

Radiowissen
Bayerischer Rundfunk
Die ganze Welt des Wissens, gut recherchiert, spannend erzählt. Interessantes aus Geschichte und Archäologie, Literatur, Architektur, Film und Musik, Beiträge aus Philosophie und Psychologie. Wissenswertes über Natur, Biologie und Umwelt, Hintergründe zu Wirtschaft und Politik. Und immer ein sinnliches Hörerlebnis.
Episodes
Mentioned books

May 27, 2025 • 20min
Todesmärsche bei Freising - Die qualvollen Trecks von KZ-Häftlingen
Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges zwangen die Nationalsozialisten Tausende von KZ-Gefangenen aus dem ganzen Reich auf Todesmärsche Richtung Süden, oft nach Dachau. Viele Häftlinge starben auf dem Weg, der im April 1945 durch den Landkreis Freising führte. Von Ulrike BeckCredits Autorin dieser Folge: Ulrike Beck Regie: Irene Schuck Es sprachen: Thomas Birnstiel, Katja Amberger, Johannes Hitzelberger Technik: Andreas Lucke Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview:Karl-Heinz Zenker, Heimatforscher und Autor des Buches „Die Opfer der Todesmärsche im Landkreis Freising im Frühjahr/Sommer 1945“Zeitzeugin aus Tüntenhausen, die anonym bleiben möchte
Diese hörenswerten Folgen von Alles Geschichte könnten Sie auch interessieren:
NS-Terror - Eingeschleust nach AuschwitzWitold Pilecki war wohl der einzige Häftling, der freiwillig im KZ Auschwitz war. Unter falschem Namen berichtete der polnische Untergrundkämpfer von 1940 bis 1943 den Alliierten von den Zuständen im Lager. Von Niklas Nau (BR 2017)JETZT ENTDECKEN
Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: Alles Geschichte – Der History-Podcast
Literatur:Zenker, Karl-Heinz, „Die Opfer der Todesmärsche im Landkreis Freising im Frühjahr/Sommer 1945“– detaillierte und beeindruckende Recherche mit anschaulichen Zeitzeugenberichten über das Schicksal der Häftlinge, die im April 1945 auf Todesmärschen in Richtung des KZ Dachau im Landkreis Freising unterwegs waren.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
1.O-Ton (ab 4:02)
Die san über die Amperleiten daherkommen nach Tüntenhausen. Auf dem Weg nach Dachau (…) Und ja, das war natürlich, das waren angeblich 5000 Menschen und natürlich in der gestreiften Ding. Das waren ja alles abgemagerte Menschen und (…) Brillen haben so manche gehabt und die Schrubber und Stöcke als Gehhilfen und der ist ja ganz langsam vorankommen der Truck.
Musik 2
"Eternity And A Day - 4. Parting A" - Komponistin: Eleni Karaindrou - Album: Eternity And A Day - Länge: 0'50
Erzähler
Eine alte Dame aus Tüntenhausen erinnert sich an den 27.April 1945. An den Tag, an dem rund 900 Häftlinge aus dem KZ Buchenwald auf ihrem Todesmarsch Richtung Dachau durch ihr kleines Dorf getrieben werden. Sie ist damals sieben Jahre alt und verängstigt beim Anblick der Männer in gestreifter Häftlingskleidung, die zu Skeletten abgemagert sind.
Erzählerin
Diese Szene ist ihr, die anonym bleiben will, bis heute lebendig. Genau wie die Tumulte und die brutale Gewalt des - in diesem Fall - weiblichen SS-Begleitkommandos, als der Zug beim Wirt in der Talsenke anhält und eine Frau beginnt, Brot zu verteilen:
Musik 3
"Fjølhøgget" - Album: The Senja Recordings - Komponist: Geir Jenssen - Künstler: Biosphere - Länge: 0'40
2.O-Ton (Zeitzeugin ab 4:51)
Dann war ein Fuhrwerk dabei. Da habens die rauf geschmissen, die halt nimmer haben können. Und der Treck ist dann dort irgendwann zum Stehen gekommen. Und da ist eben die Kramerin raus und hat das Brot - da hat es ja nur die großen Vierpfünder gegeben damals - aufgeschnitten und das da reingeschmissen. Und das war natürlich - da ist ja zugegangen. Und da waren auch Frauen dabei als Wachen, zur Bewachung. Die haben da zugedroschen, und Gewehrkolben da dreingehaut und es war schlimm, wo man das so gesehen hat. Es sind einige liegen geblieben und die sind dort in Tüntenhausen beerdigt worden.
Musik 4
"Whiten Featuring" - Album: Without Sinking - Komponistin: Hildur Gudnadottir - Länge: 0'15
Erzähler
Es gibt kaum eine Ortschaft im Landkreis Freising, in der Szenen wie diese im Frühjahr 1945 nicht allgegenwärtig sind.
Erzählerin
Denn um die Gräuel in den Konzentrationslagern zu vertuschen, beginnt die SS mit dem Vorrücken der Front schon ab dem Frühjahr 1944, nach und nach die Häftlinge aus fast allen Konzentrations- und Außenlagern zu evakuieren und sie auf Todesmärsche durch das Reich zu zwingen. Mit der Absicht, sie nicht den vorrückenden Alliierten in die Hände fallen zu lassen.
Musik 5
"Lie to me" - Komponist und Ausführender: Martin Todsharow - Album: Der Hauptmann (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'30
Erzähler
Die Gefangenen werden entweder in überfüllten Güterwaggons abtransportiert oder auf Gewaltmärschen mitten durch Dörfer und Städte getrieben.
Erzählerin
In den letzten Kriegstagen sind Tausende Häftlinge im Landkreis Freising unterwegs – Ziel ist das KZ Dachau. Der Hallbergmooser Heimatforscher Karl-Heinz Zenker:
3.O-Ton (Zenker ab 5:08)
Das waren ziemlich viele Züge, weil, die einen kamen ja bis aus Buchenwald. Die anderen kamen aus dem KZ Flossenbürg und weil die Buchenwalder wahrscheinlich auch über das KZ Flossenbürg gelaufen sind. Und dann die Hersbrucker. Es dürften schätzungsweise (…) zwischen zehn bis 20 Märsche gewesen sein. Dazu kam natürlich dieser sogenannte Häftlings-Marsch aus dem Zuchthaus Straubing, der sich am 25. April auch Richtung Dachau in Marsch gesetzt hat. Es waren teilweise zu Beginn bis zu 3000 Teilnehmer an diesen Todesmärschen. Allerdings haben sich die natürlich dezimiert, weil unterwegs natürlich ziemlich viele vor Erschöpfung zusammengebrochen sind. Und die sind in der Regel vor Ort erschossen worden und von einem Begleitkommando, das am Ende des Zuges war, dann halt so provisorisch verscharrt worden.
Musik 6
"Lie to me" - Komponist und Ausführender: Martin Todsharow - Album: Der Hauptmann (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'25
Erzähler
Wie im ganzen Reich sind die Märsche begleitet von Wachpersonal, das diejenigen brutal niederschlägt oder erschießt, die den Strapazen nicht mehr gewachsen sind. Allein im Landkreis Freising sterben noch während des Marsches oder danach mindestens 132 Menschen an den Folgen von Hunger, Gewalt und Entkräftung.
Erzählerin
Diese Zahl hat Karl-Heinz Zenker recherchiert durch ein akribisches Studium der Quellen. Damit die Ereignisse des Frühjahres 1945 im Landkreis Freising nicht in Vergessenheit geraten, machte er sich Jahrzehnte später auf Spurensuche. 2020 erschien sein Buch „Die Opfer der Todesmärsche im Landkreis Freising im Frühjahr/Sommer 1945“.
Erzähler
Als eine der Hauptquellen bei der Recherche dienten ihm dabei die Einmarschberichte der Pfarrer aus der Erzdiözese München-Freising, die unmittelbar nach Kriegsende - im Juni 45 - vom damaligen Kardinal Faulhaber beauftragt, aber erst 2005 vollständig veröffentlicht wurden. Dokumente, die viel über die Endkriegszeit aussagen:
4.O.Ton (11:51)
Der damalige Kardinal hat in der Erzdiözese München-Freising seine Priester beauftragt, über den Einmarsch der Amerikaner zu berichten. Und ihm ging es vor allen Dingen darum, ob sich die Amerikaner an Kirchengut hier zu schaffen machen, also an goldenen Kelchen und so. Und das war natürlich sehr unterschiedlich. Manche Pfarrer haben halt geschrieben. Ja ne, bei uns sind keine Amerikaner durch, war nichts. Und manche haben praktisch geschildert, was sich den ganzen Zweiten Weltkrieg über alles in der Pfarrgemeinde zugetragen hat von Gefallenen und natürlich auch von einzelnen Luftangriffen, die man auf den Dörfern miterlebt hat. Und manche haben natürlich also auch über die Todesmärsche berichtet und was sie davon hielten. Und in einer Gemeinde in Zolling, da ist ein Häftlingsmarsch durch, und das muss der Pfarrer wohl mitbekommen haben. Anders geht es ja gar nicht hier, und in seinem Bericht steht diesbezüglich überhaupt nichts. Und da habe ich dann im Nachgang erfahren, das war ein Militärpfarrer im Ersten Weltkrieg und er hat die Sache halt natürlich ein bisschen anders gesehen.
Erzählerin
Genau so unterschiedlich sind die Angaben in den Fragebögen der Gemeinden im Landkreis Freising, die im Frühjahr 1947 genaue Informationen zu den Todesmärschen geben sollten - zum genauen Datum, zur Anzahl der Häftlinge, den Toten und möglichen Zeugen. Diese Listen konnte Zenker über das Online-Archiv des Internationalen Suchdienst - kurz ITS - in Bad Arolsen einsehen und auswerten.
Musik 7
"Eternity And A Day - 4. Parting A" - Komponistin: Eleni Karaindrou - Album: Eternity And A Day - Länge: 0'20
Erzähler
Was ihn trotz der dürftigen Quellenlage motiviert hat, dieses Buch zu schreiben? Erstens die Erkenntnis, dass viele gar nicht mehr wissen, dass es Todesmärsche gab und zweitens:
4.O-Ton (0:20)
Geschichte hat mich Zeit meines Lebens interessiert, auch bereits schon in der Schule und auch in der Freizeit. und dann kam das Jahr 2014, der hundertjährige Jahrestag von Beginn Erster Weltkrieg und 75 Jahre Beginn Zweiter Weltkrieg. Und dann habe ich halt über den 1./2. Weltkrieg recherchiert, und da bin ich halt im Sterbebuch der Gemeinde auf den Eintrag gekommen von diesem Albert Labro, der auf einem Transport vom Zuchthaus Straubing ins KZ Dachau ums Leben gekommen ist. Ja und dadurch angestoßen, fängt man halt dann an und überlegt: Todesmärsche wusste ich schon, dass die gibt und dann hab ich halt angefangen zu recherchieren. Und dann stößt man halt immer mehr auf immer mehr Quellen und Zeitzeugen.
Erzählerin
Albert Labro war Bürgermeister der französischen Stadt Longwy, der laut einem Bericht der Stadt zu fünf Jahren Zuchthaus in Brüssel verurteilt wurde, weil er einem Menschen zur Flucht nach Großbritannien verholfen hatte. Von Brüssel aus wurde er über Rheinebach nach Kassel verlegt. Mitte März 1945 - als die Front näherkam - weiter nach Straubing.
Erzähler
Labro gehört zu denen, die ab dem 25.April vom Zuchthaus Straubing auf den Todesmarsch geschickt werden, den er nicht überlebt. Am 8.Mai stirbt er in Hallbergmoos. Im November 1946 wird er umgebettet nach Longwy.
Erzählerin
Labros Namen und sein Schicksal ließen sich eruieren. Genau wie das des niederländischen Rechtsanwalts Johann Backhuysen-Schuld, der am 26.Mai im Freisinger Hospital starb. Auch er war ein Häftling aus dem Zuchthaus Straubing:
5.O-Ton (Zenker 30:51)
Also, das konnte ich hier gut feststellen im Schlossgut Erching war eine Frau, die hat einen Niederländer aufgenommen. Als sich der Zug hier aufgelöst hat, ist halt der auch geflohen. (…) Der ist dann auch in das Hospital 1004 nach Freising gekommen und dort halt dann leider auch verstorben, weil er halt scheinbar zu krank war. Und da hat das Rote Kreuz dann seine Frau benachrichtigt, und die hat dann mitbekommen, dass ihn da diese Frau Selmayr versorgt hat und hat da auch einen Brief geschrieben, wo sie sich dafür bei dieser Frau Selmayr bedankt hat. Das war der Herr Backhuysen-Schuld.
Erzähler
Judith Selmayr, die Backhuysen-Schuld versteckt und pflegt, ist eine von den vielen in der Gesellschaft, die sich im Chaos der letzten Kriegstage hilfsbereit zeigen. Laut der Erzählung ihrer Enkelin stammte sie aus einer Familie, die aus Schlesien kam.
Musik 8
"Eternity And A Day - 4. Parting A" - Komponistin: Eleni Karaindrou - Album: Eternity And A Day - Länge: 0'20
Erzählerin
Karl-Heinz Zenker macht es sich zur Aufgabe, die Namen weiterer Opfer herauszufinden. Schon, damit die Strategie der Nationalsozialisten nicht aufgeht, die auf dem Marsch gestorbenen Häftlinge als Namenlose vergessen zu machen.
6.O-Ton (Zenker 26:55)
Ja, in zwei oder drei Fällen war das bekannt, dann hat man im Sterbebuch der Gemeinde damals den Namen eingetragen. Das war natürlich relativ einfach. Ansonsten hat es ja in Freising auf dem Domberg ein Lazarett gegeben. Das Lazarett war ursprünglich gedacht für das Kriegsgefangenenlager bei Moosburg. Und mit Kriegsende haben die Amerikaner des zum Hospital 1004 umfunktioniert. Und da sind natürlich vermutlich auch diverse Opfer beziehungsweise Verletzte von dem Bombenangriff in Freising eingeliefert worden, als auch viele Überlebende von den Todesmärschen bis zu manchen, die sich aus Dachau also dann halt in die Pampa geschleppt haben und dann halt dort untergekommen sind. Und von denen waren dann die Namen bekannt. Die standen im Sterbebuch der Stadt Freising. Und dann konnte ich über das Archiv von Buchenwald namentlich 41 Häftlinge feststellen, die zuletzt im KZ Buchenwald registriert waren. Aber das Gros der Namen derjenigen, die in der Pampe verscharrt worden sind, da sind die Namen nicht mehr zu eruieren gewesen.
Erzähler
Unter den Todesopfern sind gut 60 Menschen namenlos geblieben. Sie wurden umgebettet. 59 von ihnen fanden 1955 ihre letzte Ruhestätte auf dem Waldfriedhof Dachau, 4 von ihnen 1958 in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.
Musik 9
"Whiten Featuring" - Album: Without Sinking - Komponistin: Hildur Gudnadottir - Länge: 0'25
Erzählerin
Doch das Gros der Häftlinge überlebt und wird entweder noch während des Marsches oder bei der Befreiung des KZ Dachau durch US-Truppen der 7.Armee am 29.April 1945 befreit. Wie viele genau überlebt haben, die in den letzten Kriegstagen auf einem Todesmarsch durch den Landkreis Freising zogen, das lässt sich nicht sagen. Sie wurden nicht mehr gezählt. Doch welche Szenen sich kurz vor der Befreiung durch die US-Truppen abgespielt haben, darüber gibt es viele Berichte, die Karl-Heinz Zenker für sein Buch zusammengetragen hat.
Musik 10
"Eternity And A Day - 4. Parting A" - Komponistin: Eleni Karaindrou - Album: Eternity And A Day - Länge: 0'24
Erzähler
Wie beispielsweise der Zeitzeugenbericht eines Häftlings aus dem Zuchthaus Straubing, der am 25.April zusammen mit 3000 anderen Gefangenen auf Befehl der SS losmarschieren musste. Bewacht von Zuchthausbeamten mit Karabinern.
Musik 11
"Fjølhøgget" - Album: The Senja Recordings - Komponist: Geir Jenssen - Künstler: Biosphere - Länge: 0'45
Zitator
Wir marschierten gegen 7 Uhr vom Zuchthaus Straubing weg Richtung Landshut. Während des Marsches erfuhren wir von einem Mitgefangenen, dass es nach Dachau gehen sollte, wo wir unsere gemeinsame Massenhinrichtung zu erwarten hätten. Was dieser Marsch, der bis zum Abend des 30.April währte, alles an Entbehrung, Hunger, Elend, Misshandlung, Erschöpfung bis zum Tode, in sich schließt, kann kaum wiedergegeben werden. Nur summarisch sei einzelnes angedeutet: wir mussten den Marsch in Holzschuhen machen, an Verpflegung bekamen wir die ersten Tage noch zwei oder drei Stückchen Brot, dazu noch ein wenig Margarine oder ein Stücklein geräuchertes Rindfleisch von etwa 20 Gramm. Die letzten Tage fehlte jede Verpflegung.
Erzählerin
In dem Buch von Karl-Heinz Zenker ist zu lesen von Wachleuten, die Gefangene mit Stöcken und Gewehrkolben schlagen oder auf sie eintreten. Und von Häftlingen, die in großer Zahl ermordet werden - von SS-Soldaten, die sich noch nicht aus dem Staub gemacht haben. Allein im Wald zwischen Freising und Moosburg sollen 1273 Häftlinge erschossen worden sein. Ein Zeitzeuge berichtet:
Musik 12
"Lie to me" - Komponist und Ausführender: Martin Todsharow - Album: Der Hauptmann (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'40
Zitator
„Als unser Elendszug am Samstag 28.April 1945 bereits Freising in der Richtung Dachau passiert hatte, hieß es plötzlich gegen Abend: Umkehren! Dachau war bereits von den amerikanische Truppen genommen worden, so dass wir nicht mehr hineinkonnten. Es wurde kehrt gemacht und das Ziel war nun, uns so lange zwischen den Fronten herumzuführen, bis wir alle völlig erschöpft liegen geblieben wären, um dann von der SS den Todesstoß zu bekommen.“
Erzähler
Soweit kommt es zum Glück nicht. Karl-Heinz Zenker:
7.O-Ton (Zenker (ab 22:09)
Die wurden dann unterwegs befreit. Also dieser 3000 Marsch - die haben so ungefähr 100 Begleiter gehabt, die müssten sich wahrscheinlich aufgeteilt haben. (…) Also ein kleiner Teilzug, der ist also durch Goldack und Hallbergmoos marschiert. Ein anderer Teil, der ist kurz vor Eching von den Amerikanern befreit worden. Weil sie müssen sich das so vorstellen - vermutlich haben die Begleiter auch mitbekommen - die Amerikaner stehen kurz zuvor, und dann haben sich die genau wie viele SS-Leute, wenn die mitbekommen haben, die Amerikaner sind kurz vor uns - haben sich die aus dem Staub gemacht. Haben teilweise dann noch sich Zivilklamotten besorgt und sind dann stiften gegangen.
Erzählerin
Die Zeitzeugin aus Tüntenhausen ist eine von vielen, die den Einmarsch der Amerikaner als Tag der Befreiung erlebt:
8.O-Ton (Wimmer ab 0:35)
Die letzten Tage des hab ich erlebt: Wir waren dann, wo die Amerikaner kommen sind, bei meinen Großeltern in Zurrnhausen. (…) Die ganze Familie - meine Mama, mit die drei Kinder. Ich habe zwei Geschwister. Ich war die ältere. Und mein Vater, der war im Krieg. Ja, das war dann so, wie die Amerikaner kommen san, das war ein sonniger Tag, kann ich mich erinnern. Also wo die durchfahren san (…) Da waren da viele Leute, die haben die Friedensglocken geläutet. Dann ist der Truck stehen blieben. Das war ein Lastwagen, Panzer das war alles Mögliche. (…) Und dann haben die Amerikaner uns - wir waren da im Hof über den Gartenzaun, und die haben uns dann so viel Zeug zugeschmissen. Kaugummi und Schokolade und so. Also Sachen, die mir nicht kennt haben. Und die waren sehr freundlich.
Erzähler
Die amerikanischen Besatzungssoldaten sorgen dafür, dass viele Leichen, die teilweise nur notdürftig verscharrt waren, mit Hilfe der Bevölkerung umgebettet werden. Und eine Ruhestätte finden. Karl-Heinz Zenker:
9.O-Ton (Zenker ab 24:34)
Die Amerikaner haben in dem Fall (…) dann sich die Parteigenossen geholt, und die Parteigenossen mussten die ausgraben und auf dem Ortsfriedhof dann beerdigen. Und die anderen, die irgendwo verscharrt worden sind - und wo es bekannt war, hat dann nach dem Krieg das Landratsamt Freising veranlasst, dass die auf die Ortsfriedhöfe umgebettet werden. Diese Umbettungssaktionen haben entweder gleich mit dem Kriegsende oder nach dem Kriegsende stattgefunden und dann 56 und 58 hat eine französische Delegation diese Gräber also ausfindig gemacht. Und die sind dann entweder in Dachau auf dem Friedhof bestattet worden oder viele sind in Flossenbürg bestattet worden. Da können Sie sich natürlich vorstellen, das war elf, 13 Jahre nach Kriegsende. Da dürfte man wahrscheinlich nur noch die Skelette gefunden haben hier und vielleicht mal ein paar Stofffetzen. Und das Problem war, die Häftlinge hatten ja nur die Nummer, und die ist natürlich dann nicht aufgetaucht. Und deswegen sind es in Anführungszeichen lauter Namenlose, weil man die dann nicht mehr feststellen konnte, wer zu dieser Nummer gehört.
Erzählerin
Der Landkreis Freising ist eine Blaupause für das Schicksal aller Opfer der Todesmärsche im ganzen Reich. Aufgrund fehlender Dokumente lässt sich nicht genau ermitteln, wie viele es insgesamt waren, die auf diesen Räumungstransporten starben. Schätzungen gehen von etwa 250.000 Menschen aus.
Musik 13
"Eternity And A Day - 4. Parting A" - Komponistin: Eleni Karaindrou - Album: Eternity And A Day - Länge: 0'45
Erzähler
Seit 2016 erinnert in Hallbergmoos ein Gedenkstein mit einer Informationstafel an die Opfer der Todesmärsche. Er konnte in Eigeninitiative des Heimat- und Trachtenvereins und mit Hilfe von Spenden aufgestellt werden, mit dem Ziel, die Erinnerungskultur im Landkreis Freising aufrecht zu erhalten.
Erzählerin
Karl-Heinz Zenker war damals Vorsitzender des Vereins. Im letzten Kapitel seines Buches findet sich ein Namensverzeichnis - zur Erinnerung an die Häftlinge, die unmittelbar vor oder nach Kriegsende getötet wurden, verhungert oder an Krankheit und Erschöpfung gestorben sind.
10.O-Ton (Zenker ab 43:01)
Das war mir wichtig, dass wir den Toten, wo ich es feststellen konnte, Namen geben konnten. Das waren, wie gesagt, schwerpunktmäßig diejenigen, die im Lazarett oder im Hospital gestorben sind. Dann sind im Moosburger Krankenhaus noch zwei oder drei verstorben, die dann auch im Sterbebuch der Stadt standen. Und das ist doch heute auch so, wenn irgendwo ein Attentat oder Anschlag ist, wird doch da auch mit einem Denkmal der Toten gedacht. Und da stehen natürlich auch die Namen. Und deswegen war mir das wichtig, vor allen Dingen, weil es hier für diese Leute keine Gräber mehr gibt. Die sind ja irgendwo in Flossenbürg beziehungsweise im Waldfriedhof. Da gibt es ja dann noch Gedenksteine, aber nicht für unsere. Und in Freising ist in im Schnoor Stifter Friedhof - der ist irgendwann in den 50er-Jahren eingeebnet worden. Und so sind diese Namen festgehalten. (…) Dass man den Toten ihre Namen zurückgibt, dass sie nicht nur eine Nummer sind.

May 26, 2025 • 22min
Generationenübergreifende Wohnmodelle - Gemeinsam statt einsam
Es wird diskutiert, wie generationsübergreifendes Wohnen als Antwort auf steigende Immobilienpreise und soziale Isolation dienen kann. Die Herausforderungen und Wünsche von Menschen, die Gemeinschaft suchen, stehen im Mittelpunkt. Historische Entwicklungen zeigen, wie sich Wohnmodelle über die Jahrhunderte verändert haben. Einblicke in das innovative Projekt in Sulzbrunn verdeutlichen, wie gemeinschaftliches Leben nicht nur den Zusammenhalt, sondern auch ökologische Verantwortung fördert. Persönliche Geschichten beleuchten die Bereicherung und Schwierigkeiten solch eines Wohnkonzepts.

May 26, 2025 • 20min
Einsamkeit - Mehr als allein
Viele Menschen sind einsam. Das ist nicht nur psychisch-emotional ausgesprochen belastend, sondern macht auch körperlich krank. Deshalb fordern Therapeutinnen und Mediziner, dagegen etwas zu unternehmen. Von Daniela Remus (BR 2022)Einen interessanten Artikel zum Thema finden Sie auf ARDalpha:
EINSAM UND ALLEIN - Was ihr gegen Einsamkeit tun könnt, bevor sie euch krank machtJETZT LESEN

10 snips
May 26, 2025 • 22min
"Mehr Licht" oder "Mehr Nicht"? - Das Gewicht der letzten Worte
Goethe, Marie-Antoinette, Oskar Wilde: Sie starben, wie sie gelebt haben - wenn man ihren letzten Worten glaubt. Berühmte letzte Sätze, die über Jahrhunderte hinweg gesammelt und verklärt wurden. Doch was davon ist wahr und was nur Legende? Von Lavina Stauber
Credits Autorin dieser Folge: Lavina Stauber Regie: Martin Trauner Es sprachen: Hemma Michel, Thomas Birnstiel Technik: Redaktion: Katharina Hübel
Im Interview:Dr. Cornelius Hartz, Philologe und SachbuchautorDr. Carlotta Posth, Juniorprofessorin für Mediävistische Komparatistik an der Universität WürzburgDr. Rupert M. Scheule, Professor für Moraltheologie an der Universität Regensburg
Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren:
Trauerkultur - Der Tod und die DigitalisierungJETZT ENTDECKEN
Trauer - Mut zum ganz eigenen WegJETZT ENTDECKEN
Sterben - Chronologie des letzten AbschiedsJETZT ENTDECKEN
Der Tod und wir - Rebellion gegen die EndlichkeitJETZT ENTDECKEN
Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST
Literatur:
Philippe Ariès, „Die Geschichte des Todes“ – Ein Klassiker der Kulturgeschichte, der den Wandel des Todesbildes in der westlichen Welt nachzeichnet. Deutscher Taschenbuch Verlag, 13. Auflage 2015.
Cornelius Hartz, „Sehen Sie, so stirbt man also“ – Ein unterhaltsamer und zugleich nachdenklicher Streifzug durch die letzten Worte historischer Persönlichkeiten. Philipp von Zabern, 2012.
Karl S. Guthke, „Letzte Worte“ – Eine kulturgeschichtliche Untersuchung der letzten Worte im westlichen Raum. C.H. Beck München, 1990.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ZITATOR:
Ein alter und kranker Mann liegt in einem Sessel. Das Kaminfeuer wirft flackernde Schatten an die Wand, der Atem in der Stube ist gedämpft. Johann Wolfgang von Goethe, Dichterfürst und Naturforscher, hebt mühsam die Hand. Seine Augen suchen Licht – das fahle Tageslicht, das durch eines der gekippten Fenster fällt, erreicht ihn nicht mehr. Seine Stimme ist schwach, doch deutlich, als er mit letzter Kraft fordert: „Mehr Licht!“ Dann sinkt er zurück. Die Kerzen brennen weiter, das Fenster bleibt halb geschlossen, das Sonnenlicht hinter den schweren Vorhängen verborgen.
... Musik Ende
SPRECHERIN
Goethes letzte Worte sind vermeintlich klar, und vor allem: bedeutungsschwer und vielschichtig – so, wie man sie von einem Denker seines Formats erwarten würde. Eine erstaunliche Leistung auf dem Sterbebett. Doch war es sein letzter Geistesblitz, der ihn selbst, Johann Wolfgang von Goethe, für die Nachwelt in so poetischem Licht dastehen lässt?
01 O-Ton Dr. Cornelius Hartz
Goethe gilt ja bis heute als größter deutscher Dichter und führender Intellektueller seiner Zeit. Und als solchen wollen wir von ihm natürlich ein ganz besonderes letztes Wort und möglichst eines, was vielleicht sogar ein bisschen mehr in sich trägt als nur eine reine Information oder irgendwie was, was besonders Intelligentes oder Geistreiches ist, sondern fast schon mysteriös transzendent.
SPRECHERIN
Goethes Wunsch nach „mehr Licht“ gehört zu den bekanntesten letzten Worten im deutschen Sprachraum. Und seine letzten Worte sind – in ihrer Rezeption – genau das: Ein metaphorischer, diese sinnliche Welt überschreitender Wunsch nach mehr Erkenntnis, Aufklärung oder Wahrheit. Ganz passend zu Goethes lebenslangem Streben nach Wissen. Doch stammen – so viel sei an dieser Stelle schon vorweggenommen - die letzten Worte des großen Dichters gar nicht aus seiner eigenen Feder. Das hat Cornelius Hartz in seinem Sachbuch über die letzten Worte historischer Persönlichkeiten quellenkritisch erarbeitet:
02 O-Ton Dr. Cornelius Hartz
Überliefert ist das letzte Wort bei Goethes Leibarzt Dr. Carl Vogel. Und in seiner Schrift zieht er dann aber das Fazit, dass ja die Finsternis, die Goethe in jeder Beziehung stets verhasst war, dass er mit seinem letzten Wort daraus hinauswollte. Und das impliziert dann eben auch eine transzendente, jedenfalls eine zweite Ebene als nur diese reine Information: Ja, hier ist es vielleicht ein bisschen dunkel im Zimmer.
SPRECHERIN
Cornelius Hartz hat sich durch hunderte letzte Aussagen von Persönlichkeiten geblättert und auf die Suche begeben, wo und durch wen letzten Worte berühmter Persönlichkeiten dokumentiert wurden. Die Quellenauflistung reicht von Platon bis hin zu Konrad Adenauers Familienkreis – und – wird von ihm auf einer prozentualen Skala nach Wahrscheinlichkeiten eingeordnet. Carl Vogel, der nicht nur Goethes Leibarzt, sondern auch sein Gehilfe war, vertraut er als historischer Quelle nicht. Zu stark lässt dieser nämlich in seiner Niederschrift um Goethes Sterbestunde durchblicken, dass es ihm um den runden Abschluss und nachweltlichen Ruhm Goethes gehe.
03 O-Ton Dr. Cornelius Hartz
Das ist vielleicht teilweise die Faszination mit dem Tod bzw. mit dem Übertritt vom Leben in den Tod. Dass wenn eine Persönlichkeit verstirbt, dass wir so eine Art Sentenz gerne hätten. Vielleicht so etwas, was so ein ganzes berühmtes Leben zusammenfasst im besten Fall.
SPRECHERIN
An den Sterbebetten der Geschichte bilden letzte Worte mehr ab, als nur den letzten Augenblick. Sie scheinen dazu bestimmt zu sein, das ganze Leben zu greifen und so einen Hauch Unsterblichkeit zu erschaffen. Manch einer mag kein einziges Wort aus Goethes Hand gelesen haben, aber kennt die letzten Worte auf seinen Lippen. Andere haben selbst nie eine Lateinstunde besucht, wissen aber, mit welchen Worten Cäsar von dieser Welt schied: „Et tu Brute?“ - Auch du, Brutus? Oder der Geschichtsmuffel erinnert sich vielleicht auch nur deshalb an Rosa Luxemburgs letzte Worte, weil der makabre Widerspruch darin so eindrücklich und politisch ist: „Nicht schießen!“ soll sie gerufen haben – und wurde doch erschossen. Letzte Worte hängen unausweichlich mit dem Ende des Lebens, dem Sterben und dem Tod zusammen. Und diese Endgültigkeit erhebt Anspruch auf Aufmerksamkeit, wie Professor Rupert Scheule von der Universität Regensburg zusammenfasst:
04 O-Ton Prof. Dr. Rupert M. Scheule
Die Endlichkeit des Lebens ist ein Sinngenerator. Weil wir nicht unendlich viel Zeit haben, müssen wir uns zusammennehmen und jetzt die Dinge tun, die wichtig sind. Also das gilt ganz grundsätzlich, aber jetzt, bei den letzten Worten, ist es ja nicht einfach nur die Endlichkeit des Lebens, die zählt, sondern das, was am Ende des endlichen Lebens kommt. Das halten wir für etwas Entscheidendes.
SPRECHERIN
Professor Rupert Scheule ist Theologe der Moraltheologie, also des Gebiets, das sich mit dem guten und richtigen Handeln aus christlicher Sicht auseinandersetzt. Sein besonderer Forschungsfokus liegt dabei auf den Thematiken Sterben, Trauer und dem Tod. So publiziert er darüber, ob man das „Sterben lernen“ kann oder wie wir noch Lebende dem Tod begegnen. Denn dieser Umgang mit dem Tod hat sich historisch stark verändert und damit auch den Stellenwert der letzten Worte im Leben mitgeprägt. Im religiös geprägten Mittelalter war der Tod ein entscheidender Moment, der nicht als Endpunkt gedacht wurde, ….
05 O-Ton Jun-Prof. Dr. Carlotta Posth
... sondern eigentlich als ein Übergang, nämlich genau vom Diesseitigen ins Jenseitige. Und da ist dann die Vorstellung im Grunde, dass das diesseitige Leben etwas episodisches ist. Das ist eigentlich auch das, was relativ schnell vorbeigeht. Und das ewige Leben, was dann folgt, ist ja das, was sehr großes Gewicht hat.
SPRECHERIN
Der Tod ist, so verstanden, ein Wendepunkt – ein Wendepunkt, der auch in der Arbeit von Carlotta Posth (Aussprache in Clipliste / OT-Projekt) eine wichtige Rolle einnimmt. An der Universität Würzburg beschäftigt sie sich mit mittelalterlicher Vergänglichkeitsliteratur. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf dem deutschen und französischen Sprachraum. Verschiedene Texte, wie die sogenannten „Totenklagen“ untersucht sie daraufhin, wie in ihnen über die Begegnung mit dem Tod gesprochen wird. Für die Einordnung dieser Texte ist das vorherrschende christliche Verständnis vom Jüngsten Gericht entscheidend. Also die Vorstellung von dem Tag, an dem der christliche Gott über alle Menschen richtet. Im 13. und 14. Jahrhundert entwickelt sich durch Werke von Theologen wie Thomas von Aquin und die päpstliche Bulle "Benedictus Deus" systematisch ein neues Verständnis des Jüngsten Gerichts, das nicht mehr als unbestimmte Zukunftsvision dargestellt wird, sondern als sogenanntes „Partikulargericht“ direkt ans Lebensende rückt:
06 O-Ton Jun-Prof. Dr. Carlotta Posth
Sobald ich sterbe, werde ich sofort gerichtet. Und zwar quasi erst mal nur ich als Individuum. Ich komme in den Himmel oder ich komme in die Hölle, aber es passiert mir jetzt und dadurch kriegt dann natürlich auch diese Sterbestunde eine enorme Relevanz, weil sich in diesem Moment des Übergangs, unmittelbar danach entschieden wird, wie es mir für die Ewigkeit geht.
SPRECHERIN
Erstrebenswert war das ewige Leben im Himmel. Dafür galt es auf Erden ein „gutes“ Leben zu leben, aber eben auch: einen guten Tod zu sterben.
07 O-Ton Jun-Prof. Dr. Carlotta Posth
Und eine Lesart, die im Mittelalter absolut gängig ist, ist auch, dass Menschen, die einen schlechten Tod sterben, auch ein schlechtes Leben gelebt haben. Also dann wird die Art, wie ich sterbe, rückbezogen auf mein Leben und dann wird es auch in diese Richtung ausgelegt.
SPRECHERIN
In den mittelalterlichen „Totenklagen“, einer literarischen Ausdrucksform der Trauer, findet Carlotta Posth im deutschen und französischen Sprachraum Zeugnisse dieses erzählten Sterbens. In den Totenklagen werden oft Sterbeszenen beschrieben – diese sind meist emotional verdichtet und symbolisch aufgeladen.
08 O-Ton Jun-Prof. Dr. Carlotta Posth
Zum Teil ist es so, dass quasi ein Fakt, der offenbar so oder so ähnlich passiert, eben dann einmal so, einmal so ausgedeutet oder noch ein bisschen ausgeschmückt, durch Details versehen wird. Und damit ist der Tod auch nicht primär ein natürlicher Tod, sondern es ist immer etwas moralisch Aufgeladenes, und er hat immer auch eine Form von Symbolcharakter, nämlich tatsächlich als Spiegel dessen, wie ich gelebt habe.
SPRECHERIN
Im Mittelalter galt es, gut vor Gott zu sterben – mit Blick auf die Ewigkeit. Überlieferte Sterbeszenen lassen sich vor diesem Hintergrund auch als Prüfsteine lesen: Wer in den Quellen einen „guten Tod“ stirbt, hat – so das theologisch geprägte Weltbild der Zeit – wohl auch ein gutes Leben geführt. Doch genau dort, wo das Lebensende so gewichtig und wirklich alles entscheidet und durch ein stark normiertes „gutes“ Sterben inszeniert wird, beginnt für die Forschung ein Problem: die Frage nach der Authentizität. Ist ein Mensch wirklich so verstorben, wie es niedergeschrieben wurde – oder haben die Hinterbliebenen das im Nachhinein stilisiert? Nicht nur in Texten von mittelalterlichen Hofdichtern, die stark von christlichen Vorstellungen und Normen geprägt waren, auch in späteren Jahrhunderten haben Zeitgenossen den Tod oft nachbearbeitet – als letzter Auftritt, inszeniert für die Nachwelt, zum Beispiel in dem Bericht eines gewissen Leibarztes:
MUSIK (die gleiche wie eingangs bei der ersten Sterbeszene von Goethe – Funktion: Hüllt einen Mythos ein)
ZITATOR:
Weimar, 22. März 1832. Variante 2. Das Zimmer ist gedämpft, nur ein schmaler Lichtstrahl fällt durch die schweren Vorhänge. Der alte Mann atmet flach. Johann Wolfgang von Goethe, Dichter und Denker, hebt mühsam die Hand. Sein Blick fällt auf Ottilie, seine Schwiegertochter, die an seinem Bett wacht. Seine Lippen bewegen sich, kaum hörbar sagt er: „Frauenzimmerchen, gib mir dein Pfötchen.“ Ihre Hand legt sich in seine. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Dann sinkt er zurück, die Finger werden schlaff. Stille.
MUSIK klingt aus
SPRECHERIN
Vielleicht war es auch so, als Goethe starb. Profaner. Weniger Licht – mehr Frauenzimmer. Denn es gibt noch andere Quellen, die vom Ableben Goethes berichten – nicht nur den Leibarzt Carl Vogel. Zumal: Cornelius Hartz hat in den Aufzeichnungen des Leibarztes von Goethe nachgelesen, dass dieser zugibt,
09 O-Ton Dr. Cornelius Hartz
... dass er selber gar nicht dabei war, sondern andere, die ihm dann berichtet haben: Als letztes hat Goethe gesagt „mach doch den zweiten Fensterladen auf, damit mehr Licht hereinkomme.“
SPRECHERIN
Und da gibt es ja noch die anderen Quellen:
10 O-Ton Dr. Cornelius Hartz
Trotzdem gab es damals auch schon Zeitzeugen bzw. eben seine Verwandten, die am Sterbebett dabei waren, die eine andere Variante berichtet haben, nämlich, dass er zu seiner Schwiegertochter Ottilie gesagt hat: Frauenzimmerchen, gib mir dein Pfötchen. Was vielleicht dann sich nicht so eignete für so einen berühmten Dichter und Denker als letztes Wort, bevor er aus dem Leben schied.
SPRECHERIN
Goethes Beispiel macht deutlich, wie stark Sterbeszenen von Nachwelt und Nachbearbeitung geprägt sein können und wie unsicher die Quellenlage oft ist: Überliefert wird, was erinnert wird – oder was als erinnerungswürdig scheint. So soll zumindest nach den Aufzeichnungen des Lyrikers Arthur Symons Oscar Wilde gesagt haben: „Ich sterbe, wie ich gelebt habe – über meine Verhältnisse.“ Der Literaturwissenschaftler Richard Ellmann schreibt in der Biografie über Wilde aber von einer anderen Variante: Dieser soll über die Tapete in seinem Zimmer schimpfen, die ihm mehr als missfällt, und stirbt mit den Worten: „Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich!“. Marie Antoinette soll auf dem Weg zur Guillotine ihrem Henker auf den Fuß getreten sein – mit den entschuldigenden, letzten Worten: „Verzeihen Sie, Monsieur, ich habe es nicht absichtlich getan.“ Zumindest schreibt Antonia Fraser in der Biographie der französischen Königin über diese möglichen Strebeworte. Und Galileo Galilei habe wohl nach dem Widerruf seiner Lehre noch auf dem Todesbett gemurmelt: „Und sie bewegt sich doch!“ – ein Satz, der ihm als Akt des Widerstands zugeschrieben wird. Historisch belegt ist er nicht. Das erste Mal verzeichnet ist das vermeintliche Zitat bei dem italienischen Literaturwissenschaftler Giuseppe Baretti – mehr als einhundert Jahre nach dem Tod von Galileo.
11 O-Ton Dr. Cornelius Hartz
Es gibt viele berühmte letzte Worte, die auch denen, die sie geäußert haben, angedichtet wurden. Ein besonders geistreicher Mensch soll natürlich im besten Fall auch als allerletztes in seinem Leben was besonders Geistreiches von sich geben.
SPRECHERIN
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben Schwierigkeiten, die Echtheit letzter Worte zu überprüfen – denn nur selten gibt es verlässliche Zeugen und dokumentarische Quellen, die sie genauso überliefert haben, wie sie tatsächlich gesprochen wurden. In vielen Fällen stammen sie aus zweiter oder dritter Hand, wurden nachträglich dramatisiert oder schlicht erfunden, um eine Geschichte runder zu machen. Oder es lässt sich einfach schlicht nicht mehr herausfinden.
12 O-Ton Dr. Cornelius Hartz
Eines der ganz berühmten letzten Worte von Caesar: Auch du, Brutus! Was man ja auch von Shakespeare später kennt, findet sich als Erstes bei Sueton. Aber Sueton schreibt eben auch 200 Jahre nachdem Caesar gestorben ist, berichtet nur vom Hörensagen und will vor allem eine dramatische Szene schildern. Zumal eben in der Antike die Geschichtsschreibung noch gar nicht den Anspruch hatte, irgendwelche Quellenforschung zu betreiben, sondern da wurden halt spannende Geschichten aus der Vergangenheit erzählt. Also je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto vager wird das Ganze eigentlich.
SPRECHERIN
Das eigentliche Dilemma mit den letzten Worten liegt jedoch weniger in ihrer vagen Überlieferung – sondern im Sterben selbst. Die Vorstellung vom pointierten Abschiedssatz – ob nun historisch verbürgt oder literarisch veredelt – ist eher Erzählkonvention als Realität. Denn der Tod hält sich nicht an dramaturgische Regeln. In den meisten Fällen bleibt keine Zeit für wohlgesetzte Abschiedsworte. Statt eines spitzen Finales steht oft das langsame Verstummen. Rupert Scheule, Moraltheologe von der Universität Regensburg, leitet das interdisziplinäre Forschungsfeld der sogenannten „Perimortalen Wissenschaften“ – ein Fachgebiet, das sich mit Sterben, Tod und den Übergängen dazwischen beschäftigt.
13 O-Ton Prof. Dr. Rupert M. Scheule
Insgesamt sollten wir nicht vergessen, dass wir mit einer ganz hohen Wahrscheinlichkeit von ungefähr 70-75 % in unseren letzten 48 Stunden auf Erden bewusstlos sein werden. Vielleicht 10 % von uns werden bis an die Schwelle des Todes ansprechbar bei Bewusstsein sein. Also letzte Worte brauchen physiologisch immer oder meistens jedenfalls einen bestimmten Vorlauf.
SPRECHERIN
Die Vorstellung von letzten Worten als bewusst gesetztem, bedeutungsschwerem oder über die Ewigkeit entscheidendem Abschied hält er vor allem für eines: ein kulturelles Erzählmuster.
14 O-Ton Prof. Dr. Rupert M. Scheule
Unser Interesse an letzten Worten kommt im Grunde aus einer Erzähllogik. Das Ende ist das Entscheidende. Das mobilisieren wir gegen das Rieseln der Welt.
SPRECHERIN
Geschichten haben Anfang, Mitte und Ende – und genau dieses Bedürfnis nach einem stimmigen Abschluss übertragen wir auch auf das echte Leben.
15 O-Ton Prof. Dr. Rupert M. Scheule
Die große Oscar Wilde Weisheit „Live Imitates Art“ stimmt zu 100 % und ist im Grunde überhaupt das Erfolgsrezept letzter Worte. Wir kommen sozusagen in unserem Interesse an letzten Worten von der Erzähllogik her, die wir im Kopf haben. Und diese Erzähllogik lässt uns in das Leben sehen, das Leben strukturieren und auch das Leben leben. Und das macht überhaupt den Reiz letzter Worte aus. Das ist eine zutiefst narrative Logik, die in diesen Worten steckt.
SPRECHERIN
Und doch gibt es sie – letzte Worte, bewusst gewählt, im Angesicht des Todes gesprochen, mit dem Wissen, dass sie bleiben werden. Eine Botschaft an die Nachwelt, politisch, religiös oder als letzter Ausdruck einer tiefen Überzeugung. Es sind die seltenen Momente des absolut kontrollierten Sterbens:
16 O-Ton Prof. Dr. Rupert M. Scheule
Wenn Hans Scholl mit den Worten stirbt „Es lebe die Freiheit!“, dann ist das natürlich schon berührend. Oder seine Schwester, Sophie Scholl „Die Sonne scheint noch!“ Und bei diesem Satz, ist es auch nicht ganz klar, ob Sophie Scholl tatsächlich das Haar einfallende Sonnenlicht gemeint hat oder ob sie sie im übertragenen Sinn gemeint hat. Und das macht vielleicht auch das hohe Berührungspotenzial letzter Worte aus, dass sie immer auch ein bisschen schillern.
SPRECHERIN
„Man hält die Sonne nicht auf“ – das war das Motto des französischen Widerstands, sehr wahrscheinlich ist es, dass Sophie Scholl tatsächlich darauf angespielt hat. Dass das tatsächlich ihre letzten Worte waren, da sind sich Historikerinnen und Historiker sicher. Überliefert wurden sie von dem Leiter der Vollzugsabteilung des Landgerichts, dem Scharfrichter und dem evangelischen Gefängnisgeistlichen. - Hinrichtungen und Suizide verleihen letzten Worten eine ganz neue Fallhöhe. Hier gibt es kein unbedachtes Dahinsagen – wer sie spricht oder einen Abschiedsbrief hinterlässt, weiß, dass es das letzte Mal sein wird und dass diese Worte überliefert werden. Sie können als Vermächtnis verstanden werden, als letzte Rebellion, als Trotz, als Auftrag. Und manchmal ist das letzte Wort, so betrachtet, auch politischer Akt.
Musik (Funktion: Historische Nacherzählung)
ZITATOR
20. Juli 1944, kurz nach Mitternacht. Im Hof des Berliner Gebäudekomplexes Bendlerblock steht ein Militärfahrzeug mit laufendem Motor. Die Nachricht vom Scheitern des Attentats auf Hitler hat sich bestätigt. Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Offizier, Aristokrat und Widerstandskämpfer, wird gemeinsam mit seinen Mitverschwörern zum Schießplatz geführt. Als Stauffenberg an die Reihe kommt, ruft er: „Es lebe das heilige Deutschland!“ Dann fallen die Schüsse.
... Musik Ende
17 O-Ton Prof. Dr. Rupert M. Scheule
Da gibt es verschiedene Versionen oder verschiedene Aussagen dazu. Aber vermutlich ist er mit dem Ruf „Heiliges Deutschland!“ oder „Es lebe das heilige Deutschland“ gestorben. Das war ihm ein wichtiger Begriff aus seiner Sozialisation, aus dem George-Kreis. Das war für ihn etwas, wofür er tatsächlich gelebt hat, wofür er ins hohe Risiko dieses Attentats gegangen ist. Auch da haben wir dieses politische Bekenntnis.
SPRECHERIN
So Rupert Scheule.
Musikakzent
SPRECHERIN
Letzte Worte markieren den Übergang zwischen Leben und Tod, sind der letzte bewusste oder unbewusste Ausdruck eines Menschen und werden mit Bedeutung aufgeladen. Oft wurden letzte Worte ausgeschmückt, manchmal sogar erfunden. Besonders bei berühmten Persönlichkeiten erscheinen sie im Rückblick oft poetischer, als sie es wirklich waren. Doch vielleicht ist das gar nicht so entscheidend.
18 O-Ton Dr. Cornelius Hartz
Das ist vielleicht wie in der Literatur, dass man ja auch sagt, eine wahre Geschichte ist nicht unbedingt eine, die exakt so passiert ist, aber eben eine, die eine tiefere Bedeutung in sich trägt, die vielleicht für die Menschen deshalb wahr wird, weil sie eben einen anderen Kern hat als bloße faktische Informationen.
SPRECHERIN
Und vielleicht erfüllen letzte Worte weniger die Funktion eines wörtlichen Zitats als die einer Erzählung, die Trost spendet oder eine tiefere Wahrheit transportiert.
19 O-Ton Prof. Dr. Rupert M. Scheule
Letzte Worte sind gar nicht immer entscheidend, wie das ganze Leben entscheidend ist. Also, wir dürfen das Ende auch nicht überschätzen. Also das könnte auch die Pointe sein, da mal die Bälle flach halten, was die Faszination letzter Worte angeht. Guckt auf das Ganze und ihr seid fairer unterwegs.

May 23, 2025 • 21min
Der Bayerische Bauernbund - Eine Partei für die Dörfler
Bauernproteste, deftige Reden und die These, dass "die da oben" von der Praxis einfach keine Ahnung haben. In den 1890er Jahren hat sich deshalb sogar eine Partei gegründet, der "Bayerische Bauernbund". Von Hans Hinterberger (BR 2024)
Credits Autor dieser Folge: Hans Hinterberger Regie: Irene Schuck Es sprachen: Christian Baumann, Berenike Beschle, Werner Härtl, Christian Schuler Technik: Andreas Lucke Redaktion: Thomas Morawetz
Im Interview: PD Dr. Johann Kirchinger, Universität Regensburg, Lehrstuhl für Bayerische Landesgeschichte Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnten Sie auch interessieren:Bayerische Volkspartei, BVP - Die Extrawurst kommt auf den GrillEin Freistaat Bayern ohne CSU? Den gab es! Vor dem zweiten Weltkrieg hieß die dominierende Kraft im Land "Bayerische Volkspartei". Sie darf als Vorgänger der CSU gesehen werden, doch es ist ein Erbe mit Licht und Schatten. (BR 2020)JETZT ENTDECKEN
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Erzähler:
Das ist jetzt ein Eklat! Da steht dieser Politiker mit dem Dialekt und dem bäuerlichen, unangepassten Auftreten, vor einer jubelnden Menge und sorgt für ein Spektakel.…
Erzählerin:
Und nein! Es geht hier um keinen Politiker unserer Zeit! Wir befinden uns in Ruhpolding, Oberbayern, im Jahr 1895. Georg Eisenberger, der Bauer von Hutzenau, wird in den kommenden Jahrzehnten einer der prägenden Köpfe einer völlig neuen Partei, des „Bayerischen Bauernbundes“, sein. Soeben hat er an den Grundfesten der Staatsordnung gerüttelt.
Zitator Eisenberger:
„In dem Saal, in dem die Versammlung stattfand, waren die Bilder des Kaisers und der Kaiserin aufgehängt. Diese Bilder nahm ich weg und hängte dafür zwei Bilder von Andreas Hofer und ein Bild des unglücklichen Bayernkönigs Ludwig II. auf. Gegen mich wurde ein Verfahren wegen Majestätsbeleidigung eingeleitet. Das Verfahren verlief jedoch für mich günstig…“
Erzähler:
Protest gegen „die in Berlin“, gegen die Obrigkeit und die Eliten, gern auch gegen die Pfarrer und ihre katholische Zentrumspartei, das gehört beim Bayerischen Bauernbund dazu. Ludwig Thoma hat diese Bewegung mitunter wohlwollend als volkstümlich, sympathisch, urbayerisch beschrieben. Der Historiker Dr. Johann Kirchinger, ein ausgezeichneter Kenner bayerischer Landwirtschaftsgeschichte, ist weniger romantisch.
OT Kirchinger 1
Ja, wie landwirtschaftliche Wutbürger. Sehr gewalttätig! Verbal und physisch! Ich hab so einen Versammlungsbericht aus der Frühzeit, das Bezirksamtspersonal muss die ja überwachen. Also der flieht dann, der Bezirksamtmann, dem wird das zu gefährlich. Und er schreibt: Es wurde mit harten Gegenständen geworfen.“
Erzählerin:
Georg Eisenberger zählt da noch zu den Gemäßigteren. Er wird über die gesamte Geschichte der Partei über 40 Jahre lang mit dabei sein, wird Mandate in Landtag und Reichstag erobern, bis die Machtergreifung Hitlers dem Bayerischen Bauernbund 1933 ein Ende setzt.
Erzähler:
Aber von vorne.
Musik 2
"Am Wörthsee" - Album: Rare Schellacks - München - Szenen & Vorträge 1902-1939 - Trikont Verlag - Länge: 0'35
Eigentlich hatte das flache Land in Bayern, zumindest im katholischen Bayern, schon eine Partei: Das Zentrum, die „Schwarzen“, sozusagen den entfernten Vorgänger der heutigen CSU. Der politische Katholizismus dominiert, der Klerus, Adlige und hohe Beamte haben das Sagen. Doch im Jahr 1893 bewegt sich etwas.
Musik 3
"Patchouli Oil And Karate" - Album: Waltz With Bashir - Ausführender und Komponist: Max Richter - Länge: 0'38
Zitator Eisenberger
“Bauern hatten aufgerufen und Bauern sind aufgebrochen um in Traunstein, in dem damals das Zentrum auf hohem Rosse saß, den Willen zur Einheit kundzutun.”
Erzähler:
Erinnert sich Georg Eisenberger an eine seiner ersten Versammlungen 1893.
Erzählerin:
Die revolutionäre Botschaft: Man brauche die alten Eliten nicht mehr! Die Bauern könnten sich selbst am besten vertreten. Ein zuvor ungekanntes Selbstbewusstsein keimt auf. Aber warum ausgerecht 1893? Im Kern geht es um eine Richtungsentscheidung deutscher Politik:
OT Kirchinger 2
Weil sich Deutschland immer mehr industrialisiert, weil die staatlichen Interessen mit den landwirtschaftlichen immer weniger oder dann auch nicht mehr identifiziert werden können. Weil es konkurrierende, industrielle Interessen gibt, Interessen der Verbraucher, der Produzenten. Da ist einfach die Frage: Will man hohe Erzeugerpreise, dass es den Landwirten gut geht? Oder will man niedrige, dass es den Arbeitern und der Industrie gut geht?
Erzählerin:
Reichskanzler Leo von Caprivi weicht den Zollschutz für landwirtschaftliche Güter auf. Jetzt sollen billige Lebensmittel aus dem Weltmarkt nach Deutschland kommen. Das Zentrum hatte dem sogar zugestimmt. Sein Plan: Möglichst konstruktiv am neuen Reich, das doch “Global Player” werden will, mitarbeiten. Nur so würde der Katholizismus im protestantisch dominierten Deutschen Kaiserreich respektiert werden.
Doch was für die Zentrumselite nach einem vernünftigen Ziel klingt, ist für viele Bauern schlicht Verrat.
Musik 4
"Subliminal" - Lasa & Zabala (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'30
Erzähler:
Eine These macht sich breit: Diese Politiker hätten keine Ahnung von der Landwirtschaft. Alles abgehobene Theoretiker!
Zitator:
“Wir wollen zur Vertretung der Bauernsache keine Adeligen, keine Geistlichen, keine Doktoren und keine Professoren, sondern nur Bauern!”
Erzähler:
So fasst es der niederbayerische Bauernbündler Franz Wieland zusammen. Die Wissenschaft hat für diesen auf die eigenen Interessen fixierten Politikstil einen Namen: „Kommunalismus“.
OT Kirchinger 3
Also wenn man den Bauernbund mit einem Wort beschreiben will, von der inneren Kommunikationsstruktur her, dann ist er „kommunalistisch“. Der Bauernbund funktioniert, wie eine Gemeinde funktioniert. Es sollen über ein politisches Problem nur die bestimmen, die von dem politischen Problem auch betroffen sind. Also Bauern Agrarpolitik. Pfarrer Kirchenpolitik. Aber nicht Pfarrer Agrarpolitik. Und das ist ja ein Punkt, den man bei den Bauern immer wieder hört.“
Erzählerin:
Reine Bauernpolitik, ohne Rücksicht auf Industrie, Kirche, Stadtbevölkerung oder Weltpolitik. Und im Übrigen auch ohne Rücksicht auf die Nöte der Dienstboten auf den Höfen. Was da ab 1893 angestoßen wird, ist die vielleicht kompromissloseste Klientelpartei der bayerischen Geschichte.
Wie erfolgreich sie wird? Der Bauernbund wird es weit bringen, irgendwann sogar Teil der Bayerischen Staatsregierung sein. Und schließlich wird er ein klägliches Ende nehmen.
Musik 5
"Cauchemar de Marx" - Länge: 0'35
Erzähler:
Dass es sich hier um eine unkonventionelle Bewegung handelt, das sagt den Zeitgenossen schon Georg Eisenbergers bloßer Anblick im Landtag:
Zitator Eisenberger
„Zu meiner Wahl schrieb die Gegnerpresse: „Eisenberger in seiner Gebirgstracht hat sich von Haus zu Haus die Stimmen zusammengebettelt.“ Aber trotzdem kaufte ich mir für den Landtag keinen Zylinder und keine Manschetten, sondern ging in meiner Bergkluft zu den Sitzungen.“
Erzähler:
Wo er durch seine deftigen Reden gleich das nächste Spektakel bietet. Zum alleinigen Anführer des Bauernbunds wird er aber nie, schon allein, weil Bauer nicht gleich Bauer ist. Eisenbergers Hof in den Bergen ist klein, kann nur durch die Zuarbeit im Forst überhaupt überleben.
Zitator Eisenberger:
„Die Bauern in Ruhpolding wie in anderen Gebirgsorten können ihre Existenz nur durch ernste Arbeitssamkeit und großen Fleiß erhalten“
Erzähler:
Als Knabe hätte der wissbegierige Eisenberger, den seine Gegner später als kirchenfeindlichen Antichristen beschimpfen, gern Pfarrer werden wollen – aber das Geld war zu knapp. Franz Wieland wiederum, prominenter Kopf der Gründungszeit, ist niederbayerischer Getreidebauer, sozusagen ein Großunternehmer, und denkt in ganz anderen Dimensionen.
Erzählerin:
Solche Unterschiede werden immer wieder zu Abspaltungen, Streit und Alleingängen führen. Der Bauernbund, das ist oft mehr Anarchie als eine straff geführte Partei. Einigender Kit bleibt die Abneigung gegen die politischen Eliten, die bisher die Landwirtschaftspolitik prägen. Und dabei gibt man sich äußerst respektlos:
OT Kirchinger 4
„Der Landwirtschaftliche Verein in München hält eine Generalversammlung. Da ist immerhin der Innenminister Vorsitzender, Prinz Ludwig, der spätere König Ludwig III., ist Schirmherr. Und da nimmt einfach dieser Wieland einen Zug voll Bauern, die fahren nach München und sprengen die Versammlung. Vom Innenminister und vom Prinz Ludwig. Die reden grad über Kalkdüngung, dann kommen die Bündler und sagen: Wir reden jetzt mal über den Getreidepreis. Und wenn wir fertig sind, dann könnt ihr wieder über Kalkdüngung reden!“
Erzähler:
Und doch werden sie diesen Anspruch der Politik von Bauern für Bauern ganz ohne Eliten nie erfüllen. Mit Georg Ratzinger, Theologe und Großonkel des späteren Papstes Benedikt, führt zunächst ein Akademiker die Fraktion im Landtag. Auch einige Lehrer und Journalisten werden ihren Platz finden. Bisweilen sind es unbequeme, auffällig antisemitische Geister, die in anderen Parteien keinen Erfolg hatten.
Erzählerin:
Noch einem Anspruch werden die Bündler nie gerecht: Dem Plan, dass sie die alleinige Vertretung der Bauernschaft werden könnten.
Musik 6
"Cauchemar de Marx" - Länge: 0'20
Zitator Eisenberger
„Wenn die Bauern und der Mittelstand einig werden, wird es eine Macht, dann ist es mit der Schwarzen Macht vorbei!“
Erzählerin:
So Georg Eisenbergers Kampfansage. Doch der politische Platzhirsch, das Zentrum, hatte dieser Konkurrenzgründung nicht tatenlos zugesehen. „Die Schwarzen“ rufen einen „Christlichen Bauernverein“ ins Leben. An dessen Spitze haben einfache Bauern zwar nach wie vor nichts zu melden, dafür aber gibt es dort den überaus talentierten Ökonomen Dr. Georg Heim, genannt „Der Bauerndoktor“.
OT Kirchinger 5
Georg Heim dann mit seinen Bauernvereinen, die eine völlig andere Art der Interessenvertretung sind wie der Bauernbund – eben keine Partei. Und die die Bauern wieder zurückholen wollen zum politischen Katholizismus, über die Vermittlung konkreter Vorteile für die Bauern in Form von betriebswirtschaftlicher Beratung, juristischer Beratung und von Lagerhäusern, also gemeinsamer Vermarktung. Und das ist ziemlich erfolgreich.“
Erzähler:
Der Bauernbund wird deshalb bei Wahlen nie an das Zentrum herankommen. Nur Protest funktioniert eben auch nicht, so die Einsicht vieler Wähler.
OT Kirchinger 6
Naja, die Bauernbündler haben das nicht eingesehen, dass das nicht funktioniert. (lacht) Der Heim hat das eingesehen, dass das nicht funktioniert…“
Erzählerin:
Der von den Pfarrern unterstützte Christliche Bauernverein und der Bayerische Bauernbund stehen sich über Jahrzehnte in herzlicher Abneigung gegenüber.
Musik 7
"Patchouli Oil And Karate" - Album: Waltz With Bashir - Ausführender und Komponist: Max Richter - Länge: 0'32
Erzählerin:
Beide buhlen um die Gunst auf dem Land. Die Bündler setzen auf das immer etwas lautere Auftreten. Gegen die Beamten, gegen die Großmachtpolitik Berlins, aber auch gegen die Pfarrer. Ihre Versammlungen sind Spektakel. Der politische Aschermittwoch in Niederbayern ist nicht umsonst keine Erfindung der CSU, sondern des Bayerischen Bauernbundes.
Erzähler:
Doch was tun diese Aufmüpfigen, wenn es zu einer Revolution kommt, wie 1918? Wo stehen sie, wenn es um die Frage von Monarchie, Demokratie oder auch Sozialistischer Räterepublik geht? Die kurze Antwort: Es ist ihnen völlig egal!
Erzählerin:
Am 29. Oktober 1918 sendet die Generalversammlung des Bauernbunds zwar noch ein Ergebenheitstelegramm an König Ludwig III. - Tage später aber wird sich der Bauernbund dem Revolutionär Kurt Eisner anschließen.…
OT Kirchinger 7 (1130)
„Also eine monarchistische Einstellung haben die nicht, das war zu fern, die hatten ja alle mit dem Überleben zu tun.“
Erzählerin:
Dass der Bauernbund in der Regierung Eisner dafür sorgt, dass die Bauerninteressen nicht untergehen, schien wichtiger als jede Frage der Staatsform.
Erzähler:
Insbesondere der niederbayerische Flügel unter dem Gutbesitzer Karl Gandorfer spielt hier eine Rolle. Ohne ihn hätte es die Revolution womöglich gar nicht gegeben. Kurt Eisner hatte Gandorfer nämlich am 6. November, kurz vor der Revolution, auf dessen Hof in Pfaffenberg besucht und eine elementar wichtige Zusicherung erhalten: München würde im Falle der Revolution weiter mit ausreichend Lebensmitteln versorgt.
Musik 8:
"Subliminal" - Lasa & Zabala (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'16
Zitator:
„Mehr als vier Jahre hat man das Volk getäuscht, das Blut von Hunderttausenden sinnlos vergossen. Bauern, Bauernbündler! Eure Stunde ist gekommen! Erkennet die Zeichen der Zeit!“
Erzählerin:
So Gandorfer. Der Bauernbund also plötzlich auf Seiten des Sozialismus und der Räterepublik?
Erzähler:
Nun ja, nicht ganz. Wie so oft hat die Partei keine einheitliche Linie. Am selben Tag, an dem Eisner in Pfaffenberg war, lehnt Georg Eisenberger eine Revolution noch entschieden ab. Seine erste Begegnung mit dem Ministerpräsidenten Eisner beschreibt Eisenberger voller Abneigung:
Musik 9
"Subliminal" - Lasa & Zabala (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'20
Zitator Eisenberger
„Als wir in den Sitzungssaal kamen, sahen wir zunächst den Juden Kurt Eisner mit seinem staubigen Vollbart auf dem Präsidentenstuhl sitzen. Das große Portrait von König Max II. dahinter war in einem roten Tuch verhüllt. Das war auch besser, sonst hätte er sich als Gemalener gespieen.“
Erzählerin:
Doch auch Karl Gandorfers Neigung zum Sozialismus entpuppt sich bei näherer Betrachtung als fragwürdig. Zwar fordert er die …
Zitator:
„Vermehrung der kleinbäuerlichen Betriebe durch Aufteilung großer Güter über 1000 Tagwerk.“
Erzählerin:
also die Zerschlagung des Großgrundbesitzes. Wie der Zufall es aber wollte, hatte Gandorfers eigenes Gut etwas UNTER 1000 Tagwerk. Er selbst wäre von dieser Maßnahme nicht betroffen gewesen und sogar in die Kaste der größten privaten Grundbesitzer Bayerns aufgestiegen. Eigennutz vor Ideologie!
Erzähler:
So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die Bündler nach der linken Revolution ohne weiteres in die stark rechts orientierte „Ordnungszelle Bayern“ einfügen. Jetzt sogar als Regierungspartei, als Koalitionspartner des mittlerweile in „Bayerische Volkspartei“ umbenannten Zentrums.
Erzählerin:
Johannes Wutzlhofer, ein Genossenschaftsdirektor aus Straubing, wird 1920 Bayerischer Landwirtschaftsminister. Und Anton Fehr, ein Professor des milchwirtschaftlichen Instituts in Weihenstephan, wird 1922 sogar zum Reichslandwirtschaftsminister ernannt.
Erzähler:
Erneut gibt es also Widersprüchlichkeiten. Offenkundig sind die beiden keine Bauern, anders als der Gründungsgedanke des Bundes es verlangen würde. Außerdem hindert die Regierungsbeteiligung den Bauernbund keinen Moment lang, draußen auf dem Land weiter als populistische Opposition aufzutreten. So meldet die Regierung von Niederbayern 1925:
Zitator
„Die radikalen Bauernbundsführer nutzen die Lage zur skrupellosen Verhetzung der Bauern und leider mit bestem Erfolg.“
Erzähler:
Und 1927:
Zitator
„Die Tätigkeit der radikalen Bauernbundesführer und ihrer Presse besteht in einer systematischen Hetze schlimmster Art. Immer wieder wird den Bauern eingehämmert, dass die Staatsregierung für die notleidenen Bauern kein Verständnis habe.“
OT Kirchinger 8
„Der radikale Flügel um Gandorfer macht in der Wirtschaftskrise immer wieder Streikaufrufe. Jetzt hungern wir die Städter aus! Auf der einen Seite ist der Reichslandwirtschaftsminister ein Bauernbündler, auf der anderen Seite will er gegen den Reichslandwirtschaftsminister streiken.“
Erzähler:
Immer etwas lauter und schärfer als der Christliche Bauernverein! Der verstand es zwar auch, energisch bäuerliche Forderungen zu erheben, aber sein Vorsitzender Georg Heim war nun mal auch Begründer der Bayerischen Volkspartei. Und die BVP will nun einmal nicht nur Bauern, sondern auch städtische Wähler gewinnen, will Kontakte zu Industrie und Arbeiterschaft pflegen, will Deutschlandpolitik betreiben.
Erzählerin:
Für den Bauernbund aber gilt konsequent: Die bäuerlichen Interessen kommen zuerst! Während der Inflation zu Beginn der 1920er Jahre werden Lebensmittel immer knapper, auch weil die Bauern im Austausch für die wertlose Reichsmark immer weniger abgeben wollen. Den Städten drohen Hunger und Elend. Trotzdem nimmt der bauernbündlerische Landwirtschaftsminister konsequent die Bauern in Schutz, weigert sich im Kabinett bisweilen sogar, das Problem überhaupt anzuerkennen.
Erzähler:
Als die Regierung 1930 eine neue Schlachtsteuer anstrebt, lässt der Bauernbund aus Protest sogar seine Regierungsverantwortung fallen und geht in die Opposition.
Erzählerin:
Obwohl das Bayern in eine schwierige Lage bringt. Ministerpräsident Heinrich Held von der BVP regiert fortan nur mehr mit einem Minderheitskabinett. Er versucht den Freistaat vor einer Machtübernahme durch Hitlers Nationalsozialisten zu schützen. Doch 1933 ist dieser Versuch gescheitert. Das demokratische Bayern endet.
Erzähler:
Und wie verhalten sich die Bauernbündler?
OT Kirchinger 9
„So wurst ihnen der König war 1918, so wurst war ihnen die Demokratie 1933. (..) Ohne die weltanschauliche Bindung war der Bund mit die erste Organisation, die untergegangen ist unter dem Druck der Nazis. Viele, viele Bauernbündler und bauernbündlerische Abgeordnete machen dann im dritten Reich auch Karriere.“
Musik 10
"Maschine" - Komponist und Ausführender: Martin Todsharow - Album: Der Hauptmann (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'43
Erzählerin:
Die Presse des Bauernbundes hatte zwar bis 1933 offiziell gegen die
Zitator
„Nazi-Mordgesellen“
Erzählerin:
und den
Zitator
„braunen Sumpf“
Erzählerin:
angeschrieben, doch spätestens nach der Machtergreifung wird den Mitgliedern nahegelegt, die Bauernsache künftig in der NSDAP zu vertreten. Massenhaft treten Bauernbündler über. Das vormals bündlerische „Landauer Volksblatt“ schreibt im April 1933:
Zitator
„Die Leitidee Wielands, des alten Bauernführers, hat mit dem Steg Adolf Hitlers – des Schmiedes des neuen Reiches – ihre Verwirklichung gefunden. Und wenn Wieland heute noch lebte, würde er wohl segnend die Hände halten über das nun gelungene Werk.“
Erzähler:
Der bewusste Verzicht auf höhere Ideologie und höhere Grundsätze hat die Bauernbündler einst dazu bewogen in die Politik zu gehen, selbstbewusst gegenüber dem monarchischen Obrigkeitsstaat zu sein. Aber er hat nicht dabei geholfen, diese Demokratie auch zu verteidigen.
Erzählerin:
Auch der inzwischen über 70jährige Georg Eisenberger wird sich, nach Jahrzehnten im Landtag und Reichstag und nachdem er die Nazis lange politisch bekämpft hatte, als zurückgezogener Austragsbauer noch der NSDAP anschließen. Öffentlich aktiv wird er aber nicht mehr.
Erzähler:
Und nach dem Krieg? Eine direkte Nachfolgepartei des Bauernbundes gibt es nicht. Wer von den alten Mitgliedern noch aktiv wird, wird der CSU beitreten, nicht aber der kleineren Bayernpartei. Denn die stellt mit der „Unabhängigkeit Bayerns“ ja ein hohes politisches Ziel über bäuerliche Alltagssorgen – und so etwas ist einem Bauernbündler nun mal befremdlich.
Erzählerin:
Erst viel später, als der Bauernbund längst vergessen scheint, tritt eine politische Kraft auf die Bühne, die für Dr. Johann Kirchinger zumindest in Ansätzen dem Bauernbund ähnelt: Die Freien Wähler.
OT Kirchinger 10
Von dem Kommunalistischen her auf jeden Fall. Von der kommunalistischen Einstellung her, dass die wahre Politik in den Gemeinden stattfindet und Landespolitik eigentlich auch so funktionieren soll, wie in der Gemeinde. Dass die Sachpolitik im Vordergrund stehen soll und nicht die Ideologie, was ja auch eine Ideologie ist, sind das strukturelle Forderungen, kommunikative Forderungen, die dem Bayerischen Bauernbund und den Freien Wählern gemeinsam sind.
Erzählerin:
Zufall oder nicht: Bei der Landtagswahl 2023 decken sich die Hochburgen der Freien Wähler – meist sehr ländlich geprägte Wahlkreise - auffällig mit denen des Bauernbundes viele Jahrzehnte zuvor. Und seine Rede zum politischen Aschermittwoch 2024 eröffnet Hubert Aiwanger mit einem Verweis auf den Bauernbund.
OT Aiwanger 1
„Der erste politische Aschermittwoch hat 1919 stattgefunden in Vilshofen, organisiert vom Bauernbund damals, um nach dem ersten Weltkrieg sich wieder zu orientieren, wieder zu diskutieren, wohin sich das Land entwickeln soll.“
Kirchenglocken und Trauermarsch/geräusch
Erzähler:
Georg Eisenberger wird das alles natürlich nicht mehr erleben. Die schillernde Figur des Bauernbundes wird Anfang Mai 1945, am Ende des Zweiten Weltkriegs, in Ruhpolding zu Grabe getragen. Das Donnern, das währenddessen zu hören ist, kommt nicht etwa von einer einfachen Salutkanone, sondern von der gleichzeitig auf Ruhpolding vorrückenden US-Army. „Er braucht halt immer ein besonderes Spektakel!“, so haben die Ruhpoldinger später gesagt.

May 22, 2025 • 23min
Singen gegen Apartheid - Miriam Makeba
Miriam Makeba, bekannt durch ihren Welthit "Pata Pata", nutzt ihren Ruhm, um gegen das Apartheidregime zu kämpfen. Ihre Musik wird zum Instrument des Widerstands, doch dieser Einsatz hat seinen Preis. Sie gilt als 'Mama Afrika' und setzt sich unermüdlich für die Rechte der schwarzen Südafrikaner ein. Ihr Vermächtnis inspiriert nicht nur Musikkultur, sondern auch den Kampf für soziale Gerechtigkeit.

May 22, 2025 • 22min
Biotopvernetzung - Wenn Lebensräume verbunden werden
Zu Gast sind Felix Helbing, Biologe an der Universität Osnabrück, der Insekten und Biotopvernetzung erforscht, sowie Thomas Fartmann, Professor für Biodiversität und Landschaftsökologie. Sie diskutieren die Herausforderungen der Verbuschung und deren Auswirkungen auf die Biodiversität. Helbing spricht über innovative Insektenforschung mit einem Laubsauger und die Überlebensraten von Zikaden. Zudem wird die entscheidende Rolle der Biotop-Vernetzung für den Naturschutz beleuchtet und der Einfluss von Klimawandel und intensiver Landwirtschaft auf Lebensräume thematisiert.

23 snips
May 22, 2025 • 23min
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne - Die Magie des Neubeginns
Neuanfänge sind voller Hoffnung und Mut. Die transformative Kraft des Lebens wird durch Analogien zur Natur verdeutlicht. Eine ehemalige Politologin erzählt von ihren Herausforderungen und den Ängsten, die mit Veränderungen einhergehen. Der Wandel von Wohlstand zu finanziellen Schwierigkeiten zeigt, wie innere Stärke entsteht. Buddhistische Philosophien beleuchten, wie Anhaftungen Neuanfänge behindern können. Persönliche Geschichten verdeutlichen die Magie, die mit neuen Herausforderungen und der Hoffnung auf einen Neuanfang einhergeht.

May 22, 2025 • 21min
Von Wutausbrüchen, Freudensprüngen und Bedürfnissaufschub
Herbert Scheithauer, Psychologe und Professor an der Freien Universität Berlin, erklärt, wie Wutanfälle bei Kindern entstehen und was Eltern tun können, um ihren Kleinen bei der Emotionsregulation zu helfen. Er beleuchtet die Entwicklungsphasen der Autonomie und die kulturellen Unterschiede im Emotionsausdruck. Gespräche über das Verständnis von Emotionen und deren gesellschaftliche Einflüsse zeigen, wie wichtig es ist, Kindern den richtigen Umgang mit Wut und Freude beizubringen. Scheithauer gibt zudem wertvolle Tipps für eine gesunde emotionale Entwicklung.

May 22, 2025 • 23min
Surfen - Ein Sport und seine Geschichte
Surfen hat tief verwurzelte kulturelle Aspekte, vor allem in Hawaii, wo es mehr als nur Sport ist. Die Entwicklung vom traditionellen Brauch zur globalen Freizeitaktivität wird spannend dargestellt. Windsurfen erlebt seit den 1960er Jahren einen Aufschwung, ebenso persönliche Geschichten von Surfern in Gran Canaria. Die digitale Transformation verändert die Surfkultur, während die gesundheitlichen Vorteile, insbesondere für Körper und Geist, hervorgehoben werden. Schließlich wird die meditative Qualität des Surfens im 'Flow'-Zustand beleuchtet.


