die Hisbollah durch Spenden. Auch in Deutschland wird Geld für die Hisbollah gesammelt. In einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion aus dem Jahr 2021 hieß es:  SPRECHERIN „Die Anhänger der „Hizb Allah“ pflegen in Deutschland den organisatorischen und ideologischen Zusammenhalt unter anderem in örtlichen Moscheevereinen, die sich in erster Linie aus Spendengeldern finanzieren. Darüber hinaus nutzt die „Hizb Allah“ Deutschland als Rückzugs- und Rekrutierungsraum sowie für Beschaffungs- und Spendensammelaktivitäten.“  SPRECHER 2023 ging das Bundesamt für Verfassungsschutz von einem Personenpotenzial von 1.250 Menschen in Deutschland aus. Die Hisbollah ist aber nicht nur in Deutschland aktiv – sie verfügt unter anderem auch in Südamerika, Kanada, den USA, Australien, Südostasien und Afrika über Netzwerke. So haben zum Beispiel in Westafrika viele Menschen aus dem Libanon Firmen aufgebaut. Heiko Wimmen:  O-TON 6  Da ist dann nicht immer klar zu unterscheiden: (…) Ist das Unterstützung, die freiwillig geleistet wird? Ist das eine Besteuerung dieser Diaspora-Gemeinschaften, die also mit (…) Druck erfolgt, kann man nicht beurteilen. All das ist natürlich nach europäischer Darstellung, amerikanischer Darstellung Finanzierung von Terrorismus. Aus der Sicht der Menschen, die da in der Diaspora leben, ist es vielleicht die Unterstützung eines politischen Akteurs oder eines politischen Projekts, das sie unterstützen.  SPRECHERIN Denn die Hisbollah besteht eben nicht nur aus einer Miliz, sondern ist auch eine politische Partei, doch dazu später mehr. Außerdem soll die Hisbollah in Afrika im Diamantenhandel aktiv sein, Geldwäsche und Drogenhandel betreiben. Die Nahost-Expertin Bente Scheller:  O-TON 7  Durch ihre internationalen Netzwerke hat sie sehr viele Möglichkeiten, auch unternehmerisch tätig zu sein. Und das sind legale Geschäfte. Aber es sind eben auch Drogengeschäfte, Waffengeschäfte und andere Schmuggelgeschäfte, bei denen klar ist: sie hat hier genügend Möglichkeiten, auch selbst ein Einkommen zu haben. Das ist immer wichtiger geworden. Und deswegen greift es auch zu kurz zu sagen, wenn wir dem Iran die Gelder abschneiden, dann ist auch die Hisbollah am Ende kaltgestellt. Das ist sie nicht. Dafür ist sie zu gut vernetzt. SPRECHER Beispiel Drogenhandel: So wird seit langem in der Bekaa-Ebene im Osten des Libanon Cannabis angebaut. Doch aufgrund der Wirtschaftskrise und Veränderungen auf dem Drogenmarkt bringt dieses Geschäft nicht mehr so viel ein wie früher. Viel lukrativer ist inzwischen der Handel mit Captagon, sagt Dominik Hamm. Die synthetische Droge ist ein süchtig machendes Aufputschmittel.  O-TON 8   Es ist eine sehr, sehr hohe Nachfrage vor allen Dingen in den Golfstaaten, Saudi-Arabien, aber mittlerweile auch mehr in Europa. Captagon kann sehr, sehr schnell produziert werden, weil es eine chemische Droge ist - und ist ziemlich günstig. Die Produktion von 200.000 Captagon-Tabletten kostet um die 10.000 Dollar, und dadurch kann man dann einen Gewinn von um die 1,5 Millionen generieren.  SPRECHERIN Der größte Captagon-Produzent ist das Nachbarland Syrien. Dort sichert sich Machthaber Bashar al-Assad mit dem Drogengeschäft offenbar die Macht. Die Hisbollah übernimmt Berichten zufolge den Transfer und verschifft die Droge von Beirut aus. Wie hoch die Einnahmen der Hisbollah aus diesen illegalen Geschäften tatsächlich sind, ist unklar. Im Libanon soll das Captagon-Geschäft in den Händen schiitischer Clans sein - zumindest ein Teil der Gewinne landet nach Einschätzung von Experten auch in den Händen der Hisbollah. Es gibt viele Berichte – zum Beispiel aus den USA oder Israel. Im Kern seien diese Berichte wahr, sagen Experten wie Heiko Wimmen. Aber:   O-TON 9  Ich denke, man kann, man muss, oder man sollte von dem, was da behauptet wird, öfter mal einiges abziehen, weil eben diese Forschungen oft auch politisch motiviert sind. Aber in der Substanz ist das, denke ich, trotzdem überzeugend. Da gibt es Geldquellen, die ganz klar aus kriminellen Aktivitäten herrühren.  SPRECHER Syrien gilt ebenfalls als Unterstützer der Hisbollah. So pflegt Machthaber Assad enge Beziehungen mit Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah. Im syrischen Bürgerkrieg verteidigte die Hisbollah wiederum den Diktator gegen seine rebellierende Bevölkerung und schickte Kämpfer zur Unterstützung. 2013 erklärte Nasrallah in einer Rede, warum sich die Hisbollah in den syrischen Bürgerkrieg einmischte:  SPRECHERIN „In aller Deutlichkeit: Syrien ist das Rückgrat des Widerstands gegen Israel. Und der Widerstand kann nicht mit verschränkten Armen dastehen, während sein Rückgrat gebrochen wird. (…) Wenn Syrien fällt, ist Palästina verloren, der palästinensische Widerstand, das Westjordanland, Gaza, das erhabene Jerusalem; wenn Syrien in deren Hände fällt, dann erwartet die Völker und Staaten unserer Region eine harte, schlimme und ungerechte Zukunft.“  MUSIK 4 "I" - Album: Equlirium - Komponist: Peter votava - Ausführende: PRSZR - Länge: 1'30   SPRECHER Die USA setzten die Hisbollah 1997 auf die Liste ausländischer Terrorvereinigungen. Auch Länder wie Kanada und Israel stufen sie als terroristische Organisation ein. In Deutschland gilt seit 2020 ein Betätigungsverbot. Teilweise unterstützt durch den Iran, teilweise durch andere extremistische Gruppierungen soll die Hisbollah für viele Anschläge und Angriffe verantwortlich oder zumindest in sie verstrickt gewesen sein. So wurden zum Beispiel 1983 Selbstmordattentate auf die US-Botschaft und das Hauptquartier der US-Marines in Beirut sowie auf den Standort des französischen Kontingents einer multinationalen Friedenstruppe verübt. Dabei waren insgesamt rund 360 Menschen getötet worden. Auch für Anschläge in Paris 1985 und 1986 mit 13 Toten ist Beobachtern zufolge die Hisbollah verantwortlich. 1994 starben bei dem Bombenanschlag auf ein jüdisches Gemeindezentrum in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires 85 Menschen. 2005 soll ein Kommando der Hisbollah einen Sprengstoffanschlag in Beirut verübt haben. Dabei wurden der frühere libanesische Premierminister Rafik Hariri und 21 weitere Menschen getötet.  SPRECHERIN Nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel blickte die Welt gebannt auf die Reaktion der Hisbollah. Seit Beginn des Krieges im Gazastreifen liefert sich die Miliz immer wieder einen Schlagabtausch mit israelischen Streitkräften. Die Intensität der Gefechte nahm dabei zu.  MUSIK 5 H. Scott Salinas - Komponist: A Private War (Original Motion Picture Soundtrack) - Ausführender und Komponist: H. Scott Salinas - Länge: 0'37 SPRECHER Angesichts der Kämpfe im Grenzgebiet sind bis Juni 2024 nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration mehr als 92.000 Libanesinnen und Libanesen aus der Region geflohen. Auch in der Grenzregion auf der israelischen Seite gab es im Juli 2024 rund 100.000 Binnenflüchtlinge. Die Sorge vor einem weiteren regionalen Krieg im Nahen Osten wächst. Die meisten Menschen im Libanon wollen, dass ihr Land nicht in den Krieg hineingezogen wird. Nach einer Umfrage von Statistics Lebanon vom Oktober 2023 sind 73 Prozent der Menschen dafür, sich beim Krieg gegen Israel herauszuhalten. Kein Wunder: Lange Zeit galt der Libanon als „Schweiz des Nahen Ostens“ - doch davon ist nichts mehr übrig. Die politische Instabilität, eine hohe Inflation und Arbeitslosigkeit sowie Korruption führen dazu, dass immer mehr Menschen verarmen. Der Zusammenbruch wird von der Weltbank zu den drei schwersten Wirtschaftskrisen seit Mitte des 19. Jahrhunderts gezählt.  SPRECHERIN Bis zum Sommer 2024 versuchte die Hisbollah eine komplette Eskalation zu vermeiden. Dies könnte sich allerdings zum Problem für die Organisation entwickeln, denn damit könnte das Narrativ vom Kampf gegen Israel und seinem Verbündeten, den USA, langfristig unglaubwürdig werden. Das Potential der Hisbollah ist jedenfalls enorm. Sollte sich der Konflikt dennoch ausweiten, hätte dies dramatische Folgen. Heiko Wimmen:  O-TON 10  Und wir haben hier natürlich einen Gegner mit Hisbollah, der ein ganz anderes Kaliber hat, in einem Land operiert, wo er eine offene Grenze zu einem Hinterland hat, sprich Syrien, wo Verbündete, eben der Iran, ungehinderten Zugang hat, um Hisbollah mit Nachschub zu versorgen – im Gegensatz zur Hamas, der Gazastreifen ist ja abgeriegelt von allen Seiten. Das sieht hier ganz anders aus.  SPRECHER Die Hisbollah gilt nämlich als deutlich stärker und schlagkräftiger als die Hamas.  O-TON 11  Wir wissen natürlich längst nicht alles, aber was wir wissen, ist erschreckend genug. (…) Der Generalsekretär Hassan Nasrallah hat vor nicht langer Zeit eine Zahl von 100.000 Kämpfern in die Debatte geworfen. Da ist sicherlich (…) recht viel Propaganda dabei. Aber Schätzungen gehen schon davon aus 20.000, 30.000 Kämpfer mögen sie schon haben. Es mag möglich sein, noch deutlich mehr zu mobilisieren, wenn das notwendig ist. SPRECHERIN Deutlich wichtiger als die Zahl der Kämpfer ist das Waffenarsenal. In Berichten taucht immer wieder die Zahl von 130.000 Raketen auf. Die Hisbollah gilt damit als bestgerüstete, nichtstaatliche, bewaffnete Organisation des Nahen Ostens. Bente Scheller von der Heinrich-Böll-Stiftung:  O-TON 12  Was bekannt ist, ist, dass die Hisbollah sehr viel weitreichendere Raketen mittlerweile hat, dass eben auch klar ist, aus weiter entfernten Landesteilen wie eben der Beeka-Ebene, die an der syrischen Grenze im Osten des Landes liegt, auch von dort aus ist es möglicherweise erreichbar, israelische Städte bis Tel Aviv auch zu treffen. Also diese Reichweite der Raketen, über die sie verfügt, deutet darauf hin, dass die Hisbollah eine wirkliche Bedrohung auch sein kann für Zivilist:innen in Israel, genau im Herzland. MUSIK 6 "Herzan" - Ausführender: Soap Kills - Album: Golden Beirut - New Sounds from Lebanon - Länge: 0'35 SPRECHER Die Hisbollah setzt im Libanon ihre Interessen durch. Aber anders als die iranischen Führer ist die Hisbollah, die einst von Revolutionswächtern gegründet wurde, in alltäglichen Fragen eher pragmatisch. Bente Scheller:  O-TON 13  Sie greift (…) nicht gegen alles durch. Sie hat auch gelernt, sie kann nicht bestimmte Dinge in der Bevölkerung durchsetzen, die dort eigentlich nicht toleriert sind. Also Alkoholverbot zum Beispiel, hat sie versucht, ist damit nicht durchgekommen. Oder an Stränden sich eben so zu kleiden, dass es nach den starken Vorgaben des Iran oder der Hisbollah-Lesart, wie Frauen sich kleiden sollten, genehm ist. Damit ist sie auch nicht durchgekommen. Da ist sie dann auch nicht so ideologisch, dass sie versucht, es durchzusetzen, sondern sie ist eigentlich in vielerlei Hinsicht außerordentlich pragmatisch - sehr rücksichtslos, wenn sie ihre Interessen verteidigen will, aber nicht, dass sie jedes Interesse auf Biegen und Brechen umsetzt. SPRECHERIN Auch wenn Kritiker der Hisbollah in sozialen Medien oft als „Agenten Israels“ diffamiert werden, bis zu einem gewissen Grad toleriert die Hisbollah Widerspruch. Wo allerdings die rote Linie verläuft, ist oft nicht vorhersehbar.  O-TON 14  Im Libanon ist einfach sehr viel möglich. Das ist kritisch. Aber es ist nicht so, dass es systematisch verfolgt wird. Da muss man darauf gefasst sein, dass es passiert, weil es willkürlich ist, wo dann eben tatsächlich Grenzen gezogen werden. Bei manchen ist es ganz klar, dass hier die Hisbollah versucht, ein Zeichen zu setzen. Das sind insbesondere die drastischen politischen Morde. Die Hisbollah gibt es nicht zu, dass sie es war. Sie übernimmt keine Verantwortung dafür. Aber gerade vor einigen Jahren wurde ja ihr prominentester Kritiker Lokman Slim umgebracht. Da ist schon sehr klar: in dem Gebiet, in dem das geschehen ist, trägt es die Handschrift der Hisbollah, wäre gegen sie nicht möglich und das ist natürlich dann sehr drastisch.  SPRECHER Der säkulare Schiit Lokman Slim wurde 2021 tot in einem Mietwagen im Südlibanon gefunden – mit mehreren Kopfschüssen. Er war Filmemacher, Publizist, Politikaktivist und viele Jahre der schärfste Kritiker der Hisbollah. Heiko Wimmen:  O-TON 15  Da wollte offensichtlich jemand klarmachen, das war eine Hinrichtung und kein Selbstmord. (…) Wie immer im Libanon bei politischen Verbrechen, konnte natürlich der Täter nie festgestellt werden. Die Familie von Herrn Slim und alle, die ihm politisch nahestehen, sind davon überzeugt, dass Hisbollah diese Hinrichtung vorgenommen hat. Da gibt es (…)sehr viele Anzeichen, dass das wahrscheinlich so stimmt. (…)Und das ist tatsächlich (…) wirklich ein Aspekt, der sehr bedenklich ist, dass man eben als Kritiker sich sozusagen jahrelang betätigen kann und nichts passiert. Und dann, in einem Moment, wo sich die Partei unter Druck fühlt, (…) fällt irgendwo eine Entscheidung, dass jetzt ein Exempel statuiert wird. MUSIK 7 "Dafa" - Mitwirkende: Andre Hajj & Ensemble - Album: Instrumental Music from Lebanon - Amaken - Länge: 0'23 SPRECHERIN So schwierig es für Kritiker ist, die rote Linien zu erkennen, so schwierig ist es, die Grenzen zwischen den verschiedenen Tätigkeitsfeldern zu ziehen. Die Hisbollah selbst stellt sich gerne als Wohlfahrtsorganisation dar, verweist auf soziale Projekte und Einrichtungen, sagt der in Beirut lebende Politologe Dominik Hamm.   O-TON 16  Es gibt viele Krankenhäuser, manche der besten Krankenhäuser im Land wurden durch die Hisbollah gebaut und geführt, die Hisbollah baut Moscheen, Schulen, Community Centers.  SPRECHER Von diesen Einrichtungen profitieren nicht nur Schiiten, sondern auch viele andere Konfessionen in dem Land mit seinen rund sechs Millionen Einwohnern. Die Hisbollah ist inzwischen eine Art Staat im Staat: Sie kümmert sich örtlich um die Trinkwasserversorgung und die Müllabfuhr. Es gibt Apotheken, Banken und Wechselstuben, die der Gruppierung zugerechnet werden. Außerdem besitzt die Hisbollah Immobilien, verkauft Strom und Öl. Sie ist auch für viele Menschen Arbeitgeber – und zwar einer, der er sich leisten kann, Mitarbeiter auch in Dollar und nicht in libanesischen Pfund zu bezahlen. Über Dienstleistungen, Hilfen und Jobs versucht die Organisation, die Menschen für sich zu gewinnen und an sich zu binden. Ein ganzer Informationsstab kümmert sich zugleich um die Öffentlichkeits- und Pressearbeit: Mit Plakaten, Flugblättern, einer eigenen Website, über soziale Medien, Zeitungen, Radiosender und den Fernsehsender „Al Manar“ nimmt die Hisbollah Einfluss auf die öffentliche Meinung.  Musik 8 "Rawak" - Mitwirkender: Ziyad Sahhab - Album: Golden Beirut - New Sounds from Lebanon - Länge: 0'24 SPRECHERIN Außerdem ist die Hisbollah seit 1992 als politische Partei in der Nationalversammlung und war in mehreren Kabinetten der libanesischen Regierung vertreten. Anfang 2024 hatte die Partei 13 von 128 Sitzen im Parlament.  MUSIK 9 "Dafa" - Mitwirkende: Andre Hajj & Ensemble - Album: Instrumental Music from Lebanon - Amaken - Länge: 0'22 SPRECHER Egal, ob man die Hisbollah als Partei, Miliz, soziale Bewegung, Widerstandsbewegung, Terrororganisation oder kriminelle Vereinigung sieht, sie ist ein wichtiger Machtfaktor im Libanon und tatsächlich viele Dinge in einem, sagt Bente Scheller:   O-TON 17  Die einzelnen Gruppen kann man so, glaube ich, gar nicht voneinander trennen. Das ist auch bewusst so angelegt, so möchte es die Hisbollah. Sie möchte als ein Akteur wirken, damit man da auch nicht Keile dazwischen treiben kann. Das macht es aber natürlich auch schwierig, von außerhalb das gut handzuhaben. (…) Kann man sie auf Sanktionslisten setzen? Kann man einen Kompromiss finden, indem man sagt, sie hat einen bewaffneten Arm, während eigentlich die Hisbollah so gar nicht denkt? Das ist wirklich schwierig, damit umzugehen, und sehr wichtig aber zu verstehen, dass sie all diese Komponenten erfüllt und damit weitaus mehr als nur eine terroristische Organisation ist. 
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Oct 10, 2024 • 22min

Bitterstoffe - Gefährlich oder gesund?

Elixiere, Tinkturen, Shots - Bitterstoffe liegen voll im Trend. Allerlei gesundheitsfördernde Wirkungen werden ihnen nachgesagt. Wissenschaftlich belegt ist wenig davon. Tatsächlich fangen Forschende gerade erst an, zu verstehen, was Bitterstoffe alles bewirken - und vor allem, wo im Körper sie wirken. Von Maike BrzoskaCredits Autorn dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Sabine Kienhöfer Es sprach: Julia Fischer Technik: Stefan Oberle Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview:Dr. Franziska Hanschen, Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau, GroßbeerenProf. Maik Behrens, Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität MünchenProf. Ute Wölfle, Abteilung Dermatologie und Venerologie des Universitätsklinikums Freiburg Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Superfood - Gar nicht so super! HIER  Das Immunsystem - Wächter unseres Körpers HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Vor einigen Jahren gab es eine Entdeckung, die für Aufsehen in Wissenschaftskreisen sorgte. Ein US-Forscher-Team hatte - zufällig - herausgefunden, dass Bitterstoff-Rezeptoren, mit denen wir Bitteres schmecken, nicht nur auf der Zunge vorkommen, sondern überall im Körper.  01 OT (Wölfle) Zum Beispiel im Gehirn, im Herzen, in der Leber, in der Lunge.  SPRECHERIN Sagt die Biologin Dr. Ute Wölfle. Sie forscht in der Hautklinik des Universitätsklinikums Freiburg. 02 OT (Wölfle) Und am Anfang hat man gedacht: Was soll das? Was braucht man Geschmacksrezeptoren in anderen Organen? SPRECHERIN Geschmacksrezeptoren in der Leber und in der Lunge – das klingt erst einmal kurios. Kann unsere Lunge etwa schmecken? Nein, sagt Ute Wölfle. Aber die Bitterstoffe, zum Beispiel aus Salat oder Gemüse, können an die Lunge andocken, genauer gesagt: an die Zellen der Lunge.  03 OT (Wölfle) Es ist eine Struktur auf der Zelloberfläche, an die der Bitterstoff andockt, und der dann zu einer weiteren Reaktion führt. Musik:  Lab rat 0‘25 SPRECHERIN Auf diese Weise können Bitterstoffe auch in der Lunge – oder in anderen Organen – eine Wirkung entfalten. Die Frage war nun: Welche?  Die überraschende Entdeckung, dass Bitterstoff-Rezeptoren überall in unserem Körper vorkommen, gab den Anstoß für viele neue wissenschaftliche Fragestellungen. 04 OT (Wölfle) Und da wird jetzt in letzter Zeit sehr stark geforscht. So quasi jeder Forscher guckt jetzt in seinem eigenen Gebiet: Was machen da die Bitterstoff-Rezeptoren? Und was kann man da erwarten? SPRECHERIN Einige neue Erkenntnisse gibt es bereits. Dazu gleich mehr. Aber erst einmal muss man verstehen, was ein Bitterstoff überhaupt ist.   05 OT (Wölfle) Ja, das ist gar nicht mal so einfach zu beantworten, weil die einzige Qualität, die einen Bitterstoff zu einem Bitterstoff macht, ist, dass er bitter schmeckt. SPRECHERIN Und das können, chemisch betrachtet, sehr unterschiedliche Stoffe sein. 06 OT (Wölfle) Das kann ein Salz sein, Magnesiumsulfat, genauso wie irgendwie eine Aminosäure, Tryptophan, genauso wie Pflanzenstoffe, also Koffein vom Kaffee zum Beispiel. Oder auch Grapefruit, das wären dann eher so Saccharide. Also wirklich nur die Qualität, dass es bitter schmeckt, macht einen Bitterstoff zu einem Bitterstoff.  SPRECHERIN Die Gruppe der Bitterstoffe ist also sehr heterogen. Und sie ist sehr groß. Wobei Forschende gar nicht genau wissen, wie groß, also wie viele Bitterstoffe es insgesamt gibt, sagt Dr. Maik Behrens. Er forscht am Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie der Technischen Universität München. 07 OT (Behrens) Man weiß es nicht. Man kann aber schätzen, dass es wohl deutlich über 1000 gibt.  SPRECHERIN Das sind deutlich mehr als bei den anderen Geschmacksrichtungen, also süß, sauer, umami und salzig.  08 OT (Behrens) Die Süßstoffe, da gibt es auch noch recht viele, so um die 100 würde ich mal sagen. Aber das ist nur ein vergleichsweiser kleiner Teil verglichen mit den Bitterstoffen.  Musik:  Style analysis 0‘21 SPRECHERIN Weil es so viele verschiedene Bitterstoffe in der Natur gibt, haben wir auch relativ viele Geschmacksrezeptoren auf der Zunge, mit denen wir Bitteres wahrnehmen können. Wenn wir Chicorée, Radicchio oder Brokkoli essen, signalisieren uns diese Rezeptoren: schmeckt bitter.  09 OT (Behrens) Tatsächlich haben wir insgesamt so um die 25 unterschiedliche Rezeptoren für die Bitterstoffe.  SPRECHERIN Wobei nicht jeder Mensch genau die gleichen Rezeptoren hat. Denn von einigen Rezeptoren gibt es verschiedene Varianten. 10 OT (Behrens) Das heißt, der Rezeptor unterscheidet sich zwischen den Menschen. Der berühmteste Rezeptor, was das angeht, ist der sogenannte TAS2R38, der kommt in der menschlichen Bevölkerung in zwei verschiedenen Hauptvarianten vor. Die eine Variante wird auch die Schmecker-Variante genannt.  SPRECHERIN Für die Träger dieser Variante schmecken zum Beispiel viele Kohlsorten bitter. Die Träger der anderen Variante, die sogenannten Nicht-Schmecker, nehmen bei Kohl hingegen keinen bitteren Geschmack wahr.  11 OT (Behrens) Deswegen lohnt es sich nicht über Geschmack zu streiten beim Essen, weil das kann also sehr unterschiedlich wahrgenommen werden.  SPRECHERIN Wobei die Fraktion, die den Kohl als bitter wahrnimmt, statistisch betrachtet, größer ist.  12 OT (Behrens) Die menschliche Bevölkerung teilt sich so ungefähr in 70 Prozent Schmecker und 30 Prozent Nicht-Schmecker auf.  Musik:  Microelements 0‘33 SPRECHERIN Aber dank der übrigen Rezeptoren können auch die Nicht-Schmecker Bitterstoffe sehr gut wahrnehmen. Und das ist auch wichtig – evolutionär betrachtet sogar überlebenswichtig. Denn in grauer Vorzeit, als wir noch als Jäger und Sammlerin auf der Suche nach Nahrung durch die Natur streiften, halfen uns die Geschmacksrezeptoren dabei, Essbares von Nicht-Essbarem zu unterscheiden. Dabei war der Geschmacks-Sinn quasi die letzte Instanz. 13 OT (Behrens) Wir haben natürlich noch unsere anderen Sinne, die helfen uns auch mit, zum Teil schon im Vorfeld. Also wir würden wahrscheinlich eine Speise, die nicht gut aussieht, überhaupt nicht in den Mund stecken. Dann würden wir wahrscheinlich dran riechen und auch da hätten wir wieder eine Warnung gegebenenfalls. Und dann die letzte Instanz ist tatsächlich unser Geschmackssinn, der entscheidet, ob wir etwas runterschlucken oder ausspucken. Musik:  Network access 0‘35 SPRECHERIN Jede der Geschmacksrichtungen zeigt etwas anderes an. Der saure Geschmack weist darauf hin, dass Früchte unreif sind oder dass Lebensmittel bakteriell verdorben sein können. Der süße Geschmack, zum Beispiel von Früchten, zeigt an, dass das Obst reif und damit genießbar ist. Und darüber hinaus noch viele Kohlenhydrate liefert. Das war für die Menschen früher sehr wichtig, um Hungerperioden zu überstehen. Heute wird uns das – in Form von zu vielen Kalorien – eher zum Verhängnis. Und genau wie der süße und der saure Geschmack zeigt auch der bittere etwas Bestimmtes an. 14 OT (Behrens) Der soll unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, dass unter Umständen gesundheitsschädliche oder gar giftige Substanzen in der Nahrung sind. Evolutionär war das von großer Bedeutung. Deswegen ist es bei Kindern auch angeboren, diese Abneigung gegen bitter. SPRECHERIN Kinder verziehen in der Regel erst einmal das Gesicht, wenn sie etwas Bitteres probieren. Igitt, schmeckt nicht! Erst mit der Zeit lernen die meisten Menschen, Nahrungsmittel mit bitterem Geschmack zu tolerieren – oder sogar zu mögen. Das passiert durch Gewöhnung, aber auch durch gute Erfahrungen, die wir mit einem Lebensmittel im Laufe des Lebens machen.  15 OT (Behrens) Beispielsweise wenn irgendeine Prüfung ansteht und wir noch viel lernen müssen, ist der bittere Kaffee, der uns wachhält, etwas, was mit einer positiven Wirkung verknüpft wird. Und wenn eine negative Wirkung von dem Kaffee, Sodbrennen oder ähnliches, ausbleibt, dann erwerben wir praktisch so eine Toleranz für moderat Bitteres.  Musik:  Delicate information (reduziert) 0‘37 SPRECHERIN Dennoch bleibt bei vielen Menschen zeitlebens eine gewisse Abneigung gegen Bitteres. Deshalb gibt es in Rezepten oft Tipps, wie man den bitteren Geschmack, zum Beispiel von einem Gemüse oder einem Salat, neutralisieren kann, zum Beispiel indem man Zucker oder Honig zufügt.  Dabei schmeckt unser Gemüse heute größtenteils schon sehr viel milder als früher. Denn der bittere Geschmack wurde nach und nach rausgezüchtet, weil es die meisten Menschen so lieber mögen.  Daneben wurden einige Gemüsesorten aber auch erst genießbar, nachdem die Bitterstoffe durch Züchtung stark reduziert wurden.  16 OT (Hanschen) Man muss auch dabei bedenken, dass viele dieser Bitterstoffe halt auch eine toxische Wirkung hatten. SPRECHERIN Sagt die Lebensmittelchemikerin Dr. Franziska Hanschen. Sie forscht am Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau. 17 OT (Hanschen) Das heißt, man hat das halt gezielt weggezüchtet, einmal, um das geschmacklich attraktiver zu gestalten, zum anderen aber auch, weil einige Bitterstoffe halt auch giftig sind.  SPRECHERIN Ein Beispiel sind Kürbisgewächse, also etwa Zucchini, Gurken oder eben Kürbisse. Früher enthielten diese Gemüse-Sorten sehr viel Cucurbitacin, ein Bitterstoff, der in hohen Dosen stark giftig ist.  18 OT (Hanschen) Und deshalb ist es gerade bei diesen Pflanzen auch wichtig, dass man da keine Züchtungsexperimente selber macht, weil es dann halt auch schon vorgekommen ist, dass quasi wieder rückzüchtet wurde und diese Bitterstoffe wieder erhöht wurden, wodurch dann Vergiftungserscheinungen immer mal wieder bei Hobbygärtnern aufgetreten sind. Musik:  Weird instructions 0‘26 SPRECHERIN Zu Rückkreuzungen kann es beispielsweise kommen, wenn Pollen von einem giftigen Zier-Kürbis auf die Blüten der Kürbispflanze im Gemüsebeet gelangen. Der Kürbis, der nach der Befruchtung wächst, schmeckt dann ungewöhnlich bitter – und sollte auf keinen Fall gegessen werden, weil er vermutlich größere Mengen des Bitterstoffes Cucurbitacin enthält. Solche Rückkreuzungen sind aber sehr selten. In der Regel ist unser bitteres Gemüse sehr gesund – und zwar gerade, weil es bitter ist.  19 OT (Hanschen) Es gibt durchaus Bitterstoffe, die positive Effekte für uns haben. Zum Beispiel Sesquiterpenlactone, das sind Inhaltsstoffe, die man aus dem Chicorée oder aber auch aus dem Löwenzahn kennt und die dort für den bitteren Geschmack verantwortlich sind. Die können durchaus positive Effekte für uns haben, zum Beispiel auch antimikrobiell oder auch anti-inflammatorisch, also entzündungshemmend wirken. SPRECHERIN Die positiven Wirkungen tun uns besonders gut, wenn wir krank sind. Und erstaunlicherweise kann dann sogar die Abneigung gegen Bitteres zeitweise abnehmen.  20 OT (Wölfle) Wenn man erkältet ist, dann ist es ja so, dass man irgendwie einen anderen Geschmack hat. Plötzlich schmecken Einem Sachen vielleicht, die man sonst nicht so mag, auch bittere Tees. Und das liegt daran, dass Entzündungsstoffe diese Bitterstoffrezeptoren so ein bisschen modifizieren, blockieren können. Und plötzlich mag man bitter, was man sonst nicht trinken würde. Und wenn es Einem wieder besser geht und diese Entzündungsstoffe weg sind, dann will man das nicht mehr. Dann hat man wieder seinen normalen Geschmack.  SPRECHERIN Ute Wölfle kennt das aus eigener Erfahrung.  21 OT (Wölfle) Also zum Beispiel gibt es so einen Hustensaft, der schmeckt wirklich sehr bitter, und ich mochte den eigentlich nie. Dann hab ich gedacht bei der letzten Erkältung, ich probiere den einfach mal – und ich fand den lecker. Also das war irgendwie ganz angenehm. Und als es mir dann wieder besser ging, dachte ich: uah, das geht nicht, ich musste fast würgen. Also das ist wirklich interessant, wie der Körper, wenn es ihm guttut, dann plötzlich die auch wirklich mag und man deswegen die zu sich nehmen kann.  SPRECHERIN Aber nicht nur bei kranken, sondern auch bei gesunden Menschen können Bitterstoffe viele positive Wirkungen haben.  22 OT (Wölfle) Die Hauptwirkung ist eben, dass es auf den Magen-Darm-Trakt wirkt, eben die Verdauung, Fettverdauung fördert und auch einfach bei Völlegefühl gut wirkt oder den Appetit anregt. Das ist so das Hauptanwendungsgebiet, dass man es einsetzt bei der Verdauung. Musik:  Needle and twine red. 0’35  SPRECHERIN Es gibt unzählige Arten von Magenbitter, jede Region kennt ihre eigene Version: Underberg, Lauterbacher Tropfen, Gammel Dansk, Kümmerling, Rhöntropfen. Dass Bitterstoffe gut für die Verdauung sein können, sind Erfahrungswerte aus der Naturheilkunde. Verschiedene traditionelle Heilkünste gehen außerdem davon aus, dass Bitterstoffe den Körper insgesamt stärken und vitalisieren können.  23 OT (Wölfle) Die ayurvedische Medizin beschreibt, dass Bitterstoffe helfen, Fett zu reduzieren, das Blut zu reinigen, Muskelkraft zu tonisieren. Auch in der chinesischen traditionellen Medizin setzt man Bitterstoffe ein, so in der Ernährung, da ist es dem Element Feuer zugeordnet und es ist da eher auch für Tatendrang, für Vitalität. Und in der Klostermedizin oder in der europäischen Medizin, Paracelsus, der hat im 17. Jahrhundert ein Lebenselixier beschrieben. SPRECHERIN Bestehend aus Myrrhe, Bitterwurzel und Aloe. 24 OT (Wölfle) Und daraus ist dann später das Grundrezept des Schwedenkräuters geworden. Das kennt vielleicht der ein oder andere.  SPRECHERIN Die „Schwedenkräuter“ sind eine Mixtur, die -oft gelöst in Alkohol - innerlich oder äußerlich angewendet wird.  Musik: Odd facts 0‘32 Neben diesem naturheilkundlichen Wissen gab es in den letzten Jahren aber auch neue Erkenntnisse aus der Forschung. Denn nachdem zufällig entdeckt worden war, dass es Rezeptoren für Bitteres nicht nur auf der Zunge, sondern auch an anderen Organen gibt, fragten sich viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, welche Wirkung Bitterstoffe denn dort haben können. Dass sie eine Wirkung haben, scheint sicher zu sein. 25 OT (Wölfle) Man weiß, wenn ein Stoff an den Rezeptor bindet, dann passiert irgendwas in der Zelle, und auch immer wieder das Gleiche. Also es ist nicht nur so jetzt ein Erfahrungswert, sondern es ist wirklich wissenschaftlich belegt. SPRECHERIN Die Frage war nun also: Was genau passiert, wenn ein Bitterstoff an einem Organ andockt? Die ersten Studien gab es zur Lunge.  26 OT (Wölfle) Und plötzlich hat man festgestellt, dass die Bitterstoffe zum Beispiel in Bronchien vorkommen, und wenn dann ein Bitterstoff bindet an den Rezeptor, dann kommt es zu einer Gefäßerweiterung.  Musik:  Still waiting red. 0‘47 SPRECHERIN Was das Atmen erleichtert. Das könnte für Menschen mit Asthma oder chronischer Bronchitis hilfreich sein. Denn bei diesen Erkrankungen ist das Atmen beeinträchtigt. Die Betroffenen kriegen schlecht Luft. Bitterstoffe könnten Abhilfe schaffen. Denn inzwischen haben mehrere Studien gezeigt, dass Bitterstoffe, wenn sie inhaliert werden, die Muskulatur in der Lunge entspannen und auf diese Weise das Ein- und Ausatmen erleichtern können. Der Effekt, den Forschende gefunden haben, ist stärker als der von heutigen Asthma-Medikamenten. Deshalb rechnen Viele damit, dass es künftig Medikamente auf Grundlage der neuen Erkenntnisse geben wird. Daneben haben Forschende herausgefunden, dass es Bitterstoff-Rezeptoren auch in der Schleimhaut der Nase gibt. Offenbar können dort ebenfalls Bitterstoffe andocken.  27 OT (Wölfle) Wenn da ein Bitterstoff bindet, wird zum Beispiel Stickstoffmonoxid gebildet, was zum Abtöten der Bakterien führt. Gleichzeitig fangen die Flimmerhärchen im Nasenschleimepithel an, ganz wild zu schlagen und Fremdkörper, Bakterien, die werden nach außen geschleudert. Und damit hat man eigentlich einen idealen Effekt bei Atemwegserkrankungen. SPRECHERIN Wegen der interessanten Ergebnisse anderer Fachbereiche begann auch Ute Wölfle mit ihrem Team nachzuforschen, was Bitterstoffe in ihrem Fachgebiet, also auf der Haut, bewirken können. Die ersten Versuche waren allerdings eher ernüchternd, erzählt die Forscherin. 28 OT (Wölfle) Wir haben gedacht, es wirkt vielleicht anti-entzündlich, was sonst viele unserer Pflanzenstoffe machen, aber der Effekt ist eher gering.  SPRECHERIN Wissenschaft verläuft selten geradlinig, aber Wölfles Team forschte weiter. Die nächste Frage war, ob Bitteres einen Effekt hat auf den Stoffwechsel der Haut.  29 OT (Wölfle) Und da haben wir festgestellt, dass es eben Schutzproteine für die Haut bildet und auch Lipide für die Haut, was auch für den Außenschutz wichtig ist. Und dass so die Bitterstoffe eher für den Hautschutz wichtig sind, so für die äußere Barriere. SPRECHERIN Dafür muss man die Bitterstoffe mithilfe von Cremes auf die Haut auftragen. Wobei man nicht irgendeinen Bitterstoff nehmen kann, denn einige können Kontakt-Allergien oder Ausschläge auslösen. Eine weitere Vermutung von Ute Wölfle war, dass junge Menschen mehr Bitterstoff-Rezeptoren haben als ältere. 30 OT (Wölfle) Weil oft ist es ja so, im Alter nimmt irgendwas ab. Aber es ist genau umgekehrt. In jungen Jahren hat man wenige Bitterstoff-Rezeptoren und im Alter werden es viel mehr. Und es ist vielleicht eine Gegenreaktion des Körpers gegen die nachlassende Schutzwirkung. Die Haut wird ja im Alter dünner und vielleicht ist es so eine Reaktion des Körpers. Er bildet jetzt mehr Bitterstoff-Rezeptoren, dass die Barriere doch noch einigermaßen erhalten bleiben kann. Musik:  Explain simple 0‘31 SPRECHERIN Das zeigt auch: Forschung besteht oft aus trial and error, aus Versuch und Irrtum. Und nicht jede neue Erkenntnis führt letzten Endes zu neuen Anwendungen oder Medikamenten. Einfach, weil unser Körper sehr komplex ist und Erkenntnisse auch immer mal wieder revidiert werden. Eine Schwierigkeit bei den neu entdeckten Bitter-Rezeptoren an den Organen ist, dass es eben nicht nur den einen Rezeptor gibt, sondern verschiedene. 31 OT (Wölfle) Es gibt 25, und in dem einen Gewebe sind ein paar und im anderen Gewebe sind andere, und ein Bitterstoff kann unterschiedliche Bitterstoff-Rezeptoren aktivieren. Und das macht das Ganze relativ kompliziert. SPRECHERIN Deshalb sollte man wohl auch manche der neuen Studienergebnisse zum Thema Bitterstoffe mit Vorsicht genießen. Zum Beispiel gab es bereits Schlagzeilen, dass Bitteres gegen Krebs hilft, weil Forschende entdeckt haben, dass Bitterstoffe an Krebszellen andocken können. Oder dass Bitterstoffe beim Denken helfen.  32 OT (Wölfle) Auch im Gehirn werden Bitterstoff-Rezeptoren gebildet und da konnte man feststellen, wenn man Nervenzellen mit Bitterstoffen behandelt, dass es dazu führt, dass die Nervenzellen besser vernetzt sind und man dann annehmen kann – das ist jetzt so ne Hypothese – dass es einfach beim Denken auch helfen kann.  Musik: Pending molecules 0‘38 SPRECHERIN Hier wird die Forschung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zeigen, was Bitterstoffe wirklich leisten können – und was nicht.  Nichtsdestotrotz hat der Bittertrend aber heute schon die Konsumwelt erreicht. In Supermarkt-Regalen und Drogerien gibt es jede Menge Bitterstoff-Mixturen in Form von Tropfen, Tabletten oder Sprays. Bitter gleich gesund – dieser Eindruck entsteht, wenn man sich die zahlreichen Versprechungen durchliest, mit denen die Produkte beworben werden. Einige sehen diesen Hype kritisch. Zum Beispiel Maik Behrens. 33 OT (Behrens) Ich hatte ja schon erwähnt, es gibt also eine unglaubliche Vielzahl von Bitterstoffen. Eben mindestens 1000. Viele von denen sind giftig. Und da irgendetwas zu pauschalisieren halte ich für falsch. Ja, tatsächlich sollte man die Warnung, die der bittere Geschmack Einem bietet, ernst nehmen. Und ich würde tatsächlich davon abraten, solche bitteren Nahrungsergänzungsmittel zu mir zu nehmen. SPRECHERIN Ganz anders ist das bei unseren gängigen bitteren Lebensmitteln, also zum Beispiel Salat, Gemüse, aber auch Kaffee oder Bitterschokolade. Da hat der Forscher keine Bedenken.  34 OT (Behrens) Da gibt es ja sozusagen zum Teil jahrhundertelange Erfahrung, dass diese Gemüse, die wir standardmäßig konsumieren, sicher sind. Also da braucht man sich keine Sorgen machen. SPRECHERIN Auch Ute Wölfle findet Nahrungsergänzungsmittel mit Bitterstoffen unnötig, vor allem, weil sie meistens sehr teuer sind.  35 OT (Wölfle) Ich denke, Bitterstoffe sind auf jeden Fall wichtig, aber es müssen keine teuren Produkte sein, die man dafür verwendet.  SPRECHERIN Sie geht davon aus, dass der Bitter-Hype irgendwann wieder abebbt – zumindest was die überteuerten Produkte angeht. Musik: New ideas 0‘29 36 OT (Wölfle) Und vielleicht bleibt dann – hoffentlich – eben der bittere Tee, einfach das normale Essen, dass man wieder sagt; okay, ich esse Radicchio-Salat, weil man sich an das Bittere auch gewöhnen kann. SPRECHERIN Und vielleicht isst man den bitteren Salat, das bittere Gemüse ja irgendwann sogar richtig gerne. 
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Oct 9, 2024 • 23min

Der Thunfisch - Bedrohter Jäger der Meere

Thunfische sind die bedrohten Tiger der Meere. Der Mensch mit seinen zerstörerischen Fangmethoden und die zunehmende Umweltverschmutzung sind die größte Bedrohung dieser Fische. Forscher haben nun mehr über das Verhalten der Tiere herausgefunden. Wie kann ein internationales Management aussehen, das den Thunfisch rettet? Von Marko Pauli (BR 2021) Credits Autor dieser Folge: Marko Pauli Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Andreas Neumann, Caroline Ebner, Diana Gaul Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Rainer Froese, Fischereiwissenschaftler und Meeresbiologe am Geomar Helmholtz-Zentrum für Meeresforschung Kiel; Laurenne Schiller, Wissenschaftlerin für Meeresschutz, Halifax, Kanada; Sandra Schöttner, Meeresbiologin und Meeresschutzexpertin bei Greenpeace Diese hörenswerte Folge von Radiowissen könnte Sie auch interessieren: Überfischung - Wenn das Meer leer wird HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
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Oct 9, 2024 • 23min

Hüter der Erde - Die Kogi in Kolumbien

Das Volk der Kogi lebt in den Bergen an der kolumbianischen Karibikküste. Ihre Kultur gilt als letztes Relikt der südamerikanischen Hochkulturen vor der Kolonisation. Jahrhundertelang verbargen sich die Kogi, die sich als 'Hüter der Erde' verstehen und bewahrten ihre spirituellen und ökologischen Traditionen. Nun aber gehen sie in Kontakt mit der modernen Welt und fordern eine ökologische und kulturelle Wende, um sich und den ganzen Globus zu schützen. Von Geseko von Lüpke (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: Geseko v. Lüpke Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Thomas Birnstiel, Rahel Comtesse, Friedrich Schloffer Technik: Robin Auld Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen:'Mama' José Gabriel (Mama-Priester der Kogi, Kolumbien); Alan Eirera (Filmemacher, Autor und Historiker, England);Lucas Buchholz (Friedens- u. Konfliktforscher, Autor, Deutschland); Falk Parra-Witte (deutsch-kolumbianischer Ethnologe); Aregoces Coronado (Kogi-Lehrer und Übersetzer, Kolumbien);'Mama' Manuel (Mama-Priester der Kogi, Kolumbien) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Yagans - Seenomaden am anderen Ende der WeltJETZT ANHÖREN Die Religion der Massai - Die Auserwählten von Gott EngaiJETZT ANHÖREN Das Volk der Yanomami - Ihr Kampf ums ÜberlebenJETZT ANHÖREN Naturreligionen - Altes Wissen neu entdecktJETZT ANHÖREN Literaturtipps:Buchholz, Lucas: Kogi. Wie ein Naturvolk unsere moderne Welt inspiriert, Neue Erde-Verlag 2019.Ereira, Alan: The Elder Brothers Warning, Tairona Heritage Trust 2009.Julien, Eric: Der Weg der neun Welten. Die Kogi-Indianer und ihr Urwissen vom Leben im Einklang mit Himmel und Erde, Neue Erde-Verlag 2022.Parra Witte, Falk X.  :Living the Law of Origin: The Cosmological, Ontological, Epistemological, and Ecological Framework of Kogi Environmental Politics. Doctoral thesis, Department of Social Anthropology, University of Cambridge, Cambridge, U.K. 2018.Rachel-Dolmatoff, Gerardo: The Kogi. A tribe in the Sierra Nevada de Santa Marta, Bogota (Kolumbien) 1951 // in spanisch: Los Kogi. Vol. I & II. Bogotá: Procultura S.A. (1950, 1951). 1985. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
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Oct 9, 2024 • 23min

Hopfen – Die Geschichte der aromatischen Dolden

Die Landschaft der Hallertau wird geprägt von Hopfengärten mit ihren acht Meter hohen Rankgerüsten. Es ist vielen Innovationen und dem technischen Geschick der Hopfenbauern zu verdanken, dass die Hallertau heute das größte Hopfenanbaugebiet der Welt ist. Von Renate Ell Credits Autorin dieser Folge: Renate Ell Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Caroline Ebner, Frank HeilbachRedaktion: Thomas Morawetz Im Interview:Dr. Christoph Pinzl, Direktor des Deutschen Hopfenmuseums, WolnzachWalter König, Geschäftsführer des Bayeri-schen Brauerbundes und der Gesellschaft für HopfenforschungHans Schreier, Hopfenpflanzer, Pfaffenhofen an der Ilm Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Wein in Altbayern - Eine fast verschwundene Tradition HIER  Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Linktipps: Hopfen aus der Hallertau - Film von 1964 in der ARD-Mediathek (alpha retro) Bitterstoff - Blog des Deutschen Hopfenmuseums in Wolnzach Publikationen des Deutschen Hopfenmuseums, u.a. "Die Hopfenregion. Hopfenanbau in der Hallertau - Eine Kulturgeschichte" von Christoph Pinzl Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN So ein Hopfengerüst ist ein massives Bauwerk: Viele mächtige Holzsäulen. In sieben Metern Höhe: waagerechte Drähte. Und von dort nach unten: senkrechte Drähte, um die sich die Hopfenranken winden. Sie sprießen jedes Jahr aufs Neue aus ihren Wurzelstöcken, die bis zu 50 Jahre alt werden.  Im zeitigen Frühjahr hat der Hopfenpflanzer Hans Schreier in Pfaffenhofen an der Ilm die Wurzelstöcke beschnitten, um das Wachstum anzuregen. Und dann geht es ganz schnell.  (1. ZUSP.) HANS SCHREIER In dem Augenblick, wo wir Temperaturen um die 20 Grad oder auch 25 Grad bekommen, dann kann der ganz viel und teilweise pro Tag 20, 30 Zentimeter Wachstum vorlegen, und dann hast Du innerhalb weniger Tage eine Pflanze, die dann eigentlich unbedingt Hilfe braucht – das sind dann mehrere Triebe, die man dann an die Drähte anleitet. ERZÄHLERIN Deshalb gehen im April Helferinnen und Helfer von Pflanze zu Pflanze und winden ausgewählte Ranken um die Drähte. (2. ZUSP.) HANS SCHREIER Wenn man das versäumt, oder das Personal nicht zur Verfügung steht, dann hat man Mehrarbeit, weil er dann eigentlich schon zu weit ist, und dann muss man das mit viel mehr Aufwand bewältigen. ERZÄHLERIN Auch heute verlangt der Hopfen noch viel Handarbeit. Bis Maschinen wenigstens die schwersten Arbeiten übernehmen, bis Drahtgerüste die Hallertauer Landschaft prägen: Das ist eine Geschichte von Krisen und Innovationen. MUSIK ELECTROCHEMICAL (LÄNGE: 0´28´´) UNTER: ERZÄHLERIN Seit Bier gebraut wird, braucht man dafür Hopfen – zunächst vor allem um es frisch zu halten, denn Hopfen wirkt anti-bakteriell. Und seit dem Reinheitsgebot von 1516 ist Hopfen auch das einzig erlaubte Gewürz. Ursprünglich wird Hopfen praktisch überall auf kleinen Flächen für den lokalen Brauerei-Bedarf angebaut, sagt Christoph Pinzl, Direktor des Deutschen Hopfenmuseums in Wolnzach. (3. ZUSP.) CHRISTOPH PINZL Es gibt ein paar so Inseln, die etwas mehr machen, ein bisschen über-regionaler arbeiten, die Hallertau ist bis ins achtzehnte Jahrhundert auf alle Fälle kein Hopfenanbaugebiet. Es gibt Hopfen, vielleicht gibt es auch ein bisschen mehr als anderswo, aber als Anbaugebiet, da wäre ich sehr vorsichtig. MUSIK M MASSIVE_1193_008_THE TICK-TOCK OF TIME_LARS KURZ (LÄNGE: 0´42´´) UNTER: ERZÄHLERIN Im 19. Jahrhundert ändert sich Entscheidendes. Der kleinräumige Anbau für den lokalen Bedarf war das Metier von Großgrundbesitzern und dem Bürgertum, ein Nebenverdienst für Ärzte und Lehrer. Einfache Bauern hingegen sind zur so genannten Dreifelderwirtschaft verpflichtet, dem Wechsel einjähriger Kulturen auf den Äckern – die sie auch nur gepachtet haben. Erst als sie ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts ihren eigenen Grund nach eigenen Plänen bewirtschaften können, wird der Hopfen für sie interessant. Weil sie ohne den Zwang der Dreifelderwirtschaft eine mehrjährige Kultur anbauen können. Und weil sie selbst Zugang zum Markt bekommen. [[(4. ZUSP.) CHRISTOPH PINZL Hopfen esse ich nicht selber auf. Das bringt mir direkt gar nichts, ich brauche einen Markt, und diesen Markt muss ich beliefern dürfen, so wie ich das meine.]] M MASSIVE_1193_006_THE TICK-TOCK OF TIME_LARS KURZ (LÄNGE: 0´55´´) UNTER: ERZÄHLERIN Der Markt ist da: Die Bevölkerung nimmt zu, in Bayern von 1816 bis 1870 um mehr als ein Drittel. Und immer mehr Menschen wollen Bier trinken. Damit ist der Weg geebnet für den lukrativen, großflächigen Anbau. Aber kaum kommt der in Schwung, gibt es auch schon die erste Krise: Hölzerne Hopfenstangen, die ursprüngliche Rankhilfe, werden knapp und entsprechend teuer. Zwar gibt es schon lange Ideen für Gerüste mit Schnur oder Draht als Rankhilfe. Aber die Bauern sind zunächst skeptisch gegenüber diesen Experimenten von Großgrundbesitzern und Gelehrten. Die Hallertauer Hopfenbauern entwickeln lieber ihr eigenes, so genanntes Bock-Gerüst. Dafür brauchen sie zwar auch viel Holz. Die nötigen Bauteile können sie aber, anders als die extralangen Hopfenstangen, aus dem eigenen Wald holen und selbst zusammennageln. Statt teure Baumaterialien einzukaufen. (5. ZUSP.) CHRISTOPH PINZL Eigentlich zwar schon ein modernes Gerüst, auf der anderen Seite relativ unpraktisch, weil es mit sehr viel Querstangen aufgebaut hat werden müssen, und gerade die alten Hopfenbauern haben mir immer beschrieben, wie gefährlich das auch war. ERZÄHLERIN Bauern stürzen beim Zusammenbau von der hohen Leiter, verletzen sich schwer, sogar tödlich. Querstangen fallen herunter und erschlagen Erntehelfer. (6. ZUSP.) CHRISTOPH PINZL Aber man hat so versucht, da den richtigen Durchschlupf zu finden. Man war modern, aber nicht ganz modern. Ich behauptet, das ist auch mit ein Geheim¬nis der Hallertau. So ein bissel diese Eigensinnigkeit, diese Eigenständigkeit schon bewahren, aber irgendwo merken: Ab einem gewissen Punkt muss ich jetzt mitmachen. [[ERZÄHLERIN      TEILKÜRZUNGEN MÖGLICH, VORLETZTE KÜRZUNG Ein wichtiges Vorbild ist ein Hof, den eine englische Hopfen-Handelsfirma in den 1860er-Jahren kauft und dort mit modernsten Techniken arbeitet. (7. ZUSP.) CHRISTOPH PINZL Wir wissen auch, dass die Leute da in Scharen hin gepilgert sind und sich das anschauen.  [[ERZÄHLERIN So stehen in der Hallertau bis 1930 überall Drahtgerüste. Fränkische Hopfenbauern verwenden noch in den 1950er-Jahren Hopfenstangen – ihr Anbaugebiet wird dann immer kleiner.]] MUSIK MASSIVE_1182_009_FORCED FLOATATION_MANUEL LOOS; LARS KURZ (LÄNGE: 1´03´´) UNTER: ERZÄHLERIN Parallel zu den Gerüsten werden auch die Werkzeuge nach und nach moderner. Vor allem das Frühjahr ist ursprünglich geprägt von schwerster Handarbeit. Erst befreit man die Hopfenstöcke mit einer primitiven „Hopfenhaue“ vom Frostschutz aus Erde – da werden Tonnenlasten bewegt. Auch von Frauen. Mit dem Aufkommen der Gerüste stehen die Stöcke weiter auseinander, und Hallertauer Schmiede entwickeln extra schmale Pflüge, sodass Ochsen oder Pferde die Last übernehmen können. Solche lokalen Innovationen sind im Hopfenbau die einzige Möglichkeit zur Modernisierung, denn der Markt dieser speziellen Kultur ist viel zu klein für überregionale Firmen. Manche Bauern tüfteln auch selbst, bauen sich eigene Werkzeuge, um sich ihre harte Arbeit zu erleichtern. Dem stehen aber nicht selten Traditionen entgegen. Davon erzählt einer der alten Hopfenbauern, geboren 1919, die Christoph Pinzl für sein Buch „Die Hopfenregion“ interviewt hat: M ZITATE: DRAMEDY EN MINIATURE (E)  (LÄNGE: 0´40´´) UNTER: (8. ZUSP.) ZITATOR (Pinzl: Die Hopfenregion, S. 144) Die meisten Bauern haben gesagt, der Hopfenstock darf nicht geschnitten werden, der verblutet. Jetzt hast‘ alles mit den Händen auszupfen müssen. Da hast‘ arbeiten müssen wie ein Verrückter, damit du beim Ausputzen mitkommst. […] Hände haben wir gehabt wie von Teer. Kohlrabenschwarz. Das hat Monate gedauert, bis du das Zeug wieder weggebracht hast. […] Also, der Hopfenstock ist ja behandelt worden, als wie ein Diamant. ERZÄHLERIN Moderne Drahtanlagen, neue Geräte, bald auch erste, extra schmale Schlepper – der Hopfenanbau wird effizienter, und belegt immer mehr Fläche in der Hallertau. Es geht voran  MUSIK SOFDU UNGA  (LÄNGE: 0´30´´) UNTER: – und dann kommt die fast vernichtende Krise der 1920er-Jahre: Hopfenpflanzen verfärben sich rötlich, werden welk, sterben ab. Die Ursache ist ein Pilz namens „Peronospora“. Der Ertrag sinkt auf ein Viertel der üblichen Menge. Brauerbund und Hopfenhandels-Verband gründen 1926 in Wolnzach die Gesellschaft für Hopfenforschung; Walter König ist heute ihr Geschäftsführer.  (9. ZUSP.) WALTER KÖNIG Die Gründung der Gesellschaft führt darauf zurück, dass die Brauwirtschaft, weil sie ans Reinheitsgebot gebunden ist, Angst hatte keinen Hopfen mehr zu bekommen.  ERZÄHLERIN Man erprobt Gegenmaßnahmen und berät die Bauern, die jetzt erstmals mit Pflanzenschutzmitteln hantieren.  (10. ZUSP.) WALTER KÖNIG [[Man damals, wenn man Bilder heute betrachtet von früher, überhaupt nicht auf Schutzmaßnahmen der Person geachtet,]] die sind da drin gestanden mit der kurzen Hose ohne Atem-Maske und haben zwar den Hopfen gespritzt, aber sich selber sicherlich auch mit geschädigt. ERZÄHLERIN Christoph Pinzl zitiert in seinem Buch die Erinnerung eines Hopfenbauern an die ersten Erfahrungen mit der Chemie: M ZITATE: DRAMEDY EN MINIATURE (E)  (LÄNGE: 0´15´´) UNTER: (11. ZUSP.) ZITATOR (Pinzl: Die Hopfenregion, S. 160) Gespritzt hat man mit Kupferkalk Wacker und mit Kupfervitriol. Das war sauber giftig. Wenn du das länger als eine Stunde in einem Kübel gehabt hast, dann war der durch. Das hast du nur im Holzfass machen dürfen. ERZÄHLERIN Der Pflanzenschutz fordert auch Investitionen. Kleine tragbare „Buckel-Spritzen“ oder „Schubkarren-Spritzen“ bringen nur mit Mühe genug Druck auf, um die Spritzbrühe mehrere Meter hoch an die Hopfenreben zu befördern. Also braucht man eine Maschine. (12. ZUSP.) CHRISTOPH PINZL Und wenn du eine vernünftige gekauft hast, dann waren das schon wieder 2000 Mark. Das ist extrem viel Geld in der Zeit -  ERZÄHLERIN In der Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg, mit beginnender Wirtschaftskrise.  MUSIK ELECTROCHEMICAL  (LÄNGE: 1´06´´) UNTER: Doch nun ist die Hopfenversorgung wieder gesichert, und im Sommer leuchten die Blüten hellgrün zwischen dem dunklen Laub. Dolden werden sie genannt, was botanisch nicht korrekt ist. Sie erinnern an winzige Tannenzapfen, drei, vier Zentimeter lang, mit versetzt übereinanderliegenden Blättchen. Sie verbergen die Quelle für den aromatischen Duft reifer Hopfendolden.  (13. ZUSP.) WALTER KÖNIG Das ist das Lupulin, das sind goldgelbe, kleine Kristallkügelchen, die beinhalten eben die wichtigen Stoffe, das ist die Bittersäure, die das Bier bitter macht, und es sind die Hopfenöle, die dieses markante florale Hopfenaroma ins Bier bringen, was in diesen Lupulin-Körnern drin ist. ERZÄHLERIN Von der sieben Meter hoch rankenden Pflanze mit ihrem dichten Blattwerk braucht man also nur den allerkleinsten Teil: dieses Pulver in den Hopfendolden, das Lupulin. Und deshalb ist die Ernte so aufwändig: Die Dolden müssen vom Rest getrennt werden.  M LUISE  (LÄNGE: 0´35´´) UNTER: Mit der zunehmenden Anbaufläche sind die Landwirte seit Ende des 19. Jahrhunderts für dieses „Hopfen-Zupfen“ auf Hilfe von außen angewiesen. Für drei Wochen ab Mitte August herrscht Ausnahmezustand: In Spitzenzeiten kommen bis zu 150.000 Erntehelfer in die Hallertau – mehr als dort wohnen. Es sind Wanderarbeiter, die anderswo bei der Getreide- oder Kartoffelernte helfen. Oder Menschen aus dem Bayerischen Wald, die einen Zuverdienst gut brauchen können.  (14. ZUSP.) CHRISTOPH PINZL Wir haben schon die Schilderungen gerade auch noch um die Jahrhundert¬wende, bis zum Ersten Weltkrieg, da ging es schon auch rund, also nicht nur immer lustig rund, sondern auch viele Streitereien bis hin zu Mord und Totschlag,  M LUISE  (LÄNGE: 0´56´´) UNTER: ERZÄHLERIN Denn es kommen sehr viele Menschen auf sehr engem Raum zusammen, schlafen in Wirtshaussälen oder Scheunen. Legendär sind allerdings eher die Erzählungen von fröhlichem Beisammensein am Abend – (das folgende leicht anzüglich betonen) und manchmal auch in der Nacht. Die Helfer brauchen einen Ausgleich für die Akkordarbeit: Tag für Tag die Dolden von den rauen Pflanzen zupfen, ohne Handschuhe, die die Fingerfertigkeit behindern würden, ohne helfende Gerätschaften. Am Abend gibt es vielleicht Schweinefett für die geschundenen Finger. Und dann: kommt der letzte Tag der Ernte. (15. Zusp.) Christoph Pinzl Da ist sozusagen Abschlussfeier, das Hopfenmahl, da kann jeder essen und trinken, was er will, [[und essen und trinken war sehr wichtig lange Zeit für alle Beteiligten,]] das Geld wird ausbezahlt, [[ich habe jetzt sozusagen knapp drei Wochen gearbeitet, jetzt kriege ich erst Geld, und kriege richtig Geld auf die Hand,]] alle sind glücklich, alle zufrieden, und das nehmen die mit nach Hause. ERZÄHLERIN In den schwierigen 1920er-Jahren kommen auch Arbeitslose aus den Gro߬städten, während des Zweiten Weltkriegs werden Schüler und Mitglieder der Hitlerjugend oder des Bundes Deutscher Mädel zwangsverpflichtet – sie schaffen aber nicht so viel wie geübte Hopfen-Zupfer. Nach Kriegsende helfen Flüchtlinge bei der Ernte. Viele Frauen bringen ihre Kinder mit, es herrscht eine freundlich-familiäre Stimmung. Aber bald ist kaum noch jemand auf den Lohn für drei Wochen mühselige Arbeit wirklich angewiesen. Und schließlich ist auch der Zuverdienst kein ausreichender Anreiz mehr. Die nächste Krise in der Hallertau: Die Hopfendolden sind reif, aber kaum jemand ist da, um sie zu ernten. Und diesmal ist die Lösung eine in jeder Hinsicht gewaltige Innovation: 1955 kommt die erste Hopfen-Pflückmaschine in die Hallertau, aus England. Jetzt reißen Finger aus Metall die Dolden ab – nur ein paar Helfer müssen dem furchteinflößenden stählernen Monstrum die Hopfenreben zuführen. 60-tausend Mark kostet die Maschine, so viel wie zwei Einfamilienhäuser in München. Dazu braucht man eine Halle – die Maschine ist 25 Meter lang, acht Meter hoch. Einer der Hopfenbauern, die Christoph Pinzl interviewt hat, erinnert sich: M ZITATE: DRAMEDY EN MINIATURE (C)  (LÄNGE: 0´12´´) UNTER: (16. ZUSP.) ZITATOR (Pinzl: Die Hopfenregion; S. 234) Seitdem, dass die Hopfenzupfmaschine auf dem Hof ist, kommst Du aus den Schulden nicht mehr raus. Weil die Rösser sind früher immer nachgewachsen. ERZÄHLERIN Die unvermeidliche Investition in neue Technik lohnt sich nur für größere Mengen, deshalb geben kleinere Höfe den Anbau auf. Ende der 50er-Jahre gab es knapp 8000 [[Hopfen-Betriebe]] in der Hallertau, zur Jahrtausendwende noch knapp 1600 – derzeit gut 800. MUSIK ELEKTROCHEMICAL  (LÄNGE: 1´36´´) UNTER: ERZÄHLERIN Auf das Hopfenzupfen folgt der diffizilste Arbeitsschritt des Hopfenanbaus: Die frisch gezupften Hopfendolden müssen getrocknet werden. Ursprünglich einfach auf Dachböden oder auch in der Sonne – aber das tut dem Lupulin nicht gut. Also entstehen so genannte Hopfen-Darren – hohe Gebäude, an denen man einen Hopfen-Hof bis heute erkennt. Nirgendwo entwickelt sich die Trockentechnik so schnell wie in der Hallertau. Weil man sich die neuen Gebäude leisten kann. Und auch weil ein Wolnzacher Zimmerer-Meister ab 1896 die so genannte Hallertauer Darre baut. Das Prinzip ist, in zeitgemäßer Form, bis heute aktuell: Unten steht ein Ofen, heiße Luft wird durch Metallrohe nach oben geleitet. Auf mehreren Ebenen liegen die Hopfendolden in flachen Kästen, so genannte Horden, anfangs auch auf Leintuch. Die frischen Dolden liegen zunächst ganz oben, werden nach einer Weile auf die nächst-tiefere Ebene umgeschüttet und kommen schließlich perfekt getrocknet unten an. [[Wenn nichts schief geht – noch heute gehen jedes Jahr in der Hallertau zwei, drei Hopfendarren samt Ernte in Flammen auf; früher, mit Holz- oder Brikettfeuerung, passierte das noch häufiger.]]  Weil der Wassergehalt entscheidend ist für die Qualität des Hopfens, überwacht der Hopfenbauer persönlich den Trockenvorgang. Aber mit der Hopfenzupf-Maschine gerät der gewohnte Ablauf der Ernte aus den Fugen. (17. ZUSP.) CHRISTOPH PINZL Diese Pflückmaschine macht natürlich in ein paar Stunden das, was vorher die Hopfenzupfer in drei Wochen gemacht haben. Tagsüber schafft es die Darre gar nicht, die ist viel zu klein ERZÄHLERIN Also wird rund um die Uhr getrocknet – und die Bauern müssen ständig ihre Darre überwachen. Einer von ihnen erzählte Christoph Pinzl im Interview, dass er einmal in 15 Tagen nur elf Stunden geschlafen habe. Ein anderer erinnert sich an einen Trick seines Schwiegervaters: M ZITATE: DRAMEDY EN MINIATURE (D)  (LÄNGE: 0´12´´) UNTER: (18. ZUSP.) ZITATOR (Pinzl: Die Hopfenregion; S. 252) Der hat ein Holzscheit genommen und ein Brett, hat das Holzscheit hingestellt und das Brett drauf, und da hat er sich draufgesetzt. Und wenn er eingeschlafen ist, dann ist er runtergefallen. ERZÄHLERIN Heute sind die Hopfendarren groß genug, und elektronische Messfühler registrieren den Wassergehalt. Aber für den Hopfenpflanzer Hans Schreier aus Pfaffenhofen gilt bis heute:  (19. ZUSP.) HANS SCHREIER Die letzte Entscheidung treffe auch ich immer noch durch visuelles Begutachten von den Hopfendolden und auch mit den Fingern. Weil: Die ganze Technik, gutes Hilfsmittel, kann einen aber auch täuschen, und dann hast‘ ein Problem. ERZÄHLERIN Erfahrung und Geschick sind auch entscheidend für den letzten Schritt im Hopfenanbau: den Verkauf. Es beginnt das „Hopfen-Roulette“. (20. ZUSP.) CHRISTOPH PINZL            LEZTE KÜRZUNG Du hast da deine Ernte, alles bestens, aber du weißt überhaupt nicht, was du dafür bekommst. [[Und das entscheidet sich auf irgendeinem anonymen, eigentlich Weltmarkt mit diesen Händlern mit den Bierbrauern, und alle versuchen, ein gutes Geschäft zu machen, und zum Teil haben sie enorme Geschäfte machen können, aber auch alles verlieren können.]] Das ist auf der einen Seite sehr belastend. Aber faszinierend, ein bisschen wie Glücksspiel halt. ERZÄHLERIN Schlage ich zu früh ein, warte ich zu lange? Beides ist riskant.  M FRICTION 8 (LÄNGE: 0´45´´) UNTER: Um stets über die Marktpreise auf dem Laufenden zu sein, nutzen Hopfenbauern schon im 19. Jahrhundert die modernsten Informationstechnologien. In Geisenfeld mit seinen damals rund 2000 Einwohnern sollen im Jahr 1879 von September bis Dezember rund 2200 Telegramme das örtliche Telegrafenamt durchlaufen haben. Wenn nicht gerade jemand die Telegrafenleitungen durchgeschnitten hatte – angeblich im Auftrag von Hopfenhändlern. Und schon wenige Jahre nachdem in Berlin die ersten Telefonate geführt wurden, gibt es in der Hallertau sehr viel mehr Telefone als in anderen ländlichen Gegenden. MUSIK WEG ERZÄHLERIN Der Hopfen verlässt den Hof, die Hallertau, Bayern – im Lauf des 20. Jahrhunderts auch zunehmend Deutschland und Europa. Seit 1967 ist die Hallertau das größte Hopfenanbaugebiet der Welt, mit kleinen Unterbrechungen, berichtet Walter König, Geschäftsführer der Gesellschaft für Hopfenforschung. Rund 80 Prozent der Ernte wird exportiert. (21. ZUSP.) WALTER KÖNIG Wir produzieren hier gut ein Drittel der Welt-Hopfen-Bedarfsmenge; in den USA sind jetzt aufgrund des Abflauens des Craft-Bier Marktes über 2000 Hektar Hopfen aus der Produktion genommen worden, es ist immer so ein kleines Kopf-an-Kopf-Rennen. Jetzt hat die Hallertau wieder den Kopf vorne. ERZÄHLERIN Mit mehr als 17-tausend Hektar Anbaufläche. Craft-Bier, also: handwerklich gebrautes Bier, kommt ab den 1970er-Jahren in den USA auf. [[Als Gegenpol zu den Standard-Biersorten der wenigen großen Brauereien, die die Prohibition der 1920er-Jahre überlebt hatten. Tausende kleine Brauereien entstehen dort – und die Craft-Bier-Welle schwappt auch nach Europa.]] Mit der Beliebtheit des neuen Bier-Stils steigt der Hopfen-Bedarf. (22. ZUSP.) WALTER KÖNIG Die Brauer nutzen natürlich den Hopfen sehr gut aus, man nennt das die Hopfenausbeute, Hopfen ist teuer. Für ein Helles oder Pils, wie wir es hier kennen, werden ungefähr 120 bis 200 Gramm Hopfen für hundert Liter eingesetzt, in der Craft-Bier-Szene verwendet man in der Regel acht- bis zehnmal so viel Hopfen, da wird schon mal mit einem Kilo oder mehr pro hundert Liter gearbeitet.  MUSIK ELEKTROCHEMICAL  (LÄNGE: 0´26´´) UNTER: ERZÄHLERIN Weil Aromahopfen deutlich weniger Bitterstoffe enthält, die jedes Bier braucht. Mit dem Craft-Bier-Boom nimmt auch die Vielfalt der Hopfen-Sorten zu. Ursprünglich gibt es einerseits Bitterhopfen, dessen Lupulin-Körner vor allem Bitterstoffe enthalten, andererseits Aromahopfen, bei dem das Hopfen-Öl die Hauptrolle spielt. (23. ZUSP.) WALTER KÖNIG Und mittlerweile gibt es auch eine dritte Kategorie das sind die speziellen Aromasorten, die man im Laufe der Craft-Bier-Bewegung gezüchtet hat, und die Aroma-Varianten nach Zitrus, tropischen Früchten, schwarze Johannisbeere und so weiter ins Bier bringen, wenn man sie im Brauprozess dementsprechend einsetzt. ERZÄHLERIN Nach dem Craft-Bier mit seiner besonderen Wertschätzung des Hopfens ist die jüngste Entwicklung wieder eine Krise – die aber nicht nur den Hopfenanbau trifft. In immer mehr Hopfengärten sind Kästen mit Steuerungsgeräten installiert, und am Boden liegen Schläuche. Auch bei Hans Schreier. In regelmäßigen Abständen breitet sich ein feuchter Fleck auf dem Boden aus.  (24. ZUSP.) HANS SCHREIER Wir dürfen über die Tropfbewässerung, über die Schläuche pro Jahr 1000 Kubikmeter Wasser ausbringen, also man kann 100 Liter Niederschlag ersetzen. Wenn man bedenkt, dass man bei uns in der Gegend einen Jahresniederschlag von 700 Liter, 750 Liter idealerweise hätte, dann ist 100 gar nicht so viel. ERZÄHLERIN Entscheidend ist die Versorgung im Juni, Juli und August. Mit der Tropf-Bewässerung landet das Wasser direkt an den so genannten Sommerwurzeln: Feine weiße Fäden in den obersten Zentimetern des Bodens. Noch dazu ist das Wasser in den Schläuchen mit Nährstoffen angereichert. (25. ZUSP.) HANS SCHREIER Das ist, wie wenn ein Mensch eine Infusion kriegt, man kann dann ohne Verluste sehr gezielt die Pflanze, sage ich mal, füttern, und somit auch zum guten Ergebnis beitragen. MUSIK SOFDU UNGA  (LÄNGE: 0´34´´) UNTER: ERZÄHLERIN In Dürrejahren wie 2018, 2019 ist der Klimawandel existenzbedrohend – für Betriebe, die keine Bewässerungsanlage haben. Der Hallertauer Hopfenpflanzer-Verband möchte deshalb Wasser aus der Donau ableiten, wenn die Pegel hoch sind, und für den Sommer speichern, damit noch mehr Hopfengärten bewässert werden können; derzeit reichen die Genehmigungen nur für 20 Prozent. Gleichzeitig werden auch klima-stabile Sorten gezüchtet, mit besonders vielen, tief reichenden Wurzeln. ERZÄHLERIN Es ist wie immer in der Geschichte des Hallertauer Hopfenanbaus: wieder eine Krise, wieder wird sie bewältigt: Mit Innovationen und Investitionen. Mit neuer Technik und mit Tüftelei. Der Hopfenanbau ist so speziell, der Umfang im Vergleich zur restlichen Landwirtschaft so klein, dass die Hopfenpflanzer auf sich selbst gestellt sind, um Krisen zu bewältigen – unterstützt von der Brauwirtschaft. Denn die ist auf den Hopfen angewiesen. Deshalb werden die sieben Meter hohen Rank-Gerüste auch weiter die Landschaft der Hallertau prägen, dem größten Hopfenanbau-Gebiet der Welt.
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Oct 8, 2024 • 25min

Die Wiener Sezession - Der Kunst ihre Freiheit

Um 1900 suchen die Wiener Sezessionisten, allen voran Gustav Klimt, Anschluss an die europäische Avantgarde in der bildenden Kunst. Sie rebellieren gegen den rückwärtsgewandten Kunstgeschmack der etablierten Kunstinstitutionen und geben sich ein provokantes Motto: der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit. Von Brigitte KohnCredits Autorin dieser Folge: Brigitte Kohn Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Andreas Neumann Technik: Simon Lobenhofer Redaktion: Karin Becker Im Interview:Dr. Mona Horncastle, Kunsthistorikerin, Kuratorin, Autorin, Klimt-BiographinDr. Thomas Moser, Kunsthistoriker, technische Universität Wien Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren:Margaret Stonborough-Wittgenstein - Mit Geld und Moral JETZT ENTDECKEN Jugendstil - Natur als Kunst, Schönheit und Revolte JETZT ENTDECKEN Gustav Klimt - Der Wiener Maler und der Kuss JETZT ENTDECKEN Die Wiener Werkstätte und die Frauen JETZT ENTDECKEN Literatur: Horncastle, Monika, Weidinger, Alfred: Gustav Klimt. Die Biografie. Brandstätter Verlag Wien 2018. Gut lesbare, spannende Biografie über den Jahrhundertkünstler und die Wiener Kunstszene seiner Zeit. Schulze, Sabine (Hrsg.): Sehnsucht nach Glück. Wiens Aufbruch in die Moderne. Klimt, Kokoschka, Schiele: Verlag Gernd Hatje 1997. Abbildungen, Bildinterpretationen, Essays zu einzelnen Künstlern, Motiven und europäischen Beziehungen der Sezession. Moser, Thomas: Körper und Objekte. Kraft- und Berührungserfahrungen in Kunst und Wissenschaft um 1900. Dissertation, Fink Verlag München 2022. Wissenschaftliche Arbeit über europäische Kunst um 1900 und die Querverbindungen zwischen Kunst und Wissenschaft. Theoretischer Zugang: sinnesphysiologische Wahrnehmung, Tastsinn Wunberg, Gotthart: Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910. Stuttgart Reclam 1981. Originaltexte der Literaten, Philosophen, Psychologen und sezessionsfreundlichen Publizisten (z. B. Hermann Bahr) der Wiener Moderne mit Einführung und Erläuterungen. Vergo,Peter: Kunst in Wien Klimt-Kokoschka-Schiele. 1898 – 1918.  Edel books Neumühlen o. J. Bildband mit viel Text  über die im Untertitel genannten Künstler und andere Künstler der Wiener Sezession, inklusive der Architekten und der Wiener Werkstätte Linktipps: Internetseite von Gesprächspartnerin Dr. Mona Horncastle HIER Internetseite von Gesprächspartner Dr. Thomas Moser HIER Internetseite zur Ausstellung über die Sezessionen in Wien, München, Berlin HIER  Internetseite Leopold-Museum Wien 1900 HIER Internetseite Wiener Secession heute HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR BAHR: „In Europa weiß man von Wien, dass dort immer Sonntag ist, immer am Herd sich der Spieß dreht …, dass es „halt“ die Stadt der Backhendel, der feschen Fiaker und der weltberühmten Gemütlichkeit ist.“ ERZÄHLERIN: Der österreichische Schriftsteller Hermann Bahr hasst Wien und liebt es zugleich, wie viele seiner fortschrittlichen Zeitgenossen. Am Ende des 19. Jahrhunderts ist die Hauptstadt der österreich-ungarischen Doppelmonarchie einerseits so konservativ-katholisch geprägt wie eh und je und andererseits ein weithin ausstrahlender intellektueller Brennpunkt.  Musik:  For Alban Berg 0‘27 Die Wiener Moderne formiert sich. Literaten, bildende Künstler, Musiker und Wissenschaftler treffen sich in den Caféhäusern und führen intensive Debatten. Die Industrialisierung und der Aufschwung von Technik und Naturwissenschaft verändern das Leben und Denken, soziale Reformideen breiten sich aus, und rivalisierende politische Ideologien bekämpfen sich. Sigmund Freud entwickelt in Wien die Psychoanalyse, die auch die Künstler stark beeinflusst: Auch sie wenden sich nun verstärkt dem individuellen inneren Erleben zu. Derweil erbaut die Stadt Wien ihre berühmte Ringstraße ganz im repräsentativen Stil des Historismus. Ein Prachtbau nach dem anderen erinnert entweder an die Antike, die Gotik oder die Renaissance, nur nicht an die Gegenwart. Das stört den Publizisten Hermann Bahr. Musik:  Stück für Klavier h-Moll 0‘25 ZITATOR BAHR: „Wir sind keine barocken Menschen, wir leben nicht in der Renaissance, warum wollen wir so tun? Das Leben ist anders geworden, (…) da muss auch das Bauen der Menschen anders werden, ihrem neuen Sinn und ihrem neuen Tun gemäß.“ ERZÄHLERIN: Nicht nur das Bauen, alle Kunst muss anders werden. Aber in den konservativen Wiener Kunstakademien und Künstlervereinigungen schottet man sich ab gegen die europäische Avantgarde, sehr zum Verdruss der jungen Künstlergeneration, die weltoffen sein und gleichzeitig die Eigenheit des Vielvölkerstaates Österreich in die internationale Kunstszene einbringen will. Die Spannungen entladen sich im Jahr 1894 in einem Kunstskandal, wie Wien ihn noch nie erlebt hat. Der aufstrebende Dekorationsmaler Gustav Klimt soll die Aula der neuen Universität mit Allegorien auf die Philosophie, Theologie, Jurisprudenz und Medizin ausstatten. Klimt aber entfernt sich beim Malen seiner Fakultätsbilder stark von den Vorstellungen der Honoratioren; er malt im Stil des modernen Symbolismus. Man sieht einen Totenschädel im Bild der Medizin und einen nackten, alten, verzweifelt grübelnden Mann, umgeben von nackten, verführerischen Frauengestalten, im Bild der Philosophie: Eros und Tod kennzeichnen die Begrenztheit des menschlichen Strebens nach Wissen. Das missfällt den ehrengeachteten Professoren fast noch mehr als Klimts unkonventioneller Umgang mit Nacktheit. Bei ihm sieht man sehr viele lüsterne Blicke und bisweilen sogar das Schamhaar! Ein Proteststurm bricht los und fegt durch die ganze Stadt. Die Professoren sehen die Moral der studierenden Jugend gefährdet, sagt die Kunsthistorikerin und Klimt-Biographin Mona Horncastle. 01 O-TON DR. MONA HORNCASTLE Die möchten, dass er Dinge nachbessert, letztendlich zensieren sie ihn. Und Klimt ist erbost. Er rückt die Bilder auch gar nicht raus, zahlt sein Honorar zurück. Und in der Folge nimmt er nie wieder einen Staatsauftrag an. Musik:  Erinnerung für Klavier 1‘09 ERZÄHLERIN: Es gibt neben Klimt viele weitere Künstler in Wien, deren Schaffen von den damals modernen Kunstrichtungen geprägt ist. Oft sind sie auf mehreren Gebieten gleichzeitig tätig. Klimts enger Freund Carl Moll malt hauptsächlich Landschaften und Stillleben im Stil des Impressionismus, er ist zugleich ein Meister des Holzfarbschnitts und betätigt sich auch als Kunstschriftsteller. Ernst Stöhr ist Maler, aber auch ein anerkannter Musiker und Dichter. Die Künste zueinander in Beziehung setzen, das wollen alle, die sich am 3. April 1897 in der „Vereinigung der bildenden Künstler Österreichs“, kurz Wiener Secession genannt, zusammenschließen. Neben den bereits Genannten entschließen sich unter anderen auch der von Naturalismus und Realismus geprägte Maler Josef Engelhart, die Architekten Joseph Maria Olbrich, Otto Wagner und Josef Hoffmann und der Kunstgewerbler Koloman Moser für eine Mitgliedschaft.  Die Bauten der sezessionistischen Architekten und Stadtplaner prägen Wien bis heute. Sie umfassen ein breites Spektrum, darunter Heil- und Pflegeanstalten, Villen, Kirchen und Wohnhäuser. Es werden häufig radikal neue Materialien wie Beton, Glas und Eisen verwendet, die widerstandsfähig gegen Umweltverschmutzung und Witterungseinflüsse sind und dem wachsenden Hygienebewusstsein der Moderne Rechnung tragen. Die glasierten Platten an Otto Wagners Majolikahaus sind noch dazu, typisch für den Jugendstil, mit farbenprächtigen floralen Motiven verziert.   Musik:  Erinnerung für Klavier 0‘45 ERZÄHLERIN Aber die künstlerisch überragende Größe unter den Sezessionisten ist Gustav Klimt, und er ist auch der erste Präsident der Sezession. Sezession bedeutet Abspaltung; gemeint ist die Abspaltung von etablierten künstlerischen Traditionen und Institutionen wie den Kunstakademien der Zeit. Sezessionen gibt es auch in München und etwas später auch in Berlin. Die Wiener verzichten auf ein Programm. Jeder Künstler geht seine eigenen Wege und knüpft Kontakte zu unterschiedlichen Kollegen in anderen europäischen Ländern, um sie zur Teilnahme an den geplanten Ausstellungen zu bewegen, sagt der Kunsthistoriker Thomas Moser von der Technischen Universität Wien: 02 O-TON DR. THOMAS MOSER: Diese sehr starke Vernetzung hat auch zu einem Stilpluralismus geführt. Ein Nebeneinander von sehr unterschiedlichen Stilen hat sich auch in der Sezession niedergeschlagen. Es ist eine sehr vielstimmige Bewegung. Musik:  2. Satz Tempo di Menuetto 0‘31 ERZÄHLERIN: Die Zeitschrift der Wiener Sezessionisten, die im Januar 1898 zum ersten Mal erscheint, heißt „Ver sacrum“, übersetzt „heiliger Frühling“. Sie ist graphisch sehr aufwändig im Jugendstil gestaltet: geschwungene Linien, florale Formen. Das Titelblatt schmückt ein Bäumchen, dessen Wurzeln den Pflanztrog sprengen.  03 O-TON DR. THOMAS MOSER:  Der Jugendstil leitet sich sprachlich ab von der Zeitschrift „Die Jugend“, die in München verlegt worden ist. Letzten Endes muss man sagen, dass der Jugendstil eine Art Sammelbegriff ist, in Frankreich sind dann andere Begriffe, eben „Art Nouveau“, die neue Kunst, eher üblich. In Spanien ist es der „Modernismo“, in Italien der „Stile Liberti“. ERZÄHLERIN: Ver Sacrum stellt Verbindungslinien zwischen bildender Kunst, Literatur und Musik her. Sie versteht sich als Gesamtkunstwerk und propagiert diese Idee: Alle Künste sollen zusammenwirken, damit sich die von Industrialisierung, von ethnischen Spannungen im Vielvölkerstaat und Umbrüchen im sozialen Gefüge getriebene Epoche positiv in ihnen spiegeln und einer erlösten Zukunft zustreben kann.  04 O-TON DR. MONA HORNCASTLE: Die Sezessionisten wollten nicht schockieren, sondern sie haben sehr stark auf Vermittlung gesetzt, weil sie die Kunst in den Alltag der Menschen bringen wollten. Die Sezessionisten hatten eine Mission und haben daran geglaubt, dass Kunst politisch ist. Weil sie das Leben ästhetisiert oder verfeinert, wie man damals gesagt hat, und damit das Wertesystem der Gesellschaft. Das hehre Ziel der Sezessionisten war also nichts Geringeres als Weltrettung durch Kunst. Musik:  Poem für Klavier 0‘28 ERZÄHLERIN: 1898 organisieren die Sezessionisten die erste Ausstellung, in den Räumen der Wiener Gartenbaugesellschaft.  Gezeigt werden vor allem Werke ausländischer Künstler, die die Wiener noch nie gesehen haben. Die Räume sind kostbar ausgestattet. Jedes Bild kommt gut zur Geltung und korrespondiert mit seiner Umgebung; diese Sorgfalt ist etwas ganz Neues in dieser Zeit. Die Wiener, die in Scharen herbeiströmen, nehmen ein ganzheitliches ästhetisches Erlebnis mit nach Hause. Selbst Kaiser Franz Joseph lässt sich empfangen, kauft aber nichts, hält also Distanz. Doch viele reiche Wiener Bürger wollen die Bilder haben, und anschließend ist genug Geld in der Kasse, um ein eigenes Ausstellungsgebäude in der Nähe des Karlsplatzes zu bauen.  05 O-TON DR.THOMAS MOSER: Zunächst ist aber geplant gewesen, den Bau für die Sezession am Opernring noch prestigeträchtiger zu platzieren. Das hat allerdings sowohl im Gemeinderat als auch im Kriegsministerium, das wäre gegenüber gewesen und war Besitzer des Baugrunds, zu heftigen Diskussionen geführt. Das Kriegsministerium hat befürchtet, dass seine Ländereien durch die vermeintlich modernistische Verschandelung an Wert verlieren würden, und enorme Preise aufgerufen, so dass als Kompromiss ein anderer Ort gefunden worden ist. ERZÄHLERIN: Der Sezessionsbau gilt mit seinen kubischen Formen und seiner auffälligen Kuppel aus vergoldeten schmiedeeisernen Lorbeerblättern als programmatische Absage an den Historismus und als Paradebeispiel für den Jugendstil in der Architektur. Er ist in moderner Weise zweckgebunden, widersteht aber mit seinem reichen Dekor und den edlen Materialien der funktionalen Nüchternheit des Industriezeitalters. Unterhalb der Kuppel prangt das Motto der Wiener Sezession in goldenen Buchstaben. ZITATOR: Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit. Musik:  Ode an die Freude 0‘49  ERZÄHLERIN: Im Jahre 1902, anlässlich der 14. Ausstellung, bekommt die Öffentlichkeit Klimts Beethovenfries zu sehen, der noch heute im Sezessionsgebäude betrachtet werden kann.  07 O-TON DR. MONA HORNCASTLE: Beethoven um 1900 – das war ein Superstar. Klimt malt sich an seinem Fries an der 9. Sinfonie entlang. Die hat Richard Wagner als Erster als Gesamtkunstwerk bezeichnet. Das verarbeitet Klimt, und natürlich verarbeitet er auch Schillers Ode an die Freude. Die ist bei ihm im Bild aber nicht nur ein Triumphgesang, sondern das war Beethovens Gassenhauer zu der Zeit. Die Melodie hatte echt jeder im Ohr. Und so hat es Klimt geschafft, ein synästhetisches Gesamtkunstwerk zu schaffen in seinem Fries, und da packt er dann noch ganz viel Zeitgeist rein, weil: Was Klimt da malt, das ist musikalisch, das ist eine kultische Verehrung Beethovens als Genie, und das ist ein existentieller Fiebertraum.  ERZÄHLERIN: Der Fries, eine zusammenhängende Bilderfolge, zeigt den Menschen, so schildert es Klimts Biografin Mona Horncastle, in seinem Ringen mit Krankheit, Wahnsinn und Tod, mit seiner Sehnsucht nach Glück und Erfüllung, und alles strebt auf das eine triumphale Ziel hin: Freude schöner Götterfunken, die Ode an die Freude. Zwischendrin zeigt auch ein Affe seine Zähne. Möglicherweise erinnert er an die Macht der sexuellen Triebe, die Sigmund Freud aus der Tabuzone geholt hat, möglicherweise auch an Darwins Evolutionstheorie, die im 19. Jahrhundert das Menschenbild und das Naturverhältnis revolutioniert. Die konservativen Wiener Bürger wollen aber durchaus nicht vom Affen abstammen und ärgern sich auch und zum wiederholten Male über Klimts nackte Frauen, weil diese eben nicht so züchtig aussehen wie die nackten Liebesgöttinnen der Kunstgeschichte. Die Wiener hätten sich mit Klimts nackten Frauen vielleicht ganz gern arrangiert, wenn er sie ausschließlich im Glanz der Jugend dargestellt hätte …  09 O-TON  DR. MONA HORNCASTLE: Aber Klimt zeigt sie eben in allen Lebensphasen. Er zeigt sie jung und alt und schwanger und krank und gebrechlich. Das macht er in seinen symbolistischen Gemälden wie eben auch in dem Beethovenfries immer, weil er das Leben nicht beschönigen möchte und weil das ganz existentiell ist für sein Verständnis des Gesamtkunstwerkes. Na ja, was seine Kritiker aber sehen, ist vor allem das Skandalöse.  ERZÄHLERIN:  Dabei kann Klimt noch ganz anders. Seine Aktzeichnungen hält er zu  Lebzeiten sorgfältig unter Verschluss. Mit Frauen, die sich selbst befriedigen, wäre die Öffentlichkeit heillos überfordert gewesen. Es reicht schon, dass Klimt niemals heiratet, aber Liebesverhältnisse mit einigen seiner Modelle unterhält und einige uneheliche Kinder hat. 10 O-TON HORNCASTLE: Klimt legt diese Zeichnungen immer als Serie an, mit bis zu 15 Blättern, und auf diesen Blättern sehen wir alle Stadien der weiblichen Selbstliebe. Klimt setzt in ihnen der Lust der Frau ein Denkmal und gesteht den Frauen zu, was seine Geschlechtsgenossen ihnen absprechen. Nämlich sexuelle Selbstbestimmung und damit Macht. Musik:  4. Satz Adagietto 0‘51 ERZÄHLERIN: Klimt setzt die Frauen auch in seiner Porträtkunst machtvoll in Szene, allerdings ganz anders. Vom Körper sind nur Gesicht und Hände sichtbar, der Rest verschwindet unter ornamentreichen Gewändern, die, flächig gestaltet, mit dem ebenso ornamental gestalteten Hintergrund verschmelzen. Betrachtet man Gesicht und Hände, so findet man einen Zugang zum Seelenleben der dargestellten Frau, man kann sich ihren einzigartigen Charakter vorstellen; während die prachtvolle Ornamentik die allgemeine kulturelle Bedeutung von Weiblichkeit für das Kunstschaffen in Szene setzt und den repräsentativen Charakter des Gemäldes betont. Diese Porträts sind regelmäßiger Teil der Ausstellungen und Klimts Haupteinnahmequelle. Die Auftraggeber stammen meist aus dem jüdischen Großbürgertum. Natürlich sind nicht alle Wiener Juden reich, es strömen auch zahllose bitterarme Juden gerade aus dem Osten in die Hauptstadt des Kaiserreiches; aber wenn sie reich und gebildet sind, so haben sie oft einen unkonventionelleren Kunstgeschmack, als das katholische Bürgertum, und unterstützen vor allem Klimt, aber auch andere Sezessionisten großzügig mit Aufträgen und ihrer Sammlertätigkeit. Klimt kann sich seine Kunden aussuchen. 12 O-TON DR. MONA HORNCASTLE: Wenn ihn eine Frau ihn nicht interessiert, dann porträtiert er sie nicht. Das war übrigens nicht ganz günstig. Ein Porträt von Klimt hat so ungefähr 10 000 Kronen gekostet, das entspricht knapp siebzigtausend Euro.  MUSIK:  4 Stücke für Klarinette und Klavier, Nr.3 sehr rasch 0‘38 ERZÄHLERIN: Um 1900 gibt es Spannungen im Geschlechterverhältnis, denn immer mehr Frauen wollen sich der männlichen Dominanz entziehen und auf eigenen Beinen stehen. Warum wendet die Frau in Klimts berühmtem Bild „Der Kuss“ ihr Gesicht ab und bietet dem Mann nur die Wange dar? Hält sie die Hand des Mannes auf ihrer Schulter fest, um ihn von gewagteren Erkundungen abzuhalten? Will sie Abhängigkeit vermeiden, ihre Souveränität behaupten, bei aller im wörtlichen Sinne kniefälligen Hingabe an den bewunderten Geliebten? Manche Experten erkennen im Antlitz der Frau Klimts enge Gefährtin Emilie Flöge, die als selbstständige Designerin arbeitet. Unter anderem entwirft sie locker fallende, modern gemusterte Reformkleider, um die Frauen von Korsett und Mieder zu befreien, sagt Mona Horncastle. 13 O-TON MONA HORNCASTLE Die beiden, die Starken, als Liebespaar, haben eine Affäre. Die beendet Emilie aber, weil Klimt notorisch untreu ist. Aber sie bleiben, trotz allem, enge Vertraute, und sie teilen sich auch ihre Auftraggeberinnen. Ihr Atelier lässt sich Emilie Flöge übrigens von der Wiener Werkstätte einrichten, und wenn man eine Tapete der Wiener Werkstätte mit einem Stoffmuster von Emilie Flöge vergleicht, dann sieht man sofort die geistige und auch die ästhetische Nähe.  ERZÄHLERIN: 1903 wird diese Wiener Werkstätte im Umfeld der Sezession gegründet. Sie verbindet die elaborierten Techniken des traditionsreichen österreichischen Kunsthandwerks mit dem Formenreichtum des neuen Jugendstildesigns. Ausgewählte Arbeiten wie zum Beispiel Möbelstücke werden regelmäßig auch auf den Ausstellungen gezeigt. Schließlich hat schon die erste Ausgabe der Zeitschrift Ver sacrum ihren Lesern versprochen, dass die Kunst auch den Alltag der Menschen erhellen solle: Musik:  Sonate für Klavier op 1 0‘32 ZITATOR VER SACRUM:  „Wenn du keine Bilder magst, so wollen wir dir deine Wände mit herrlichen Tapeten schmücken. … Oder willst du ein köstliches Geschmeide, ein seltsam Gewebe, um dein Weib oder deine Geliebte damit zu schmücken? …  Wir wollen dir beweisen, dass du eine neue Welt kennen lernst, dass du ein Mitdenker und ein Mitbesitzer von Dingen bist, deren Schönheit du nicht ahnst, deren Süße du noch nie gekostet hast!" ERZÄHLERIN:  Einer der Gründer der Wiener Werkstätte ist der äußerst vielseitig begabte Koloman Moser, der als Graphiker, Ausstellungsgestalter und Möbel- und Stoffdesigner arbeitet. Moser bereichert den hauptsächlich floral geprägten Wiener Jugendstil um geometrische Formen und lässt sich auch von japanischer Kunst inspirieren. Die Produkte der Wiener Werkstätte sind meist kostbar und teuer. 14 O-TON DR. THOMAS MOSER: Grundsätzlich ist es so, dass die Idee des Gesamtkunstwerks, die Verschränkung zwischen Kunst und Leben, bis heute ein wichtiges künstlerisches Thema geblieben ist. Man muss aber schon feststellen, dass das Vorhaben, Kunst zu demokratisieren, letztlich als gescheitert zu bewerten ist, weil es sich eben doch um Elitenphänomene gehandelt hat.  ERZÄHLERIN: Bald werfen große Fabrikanten preiswerte Kopien auf den Markt, und der Jugendstil wird zur Modeerscheinung. Der wachsende Erfolg und die unvermeidliche Kommerzialisierung führen dazu, dass unterschiedliche Kunstauffassungen innerhalb der Künstlervereinigung nicht mehr wie früher integriert werden können, sondern zu heftigen Streitigkeiten führen. Soll man das Kunstgewerbe nicht lieber lassen und sich ganz auf die Malerei konzentrieren, soll man Klimts innovativem Wagemut folgen oder sich doch mehr auf impressionistische und naturalistische Malweisen konzentrieren, die zu dieser Zeit für viele Mitglieder modern genug waren? Vor allem Josef Engelhart, ein damals berühmter Maler und einflussreich im Kreis der Sezessionisten, opponiert gegen Klimts Hang zu Ornament, Ästhetizismus und Abstraktion, und seine Anhänger stimmen ihm zu. Fronten bilden sich, und schließlich treten Gustav Klimt, Koloman Moser, Carl Moll und andere aus der Sezession aus. Diese besteht, mit Unterbrechung durch ein Verbot durch die Nationalsozialisten, bis heute fort und widmet sich der Förderung avantgardistischer Kunst der Gegenwart. Noch heute betont sie ihre  Unabhängigkeit, genau wie ihre fest in den Kanon der Kunstgeschichte eingegangenen Gründerväter um 1900. Thomas Moser sagt, 15 O-TON THOMAS MOSER: „… dass die Sezession als Teil einer sehr viel größeren, auch länger andauernden gesamteuropäischen Entwicklung zu verstehen ist, die Kritik an den etablierten Einrichtungen des Kunstbetriebs geübt hat und eine vehemente Kritik am Kunstmarkt. Das wäre später, soweit kann man sich vielleicht aus dem Fenster lehnen, nicht denkbar gewesen, hätten nicht unter anderem die Wiener Sezessionisten diese Pionierarbeit geleistet. Musik: Abend auf dem Lande für Klavier 1‘09 ERZÄHLERIN: Nach 1905 haben die verbliebenen Sezessionisten mit dem Problem zu kämpfen, dass nicht sie selbst, sondern die Abtrünnigen um Klimt die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Klimts Ruhm strahlt inzwischen so hell, dass er keine Gruppe mehr braucht. Klimt ist es auch, der die nachfolgende Künstlergeneration großzügig fördert, Egon Schiele und Oskar Kokoschka vor allem. Ohne das große Vorbild Klimt ist Egon Schieles Werk nicht zu denken, wenn auch Schieles Erkundung von Körper und Seele des verstörten modernen Menschen mit allem Ornamentalen bricht und viel radikaler wirkt. Dazu mag auch der 1. Weltkrieg beigetragen haben, der das Vertrauen in das große Versprechen der sezessionistischen Kunst, die Welt zu einem schöneren und besseren Ort zu machen, nachhaltig erschüttert hat. Der Expressionismus bricht sich Bahn – und mit ihm wird ein neues Kapitel der Kunstgeschichte aufgeschlagen.
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Oct 7, 2024 • 23min

Das Volk der Yanomami - Ihr Kampf ums Überleben

Das Volk der Yanomamis im Amazonas ist bedroht: Von den Folgen des Klimawandels, aber auch von gelegten Waldbränden, rücksichtslosen Goldsuchern, einer machtvollen Agrarindustrie, Zivilisationskrankheiten. Doch der Indianerstamm kämpft um sein Überleben. (BR 2021) Autor/in dieser Folge: Geseko von Lüpke Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Irina Wanka, Thomas Birnstiel, Jennifer Güzel Technik: Andreas Lucke Redaktion: Matthias Eggert Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das weiße Gold - Kautschuksammeln im AmazonasJETZT ANHÖREN Der tropische Regenwald - Bedrohter KlimapufferJETZT ANHÖREN Interviewpartner/innen dieser Folge:Davi Kopenawa Yanomami, Autor, Schamane und Sprecher der Yanomami, Alternativer Nobelpreisträger; Dario Kopenawa, Leiter der Yanomami- Vertretung 'Hutukara';Bruce Albert, franz. Ethnologe; Gabriele Herzog-Schröder, deutsche Ethnologin, LMU München;Martin v. Hildbrandt, Aktivist, Alternativer Nobelpreisträger, Kolumbien; Christina Haferkamp, Aktivistin für indigene Völker Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
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Oct 7, 2024 • 23min

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